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==1. Heft.==
===Die Sängerin. Von Kaspar Netscher.===

[[File:Gemäldegalerie Alte Meister (Dresden) Galeriewerk Payne 002.jpg|4500px|center]]

In dem Gebäude, welches die Generalstaaten im Haag dem päpstlichen Legaten, Cardinal Cesare Detti Barberini zur Verfügung gestellt hatten, ging im Frühjahre 1655 ein glänzendes Fest zu Ende.

(contracted; show full)
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===Gerard Dow. Von ihm selbst.===
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====Das Menuet.====
Wir treten in das Atelier des Meisters Gerard Dow zu Leyden. Dasselbe bietet einen bewunderungswürdigen Anblick dar. Im Gegensatze zu den Werkstätten eines Rembrandt und Teniers, wo die verschiedenen Gegenstände und Geräthschaften in großer, fast zu genialer Unordnung umher lagen und standen, herrschte hier eine Ordnung und eine Sauberkeit, die sich vom Großen bis auf das Geringste herab erstreckte. Die Meubles, die Staffeleien waren malerisch gruppirt; mit ausgezeichnetst(contracted; show full) diese mit gewandtester Wahrheit gemalte Scene aus dem Tagesleben der Niederländer? Das ganze Bild des Meisters ist von einer ausgezeichneten Gefälligkeit; das Volksleben ist von einer echt künstlerischen Seite aufgefaßt – einer der Vorzüge van der Velde’s. Wir werden bald Gelegenheit haben, diesen Maler und seine Kunst näher zu charakterisiren, weshalb hier diese Notiz genügen möge.
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===Die Lautenspielerin. Von van der  Neer.===

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4500px|center]]

In das Haus des ehrenwerthen Rathsherrn Aart van Jongh an der alten Westewaagen-Straat zu Rotterdam kamen an einem schönen, heitern Abende des Spätherbstes des Jahres 1769 viele der angesehensten Personen der Stadt. Die mit breiten goldgepreßten Ledertapeten verzierten Zimmer füllten sich allmälig mit geputzten Herren und Damen, und unter den letzteren glänzte vorzugsweise eine Brabanterin, Helene Du Chatel, eine entfernte Verwandte des reichen Gastgebers.

(contracted; show full)

Der Meister selbst starb, nachdem er sich zum dritten Male, mit einer Malerin Brekvelt in Düsseldorf, vermählt hatte, in letzterem Orte im Jahre 1703 im 60. Jahre seines Alters. Er war spanischer Hofmaler und lebte in Düsseldorf am pfälzischen Hofe in hohen Ehren.
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===Franz van Mieris. Von ihm selbst.===

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An einem Februarabende des Jahres 1659 kehrten die Andächtigen der guten alten Stadt Leyden aus der in der prächtigen Peterskirche gehaltenen Fastenpredigt nach ihren Wohnungen zurück. Die breite Straße Leidens, eine Straße, wie sie die Metropolen Europas nicht schöner und großartiger aufzuweisen haben, war von dem bunten Gefühle der Heimwandelnden erfüllt. Die meisten der mit silber- und goldverzierten Andachtsbüchern versehenen Männer, Frauen und Mädchen gingen, die Worte des Priesters noch(contracted; show full)

– Aber welches? Was verlangt Ihr, edler Herr? fragte Franz gerührt.

– Malt uns Beide und dies Euer Atelier mit Allem, was darin ist, und selbst mit diesem Bilde auf der Staffelei. Ich gebe Euch vergängliches Metall, werde aber in Eurem Gemälde einen Schatz erhalten, den man so lange bewundern wird, als der Name Franz Mieris in der Kunstwelt nicht vergessen ist. Und das wird nimmer geschehen!


Sechs Wochen darauf war das vorliegende ausgezeichnete Bild des Malers und Cornelius’ van der Werff vollendet.

==4. Heft==
===Die Nähterin. Von Netscher.===

[[File:Gemäldegalerie Alte Meister (Dresden) Galeriewerk Payne 010.jpg|500px|center]]

Kaspar Netscher, einer der ausgezeichnetsten Maler des 17. Jahrhunderts, 1639 zu Heidelberg geboren und 1684 im Haag gestorben, gehört, da er in Holland unter Terbourg und Dow seine Ausbildung vollendete, der niederländischen Schule an. Er lieferte Gesellschafts- und kleinere historische Stücke und sehr viele Portraits. Netschers Gemälde stehen den Arbeiten Terbourgs, was die Zeichnung betrifft, wenigstens gleich. Hinsichtlich der Ausführung aber übertreffen sie dieselben. Seine täuschende Nachahmung der Stoffe, des Atlasses, des Sammets ist einzig, der Faltenwurf seiner Gewandung ebenso naturgetreu als gefällig. Seine anmuthigen Figuren, sein verschmolzenes, kräftiges Colorit, wenn auch eben nicht seine meist einfache Erfindung, trägt das Gepräge der Vollendung. Er benutzte gewöhnlich edlere Situationen und Scenen, als viele der damaligen niederländischen Maler zu seinen Darstellungen.

Netscher hatte, obwohl er ein bedeutendes Vermögen hinterließ, in seiner Jugend mit bitterer Armuth zu kämpfen. Sein Vater, ein Bildhauer, starb früh und der Knabe ward von einem Arzte in Arnheim, Tullekens, an Kindesstatt angenommen, welcher ihn zum Chirurg machen wollte. Seine Neigung aber zur Malerei drang durch und er ward bei einem Glasmaler in die Lehre gegeben, dem de Koster, ein Vogel- und Stillleben-Maler, als Meister des Jünglings folgte. Dann begab er sich nach dem Haag.

In seinem deutschen Gemüthe ungeachtet der Meisterstücke der dortigen Maler immer noch ein Höheres, als die Richtung der niederländischen Malerschulen ahnend und empfindend, beschloß Netscher, sich nach Italien zu begeben, um sich die idealere, das Innere des Menschen darstellende, Kunst vertraut zu machen.

Obgleich sehr arm, trat er, ungeachtet seine Freunde versuchten, ihm sein Vorhaben auszureden, etwa fünfundzwanzig Jahre alt, voll großer Hoffnungen und mit Begeisterung seine Reise an. Sie nahm jedoch ein sehr kurzes und eigenthümliches Ende, und zwar ein solches, welches geeignet war, bei den kalten, besonnenen Holländern ein Lächeln zu erregen. Netscher kam nur bis Bordeaux und kehrte hier glücklich um. Als er wieder im Haag erschien, gab Gerard Dow gutmüthig ein Witzwort zum Besten, welches Kaspar Netscher bis an seinen Tod als die schrecklichste Beleidigung ansah, während seine schöne Frau jedesmal selig lächelte, so oft auf dies Thema hingedeutet wurde.

Das Schlagwort hieß aber: ''Kaspar ist in Italien gewesen! Und was mehr sagen will, er hat sein ganzes Italien nach Holland mitgebracht.''

Wir theilen hier die Geschichte mit, welcher dieses Wort seine Entstehung verdankte. Sie steht zugleich in nächster Beziehung zu Netschers Bilde, ''die Nähterin,'' ein Gemälde, von welchem sich Netscher lange Zeit nicht trennen mochte und welches heute der königlichen Gemäldegallerie zu Dresden angehört.

Etwa fünfundzwanzig Jahre alt, kam Kaspar Netscher an einem sehr kühlen Herbstabende durch das Seethor des alten Bordeaux und durchschnitt, durchaus rathlos, die gewundenen finstern Straßen. Mancher der Franzmänner, manches der schönen Mädchen blickte den fremdgekleideten jungen Mann mit nicht geringem Interesse an, denn der Maler war hoch und stolz gewachsen, hatte ein sanftes, echtes Künstlergesicht, langes, prachtvolles, blondes Haar und einen weichen, krausen, spanischen Bart. Ein mächtiger mit Federn geschmückter Krämpenhut bedeckte seinen Kopf; ein niederländisches Wamms mit rothen, seidnen Puffen und weiten Pluderhosen hoben noch die Stattlichkeit seines Wuchses. Uebrigens waren diese Kleider, wie man selbst in der Dämmerung des Abends sah, sehr abgetragen und der Aufzug des jungen Mannes ließ vermuthen, daß er in dem Ranzen, welchen er auf dem Rücken trug, seine ganze fahrende Habe barg. Dennoch wäre es nach dem trotzigen Blicke des Wanderers nicht gerathen gewesen, ihn mit einem Lächeln zu betrachten; und was diesem herausfordernden Blicke einen besondern Nachdruck gab, das war ein quer über das Ränzchen geschnallter Raufdegen zu Hieb und Stich mit schön verzierter Lederscheide und mit einem kunstvoll gearbeiteten, vergoldeten Handkorbe.

Kaspar Netscher kam aus den Niederlanden, um sich nach Rom zu begeben. Aber seine bei seinem Ausmarsche vom Haag nur leichtbeschwerte Geldbörse war schon drei Tagemärsche vor Bordeaux bis auf den letzten Sol geleert. Ermüdet, hungrig, einsam wie ein Schiffbrüchiger auf dem Meere, ohne Hoffnung ein bekanntes Menschengesicht zu erblicken, welchem er seine Noth halle klagen können, marschirte der arme Maler durch die Straßen, um eine Herberge aufzufinden. Schon an verschiedenen Thüren hatte er angepocht, den Wirth herausgerufen und ihn gefragt:

– Beherbergt Ihr hier einen fahrenden Künstler, wenn er Euch oder einen von Euren Angehörigen nach der Kunst abconterfeit?

– <tt>Dieu m’en préserve!</tt> war die Antwort gewesen.

Netscher verließ, das Haupt immer tiefer und betrübter senkend, die breiten Hauptstraßen, um ärmere und barmherzigere Schenkwirthe aufzusuchen. In einem dieser Gäßchen waren die Thüren eines Gasthauses weit geöffnet. Es war helles Licht in den Zimmern, heitere, lärmende Gesellschaften von Seeleuten trieben da ihr Wesen und einladend stand ein dicker Mann mit weißer Schürze, sehr selbstgefällig lächelnd, in der Thür unter der großen Laterne und rief, wenn etwa ein Zug taumelnder Matrosen die Straße passirte, mit der einschmeichelndsten Stimme von der Welt die Leute an, um an den Freuden seines Paradieses Theil zu nehmen.

– Wir haben kein Geld mehr! erwiderten drei Seemänner, welche dicht vor Kaspar Netscher gingen, den Anruf des Gastgebers. Wir sind rein ausgepocht, haben auch keinen Durst mehr, und da sind wir, <tt> Sang de Dieu! </tt> heute Abend für Dich wettermäßig überflüssige Maate.

– Schämt Euch! rief der Wirth, mit beiden Händen winkend. Seit wann ist Papa Bonnet dafür bekannt, daß er einem ehrlichen Seehunde keinen Korb Rothwein mehr creditirt, wenn er sein letztes Pulver verschossen hat? Immer herein! Trinkt, Burschen, trinkt – das Uebrige wird sich dann auch wohl finden!

Die Matrosen legten um und segelten glücklich in den Hafen zur weißen Taube ein. Netscher aber glaubte in der quäkenden Stimme des Wirthes mindestens diejenige eines Engels zu hören. Rasch trat er an den Dicken heran und wiederholte seine Frage. Der Wirth war durchaus nicht gefügig, wie bei seinen Vorgängern; er sagte aber auch nicht: Nein!

Papa Bonnet musterte den Maler von oben bis unten und nahm hiernach eine sehr zufriedene Miene an.

– Schade, daß Ihr kein Kriegsmann seid! murmelte er, und mit dem Degen da zu spielen wißt, den Ihr ohne Zweifel zum Staat traget. Ich behielte Euch doppelt so gern . . . Doch mag’s drum sein! Mögt ihr mich nun malen oder nicht, so werde ich Euren Durst in meinem Keller nicht eben zu sehr spüren. Tretet näher, Herr Maler, und erquickt Euch und laßt’s Euch wohl sein aus Herzensgrund.

Netscher drückte dem Braven die Hand, ging in die Gaststube und warf Ranzen und Hut neben sich. Bonnet ließ auftischen, Weinflaschen paradirten neben seinem Abendessen, und bald saß Bonnet neben ihm und hatte den aus den Niederlanden Kommenden in ein gelegentliches Gespräch verflochten, an welchem bald ein ganzer Kreis von Seeleuten Theil nahm. Netscher mußte Neuigkeiten aus Holland erzählen. Hierbei bildete sich eine kleine Spielgesellschaft, die sich gegen Mitternacht allmälig in eine Zechgenossenschaft bester Qualität verwandelte.

Kaspar wachte am andern Tage mit einer sehr unangenehmen Empfindung auf. Erst jetzt kam ihm die Idee, daß ihm die Erinnerung an das Ende jenes Gelages fehlte; er versuchte, sich zu orientiren, wo er sich befinde, und seine höchst unbequeme Lage zu verbessern. Vergebens! Er war mit beiden Händen dicht an die Mauer gebunden und lag auf Steinen, die dürftig mit Stroh bedeckt waren. Sein Gemach war stockfinster. Hoch oben war eine kleine Luftklappe, durch deren Risse sich schmale, blendendhelle Sonnenstrahlen drängten. Bald merkte der Maler, daß er sich nicht allein befinde. Als sich sein Auge an die Dunkelheit gewöhnt hatte, unterschied er mehre elend aussehende Gestalten, von denen er bald einen erschreckenden Aufschluß über sein Schicksal empfing. Er war in die Hände eines Seelenverkäufers gerathen, eben eines solchen Unholdes, deren Treiben in Rotterdam und Amsterdam er am vorigen Abende der Gesellschaft so getreulich beschrieben hatte.

Von jetzt an begannen acht lange Leidenstage für den Deutschen, den der Wirth und ein königlich französischer Seeoffizier mit Gewalt dazu zwingen wollten, eine Bescheinigung zu unterzeichnen, welche ihn, Netscher, zum Militärdienste in den Colonien verpflichtete. Der Maler widerstand lange; am Ende thaten Hunger und körperliche Züchtigungen das Ihrige: Netscher, müde bis in den Tod, willigte in Alles und unterschrieb. Jetzt ward er besser gehalten und man kündigte ihm an, daß er in den nächsten Tagen zur See gehen werde. Die Verzweiflung des Künstlers ist nicht zu beschreiben. Es war, als werde er zum Richtplatze geführt, als man ihn gegen Abend seiner Fesseln vollständig entledigte, um ihn aus dem Hause hinaus und zur See zu bringen. Sein Muth ward plötzlich wieder lebendig, als er draußen vor der Thür ein Commando Soldaten erblickte, welche ihn escortiren sollten. Er riß sich los, lief durch den Gasthof in die Binnenhöfe und rannte aufs Geradewohl eine Treppe hinan, bis er vor einen verschlossenen Boden kam, so daß ihm, da er seine Verfolger hörte, keine Wahl blieb, als aus einem Fenster hinaus auf das Dach zu klettern. Hier hoch in Gottes freier Luft, zwischen Schornsteinen aller Art, sprang und voltigirte der unglückliche Künstler gleich einem Gaukler oder einer Gemse von einem Dache auf das andere, so daß er, als er endlich sich umzusehen und Athem zu schöpfen wagte, das Dach des Wirthshauses zur weißen Taube mit der ungeheuren Wetterfahne drauf nicht mehr aufzufinden vermochte. Aber hier wie eine Katze konnte er doch nicht auf den Dächern die Nacht zubringen.

Er erblickte fern ein helles Fensterchen, und eine weibliche Gestalt in dem Stübchen und beschloß, das Mitleid derselben anzuflehen. Als Netscher vor das Fenster kam, blieb er, ungeachtet seiner schrecklichen Lage, gefesselt und entzückt unbeweglich sitzen.

Sein Künstlerauge ward durch den Anblick einer ''Nähterin'' zauberisch berührt. Sie war ein junges Mädchen in vollster Blüthe der Schönheit und Gesundheit, mit einem Engelsgesichte, welche, ganz allein sitzend, ihre Feuer-Kieke vor sich, den größten Nähkorb mit der Scheere drauf neben sich, ämsig nähte. Das Mädchen war einfach, aber geschmackvoll gekleidet und hielt ein schönes Atlas-Nähkissen auf den Knien, von welchem sich ihre halb entblößten Arme schön abhoben.

Netscher zauderte nicht länger und pochte ans Fenster. Die Schöne, obwohl erschrocken, war muthiger als er glaubte; sie kam und öffnete. Jetzt brachte der Maler seine Bitte um Schutz an. Fanchonette sagte ihm denselben mit Thränen zu und half ihm beim Einsteigen in ihr jungfräuliches Gemach. Hier wurde der Maler gewahr, daß die ganzen Häuser an den Straßen in der Nachbarschaft des Wirthshauses nach einem Deserteur, einem Soldaten des Königs, durchsucht waren. Dennoch beharrte Fanchonette bei ihrem Entschlusse, den schönen, jungen Mann seiner Kunst und einem glücklichen Leben zu retten.

Das schöne Mädchen, jeden Augenblick mehr von dem Flüchtlinge angezogen, gestand, daß sie, eine Dienerin eines der ersten Edelleute von Bordeaux, eines Hauptmanns von den Musketenschützen, gar keinen Ausweg wisse, ihn zu verbergen, als dadurch, daß sie ihn auf ihrem Zimmer behalte. Dies geschah wirklich; der Maler, um sich den Blicken der jede Minute bei Fanchonetten kommenden und gehenden Mägde und sonstigen Dienerinnen zu verbergen, mußte sich bequemen, drei Tage lang unter dem Bette der Französin zuzubringen, von welcher schrecklichen Lage er nur erst spät Abends befreit werden konnte.

Inzwischen war Fanchonette zu dem Consul, dem Handelsbevollmächtigten Hollands, gelaufen. Die Behörden nahmen sich des Malers an und riethen, die Niederländer nicht durch einen Gewaltstreich gegen einen ihrer nicht unbedeutenden Landsleute zu erbittern, und endlich gelang’s: der Gouverneur von Bordeaux erklärte den Maler für frei und ledig, erlaubte ihm sogar, sich, so lange er wolle, in dieser Stadt zu verweilen und jederzeit seines Schutzes gewärtig zu sein.

Drei Wochen später verheirathete sich Kaspar Netscher zu Bordeaux mit seiner Retterin. Jetzt mußte er auf seinen und seiner Gattin Unterhalt denken und eine Reise nach Italien war vorläufig unmöglich. Netscher kam nie dorthin.

Wie schon gesagt, kehrte er bald mit seiner Frau nach dem Haag zurück, wo er seine eigentliche Wirksamkeit erst eröffnete. Von jetzt an hieß es: ''Kaspar Netscher ist in Italien gewesen!''
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===Die Spieler. Von Caravaggio.===

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Wo die Italiener aus ihrer durchschnittlich idealen Richtung in der Malerei heraustreten und sich als Naturalisten und Individualistiker zeigen, da sind sie dennoch in der Wahl ihrer Stoffe, Form und Ausdrücke weit von der Naturalistik der Niederländer entfernt. Beide schreiben das Leben aufs Genaueste ab. Der Niederländer aber schildert, selbst stets unerschütterlich ruhig, vorzugsweise die äußerliche Erscheinung; der Italiener, seine südliche Natur keinen Augenblick verleugnend, kehrt die innerliche, psychologische Seite heraus. –

Als einen dieser italienischen Maler, und zwar als einen solchen, welcher der ergreifendsten Wahrheit, eines fast tragischen Pathos mächtig ist, nennen wir Michel Angelo Amerighi, oder Merighi, genannt Michel Angelo da Caravaggio. Er war zu Caravaggio im Mailändischen 1569 geboren und war anfangs Maurergeselle. Als er es erlangt hatte, seiner Neigung für die Malerei zu folgen, bildete er sich nach den großen Venetianern und trat in Rom mit seinen naturwahren Schöpfungen der kraftlosen, gehaltentbehrenden, idealen Richtung in der Malerei energisch entgegen. Seine Darstellung erfaßte die leidenschaftlichen, düstern Erregungen der Menschenbrust in meist schroffer, ungemilderter Form. Um sie so gewaltsam und ergreifend als möglich zu schildern, wie es seinem eigenen ungestümen Innern angemessen war, bediente er sich nur der niedern, rohen Natur. Wo die Sujets mit seiner eigenthümlichen Darstellungsweise zusammentreffen, da liefert Cavavaggio das ausgezeichnet Vollendete. Sein Colorit, seine Beleuchtung sind mächtig, schlagend. Erhabene Compositionen zieht er ins Niedrige, zeigt aber auch hier immer seine Vorzüge.

Caravaggio’s Leben steht in genauem Zusammenhange mit seinen Bildern, es ist wie diese leidenschaftlich düster, verworren. Der Maler war ein Raufbold, ein Spieler, der seines Ungestümes wegen nirgend lange geduldet wurde. In Malta schlug ihn der Großmeister der Johanniter zum Ritter. Aber auch dort, für dieses kriegerische Leben war Caravaggio zu wild. Auf seiner Rückreise nach Rom ward er, aus Anlaß früherer Abenteuer, überfallen und tödtlich verwundet. Er starb 1609.

Das vorliegende Bild „Die Spieler“ schließt sich genau an das Leben des Meisters an. Es ist düster und ergreifend, wie dasjenige, was den Caravaggio flüchtig aus Rom trieb. – Dies war ein in einem verdächtigen Hause nach einer bacchantischen Nacht und einer unglücklichen Spielpartie verübter Mord.

Der Inhalt dieses Stücks kann unmöglich vollständiger getroffen und bezeichnet werden, als eben durch diese Skizze aus dem Leben des Malers.

Caravaggio war noch jung, als er, von Mailand und Venedig kommend, in Rom eintraf. Hier herrschte damals schon in der Malerwelt Giuseppe Cesari, genannt Josepin il Cavaliere d’Arpino, ein Römer von Geburt; die bedeutendste Erscheinung unter den sogenannten Manieristen. Sein blühendes Colorit, seine ungewöhnliche Handfertigkeit machten ihn zum ersten damaligen Maler der römischen Schule, zum Lieblinge des Papstes Clemens VIII. und des Cardinals Bischof Ottoboni von Palestrina. Caravaggio suchte die Bekanntschaft des Meisters, und ungeachtet ihrer geradewegs sich entgegenlaufenden Richtungen entstand zwischen Beiden ein Freundschaftsverhältniß. Dies wurde noch enger geschürzt, als der heißblütige Caravaggio für die einzige schöne Schwester Cesari’s, Teresina, eine der Heftigkeit seines Charakters entsprechende Neigung faßte. – Aber der Launische, Ungestüme zerriß die Bande der Liebe sehr bald, noch rascher, als er sie angeknüpft hatte. Er verließ Teresina, und schloß sich einer Gesellschaft lebenslustiger Künstler und Cavaliere an, und es währte nicht lange, da war Caravaggio das Musterbild der Wüstlinge Roms. – Aber eben aus diesen Zweikämpfen, diesen Zechgelagen und Verführungsgeschichten junger Mädchen und Männer, aus diesem ganzen bacchantischen Treiben, in welchem jeder Andere zu Grunde gegangen wäre, nahm unser Künstler seine beste Kraft und die Stoffe zu seinen, durch ihr Pathos unwiderstehlich ergreifenden Kunstschöpfungen.

Es waren die ersten Schritte, die der junge Mann, nachdem er die Schule hinter sich hatte, auf seiner eigenen Bahn machte, und dieser Anfang war für seine folgende Wirksamkeit entscheidend.

Seine die gluthherzigen Italiener mit voller Macht packenden Gemälde, die charakteristisch zur Erscheinung brachten, was in jener Zeit vor dem dreißigjährigen Kriege in allen Gemüthern gährte, ließen die oberflächlichen Arbeiten des idealisirenden Giuseppi Cesari und seines Anhanges zu bleichen Schatten und Nebelbildern herabsinken. In diesen, getreue Naturwahrheit und mächtiges Gefühl athmenden, psychologischen Nachtstücken war von Caravaggio dem früheren Freunde und seiner Schule ein Kampf auf Leben und Tod angekündigt. Und Caravaggio kämpfte als ein Mann. –

In eben der Zeit ward dem einzelnstehenden Michel Angelo eine mächtige Hülfe. Von der, von Ludovico Caracci zu Bologna gestifteten <tt> Accademia degli incamminati </tt> (aus <tt> incamminare, </tt> in den Gang bringen), von dieser Malerschule, welche eine vollständige Reform italienischer Kunst anstrebte, kamen Agostino und Annibale Caracci nach Rom, um die Arbeiten an der farnesischen Gallerie zu übernehmen. Agostino Caracci, der Meister der verführerischen in Kupfer gestochenen Compositionen, nicht weniger ausschweifend als Caravaggio, ward augenblicklich der genaueste Freund desselben, und alle drei Künstler mit ihrem Anhange warfen sich jetzt auf Cesari’s Schule, um sie zu vernichten.

Es ist unmöglich, den Todeshaß zu beschreiben, den Giuseppe Cesari von dieser Zeit an auf Caravaggio warf. Noch immer hatte er den Gedanken festgehalten, Michel Angelo werde bald von seinem liederlichen Leben zurückkehren, er werde bald ausgetobt haben, und von den Raufbolden und Spielern zu ihm, dem Cesari, von den feilen Dirnen aber zur trauernden Teresina reuig zurückkehren.

Und war dies geschehen, dann konnte er leicht zu der Einsicht gebracht werden, die Ueberkraft in seinen Gemälden müsse gemäßigt, und zu dem Niveau der Manieristen herabgedrückt werden.

Jetzt aber in den Händen der Caracci’s, der rigorosen Reformatoren, war Caravaggio für Cesari wie für Teresina verloren.

Die Rache erwachte in dem Herzen des Meisters. Giuseppe besaß einen Bruder, Balsamo d’Arpino, welcher Capitano in der päpstlichen Leibwache war. Er übernahm es, den treulosen, undankbaren Caravaggio zu bestrafen. Aber der feige Römer getraute sich’s nicht, dem Gladiator Aug’ in Aug’ gegenüberzutreten. Er wandte sich an einen Officier der Sbirren, Hans Haßli, einen Schweizer von Geburt, von dem es bekannt war, daß er das eisernste Handgelenk in ganz Rom besaß. Haßli, gut bezahlt, versprach den Maler noch an demselben Tage zu einem Duell zu veranlassen, und ihn mit einem Degenstoße für immer stumm zu machen. Die Cesari’s bezeichneten dem Schweizer den Ort, wo Caravaggio mit seinen Genossen die Nächte zu durchschwärmen pflegte, und Haßli ging, am Arme eines seiner Soldaten, gemüthlich nach dem bezeichneten Häuschen.

Hier war’s noch leer: aber Caravaggio, der getreueste Gast der dicken sicilianischen Wirthin, war schon hier. Einige vollbusige, nachtäugige Mädchen standen neben ihm, während der Maler in heiterster Laune seine Taschen umkehrte und einige Hundert – soeben für ein Gemälde empfangene – Goldstücke auf den Tisch warf.

Beim Anblicke dieses Goldes blieb Haßli, welcher eben im Begriff war, ohne weitere Umstände die Feindseligkeiten dadurch zu eröffnen, daß er dem Maler eine Ohrfeige applicirte, nachdenklich stehen, und schob sein Federbaret auf ein Ohr. Er konnte Caravaggio niederstrecken, aber damit erbte er dies Geld nicht. Der Künstler mußte gerupft, und dann erst erstochen werden.

Haßli knüpfte mit Caravaggio ein Gespräch an und nach einer Minute saßen sie Beide an einem Tischchen, die Karten in der Hand, Jeder einen Goldhaufen vor sich, sich gegenüber, indeß der in seinen Mantel gehüllte Sbirre gleichmüthig das Spiel betrachtete.

Die beiden Spieler waren Spieler, aber Haßli, welcher mit dem Golde spielte, wofür er den Maler ermorden sollte, war außerdem ein Schurke. So kam’s, daß der Schweizer mit Hülfe seiner Kartenkünste ein Zehend der Zechinen nach dem andern gewann und seinen starken Arm drüber legte.

Dem jungen Maler stand der Verstand still; aber wiederum begann er eine neue Taille, obgleich er nicht mehr recht deutlich wußte, was mit ihm geschah. – Seine Goldstücke waren bis auf ein Dutzend zusammengeschmolzen; da warf Caravaggio wild die Karte auf den Tisch.

Jetzt erst sah er den Sbirren hinter sich, an welchen er gar nicht mehr gedacht, und entdeckte, daß dieser dem Schweizer durch Zeichen mit den Fingern von seinen Hauptkarten Zeichen gab. Im Nu hatte Caravaggio den Degen gezogen und Hans Haßli lag die Secunde drauf todt am Boden. – Caravaggio floh und entkam glücklich. Giuseppe Cesari aber erlag, seiner Anstrengung ungeachtet, seinen Feinden. Während Caravaggio’s gute Stücke ewig neu bleiben, hatte Cesari sich in seinen besten Gemälden schon lange vor seinem Tode überlebt. Wahrscheinlich war er’s, welcher den Caravaggio überfallen ließ, um seine ein Mal vereitelte Rache dennoch endlich zu befriedigen.
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===Die Dorfschenke. Von Cornelius Bega.===

[[File:Gemäldegalerie Alte Meister (Dresden) Galeriewerk Payne 012.jpg|500px|center]]

Cornelius Bega wurde 1620 in Haarlem geboren und starb daselbst an der Pest im Jahre 1664. Sein Vater war Bildhauer und nannte sich Peter Begyr. Von ihm empfing Bega vermuthlich den ersten Unterricht in der Kunst, bis er später ein Schüler von Adrian Ostade und zwar einer seiner besten wurde. Seine Stoffe sind ländliche Festlichkeiten, Wirthshausscenen, Laboratorien von Adepten und Alchymisten u. s. w. Seine Kupferstiche sind sehr geschätzt und seine Werke, jetzt meist in festen Händen, wurden sonst sehr gesucht und mit gewaltigen Summen bezahlt.

Das unstäte und unordentliche Leben dieses Künstlers muß dem Umstande zugeschrieben werden, daß er sehr früh aus dem Vaterhause weichen mußte. Daher rührt wohl auch der Name Bega, unter welchem allein er später gekannt wurde.

Das vorliegende Werk zeigt das Charakteristische des Malers in ausgezeichneter Weise. Während wir die meisterhafte Technik und Naturwahrheit bewundern, können wir nicht umhin, die niedrigen rohen Stoffe, welche er darstellte, unschön und abstoßend zu finden.





==Anmerkung WS==
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