Difference between revisions 1996114 and 1996121 on dewikisource{{LineCenterSize|100|23|Der}} {{LineCenterSize|160|23|'''KUNSTVEREIN.'''}} {{Linie}} {{LineCenterSize|100|23|NEUE SERIE:}} {{LineCenterSize|110|23|''Stahlstich-Sammlung der vorzüglichsten Gemälde''}} {{LineCenterSize|90|23|der}} {{LineCenterSize|140|23|DRESDENER GALLERIE.}} (contracted; show full) Das Heer trauerte lange um seinen „Oncle“. Der Herzog von Enghien nahm, als der Nächste nach ihm, bis zur Ankunft Turenne’s den Oberbefehl an, welcher an der Spitze seiner Truppen die letzten Phasen des dreißigjährigen Kriegs bis zum baldigen Frieden von Münster und Osnabrück gestalten half. ==19. Heft.== ===Marie mit dem Christuskinde. Von Tizian.=== [[File:Gemäldegalerie Alte Meister (Dresden) Galeriewerk Payne 049.jpg|600px|center]] Wie der unvergleichliche Cristo della Moneta, Christus mit dem Zinsgroschen, fast am Anfange der glänzenden Künstlerlaufbahn steht, ein Werk seiner ersten Jugendbegeisterung, so gehört diese Marie mit dem Jesuskinde zu den Bildern, durch welche der altgewordene Meister seine ungeschwächte geniale Schöpferkraft bewährte. Das Bild besitzt nicht den idealen Schwung, dem Tizian bei seinem Christus mit dem Zinsgroschen folgte, und kann an geistiger Weihe mit den Madonnenbildern des göttlichen Urbiners nicht wetteifern; dennoch ist dasselbe von ungewöhnlichem Werthe. Es ist nicht nur aus der Portraitrichtung hervorgegangen, sondern ist, mit Ausnahme der Madonna, selbst Portrait. Und diese sanftmüthige, voll irdischen Lebens erglühende, unschuldige Mutter harmonirt im Ausdruck ihrer Züge so vollkommen mit den Gesichtern der übrigen Personen des Bildes, daß man auch ihr Bild wohl als Portrait annehmen darf, ohne einen großen Fehlgriff zu thun. Der Kopf des Jesuskindes dagegen ist rein ideal gefaßt und zeigt, ohne etwa in den sehr gewöhnlichen Fehler zu verfallen, altklug zu erscheinen, eine höchst ausgeprägte geistige Befähigung, fast möchten wir sagen, Uebermächtigkeit in den kindlichen Zügen. Die Dame, welche der Madonna Weihrauch in einem Gefäße opfert, könnte sehr wohl für deren Schwester gelten, und eben so ist die Aehnlichkeit zwischen dem dunklen bärtigen Kopfe neben der Madonna und der Dame kaum zu verkennen. Links der Mann mit dem herrlichen Lockenkopfe und dem gestutzten Barte ist Johannes der Täufer, ein rauches Gewand um die nervigen Glieder geschlagen; rechts der im Anschauen eines Crucifixes betend versunkene bärtige Greis ist St. Petrus, obwohl manche auch einen St. Jacobus aus ihm haben machen wollen. Der ganze Ausdruck des Bildes ist derjenige einer lebensheitern, poetischen, gesättigten Ruhe, und hierzu stimmt die äußerst harmonische Anordnung des Ganzen, so wie die gemilderte, obwohl dennoch immer noch brillante Färbung. Will man einige Umstände nicht unbemerkt lassen, etwa wie der junge Mann den Blick auf die Dame richtet, indeß er ihr das Jesuskind zeigt: so erscheint das Gemälde als ein <tt>Ex voto-</tt> Bild zum Danke für eine glückliche Niederkunft. Die Namen der portraitirten Personen sind dagegen nicht bekannt. ---- ===Holländische Wirthshausscene. Von Adrian v. Ostade.=== [[File:Gemäldegalerie Alte Meister (Dresden) Galeriewerk Payne 050.jpg|600px|center]] Es ist eine der in den Niederlanden noch gegenwärtig gefeierten „Bierproben“, welche Ostade mit seiner reichen Phantasie, mit seinem liebenswürdigen Humor hier vorführt. Das Hauptfaß des edlen Gerstensaftes ist nach technischem Ausdrucke angestochen und dies wichtige Ereigniß hat eine starke Gesellschaft der Dörfner in dem weiten Zimmer des Wirthshauses zusammengezogen. Mit vollendeter Wahrheit und zeugend von genialer Auffassung und genauester Kenntniß des Volkslebens, giebt der Maler uns die feinsten Abstufungen seines Stoffs, die schlagendste Charakteristik in den Köpfen und dem Thun und Treiben seiner Personen. Vom selig Entschlafenen an bis zu dem bacchantisch Erregten, welcher jubelnd den Spielmann ins Gemach zieht, sind die Schattirungen durchlaufen. Unnachahmlich wahr ist der mit höchstem Genügen sich die Zähne stochernde Mann im Hintergrunde; die naivste Heiterkeit erregt der alte Herr, welcher höchst galant seiner jungen Nachbarin sein Herz und seine Hand anzubieten wagt. Die Hauptgruppe ist im höchsten Grade fesselnd. Das ist eine ächte Holländerin. Mit welcher freundlichen Majestät empfängt sie – augenscheinlich die reichste Bauerfrau des Ortes – aus den Händen des schlau lächelnden, dienstfertigen Wirthes, das Glas mit dem delicaten Getränk. Dieses großartige Lächeln, welches die sichere Ueberzeugung ausspricht: daß eben jetzt die gründlichste Kennerin und Feinschmeckerin koste, um ihr Urtheil über das Bier abzugeben! Wir dürfen nach den sichtbaren Wirkungen desselben, unter deren Einflusse der Schullehrer die Stühle wegräumt, um den Tanz mit der dicken Frau zu eröffnen, schließen, das Faß sei ausgezeichnet gerathen. Der höchst Ungenirte, welcher den Hut verschiebt, ist der Maler selbst im Kreise seiner Schöpfung. Die holländische Gemüthlichkeit, welcher wir allenthalben begegnen, hat in der Hausfrau rechts eine zum Sprechen wahre, besondere Vertreterin. Das Grotesk-Komische, zu welchem die niederländischen Darsteller von Stoffen aus dem Volksleben fast durchgehends eine besondere Vorliebe hegen, ist auch hier anzutreffen. Der alte Bauer, welcher ein altes Mädchen küßt, giebt eine Scene, welche deshalb besonders anzumerken ist, weil sie mit zartem Tact zeigt, wie das Possirliche, Groteske, in der Malerei dargestellt werden kann, ohne daß es in den Cynismus, z. B. eines Bega, verfällt. ---- ===Die Tochter des Paul Rembrandt. Von ihm selbst gemalt.=== [[File:Gemäldegalerie Alte Meister (Dresden) Galeriewerk Payne 051.jpg|500px|center]] Der alte Meister Rembrandt von Ryn, der Magier des Helldunkels, der originellste aller holländischen Maler, stand in seinem Atelier vor zweien seiner Schüler und bereitete sich allem Anscheine nach vor, ihnen eine sehr ernste Predigt zu halten. Alle Welt kennt den malerischen, höchst ausdrucksvollen, seine Eigenthümlichkeit in ausgeprägten Zügen zeigenden Kopf des alten Zauberers in der Welt der Farben und der Leinwand. Dieser geniale Kopf war jetzt mit einer sogenannten Kapuzmütze von Fuchsfellen bedeckt. Ein bis zum Knie herabreichender, früher sehr eleganter, jetzt zerrissener und mit Farbenflecken versehener Sammetüberwurf hüllte den Alten ein. Er hatte die Hände auf den Rücken gelegt und stand mit ausgespreizten Beinen da, in der Nachlässigkeit seines Anzuges und seiner Haltung durchaus mit der in dem weitläufigen Atelier herrschenden Unordnung harmonirend. Die Schüler aber gehörten, so wie sie waren, hier gar nicht her. Es war in der frühen Morgenstunde; trotzdem waren die beiden Jünglinge augenscheinlich in dem besten Putze, welchen sie ihr Eigenthum nannten. Diese Schüler waren Philipp Koningk und Gerbrand van der Eeckhout. Koningk hatte ein weißes Seidenwamms mit gelbröthlichen Puffen, und eben solche bis in die Schuhe reichende Beinkleider angethan. Ein hellblauer Sammtmantel, und ein Barett von demselben Stoff und derselben Farbe, mit zwei langen weißen Federn, und ein respectabler, schöner Stoßtegen vollendeten den Aufputz des ziemlich hagern, kleinen und bräunlichen jungen Mannes. – Gerbrand van der Eeckhout dagegen hatte seine viereckige, derbe Gestalt in ein schwarzes Sammtwamms mit gelben Puffen gezwängt; an seinen weiten Beinkleidern, auf seinen Aermeln und auf seiner Brust waren wenigstens einige fünfzig Ellen Band als Schleifen verwendet. Diese Schleifen waren rosenfarben. Sein Mantel war schwarz, sein Sammthut mit Federn ebenfalls. Er hatte einen niederländischen Flamberg an der Seite. Eeckhout mit sehr dicken, blonden Locken und mit von Gesundheit strahlenden Wangen schien indeß, ungeachtet seiner martialischen Haltung, eben so wenig Muth, dem Meister Rembrandt gegenüber, zu besitzen, als der in demüthiger Stellung dastehende kleine College. Beide hatten eine große, in Papier gewickelte Rolle in der Hand, auf welche der Alte höchst scharfe, verdächtige Blicke warf, die die Schüler auch daher, so weit dies möglich war, zu verbergen suchten. – Mynheers, was soll diese Maskerade? fragte Rembrandt, ziemlich unmuthig die Jünglinge von oben bis unten musternd. Wißt Ihr nicht, daß Hasenfüße und Kleidernarren hier durchaus nichts zu suchen haben? Steh mir der Himmel bei . . . Würde es wohl ein vernünftiger Mensch glauben, daß Ihr, Mynheer Spanier Koningk, und Ihr Mynheer Venetianer van der Eeckhout, die hoffnungsvollen Burschen seid, welche ganz einfach bei dem alten Rembrandt pinseln lernen? Koningk murmelte etwas von: „Verzeihung“, und Eeckhout von: „wichtigen Ursachen“. Rembrandt antwortete darauf nicht. – Und das möchte noch immer sein, sagte er, wäre der Geschmack nicht so entsetzlich, den Ihr bei Eurem Herausputzen an den Tag legt. Wo Teufel habt Ihr die Idee her, Euch anzuziehen wie der Mastochse, den die Fleischer vor Pfingsten durch die Stadt zur Parade ziehen? Wer hat Euch die Farbenharmonie beigebracht, die ich an Euren Leibern bewundere? Warum drapirt Ihr Euch nicht Euren Persönlichkeiten gemäß; warum kleidet Ihr Euch nicht charakteristisch? Philippchen, wenn er schwarzes Seidenband und schwarze Seidenpuffen trüge, wäre bei Gott ein ganzer venetianischer Nobile, und das fette Gerbrändchen gehört ganz natürlich in Philippchens Kleidung . . . Er unterbrach sich, indeß er ein kurzes Lachen aufschlug. Dann aber ward der Alte sehr ernst. – Ihr wollt natürlich Euch doch an Eure Staffeleien und zwar unverzüglich begeben? fragte er scharf. Die Verspotteten bewahrten ziemlich ihre Fassung. Sie sahen sich an, räusperten sich ein wenig und Philipp Koningk trat sehr würdevoll einen Schritt vor. – Nein, Meister Rembrandt, heute gedachten wir mit Eurer Erlaubniß nicht zu arbeiten . . . – Was denn wollt Ihr? Etwa Euch den Zechgesellschaften dieser Pinseler, dieser Gurkenmaler anschließen, welche Meister zu sein glauben, weil sie einmal einen Dummkopf fanden, der ihnen eine ihrer Sudeleien abkaufte? – Ihr kennt uns zu gut, Meister; erwiederte Eeckhout, welcher es liebte, sich pathetisch auszudrücken; unser Dichten und Trachten ist auf das Hohe und Höchste gerichtet . . . – Deshalb . . . fuhr Koningk fort. – Was denn, deshalb? unterbrach ihn Rembrandt barsch. Den Jünglingen war die Sprache unmöglich. – Was führt Euch hierher? rief der Meister. Wollt Ihr mich wild machen? Die Unterredung war etwas laut geworden. Die eine Thür des Ateliers, welche in die Gemächer des Malers führte, öffnete sich etwas und herein blickte ein wunderbar schöner, und ausdrucksvollerer als formenschöner siebzehnjähriger Mädchenkopf, dessen glänzend frische Augen ziemlich erstaunt die drei Männer betrachteten. Die Jünglinge wandten sich wie auf ein Signal und starrten diesen Mädchenkopf an, wobei Koningk sehr blaß und Eeckhout sehr glühend im Gesicht wurde. Das Mädchen verschwand. – Ach so! machte Rembrandt gedehnt. Also doch! Wollt Ihr, Mynheers, die Güte haben, Euch niederzulassen und mir Eure Eröffnungen zu machen? Die Schüler setzten sich mit schwerem Herzen auf ihre wohlbekannten Schemel nieder. – Wir wollen uns ein Herz fassen . . . sagte Koningk, den Cameraden heimlich anstoßend. – Ja, das wollen wir! sagte Eeckhout, welcher, ohne es zu wissen, sehr laut sprach. – Fang Du an zu sprechen! – Nein, Du! murmelte Gerbrand. Koningk sammelte sich einen Augenblick; dann streckte er wie weiland der Apostel Paulus vor dem Könige Agrippa rednerisch die Hand aus. Schade, daß ihm die „große Kunst“ seines alten Vorbildes abging. – Mynheer Rembrandt van Ryn . . . begann Koningk . . . Wir wollen ohne Umschweife reden. – Ist mir wahrlich nicht unangenehm . . . bemerkte der Alte. – Wir, Gerbrand und ich, sind Busenfreunde. Zugleich das Glück genießend, von Euch, Meister, gebildet zu werden . . . – Kürzer, Philipp, kürzer! sagte Rembrandt. – Gut! Wir sind genau zusammen verbunden . . . – Das heißt unsere Seelen! schaltete Eeckhout erhaben ein. Unsere Gedanken verfolgen dieselbe hohe Richtung . . . dasselbe glänzende Ziel! Wir stimmen aufs genaueste mit einander zusammen . . . – Gott bewahre! rief Rembrandt. Ihr seid Beide sehr verschieden an Geist wie an Körper. Macht keine gemeinschaftliche Sache. Verfolgt Eure Ausbildung Eurem Charakter gemäß, und Ihr werdet Beide gute Maler, jeder in seiner Weise, werden. Hier scheidet sich die Freundschaft zu Gunsten der Kunst; jeder Mann geht seinen eignen Weg. Diese Bemerkung hatte die Redner augenscheinlich etwas aus dem Concepte gebracht. Eine Pause trat ein. Philipp Koningk sah niedergeschlagen auf den Boden. Eeckhout aber war warm geworden. – Mynheer Rembrandt, sagte er, die verschiedensten Charaktere können dasselbe höchste Ziel, dasselbe Ideal erwählen, unbeschadet des Weges, welchen sie einschlagen, um solches zu erreichen. – Du kannst über Malerei raisonniren, bevor Du noch malen kannst? Auch ein Zeichen der Zeit und kein gutes! murmelte Rembrandt sehr geärgert, denn er konnte alles Mögliche, nur keine Kunsttheorieen ertragen. – Unser höchstes Ziel ist die Liebe, fuhr Eeckhout fort, die Liebe, die Königin der Kunst und des ganzen Weltalls. – Laß jetzt aber Deine religiösen Ansichten weg! bemerkte Rembrandt. Wir wissen sämmtlich, Gerbrand, daß du in biblischer Hinsicht uns Alle und mich selbst zurücklässest! – Die Bibel stimmt mit der Welt, wie sie ein Künstler sieht, sagte Eeckhout, nur zu genau zusammen, auch wenn man nicht katholisch ist. Ich bin ein Maler und vermöge meiner Kunst verdamme ich selbst die Traditionen der Kirche nicht; denn sie geben mir eine Himmels- und Erdenkönigin. Wohlan, Meister van Ryn, diese Königin habe ich, haben wir gefunden. Sie ist kein Mythus, kein Gedankenbild mehr, sie lebt; sie lebt in diesen Räumen; – diese Dame, diese Madonna, welche Alles in sich schließt, was wir, Philipp und ich, von der Welt, von der Kunst und ihrer Wirkung fordern, lebt unter diesem Dache . . . Mynheer Rembrandt, Ihr habt eine Tochter, Katharina . . . Wir Beide lieben sie mit heißer Inbrunst. Wir sind gekommen, Euch um Katharina’s Hand zu bitten . . . Die Wahl zwischen uns bleibt Katharina und Euch, Meister, überlassen. Ihr sollt entscheiden, wer von uns Freunden der Glückliche sein wird. Rembrandt schwieg lange Zeit, bevor er antwortete. Trotz seines barschen Wesens liebte er seine Schüler leidenschaftlich, obgleich er es sich sehr selten merken ließ. Er sah die Jünglinge an und ward sehr betrübt; denn scharfsichtiger, als ihm die Unbefangenen zutrauten, hatte er ihre Liebe zu seiner Tochter nicht allein, sondern auch die Gewißheit entdeckt, daß das Herz der reizenden Katharina bereits einem Andern, als diesen begeisterten Werbern angehörte. In einem Augenblicke übersah der geniale Meister die ganze Situation. Von Katharina konnte keine Rede sein. Es kam nur noch darauf an, die Jünglinge anzuspornen, damit sie der Kunst erhalten wurden und durch ihre hoffnungslose Liebe nicht mit sich selbst zerfielen. Rembrandt zog seine Klingelschnur und forderte drei Flaschen edlen, alten Weins vom Rhein. Dann setzte er sich neben die Jünglinge. – Ich danke Euch, Kinder, sagte er, Jedem die Hand reichend, für die Ehre, welche Ihr mir und meiner Tochter heute gegeben; denn sicherlich ist eine Bitte, von solchen wackern Jungen, wie Ihr seid, vorgebracht, selbst dem Statthalter der Niederlande keine Schande. Aber, erlaubt mir Eins. Ueber Katharina’s Entschluß maße ich mir keine Macht an; sie ist die Tochter eines Künstlers, und, liegt die ganze Welt unter Knechtschaft, so soll doch der Maler und sein Kind frei sein und frei bleiben. Ich aber, ich, kann meine Forderung bestimmen. Ich werde keinen von Euch als den Bräutigam meiner Katharina annehmen, bevor Ihr nicht Beweise gegeben habt, daß Ihr Meister in unsrer Kunst seid. Ich will glauben, daß Ihr mehr leisten könnt, als was Ihr, hier im Atelier die Schule verfolgend, zeigen zu können Gelegenheit gehabt habt. Zeigt mir ein Probestück, das ich billig anerkennen darf, und wir werden weiter reden. Inzwischen kam der Wein und die Gläser klangen aneinander. – Keinen Toast, wenn ich bitten darf! sagte Rembrandt. Bis dahin, daß Ihr uns die Bilder zeigt, schweigen wir vor Allem! Der bedeutsame Augenblick für die Jünglinge war gekommen. Sie zogen ihre Rollen hervor. – Das haben wir erwartet, Meister Rembrandt, sagte Koningk mit einigem Selbstgefühl, und entrollte seine Leinwand. Wir haben ein solches Stück schon gemalt. Und damit keiner vor dem andern einen Vortheil habe, so haben wir denselben Gegenstand gewählt. Auch Eeckhout entfaltete sein Gemälde. Es waren dies zwei Bildnisse der Geliebten, der schönen Katharina. – Ach! Ich dachte mir’s! murmelte Rembrandt, die Gemälde rasch aber mit durchbohrenden Blicken musternd. Es pflegt das erste Meisterwerk zu sein, daß der Maler sich an dem Portrait der Geliebten versucht. Versichere Euch aber, Ihr Jungen, daß man später auf dieses überschwengliche Werk mit eigenthümlich nüchternen Empfindungen zurückblickt. Ich weiß das. Ich habe den Kopf des Dienstmädchens von meiner Windmühle, das Bild meiner ersten Geliebten, getreulich aufbewahrt; wenn Ihr wollt, könnt Ihr einmal Euch darüber belustigen. – Aber Euer Urtheil! stammelten die Maler gleichzeitig. – Will ich nicht aussprechen, sondern Euch zeigen! sagte Rembrandt. Zufällig habe ich selbst meine Katharina an ihrem siebzehnten Geburtstage gemalt . . . Rembrandt ging vor einen großen Schrank und kramte zwischen mehren Bildern umher. Die Schüler waren sehr ernst geworden und Koningk flüsterte Eeckhout zu: – Gerbrand, wir sind verloren! Rembrandt brachte sein Gemälde hervor und mit einem Ausrufe der Ueberraschung sahen die Jünglinge dasselbe an. Sie schienen das Bild mit den Augen verzehren zu wollen. – Das ist Katharina! rief Eeckhout in höchster Bewegung, zugleich sein eignes Gemälde auf den Boden schleudernd. – Ja, das ist sie! stöhnte Koningk. – Nun, Ihr habt doch auch gemalt? bemerkte Rembrandt mit breitem Lächeln. Die Jünglinge schwiegen höchst niedergeschlagen. – Ihr meint, es könnte Euch noch etwas fehlen, bevor Ihr meisterhaft zu malen versteht? fragte Rembrandt. – Alles! Alles! riefen die Freunde. – Ihr seid brave Burschen! sagte Rembrandt, Beiden fest die Hände drückend. Ihr wißt, was ich beabsichtigt habe; Ihr wißt, daß ich Euch liebe, daß ich Männer für die Unsterblichkeit und keine Menschen zu bilden strebe, welche einen Jugendgedanken zum Nachtheile ihrer feierlichen Lebensaufgabe festhalten. Seid Ihr mit mir einverstanden? Wollt Ihr wieder Eure schmutzigen Blousen anziehen, und die Arbeit aufnehmen, wo Ihr sie verlassen habt? – Ach ja! Wir wollen! Aber bester Meister, laßt uns nur einen Schimmer von Hoffnung auf Katharina’s Besitz und wir werden den Herkules an Ausdauer überbieten! rief Eeckhout. – Ihr habt den vollen Sonnenschein der Hoffnung, so weit meine Macht reicht! Katharina aber wird selbstständig entscheiden. Koningk und Eeckhout malten in der Hoffnung auf die Hand Katharina’s ein halbes Jahr lang mit eisernstem Fleiße. Bereits ausgezeichnet vorgebildet, konnten sie sich allgemach ohne zu erröthen, mit ihren Schöpfungen den berühmten Meistern Niederlande anschließen. Katharina aber verlobte sich mit dem schönen Sohne eines der reichsten Amsterdamer Rathsherren. Glücklicherweise waren beide Liebhaber so weit gekommen, um sich vorläufig durch ihre Erfolge in der Kunst über den Verlust einer der schönsten Töchter Niederlands nach und nach zu trösten.⏎ ⏎ {{References|LIN}} [[Kategorie:Kunstwissenschaft]] All content in the above text box is licensed under the Creative Commons Attribution-ShareAlike license Version 4 and was originally sourced from https://de.wikisource.org/w/index.php?diff=prev&oldid=1996121.
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