Revision 1993171 of "Benutzer:A. Wagner/DER KUNSTVEREIN" on dewikisource

{{LineCenterSize|100|23|Der}}
{{LineCenterSize|160|23|'''KUNSTVEREIN.'''}}
{{Linie}}
{{LineCenterSize|100|23|NEUE SERIE:}}
{{LineCenterSize|110|23|''Stahlstich-Sammlung der vorzüglichsten Gemälde''}}
{{LineCenterSize|90|23|der}}
{{LineCenterSize|140|23|DRESDENER GALLERIE.}}

{{Linie}}
{{LineCenterSize|90|23|Nebst}}
{{LineCenterSize|100|23|Text von A. Görling.<ref>Die Einteilung der Hefte bezieht sich auf die Abbildungen.</ref>}}

{{LineCenterSize|130|23|LEIPZIG <small>UND</small> DRESDEN.}}
{{LineCenterSize|100|23|VERLAG DER ENGLISCHEN KUNSTANSTALT VON A. H. PAYNE.}}



==1. Heft.==
===Die Sängerin. Von Kaspar Netscher.===

[[File:Gemäldegalerie Alte Meister (Dresden) Galeriewerk Payne 002.jpg|400px|center]]

In dem Gebäude, welches die Generalstaaten im Haag dem päpstlichen Legaten, Cardinal Cesare Detti Barberini zur Verfügung gestellt hatten, ging im Frühjahre 1655 ein glänzendes Fest zu Ende.

Die weiten Säle waren voll von schönen Männern und Frauen aus Niederlands vornehmsten Geschlechtern. Die Blüthe der Jugend wogte nach italienischen Tanzmelodien über den spiegelglatten Boden dahin, indeß der Prinz von Oranien, umgeben von seinen ernsten Holländern, von schmeichelnden Franzosen und schlaublickenden Italienern, sämmtlich Männern in vorgerückten Jahren, in den Nebenzimmern wichtigere Gespräche führte, als sie über die Lippen der sorglosen, nur dem Vergnügen und der Liebe hingegebenen Jugend im Tanzsaal strömten.

Neben dem Großpensionair J. de Wit zeigte sich die imponirende Gestalt Barberini’s. Der Cardinal war noch im kräftigen Mannesalter, in der bekannten „kleinen Toilette“. Obgleich seine Mission, für die Katholiken erweiterte Rechte im eigentlichen Holland zu erhalten, gescheitert war, sah man auf seinem milden, aber auch schlangenklugen Gesichte dennoch keinen Hauch von Mißstimmung, die er in so großem Maße im Herzen trug. Der Prälat erschien hier nur noch als vornehmer Römer, als feiner Weltmann.

Giacomo del Monte, sein Vetter dagegen, ein hagerer, brauner Mann in der Obersten-Uniform der päpstlichen Leibwache, äußerte seinen Unmuth durch seine finstre Miene desto unverhüllter.

Aber gleich als hätte die Liebenswürdigkeit des poesiereichen Italiens demungeachtet einen glänzenden Sieg behaupten sollen, so zeigte sich neben dem Obersten dessen Tochter, Viola del Monte.

Ein reicher Blumenflor der schönen Töchter Niederlands war hier heute zu bewundern; keine derselben aber hätte es vermocht, dieser Italienerin den Preis der Schönsten streitig zu machen; Viola war blond; ihr Haar zeigte in den herabwallenden Locken eine unvergleichlich wirkende Mischung von Natur und Kunst. Orientalische Perlen durchschlangen dasselbe und vom Scheitel schwankten silberfarbene Reigerbüsche. Nichts Zarteres gab’s je als Viola’s Gesichtsfarbe, und die Formen ihres Gesichts und ihres nur nachlässig verhüllten Busens wären ein tadelloses Vorbild für die Schöpfungen der Künstler gewesen. Ihre Unterarme waren entblößt und erschienen, wie die Hände, unnachahmlich schön.

Viola, die alle Männerherzen Bezaubernde, war die Königin des Festes. Nur wenige Glückliche aber genossen die Gunst, die Römerin zum Tanze zu führen. Sie zog sich bald von der rauschenden Lust zurück, um mit ebenso vieler Würde als Grazie in den Gesellschaftszimmern die Pflichten der Dame vom Hause zu übernehmen.

Nicht wenige der niederländischen und fremden Cavaliere wurden dadurch bewogen, ebenfalls den Tanz aufzugeben und sich in die Spielzimmer zu begeben, um den Anblick dieser Schwester der Huldgöttinnen länger zu genießen.

Sie rangirten sich um die Tische und begannen ihre Unterhaltung. Unter ihnen zeichneten sich, was die Schönheit ihrer Erscheinung, und – die Glut der Blicke betraf, die sie auf Signora Viola warfen, besonders zwei aus.

Der erste war der Edeljunker Geraart van Sluits, ein Niederländer, Lieutenant von der Marine. Der andere, Quentin de Chavigny, ein Franzose, Lieutenant von den Mousquetaires seines Könige.

Geraart van Sluits war zweiundzwanzig Jahre alt und etwa acht Jahre jünger als der Chevalier de Chavigny. Er war hoch gewachsen, hatte kaum eine schwache Schattirung auf der Oberlippe, und trug die herrlichsten hellbräunlichen Locken, die man sich einbilden kann. Sein Gesicht zeigte etwas Schwärmerisches, was den Ausdruck desselben höchst interessant machte.

Der Franzose dagegen war untersetzt, breitschultrig, schwarzbärtig, mit kurzgeschornem Haar, braunem Gesicht und mit kühnblitzenden Nachtaugen. Er war übrigens zierlich gewachsen; der beste Tänzer, aber auch einer der gewandtesten, unerschrockensten Fechter, die es geben konnte.

Jeder dieser Männer war in seiner Art vollendet. Es kam auf das Gemüth und den Geschmack des Beurtheilers an, welchen man vorziehen wollte; indeß dies aber geschah, konnte man dennoch nicht umhin, den andern ausgezeichnet zu finden.

Diese beiden Menschen waren, obgleich sie sich nie beleidigten, seit sie Viola del Monte gesehen hatten, Todfeinde. Jeder sah die Leidenschaft des Andern und es stellte sich bald als gewiß heraus, daß die Italienerin, falls ihr Herz gerührt werden könne, nur unter ihnen wählen würde. Die Waage schwankte; endlich aber neigte sie sich zu Gunsten des weichen und doch heldenmüthigen Niederländers . . . ihm war von der herrlichen Fremden ein Lächeln jener Art geworden, das man „Lächeln des Herzens“ nennt. Chavigny wüthete. Aber noch glaubte er nichts sicher entschieden. Alles sollte heute Abend beendigt werden. Geraart Sluits und Quentin Chavigny, beide durch denselben Wunsch beseelt, dem Gegenstande ihrer Anbetung so nahe als möglich zu sein, hatten sich an den Tisch gesetzt, welcher dem geöffneten Zimmer, wo sich die ältern Notabilitäten befanden, am nächsten war. Einige andere Herren nahmen ebenfalls Platz, legten Karten auf und das Spiel begann. Es war das alte Landsknechts-Spiel. Der Zufall wollte, daß van Sluits die Bank erhielt. Chavigny schien selbst hier seinem bittern Groll gegen seinen Nebenbuhler Luft machen zu wollen; denn er machte so große Sätze, daß sich mehre Zuschauer neugierig um den Tisch versammelten.

Aber der Chevalier war auch hier unglücklich. Geraart zog seine Goldhaufen ein, bis der Mousquetaire erklärte: er besitze hier keine baare Münze, und verlange aufs Wort zu spielen. Geraart gestand dies zu, und der Franzose verlor abermals mehre Tausende von Gülden.

Chavigny erhob sich. – In diesem Augenblicke machte man drüben im Saale mit Tanzen eine Pause; die glänzende Versammlung strömte in die Nebenzimmer, und begann nach einiger Erholung die damals so beliebten Gesellschaftsspiele, welche in immer neuem Wechsel in Paris bei Hofe erfunden wurden, und von dort aus den Weg durch die ganze Adels- und vornehme Welt Europas machten.

Hier glänzte Chavigny unbestritten als König. Er versuchte es beim „Colin Maillard assis“ sich gewandt der Hand Viola’s zu bemächtigen; sie wurde ihm heftig entzogen und sofort machte die Italienerin diesen Bravourstücken des Franzosen durch die Erklärung ein Ende: daß die Gesellschaft sich durch Musik und Gesang unterhalten werde.

Mehre Schönen sangen zu dem Clavicimbale wie liebende Nachtigallen, und ernteten reichen Beifall. – Alles aber verstummte, als Barberini selbst mit cavaliermäßiger Grazie Viola an die Hand nahm, und ihr ein Notenbuch und eine herrliche, neapolitanische Laute präsentirte.

Viola sah im Kreise umher. Ihr Auge suchte Geraart, der sich weit zurückgezogen hatte. Sie nahm das Instrument, das in den Niederlanden selten fertig gespielt wurde, und fragte, wohl wissend, daß Geraart van Sluits dasselbe meisterhaft zu behandeln verstand:

– Würde Jemand die Mühe übernehmen, mich auf der Laute zu begleiten?

Tief gebückt trat Geraart van Sluits heran und nahm die Laute, und nun begann ein Conzert, welches, die ganze Gluth und Innigkeit der beiden liebenden Herzen athmend, die Zuhörer hinriß und bezauberte. Welches Metall, welcher Schmelz dieser Stimmen, deren Töne sich in den reinen, herrlichen Melodien Baltazarini’s wiegten! Geraarts Augen blitzten denjenigen Viola’s entgegen, sie sprachen das Geständniß seiner Liebe . . . Und Viola, die Augensterne fest auf ihr Notenbuch heftend, fühlte, wie an dem leisen Vibriren ihrer Züge zu sehen war, die magische Gewalt dieser Blicke, obwohl sie dieselben nicht sah.

Die Piece war geendigt. Chavigny trat herzu und machte der Signora del Monte seine Verbeugung. Er war Meister auf der Viola di Gamba, wie die Italienerin in dem Spiele des Claviers.

Der Chevalier fragte, indem er auf die Instrumente zeigte:

– Darf ich ebenfalls mir die Ehre erbitten, daß Sie, Mademoiselle, mit mir spielen? 

Viola ward aus ihrem Himmel gerissen. Sie erwiderte halblaut, aber nicht ohne Schärfe:

– Nicht mit mir! Ich bin erschöpft! Aber da ist der Edeljunker van Sluits; er wird mit Ihnen ''aufs Wort'' spielen!

Der Mousquetaire schien bei dem Doppelsinne dieser Erwiderung wie vom Blitze getroffen, faßte sich aber mit parisischer Schnelligkeit.

– Ich werde allerdings, sagte er höflich; aber Sie erlauben, nur ''auf Klingen!''

Chavigny verließ auf der Stelle den Saal, von dem Marquis von Croustillac und Dernonville geleitet.

Geraart hatte seinen Blick wohl verstanden und beurlaubte sich bei Viola, die jetzt erst begriff, was sie durch ihre Antwort angerichtet habe.

Geraart nahm seinen Vertrauten, einem Capitain Bloom mit sich. Sie holten die drei Franzosen bald ein, und wurden von dem rauflustigen Croustillac nur durch eine Handbewegung eingeladen, ihnen zu folgen.

Chavigny und seine Begleiter gingen voran zu dem „Bosch van Haag“, einem herrlichen Gehölz in der Nähe der Stadt, die damals noch immer „ein Dorf“ genannt wurde.

Unter einigen alten Linden machten die Franzosen Halt.

– <tt>Par Dieu!</tt> Chevaliers, rief der Herr von Dernonville, nach dem hell und klar am Himmel hängenden Vollmonde hinaufblickend; ein vortrefflicher Ort, um sich die Kehlen abzuschneiden!

Die Niederländer schwiegen. Bloom zog den Degen und bestimmte die Mensur. Die Kämpfer warfen ihre Mäntel ab, zogen und begrüßten sich durch Senken der mattfunkelnden Degenspitzen.

– Mein Herr van Sluits, sagte Croustillac, wie auf dem Parket seine Verbeugung machend, ich habe die Ehre, Ihnen hier den besten Schüler des unsterblichen Marmet’s, des besten Fechtmeisters in Paris, vor die Klinge zu liefern. Sie werden, Monsieur, einen Stiefel finden, der für Ihren Fuß paßt!

Geraart verbeugte sich. Einen Augenblick später sprühten die Funken von den gekreuzten Klingen. Trotz seines stählernen Handgelenkes und seiner ausgezeichneten Kunst ward Chavigny von dem Niederländer durch einen Stoß durch die Brust zu Boden gestreckt.

Bloom trat gleichmüthig vor.

– Dieser Stoß, meine Herren aus Paris, sagte er, war zwar nicht vom Marmet, aber Sie werden allerseits gestehen, daß er ''gut'' ist! –

Chavigny starb noch in derselben Nacht und Geraart mußte aus dem Haag fliehen. Er nahm Abschied von Viola del Monte; er hegte noch Hoffnung . . . sie aber wußte, daß dies ein ewiges Lebewohl sei. Der Cardinal-Legat gab ihm eine Empfehlung an den Großmeister der Johanniter, Sebastian de Valency, und Geraart reiste nach Malta ab.

Er trat hier in den Orden ein, durch seine Umgebung bestimmt, nachdem er gehört, daß Viola del Monte Barberini dem Grame um die Trennung von ihm erlegen war und die Erde verlassen hatte. –
----

===Der Chemiker. Von David Terniers.===

[[File:Gemäldegalerie Alte Meister (Dresden) Galeriewerk Payne 003.jpg|600px|center]]


Auf der „Warmoen Straat“, alte Seite zu Amsterdam, stand eine eigenthümliche Wohnung. Sie wich etwas von der breiten Straße zurück; der Raum, der dadurch in der Reihe der barock gebauten Paläste reicher Kaufleute entstand, war mit Linden bepflanzt, welche durch Geländerwerk und durch eine kunstreiche Scheere oben zu eigenthümlichen, geometrischen Figuren gezogen waren. – Das Haus selbst war niedrig, aber prächtig und mit Marmor verziert; jedes Fenster zeigte einen Spitzbogen mit Genienköpfen, an den Seiten waren Nischen mit Miniaturstatuen von damals ausgezeichneter Arbeit, und in den Feldern unter den Fensterböschungen sah man Haut-Reliefs aus der biblischen Geschichte, von anderen seltsamen Sculpturen eingeschlossen. Die letzteren Bildnerwerke waren indo-persische, oder antik-ägyptische; sie stellten das Leben Zoroasters und des noch urälteren persischen Mythras, des schaffenden Mittelgottes, den Sonnendienst und die mystischen Lehren der Magier dar.

Dies Haus hieß „die Wohnung des Weisen“ bei dem Volke. Die Gebildeten nannten dasselbe mit einem damals ebenfalls noch von geheimnißvollen Vorstellungen begleiteten Namen: „Apotheke“. –

Hier wohnte einer der berühmtesten Chemiker Amsterdams. Er hieß Erasmus de Pottere oder Erasmus Potterus. Er verschmähte es, damals an den Hof des Burgunders, oder nach Spanien als Arzt, das heißt, als ein im Besitze wunderbarer Künste befindlicher Arzt, zu gehen, und sich für mystische Täuschungen, wie er sie leicht hätte ermöglichen können, Rang, Geld und Berühmtheit zu erringen. Potterus war wirklich ein Gelehrter, und aus seinem geräuschlosen Wirken, aus dem stillen Arbeiten seiner einsamen Nächte erwuchs der Wissenschaft manche wichtige Entdeckung. Niemand war der Mystik, welche sich in jenen Zeiten der Arznei- und Apothekerkunst bemächtigt hatte und die bis in die trübsten Regionen der Alchymie sich verlor, fremder als eben Potterus.

Und dennoch war Erasmus Potterus wirklich und wahr im Besitze von Arcanen und von Künsten, welche diejenigen, die die Hof-Astrologen und Alchymisten lügenhaft von sich rühmten, weit überstiegen.

Daß Potterus Gold machen könne, stand in Amsterdam so fest, daß, als die Girobank in Amsterdam wegen bedeutender Kriegsvorschüsse an die Generalstaaten in augenblicklicher Verlegenheit war, eine Deputation insgeheim an den Chemiker gesandt wurde, um ihn zu bewegen, eine Anzahl von Goldbarren aus Eisen oder Kupfer herzustellen. Potterus wies sie lächelnd von sich, aber der Glaube an seine Kunst ward dadurch noch mehr befestigt. Jedermann kannte die einfache, fast ascetische Lebensweise des Chemikers; er mußte nothwendig arm oder geizig sein, um sich so consequent jedes weltliche Vergnügen, jeden Genuß zu versagen. Hiermit stimmte aber durchaus nicht zusammen, daß Erasmus Potterus, als die schöne Kalver-Straat und die Keyzers-Gracht erweitert und neu aufgeführt werden sollten, bei dem Magistrat zu diesem Zwecke eine Summe von fünfzigtausend Goldgülden zum Geschenk niederlegte. –

Soviel war indeß, aller halbwahren oder märchenhaften Gerüchte ungeachtet, sicher: daß dieser Wundermann die Sanftmuth und das menschliche Mitleiden selbst war. Er gab reiche Almosen, und reichte jedem der Kranken, die aus der Hauptstadt und aus der Umgegend kamen, zuvorkommend gute Arznei und zwar unabänderlich umsonst.

Potterus war übrigens unverheirathet, hatte keine Anverwandte, und bewohnte sein Haus allein. Einige Knechte, welche ihm die Blasebälge seiner Essen zogen, oder an dem Mörser arbeiteten u. s. w. kamen nur Morgens und gingen Abends wieder nach Hause. –

So lebte Potterus, da kam zu Amsterdam ein venetianisches Schiff an, mit levantinischen Erzeugnissen beladen. Mit diesem Schiffe traf ein Arzt ein, welcher Gaetano Trombona hieß. Dieser Italiener quartierte sich in einem Gasthofe ein, welcher der Wohnung des Erasmus Potterus schräg gegenüber lag. Große Anzeigen seiner wunderbaren Kenntnisse und Kuren bedeckten die Wände des Gasthauses, und ein unerhörter Andrang fand zu dem Fremden statt, welcher die Geheimnisse des Orients zu besitzen vorgab. Bald aber kam das Gerücht, dieser Italiener aus Parma sei ein Wallone, kein Arzt, sondern ein vormaliger Reiter vom Condottieri Spinola, ein Abenteurer, welcher nichts verstehe, als Leichtgläubige auszuplündern. Trombona vernahm diese Gerüchte, und er eilte, sein gesunkenes Ansehn dadurch wieder zu befestigen, daß er mit dem als wahrhaften Gelehrten bekannten und hochgeachteten Erasmus Potterus Bekanntschaft anknüpfte. –

Trombona trat also bei dem Chemiker ein, welcher ihn in seinem Laboratorio mit gewohnter Zuvorkommenheit empfing. Potterus war etwa sechsundvierzig Jahre alt, mehr hager als stark; er trug einen langen Bart, ein Doctorbaret mit Pelz, eine Art Kaftan mit Marderfellen besetzt und Pantoffeln mit Goldbrocat eingefaßt. Das Laboratorium sah fremdartig genug aus, und der Chemiker bemerkte zu seiner großen Zufriedenheit und mit dem sanftmüthigsten Lächeln von der Welt, daß Gaetano vom Anblicke desselben einigermaßen überrascht war. Die Essen dampften und sprühten Funken; vor der einen arbeitete der Meister in seinem großen Lehnstuhle, neben sich einen Handblasebalg, kleine Schmelztigel, Retorten und chemische Apparate; hinter sich einen reich gedeckten, mit den verschiedensten Instrumenten, Büchern und Fläschchen versehenen Tisch. An der Außenseite der Hauptesse waren Schädel und Knochenreste von Thieren, ein riesiger Destillirapparat etc. angebracht; unten lag ein Buch – es waren die Geheimnisse des zweiten oder irdischen Hermes, des Trismegistus, mit allem tief- oder wahnsinnigen Wuste einer sich in labyrinthischen Irrgängen verlierenden Kabbala.

Gaetano Trombona, ein untersetzter Mann von imponirendem Aeußern in der Doctor-Tracht von Bologna, wußte den Potterus sehr bald für sich einzunehmen, und als er zwei seiner corsikanischen braunen Diener in das Laboratorium brachte, welche, einen großen, eigenthümlich geformten, schön ausgestopften Fisch trugen und ihn dem Erasmus als Geschenk anboten, da kannte die Freude des Niederländers keine Grenzen. Dieser Fisch war ein durchaus unbekannter; er war nicht etwa wie die höchst seltsame und berühmte, lange für echt gehaltene Antwerpener Seeschlange mit Flügeln, künstlich, sondern ein natürlicher Rest von einem Seethiere, das Gaetano für einen Crocodil-Haifisch erklärte, und von welchem er behauptete, daß diese Gattung auf dem Lande gehen könne, obgleich sie keine Füße habe. Das Thier ward feierlich oben an die Zimmerdecke gehängt.

Von diesem Tage an war Erasmus der Freund des Italieners, welcher von nun an bei ihm ein täglicher Gast war. Beide reichten sich bei mehren Geschäften die Hand; Trombona setzte sich in das Laboratorium des Niederländers und fertigte die kommenden Kranken ab, Potterus bereitete nach seiner Angabe Elixire für dieselben u. s. w. Diese Verbindung ward immer genauer, denn schwerlich war ein gewandterer Mann als Gaetona zu finden. Potterus hatte sehr bald entdeckt, der Italiener sei kein großer Gelehrter in Hinsicht auf Arzneikunst; aber der Abenteurer, welcher den Orient, Arabien, Persien und Aegypten durchstrichen hatte, verstand die morgenländischen Sprachen der kabbalistischen Bücher so vollständig, daß dem wißbegierigen Holländer der neue Freund bald unentbehrlich wurde.

Potterus fing bald an, den Italiener in seine Geheimnisse einzuweihen. Nur stufenweise entdeckte der brave Chemiker seine Kunst, so sehr Gaetano ihn auch weiter drängte. Es war, als wenn eine Ahnung dem Chemiker zugerufen hätte: verräthst Du die „geheime Kraft der Wissenschaft“, so kostet es Dein Leben!

Fast zitternd gestand Potterus dem Freunde, daß er seit Jahren ein Geheimniß besitze, das er länger allein zu tragen und stumm in seine Brust zu verschließen nicht die Kraft besitze. Er führte Gaetano nach einer wohlverschlossenen Kammer, und zeigte ihm hier Gold in gewaltigen Haufen aufgeschichtet.

– Sieh, mein Freund, sprach der Chemiker, dies alles habe ich durch die Kunst, welche ich entdeckte, gewonnen. – Gaetano horchte athemlos. – Aber glaubst Du, daß der Anblick dieses Goldes mich dafür entschädigt, daß ich meine Entdeckung bisher noch in keine menschliche Seele habe niederlegen können? – Du wirst hören, Du wirst sehen und wirst begreifen, daß alle Macht der Welt in meinen Händen liegt! Habe ich Dich später erprobt, habe ich Dich so treu und würdig wie bisher erfunden, so wirst Du Theilnehmer meiner Erfindung, damit ich den Weg in den kalten Regionen der Wissenschaft nicht mehr allein, wie ein vom Leben Abgeschiedener, zu wandeln nöthig habe.

Einige Zeit verstrich, und noch immer hatte Potterus sich nicht erklärt. Trombona ward fast unsinnig vor Neugierde und einer Leidenschaft, die sich später ausschließlich seiner bemächtigte. Der Holländer zeigte ihm eines Abends tief im untersten Gewölbe seines Kellers einen weiten, klaren Teich, in welchem einige Schichten Muscheln über einander lagen. Gaetano begriff erst dann, als Potterus sich bückte, eine Muschel und dann noch eine herausnahm und mit einem Instrumente aus den Schalen blitzende, runde Körper hervorlangte, die der Staunende als die unschätzbarsten, ächten Perlen erkannte. –

– Perlen! rief der Holländer. Einige einzige dieser Muscheln liefert mir für Tausende von Gülden dieser Kleinode jährlich, und meine Kunst ist es, meine stummen Arbeiter zu veranlassen, mir nach meinem Willen ihre herrliche Waare zu schaffen!

Tief erschüttert ging Trombona nach seiner Wohnung. Es litt ihn nicht mehr im Laboratorio des Holländers, nur unten im Gewölbe ward er ruhig. Stundenlang saß er und visitirte und untersuchte die Muscheln und forschte und grübelte; er sah das Wunder vor sich, aber je mehr er dasselbe zu begreifen strebte, desto verwirrter wurde er. Potterus aber ward ziemlich besorgt über seinen Freund.

– Es sind Lügen! Erasmus! rief Trombona eines Tages wild. Du täuschest mich. Diese mit Perlen prangenden Muscheln haben die Taucher aus der Tiefe des Meeres geholt; sie besaßen bereits die Perlen . . . und doch . . . ich sehe, die Lücke für die Perlen hast Du gebohrt . . . Erasmus, sage mir die volle Wahrheit, oder ich werde irrsinnig . . . Hast Du Lüge oder Wahrheit? –

– Wahrheit! rief Erasmus; dort in meinem Eisenkasten liegen die Recepte für das Teichwasser, für die Behandlung der Thiere, für mein ganzes Verfahren, dessen Resultat Du kennst! Aber, setzte er zögernd hinzu, noch bist Du nicht besonnen, nicht kaltblütig genug, als daß ich Dir das Geheimniß enthüllen könnte! –

Trombona schwieg düster und ging sehr bald fort. An diesem Abende war’s ein furchtbares Regenwetter. Trombona wußte, daß der Chemiker versprochen hatte, eine arme Kranke, über den alten Deich hinaus wohnend, zu besuchen; er hielt stets ein solches Wort. Gaetano besann sich, dann ließ er seinen Corsikaner zu sich kommen.

– Bastelika! kennst Du den Potterus? 

Der Corsikaner sah erstaunt auf. 

– Nimm diesen guten Dolch, und triffst Du ihn auf dem Wege von der Warmoen-Straat bis zum alten Deich, so stoß’ ihn nieder. Hier sind 100 Gülden!

Bastelika schüttelte zwar den Kopf, aber er nahm Waffe und Geld und ging in das Wetter hinaus. Trombona öffnete die Fenster sammt der Hausthür und horchte. Eine halbe Stunde verging in ängstlicher Weise. Da kam eine in einen Mantel gehüllte, triefende, schwankende Gestalt daher, die eine Hand weit vorgestreckt, als sähe sie nicht mehr, und stürzte in des Italieners Gemach. Es war Erasmus, der zu Füßen seines verrätherischen Freundes niedersank, noch einen Blick auf ihn richtete und, indeß er vergebens zu sprechen versuchte, starb. –

Trombona nahm die Schlüssel, welche der Chemiker unter seinem Marderpelze verbarg, und eilte nach dessen Wohnung. Er rührte das Gold nicht an; nur das Geheimniß – das Geheimniß wollte er finden. Er sah ein Papierpaket, mit der Aufschrift: „Perlen“!

O Schrecken! Es war in Chiffern geschrieben, die der Mörder nicht kannte, nicht zu lösen vermochte, deren Schlüssel im Haupte des Meisters begraben lag!

Gaetano ging, den Tod im Herzen, nach seiner eigenen Wohnung zurück, brachte die Leiche des Chemikers nach seinem Hause, rührte kein Goldstück, keine Perle an, und verschwand mit seinen Corsikanern noch in derselben Nacht.

Von Smyrna aus kam sein Brief an den Magistrat von Amsterdam, welcher diese eben so eigenthümliche als düstere Geschichte enthüllte.
----

===Reitergefecht. Von Wouvermann.===

[[File:Gemäldegalerie Alte Meister (Dresden) Galeriewerk Payne 004.jpg|600px|center]]

Majestätisch und furchtbar breitete sich das Lager der Spanier im Jahre 1604 vor dem alten Ostende aus. Ein Tod und Verderben schleudernder Gürtel zogen sich die Schanzen und Laufgräben um die Stadt, und hohe Bewunderung mußte selbst das Herz des Feindes erfüllen, wenn er bedachte, daß die geängstigte Stadt dieser ununterbrochenen Reihe von Kanonen- und Karthaunenmündungen schon drei volle Jahre und drei Monate unerschütterlich getrotzt hatte.

Ostende war ein Steinhaufen, aber die Besatzung sammt der Bürgerschaft schien fest entschlossen, sich lieber unter den Trümmern zu begraben, als den Spaniern, von denen bereits hunderttausend Mann vor den Wällen dieser Seestadt gefallen waren, die Thore zu öffnen.

Ganz Europa hielt auf die Belagerung und auf den genialen Feldherrn der Spanier, den genuesischen Condotterie, Marquis Ambrosio Spinola, unverwandt das Auge gerichtet. Spinola, der sich vom Führer einer Zahl von 9000 Wallonen, die Jedem diente, welcher sie bezahlte, rasch zum Feldherrn Philipps III. aufgeschwungen hatte, fühlte zu klar, daß sein ganzer zukünftiger Feldherrn-Ruhm von der Einnahme Ostende’s abhängen werde, und er setzte daher den Niederländern eine Eisenfestigkeit entgegen, die mindestens der ihrigen nicht nachstand. Zugleich wandte er seine ausgezeichnete Verschlagenheit unermüdlich an, um das durch eine Ueberrumpelung, durch List und Verrätherei zu erreichen, was er bisher mit der blanken Waffe nicht hatte ins Werk richten können. Aber kein Verräther wollte erscheinen; der National- und Glaubenshaß der Niederländer gegen ihre spanischen Tyrannen und Henker war so heftig und unbestechlich, daß die holländischen Kriegsleute, welche in die Hände der Spanier fielen, lieber starben, als nur ein Wort sagten, das geeignet gewesen wäre, die Pläne der Spanier nur um einen Schritt weiter zu fördern.

Fast verzweifelnd ritt Ambrosio Spinola, vielleicht zum zweitausendsten Mal, eines Abends durch die Trancheen, um eine Recognoscirung zu unternehmen, von welcher er sich heimlich seufzend gestand, daß sie eben so wenig wie alle anderen Erfolg haben werde. Als er mit etwa 20 Mann seiner wallonischen Garde, die, gut verpflegt und richtig bezahlt, Muster des Gehorsams war, die vorgeschobenen Zeltreihen und dann die Batterien passirte, hörte er von den castilischen, gelb und schwarz gekleideten, Reiterregimentern und von den wilden Massen der navarresischen Fußknechte Aeußerungen, die mehr als Murren waren. Sie fluchten auf den vorbeireitenden Feldherrn, sie verlangten, mit drohenden Bewegungen ihrer langen Musketen und Hellebarden, nach Spanien zurückgeführt zu werden und zwar auf der Stelle.

– Dort winkt reiche Belohnung, Kinder; sagte der Feldherr, sehr gütig lächelnd; als einer der Musketiere, die Waffe zum Anschlage bereit, auf ihn zutrat; Ostende birgt noch Schätze genug, um Euch reich für alles ausgestandene Ungemach zu belohnen!

– Wir werden sehen! sagten die Navarresen, einigermaßen beschwichtigt. Als Spinola aber fort ritt, da legten sie wie zur Probe ihre Musketen an, und murmelten grimmig ihr: – Carajo! Italienischer Hund! –

Nur mit noch schwerer gewordenem Herzen entfernte sich der Feldherr; denn er wußte nur zu wohl, daß von Madrid aus Alles, aber nur das nicht zu erlangen war, was allein diese kampfgewohnte, wilde Soldateska gefügig und zahm machen konnte: – Geld!

Und drüben über den breiten, schier mit Wasser angefüllten, Gräben starrten Ostende’s Wälle noch ebenso unerschütterlich und verderbensprühend, wie am Tage der Eröffnung dieser furchtbaren Belagerung. Um die Situation Spinola’s noch kritischer zu machen, waren einige holländische Schiffe unter Heemskerk durch die spanische Blokadeflotte geschlüpft und in den Hafen gekommen, und der unermüdliche, listige Moritz von Oranien führte ein auserlesenes Corps herbei, um ihn zur Aufhebung der Belagerung zu zwingen.

Oraniens Vortrab hatte sich in der Flanke Spinola’s bereits vor zwei Tagen gezeigt, und derselbe war nur Schritt vor Schritt, tapfer kämpfend, gewichen.

Spinola kam auf den Kampfplatz. Er war unfern einer Windmühle, die an einem Küstenflüßchen gelegen, auf einem Felsen stand, und wegen der eignen Bedürfnisse des spanischen Heeres bisher geschont war. Hier hielt er sein Roß an, und näherte sich einem Vorposten von baskischen Musketieren und Lanzenknechten, welcher nahe der Brücke sich aufgestellt hatte, die zugleich über den seichten Bach und zu dem Felsen führte, auf welchem die Mühle lag. Während die Bedeckung von den Wallonen ihre Rosse in den Bach ritt, um dieselben zu tränken, musterte Spinola mit Adlerblicken die äußersten Vorwerke Ostende’s.

Von dieser Seite her war die Stadt nur immer eingeschlossen, noch nie berannt und beschossen. Ein gewaltiges, kanalartiges Gewässer dehnte sich hier in solcher Breite, daß die Anlage der Breschbatterien zwecklos erschien, selbst wenn der Graben nicht so tief gewesen wäre. Spinola faßte dennoch diesen Punkt fest ins Auge. Eben war er im Begriff, abzusteigen und sich auf die Windmühle zu begeben, als er oben auf der Gallerie derselben eine junge, höchst reizende niederländische Bäuerin sah, die auf ihn und seine kriegerisch glänzenden Begleiter nur einen sehr gleichgültigen Blick warf, dann aber, die Augen mit der Hand gegen den scheidenden, blendenden Strahl der sinkenden Sonne deckend, unverwandt nach Ostende hinüber spähte.

– Was schaust Du da? rief Spinola verwundert, und sofort kletterte einer der Basken den Felsenhügel hinan, ergriff die Befragte und zog sie, ungeachtet ihres Sträubens, rasch vor den Feldherrn.

Die Niederländerin versuchte frisch und keck zu antworten; aber der geübte Menschenkenner sah sehr bald, daß das Mädchen viel ängstlicher war, als sich aus ihrer Furcht vor den Kriegsleuten rechtfertigen ließ. Er stellte seine Fragen genauer, und das Mädchen, verwirrt stammelnd, versuchte ihr Heil in der Flucht.

Sie ward sofort wieder eingeholt.

– Jetzt aber, Carissima, reden wir ernstlich; sprach Spinola mit seinem finstersten Gesichte, indeß er die bebende Hand der Niederländerin ergriff und ihr drohend in das liebliche Gesicht blickte, welches Schnee statt der Rosenfarbe zeigte.

– Antworte auf der Stelle und sprich die Wahrheit. Was haben Deine Augen drüben auf Ostende’s Wällen zu suchen? Steht Ihr Verräther, deren Haus und Mühle ich schonte, die Ihr durch meine Soldaten Nahrung und Geld bisher erwerben durftet, mit diesen ketzerischen Banden drüben in Verbindung? <tt>Corpo di Bacco! Madre di Dios!</tt> Ich glaube, Ihr gebt drüben Signale, sobald Ihr sehet, daß meine  Spanier die Trommeln umstürzen und zu spielen beginnen! Aber gesteh’, Mädchen, und Du sollst gut bezahlt werden . . .  wo nicht, so sollst Du sterben, ungeachtet Deiner Jugend und Schönheit!

Die Niederländerin sank in heftigster Bewegung vor Spinola nieder, und drückte die Hände auf den Busen, als wolle sie verhindern, daß er zerspringe. Die Spanier näherten sich und betrachteten die schöne Ketzerin mitleidig, wagten aber dem Feldherrn gegenüber keine Bitte für sie einzulegen.

– Muß ich denn sterben, sagte sie, kaum noch ihrer Sinne mächtig, so mag’s um das arme Müllermädchen geschehen sein – ich sterbe für ''ihn;'' aber ''er'' wenigstens ist gerettet!

– Was murmelte das Mädchen jetzt? fragte Spinola, indeß er sich aus seiner vorgebeugten Stellung aufrichtete, und seine Umgebung ansah.

Ein Wallone übersetzte die Antwort. – Er ist gerettet? wiederholte Spinola sinnend. Also täuschte ich mich dennoch nicht! Bewacht dies Mädchen, Navarresen; dies scheint eine Begebenheit von der Art zu sein, an welche sich wichtige Folgen knüpfen. Zwei Mann verfügen sich auf die Mühle, entfernen jede menschliche Seele, die sich darin befindet, und halten genau jenen Punkt, – merkt Euch – jenen Punkt drüben im Auge.

Kaum hatten die Schützen ihren Standpunkt eingenommen, da schrie der eine schon:

– Capitano! Ich sehe Etwas im Kanale sich bewegen; ich kann nicht unterscheiden, ob’s ein Boot ist, oder ein großer Seehund, der den Kopf aus dem Wasser steckt!

Allgemeines Gelächter folgte. Dann ertönte Spinola’s Commando; die Reiter sprengten vor, an der Brücke fort, kamen an den Kanal und bemächtigten sich eines jungen schlanken Burschen, eben als derselbe, triefend von dem Schlammwasser, ans Land stieg.

Spinola vergaß seine ganze angelernte Grandezza; er war in diesem Augenblicke ganz Italiener: er jauchzte laut auf, und rief in seiner Muttersprache, als der Niederländer mit dem Schwert an der Seite vor ihm stand:
– Zu Fuß, mein Bursche?   Du marschirst geradeswegs von Ostende durch den Kanal? Durch den Kanal, den ich zwanzigmal messen ließ, um zu erfahren,  daß er sechzehn Fuß tief ist? Ich würde Dich umarmen, wärst Du weniger triefend  . . .  Spanier, ich sag’s Euch, Ostende ist morgen in dieser meiner Hand!

Und stolz streckte er die mit dem prachtvollen Stulphandschuhe von Toledo bekleidete Rechte empor.

Der Jüngling, der Geliebte der Müllerin, welche halbohnmächtig dieser Scene zuschaute, war nicht so schwierig wie diese. Er bedung sich Sicherheit für sich und seine Geliebte aus, und gestand, daß eben an dem Platze, welchen er überschritten habe, sich ein schmaler Damm befinde, welcher den Kanal durchschneide, daß durch die Ueberschwemmung jedoch derselbe unter Wasser gekommen sei . . .

Spinola bestieg hierauf sein Roß, um sofort seine Dispositionen zum Angriff auf Ostende zu machen.

Indeß dies neben der Brücke verhandelt wurde, erscholl plötzlich donnernder Hufschlag, und von der Seite her kamen niederländische Reiter; sie sprengten unter dem weitgewölbten Brückenbogen hervor und machten mit Schwert und Faustrohr und Muskete einen wüthenden Angriff auf Spinola und seine Wallonen und Navarresen. In einem Augenblicke wälzten sich zwei Spanier getroffen am Boden; und immer nach rückten unter dem Geschrei: Oranien boven! neue Gesichter, durch den Pulverdampf sichtbar, auf schnaubenden Rossen vorwärts und hieben die Wallonen nieder.

– Rettet den Feldherrn! schrien die Wallonen und sprengten vor, um Spinola mit ihren Klingen und Körpern zu schützen.

– Wo ist dieser spanische Mörder? rief eine prächtige, vibrirende Stimme durch den Tumult.   Und auf einem wunderschönen Schimmel sprengte ein Reiter auf Spinola zu und feuerte sein Pistol ab.   Spinola ließ geschickt sein Pferd sich bäumen; in die Brust getroffen sank der schwarze, andalusische Hengst zusammen.   Zugleich zückte der Niederländer in mächtigem Hiebe sein Schwert.   Aber der spanische Feldherr, gewandt wie vielleicht keiner seiner Reiter, zog den Fuß aus dem Bügel, ergriff das Pistol und schlug an.

– Moritz Oranien ists selbst! schrien die Navarresen, indeß sie mit den Piken auf den Schimmelreiter eindrangen.   Heute kein Quartier! – Macht ihn nieder, Cameraden!

Oranien! – Das Wort traf den großen spanischen Capitano blitzähnlich. Das war sein nicht minder großer Gegner – zwei der ersten Feldherren ihres Jahrhunderts standen sich persönlich fechtend gegenüber. Der Schuß, welchen Spinola <tt>à bout portant</tt> auf den Prinzen abfeuerte, ging fehl . . . Oranien war durch Nennung seines Namens gerettet und Spinola sprang vorwärts, ergriff ein reiterloses Pferd und dachte an den Rückzug aus diesem mörderischen Engagement.

Inzwischen waren die niederländischen Fußgänger herangekommen und nahmen den Kampf mit den Navarresen auf.   Die Spanier flohen auf die Mühle, und keine zehn Minuten, so war das Gebäude von den Schüssen in Flammen.   Man schlug sich jetzt allenthalben, unter der Brücke, neben beiden Seiten und oben auf der brennenden Mühle, im Bache, jenseits desselben.

Sogar der Niederländer, dessen Geliebte schon Anfangs die Flucht genommen hatte, focht um seine Freiheit mit dem Navarresen, der ihn festzuhalten Befehl empfangen hatte. Obgleich waffenlos, überwältigte er denselben, bemächtigte sich seiner guten Klinge wieder im seichten Gewässer des Bachs, und hieb ihn zusammen, dann floh er ebenfalls.

Heranrückende spanische Regimenter machten dem Gefechte ein Ende. Oranien verließ mit seinen Reitern, die jeder hinter sich einen Fußgänger mit aufs Pferd nahmen, den Kampfplatz im Galopp. Er hatte einen jener kühnen Handstreiche ausgeführt, die ihn dem Feinde so furchtbar machten; er hatte recognoscirt und geschlagen, und fast hätte er seine Absicht erreicht und Ambrosio Spinola gefangen genommen.

Der Schrecken der Spanier über diese Kühnheit wich bald der hellen Begeisterung, als die Nachricht von der Furt durch die breiten Graben sich verbreitete. Mit wahrem Feuereifer warf die Infanterie Schanzen im Rücken des Lagers auf, um sich gegen eine abermalige Ueberraschung durch Moritz zu sichern. Als er in der folgenden Nacht einen geordneten Angriff wagte, ward er mit Verlust zurückgetrieben.

Spinola aber ließ seine entschlossensten Regimenter auf dem mit Wasser bedeckten Damm vorrücken – die erstarrten Ostender sahen sich von dieser Seite der Stadt verloren und – die Stadt war in Spinola’s Gewalt.

Sein Ruhm schallte durch ganz Europa, als die Kunde sich verbreitete, Spaniens Flagge wehe über Ostende’s Steinhaufen.


==Anmerkung WS==
{{references}}

[[Kategorie:Kunstwissenschaft]]