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⟨1⟩ §. I.
 
Was wir Naturphilosophie nennen ist eine im System des Wissens nothwendige Wissenschaft.
 
Die Intelligenz ist auf doppelte Art, entweder blind und bewusstlos, oder frey und mit Bewusstseyn productiv; bewusstlos productiv in der Weltanschauung, mit Bewusstseyn in dem Erschaffen einer ideellen Welt.
    Die Philosophie hebt diesen Gegensatz auf, dadurch, dass sie die bewusstlose Thätigkeit als ursprünglich identisch und gleichsam aus derselben Wurzel mit der bewussten entsprossen annimmt: diese Identität wird von ihr unmittelbar nachgewiesen in einer, entschieden zugleich bewussten und bewusstlosen, Thätigkeit, welche in den Productionen des Genies sich äussert; mittelbar, ausser dem Bewusstseyn in den Naturproducten, insofern in ⟨2⟩ ihnen allen die vollkommenste Verschmelzung des Ideellen mit dem Reellen wahrgenommen wird.
    Da die Philosophie die bewusstlose, oder, wie sie auch genannt werden kann, reelle Thätigkeit als identisch setzt mit der bewussten oder ideellen, so wird ihre Tendenz ursprünglich darauf gehen, das Reelle überall auf das Ideelle zurückzuführen, wodurch das entsteht, was man Transcendentalphilosophie nennt. Die Regelmässigkeit in allen Bewegungen der Natur, die erhabene Geometrie z. B., welche in den Bewegungen der Himmelskörper ausgeübt wird, wird nicht daraus erklärt, dass die Natur die vollkommenste Geometrie, sondern umgekehrt daraus, dass die vollkommenste Geometrie das Producirende der Natur ist, durch welche Erklärungsart das Reelle selbst in die ideelle Welt versetzt wird, und jene Bewegungen in Anschauungen, die nur in uns selbst vorgehen, und denen nichts ausser uns entspricht, verwandelt werden. Oder dass die Natur da, wo sie ganz sich selbst überlassen ist, in jedem Uebergange aus flüssigem in festen Zustand freywillig gleichsam regelmässige Gestalten hervorbringt, welche Regelmässigkeit in den Crystallisationen höherer Art, den organischen, sogar noch Zweckmässigkeit zu werden scheint, oder dass wir im Thierreich, diesem Product blinder Natur-Kräfte, Handlungen, die mit Bewusstseyn geschehenen an Regelmässigkeit gleichkommen, oder selbst äussere in ihrer Art vollendete Kunstwerke entstehen se⟨3⟩hen – diess alles wird daraus erklärt, dass es eine bewusstlose, aber der bewussten ursprünglich verwandte Productivität ist, deren blossen Reflex wir in der Natur sehen, und die auf dem Standpunkt der natürlichen Ansicht als ein und derselbe blinde Trieb erscheinen muss, der von der Crystallisation an bis herauf zum Gipfel organischer Bildung (wo er auf der einen Seite durch den Kunsttrieb wieder zur blossen Crystallisation zurückkehrt) nur auf verschiednen Stufen wirksam ist.
    Nach dieser Ansicht, da die Natur nur der sichtbare Organismus unsres Verstandes ist, kann die Natur nichts anderes als das Regel- und Zweckmässige produciren, und die Natur ist gezwungen es zu produciren. Aber kann die Natur nichts als das Regelmässige produciren, und producirt sie es mit Nothwendigkeit, so folgt, dass sich auch in der als selbständig und reell gedachten Natur und dem Verhältniss ihrer Kräfte wiederum der Ursprung solcher regel- und zweckmässigen Producte als nothwendig muss nachweisen lassen, dass also das Ideelle auch hinwiederum aus dem Reellen entspringen und aus ihm erklärt werden muss.
    Wenn es nun Aufgabe der Transcendentalphilosophie ist, das Reelle dem Ideellen unterzuordnen, so ist es dagegen Aufgabe der Naturphilosophie, das Ideelle aus dem Reellen zu erklären: beyde Wissenschaften sind also Eine, nur durch die entgegengesetzten Richtungen ihrer Aufgaben sich unterschei⟨4⟩dende Wissenschaft; da ferner beyde Richtungen nicht nur gleich möglich, sondern gleich nothwendig sind, so kommt auch beyden im System des Wissens gleiche Nothwendigkeit zu.
 
 
§. II.
 
Wissenschaftlicher Charakter der Naturphilosophie.
 
Die Naturphilosophie als das Entgegengesetzte der Transcendentalphilosophie ist von der letzteren hauptsächlich dadurch geschieden, dass sie die Natur (nicht zwar in so fern sie Product, aber in so fern sie productiv zugleich und Product ist) als das Selbstständige setzt, daher sie am kürzesten als der Spinozismus der Physik bezeichnet werden kann. Es folgt von selbst daraus, dass in dieser Wissenschaft keine idealistischen Erklärungsarten stattfinden, dergleichen die Transcendentalphilosophie wohl geben kann, da ihr die Natur nichts anderes als Organ des Selbstbewusstseyns und alles in der Natur nur darum nothwendig ist, weil nur durch eine solche Natur das Selbstbewusstseyn vermittelt werden kann, welche Erklärungsart aber für die Physik und unsere mit ihr auf gleichem Standpunkt stehende Wissenschaft so sinnlos ist, als die ehemaligen teleologischen Erklärungsarten und die Einführung einer allgemeinen Finalität der Ursachen in die dadurch entstaltete Naturwissenschaft. Denn ⟨5⟩ jede idealistische Erklärungsart aus ihrem eigenthümlichen Gebiet in das der Naturerklärung herübergezogen, artet in den abenteuerlichsten Unsinn aus, wovon die Beyspiele bekannt sind. Die erste Maxime aller wahren Naturwissenschaft, alles auch aus Natur-Kräften zu erklären, wird daher von unsrer Wissenschaft in ihrer grössten Ausdehnung angenommen, und selbst bis auf dasjenige Gebiet ausgedehnt, vor welchen alle Naturerklärung bis jetzt stillzustehen gewohnt ist, z. B. selbst auf diejenigen organischen Erscheinungen, welche ein Analogon der Vernunft vorauszusetzen scheinen. Denn gesetzt, dass in den Handlungen der Thiere wirklich etwas ist, was ein solches Analogon voraussetzt, so würde, den Realismus als Princip angenommen, nichts weiter daraus folgen, als dass auch das, was wir Vernunft nennen, ein blosses Spiel höherer uns nothwendig unbekannter Naturkräfte ist. Denn da alles Denken zuletzt auf ein Produciren und Reproduciren zurückkommt, so ist nichts Unmögliches in dem Gedanken, dass dieselbe Thätigkeit, durch welche die Natur in jedem Moment sich neu reproducirt, im Denken nur durch das Mittelglied des Organismus reproductiv sey (ungefähr eben so, wie durch die Einwirkung und das Spiel des Lichts die von ihm unabhängig existirende Natur wirklich immateriell und gleichsam zum zweytenmal geschaffen wird), wobey es natürlich ist, dass, was die Gränze unseres Anschauungsvermögens macht, auch nicht mehr in die Sphäre unsrer Anschauung selbst fallen kann.
 
 
⟨6⟩ §. III.
 
Die Naturphilosophie ist spekulative Physik.
 
Unsere Wissenschaft ist dem Bisherigen zufolge ganz und durchein realistisch, sie ist also nichts anderes als Physik, sie ist nur speculative Physik; der Tendenz nach ganz dasselbe, was die Systeme der alten Physiker und was in neuern Zeiten das System des Wiederherstellers der Epikurischen Philosophie, le Sage's mechanische Physik ist, durch welche nach langem wissenschaftlichem Schlaf der speculative Geist in der Physik zuerst wieder geweckt worden ist. Es kann hier nicht umständlich bewiesen werden (denn der Beweis dafür fällt selbst in die Sphäre unserer Wissenschaft), dass auf dem mechanischen oder atomistischen Wege, der von le Sage und seinen glücklichsten Vorgängern eingeschlagen worden ist, die Idee einer speculativen Physik nicht zu realisiren ist. Denn da das erste Problem dieser Wissenschaft, die absolute Ursache der Bewegung (ohne welche die Natur nichts in sich Ganzes und Beschlossenes ist) zu erforschen, mechanisch schlechterdings nicht aufzulösen ist, weil mechanisch ins Unendliche fort Bewegung nur aus Bewegung entspringt, so bleibt für die wirkliche Errichtung einer speculativen Physik nur Ein Weg offen, der dynamische mit der Voraussetzung, dass Bewegung nicht nur aus Bewegung, sondern selbst aus der Ruhe entspringe, dass also auch in der Ruhe der Natur Bewegung sey, und dass alle ⟨7⟩ mechanische Bewegung die bloss secundäre und abgeleitete der einzig primitiven und ursprünglichen seye, die schon aus den ersten Factoren der Construction einer Natur überhaupt (den Grundkräften) hervorquillt.
    Indem wir dadurch deutlich machen, wodurch unser Unternehmen sich von allen ähnlichen bisher gewagten unterscheide, haben wir zugleich den Unterschied der speculativen Physik von der sogenannten empirischen angedeutet; welcher Unterschied sich hauptsächlich darauf reducirt, dass jene einzig und allein mit den ursprünglichen Bewegungsursachen in der Natur, also allein mit den dynamischen Erscheinungen, diese dagegen, weil sie nie auf einen letzten Bewegungs-Quell in der Natur kommt, nur mit den secundären Bewegungen, und selbst mit den ursprünglichen nur als mechanischen (also auch der mathematischen Construction fähigen) sich beschäftigt, da jene überhaupt auf das innere Triebwerk und das, was an der Natur nicht-objectiv ist, diese hingegen nur auf die Oberfläche der Natur, und das, was an ihr objectiv und gleichsam Aussenseite ist, sich richtet.
 
 
§. IV.
 
Von der Möglichkeit einer speculativen Physik.
 
Da unsere Untersuchung nicht sowohl auf die Naturerscheinungen selbst als auf ihre letzten ⟨8⟩ Gründe gerichtet, und unser Geschäft nicht sowohl diese aus jenen als jene aus diesen abzuleiten ist, so ist unsere Aufgabe keine andere als die: eine Naturwissenschaft im strengsten Sinne des Worts aufzustellen, und um zu erfahren, ob eine speculative Physik möglich sey, müssen wir wissen, was zur Möglichkeit einer Naturlehre als Wissenschaft gehöre.
    a) Der Begriff des Wissens wird hier in seiner strengsten Bedeutung genommen, und dann ist es leicht einzusehen, dass man in diesem Sinne des Worts eigentlich nur von solchen Objekten wissen kann, von welchen man die Principien ihrer Möglichkeit einsieht, denn ohne diese Einsicht ist meine ganze Kenntniss des Objects, z. B. einer Maschine, deren Construction mir unbekannt ist, ein blosses Sehen, d. h. ein blosses Ueberzeugtseyn von seiner Existenz, dagegen der Erfinder dieser Maschine das vollkommenste Wissen von ihr hat, weil er gleichsam die Seele dieses Werks ist, und weil sie in seinem Kopfe präexistirt hat, ehe er sie in der Wirklichkeit darstellte.
    In die innere Construction der Natur zu blicken wäre nun freylich unmöglich, wenn nicht ein Eingriff durch Freyheit in die Natur möglich wäre. Die Natur handelt zwar offen und frey, aber sie handelt nie isolirt, sondern unter dem Zuströmen einer Menge von Ursachen, die erst ausgeschlossen werden müssen, ⟨9⟩ um ein reines Resultat zu erhalten. Die Natur muss also gezwungen werden, unter bestimmten Bedingungen, die in ihr gewöhnlich entweder gar nicht oder nur durch andere modificirt existiren, zu handeln. – Ein solcher Eingriff in die Natur heisst Experiment. Jedes Experiment ist eine Frage an die Natur, auf welche zu antworten sie gezwungen wird. Aber jede Frage enthält ein verstecktes Urtheil a priori; jedes Experiment, das Experiment ist, ist Prophezeiung; das Experimentiren selbst ein Hervorbringen der Erscheinungen. – Der erste Schritt zur Wissenschaft geschieht also in der Physik wenigstens dadurch, dass man die Objecte dieser Wissenschaft selbst hervorzubringen anfängt.
    b) Wir wissen nur das Selbsthervorgebrachte, das Wissen im strengsten Sinne des Worts ist also ein reines Wissen a priori. Die Construction vermittelst des Experiments ist noch immer kein absolutes Selbsthervorbringen der Erscheinungen. Es ist nicht davon die Rede, dass vieles in der Naturwissenschaft comparativ a priori gewusst werden kann, wie z. B. in der Theorie der elektrischen, magnetischen, oder auch der Licht-Erscheinungen ein so einfaches in jeder Erscheinung wiederkehrendes Gesetz ist, dass der Erfolg jedes Versuchs vorhergesagt werden kann; hier folgt mein Wissen unmittelbar aus dem bekannten Gesetz, ohne Vermittelung besonderer Erfahrung. Aber woher kommt mir denn das Gesetz selbst? Es ist davon ⟨10⟩ die Rede, dass alle Erscheinungen in Einem absoluten und nothwendigen Gesetze zusammenhangen, aus welchem sie alle abgeleitet werden können, kurz, dass man in der Naturwissenschaft alles was man weiss, absolut a priori wisse. Dass nun das Experiment niemals auf ein solches Wissen führe, ist daraus einleuchtend, dass es nie über die Naturkräfte, deren es sich selbst als Mittel bedient, hinauskommen kann.
    Da die letzten Ursachen der Naturerscheinungen selbst nicht mehr erscheinen, so muss man entweder darauf Verzicht thun sie je einzusehen, oder man muss sie schlechthin in die Natur setzen, in die Natur hineinlegen. Nun hat aber, was wir in die Natur hineinlegen, keinen andern als den Werth einer Voraussetzung (Hypothese), und die darauf gegründete Wissenschaft muss ebenso hypothetisch seyn, wie das Princip selbst. Diess wäre nur in Einem Falle zu vermeiden, wenn nämlich jene Voraussetzung selbst unwillkürlich und ebenso nothwendig wäre als die Natur selbst. Angenommen z. B. was angenommen werden muss, dass der Inbegriff der Erscheinungen nicht eine blosse Welt, sondern nothwendig eine Natur, d. h. dass dieses Ganze nicht bloss Produkt, sondern zugleich produktiv sey, so folgt, dass es in diesem Ganzen niemals zur absoluten Identität kommen kann, weil diese ein absolutes Uebergehen der Natur, insofern sie produktiv ist, in die Natur als Produkt, d. h. ⟨11⟩ eine absolute Ruhe, herbeyführen würde; jenes Schweben der Natur zwischen Produktivität und Produkt wird also als eine allgemeine Duplicität der Principien wodurch die Natur in beständiger Thätigkeit erhalten und verhindert wird in ihrem Produkt sich zu erschöpfen, erscheinen müssen, allgemeine Dualität als Princip aller Naturerklärung aber so nothwendig seyn als der Begriff der Natur selbst.
    Diese absolute Voraussetzung muss ihre Nothwendigkeit in sich selbst tragen, aber sie muss noch überdiess auf empirische Probe gebracht werden, denn woferne nicht aus dieser Voraussetzung alle Naturerscheinungen sich ableiten lassen, wenn im ganzen Zusammenhange der Natur eine einzige Erscheinung ist, die nicht nach jenem Princip nothwendig ist, oder ihm gar widerspricht, so ist die Voraussetzung eben dadurch schon als falsch erklärt, und hört von diesem Augenblick an auf als Princip zu gelten.
    Durch diese Ableitung aller Naturerscheinungen eben aus einer absoluten Voraussetzung verwandelt sich unser Wissen in eine Construktion der Natur selbst, d. h. in eine Wissenschaft der Natur a priori. Ist also jene Ableitung selbst möglich, welches nur durch die That selbst bewiesen werden kann, so ist auch Naturlehre als Naturwissenschaft, es ist eine rein speculative Physik möglich, welches zu beweisen war.
    ⟨12⟩ Anmerkung. Es würde dieser Anmerkung nicht bedürfen, wenn nicht die noch immer herrschende Verwirrung an sich deutlicher Begriffe einige Erklärung hierüber nothwendig machte.
    Der Satz: die Naturwissenschaft müsse alle ihre Sätze a priori ableiten können, ist zum Theil so verstanden worden: die Naturwissenschaft müsse der Erfahrung ganz und gar entbehren und ohne alle Vermittelung der Erfahrung ihre Sätze aus sich selbst herausspinnen können, welcher Satz so ungereimt ist, dass selbst Einwürfe dagegen Mitleid verdienen. – Wir wissen nicht nur dies oder jenes, sondern wir wissen ursprünglich überhaupt nichts als durch Erfahrung, und mittelst der Erfahrung, und insofern besteht unser ganzes Wissen aus Erfahrungssätzen. Zu Sätzen a priori werden diese Sätze nur dadurch, dass man sich ihrer als nothwendiger bewusst wird, und so kann jeder Satz, sein Inhalt sey übrigens welcher er wolle, zu jener Dignität erhoben werden, da der Unterschied zwischen Sätzen a priori und a posteriori nicht etwa, wie mancher sich eingebildet haben mag, ein ursprünglich an den Sätzen selbst haftender Unterschied, sondern ein Unterschied ist, der bloss in Absicht auf unser Wissen und die Art unseres Wissens von diesen Sätzen gemacht wird, so dass jeder Satz, der für mich bloss hi⟨13⟩storisch ist, ein Erfahrungssatz, derselbe aber, sobald ich unmittelbar oder mittelbar die Einsicht in seine innere Nothwendigkeit erlange, ein Satz a priori wird. Nun muss es aber überhaupt möglich seyn, jedes ursprüngliche Naturphänomen als ein schlechthin nothwendiges zu erkennen; denn wenn in der Natur überhaupt kein Zufall, so kann auch kein ursprüngliches Phänomen der Natur zufällig seyn, vielmehr schon darum, weil die Natur ein System ist, muss es für alles, was in ihr geschiehet oder zu Stande kommt, einen nothwendigen Zusammenhang in irgend einem die ganze Natur zusammenhaltenden Princip geben. – Die Einsicht in diese innere Nothwendigkeit aller Naturerscheinungen wird freylich noch vollkommener, sobald man bedenkt, dass es kein wahres System gibt, das nicht zugleich ein organisches Ganzes wäre. Denn wenn in jedem organischen Ganzen sich alles wechselseitig trägt und unterstützt, so musste diese Organisation als Ganzes ihren Theilen präexistiren, nicht das Ganze konnte aus den Theilen, sondern die Theile mussten aus dem Ganzen entspringen. Nicht also wir kennen die Natur, sondern die Natur ist a priori, d. h. alles einzelne in ihr ist zum Voraus bestimmt durch das Ganze oder durch die Idee einer Natur überhaupt. Aber ist die Natur a priori, so muss es auch möglich seyn, sie als etwas, das a priori ist, zu erken⟨14⟩nen, und diess eigentlich ist der Sinn unsrer Behauptung.
    Eine solche Wissenschaft verträgt wie jede das Hypothetische nicht, noch das bloss wahrscheinliche, sondern sie geht auf das evidente und gewisse. Nun mögen wir zwar wohl gewiss seyn, dass jede Naturerscheinung, sey es auch durch noch so viele Zwischenglieder, zusammenhängt mit den letzten Bedingungen einer Natur; die Zwischenglieder selbst aber können uns unbekannt seyn und noch in den Tiefen der Natur verborgen liegen. Diese Zwischenglieder aufzufinden, ist das Werk der experimentirenden Nachforschung. Die speculative Physik hat nichts zu thun als den Mangel dieser Zwischenglieder aufzuzeigen *); da aber jede neue Entdeckung uns in eine neue Unwissenheit zurückwirft, und indem der eine Knoten sich löst, ein neuer sich schürzt, so ist begreiflich, dass die vollständige Entdeckung aller Zwischenglieder im Zusammenhang der Natur,
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*) So wird es z. B. durch den ganzen Verlauf unsrer Untersuchung sehr klar werden, dass, um die dynamische Organisation des Universums in allen ihren Theilen evident zu machen, uns noch jenes Central-Phänomen fehlt, von dem schon Baco spricht, das sicher in der Natur liegt, aber noch nicht durch Experimente aus ihr herausgehoben ist.
 
⟨15⟩ dass also auch unsere Wissenschaft selbst eine unendliche Aufgabe ist. – Nichts aber hat den ins Unendliche gehenden Progressus dieser Wissenschaft mehr aufgehalten, als die Willkühr in Erdichtungen, womit so lange der Mangel an gegründeter Einsicht verborgen werden sollte. Dieses Fragmentarische unsrer Kenntnisse leuchtet erst dann ein, wenn man das bloss Hypothetische vom reinen Ertrag der Wissenschaft absondert, und darauf ausgeht, jene Bruchstücke des grossen Ganzen der Natur wieder in einem System zu sammlen. Es ist daher begreiflich, dass speculative Physik (die Seele des wahren Experiments) von jeher die Mutter aller grossen Entdeckungen in der Natur gewesen ist.
 
 
§. V.
 
Von einem System der speculativen Physik überhaupt.
 
Bis jetzt ist die Idee einer speculativen Physik abgeleitet und entwickelt worden; ein anderes Geschäft ist, zu zeigen, wie diese Idee realisirt und wirklich ausgeführt werden müsse.
    Der Verfasser würde sich hierüber geradezu auf den Entwurf eines Systems der Naturphilosophie berufen, wenn er nicht Ursache hätte zu erwarten, dass vie⟨16⟩le selbst von denen, welche jenen Entwurf ihrer Aufmerksamkeit werth halten können, zum voraus mit gewissen Ideen daran kommen werden, welche er eben nicht vorausgesetzt hat, noch vorausgesetzt wissen will.
    Was die Einsicht in die Tendenz jenes Entwurfs erschweren kann, ist (abgerechnet die Mängel der Darstellung) hauptsächlich folgendes:
    1) Dass mancher, vielleicht durch das Wort Naturphilosophie geleitet, transcendentale Ableitungen von Naturphänomenen, dergleichen in verschiedenen Bruchstücken anderwärts existiren, zu finden hofft, und überhaupt die Naturphilosophie als einen Theil der Transcendentalphilosophie ansehen wird, da sie doch eine ganz eigne, von jeder andern ganz verschiedene und unabhängige Wissenschaft bildet.
    2) Dass die bis jetzt verbreiteten Begriffe von dynamischer Physik von denjenigen, welche der Verfasser aufstellt, sehr verschieden, und mit ihnen zum Theil im Widerspruch sind. Ich rede nicht von den Vorstellungsarten, welche sich mehrere, deren Geschäft eigentlich das blosse Experiment ist, hierüber gemacht haben; z. B. wo es dynamisch erklärt seyn soll, wenn man ein galvanisches Fluidum leugnet, statt dessen aber gewisse Schwingungen in den Metallen annimmt; denn diese, wenn sie merken, dass sie von der Sache nichts verstanden, werden von selbst zu ihren ehemaligen, für ⟨17⟩ sie gemachten Vorstellungen zurückkehren. Ich rede von Vorstellungsarten, welche durch Kant in philosophische Köpfe gebracht worden sind, und welche sich hauptsächlich darauf reduciren, dass wir in der Materie nichts als Raumerfüllung mit bestimmtem Grade, in aller Differenz der Materie also auch blosse Differenz der Raumerfüllung (d. h. der Dichtigkeit), in allen dynamischen (qualitativen) Veränderungen also auch blosse Veränderungen im Verhältniss der Repulsiv- und Attractiv-Kräfte erblicken. Allein nach dieser Vorstellungsart werden alle Phänomene der Natur nur auf ihrer tiefsten Stufe erblickt, und die dynamische Physik dieser Philosophen fängt eben da an, wo sie eigentlich aufhören sollte. So ist es freylich gewiss, dass das letzte Resultat jedes dynamischen Processes ein veränderter Grad der Raumerfüllung, d. h. eine veränderte Dichtigkeit ist; da nun der dynamische Process der Natur Einer, und die einzelnen dynamischen Processe nur verschiedene Zerfällungen des Einen Grundprocesses sind, so werden selbst die magnetischen und elektrischen Erscheinungen aus diesem Standort angesehen nicht Wirkungen von bestimmten Materien, sondern Veränderungen des Bestehens der Materie selbst, und da dieses von der Wechselwirkung der Grundkräfte abhängt, zuletzt Veränderungen im Verhältnisse der Grundkräfte selbst seyn. Wir leugnen nun freylich gar nicht, dass diese Erscheinungen auf der äussersten Stufe ihrer Erscheinung Veränderungen im Verhältniss der Grundsätze seyen; wir ⟨18⟩ leugnen nur, dass diese Veränderungen sonst nichts seyen; vielmehr sind wir überzeugt, dass dieses sogenannte dynamische Princip als Erklärungsgrund aller Naturerscheinungen allzu oberflächlich und dürftig ist, um die eigentliche Tiefe und die Mannichfaltigkeit natürlicher Erscheinungen zu erreichen, da vermöge desselben in der That keine qualitative Veränderung der Materie als solche (denn die Dichtigkeitsveränderung ist nur das äussere Phänomen einer höheren Veränderung) construirbar ist. Den Beweis für diese Behauptung zu führen, liegt uns nicht ob, ehe von der entgegengesetzten Seite durch die That selbst jenes Erklärungsprincip als die Natur erschöpfend gerechtfertigt, und die grosse Kluft zwischen jener Art von dynamischer Philosophie und den empirischen Kenntnissen der Physik, z. B. in Ansehung der so verschiedenen Wirkungsart der Grundstoffe, ausgefüllt ist, welches wir aber, geradezu zu sagen, für unmöglich halten.
    Es möge uns also verstattet seyn, an die Stelle der bisherigen dynamischen Vorstellungsart ohne weiteres die unsrige zu setzen, wobey es ohne Zweifel von selbst klar werden wird, wodurch diese von jener sich unterscheide, und durch welche von beyden die Naturlehre am gewissesten zur Naturwissenschaft erhoben werden könne.
 
 
⟨19⟩ §. VI.
 
Innere Organisation des Systems der speculativen Physik.
 
1.
 
Der Untersuchung über das Princip der speculativen Physik müssen Untersuchungen über den Unterschied des Speculativen und des Empirischen überhaupt vorangehen. Es kommt hierbey hauptsächlich auf die Ueberzeugung an, dass zwischen Empirie und Theorie ein solcher vollkommner Gegensatz ist, dass es kein Drittes geben kann, worin beyde zu vereinigen sind, dass also der Begriff einer Erfahrungswissenschaft ein Zwitterbegriff ist, bey dem sich nichts Zusammenhängendes, oder der sich vielmehr überhaupt nicht denken lässt. Was reine Empirie ist, ist nicht Wissenschaft, und umgekehrt, was Wissenschaft ist, ist nicht Empirie. Dieses soll nicht etwa zur Herabsetzung der Empirie, sondern dazu gesagt seyn, um sie in ihrem wahren und eigenthümlichen Lichte darzustellen. Reine Empirie, ihr Object sey welches es wolle, ist Geschichte (das absolut Entgegengesetzte der Theorie), und umgekehrt, nur Geschichte ist Empirie. *)
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*) Dass nur jene warmen Lobpreiser der Empirie, die sie auf Kosten der Wissenschaft erheben, dem Begriff
 
    ⟨20⟩ Die Physik als Empirie ist nichts als Sammlung von Thatsachen, von Erzählungen des beobachten, des unter natürlichen oder veranstalteten Umständen geschehenen. In dem, was man jetzt Physik nennt, läuft Empirie und Wissenschaft bunt durch einander, und eben desswegen ist sie weder jenes noch dieses.
    Unser Zweck ist eben, in Ansehung dieses Objects Wissenschaft und Empirie wie Seele und Leib zu scheiden, und indem wir in die Wissenschaft nichts aufnehmen, was nicht einer Construction a priori fähig ist, die Empirie von aller Theorie zu entkleiden und ihrer ursprünglichen Nacktheit wiederzugeben.
    Der Gegensatz zwischen Empirie und Wissenschaft beruht nun eben darauf, dass jene ihr Object im Seyn als etwas fertiges und zu Stande gebrachtes, die Wissenschaft dagegen das Object im Werden und als ein erst zu Stande zu Bringendes betrachtet. Da die Wissenschaft von nichts ausgehen kann, was Product, d. h. Ding, ist, so muss sie von dem un-
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der Empirie treu uns nicht ihre eignen Urtheile und das in die Natur hineingeschlossene, den Objecten aufgedrungene für Empirie verkaufen wollten; denn so viele auch davon reden zu können glauben, so gehört doch wohl etwas mehr dazu, als viele sich einbilden, das Geschehene aus der Natur rein herauszusehen, und treu so wie es gesehen worden, wiederzugeben.
 
⟨21⟩ bedingten ausgehen; die erste Untersuchung der speculativen Physik ist die über das Unbedingte der Naturwissenschaft.
 
 
2.
 
Da diese Untersuchung im Entwurf aus den höchsten Principien geführt wird, so kann das folgende nur als Erläuterung jener Untersuchungen angesehen werden.
    Da alles, von dem man sagen kann, dass es ist, bedingter Natur ist, so kann nur das Seyn selbst das Unbedingte seyn. Aber da das einzelne Seyn als ein bedingtes sich nur als bestimmte Einschränkung der productiven Thätigkeit (des einzigen und letzten Substrats aller Realität) denken lässt, so ist das Seyn selbst dieselbe productive Thätigkeit in ihrer Uneingeschränktheit gedacht. Für die Naturwissenschaft ist also die Natur ursprünglich nur Productivität, und von dieser als ihrem Princip muss die Wissenschaft ausgehen.
    Insofern wir das Ganze der Objecte nur als den Inbegriff des Seyns kennen, ist uns dieses Ganze als eine blosse Welt, d. h. ein blosses Product. Es wäre freylich unmöglich, in der Naturwissenschaft sich zu einem höheren Begriff als dem des Seyns zu erheben, wenn nicht alles Beharren (was im Begriff des Seyns gedacht wird) täuschend und eigentlich ein continuirliches und gleichförmiges Wiederentstehen wäre.
    ⟨22⟩ Insofern wir das Ganze der Objecte nicht bloss als Product, sondern nothwendig zugleich als productiv setzen, erhebt es sich für uns zur Natur, und diese Identität des Products und der Productivität, und nichts anderes, ist selbst im gemeinen Sprachgebrauch durch den Begriff der Natur bezeichnet.
    Die Natur als blosses Product (natura naturata) nennen wir Natur als Object (auf diese allein geht alle Empirie). Die Natur als Productivität (natura naturans) nennen wir Natur als Subject (auf diese allein geht alle Theorie).
    Da das Object nie unbedingt ist, so muss etwas schlechthin Nichtobjectives in die Natur gesetzt werden, dieses absolut Nichtobjective ist eben jene ursprüngliche Productivität der Natur. In der gemeinen Ansicht verschwindet sie über dem Product; in der philosophischen verschwindet umgekehrt das Product über der Productivität.
    Jene Identität der Productivität und des Products im ursprünglichen Begriff der Natur wird ausgedrückt durch die gewöhnlichen Ansichten der Natur als eines Ganzen, das von sich selbst die Ursache zugleich und die Wirkung und in seiner (durch alle Erscheinungen hindurchgehenden) Duplicität wieder identisch ist. Ferner stimmt mit diesem Begriff überein die Identität des Ideellen und Reellen, die im Begriff jedes Naturproducts ge⟨23⟩dacht wird, und in Ansehung welcher allein auch die Natur der Kunst entgegengesetzt werden kann. Denn wenn in der Kunst der Begriff der That, der Entwurf der Ausführung, vorangeht, so sind in der Natur vielmehr Begriff und That gleichzeitig und Eins, der Begriff geht unmittelbar in das Product über und lässt sich nicht von ihm trennen.
    Diese Identität wird aufgehoben durch die empirische Ansicht, welche in der Natur nur die Wirkung erblickt (obgleich wegen der beständigen Ausschweifung der Empirie in das Feld der Wissenschaft selbst in der bloss empirischen Physik Maximen gehört werden, die einen Begriff von der Natur als Subject voraussetzen, wie z. B.: die Natur wählt den kürzesten Weg; die Natur ist sparsam in Ursachen und verschwenderisch in Wirkungen); dieselbe wird aufgehoben durch die Speculation, welche in der Natur nur die Ursache erblickt.
 
 
3.
 
Nur von der Natur als Object kann man sagen, dass sie ist, nicht von der Natur als Subject, denn diese ist das Seyn oder die Productivität selbst.
    Diese absolute Productivität soll in eine empirische Natur übergehen. Im Begriff der absoluten Productivität wird der Begriff einer ideellen Unendlichkeit gedacht. Die ideelle Unendlichkeit soll zu einer empirischen werden.
    ⟨24⟩ Aber empirische Unendlichkeit ist ein unendliches Werden. – Jede unendliche Reihe ist nichts als Darstellung einer intellektuellen oder ideellen Unendlichkeit. Die ursprünglich unendliche Reihe (das Ideal aller unendlichen Reihen) ist die, worinn unsere intellectuelle Unendlichkeit sich evolvirt, die Zeit. Die Thätigkeit, welche diese Reihe unterhält, ist dieselbe, welche unser Bewusstseyn unterhält; das Bewusstseyn aber ist stetig. Die Zeit also, als Evolution jener Thätigkeit, kann nicht durch Zusammensetzung erzeugt werden. Da nun alle anderen unendlichen Reihen nur Nachahmungen der ursprünglich-unendlichen Reihe, der Zeit, sind, so kann keine unendliche Reihe anders als stetig seyn. Das Hemmende in der ursprünglichen Evolution (ohne welches diese mit unendlicher Geschwindigkeit geschehen müsste) ist nichts anderes als die ursprüngliche Reflexion; die Nothwendigkeit der Reflexion auf unser Handeln in jedem Moment (die beständige Duplicität in der Identität) ist der geheime Kunstgriff, wodurch unser Daseyn Dauer erhält. – Die absolute Continuität existirt also nur für die Anschauung, nicht aber für die Reflexion. Anschauung und Reflexion sind sich entgegengesetzt. Die unendliche Reihe ist stetig für die productive Anschauung, unterbrochen und zusammengesetzt für die Reflexion. Auf diesem Widerspruch zwischen Anschauung und Reflexion beruhen jene Sophismen, womit die Möglichkeit aller Bewegung bestritten wird, und welche ⟨25⟩ durch die productive Anschauung in jedem Moment gelöst werden. Für die Anschauung z. B. geschieht die Wirkung der Schwerkraft mit vollkommener Continuität, für die Reflexion ruck- und stossweise. Daher sind alle Gesetze der Mechanik wodurch das, was eigentlich nur Object der productiven Anschauung ist, Object der Reflexion wird, eigentlich nur Gesetze für die Reflexion. – Daher die erdichteten Begriffe der Mechanik; die Zeitatomen, in welchen die Schwerkraft wirkt; das Gesetz, dass das Moment der Sollicitation unendlich klein ist, weil sonst in endlicher Zeit eine unendliche Geschwindigkeit erzeugt würde u. s. f. Daher endlich, dass keine unendliche Reihe in der Mathematik wirklich als stetig, sondern nur als ruck- und stossweise fortrückend vorgestellt werden kann.
    Diese ganze Untersuchung über den Gegensatz zwischen der Reflexion und der Productivität der Anschauung dient nur, um den allgemeinen Satz daraus abzuleiten, dass in aller Productivität, und nur in ihr, absolute Continuität sey, welcher Satz wichtig ist für die Betrachtung der ganzen Natur, da z. B. das Gesetz, dass in der Natur kein Sprung, dass eine Continuität der Formen in ihr sey u. s. w. auf die ursprüngliche Productivität der Natur eingeschränkt wird, in welcher allerdings Continuität seyn muss, während auf dem Standpunkte der Reflexion in der Natur alles gesondert und ohne Continuität, gleichsam nebeneinander gestellt, erschei⟨26⟩nen muss; daher wir beyden Recht geben müssen, sowohl denen, welche die Continuität in der Natur, z. B. der organischen behaupten, als denen, welche sie läugnen, nach der Verschiedenheit des Standpuncts, auf welchem sich beyde befinden, womit dann zugleich der Gegensatz zwischen dynamischer und atomistischer Physik abgeleitet ist, indem, wie sich bald zeigen wird, beyde sich nur dadurch unterscheiden, dass jene auf dem Standpunct der Anschauung, diese auf dem der Reflexion steht.
 
 
4.
 
Diese allgemeinen Grundsätze vorausgesetzt, können wir sicherer zu unserm Zwecke gelangen und den innern Organismus unsers Systems auseinanderlegen.
    a) Im Begriff des Werdens wird der Begriff der Allmähligkeit gedacht. Aber eine absolute Productivität wird empirisch sich darstellen als ein Werden mit unendlicher Geschwindigkeit, wodurch für die Anschauung nichts reelles entsteht.
    (Da die Natur als unendliche Productivität eigentlich als in unendlicher Evolution begriffen gedacht werden muss, so ist das Bestehen, das Ruhen der Naturproducte (der organischen z. B.) nicht als ein absolutes Ruhen, sondern nur als eine Evolution mit unendlich kleiner Geschwindigkeit oder mit unendlicher Tardität vorzustellen. Aber bis jetzt ist nicht einmal die Evolution mit endlicher, geschweige ⟨27⟩ denn mit unendlichkleiner Geschwindigkeit construirt).
    b) Dass die Evolution der Natur mit endlicher Geschwindigkeit geschehe und so Object der Anschauung werde, ist nicht denkbar ohne ein ursprüngliches Gehemmtseyn der Productivität.
    c) Aber ist die Natur absolute Productivität, so kann der Grund dieses Gehemmtseyns nicht ausser ihr liegen. Die Natur ist ursprünglich nur Productivität, es kann also in dieser Productivität nichts bestimmtes seyn (denn alle Bestimmung ist Negation), also kann es auch durch sie nicht zu Producten kommen. – Soll es zu Producten kommen, so muss die Productivität aus einer unbestimmten eine bestimmte, d. h. sie muss als reine Productivität aufgehoben werden. Läge nun der Bestimmungsgrund der Productivität ausser der Natur, so wäre die Natur nicht ursprünglich absolute Productivität. – Es soll allerdings in die Natur Bestimmtheit, d. h. Negativität, kommen, aber diese Negativität muss von einem höhern Standpunkte angesehen wieder Positivität seyn.
    d) Aber fällt der Grund jenes Gehemmtseyns in die Natur selbst, so hört die Natur auf reine Identität zu seyn. (Die Natur, insofern sie nur Productivität ist, ist reine Identität, und es lässt sich in ihr schlechterdings nichts unterscheiden. ⟨28⟩ Soll in ihr etwas unterschieden werden, so muss in ihr die Identität aufgehoben werden, die Natur muss nicht Identität, sondern Duplicität seyn.
    Die Natur muss ursprünglich sich selbst Object werden, diese Verwandlung des reinen Subjects in ein Selbst-Object ist ohne ursprüngliche Entzweiung in der Natur selbst undenkbar.
    Diese Duplicität lässt sich also nicht weiter physikalisch ableiten, denn als Bedingung aller Natur überhaupt ist sie Princip aller physikalischen Erklärung, und alle physikalische Erklärung kann nur darauf gehen, alle Gegensätze, die in der Natur erscheinen, auf jenen ursprünglichen Gegensatz im Innern der Natur, der selbst nicht mehr erscheint, zurückzuführen. – Warum ist kein ursprüngliches Phänomen der Natur ohne jene Dualität, wenn nicht in der Natur ins Unendliche fort alles sich wechselseitig Subject und Object und die Natur ursprünglich schon Product und productiv zugleich ist? –
    e) Ist die Natur ursprünglich Duplicität, so müssen schon in der ursprünglichen Productivität der Natur entgegengesetzte Tendenzen liegen. (Der positiven Tendenz muss eine andere, die gleichsam antiproductiv, die Production hemmend ist, entgegengesetzt werden; nicht als die verneinende, sondern als die negative, die reell entgegengesetzte der ersten). Nur dann ist in der Natur des Begränztseyns unerachtet keine Passivität, wenn auch das ⟨29⟩ Begränzende wieder positiv und ihre ursprüngliche Duplicität ein Widerstreit reell entgegengesetzter Tendenzen ist.
    f) Damit es zum Product komme, müssen diese entgegengesetzten Tendenzen zusammentreffen. Aber da sie als gleich gesetzt werden (denn es ist kein Grund sie als ungleich zu setzen), so werden sie, wo sie zusammentreffen, sich wechselseitig aneinander vernichten, das Product ist also = 0, und es kommt abermals nicht zum Product.
    Dieser unvermeidliche, obgleich bisher eben nicht sehr bemerkte Widerspruch; (nämlich, dass das Product nur durch die Concurrenz entgegengesetzter Tendenzen entstehen kann, diese entgegengesetzten Tendenzen aber sich wechselseitig vernichten), ist nur auf folgende Art auflösbar:
    Es ist schlechterdings kein Bestehen eines Products denkbar, ohne ein beständiges Reproducirtwerden. Das Product muss gedacht werden als in jedem Moment vernichtet, und in jedem Moment neu reproducirt. Wir sehen nicht eigentlich das Bestehen des Products, sondern nur das beständige Reproducirtwerden.
    (Es ist ohne Zweifel sehr begreiflich, dass die Reihe 1–1+1 ...... unendlich gedacht weder = 1 noch = 0 ist. Aber tiefer liegt der Grund, warum diese Reihe unendlich gedacht =½, ist. Es ist Eine abso⟨30⟩lute Grösse (= 1), die in dieser Reihe, immer vernichtet, immer wiederkehrt, und durch dieses Wiederkehren nicht sich selbst, aber doch das Mittlere zwischen sich selbst und dem Nichts producirt. – Die Natur als Object ist das in einer solchen unendlichen Reihe zu Stande Kommende und = einem Bruch der ursprünglichen Einheit, wozu die nie aufgehobene Duplicität den Zähler abgibt).
    g) Ist das Bestehen des Products ein beständiges Reproducirtwerden, so ist auch alles Beharren nur in der Natur als Object, in der Natur als Subject ist nur unendliche Thätigkeit.
    Das Product ist ursprünglich nichts als ein blosser Punkt, blosse Gränze, erst indem die Natur gegen diesen Punkt ankämpft, wird er zur erfüllten Sphäre, zum Product gleichsam erhoben. (Man denke sich einen Strom, derselbe ist reine Identität, wo er einem Widerstand begegnet, bildet sich ein Wirbel, dieser Wirbel ist nichts Feststehendes, sondern in jedem Augenblick Verschwindendes, in jedem Augenblick wieder Entstehendes. - In der Natur ist ursprünglich nichts zu unterscheiden; noch sind gleichsam alle Producte aufgelöst und unsichtbar in der allgemeinen Productivität. Erst wenn die Hemmungspunkte gegeben sind, werden sie allmählich abgesetzt, und treten aus der allgemeinen Identität hervor. – An jedem solchen Punkt bricht sich der Strom (die Productivität wird vernich⟨31⟩tet), aber in jedem Moment kommt eine neue Welle, welche die Sphäre erfüllt).
    Die Naturphilosophie hat nicht das Productive der Natur zu erklären, denn wenn sie dieses nicht ursprünglich in die Natur setzt, so wird sie es nie in die Natur bringen. Zu erklären hat sie das Permanente. Aber dass etwas in der Natur permanent werde, ist selbst nur aus jenem Ankämpfen der Natur gegen alle Permanenz erklärbar. Die Producte würden als blosse Punkte erscheinen, wenn die Natur nicht durch ihr Andringen selbst ihnen Umfang und Tiefe gäbe, und die Producte selbst würden nur einen Moment dauern, wenn die Natur nicht in jedem Moment gegen sie andränge.
    h) Jenes Scheinproduct, das in jedem Moment reproducirt wird, kann nicht ein wirklich unendliches Product seyn, denn sonst würde die Productivität sich in ihm wirklich erschöpfen; gleichwohl kann es auch kein endliches Product seyn, denn es ist die Kraft der ganzen Natur, die sich darein ergiesst. Es müsste also endlich und unendlich zugleich seyn, es müsste nur scheinbar endlich, aber in unendlicher Entwicklung seyn.
 
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⟨32⟩ Der Punkt, wo dieses Product ursprünglich hinfällt, ist der allgemeine Hemmungspunkt der Natur, der Punct, von wo aus alle Evolution der Natur beginnt. Aber dieser Punkt liegt in der Natur, so wie sie evolvirt ist, nicht da oder dort, sondern überall, wo ein Product ist.
    Jenes Product ist ein endliches, aber da die unendliche Productivität der Natur in ihm sich concentrirt, muss es den Trieb zur unendlichen Entwicklung haben. – Und so gelangten wir allmählig und durch alle bisherigen Zwischenglieder zur Construction jenes unendlichen Werdens, der empirischen Darstellung einer ideellen Unendlichkeit.
    Wir erblicken in dem, was man Natur nennt (d. h. in dieser Sammlung einzelner Objecte) nicht das Urproduct selbst, sondern seine Evolution (daher der Hemmungspunct nicht Einer bleiben kann). – Wodurch diese Evolution wieder absolut gehemmt ist, was geschehen muss, wenn es zu einem fixirten Product kommen soll, ist noch nicht erklärt. –
    Aber durch jenes Product evolvirt sich eine ursprüngliche Unendlichkeit, diese Unendlichkeit kann nie abnehmen. Die Grösse, welche in einer unendlichen Reihe sich evolvirt, ist in jedem Punct der Linie noch unendlich, also wird die Natur in jedem Punct der Evolution noch unendlich seyn.
    Es ist nur Ein ursprünglicher Hemmungspunct der Productivität, aber es können unzählige Hem⟨33⟩mungspuncte der Evolution gedacht werden. Jeder solcher Punct ist uns durch ein Product bezeichnet, aber in jedem Punct der Evolution ist die Natur noch unendlich, also ist die Natur in jedem Product noch unendlich, und in jedem liegt der Keim eines Universums. *)
    (Wodurch der unendliche Trieb im Product gehemmt, ist noch unbeantwortet. Jene ursprüngliche Hemmung in der Productivität der Natur, erklärt nur, warum die Evolution mit endlicher Geschwindigkeit, nicht aber, warum sie mit unendlichkleiner geschieht).
    i) Das Product evolvirt sich ins Unendliche. In dieser Evolution kann also nichts vorkommen, was nicht noch Product (Synthesis) wäre, und was nicht in neue Factoren zerfallen könnte, deren jeder wieder seine Factoren hat.
    Selbst durch eine in's Unendliche fortgesetzte Analysis also könnte man in der Natur auf nichts kommen, was absolut einfach wäre.
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*) Ein Reisender nach Italien macht die Bemerkung, dass an dem grossen Obelisk zu Rom die ganze Weltgeschichte sich demonstriren lässt; – so an jedem Naturproduct. Jeder Mineralkörper ist ein Fragment der Geschichtsbücher der Erde. Aber was ist die Erde? – Ihre Geschichte ist verflochten in die Geschichte der ganzen Natur, und so geht vom Fossil durch die ganze anorgische und organische Natur herauf bis zur Geschichte des Universums – Eine Kette.
 
⟨34⟩ k) Denkt man sich aber die Evolution als vollendet (obgleich sie nie vollendet seyn kann), so könnte die Evolution nicht stillestehen bey etwas, das noch Product ist, sondern nur bey dem rein productiven.
    Es entsteht die Frage, ob ein Letztes der Art, das nicht mehr Substrat, sondern Ursache alles Substrats, nicht mehr Product, sondern absolut productiv ist, in der Erfahrung – nicht vorkomme, denn diess ist undenkbar, sondern zum wenigsten sich nachweisen lasse?
    l) Da es den Character des unbedingten trägt, müsste es sich darstellen als etwas, das, obgleich selbst nicht im Raum, doch Princip aller Raumerfüllung ist. (S. den Entwurf S. 15).
    Was den Raum erfüllt, ist nicht die Materie, denn die Materie ist der erfüllte Raum selbst. Was also den Raum erfüllt, kann nicht Materie seyn. Nur was ist, ist im Raum, nicht das Seyn selbst.
    Es ist von selbst klar, dass von dem, was nicht im Raum ist, auch keine positive äussere Anschauung möglich ist. Es müsste also wenigstens negativ darstellbar seyn. Diess geschieht auf folgende Art.
    Was im Raum ist, ist als solches mechanisch und chemisch zerstörbar. Was weder mechanisch noch chemisch zerstörbar ist, müsste also jenseits des Raumes liegen. Etwas der Art aber ist nur der letzte Grund ⟨35⟩ aller Qualität; denn obgleich eine Qualität durch die andere ausgelöscht werden kann, so geschieht es doch nur in einem dritten Product C, zu dessen Bildung und Unterhaltung A und B (die entgegengesetzten Factoren von C) fortwirken müssen.
    Aber dieses Unzerstörbare, was nur als reine Intensität denkbar ist, ist als Ursache alles Substrats zugleich das Princip aller Theilbarkeit in's unendliche. (Ein Körper ins unendliche getheilt erfüllt mit seinem kleinsten Theil noch in demselben Grade den Raum).
    Was also rein productiv ist, ohne Product zu seyn, ist nur der letzte Grund der Qualität. Aber jede Qualität ist eine bestimmte, die Productivität aber ursprünglich unbestimmt. In den Qualitäten erscheint also die Productivität schon als gehemmt, und da sie in ihnen überhaupt am ursprünglichsten erscheint, erscheint sie in ihnen am ursprünglichsten gehemmt.
 
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Hier ist der Punct, wo unsere Vorstellungsart von den Vorstellungsarten der insgemein so genannten dynamischen Physik sich trennt.
    Unsere Behauptung ist kurz gesagt diese: Wäre die unendliche Evolution der Natur vollendet (was unmöglich ist), so würde sie zerfallen in ur⟨36⟩sprüngliche und einfache Actionen, oder wenn es erlaubt ist, so sich auszudrücken, in einfache Productivitäten. Unsere Behauptung ist also nicht: Es gebe in der Natur solche einfache Actionen, sondern nur sie seyen die ideellen Erklärungsgründe der Qualität; diese Entelechien lassen sich nicht wirklich aufzeigen, sie existiren nicht. Zu beweisen ist also hier nicht mehr, als behauptet wird, nämlich dass solche ursprüngliche Productivitäten gedacht werden müssen als Erklärungsgründe aller Qualität. Dieser Beweis ist folgender:
    Dass nichts, was im Raume ist, d. h. dass überhaupt nichts mechanisch einfach sey, bedarf keines Beweises. Was also wahrhaft einfach ist, kann nicht im Raum, sondern muss jenseits des Raums gedacht werden. Aber jenseits des Raums gedacht wird nur die reine Intensität. Dieser Begriff der reinen Intensität wird ausgedrückt durch den Begriff der Action. Nicht das Product dieser Action ist einfach, wohl aber die Action selbst abstrahirt vom Product, und diese muss einfach seyn, damit das Product ins Unendliche theilbar sey. Denn wenn auch die Theile dem Verschwinden nahe sind, muss die Intensität noch bleiben. Und diese reine Intensität ist das, was selbst bey der unendlichen Theilung das Substrat erhält.
    Wenn also Atomistik die Behauptung ist, welche etwas Einfaches als ideellen Erklärungsgrund der Qualität behauptet, so ist unsere Philosophie ⟨37⟩ Atomistik. Aber da sie das Einfache in etwas setzt, das nur productiv ist, ohne Product zu seyn, so ist sie dynamische Atomistik.
    So viel ist klar, dass, wenn man ein absolutes Zertrennen der Natur in ihre Factoren annimmt, das Letzte, was übrig bleibt, etwas seyn muss, was allem Zertrennen absolut widersteht, d. h. das Einfache. Aber das Einfache lässt sich nur dynamisch denken, und als solches ist es gar nicht im Raume, es ist also auch keine Anschauung davon möglich als durch sein Product. Es ist für dasselbe auch kein Maass gegeben als sein Product. Denn rein gedacht ist es der blosse Ansatz zum Product (wie der Punct nur Ansatz zur Linie ist), mit einem Wort reine Entelechie. Aber was nicht an sich selbst, sondern nur in seinem Producte erkannt wird, wird schlechthin empirisch erkannt. Muss also jede ursprüngliche Qualität als Qualität (nicht etwa als Substrat, dem die Qualität bloss inhärirt) gedacht werden als reine Intensität, reine Action, so sind Qualitäten überhaupt nur das absolut Empirische unsrer Naturkenntniss, wovon keine Construction möglich ist, und in Ansehung welcher der Naturphilosophie nichts übrig bleibt, als der Beweis, dass sie die absolute Gränze ihrer Construction sind.
    Die Frage nach dem Grund der Qualität setzt die Evolution der Natur als vollendet, d. h. sie setzt etwas bloss gedachtes voraus, und kann daher auch nur durch einen ideellen Erklärungsgrund be⟨38⟩antwortet werden. Jene Frage nimmt den Standpunkt der Reflexion (auf das Product), da die ächte Dynamik immer auf dem Standpunkt der Anschauung bleibt. –
    (Es muss aber hier sogleich bemerkt werden, dass wenn der Erklärungsgrund der Qualität als ein ideeller vorgestellt wird, nur von der Erklärung der Qualität, insofern sie absolut gedacht wird, die Rede ist. Es ist nicht die Rede von der Qualität, insofern sie z. B. im dynamischen Processe sich zeigt. Für die Qualität, insofern sie relativ ist, gibt es allerdings einen Erklärungs- und Bestimmungsgrund; die Qualität ist dann bestimmt durch die entgegengesetzte, mit der sie in Conflikt gesetzt ist, und diese Entgegensetzung ist selbst wieder bestimmt durch eine höhere Entgegensetzung, und so ins Unendliche zurück; so dass, wenn jene allgemeine Organisation sich auflösen könnte, auch alle Materie in dynamische Unthätigkeit, d. h. absoluten Mangel der Qualität, zurücksinken würde. (Die Qualität ist eine höhere Potenz der Materie, zu der sie sich selbst wechselseitig erhebt). Es wird in der Folge bewiesen, dass der dynamische Process ein begrenzter sey für jede einzelne Sphäre, weil nur dadurch feste Beziehungspuncte für die Qualitätsbestimmung entstehen. Jene Begränzung des dynamischen Processes, d. h. die eigentliche Qualitäts-Bestimmung, geschieht durch keine andere Kraft, als durch welche die Evolution der Natur überhaupt ⟨39⟩ schlechthin begrenzt wird, und dieses negative ist das einzige in den Dingen unzerlegbare durch nichts überwältigte. – Die absolute Relativität aller Qualität lässt sich aus dem electrischen Verhältniss der Körper beweisen, da derselbe Körper, welcher mit jenem positiv, mit diesem negativ ist, und umgekehrt. Nun möchte es aber künftig wohl bey dem Satz (welcher auch schon im Entwurf liegt) bleiben: Alle Qualität ist Electricität, und umgekehrt die Electricität eines Körpers ist auch seine Qualität (denn alle Qualitätsdifferenz ist gleich der Electricitätsdifferenz und alle Qualität ist reducibel auf Electricität.) – Alles, was für uns sensibel ist (sensibel im engern Sinne des Worts, wie Farben, Geschmack u. s. w.) ist ohne Zweifel für uns sensibel nur durch Electricität, und das einzig unmittelbar sensible möchte wohl die Electricität seyn *), worauf schon die allgemeine Dualität jedes Sinnes (Entwurf S. 185) führt, da in der Natur eigentlich nur Eine Dualität ist. Im Galvanismus reducirt die Sensibilität als Reagens alle Qualität der Körper, für welche sie Reagens ist, auf eine ursprüngliche Differenz. Alle Körper, die in einer Kette überhaupt den Geschmacks- oder den Gesichtssinn afficiren,
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*) Volta fragt schon aus Gelegenheit der Sinnesaffection durch Galvanismus: „Könnte das electrische Fluidum nicht die unmittelbare Ursache eines jeden Geschmacks seyn? Könnte es nicht die Ursache der Sensation aller andern Sinne seyn?“
 
ihre Differenz sey sonst noch so gross, sind alle entweder alkalisch oder sauer, erregen negativen oder positiven Blitz, und hier immer erscheinen sie in einer höheren als der bloss chemischen Potenz thätig.
    Die Qualität absolut gedacht ist inconstructibel, weil Qualität überhaupt nichts Absolutes ist, und es überhaupt keine andere Qualität gibt, als die, welche Körper wechselseitig in Bezug aufeinander zeigen, und alle Qualität etwas ist, vermöge dessen der Körper gleichsam über sich selbst gehoben wird.
    Alle bisher unternommene Construction der Qualität reducirt sich auf die beyden Versuche: Qualitäten durch Figuren auszudrücken, also für jede ursprüngliche Qualität eine eigenthümliche Figur in der Natur anzunehmen, oder aber die Qualität durch analytische Formeln (wo Attractiv- und Repulsiv-Kraft die negativen und positiven Grössen dazu geben) auszudrücken. Wegen der Nichtigkeit auch dieses Versuchs kann man sich am kürzesten auf die Leerheit der ihm gemässen Erklärungen berufen. Daher wir uns hier auf die einzige Anmerkung einschränken, dass durch die Construction aller Materie aus den beyden Grundkräften zwar verschiedene Dichtigkeitsgrade, nimmermehr aber verschiedene Qualitäten als Qualitäten construirt werden, denn obgleich alle dynamischen (qualitativen) Veränderungen auf ihrer tiefsten Stufe als Veränderungen der Grundkräfte erscheinen, so erblicken wir ⟨41⟩ auf jener Stuffe doch nur das Product des Processes, nicht den Process selbst, und jene Veränderungen sind das zu Erklärende, der Erklärungsgrund also muss ohne Zweifel in etwas Höherem gesucht werden. –
    Es ist nur ein ideeller Erklärungsgrund der Qualität möglich, weil dieser Erklärungsgrund selbst etwas bloss Ideelles voraussetzt. Wer nach dem letzten Grund der Qualität fragt, setzt sich in den Anfangspunkt der Natur zurück. Aber wo ist dieser Anfangspunkt, und besteht nicht alle Qualität eben darin, dass die Materie durch die allgemeine Verkettung verhindert wird in ihre Ursprünglichkeit zurückzukehren?
    Von jenem Punkte aus, wo Reflexion und Anschauung sich trennen, welche Trennung aber selbst nur unter Voraussetzung der vollendeten Evolution möglich ist, trennt sich die Physik in die beyden entgegengesetzten Richtungen, in welche sich die beyden Systeme, das atomistische und das dynamische, getheilt haben.
    Das dynamische System läugnet die absolute Evolution der Natur, und geht von der Natur als Synthesis (= der Natur als Subject) zu der Natur als Evolution (= der Natur als Object), das atomistische System geht von der Evolution als dem Ursprünglichen zu der Natur als Synthesis; jenes vom Standpunkt der Anschauung zu dem der Reflexion, dieses vom Standpunct der Reflexion zu dem der Anschauung.
    ⟨42⟩ Beyde Richtungen sind gleich möglich. Ist nur die Analysis richtig, so muss sich durch die Analysis wieder die Synthesis, so wie durch die Synthesis auch wieder die Analysis finden lassen. Aber ob die Analysis richtig ist, erkennt man nur daran, dass man von ihr wieder auf die Synthesis kommt. Die Synthesis ist und bleibt also das absolut vorausgesetzte.
    Die Aufgaben des einen Systems kehren sich in dem andern gerade um; was der atomistischen Physik Ursache der Zusammensetzung der Natur ist, ist der dynamischen das Hemmende der Evolution. Jene erklärt die Zusammensetzung der Natur durch Cohäsionskraft, wodurch doch niemals wahre Continuität in sie kommt; diese erklärt umgekehrt die Cohäsion durch die Continuität der Evolution. (Alle Continuität ist ursprünglich nur in der Productivität).
    Beyde Systeme gehen von etwas bloss Ideellem aus. Die absolute Synthesis ist ebenso gut bloss ideell als die absolute Analysis. Das Reelle findet sich erst in der Natur als Product, aber die Natur, weder als absolute Involution, noch als absolute Evolution gedacht, ist das Product; das Product ist das zwischen beyden Extremen Begriffene.
    Die erste Aufgabe für beyde Systeme ist, das Product, d. h. das worin jene Entgegengesetzten reell werden, zu construiren. Beyde rechnen mit bloss ideellen Grössen, solange das Product nicht construirt ist; die Richtungen nur, in welchen sie dazu ⟨43⟩ gelangen, sind sich entgegengesetzt. Beyde Systeme haben, sofern sie bloss mit ideellen Factoren zu thun haben, gleichen Werth, und eines ist die Probe des andern. – Was in den Tiefen der productiven Natur verborgen ist, muss in der Natur als Natur als Product widerstrahlen, und so muss das atomistische System der beständige Reflex des dynamischen seyn. Es ist in dem Entwurf absichtlich von beyden Richtungen die der atomistischen Physik gewählt worden. Es wird zum Verständniss unsrer Wissenschaft nicht wenig beytragen, wenn wir, was dort im Product gezeigt worden ist, hier in der Productivität aufzeigen.
 
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m) In der reinen Productivität der Natur ist schlechterdings nichts unterscheidbares jenseits der Entzweiung; nur die in sich selbst entzweite Productivität gibt das Product.
    Da die absolute Productivität nur auf das Produciren an sich, nicht auf das Produciren eines Bestimmten geht, so wird die Tendenz der Natur, vermöge welcher es in ihr zum Product kommt, die negative der Productivität seyn.
    So wenig in der Natur, insofern sie reell ist, Productivität ohne Product seyn kann, so wenig ⟨44⟩ Product ohne Productivität. Die Natur kann beyden Extremen nur sich annähern, und es muss aufgezeigt werden, dass sie beyden sich annähert.
    α) Die reine Productivität geht ursprünglich auf Gestaltlosigkeit.
    Wo die Natur in Gestaltlosigkeit sich verliert, erschöpft sich die Productivität in ihr. (Diess ist es, was man durch das Latentwerden ausdrückt). – Umgekehrt, wo die Gestalt überwindet, wo also die Productivität begränzt wird, tritt die Productivität hervor; sie erscheint nicht etwa als (darstellbares) Product, sondern als Productivität, obgleich ins Product übergehende, wie in den Erscheinungen der Wärme. (Der Begriff imponderabler Materien ist nur ein symbolischer Begriff).
    β) Geht die Productivität auf Gestaltlosigkeit, so ist sie, objectiv angesehen, das absolut Gestaltlose.
    (Man hat die Kühnheit des atomistischen Systems nur wenig begriffen. – Die in ihm herrschende Idee eines absolut formlosen, nirgends als bestimmte Materie Darstellbaren, ist nichts anderes als Symbol der, der Productivität sich annähernden, Natur. – Je näher der Productivität, desto näher der Gestaltlosigkeit.
    γ) Die Productivität erscheint als Productivität nur wo ihr Grenzen gesetzt werden.
    ⟨45⟩ Was überall und in allem ist, ist eben desswegen nirgends. – Fixirt wird die Productivität nur durch die Begränzung. – Die Electricität existirt erst in dem Moment, wo die Gränzen gegeben sind, und es ist eine Armseligkeit der Vorstellungsart, in ihren Phänomenen etwas anderes als Phänomene der (begränzten) Productivität zu suchen. – Die Bedingung des Lichts ist ein Gegensatz im electrischen und galvanischen wie im chemischen Process, und selbst das Licht, das ohne unser Zuthun uns kommt, (das Phänomen der von der Sonne ringsum ausgeübten Productivität) setzt jenen Gegensatz voraus. *)
    δ) Nur die begrenzte Productivität gibt den Ansatz zum Product. (Die Erklärung des Products muss mit dem Entstehen des festen Puncts anfangen, wo der Ansatz beginnt. – Die Bedingung aller Gestaltung ist Dualität. (Diess ist der tiefere Sinn in Kant's Construction der Materie aus entgegengesetzten Kräften).
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*) Es ist den vorhandenen Experimenten nach wenigstens nicht unmöglich, Licht- und Electricitätserscheinungen als Eines anzusehen, da im prismatischen Bild die Farben als einander entgegengesetzt, und das in der Regel in die Mitte fallende weisse Licht als der Indifferenzpunct wenigstens betrachtet werden kann: und der Analogie nach wird man eben diese Construction der Lichterscheinungen für die ächte zu halten versucht.
 
    ⟨46⟩ Die electrischen Erscheinungen sind das allgemeine Schema für die Construction der Materie überhaupt.
    ε) In der Natur kann es weder zur reinen Productivität noch zum reinen Product kommen.
    Jene ist absolute Negation alles Products, dieses Negation aller Productivität.
    (Annäherung zu jener ist das absolut Decomponible, zu diesem das absolut Indecomponible der Atomistik. Jenes kann nicht gedacht werden, ohne zugleich das absolut Incomponible, dieses nicht, ohne zugleich das absolut Componible zu seyn).
    Die Natur wird also ursprünglich das Mittlere aus beyden seyn, und so gelangen wir zum Begriff einer auf dem Uebergang ins Product begriffenen Productivität, oder eines Products, das ins Unendliche productiv ist. – Wir halten uns an die letztere Bestimmung.
    Der Begriff des Products (des fixirten) und des Productiven (des freyen) ist sich entgegengesetzt. – Da das von uns Postulirte schon Product ist, so kann es, wenn es productiv ist, nur auf bestimmte Art productiv seyn. Aber bestimmte Productivität ist (aktive) Gestaltung. Jenes dritte müsste also im Zustand der Gestaltung seyn.
    Aber das Product soll in's unendliche productiv seyn (jener Uebergang soll nie absolut gesche⟨47⟩hen); es wird also zwar in jedem Moment auf bestimmte Art productiv seyn, die Productivität wird bleiben, nicht aber das Product.
    (Es könnte die Frage entstehen, wie hier nur überhaupt ein Uebergang von Gestalt in Gestalt möglich sey, wenn keine Gestalt fixirt ist. Allein dass es zu momentanen Gestalten komme, ist schon dadurch möglich gemacht, dass die Evolution nicht mit unendlicher Geschwindigkeit geschehen kann, wo also allerdings für jeden Moment wenigstens die Gestalt eine bestimmte ist).
    Das Product wird erscheinen als in unendlicher Metamorphose begriffen.
    (Auf dem Standpunct der Reflexion als beständig auf dem Sprung vom Flüssigen ins Feste, ohne doch je die gesuchte Gestalt zu treffen. – Organisationen, die nicht im gröberen Element leben, leben wenigstens auf dem tiefen Grund des Luftmeers – viele gehen durch Metamorphosen aus dem Einen Element ins andere über; und was scheint das Thier, dessen Lebensfunctionen fast alle in Contractionen bestehen, anders zu seyn als ein solcher Sprung?)
    Die Metamorphose wird nicht regellos geschehen können. Denn sie muss innerhalb des ursprüng⟨48⟩lichen Gegensatzes bleiben und ist dadurch in Gränzen eingeschlossen. *)
    (Diese Regelmässigkeit wird sich durch nichts anderes als eine innere Verwandtschaft der Gestalten ausdrücken, welche Verwandtschaft wieder nicht denkbar ist ohne einen Grundtypus, der allen zu Grunde liegt – und den sie, unter mannichfaltigen Abweichungen zwar, aber doch alle ausdrücken).
    Aber auch mit einem solchen Product haben wir nicht, was wir suchten, ein Product, das, in's unendliche productiv, dasselbe bleibt. Dass das Product dasselbe bleibt, scheint undenkbar, weil es ohne absolutes Hemmen, Aufheben der Productivität nicht denkbar ist. – Das Product müsste gehemmt werden, wie die Productivität gehemmt wurde; denn es ist immer noch productiv; gehemmt durch Entzweiung und daraus resultirende Begränzung. Aber es müsste zugleich erklärt werden, wie das productive Product auf einzelnen Bildungsstuffen gehemmt werden könne, ohne dass es aufhöre productiv zu seyn, oder wie durch die Entzweiung selbst die Fortdauer der Productivität gesichert seye?
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*) Daher, wo der Gegensatz aufgehoben oder verrückt wird, die Metamorphose unregelmässig wird. – Denn was ist auch Krankheit, als Metamorphose?
 
    ⟨49⟩ Wir haben den Leser auf diesem Wege bis zur Aufgabe des 4ten Abschnitts des Entwurfs geführt, und überlassen ihm, die Auflösung nebst den Folgesätzen, die sie herbeyführt, dort selbst zu suchen. – Wir suchen vorher noch anzudeuten, wie das abgeleitete Product vom Standpunct der Reflexion aus erscheinen müsse.
    Das Product ist die Synthesis, in welcher die entgegengesetzten Extreme sich berühren, die durch das absolut Decomponible auf der einen und das Indecomponible auf der andern Seite bezeichnet sind. – Wie in die von ihm vorausgesetzte absolute Discontinuität Continuität komme, versucht der Atomistiker durch Cohaesions-, plastische Kraft u. s. w. zu erklären. Vergebens, denn Continuität ist nur die Productivität selbst.
    Die Mannichfaltigkeit der Gestalten, welche jenes Product in der Metamorphose annimmt, wurde erklärt durch die Verschiedenheit der Entwicklungsstuffen, so dass mit jeder Entwicklungsstuffe eine eigenthümliche Gestalt parallel geht. – Der Atomistiker setzt in die Natur gewisse Grundgestalten, und da in ihr alles nach Gestalt strebt, und alles, was nur sich gestaltet, auch seine eigenthümliche Gestalt hat, so müssen die Grundgestalten, aber freylich nur als angedeutet in der Natur, nicht als actu vorhanden, zugegeben werden.
    Auf dem Standpunct der Reflexion muss das Werden jenes Products erscheinen als ein beständi⟨50⟩ges Streben der ursprünglichen Actionen nach Production einer bestimmten Gestalt und beständige Wiedervernichtung jener Gestalten.
    So würde das Product nicht Product einer einfachen Tendenz seyn – es wäre nur sichtbarer Ausdruck einer innern Proportion, eines innern Gleichgewichts der ursprünglichen Actionen, welche sich wechselseitig weder auf absolute Gestaltlosigkeit reduciren, noch auch wegen des allgemeinen Conflikts eine bestimmte und fixirte Gestalt produciren lassen.
    Bis hieher (solange wir bloss mit ideellen Factoren zu thun hatten) waren entgegengesetzte Richtungen der Untersuchung möglich; von jetzt an, da wir ein reelles Product in seinen Entwicklungen zu verfolgen haben, giebt es nur Eine Richtung.
    m) Durch die unvermeidliche Trennung der Productivität in entgegengesetzte Richtungen auf jeder einzelnen Entwicklungsstuffe wird das Product selbst in einzelne Producte getrennt, durch welche aber ebendesswegen nur verschiedene Entwicklungsstuffen bezeichnet sind.
    Dass diess so seye, lässt sich entweder in den Producten selbst aufzeigen, welches geschieht, wenn man sie in Ansehung ihrer Gestaltung untereinander vergleicht, und eine Continuität der Bildung aufsucht, welche Idee, weil Continuität nie in den Producten (für die Reflexion), sondern im⟨51⟩mer nur in der Productivität ist, sich nicht vollkommen realisiren lässt.
    Um die Continuität in der Productivität zu finden, muss die Stuffenfolge jenes Uebergangs der Productivität in's Product genauer aufgestellt werden, als bisher geschehen ist. – Dadurch dass die Productivität begränzt wird (S. oben), wird vorerst nur der Ansatz zum Product, nur der feste Punct für die Productivität überhaupt gegeben. – Es muss gezeigt werden, wie die Productivität allmählig sich materialisirt und in immer fixirtere Producte sich verwandelt, welches dann eine dynamische Stuffenfolge in der Natur geben würde, und was auch der eigentliche Gegenstand der Grundaufgabe des ganzen Systems ist.
    (Zum voraus mag Folgendes als Erläuterung dienen. – Es wird vorerst eine Entzweiung der Productivität gefodert, die Ursache, wodurch diese Entzweiung bewirkt wird, bleibt vorerst ganz aus der Untersuchung. – Durch die Entzweiung ist vielleicht ein Wechsel von Contraction und Expansion bedingt. Dieser Wechsel ist nicht etwas in der Materie, sondern die Materie selbst, und die erste Stuffe der in's Product übergehenden Productivität. – Zum Product kann es nicht kommen als durch Stillstand jenes Wechsels, durch ein Drittes also, was jenen Wechsel selbst fixirt, und so wäre die Materie auf der tiefsten Stuffe – (in der ersten Potenz) – angeschaut, jener Wechsel in Ruhe oder im ⟨52⟩ Gleichgewicht angeschaut, so wie umgekehrt wieder durch Aufhebung jenes dritten die Materie zur höheren Potenz erhoben werden könnte. – Nun wär' es ja möglich, dass jene so eben abgeleiteten Producte auf ganz verschiednen Stuffen der Materialität oder jenes Ueberganges stünden, oder dass diese verschiednen Stuffen in dem einen sich mehr oder weniger unterscheiden liessen als in dem andern – es wäre also dadurch eine dynamische Stuffenfolge jener Producte wirklich aufzuzeigen).
    n) Bey der Auflösung der Aufgabe selbst bleiben wir vorerst, unbekannt wohin sie uns führe, in der bisher genommenen Richtung.
    Es sind einzelne (individuelle) Producte in die Natur gebracht; aber in diesen Producten soll sich immer noch die Productivität, als Productivität, unterscheiden lassen. Die Productivität soll noch nicht absolut übergegangen seyn in’s Product. Das Bestehen des Products soll eine beständige Selbstreproduction seyn.
    Es entsteht die Aufgabe, wodurch jenes absolute Uebergehen – Erschöpfen der Productivität im Product verhindert – oder wodurch sein Bestehen eine beständige Selbstreproduction werde.
    Es ist schlechthin undenkbar, wie die überall gegen das Product tendirende Thätigkeit verhindert werde ganz darin überzugehen, wenn nicht durch äussere Einflüsse jener Uebergang verhindert, ⟨53⟩ und das Product, wenn es bestehen soll, in jedem Moment genöthigt wird sich neu zu produciren.
    Nun ist aber bis jetzt noch keine Spur einer dem Product (der organischen Natur) entgegengesetzten Ursache aufgefunden – eine solche Ursache kann also vorerst bloss postulirt werden. (Wir glaubten in jenem Product die ganze Natur sich erschöpfen zu sehen, und bemerken erst hier, dass, um jenes Product zu begreifen, schon etwas anderes vorausgesetzt werden, und ein neuer Gegensatz in die Natur kommen muss.
    Die Natur war uns bisher absolute Identität in der Duplicität – hier kommen wir auf einen Gegensatz, der innerhalb jener Identität wieder stattfinden soll. – Jener Gegensatz muss in dem abgeleiteten Product selbst sich aufweisen lassen, wenn er überhaupt abzuleiten ist).
    Das abgeleitete Product ist eine nach aussen gehende Thätigkeit – diese lässt sich als solche nicht unterscheiden ohne eine von aussen nach innen gehende (auf sich selbst gerichtete) Thätigkeit in demselben Product, und diese Thätigkeit lässt sich wiederum nicht denken, wenn sie nicht von aussen zurückgedrängt (reflektirt) wird.
    In den entgegengesetzten Richtungen, die durch diese Entgegensetzung entstehen, liegt das Princip für die Construction aller Lebenserscheinungen – jene entgegengesetzten Richtungen aufgehoben, bleibt ⟨54⟩ das Leben entweder als absolute Thätigkeit, oder als absolute Receptivität zurück, da es ursprünglich nur als die vollkommenste Wechselbestimmung der Receptivität und der Thätigkeit möglich ist.
    Wir verweisen den Leser desshalb auf den Entwurf selbst, und machen ihn hier nur aufmerksam auf die höhere Stuffe der Construction, welche wir hier erreicht haben.
    Wir haben oben (g) das Entstehen eines Products überhaupt erklärt durch ein Ankämpfen der Natur gegen den ursprünglichen Hemmungspunct, wodurch dieser Punct zur erfüllten Sphäre erhoben wird und so Permanenz erhält. – Hier, da wir ein Ankämpfen einer äussern Natur nicht gegen einen blossen Punct, sondern gegen ein Product ableiten, erhebt sich für uns jene erste Construction zur zweiten Potenz gleichsam, wir haben ein doublirtes Product (und so möchte sich denn in der Folge wohl zeigen, dass die organische Natur überhaupt nur die höhere Potenz der anorgischen ist, und dass sie eben dadurch über diese sich erhebt, dass in ihr auch das, was schon Product ist, wieder Product wird).
    Da das Product, welches wir als das ursprünglichste abgeleitet haben, uns selbst auf eine ihm entgegengesetzte Natur treibt, so ist klar, dass unsere Construction der Entstehung eines Products über⟨55⟩haupt unvollständig war, und dass wir unserer Aufgabe – (die Aufgabe der ganzen Wissenschaft ist: das Entstehen eines fixirten Products zu construiren) – bey weitem noch nicht Genüge geleistet haben. Ein productives Product kann als solches nur unter dem Einfluss äusserer Kräfte bestehen, weil nur dadurch die Productivität unterbrochen, im Product zu erlöschen verhindert wird. – Für diese äusseren Kräfte muss es nun wieder eine eigenthümliche Sphäre geben; jene Kräfte müssen in einer Welt liegen, die nicht productiv ist. Aber diese Welt muss ebendesswegen eine in jeder Rücksicht fixirte und unveränderlich bestimmte Welt seyn. Die Aufgabe, wie es in der Natur zum Product komme, ist also durch alles Bisherige nur einseitig aufgelöst. „Das Product wird gehemmt durch Entzweiung der Productivität auf jeder einzelnen Entwicklungsstuffe.“ Aber diess gilt nur für das productive Product, aber hier ist die Rede von einem nichtproductiven Product.
    Der Widerspruch, dem wir hier begegnen, ist nur dadurch aufzulösen, dass ein allgemeiner Ausdruck für die Construction eines Products überhaupt (abgesehen davon, ob es productiv ist, oder aufgehört hat es zu seyn) gefunden wird. ⟨56⟩
 
* * *
 
Da die Existenz einer Welt, die nicht productiv (unorganisch) ist, vorerst bloss postulirt wird, um die productive zu erklären, so können auch die Bedingungen einer solchen nur hypothetisch aufgestellt werden, und da wir dieselbe vorerst überhaupt nur aus dem Gegensatz gegen die productive kennen, so müssen auch jene Bedingungen nur aus diesem Gegensatz abgeleitet werden. – (Es erhellt daraus von selbst, was auch im Entwurf erinnert ist, dass auch dieser zweite Abschnitt, wie der erste, durchgängig bloss hypothetische Wahrheit hat, weil weder die organische noch die anorgische Natur erklärt ist, ohne die Construction beyder auf einen gemeinschaftlichen Ausdruck gebracht zu haben, welches aber erst durch den synthetischen Theil möglich ist. – Dieser muss auf die höchsten und allgemeinsten Principien für die Construction einer Natur überhaupt führen, daher wir auch den Leser, dem es um Kenntniss unseres Systems zu thun ist, ganz auf denselben verweisen müssen. – Die hypothetische Deduction einer anorgischen Welt und ihrer Bedingungen können wir hier um so eher übergehen, da sie im Entwurf hinlänglich ausgeführt ist, und eilen zu der allgemeinsten und höchsten Aufgabe unsrer Wissenschaft. ⟨57⟩
 
* * *
 
Die allgemeinste Aufgabe der speculativen Physik lässt sich jetzt so ausdrücken: die Construction organischer und anorgischer Producte auf einen gemeinschaftlichen Ausdruck zu bringen.
    Wir können nur die Hauptsätze jener Auflösung und auch von diesen hauptsächlich nur jene herausheben, die im Entwurf selbst (dritter Hauptabsch.) nicht vollständig ausgeführt worden sind.
 
 
A.
 
Wir stellen hier gleich zu Anfang als Princip auf, dass, da das organische Product das Product in der zweiten Potenz ist, die organische Construction des Products wenigstens Sinnbild der ursprünglichen Construction alles Products seyn muss.
    a) Damit die Productivität nur überhaupt an einem Puncte fixirt werde, müssen Gränzen gegeben seyn. Da Gränzen die Bedingung der ersten Erscheinung sind, so kann die Ursache, wodurch Gränzen hervorgebracht werden, nicht mehr erscheinen, sie geht in das Innere der Natur oder des jedesmaligen Products zurück.
    In der organischen Natur wird diese Begränzung der Productivität gegeben durch das, was wir Sensibilität nennen, und was gedacht werden muss, als erste Bedingung der Construction des organischen Products (Entw. S. 169).
    ⟨58⟩ b) Der unmittelbare Effekt der begränzten Productivität ist ein Wechsel von Contraction und Expansion in der schon gegebenen, und wie wir jetzt wissen, zum zweitenmal gleichsam construirten Materie.
    c) Wo dieser Wechsel stillesteht, geht die Productivität in's Product, und wo er wieder hergestellt wird, das Product in Productivität über. – Denn da das Product in's unendliche productiv bleiben soll, so müssen sich im Product jene drei Stuffen der Productivität unterscheiden lassen; der absolute Uebergang der letztern in's Product ist der Untergang des Products selbst.
    d) So wie diese drei Stuffen im Individuum unterscheidbar sind, so müssen sie in der ganzen organischen Natur unterscheidbar seyn, und die Stuffenfolge der Organisationen ist nichts anderes als eine Stuffenfolge der Productivität selbst. – (Die Productivität erschöpft sich bis zu dem Grade c im Prod. A, und kann mit dem Producte B nur da anfangen, wo es mit A aufhörte, d. h. mit dem Grade d, und so herab bis zum Verschwinden aller Productivität. – Kennte man den absoluten Grad der Productivität, der Erde z. B. (der durch ihr Verhältniss zur Sonne bestimmt ist), so wäre die Gränze der Organisation auf ihr dadurch genauer zu bestimmen, als durch die unvollständige Erfahrung, – die schon darum unvollständig seyn muss, weil die Catastrophen der ⟨59⟩ Natur ohne Zweifel die äussersten Glieder der Kette verschlungen haben. – Die eigentliche Naturgeschichte, die nicht die Producte, sondern die Natur selbst zum Object hat, verfolgt die Eine der Freyheit sich gleichsam wehrende Productivität durch alle Wendungen und Krümmungen hindurch bis zu dem Punct, wo sie im Product zu ersterben endlich gezwungen ist).
    Auf jener dynamischen Stuffenfolge im Individuum, wie in der ganzen organischen Natur, beruht die Construction aller organischen Erscheinungen (Entw. S. 220-279).
 
 
B.
 
Diese Sätze zur Allgemeinheit erweitert, führen auf folgende Grundsätze einer allgemeinen Theorie der Natur.
    a) Die Productivität soll ursprünglich begränzt werden. Da jenseits der begränzten Productivität reine Identität ist, so kann die Begränzung nicht gegeben werden durch eine schon vorhandene Differenz, also durch eine in der Productivität selbst entstehende Entgegensetzung, auf welche, als erstes Postulat, wir hier zurückkommen.
    b) Diese Differenz, rein gedacht, ist die erste Bedingung aller Thätigkeit, die Productivität wird zwischen Entgegengesetzten (den ursprünglichen Gränzen) angezogen und zurückgestossen, ⟨60⟩ in diesem Wechsel von Expansion und Contraction entsteht nothwendig ein Gemeinschaftliches, aber nur im Wechsel Bestehendes. – Soll es ausser dem Wechsel bestehen, so muss der Wechsel selbst fixirt werden. – Das Thätige im Wechsel ist die in sich selbst entzweite Productivität.
    c) Es fragt sich:
    α) Wodurch jener Wechsel überhaupt fixirt werden könne? – Er kann nicht fixirt werden durch irgend etwas, das im Wechsel selbst als Glied begriffen ist, also durch ein Drittes.
    β) Aber dieses Dritte muss eingreifen können in jenen ursprünglichen Gegensatz; aber ausser jenem Gegensatz ist nichts – es muss also ursprünglich schon in demselben begriffen seyn, als etwas, was durch den Gegensatz, und wodurch hinwiederum der Gegensatz vermittelt ist. Denn sonst ist kein Grund, warum es in jenem Gegensatz ursprünglich begriffen seyn sollte.
    Der Gegensatz ist Aufhebung der Identität. Aber die Natur ist ursprünglich Identität. – Es wird also in jenem Gegensatz wieder ein Streben nach Identität seyn müssen. Dieses Streben ist bedingt durch den Gegensatz; denn wäre kein Gegensatz, so wäre Identität, absolute Ruhe, und auch kein Streben nach Identität. – Wäre ⟨61⟩ hinwiederum nicht in dem Gegensatz wieder Identität, so könnte der Gegensatz selbst nicht fortdauern.
    Identität aus Differenz hervorgegangen ist Indifferenz, jenes Dritte also ein Streben nach Indifferenz, das durch die Differenz selbst, und wodurch hinwiederum diese bedingt ist. – (Die Differenz ist als Differenz gar nicht aufzufassen, und ist nichts für die Anschauung, als durch ein Drittes, was sie erhält – woran der Wechsel selbst haftet).
    Jenes Dritte also ist das Einzige, was in jenem ursprünglichen Wechsel das Substrat ist. – Das Substrat aber setzt den Wechsel ebensogut wie der Wechsel das Substrat voraus – und es ist hier kein Erstes und kein Zweites, sondern Differenz und Streben nach Indifferenz ist der Zeit nach schlechthin Eines und zugleich.
    Keine Identität der Natur ist absolut, sondern alle nur Indifferenz.
    Da jenes Dritte selbst den ursprünglichen Gegensatz voraussetzt, so kann dadurch nicht der Gegensatz selbst absolut aufgehoben werden, die Bedingung der Fortdauer des Dritten ist die beständige Fortdauer des Gegensatzes, so wie umgekehrt, dass der Gegensatz fortdauert durch die Fortdauer des Dritten bedingt ist.
    ⟨62⟩ Aber wie soll denn der Gegensatz als fortdauernd gedacht werden?
    Wir haben Einen ursprünglichen Gegensatz, zwischen dessen Gränzen die ganze Natur fallen soll; setzen wir, dass die Factoren jenes Gegensatzes wirklich ineinander übergehen, oder in irgend einem Dritten [einem einzelnen Product] absolut zusammentreffen können, so ist der Gegensatz aufgehoben, und mit ihm jenes Streben, und damit alle Thätigkeit der Natur. – Dass aber der Gegensatz fortdaure, ist nur dadurch denkbar, dass er unendlich ist – dass die äussersten Gränzen in's unendliche auseinander gehalten werden, so dass immer nur vermittelnde Glieder der Synthesis, nie die letzte und absolute Synthesis selbst producirt werden kann, wobey es nie zum absoluten, sondern immer nur zu relativen Indifferenzpuncten kommt, und jede entstandne Indifferenz einen neuen, noch unaufgehobnen Gegensatz übrig lässt, dieser wieder in Indifferenz übergeht, welche abermals den ursprünglichen Gegensatz nur zum Theil aufhebt. Durch den ursprünglichen Gegensatz und das Streben nach Indifferenz kommt ein Product zu Stande, aber das Product hebt den Gegensatz nur zum Theil auf; durch das Aufheben dieses Theils, d. h. durch das Entstehen des Products selbst, entsteht also ein vom aufgehobnen verschiedner neuer Gegensatz, durch ⟨63⟩ diesen ein vom ersten verschiedenes Product, aber auch dieses lässt den absoluten Gegensatz unaufgehoben, es wird also abermals Dualität, und durch diese ein Product entstehen, und so in's Unendliche fort.
    Man setze, durch das Product A werden die Gegensätze c und d vereinigt, aber ausserhalb jener Vereinigung noch fällt der Gegensatz b und e. Dieser hebt sich auf in B, aber auch dieses Product lässt den Gegensatz a und f unaufgehoben – setzt man, dass a und f die äussersten Gränzen bezeichnen, so wird die Vereinigung von diesen eben das Product seyn, zu dem es nie kommen kann.
    Zwischen den Aeussersten a und f liegen die Gegensätze c und d, b und e, aber die Reihe dieser Zwischengegensätze ist unendlich, alle diese Zwischengegensätze sind begriffen in dem Einen absoluten Gegensatz. – In dem Product A wird von a nur c und von f nur d aufgehoben, was von a übrig bleibt, heisse b, was von f, e, so werden diese zwar kraft des absoluten Strebens nach Indifferenz wieder vereinigt, aber sie lassen einen neuen Gegensatz unaufgehoben – und so bleibt zwischen a und f eine unendliche Reihe mittlerer Gegensätze, und das Product, worin jene sich absolut aufheben, ist nie, sondern wird nur.
    ⟨64⟩ Diese ins Unendliche fortgehende Bildung ist so vorzustellen. – Der ursprüngliche Gegensatz müsste in dem Urproduct A sich aufheben. Das Product müsste in den Indifferenzpunct von a und f fallen, aber da der Gegensatz ein absoluter ist, der nur in einer unendlich fortgesetzten (nie wirklichen) Synthesis aufgehoben werden kann, so muss A gedacht werden als der Mittelpunct einer unendlichen Peripherie (deren Durchmesser die unendliche Linie a f). Da in dem Product von a und f nur c und d vereinigt sind, so entsteht in ihm die neue Entzweiung b und e, das Product wird also sich nach entgegengesetzten Richtungen trennen, in dem Punct, wo das Streben nach Indifferenz das Uebergewicht erlangt, wird b und e zu einem neuen, von dem ersten verschiednen Product zusammentreten – aber zwischen a und f liegen noch unendlich viele Gegensätze; der Indifferenzpunct B ist also Mittelpunct einer Peripherie, die in der ersten begriffen, aber selbst wieder unendlich ist u. s. f.
    Der Gegensatz von b und e in B wird unterhalten durch A, weil es ihn unvereinigt lässt; [so wird der Gegensatz in C durch B unterhalten, weil B von a und f abermals nur einen Theil aufhebt. Aber der Gegensatz in C wird durch B unterhalten, nur insofern A den Gegensatz in B unter⟨65⟩hält. Was also aus jenem Gegensatz in C und B resultirt, wird verursacht durch den gemeinschaftlichen Einfluss von A, so dass B und C, und die unendlich vielen Producte, die noch zwischen a und f als Mittelglieder fallen – in Bezug auf A nur Ein Product sind. – Die Differenz, welche nach der Vereinigung von c und d in A übrig bleibt, ist nur Eine, in welche dann wieder B, C u. s. w. sich theilen.
    Aber die Fortdauer des Gegensatzes ist für jedes Product Bedingung des Strebens nach Indifferenz, also wird durch A ein Streben nach Indifferenz in B, und durch B in C unterhalten. – Aber der Gegensatz, den A unaufgehoben lässt, ist nur Einer, also ist auch jene Tendenz in B, in C und so in's Unendliche fort nur bedingt und unterhalten durch A.
    Die so bestimmte Organisation ist keine andere als die Organisation des Universums im Gravitationssysteme. – Die Schwerkraft ist einfach, aber ihre Bedingung ist Duplicität. – Indifferenz geht nur aus Differenz hervor. – Die aufgehobene Dualität ist die Materie, insofern sie nur Masse ist.
    Der absolute Indifferenzpunct existirt nirgends, sondern ist auf mehrere einzelne gleichsam vertheilt. – Das Universum, das sich ⟨66⟩ vom Centrum gegen die Peripherie bildet, sucht den Punct, wo auch die äussersten Gegensätze der Natur sich aufheben; die Unmöglichkeit dieses Aufhebens sichert die Unendlichkeit des Universums.
    Von jedem Product A wird der nichtaufgehobene Gegensatz auf ein neues B übergetragen; jenes wird dadurch Ursache der Dualität und der Gravitation für B. – (Jenes Uebertragen ist das, was man Wirkung durch Vertheilung nennt, deren Theorie erst von diesem Punct aus Licht erhält). – So unterhält z. B. die Sonne, weil sie nur relative Indifferenz ist, soweit ihre Wirkungssphäre reicht, den Gegensatz, welcher Bedingung der Schwere auf den untergeordneten Weltkörpern ist.
    Die Indifferenz wird in jedem Moment aufgehoben, und in jedem Moment wiederhergestellt. Daher wirkt die Schwere in den ruhenden Körper, wie in den bewegten. – Das allgemeine Wiederherstellen der Dualität und das Wiederaufheben in jedem Moment kann nur als Nisus gegen ein drittes erscheinen; dieses dritte ist, abstrahirt von der Tendenz, nichts, also bloss idealisch (nur die Richtung bezeichnend) – ein Punct. Die Schwere ist für jedes Totalproduct nur Eine, und so auch der relative Indifferenzpunct nur Einer. Der Indifferenzpunct des einzelnen Körpers bezeichnet ⟨67⟩ nur die Richtungslinie seiner Tendenz gegen den allgemeinen Indifferenzpunct; daher jener Punct als der einzige betrachtet werden kann, worin die Schwere wirkt; so wie das, wodurch die Körper allein Bestand für uns erlangen, nur jene Tendenz nach aussen ist. *)
    Das vertikale Fallen gegen diesen Punct ist nicht eine einfache, sondern eine zusammengesetzte Bewegung, und es ist zu verwundern, dass man diess nicht eher eingesehen. **)
    Die Schwere ist nicht etwa proportional der Masse (denn was ist diese Masse als ein Abstraktum der specifischen Schwere, das ihr nun hypostasirt habt?), sondern umgekehrt die Masse eines Körpers ist nur Ausdruck des Moments, womit der Gegensatz in ihm sich aufhebt.
    d) Durch das Bisherige ist die Construction der Materie im Allgemeinen vollendet, nicht aber die der specifischen Differenz der Materie.
    Was alle Materie von B C u. s. f. in Bezug auf A unter sich gemein hat, ist die durch A nicht aufgehobne Differenz, welche in B und C aber-
——————
*) Baader über das pythagoräische Quadrat. 1798.
**) Ausgenommen den denkenden Verf. einer Recension meiner Schrift von der Weltseele in den Würzb. gel. Anz., der einzigen, die ich bis jetzt über diese Schrift kenne.
 
⟨68⟩mals nur zum Theil sich aufhebt – also auch die durch jene Differenz vermittelte Schwere.
    Was also B und C von A unterscheidet ist die durch A nicht aufgehobne Differenz, welche Bedingung der Schwere für B und C wird. – Ebenso, was C von B unterscheidet (wenn C ein B untergeordnetes Product ist), ist die durch B nicht aufgehobne Differenz, welche auf C wieder übergetragen wird. Die Schwerkraft ist also nicht für den höheren und subalternen Weltkörper dieselbe, und es ist so viel Mannichfaltigkeit in den Centralkräften der Attraction als in ihren Bedingungen. (vgl. den Entw. S. 119.)
    Wodurch in den Producten A, B, C, welche, sofern sie einander entgegengesetzt werden, absolut homogene Producte vorstellen, wieder eine Differenz einzelner Producte möglich ist, ist, dass ein verschiedenes Verhältniss der Factoren in der Aufhebung möglich ist, so dass in X z. B. der positive Factor, in Y der negative das Uebergewicht hat (was den einen Körper positiv, den andern negativ-electrisch macht. – Alle Differenz nur Differenz der Electricität).
    e) Dass die Identität der Materie nicht absolute Identität, sondern nur Indifferenz seye, ist beweisbar nur aus der Möglichkeit der Wiederaufhebung der Identität, und den Phänomenen, welche sie begleiten. – Es sey uns erlaubt, jenes Wie⟨69⟩deraufheben und die daraus resultirenden Phänomene der Kürze halber unter dem Ausdruck dynamischer Process zu begreifen, wobey es, wie sich versteht, noch ganz unentschieden bleibt, ob etwas der Art überall wirklich seye.
    Es wird nun gerade so viele Stuffen des dynamischen Processes geben, als es Stuffen des Uebergangs aus Differenz in Indifferenz giebt.
    α) Die erste Stuffe wird bezeichnet seyn durch Objecte, in welchen das Wiederentstehen und Wiederaufheben des Gegensatzes in jedem Moment selbst noch Object der Wahrnehmung ist.
    Das ganze Product wird in jedem Moment neu reproducirt, d. h. der Gegensatz, der in ihm sich aufhebt, entsteht in jedem Augenblick auf's neue, aber dieses Wiederentstehen der Differenz verliert sich unmittelbar in die allgemeine Schwere; jenes Wiederentstehen kann also nur wahrgenommen werden an einzelnen Objecten, welche unter sich zu gravitiren scheinen, indem, wenn dem einen Factor des Gegensatzes sein entgegengesetzter (in einem andern) angeboten wird, beyde Factoren gegeneinander schwer werden, wo also die allgemeine Schwere nicht aufgehoben, sondern innerhalb der allgemeinen eine specielle stattfindet. – Solche zwei Producte sind in Bezug aufeinander die Erde und die Magnetnadel, in welcher das beständige Wie⟨70⟩deraufheben der Indifferenz an der Gravitation gegen die Pole, das beständige Zurücksinken in Identität an der Gravitation gegen den allgemeinen Indifferenzpunct unterschieden wird. – Hier wird also nicht das Object, sondern das Reproducirtwerden des Objects selbst Object.
    β) Auf der ersten Stuffe erscheint in der Identität des Products wieder seine Duplicität, auf der zweiten Stuffe wird der Gegensatz selbst sich trennen und an verschiedne Körper (A und B) vertheilen. Dadurch, dass der Eine Factor des Gegensatzes in A, der andere in B ein relatives Uebergewicht erlangt, wird nach demselben Gesetze wie bey α) eine Gravitation der Factoren gegen einander und dadurch neue Indifferenz entstehen, welche, wenn das relative Gleichgewicht in jedem wiederhergestellt ist, in Zurückstossung ausschlägt. – (Wechsel von Anziehung und Zurückstossung, zweite Stuffe, auf welcher die Materie erblickt wird) – Electricität.
    γ) Auf der zweiten Stuffe hatte der Eine Factor des Products nur ein relatives Uebergewicht, auf der dritten wird er ein absolutes erlangen – durch die zwei Körper A und B wird der ursprüngliche Gegensatz wieder vollkommen repräsentirt – die Materie wird auf die erste Stuffe des Werdens zurückkehren.
    ⟨71⟩ Auf der ersten Stuffe ist noch reine Differenz, ohne Substrat, auf der zweiten Stuffe sind es die einfachen Factoren zweier Producte, die sich entgegengesetzt sind, auf der dritten sind es die Producte selbst, die sich entgegengesetzt sind; hier ist die Differenz in der dritten Potenz.
    Wenn zwei Producte einander absolut entgegengesetzt sind, so muss in jedem einzelnen die Indifferenz der Schwere (durch welche es allein ist) aufgehoben werden, und sie müssen gegeneinander gravitiren. (Auf der zweiten Stuffe war nur ein wechselseitiges Gravitiren der Factoren gegen einander – hier ist ein Gravitiren der Producte. – Dieser Process also greift zuerst auch das Indifferente des Products an, d. h. die Producte selbst lösen sich auf.
    Wo gleiche Differenz ist, ist auch gleiche Indifferenz, die Differenz der Producte also kann auch nur mit einer Indifferenz der Producte enden. – (Alle bisher abgeleitete Indifferenz war nur Indifferenz substratloser oder wenigstens einfacher Factoren. – Hier ist die Rede von einer Indifferenz der Producte). Jenes Streben wird nicht ruhen, ehe ein gemeinschaftliches Product da ist. Das Product, indem es sich bildet, geht von beyden Seiten durch alle Mittelglieder, die zwischen den beyden Producten lie⟨72⟩gen, hindurch, bis es den Punct findet, bey welchem es der Indifferenz unterliegt und das Product fixirt wird.
    Allgemeine Anmerkung. Vermöge der ersten Construction wird das Product als Identität aufgestellt, (diese Identität löst sich zwar wieder in einen Gegensatz auf, der aber nicht mehr ein an Producten haftender Gegensatz, sondern ein Gegensatz in der Productivität selbst ist. – Das Product also als Product ist Identität. – Aber auch in der Sphäre der Producte entsteht wieder Duplicität auf der zweiten Stuffe, und erst auf der dritten wird auch die Duplicität der Producte wieder Identität der Producte. – Es ist also auch hier ein Fortgang von Thesis zur Antithesis und von da zur Synthesis. – Die letzte Synthesis der Materie – schliesst sich in dem chemischen Process, soll sie noch weiter zusammengesetzt werden, so muss auch dieser Kreis wieder sich öffnen.
    Wir müssen es unsern Lesern selbst überlassen, zu ermessen, auf welche Schlüsse die hier vorgetragenen Principien führen, und welcher allgemeine Zusammenhang durch sie in die Naturerscheinungen gebracht werde. – Um jedoch Eine Probe zu geben, so ist, wenn in dem chemischen Process das Band der Schwere sich löst, die Erscheinung des Lichts, ⟨73⟩ welche den chemischen Process in seiner grössten Vollkommenheit (als Verbrennungs-Process) begleitet, eine sonderbare Erscheinung, welche weiter verfolgt bestätigt, was im Entw. S. 146 gesagt wird: „die Action des Lichts muss mit der Action der Schwere, welche die Centralkörper ausüben, in geheimem Zusammenhang stehen“. – Denn wird nicht jene Indifferenz der Schwere in jedem Moment aufgelöst, da ja die Schwere als immer thätig ein beständiges Aufheben der Indifferenz voraussetzt? – So bewirkt also die Sonne durch die auf die Erde ausgeübte Vertheilung ein allgemeines Auseinandergehen der Materie in den ursprünglichen Gegensatz (und dadurch die Schwere). Jenes allgemeine Aufheben der Indifferenz ist es, was uns (belebten) als Licht erscheint; wo also jene Indifferenz sich auflöst (im chemischen Process), da muss uns Licht erscheinen. – Nach dem Vorhergehenden ist es Ein Gegensatz, der vom Magnetismus an durch die Electricität endlich in die chemischen Erscheinungen sich verliert. Im chemischen Process nämlich wird das ganze Product + E oder – E (der positiv-electrische Körper ist bei absolut unverbrannten immer auch der verbrennlichere, dagegen das absolut Unverbrennliche Ursache aller negativ-electrischen Beschaffenheit ist), und wenn es erlaubt ist Einmal die Sache ⟨74⟩ umzukehren, was sind denn die Körper selbst als verdichtete (gehemmte) Electricität? – Im chemischen Process löst sich der ganze Körper in + E oder – E auf. Das Licht ist überall Erscheinung des positiven Factors im ursprünglichen Gegensatz; wo daher der Gegensatz hergestellt wird, ist für uns Licht, weil überhaupt nur der positive Factor angeschaut, und der negative nur empfunden wird. – Ist nun der Zusammenhang der täglichen und jährlichen Abweichung der Magnetnadel mit dem Licht begreiflich – und, wenn in jedem chemischen Process der Gegensatz sich löst, – begreiflich, dass Licht Ursache und Anfang alles chemischen Processes ist?
    f) Der dynamische Process ist nichts anderes als die zweite Construction der Materie, und so viele Stuffen des dynamischen Processes es giebt, so viele Stuffen in der ursprünglichen Construction der Materie.
    Dieser Satz ist der umgekehrte des Satzes e). Was im dynamischen Process am Product wahrgenommen wird, geschieht jenseits des Products mit den einfachen Factoren aller Dualität.
    Der erste Ansatz zur ursprünglichen Production ist die Begränzung der Productivität durch den ursprünglichen Gegensatz, der als Gegensatz (und als Bedingung aller Construction) nur noch ⟨75⟩ im Magnetismus unterschieden wird; die zweyte Stuffe der Production ist der Wechsel von Expansion und Contraction, der als solcher nur noch in der Electricität sichtbar wird; die dritte Stuffe endlich ist der Uebergang jenes Wechsels in Indifferenz, der als solcher nur noch in den chemischen Erscheinungen erkannt wird.
    Magnetismus, Electricität und chemischer Process sind die Categorien der ursprünglichen Construction der Natur – diese entzieht sich uns und liegt jenseits der Anschauung, jene sind das davon zurückbleibende, feststehende, fixirte – die allgemeinen Schemate der Construction der Materie.
    Und – um hier den Kreis in dem Puncte wieder zu schliessen, von dem er anfieng, wie in der organischen Natur in der Stuffenfolge der Sensibilität, der Irritabilität und des Bildungstriebs in jedem Individuum das Geheimniss der Production der ganzen organischen Natur liegt, so liegt in der Stuffenfolge des Magnetismus, der Electricität und des chemischen Processes, so wie sie auch am einzelnen Körper unterschieden werden kann, das Geheimniss der Production der Natur aus sich selbst.
 
 
C.
 
Wir sind jetzt der Auflösung unsrer Aufgabe, die Construction der organischen und anorgischen ⟨76⟩ Natur auf einen gemeinschaftlichen Ausdruck zu bringen, näher gerückt.
    Die anorgische Natur ist das Product der ersten, die organische das Product der zweiten Potenz – (so wurde oben festgesetzt; es wird sich bald zeigen, dass sie Product einer noch höheren Potenz ist); – darum erscheint diese in Bezug auf jene zufällig, jene in Bezug auf diese nothwendig. Die anorgische Natur kann ihren Anfang nehmen aus einfachen Factoren, die organische nur aus Producten, die wieder zu Factoren werden. Darum wird eine anorgische Natur überhaupt erscheinen als von jeher gewesen, die organische als entstanden.
    In der organischen Natur kann es zur Indifferenz auf dem Wege nicht kommen, auf welchem es in der anorgischen dazu kommt, weil das Leben eben in dem beständigen Verhindern, dass es zur Indifferenz komme, besteht, wodurch freilich nur ein Zustand herauskommen kann, der der Natur gleichsam abgezwungen ist.
    Durch die Organisation wird die Materie, die durch den chemischen Process schon zum zweitenmal zusammengesetzt ist, noch einmal zurückversetzt in den Anfangspunct der Bildung; (der oben beschriebene Kreis noch einmal geöffnet), es ist kein Wunder, dass die immer wieder in die Bildung zurückgeworfne Materie endlich als das vollkommenste Product wiederkehre.
    ⟨77⟩ Dieselben Stuffen, welche die Production der Natur ursprünglich durchläuft, durchläuft auch die Production des organischen Products, nur dass diese auf der ersten Stuffe schon mit Producten der einfachen Potenz wenigstens anfängt. – Auch die organische Production beginnt mit Begränzung, nicht der ursprünglichen Productivität, sondern der Productivität eines Products, auch die organische Bildung geschieht durch den Wechsel von Expansion und Contraction, wie die ursprüngliche, aber es ist ein Wechsel, der nicht in der einfachen Productivität, sondern in der zusammengesetzten statthat.
    Aber im chemischen Process ist das alles auch, und im chemischen Process kommt es doch zur Indifferenz. Der Lebensprocess muss also wieder die höhere Potenz des chemischen seyn, und wenn das Grundschema von jenem Duplicität, wird das Schema von diesem Triplicität seyn müssen. Aber das Schema der Triplicität ist das des galvanischen Processes (Ritter's Beweis etc. S. 172), also steht der galvanische Process, (oder, der Process der Erregung) eine Potenz höher als der chemische, und das Dritte, was diesem fehlt und was jener hat, verhindert, dass es zur Indifferenz im organischen Product komme. *)
——————
*) Dieselbe Ableitung ist schon im Entw. S. 177 gegeben. – Was die dynamische Action seye, welche
 
    ⟨78⟩ Da es die Erregung zur Indifferenz im einzelnen Product nicht kommen lässt, und der Gegensatz doch da ist (denn noch immer folgt uns jener ursprüngliche Gegensatz *), so bleibt der Natur nichts übrig, als Trennung der Factoren in verschiednen Producten. – Die Bildung des einzelnen Products kann ebendesswegen keine vollendete Bildung, und das Product kann nie aufhören, productiv zu seyn **) – Der Widerspruch in der Natur ist der, dass das Product productiv (d. h. Product der dritten Potenz seyn), und dass doch das Product als Product der dritten Potenz in Indifferenz übergehen soll.
——————
nach dem Entwurf auch Ursache der Erregbarkeit ist, ist jetzt wohl klar genug. Es ist die allgemeine Action, die überall durch Aufhebung der Indifferenz bedingt ist, und die zuletzt gegen Intussusception (Indifferenz der Producte) tendirt, wo sie nicht wie im Process der Erregung beständig daran verhindert wird.
*) Der Abgrund von Kräften, in den wir hier hinabsehen, öffnet sich schon durch die Eine Frage: welchen Grund in der ersten Construction unserer Erde es wohl haben möge, dass keine Erzeugung neuer Individuen anders als unter Bedingung entgegengesetzter Potenzen auf ihr möglich ist? Vergl. eine Aeusserung von Kant über diesen Gegenstand; in seiner Anthropologie.
**) Es kommt in dem Product zur Indifferenz der ersten und selbst der zweiten Potenz (es kommt z. B. durch
 
    ⟨79⟩ Diesen Widerspruch sucht die Natur dadurch zu lösen, dass sie selbst die Indifferenz durch Productivität vermittelt, aber auch diess gelingt nicht, denn der Akt der Productivität ist nur der zündende Funke eines neuen Erregungsprocesses; das Product der Productivität ist eine neue Productivität. – In diese als ihr Product geht nun freylich die Productivität des Individuums über, das Individuum hört also schneller oder langsamer auf, productiv zu seyn, aber eben damit hört es auch auf, Product der dritten Potenz zu seyn, und den Indifferenzpunct erreicht die Natur mit ihm erst, nachdem es zu einem Product der zweiten Potenz herabgekommen ist. *)
    Und nun das Resultat von dem allem? – Die Bedingung des organischen (wie des anorgischen) Products ist Dualität. Allerdings, aber organisches productives Product ist es nur dadurch, dass die Differenz nie Indifferenz wird.
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die Erregung selbst zu einem Ansatz von Masse [d. h. zur Indifferenz der ersten Ordnung], und selbst zu chemischen Producten [d. h. zur Indifferenz der zweiten Ordnung], aber zur Indifferenz der dritten Potenz kann es nicht kommen, weil diese selbst ein widersprechender Begriff ist.
*) Aus welchen Widersprüchen das Leben hervorgehe, und dass es überhaupt nur ein gesteigerter Zustand gemeiner Naturkräfte seye, zeigt nichts mehr, als der Widerspruch der Natur in dem, was sie durch die
 
    ⟨80⟩ Es ist also unmöglich, die Construction des organischen und anorgischen Products auf einen ge-
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Geschlechter zu erreichen versucht, ohne es erreichen zu können. – Die Natur hasst das Geschlecht, und wo es entsteht, entsteht es wider ihren Willen. Die Trennung der Geschlechter ist ein unvermeidliches Schicksal, dem sie, nachdem sie einmal organisch ist, sich fügen muss, und das sie nie verwinden kann. – Durch jenen Hass gegen die Trennung selbst sieht sie sich in den Widerspruch verwickelt, dass sie, was ihr zuwider ist, aufs sorgfältigste ausbilden und auf den Gipfel der Existenz führen muss, als ob es ihr darum zu thun wäre, da sie doch immer nur nach der Rückkehr in die Identität der Gattung verlangt, welche aber an die (nie aufzuhebende) Duplicität der Geschlechter als an eine unvermeidliche Bedingung gefesselt ist. – Dass sie das Individuum nur gezwungen und der Gattung wegen ausbildet, erhellt daraus, dass ihr, wo sie in einer Gattung das Individuum länger erhalten zu wollen scheint (obgleich diess nie der Fall ist), dagegen die Gattung unsicherer wird, indem sie die Geschlechter weiter auseinander halten und gleichsam voreinander flüchten muss. In dieser Region der Natur ist der Verfall des Individuums minder sichtbarschnell, als da wo die Geschlechter sich näher sind, wie in der schnell hinwelkenden Blume, wo sie bey ihrem Entstehen schon in den Einen Kelch wie in das Brautbett gefasst sind, wo aber ebendesswegen auch die Gattung gesicherter ist.
 
    Die Natur ist das trägste Thier, und verwünscht die Trennung, weil diese allein ihr den Zwang der Thätigkeit auferlegt; sie ist nur thätig um jenes
⟨81⟩ meinschaftlichen Ausdruck zu bringen, und die Aufgabe ist unrichtig, also auch die Auflösung unmöglich. Die Aufgabe setzt voraus, organisches und anorgisches Product seyen sich entgegengesetzt, da doch jenes nur die höhere Potenz von diesem und nur durch die höhere Potenz der Kräfte hervorgebracht ist, durch welche auch dieses hervorgebracht wird. – Sensibilität ist nur die höhere Potenz des Magnetismus, Irritabilität nur die höhere Potenz der Electricität, Bildungstrieb nur die höhere Potenz des chemischen Processes. – Aber Sensibilität und Irritabilität und Bildungstrieb sind alle nur begriffen in jenem Einem Process der Erregung. (Der Galvanismus afficirt sie alle). *) Aber sind sie nur die höhern Functionen des Magnetismus, der Electricität u. s. w., so muss es auch für diese wieder eine solche höhere Synthesis in der Natur geben, **) welche aber ohne Zweifel nur in der Natur, inso-
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Zwangs los zu werden. – Die Entgegengesetzten müssen ewig sich fliehen, um sich ewig zu suchen, und sich ewig suchen, um sich nie zu finden; nur in diesem Widerspruch liegt der Grund aller Thätigkeit der Natur.
*) Seine Wirkung auf Reproductionskraft (sowie Rückwirkung besonderer Zustände dieser Kraft auf galvanische Erscheinungen) ist noch weniger beachtet, als wohl nöthig und nützlich wäre. S. den Entw. S. 193.
**) Vergl. oben die Anm. S. 14.
 
⟨82⟩fern sie als Ganzes betrachtet absolut organisch ist, gesucht werden kann.
    Und diess ist denn auch das Resultat, auf welches jede ächte Naturwissenschaft führen muss, dass nämlich der Unterschied zwischen organischer und anorgischer Natur nur in der Natur als Object seye, und dass die Natur als ursprünglich-productiv über beiden schwebe.
 
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Es ist noch Eine Bemerkung übrig, die wir machen können, nicht so sehr ihres eignen Interesses wegen, als um das zu rechtfertigen, was wir oben über das Verhältniss unsers Systems zu dem bisher sogenannten dynamischen gesagt haben. – Wenn man nämlich fragt, als was jener ursprüngliche, in dem Product aufgehobene, oder vielmehr fixirte Gegensatz in dem Product auf dem Standpunct der Reflexion sich zeigen werde, so kann man, was man durch Analysis davon in dem Product findet, nicht besser bezeichnen, als durch Expansiv- und Attractiv- (oder retardirende) Kraft, wozu denn doch immer noch die Schwerkraft als das Dritte hinzukommen muss, wodurch jene Entgegengesetzten erst das werden, was sie sind.
    Indess gilt diese Bezeichnung nur für den Standpunct der Reflexion oder der Analysis, und kann zur Synthesis gar nicht gebraucht werden, und so hört ⟨83⟩ unser System gerade da auf, wo Kant's und seiner Nachfolger dynamische Physik anfängt, nämlich bei dem Gegensatz wie er in dem Product sich vorfindet.
    Und hiermit übergibt der Verfasser diese Anfangsgründe einer speculativen Physik den denkenden Köpfen des Zeitalters, indem er sie bittet, in dieser – keine geringen Aussichten eröffnenden Wissenschaft gemeine Sache zu machen, und was ihm an Kräften, Kenntnissen oder äussern Verhältnissen abgeht, durch die ihrigen zu ersetzen.