Revision 1993489 of "Benutzer:A. Wagner/Der Kunstverein, Neue Serie: Stahlstich-Sammlung der vorzüglichsten Gemälde der Dresdener Gallerie" on dewikisource{{LineCenterSize|100|23|Der}}
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==1. Heft.==
===Die Sängerin. Von Kaspar Netscher.===
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In dem Gebäude, welches die Generalstaaten im Haag dem päpstlichen Legaten, Cardinal Cesare Detti Barberini zur Verfügung gestellt hatten, ging im Frühjahre 1655 ein glänzendes Fest zu Ende.
Die weiten Säle waren voll von schönen Männern und Frauen aus Niederlands vornehmsten Geschlechtern. Die Blüthe der Jugend wogte nach italienischen Tanzmelodien über den spiegelglatten Boden dahin, indeß der Prinz von Oranien, umgeben von seinen ernsten Holländern, von schmeichelnden Franzosen und schlaublickenden Italienern, sämmtlich Männern in vorgerückten Jahren, in den Nebenzimmern wichtigere Gespräche führte, als sie über die Lippen der sorglosen, nur dem Vergnügen und der Liebe hingegebenen Jugend im Tanzsaal strömten.
Neben dem Großpensionair J. de Wit zeigte sich die imponirende Gestalt Barberini’s. Der Cardinal war noch im kräftigen Mannesalter, in der bekannten „kleinen Toilette“. Obgleich seine Mission, für die Katholiken erweiterte Rechte im eigentlichen Holland zu erhalten, gescheitert war, sah man auf seinem milden, aber auch schlangenklugen Gesichte dennoch keinen Hauch von Mißstimmung, die er in so großem Maße im Herzen trug. Der Prälat erschien hier nur noch als vornehmer Römer, als feiner Weltmann.
Giacomo del Monte, sein Vetter dagegen, ein hagerer, brauner Mann in der Obersten-Uniform der päpstlichen Leibwache, äußerte seinen Unmuth durch seine finstre Miene desto unverhüllter.
Aber gleich als hätte die Liebenswürdigkeit des poesiereichen Italiens demungeachtet einen glänzenden Sieg behaupten sollen, so zeigte sich neben dem Obersten dessen Tochter, Viola del Monte.
Ein reicher Blumenflor der schönen Töchter Niederlands war hier heute zu bewundern; keine derselben aber hätte es vermocht, dieser Italienerin den Preis der Schönsten streitig zu machen; Viola war blond; ihr Haar zeigte in den herabwallenden Locken eine unvergleichlich wirkende Mischung von Natur und Kunst. Orientalische Perlen durchschlangen dasselbe und vom Scheitel schwankten silberfarbene Reigerbüsche. Nichts Zarteres gab’s je als Viola’s Gesichtsfarbe, und die Formen ihres Gesichts und ihres nur nachlässig verhüllten Busens wären ein tadelloses Vorbild für die Schöpfungen der Künstler gewesen. Ihre Unterarme waren entblößt und erschienen, wie die Hände, unnachahmlich schön.
Viola, die alle Männerherzen Bezaubernde, war die Königin des Festes. Nur wenige Glückliche aber genossen die Gunst, die Römerin zum Tanze zu führen. Sie zog sich bald von der rauschenden Lust zurück, um mit ebenso vieler Würde als Grazie in den Gesellschaftszimmern die Pflichten der Dame vom Hause zu übernehmen.
Nicht wenige der niederländischen und fremden Cavaliere wurden dadurch bewogen, ebenfalls den Tanz aufzugeben und sich in die Spielzimmer zu begeben, um den Anblick dieser Schwester der Huldgöttinnen länger zu genießen.
Sie rangirten sich um die Tische und begannen ihre Unterhaltung. Unter ihnen zeichneten sich, was die Schönheit ihrer Erscheinung, und – die Glut der Blicke betraf, die sie auf Signora Viola warfen, besonders zwei aus.
Der erste war der Edeljunker Geraart van Sluits, ein Niederländer, Lieutenant von der Marine. Der andere, Quentin de Chavigny, ein Franzose, Lieutenant von den Mousquetaires seines Könige.
Geraart van Sluits war zweiundzwanzig Jahre alt und etwa acht Jahre jünger als der Chevalier de Chavigny. Er war hoch gewachsen, hatte kaum eine schwache Schattirung auf der Oberlippe, und trug die herrlichsten hellbräunlichen Locken, die man sich einbilden kann. Sein Gesicht zeigte etwas Schwärmerisches, was den Ausdruck desselben höchst interessant machte.
Der Franzose dagegen war untersetzt, breitschultrig, schwarzbärtig, mit kurzgeschornem Haar, braunem Gesicht und mit kühnblitzenden Nachtaugen. Er war übrigens zierlich gewachsen; der beste Tänzer, aber auch einer der gewandtesten, unerschrockensten Fechter, die es geben konnte.
Jeder dieser Männer war in seiner Art vollendet. Es kam auf das Gemüth und den Geschmack des Beurtheilers an, welchen man vorziehen wollte; indeß dies aber geschah, konnte man dennoch nicht umhin, den andern ausgezeichnet zu finden.
Diese beiden Menschen waren, obgleich sie sich nie beleidigten, seit sie Viola del Monte gesehen hatten, Todfeinde. Jeder sah die Leidenschaft des Andern und es stellte sich bald als gewiß heraus, daß die Italienerin, falls ihr Herz gerührt werden könne, nur unter ihnen wählen würde. Die Waage schwankte; endlich aber neigte sie sich zu Gunsten des weichen und doch heldenmüthigen Niederländers . . . ihm war von der herrlichen Fremden ein Lächeln jener Art geworden, das man „Lächeln des Herzens“ nennt. Chavigny wüthete. Aber noch glaubte er nichts sicher entschieden. Alles sollte heute Abend beendigt werden. Geraart Sluits und Quentin Chavigny, beide durch denselben Wunsch beseelt, dem Gegenstande ihrer Anbetung so nahe als möglich zu sein, hatten sich an den Tisch gesetzt, welcher dem geöffneten Zimmer, wo sich die ältern Notabilitäten befanden, am nächsten war. Einige andere Herren nahmen ebenfalls Platz, legten Karten auf und das Spiel begann. Es war das alte Landsknechts-Spiel. Der Zufall wollte, daß van Sluits die Bank erhielt. Chavigny schien selbst hier seinem bittern Groll gegen seinen Nebenbuhler Luft machen zu wollen; denn er machte so große Sätze, daß sich mehre Zuschauer neugierig um den Tisch versammelten.
Aber der Chevalier war auch hier unglücklich. Geraart zog seine Goldhaufen ein, bis der Mousquetaire erklärte: er besitze hier keine baare Münze, und verlange aufs Wort zu spielen. Geraart gestand dies zu, und der Franzose verlor abermals mehre Tausende von Gülden.
Chavigny erhob sich. – In diesem Augenblicke machte man drüben im Saale mit Tanzen eine Pause; die glänzende Versammlung strömte in die Nebenzimmer, und begann nach einiger Erholung die damals so beliebten Gesellschaftsspiele, welche in immer neuem Wechsel in Paris bei Hofe erfunden wurden, und von dort aus den Weg durch die ganze Adels- und vornehme Welt Europas machten.
Hier glänzte Chavigny unbestritten als König. Er versuchte es beim „Colin Maillard assis“ sich gewandt der Hand Viola’s zu bemächtigen; sie wurde ihm heftig entzogen und sofort machte die Italienerin diesen Bravourstücken des Franzosen durch die Erklärung ein Ende: daß die Gesellschaft sich durch Musik und Gesang unterhalten werde.
Mehre Schönen sangen zu dem Clavicimbale wie liebende Nachtigallen, und ernteten reichen Beifall. – Alles aber verstummte, als Barberini selbst mit cavaliermäßiger Grazie Viola an die Hand nahm, und ihr ein Notenbuch und eine herrliche, neapolitanische Laute präsentirte.
Viola sah im Kreise umher. Ihr Auge suchte Geraart, der sich weit zurückgezogen hatte. Sie nahm das Instrument, das in den Niederlanden selten fertig gespielt wurde, und fragte, wohl wissend, daß Geraart van Sluits dasselbe meisterhaft zu behandeln verstand:
– Würde Jemand die Mühe übernehmen, mich auf der Laute zu begleiten?
Tief gebückt trat Geraart van Sluits heran und nahm die Laute, und nun begann ein Conzert, welches, die ganze Gluth und Innigkeit der beiden liebenden Herzen athmend, die Zuhörer hinriß und bezauberte. Welches Metall, welcher Schmelz dieser Stimmen, deren Töne sich in den reinen, herrlichen Melodien Baltazarini’s wiegten! Geraarts Augen blitzten denjenigen Viola’s entgegen, sie sprachen das Geständniß seiner Liebe . . . Und Viola, die Augensterne fest auf ihr Notenbuch heftend, fühlte, wie an dem leisen Vibriren ihrer Züge zu sehen war, die magische Gewalt dieser Blicke, obwohl sie dieselben nicht sah.
Die Piece war geendigt. Chavigny trat herzu und machte der Signora del Monte seine Verbeugung. Er war Meister auf der Viola di Gamba, wie die Italienerin in dem Spiele des Claviers.
Der Chevalier fragte, indem er auf die Instrumente zeigte:
– Darf ich ebenfalls mir die Ehre erbitten, daß Sie, Mademoiselle, mit mir spielen?
Viola ward aus ihrem Himmel gerissen. Sie erwiderte halblaut, aber nicht ohne Schärfe:
– Nicht mit mir! Ich bin erschöpft! Aber da ist der Edeljunker van Sluits; er wird mit Ihnen ''aufs Wort'' spielen!
Der Mousquetaire schien bei dem Doppelsinne dieser Erwiderung wie vom Blitze getroffen, faßte sich aber mit parisischer Schnelligkeit.
– Ich werde allerdings, sagte er höflich; aber Sie erlauben, nur ''auf Klingen!''
Chavigny verließ auf der Stelle den Saal, von dem Marquis von Croustillac und Dernonville geleitet.
Geraart hatte seinen Blick wohl verstanden und beurlaubte sich bei Viola, die jetzt erst begriff, was sie durch ihre Antwort angerichtet habe.
Geraart nahm seinen Vertrauten, einem Capitain Bloom mit sich. Sie holten die drei Franzosen bald ein, und wurden von dem rauflustigen Croustillac nur durch eine Handbewegung eingeladen, ihnen zu folgen.
Chavigny und seine Begleiter gingen voran zu dem „Bosch van Haag“, einem herrlichen Gehölz in der Nähe der Stadt, die damals noch immer „ein Dorf“ genannt wurde.
Unter einigen alten Linden machten die Franzosen Halt.
– <tt>Par Dieu!</tt> Chevaliers, rief der Herr von Dernonville, nach dem hell und klar am Himmel hängenden Vollmonde hinaufblickend; ein vortrefflicher Ort, um sich die Kehlen abzuschneiden!
Die Niederländer schwiegen. Bloom zog den Degen und bestimmte die Mensur. Die Kämpfer warfen ihre Mäntel ab, zogen und begrüßten sich durch Senken der mattfunkelnden Degenspitzen.
– Mein Herr van Sluits, sagte Croustillac, wie auf dem Parket seine Verbeugung machend, ich habe die Ehre, Ihnen hier den besten Schüler des unsterblichen Marmet’s, des besten Fechtmeisters in Paris, vor die Klinge zu liefern. Sie werden, Monsieur, einen Stiefel finden, der für Ihren Fuß paßt!
Geraart verbeugte sich. Einen Augenblick später sprühten die Funken von den gekreuzten Klingen. Trotz seines stählernen Handgelenkes und seiner ausgezeichneten Kunst ward Chavigny von dem Niederländer durch einen Stoß durch die Brust zu Boden gestreckt.
Bloom trat gleichmüthig vor.
– Dieser Stoß, meine Herren aus Paris, sagte er, war zwar nicht vom Marmet, aber Sie werden allerseits gestehen, daß er ''gut'' ist! –
Chavigny starb noch in derselben Nacht und Geraart mußte aus dem Haag fliehen. Er nahm Abschied von Viola del Monte; er hegte noch Hoffnung . . . sie aber wußte, daß dies ein ewiges Lebewohl sei. Der Cardinal-Legat gab ihm eine Empfehlung an den Großmeister der Johanniter, Sebastian de Valency, und Geraart reiste nach Malta ab.
Er trat hier in den Orden ein, durch seine Umgebung bestimmt, nachdem er gehört, daß Viola del Monte Barberini dem Grame um die Trennung von ihm erlegen war und die Erde verlassen hatte. –
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===Der Chemiker. Von David Terniers.===
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Auf der „Warmoen Straat“, alte Seite zu Amsterdam, stand eine eigenthümliche Wohnung. Sie wich etwas von der breiten Straße zurück; der Raum, der dadurch in der Reihe der barock gebauten Paläste reicher Kaufleute entstand, war mit Linden bepflanzt, welche durch Geländerwerk und durch eine kunstreiche Scheere oben zu eigenthümlichen, geometrischen Figuren gezogen waren. – Das Haus selbst war niedrig, aber prächtig und mit Marmor verziert; jedes Fenster zeigte einen Spitzbogen mit Genienköpfen, an den Seiten waren Nischen mit Miniaturstatuen von damals ausgezeichneter Arbeit, und in den Feldern unter den Fensterböschungen sah man Haut-Reliefs aus der biblischen Geschichte, von anderen seltsamen Sculpturen eingeschlossen. Die letzteren Bildnerwerke waren indo-persische, oder antik-ägyptische; sie stellten das Leben Zoroasters und des noch urälteren persischen Mythras, des schaffenden Mittelgottes, den Sonnendienst und die mystischen Lehren der Magier dar.
Dies Haus hieß „die Wohnung des Weisen“ bei dem Volke. Die Gebildeten nannten dasselbe mit einem damals ebenfalls noch von geheimnißvollen Vorstellungen begleiteten Namen: „Apotheke“. –
Hier wohnte einer der berühmtesten Chemiker Amsterdams. Er hieß Erasmus de Pottere oder Erasmus Potterus. Er verschmähte es, damals an den Hof des Burgunders, oder nach Spanien als Arzt, das heißt, als ein im Besitze wunderbarer Künste befindlicher Arzt, zu gehen, und sich für mystische Täuschungen, wie er sie leicht hätte ermöglichen können, Rang, Geld und Berühmtheit zu erringen. Potterus war wirklich ein Gelehrter, und aus seinem geräuschlosen Wirken, aus dem stillen Arbeiten seiner einsamen Nächte erwuchs der Wissenschaft manche wichtige Entdeckung. Niemand war der Mystik, welche sich in jenen Zeiten der Arznei- und Apothekerkunst bemächtigt hatte und die bis in die trübsten Regionen der Alchymie sich verlor, fremder als eben Potterus.
Und dennoch war Erasmus Potterus wirklich und wahr im Besitze von Arcanen und von Künsten, welche diejenigen, die die Hof-Astrologen und Alchymisten lügenhaft von sich rühmten, weit überstiegen.
Daß Potterus Gold machen könne, stand in Amsterdam so fest, daß, als die Girobank in Amsterdam wegen bedeutender Kriegsvorschüsse an die Generalstaaten in augenblicklicher Verlegenheit war, eine Deputation insgeheim an den Chemiker gesandt wurde, um ihn zu bewegen, eine Anzahl von Goldbarren aus Eisen oder Kupfer herzustellen. Potterus wies sie lächelnd von sich, aber der Glaube an seine Kunst ward dadurch noch mehr befestigt. Jedermann kannte die einfache, fast ascetische Lebensweise des Chemikers; er mußte nothwendig arm oder geizig sein, um sich so consequent jedes weltliche Vergnügen, jeden Genuß zu versagen. Hiermit stimmte aber durchaus nicht zusammen, daß Erasmus Potterus, als die schöne Kalver-Straat und die Keyzers-Gracht erweitert und neu aufgeführt werden sollten, bei dem Magistrat zu diesem Zwecke eine Summe von fünfzigtausend Goldgülden zum Geschenk niederlegte. –
Soviel war indeß, aller halbwahren oder märchenhaften Gerüchte ungeachtet, sicher: daß dieser Wundermann die Sanftmuth und das menschliche Mitleiden selbst war. Er gab reiche Almosen, und reichte jedem der Kranken, die aus der Hauptstadt und aus der Umgegend kamen, zuvorkommend gute Arznei und zwar unabänderlich umsonst.
Potterus war übrigens unverheirathet, hatte keine Anverwandte, und bewohnte sein Haus allein. Einige Knechte, welche ihm die Blasebälge seiner Essen zogen, oder an dem Mörser arbeiteten u. s. w. kamen nur Morgens und gingen Abends wieder nach Hause. –
So lebte Potterus, da kam zu Amsterdam ein venetianisches Schiff an, mit levantinischen Erzeugnissen beladen. Mit diesem Schiffe traf ein Arzt ein, welcher Gaetano Trombona hieß. Dieser Italiener quartierte sich in einem Gasthofe ein, welcher der Wohnung des Erasmus Potterus schräg gegenüber lag. Große Anzeigen seiner wunderbaren Kenntnisse und Kuren bedeckten die Wände des Gasthauses, und ein unerhörter Andrang fand zu dem Fremden statt, welcher die Geheimnisse des Orients zu besitzen vorgab. Bald aber kam das Gerücht, dieser Italiener aus Parma sei ein Wallone, kein Arzt, sondern ein vormaliger Reiter vom Condottieri Spinola, ein Abenteurer, welcher nichts verstehe, als Leichtgläubige auszuplündern. Trombona vernahm diese Gerüchte, und er eilte, sein gesunkenes Ansehn dadurch wieder zu befestigen, daß er mit dem als wahrhaften Gelehrten bekannten und hochgeachteten Erasmus Potterus Bekanntschaft anknüpfte. –
Trombona trat also bei dem Chemiker ein, welcher ihn in seinem Laboratorio mit gewohnter Zuvorkommenheit empfing. Potterus war etwa sechsundvierzig Jahre alt, mehr hager als stark; er trug einen langen Bart, ein Doctorbaret mit Pelz, eine Art Kaftan mit Marderfellen besetzt und Pantoffeln mit Goldbrocat eingefaßt. Das Laboratorium sah fremdartig genug aus, und der Chemiker bemerkte zu seiner großen Zufriedenheit und mit dem sanftmüthigsten Lächeln von der Welt, daß Gaetano vom Anblicke desselben einigermaßen überrascht war. Die Essen dampften und sprühten Funken; vor der einen arbeitete der Meister in seinem großen Lehnstuhle, neben sich einen Handblasebalg, kleine Schmelztigel, Retorten und chemische Apparate; hinter sich einen reich gedeckten, mit den verschiedensten Instrumenten, Büchern und Fläschchen versehenen Tisch. An der Außenseite der Hauptesse waren Schädel und Knochenreste von Thieren, ein riesiger Destillirapparat etc. angebracht; unten lag ein Buch – es waren die Geheimnisse des zweiten oder irdischen Hermes, des Trismegistus, mit allem tief- oder wahnsinnigen Wuste einer sich in labyrinthischen Irrgängen verlierenden Kabbala.
Gaetano Trombona, ein untersetzter Mann von imponirendem Aeußern in der Doctor-Tracht von Bologna, wußte den Potterus sehr bald für sich einzunehmen, und als er zwei seiner corsikanischen braunen Diener in das Laboratorium brachte, welche, einen großen, eigenthümlich geformten, schön ausgestopften Fisch trugen und ihn dem Erasmus als Geschenk anboten, da kannte die Freude des Niederländers keine Grenzen. Dieser Fisch war ein durchaus unbekannter; er war nicht etwa wie die höchst seltsame und berühmte, lange für echt gehaltene Antwerpener Seeschlange mit Flügeln, künstlich, sondern ein natürlicher Rest von einem Seethiere, das Gaetano für einen Crocodil-Haifisch erklärte, und von welchem er behauptete, daß diese Gattung auf dem Lande gehen könne, obgleich sie keine Füße habe. Das Thier ward feierlich oben an die Zimmerdecke gehängt.
Von diesem Tage an war Erasmus der Freund des Italieners, welcher von nun an bei ihm ein täglicher Gast war. Beide reichten sich bei mehren Geschäften die Hand; Trombona setzte sich in das Laboratorium des Niederländers und fertigte die kommenden Kranken ab, Potterus bereitete nach seiner Angabe Elixire für dieselben u. s. w. Diese Verbindung ward immer genauer, denn schwerlich war ein gewandterer Mann als Gaetona zu finden. Potterus hatte sehr bald entdeckt, der Italiener sei kein großer Gelehrter in Hinsicht auf Arzneikunst; aber der Abenteurer, welcher den Orient, Arabien, Persien und Aegypten durchstrichen hatte, verstand die morgenländischen Sprachen der kabbalistischen Bücher so vollständig, daß dem wißbegierigen Holländer der neue Freund bald unentbehrlich wurde.
Potterus fing bald an, den Italiener in seine Geheimnisse einzuweihen. Nur stufenweise entdeckte der brave Chemiker seine Kunst, so sehr Gaetano ihn auch weiter drängte. Es war, als wenn eine Ahnung dem Chemiker zugerufen hätte: verräthst Du die „geheime Kraft der Wissenschaft“, so kostet es Dein Leben!
Fast zitternd gestand Potterus dem Freunde, daß er seit Jahren ein Geheimniß besitze, das er länger allein zu tragen und stumm in seine Brust zu verschließen nicht die Kraft besitze. Er führte Gaetano nach einer wohlverschlossenen Kammer, und zeigte ihm hier Gold in gewaltigen Haufen aufgeschichtet.
– Sieh, mein Freund, sprach der Chemiker, dies alles habe ich durch die Kunst, welche ich entdeckte, gewonnen. – Gaetano horchte athemlos. – Aber glaubst Du, daß der Anblick dieses Goldes mich dafür entschädigt, daß ich meine Entdeckung bisher noch in keine menschliche Seele habe niederlegen können? – Du wirst hören, Du wirst sehen und wirst begreifen, daß alle Macht der Welt in meinen Händen liegt! Habe ich Dich später erprobt, habe ich Dich so treu und würdig wie bisher erfunden, so wirst Du Theilnehmer meiner Erfindung, damit ich den Weg in den kalten Regionen der Wissenschaft nicht mehr allein, wie ein vom Leben Abgeschiedener, zu wandeln nöthig habe.
Einige Zeit verstrich, und noch immer hatte Potterus sich nicht erklärt. Trombona ward fast unsinnig vor Neugierde und einer Leidenschaft, die sich später ausschließlich seiner bemächtigte. Der Holländer zeigte ihm eines Abends tief im untersten Gewölbe seines Kellers einen weiten, klaren Teich, in welchem einige Schichten Muscheln über einander lagen. Gaetano begriff erst dann, als Potterus sich bückte, eine Muschel und dann noch eine herausnahm und mit einem Instrumente aus den Schalen blitzende, runde Körper hervorlangte, die der Staunende als die unschätzbarsten, ächten Perlen erkannte. –
– Perlen! rief der Holländer. Einige einzige dieser Muscheln liefert mir für Tausende von Gülden dieser Kleinode jährlich, und meine Kunst ist es, meine stummen Arbeiter zu veranlassen, mir nach meinem Willen ihre herrliche Waare zu schaffen!
Tief erschüttert ging Trombona nach seiner Wohnung. Es litt ihn nicht mehr im Laboratorio des Holländers, nur unten im Gewölbe ward er ruhig. Stundenlang saß er und visitirte und untersuchte die Muscheln und forschte und grübelte; er sah das Wunder vor sich, aber je mehr er dasselbe zu begreifen strebte, desto verwirrter wurde er. Potterus aber ward ziemlich besorgt über seinen Freund.
– Es sind Lügen! Erasmus! rief Trombona eines Tages wild. Du täuschest mich. Diese mit Perlen prangenden Muscheln haben die Taucher aus der Tiefe des Meeres geholt; sie besaßen bereits die Perlen . . . und doch . . . ich sehe, die Lücke für die Perlen hast Du gebohrt . . . Erasmus, sage mir die volle Wahrheit, oder ich werde irrsinnig . . . Hast Du Lüge oder Wahrheit? –
– Wahrheit! rief Erasmus; dort in meinem Eisenkasten liegen die Recepte für das Teichwasser, für die Behandlung der Thiere, für mein ganzes Verfahren, dessen Resultat Du kennst! Aber, setzte er zögernd hinzu, noch bist Du nicht besonnen, nicht kaltblütig genug, als daß ich Dir das Geheimniß enthüllen könnte! –
Trombona schwieg düster und ging sehr bald fort. An diesem Abende war’s ein furchtbares Regenwetter. Trombona wußte, daß der Chemiker versprochen hatte, eine arme Kranke, über den alten Deich hinaus wohnend, zu besuchen; er hielt stets ein solches Wort. Gaetano besann sich, dann ließ er seinen Corsikaner zu sich kommen.
– Bastelika! kennst Du den Potterus?
Der Corsikaner sah erstaunt auf.
– Nimm diesen guten Dolch, und triffst Du ihn auf dem Wege von der Warmoen-Straat bis zum alten Deich, so stoß’ ihn nieder. Hier sind 100 Gülden!
Bastelika schüttelte zwar den Kopf, aber er nahm Waffe und Geld und ging in das Wetter hinaus. Trombona öffnete die Fenster sammt der Hausthür und horchte. Eine halbe Stunde verging in ängstlicher Weise. Da kam eine in einen Mantel gehüllte, triefende, schwankende Gestalt daher, die eine Hand weit vorgestreckt, als sähe sie nicht mehr, und stürzte in des Italieners Gemach. Es war Erasmus, der zu Füßen seines verrätherischen Freundes niedersank, noch einen Blick auf ihn richtete und, indeß er vergebens zu sprechen versuchte, starb. –
Trombona nahm die Schlüssel, welche der Chemiker unter seinem Marderpelze verbarg, und eilte nach dessen Wohnung. Er rührte das Gold nicht an; nur das Geheimniß – das Geheimniß wollte er finden. Er sah ein Papierpaket, mit der Aufschrift: „Perlen“!
O Schrecken! Es war in Chiffern geschrieben, die der Mörder nicht kannte, nicht zu lösen vermochte, deren Schlüssel im Haupte des Meisters begraben lag!
Gaetano ging, den Tod im Herzen, nach seiner eigenen Wohnung zurück, brachte die Leiche des Chemikers nach seinem Hause, rührte kein Goldstück, keine Perle an, und verschwand mit seinen Corsikanern noch in derselben Nacht.
Von Smyrna aus kam sein Brief an den Magistrat von Amsterdam, welcher diese eben so eigenthümliche als düstere Geschichte enthüllte.
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===Reitergefecht. Von Wouvermann.===
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Majestätisch und furchtbar breitete sich das Lager der Spanier im Jahre 1604 vor dem alten Ostende aus. Ein Tod und Verderben schleudernder Gürtel zogen sich die Schanzen und Laufgräben um die Stadt, und hohe Bewunderung mußte selbst das Herz des Feindes erfüllen, wenn er bedachte, daß die geängstigte Stadt dieser ununterbrochenen Reihe von Kanonen- und Karthaunenmündungen schon drei volle Jahre und drei Monate unerschütterlich getrotzt hatte.
Ostende war ein Steinhaufen, aber die Besatzung sammt der Bürgerschaft schien fest entschlossen, sich lieber unter den Trümmern zu begraben, als den Spaniern, von denen bereits hunderttausend Mann vor den Wällen dieser Seestadt gefallen waren, die Thore zu öffnen.
Ganz Europa hielt auf die Belagerung und auf den genialen Feldherrn der Spanier, den genuesischen Condotterie, Marquis Ambrosio Spinola, unverwandt das Auge gerichtet. Spinola, der sich vom Führer einer Zahl von 9000 Wallonen, die Jedem diente, welcher sie bezahlte, rasch zum Feldherrn Philipps III. aufgeschwungen hatte, fühlte zu klar, daß sein ganzer zukünftiger Feldherrn-Ruhm von der Einnahme Ostende’s abhängen werde, und er setzte daher den Niederländern eine Eisenfestigkeit entgegen, die mindestens der ihrigen nicht nachstand. Zugleich wandte er seine ausgezeichnete Verschlagenheit unermüdlich an, um das durch eine Ueberrumpelung, durch List und Verrätherei zu erreichen, was er bisher mit der blanken Waffe nicht hatte ins Werk richten können. Aber kein Verräther wollte erscheinen; der National- und Glaubenshaß der Niederländer gegen ihre spanischen Tyrannen und Henker war so heftig und unbestechlich, daß die holländischen Kriegsleute, welche in die Hände der Spanier fielen, lieber starben, als nur ein Wort sagten, das geeignet gewesen wäre, die Pläne der Spanier nur um einen Schritt weiter zu fördern.
Fast verzweifelnd ritt Ambrosio Spinola, vielleicht zum zweitausendsten Mal, eines Abends durch die Trancheen, um eine Recognoscirung zu unternehmen, von welcher er sich heimlich seufzend gestand, daß sie eben so wenig wie alle anderen Erfolg haben werde. Als er mit etwa 20 Mann seiner wallonischen Garde, die, gut verpflegt und richtig bezahlt, Muster des Gehorsams war, die vorgeschobenen Zeltreihen und dann die Batterien passirte, hörte er von den castilischen, gelb und schwarz gekleideten, Reiterregimentern und von den wilden Massen der navarresischen Fußknechte Aeußerungen, die mehr als Murren waren. Sie fluchten auf den vorbeireitenden Feldherrn, sie verlangten, mit drohenden Bewegungen ihrer langen Musketen und Hellebarden, nach Spanien zurückgeführt zu werden und zwar auf der Stelle.
– Dort winkt reiche Belohnung, Kinder; sagte der Feldherr, sehr gütig lächelnd; als einer der Musketiere, die Waffe zum Anschlage bereit, auf ihn zutrat; Ostende birgt noch Schätze genug, um Euch reich für alles ausgestandene Ungemach zu belohnen!
– Wir werden sehen! sagten die Navarresen, einigermaßen beschwichtigt. Als Spinola aber fort ritt, da legten sie wie zur Probe ihre Musketen an, und murmelten grimmig ihr: – Carajo! Italienischer Hund! –
Nur mit noch schwerer gewordenem Herzen entfernte sich der Feldherr; denn er wußte nur zu wohl, daß von Madrid aus Alles, aber nur das nicht zu erlangen war, was allein diese kampfgewohnte, wilde Soldateska gefügig und zahm machen konnte: – Geld!
Und drüben über den breiten, schier mit Wasser angefüllten, Gräben starrten Ostende’s Wälle noch ebenso unerschütterlich und verderbensprühend, wie am Tage der Eröffnung dieser furchtbaren Belagerung. Um die Situation Spinola’s noch kritischer zu machen, waren einige holländische Schiffe unter Heemskerk durch die spanische Blokadeflotte geschlüpft und in den Hafen gekommen, und der unermüdliche, listige Moritz von Oranien führte ein auserlesenes Corps herbei, um ihn zur Aufhebung der Belagerung zu zwingen.
Oraniens Vortrab hatte sich in der Flanke Spinola’s bereits vor zwei Tagen gezeigt, und derselbe war nur Schritt vor Schritt, tapfer kämpfend, gewichen.
Spinola kam auf den Kampfplatz. Er war unfern einer Windmühle, die an einem Küstenflüßchen gelegen, auf einem Felsen stand, und wegen der eignen Bedürfnisse des spanischen Heeres bisher geschont war. Hier hielt er sein Roß an, und näherte sich einem Vorposten von baskischen Musketieren und Lanzenknechten, welcher nahe der Brücke sich aufgestellt hatte, die zugleich über den seichten Bach und zu dem Felsen führte, auf welchem die Mühle lag. Während die Bedeckung von den Wallonen ihre Rosse in den Bach ritt, um dieselben zu tränken, musterte Spinola mit Adlerblicken die äußersten Vorwerke Ostende’s.
Von dieser Seite her war die Stadt nur immer eingeschlossen, noch nie berannt und beschossen. Ein gewaltiges, kanalartiges Gewässer dehnte sich hier in solcher Breite, daß die Anlage der Breschbatterien zwecklos erschien, selbst wenn der Graben nicht so tief gewesen wäre. Spinola faßte dennoch diesen Punkt fest ins Auge. Eben war er im Begriff, abzusteigen und sich auf die Windmühle zu begeben, als er oben auf der Gallerie derselben eine junge, höchst reizende niederländische Bäuerin sah, die auf ihn und seine kriegerisch glänzenden Begleiter nur einen sehr gleichgültigen Blick warf, dann aber, die Augen mit der Hand gegen den scheidenden, blendenden Strahl der sinkenden Sonne deckend, unverwandt nach Ostende hinüber spähte.
– Was schaust Du da? rief Spinola verwundert, und sofort kletterte einer der Basken den Felsenhügel hinan, ergriff die Befragte und zog sie, ungeachtet ihres Sträubens, rasch vor den Feldherrn.
Die Niederländerin versuchte frisch und keck zu antworten; aber der geübte Menschenkenner sah sehr bald, daß das Mädchen viel ängstlicher war, als sich aus ihrer Furcht vor den Kriegsleuten rechtfertigen ließ. Er stellte seine Fragen genauer, und das Mädchen, verwirrt stammelnd, versuchte ihr Heil in der Flucht.
Sie ward sofort wieder eingeholt.
– Jetzt aber, Carissima, reden wir ernstlich; sprach Spinola mit seinem finstersten Gesichte, indeß er die bebende Hand der Niederländerin ergriff und ihr drohend in das liebliche Gesicht blickte, welches Schnee statt der Rosenfarbe zeigte.
– Antworte auf der Stelle und sprich die Wahrheit. Was haben Deine Augen drüben auf Ostende’s Wällen zu suchen? Steht Ihr Verräther, deren Haus und Mühle ich schonte, die Ihr durch meine Soldaten Nahrung und Geld bisher erwerben durftet, mit diesen ketzerischen Banden drüben in Verbindung? <tt>Corpo di Bacco! Madre di Dios!</tt> Ich glaube, Ihr gebt drüben Signale, sobald Ihr sehet, daß meine Spanier die Trommeln umstürzen und zu spielen beginnen! Aber gesteh’, Mädchen, und Du sollst gut bezahlt werden . . . wo nicht, so sollst Du sterben, ungeachtet Deiner Jugend und Schönheit!
Die Niederländerin sank in heftigster Bewegung vor Spinola nieder, und drückte die Hände auf den Busen, als wolle sie verhindern, daß er zerspringe. Die Spanier näherten sich und betrachteten die schöne Ketzerin mitleidig, wagten aber dem Feldherrn gegenüber keine Bitte für sie einzulegen.
– Muß ich denn sterben, sagte sie, kaum noch ihrer Sinne mächtig, so mag’s um das arme Müllermädchen geschehen sein – ich sterbe für ''ihn;'' aber ''er'' wenigstens ist gerettet!
– Was murmelte das Mädchen jetzt? fragte Spinola, indeß er sich aus seiner vorgebeugten Stellung aufrichtete, und seine Umgebung ansah.
Ein Wallone übersetzte die Antwort. – Er ist gerettet? wiederholte Spinola sinnend. Also täuschte ich mich dennoch nicht! Bewacht dies Mädchen, Navarresen; dies scheint eine Begebenheit von der Art zu sein, an welche sich wichtige Folgen knüpfen. Zwei Mann verfügen sich auf die Mühle, entfernen jede menschliche Seele, die sich darin befindet, und halten genau jenen Punkt, – merkt Euch – jenen Punkt drüben im Auge.
Kaum hatten die Schützen ihren Standpunkt eingenommen, da schrie der eine schon:
– Capitano! Ich sehe Etwas im Kanale sich bewegen; ich kann nicht unterscheiden, ob’s ein Boot ist, oder ein großer Seehund, der den Kopf aus dem Wasser steckt!
Allgemeines Gelächter folgte. Dann ertönte Spinola’s Commando; die Reiter sprengten vor, an der Brücke fort, kamen an den Kanal und bemächtigten sich eines jungen schlanken Burschen, eben als derselbe, triefend von dem Schlammwasser, ans Land stieg.
Spinola vergaß seine ganze angelernte Grandezza; er war in diesem Augenblicke ganz Italiener: er jauchzte laut auf, und rief in seiner Muttersprache, als der Niederländer mit dem Schwert an der Seite vor ihm stand:
– Zu Fuß, mein Bursche? Du marschirst geradeswegs von Ostende durch den Kanal? Durch den Kanal, den ich zwanzigmal messen ließ, um zu erfahren, daß er sechzehn Fuß tief ist? Ich würde Dich umarmen, wärst Du weniger triefend . . . Spanier, ich sag’s Euch, Ostende ist morgen in dieser meiner Hand!
Und stolz streckte er die mit dem prachtvollen Stulphandschuhe von Toledo bekleidete Rechte empor.
Der Jüngling, der Geliebte der Müllerin, welche halbohnmächtig dieser Scene zuschaute, war nicht so schwierig wie diese. Er bedung sich Sicherheit für sich und seine Geliebte aus, und gestand, daß eben an dem Platze, welchen er überschritten habe, sich ein schmaler Damm befinde, welcher den Kanal durchschneide, daß durch die Ueberschwemmung jedoch derselbe unter Wasser gekommen sei . . .
Spinola bestieg hierauf sein Roß, um sofort seine Dispositionen zum Angriff auf Ostende zu machen.
Indeß dies neben der Brücke verhandelt wurde, erscholl plötzlich donnernder Hufschlag, und von der Seite her kamen niederländische Reiter; sie sprengten unter dem weitgewölbten Brückenbogen hervor und machten mit Schwert und Faustrohr und Muskete einen wüthenden Angriff auf Spinola und seine Wallonen und Navarresen. In einem Augenblicke wälzten sich zwei Spanier getroffen am Boden; und immer nach rückten unter dem Geschrei: Oranien boven! neue Gesichter, durch den Pulverdampf sichtbar, auf schnaubenden Rossen vorwärts und hieben die Wallonen nieder.
– Rettet den Feldherrn! schrien die Wallonen und sprengten vor, um Spinola mit ihren Klingen und Körpern zu schützen.
– Wo ist dieser spanische Mörder? rief eine prächtige, vibrirende Stimme durch den Tumult. Und auf einem wunderschönen Schimmel sprengte ein Reiter auf Spinola zu und feuerte sein Pistol ab. Spinola ließ geschickt sein Pferd sich bäumen; in die Brust getroffen sank der schwarze, andalusische Hengst zusammen. Zugleich zückte der Niederländer in mächtigem Hiebe sein Schwert. Aber der spanische Feldherr, gewandt wie vielleicht keiner seiner Reiter, zog den Fuß aus dem Bügel, ergriff das Pistol und schlug an.
– Moritz Oranien ists selbst! schrien die Navarresen, indeß sie mit den Piken auf den Schimmelreiter eindrangen. Heute kein Quartier! – Macht ihn nieder, Cameraden!
Oranien! – Das Wort traf den großen spanischen Capitano blitzähnlich. Das war sein nicht minder großer Gegner – zwei der ersten Feldherren ihres Jahrhunderts standen sich persönlich fechtend gegenüber. Der Schuß, welchen Spinola <tt>à bout portant</tt> auf den Prinzen abfeuerte, ging fehl . . . Oranien war durch Nennung seines Namens gerettet und Spinola sprang vorwärts, ergriff ein reiterloses Pferd und dachte an den Rückzug aus diesem mörderischen Engagement.
Inzwischen waren die niederländischen Fußgänger herangekommen und nahmen den Kampf mit den Navarresen auf. Die Spanier flohen auf die Mühle, und keine zehn Minuten, so war das Gebäude von den Schüssen in Flammen. Man schlug sich jetzt allenthalben, unter der Brücke, neben beiden Seiten und oben auf der brennenden Mühle, im Bache, jenseits desselben.
Sogar der Niederländer, dessen Geliebte schon Anfangs die Flucht genommen hatte, focht um seine Freiheit mit dem Navarresen, der ihn festzuhalten Befehl empfangen hatte. Obgleich waffenlos, überwältigte er denselben, bemächtigte sich seiner guten Klinge wieder im seichten Gewässer des Bachs, und hieb ihn zusammen, dann floh er ebenfalls.
Heranrückende spanische Regimenter machten dem Gefechte ein Ende. Oranien verließ mit seinen Reitern, die jeder hinter sich einen Fußgänger mit aufs Pferd nahmen, den Kampfplatz im Galopp. Er hatte einen jener kühnen Handstreiche ausgeführt, die ihn dem Feinde so furchtbar machten; er hatte recognoscirt und geschlagen, und fast hätte er seine Absicht erreicht und Ambrosio Spinola gefangen genommen.
Der Schrecken der Spanier über diese Kühnheit wich bald der hellen Begeisterung, als die Nachricht von der Furt durch die breiten Graben sich verbreitete. Mit wahrem Feuereifer warf die Infanterie Schanzen im Rücken des Lagers auf, um sich gegen eine abermalige Ueberraschung durch Moritz zu sichern. Als er in der folgenden Nacht einen geordneten Angriff wagte, ward er mit Verlust zurückgetrieben.
Spinola aber ließ seine entschlossensten Regimenter auf dem mit Wasser bedeckten Damm vorrücken – die erstarrten Ostender sahen sich von dieser Seite der Stadt verloren und – die Stadt war in Spinola’s Gewalt.
Sein Ruhm schallte durch ganz Europa, als die Kunde sich verbreitete, Spaniens Flagge wehe über Ostende’s Steinhaufen.
==2. Heft.==
===Die Rechtsverhandlung. Von Christoph Pauditz.===
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Es war im Sommer 1648 noch in den frühen Morgenstunden, da tönte schon die silberne Schelle des hochwürdigsten Herrn und Gebieters durch den prächtigen bischöflichen Palast zu Freising. Dies war das Zeichen, daß der Bischof seinen schönsten Pagen, Stellio Viccanelli, einen armen lombardischen Edelknaben, erwartete, welcher ihm vorlesen und seine Befehle an die übrige Dienerschaft abgeben mußte.
Stellio, im braunen Sammtwamms mit weißen Seidenpuffen, den zierlich gefalteten flandrischen Spitzenkragen um den blüthenweißen Hals, flog durch die langen, getäfelten Gänge in das Zimmer, welches die Zelle des Bischofs hieß. Dies war jedenfalls ein sehr bescheidener Name. Das Cabinet des Hochwürdigsten war wahrhaft prächtig. Die Wände wurden von Meisterwerken der Malerei decorirt; ausländische Pflanzen strömten ihren Duft aus und zwischen den Blättern und Blüthen standen auf vergoldeten Sockeln von schwarzem Marmor Büsten und Miniaturstatuen berühmter Männer oder Copien von werthvollen antiken Sculpturen. Das Einzige, was auf die geistliche Würde des Gebieters hindeutete, war ein Bild, welches den Heiland zeigte, wie er die Wechsler und Krämer aus dem Tempel trieb. Dies Gemälde, gegenwärtig die Zierde des Altars im Freisinger Dome, war von dem kunstreichen Pinsel Christoph Pauditz’s, des Hofmalers des Bischofs. Vor diesem Bilde brannten zwei kurze, aber armdicke Kerzen und zwischen beiden stand ein sehr kleines, massivgoldenes Crucifix von spanischer Arbeit.
Clamor Chrysostomus Bernwardus, der Gebieter selbst, saß in einem großen, schwerverzierten Lehnstuhle, an dessen hoher Lehne oben über dem Haupte des Würdenträgers das bischöfliche Wappen, farbig gestickt, prangte.
Der Bischof war eine imponirende Gestalt; er mochte sechs und vierzig Jahre alt sein, war breitschultrig, wohlgebaut und hatte selbst jetzt im Sitzen eine ritterliche Haltung. Seine Hände waren vorzüglich schön und mit Ringen von St. Peter geschmückt. Der Ausdruck seines Gesichts von feiner, weißer Farbe war vornehm, fast stolz; jetzt, da er sein Käpplein tief in die Stirn geschoben, die dunkeln Brauen gerunzelt und den Blick fest auf den Boden gerichtet hatte, finster und unzugänglich. Die Miene, womit er von Zeit zu Zeit seine delicate Hand auf sein seidenes Ordenskleid und gerade dahin legte, wo unter dem weißen Kreuze sein Herz schlug, bezeugte, ein inneres Weh habe sich seiner bemächtigt.
Stellio trat mit einer tiefen Verbeugung ein.
– Mein Sohn, sagte der Bischof, dem Kinde das glänzendschwarze Haar streichelnd, welches schon nach Klosterart verschnitten war, ich habe eine schlimme Nacht gehabt; ich fühle mich ermattet und elend . . .
– Ich werde den Doctor Reinhardus rufen! erwiderte Stellio mit leuchtenden Augen, indeß er den Befehl zu errathen glaubte, noch ehe er von dem Herrn ausgesprochen war.
Der Bischof schüttelte den Kopf.
– Meinen Maler, den Meister Christoffler Pauditz, will ich sehen! bemerkte Bernwardus.
Der Page verschwand.
Nach wenigen Minuten erschien der Künstler vor seinem Herrn und Freunde. Christoph Pauditz, oder wie er sich auch zuweilen nannte, Paudiß, ein Niedersachse von Geburt, war genau wie die alten Künstler Deutschlands in unseren Vorstellungen leben: eine schlanke, fast hagere Gestalt im schönen Mannesalter, mit hellbraunem Haar und blondröthlichem Bart; in dunkler, talarartiger Kleidung mit Pelz verbrämt; mit schöner, ernster gedankenreicher Miene, die aber ein nicht geringes Selbstbewußtsein, einen lebendigen Künstlerstolz ausdrückte. Sein erster Blick fiel auf sein Gemälde und seine Augen erheiterten sich sichtlich. Christoph Pauditz grüßte den Bischof mit ehrerbietiger Vertraulichkeit.
Bernwardus lud ihn ein, sich zu setzen, und fing nach einer Pause sehr niedergeschlagen an:
– Meister, oft schon hat mich Deine Kunst ergötzt und mir meine schönen Stunden noch mehr verherrlicht. Jetzt bitte ich Dich selbst, mir eine der bittersten Stunden meines Lebens ertragen zu helfen.
Der Bischof sah bei diesen Worten so bekümmert aus, daß der Maler voll Unruhe aufstand und sich ihm näherte, indeß er seine Bereitwilligkeit aussprach, dem geliebten Herrn mit allen seinen Kräften zu dienen.
– Höre mich an, sagte der geistliche Würdenträger, aber bewahre mein Geheimniß bis zum Tode. Ich bin von dunkler Herkunft; als ein Findelkind wurde ich im Hause des Freiherrn von Spiegelberg erzogen. Nicht für die Kutte, welche mich heute umschließt, war ich bestimmt. Ritterliche, adlige Uebungen füllten meine Jugendzeit aus. Aber als mein Körper Festigkeit und Ausbildung erlangt hatte, als ich in meinem Aeußern die unverkennbaren Merkmale der Erziehung eines Mannes von Stande zeigte, da überwies mir mein edler Pflegevater und Freund die weltlichen Wissenschaften als meinen künftigen Beruf, indeß er mich auf meine Talente und auf die Erfolge hinwies, die ich auf dieser Bahn zu erringen im Stande sei. Ich gehorchte mit Beschämung, denn ich sah nur zu wohl, daß der Freiherr mir nur deßhalb diese Bahn vorzeichnete, weil eben meine unbekannte Herkunft ihm nicht erlaubte, mir eine meiner Erziehung gemäße Laufbahn in der Armee oder an einem der katholischen Höfe von Deutschland zu eröffnen. Ich ward, während die deutsche Jugend sammt Dänen, Schweden und Franzosen auf fast jedem Flecke des vaterländischen Bodens kämpfte und sich Lorbeern erwarb, verurtheilt, in Prag, Bologna und Paris Juristerei zu studiren. Mein Fleiß hatte glänzenden Erfolg. Ich kam nach München und meine Kenntnisse eröffneten mir, was die Geburt mir versagt hatte: den Verkehr mit Fürsten und Großen; ich übernahm für den Kurfürsten in München diplomatische Unterhandlungen und bald meinte ich mich auf dem geradesten Wege zu finden, der endlich meinen Namen denjenigen der berühmten Staatsmänner anreihen sollte. Bald meinte ich hoch genug mich emporgeschwungen zu haben, um die Hand nach einem Kleinode auszustrecken, dessen Erlangung mir das höchste Ziel meines Lebens war, dem alles Andere nur als Mittel diente. –
Der Bischof erhob sich in tiefer Bewegung, zog rasch und mit dem Anstande eines Kaisers seine Robe fester um die Taille und fuhr erst nach längerem Schweigen fort, während Pauditz in großer Aufregung der weiteren Eröffnung harrte.
– Der Freiherr besaß eine einzige Tochter, zugleich, weil die meisten seiner Besitzungen Weiberlehen waren, die Erbin seiner Güter, seines Ranges und Titels. Sie hieß Valentine. Mit ihr durchwandelte ich das Zauberland der Kindheit; sie war meine Liebe, so lange ich denken kann; sie flößte mir zu der Zeit, wenn die Geschlechter sich scheiden, nachdem sie sich erkannt haben, eine Leidenschaft ein, die nur der ihrigen für mich gleich kam. Dies unglückliche Verhältniß ward von uns, sobald wir uns unserer Liebe bewußt wurden, mit einem die Reize desselben erhöhenden, undurchdringlichen Schleier umgeben, so daß selbst der Freiherr nicht ahnte, wie hoch sein armer Schützling die Augen zu erheben gewagt. Nur dann erst wollte ich hervortreten, wenn ich, Rang und Ehre auf mein Haupt gehäuft, als vollgiltiger Mann vor den Freiherrn hintreten konnte. – Eben in dieser Zeit sollte Valentine an den bairischen Kammerherrn von Dettenbach vermählt werden. Dieser Umstand entriß mir, dem Freiherrn gegenüber, das Geständniß meiner Liebe. Er verließ mich sprachlos, tief erschüttert. Zehn Minuten später gaben mir zwei Zeilen von ihm die Nachricht: daß ich der illegitime Sohn des Freiherrn, kein Fremder, sondern Valentinen durch die Bande des Bluts verbunden war. Er fügte hinzu, dies möge seiner Tochter, um die Ruhe ihrer Seele nicht auf ewig grausam zu zerstören, für immer ein Geheimniß bleiben. Ich ward krank, irrsinnig. Als ich erwachte, schützte ich Valentinen gegenüber ein in meiner Krankheit gegebenes Gelübde vor und ging in’s Kloster. Die Geliebte ward endlich durch die Bitten ihres sterbenden Vaters vermocht, sich mit von Dettenbach zu vermählen. – Ihr Herz aber gehörte mir an, sonst, jetzt und immerdar. Dettenbach fiel in Böhmen für den Kaiser. Kaum war Valentine frei, als sie, obwohl zum gereiften Weibe geworden, mit jugendlicher Leidenschaft Alles aufbot, um mich meinen Banden ebenfalls zu entreißen. Ich hatte rasch meinen Weg gemacht; ich stehe nahe am Fuße vor Sanct Peters Sitze; dennoch bin ich schwach genug gewesen, Alles, Alles zu vergessen und ihren Bitten, gleich als wäre ich wieder irrsinnig, Gehör zu geben. – Valentine ist hier in Freising. Ich habe ihr zugesagt, in die Welt zurückzukehren, die Mitra fortzuschleudern und sollte ich drüber Protestant werden müssen. – Ich habe das unselige Geheimniß ihr nicht zu entdecken vermocht, noch mehr, ich habe gelobt, sie zu heirathen – und heute, heute noch sollte dies Verbrechen vollzogen werden. – Ich habe gekämpft, gebetet; jetzt aber bin ich wieder, obgleich im Herzen todt, ein Mann, ein Priester, ein Bischof geworden; – aber dennoch bin ich zu schwach, Valentinen ins Auge zu sehen und selbst ihr den Todesstoß zu versetzen. – Meister Christoph, Dir habe ich diese traurige Pflicht auferlegt. Geh zu dem großen Gasthofe, nimm diesen Ring zur Beglaubigung und sage ihr, was Du hörtest und was Du siehst, daß ich wahnsinnig, gemordet sei . . . Alles was Du willst; aber daß ich kein Verbrecher, sondern Bischof zu Freising sein werde!
Der geistliche Fürst zog, leichenblaß geworden, seinen Ring ab, gab ihn dem Maler, versuchte es vergebens, bei seinen letzten Worten sich eine entschlossene Haltung zu geben, ging aber dann, wankenden Trittes, rasch aus dem Cabinet.
Der ehrliche Maler setzte sich nach langem Sinnen zögernd in Bewegung, überdachte mit schwerem Herzen seine Botschaft und ging dann nach dem „großen Adler“. Die Diener wollten ihn, versichernd, daß die Herrin höchst wichtig beschäftigt sei, abweisen. Er sagte aber: Ich komme von dem hochwürdigsten Bischöfe! und die Flügelthüren wurden sofort geöffnet.
Der Saal war leer. Langsam nur ging er zu einem Cabinet, von wo ihm die Stimme einer Dame erklang. Die Thüre war halb geöffnet.
Er sah die edle Frau, im prächtigsten Costüme, mit Haube und Schleier angethan, das schöne blonde Haar reich mit Perlenschnuren und Diamanten geschmückt, an einem Tisch vor seinem Freunde Justus Eccerus, dem juristischen Rathe des Bischofs, sitzen, welcher, das Schreibzeug vor sich, die Feder in der Hand, mit staunender, gespanntester Aufmerksamkeit ihre Eröffnung anhörte.
– Schreibt, Meister Eccerus, sagte Valentine, indeß ihr Blick schwärmerischer, das feine Colorit ihrer Wangen lebhafter wurde, Alles, was ich besitze, soll Eigenthum des Mannes sein, welchen ich heute heirathen werde . . .
– Aber wer? gnädige Frau . . . dies ist nothwendig . . .
– Ihr werdet’s schon erfahren, Doctor! Meldet ferner dem Herrn Kurfürsten und der Majestät meines gnädigsten Kaisers, daß ich, eine reichsunmittelbare Freifrau, falls man Genehmigung meiner Heirath nicht verwillige, mich protestantisch machen und als Protestantin mich unter sächsische Oberhoheit stellen und auf dem Friedenscongreß in Münster und Osnabrück meine Rechte mir sichern werde.
– Dies erschreckt mich mehr, als ich sagen kann! murmelte Eccerus. Gnädige Frau, Sie bedürfen dergleichen Schritte nicht, wenn Sie nicht etwa einem Landesverräther und Geächteten sich vermählen wollen . . .
– Höret, Doctor Justus . . . stockte Valentine . . . Es ist Niemand anders, als Bernward, Bischof von Freising . . . Begreift Ihr jetzt? –
Christoph Pauditz wollte das Wort durch sein rasches Eintreten abschneiden; es war schon ausgesprochen. Eccerus stand bestürzt und gänzlich außer Fassung auf, ließ seine Papiere zurück, schlug die Hände in einander und entfernte sich schleunigst, um zu solchem Beginnen wenigstens nicht behülflich gewesen zu sein.
Der Maler trat Valentinen näher. Er blieb volle zwei Stunden in ihrem Cabinet. Als er sie verließ, war sie ohnmächtig.
Valentine reisete noch an demselben Tage ab, vermachte ihr Vermögen der Kirche, gab ihre Lehen ihren Anverwandten und dem Kaiser zurück und trat in ein Kloster der Ursulinerinnen in Innerösterreich.
Bernwardus blieb lange für Jeden, außer für seine nächste Umgebung, unsichtbar. Dann ließ er Pauditz rufen.
– Du hast ''sie'' gesehen? fragte er düster.
– Ja, hochwürdigster Herr.
– Male mir ihr Bild, damit ich noch einen Trost besitze.
Pauditz malte die letzte Scene des Glückes der Welt, welche Valentinen beschieden war, diejenige, von welcher er Zeuge gewesen. Es zeigt eine edle Auffassung, ein Helldunkel, welches an den Lehrer Pauditzens, an Rembrandt erinnert, und eine Wahrheit der Darstellung, welche täuschend, aber darum doch nicht ängstlich gehalten ist. –
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Dieser deutsche Künstler hat höchst geschätzte Werke in den ansehnlichsten Gallerien. Er starb 1666, aus gekränktem Künstler-Ehrgeiz. Er malte mit Franz Rosenhof, auch Roster genannt, ein Bild um die Wette, wie der Wolf ein Lamm zerreißt, was den Fuchs lockt, zur Mahlzeit heranzuschleichen, und ward von seinem Gegner überwunden. Christoph Pauditz war übrigens ein guter Thiermaler.
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===Gerard Dow. Von ihm selbst. Das Menuet.===
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Wir treten in das Atelier des Meisters Gerard Dow zu Leyden. Dasselbe bietet einen bewunderungswürdigen Anblick dar. Im Gegensatze zu den Werkstätten eines Rembrandt und Teniers, wo die verschiedenen Gegenstände und Geräthschaften in großer, fast zu genialer Unordnung umher lagen und standen, herrschte hier eine Ordnung und eine Sauberkeit, die sich vom Großen bis auf das Geringste herab erstreckte. Die Meubles, die Staffeleien waren malerisch gruppirt; mit ausgezeichnetster Sorgfalt war jedem Geräthe der entsprechendste Platz angewiesen. Die sinnreichsten Vorkehrungen waren getroffen, um von den kleinen, auf den Staffeleien befindlichen Gemälden, diesen fast immer vollendet reinen Perlen, den Staub abzuhalten, welcher die zierlichsten Arbeiten vor allen andern Feinden leicht hätte verderben können. Höchst symmetrisch und ihren Lichteffecten durchaus angemessen waren die Gemälde an den tapetenbekleideten Mauern angebracht. Den Faltenwurf der künstlich gewirkten Fenstervorhänge hatte eine höchst kundige Hand so vorzüglich geordnet, daß an denselben Studien über den Fall der Gewänder hätten angestellt werden können.
Der Meister selbst war nicht anwesend. Seine Staffelei von Mahagoniholz, mit Elfenbein reich verziert, war mit einem Teppich zur Hälfte verhangen. An der Wand aber hing sein prächtiger Sammethut, sein Staatsdegen mit einer in Gold und Silber gestickten Kuppel, und neben diesem eine Geige mit dem Bogen, die sich durch ihre höchst gefällige Form, durch den goldartigen Glanz, durch die eigenthümlich geschnittenen Eff-Löcher als eines jener berühmten Instrumente auswies, die aus der Werkstatt der Italiener Amati zu Cremona hervorgegangen waren. Gerard Dow, einer der vorzüglichsten Maler, war nämlich ein Meister in der Kunst, Geige zu spielen, welches Instrument, seiner schwierigen Behandlung wegen, damals die Viola di Gamba und das ernste Theorbium noch nicht völlig durch seine himmlischen Töne hatte verdrängen können.
Außer der Staffelei des Meisters befanden sich noch zwei andere in dem Atelier. Vor jeder derselben saß ein junger Mann und malte. Diese beiden Jünglinge waren die talentreichen Schüler Dows: Franz van Mieris und Gabriel Metzu.
Gabriel Metzu war eine zierliche, schöne Gestalt mit einem ziemlich langen, äußerst gemüthlichen Antlitze, das von prächtigen langen Locken umgeben war. Er hatte seine gespannteste Aufmerksamkeit der Arbeit zugewandt und schien die Absicht zu haben, sein fast fertiges Gemälde vor dem herannahenden Einbruche der Abenddämmerung zu vollenden. Metzu war sehr sauber gekleidet; er hatte auf seine Toilette dieselbe Aufmerksamkeit verwandt, welche er, nach dem Beispiele des Meisters, seinen Gemälden widmete.
Franz van Mieris dagegen sah ziemlich unordentlich aus. Von der gehaltenen Ruhe in Gabriel Metzu’s Zügen war bei ihm keine Spur zu finden. Sein schönes Auge blickte unstät und leidenschaftlich; er wühlte, gleich als quäle ihn im Innern Etwas, in seinem buschigten Haar; er malte nur einige Minuten, dann brach er ab, lehnte sich unthätig zurück und seufzte und murmelte unverständliche Worte zwischen den Zähnen. Endlich sprang er auf, warf Pinsel und Palette zur Seite und durchmaß das Atelier mit großen Schritten.
– Aber was hast du denn nur eigentlich? fragte Metzu, sich umwendend. Kannst Du keinen Augenblick ruhig sein? Ist’s nicht, als ob Dich ein böser Zauber bei der Arbeit quäle und Dich nach den Schenken triebe, wo Deine andern, leichtsinnigen Freunde Dich erwarten?
– Gabriel; erwiderte Mieris, welcher schon damals sein ungeregeltes, ausschweifendes Leben zu führen begonnen hatte, wodurch er sich frühzeitig den Tod gab; Gabriel, ja mich quält’s im Herzen; aber Du irrst Dich sehr, wenn Du meinst, daß ich mich nach Karten und gefüllten Weingläsern sehne. O, wäre es nur das! Aber ich sage Dir, mein Leiden wird mich noch tödten, wie es mich fast meines Verstandes beraubt.
Bei diesen Worten richtete er einen unbeschreiblichen Blick auf ein an der Wand hängendes Gemälde. Dasselbe stellte ein von Dows Meisterhand gemaltes Frauenbild in allem Reize der Jugend dar, eine blondlockige, rosenwangige Niederländerin . . . es war Brigitta, die jugendliche Gattin des Malers, welche an Schönheit mit der aufblühenden Tochter desselben aus seiner ersten Ehe wetteiferte. Mieris schien sein Auge von diesem Bilde nicht wieder abwenden zu können. Metzu folgte der Richtung seines Blickes mit den Augen; er zuckte, traurig werdend, die Achseln und versank in Nachdenken.
Da ließ sich draußen eine frisch klingende Frauenstimme hören. Mieris fuhr auf, griff eiligst nach seinem Hute, nahm seinen Mantel und eilte hinaus auf den halbdunklen Corridor. Die Frau seines Lehrers stand vor ihm.
Erschrocken wollte Brigitta vor dem Jünglinge zurücktreten; er aber ergriff kühn ihre Hand und zog sie an sein Herz. Brigitta, eine schlanke und dennoch üppige Gestalt, schöner noch als ihr Bildniß es hatte ahnen lassen, wehrte ihn zuerst ab, indeß ihre Züge ängstlich wurden; dann aber lächelte sie auf unbeschreiblich reizende, aber traurige Weise.
– Geht, van Mieris; flüsterte sie. Nur heute bleibt mir fern. Ich fühle heute mehr als je, was ich meinem Herrn, dem Meister Gerard, schuldig, und wie sehr ich strafbar bin, daß ich meine Blicke von ihm abwenden und nur eine Minute lang an Euch denken konnte. Heute ist der Jahrestag meiner Vermählung; um diese Stunde begaben wir, der Meister und ich, uns zur Kirche, um uns auf ewig verbinden zu lassen . . . Fort von mir, Mieris! Ich liebe Euch, ich gestehe es frei; aber noch ist meine innige Zuneigung zu meinem Gemahle nicht erloschen; sie ist lebendiger geworden, als je. Von heute an verfolgt mich nicht mehr mit Euren Blicken und meidet mich. Holland hat der Frauen und Mädchen genug, um Euch eine Liebe zu geben, die Ihr von mir nicht zu erwarten habt.
Van Mieris fiel vor der Schönen nieder.
– O, belügt und täuscht Euch doch nicht selbst! flüsterte er höchst aufgeregt. Macht Euch und mich nicht elend. Heute, ja heute oder nie ist der Tag, an welchem sich unser Geschick entscheidet. Heute ist das Band geknüpft, welches Euch von mir trennt, heute auch muß es aufgelöst werden, oder ich werde mir zu Euren Füßen den Tod geben!
– Was wollt Ihr sagen, Franz? fragte Frau Brigitta stammelnd und an allen Gliedern zitternd.
– Ich will sagen, daß Du meine Hand ergreifst und mit mir diesem Hause, dieser Stadt, diesem Lande entfliehst, um unter Italiens lachendem Himmel die Meinige zu werden! erwiderte Mieris, von seiner Verblendung völlig hingerissen. Nach zwei Stunden scheide ich, dann ist Alles zur Flucht bereit; dann werde ich erscheinen, um Dir ewig anzugehören, um Dein Loos, o Geliebte, auf immer an das meinige zu fesseln . . .
Während Frau Brigitta erstarrt kein Wort finden konnte, öffnete sich fern die Thür des Hauses. Brigitta entfloh und Mieris sprang empor.
Gabriel Metzu aber schloß leise die Thür des Ateliers und flüsterte, als er Gerard Dow selbst ins Haus hatte kommen gesehen:
– Armer, sanftmüthiger, liebevoller Meister! Wie kann ich Dein Verderben abwenden? Ich werde Dir entdecken, was man an Dir zu verschulden beabsichtigt . . .
Da trat Dow in das Atelier. Er war ein Fünfziger, mit einem heitern, von kurzem Barte gezierten Künstlergesichte. Nur leicht hatten die Jahre das Braun seiner langen Locken gebleicht. Dow, mit der zwanglosesten, edelsten Haltung von der Welt, war noch immer ein schöner Mann; sein Gesicht namentlich hatte einen unbeschreiblich fesselnden Ausdruck. Dow besichtigte mit Zufriedenheit die Arbeiten seiner beiden Schüler, dann erhob er sich und klopfte Metzu freundlich auf die Schulter.
Gabriel suchte eben nach einem Eingange, um die inhaltsschwere Kunde dem Meister anzubringen; da trat Mieris wieder ins Gemach, und schnitt durch sein Erscheinen jede Erklärung ab.
– Geht, Kinder, sagte Dow sanft lächelnd, und nehmt diese fünf Goldstücke, um Euch im Kreise Eurer jungen Freunde einen fröhlichen Abend zu machen. Heute Abend will ich mit meiner Hausfrau allein sein, um mich an die vergangene Zeit zu erinnern. Ihr aber trinkt auf unsere Gesundheit, laßt die Kunst hoch leben; aber Du, Franz, sorge, daß Du nicht, wie gewöhnlich, des Guten zu viel thust!
Mieris blickte fast finster vor sich bin. Metzu aber schien etwas erleichtert. Frau Brigitta ward von ihrem Gatten heute Abend bewacht und er gab sich das Versprechen, Franz van Mieris auf keine Secunde zu verlassen und seine ganze Beredtsamkeit aufzuwenden, um ihn von seinem Vorhaben abzubringen und ihm andere Gedanken einzuflößen.
Die Schüler schüttelten Dows Hand, verschlangen ihre Arme und gingen aus dem Atelier und zum Hause hinaus auf die Straße. Als sie draußen waren, blickte Mieris zum ersten Stockwerk hinauf. Brigittens schöner Kopf ward sichtbar. Mieris legte mit einem sprechenden Blicke die Hand aufs Herz und dann an seinen Degen und flüsterte:
– Dieses Schwert findet den Weg durch meine Brust, wenn Du grausam gegen mich sein wirst!
Brigitta schien die Bewegung vollkommen verstanden zu haben; denn sie erhob beide Hände und eilte vom Fenster fort.
Jetzt nahm sich Metzu ein Herz und begann dem Freunde Vorstellungen zu machen. Aber Mieris, im ersten Augenblicke sehr betroffen, war viel zu gewandt, als daß er den grundehrlichen, gutmüthigen Gabriel nicht überlistet hätte.
– Du hast gelauscht; sagte er, mit seinem gewöhnlichen leichtsinnigen, fast leichtfertigen Tone. Was willst Du? Bist Du einfältig, Gabriel? Kennst Du Franz van Mieris nicht, der mit dem Teufel Komödie spielen würde, wenn er Langeweile empfindet? Ich versichere Dich, diese Komödie mit Frau Brigitta ist eine kostbare Erfindung von mir; ich wäre sonst in dem Kloster des Meister Dow, in diesen geleckten, geschniegelten Räumen schon lange vor Ueberdruß gestorben . . .
– Du fühltest also nicht, wie Du sprachest? fragte Metzu, der nicht zu wissen schien, was er denken sollte.
– Gott behüte mich! Außerdem weißt Du ja, Gabriel, habe ich bereits in der schwarzäugigen Barbara eine Geliebte, die mein ganzes Herz erfüllt.
– Aber Frau Brigitta? Franz, es ist sehr unverantwortlich, die Ruhe dieser edlen Dame zu stören.
Mieris lachte hell auf.
– Ei, sie meint’s so wenig ernstlich, als ich! rief er. Aber auch sie, die, während wir Beiden und der Meister pinseln, mutterseelenallein in ihrem Stübchen sitzen und mit ihrem Papagei spielen muß, bedarf irgend einer Zerstreuung. Du wirst gestehen, heute Abend wäre unsre Unterhaltung fast pikant geworden.
Metzu zuckte die Achseln. Er war richtig irre geworden.
– Du denkst also nicht daran, mit Frau Brigitta nach Italien zu entfliehen? fragte er, um sich vollständig zu überzeugen.
– Warum nicht gar! antwortete Mieris. Wir werden heute Abend zechen, spielen und singen. Gottlob, daß wir den Hafen unseres Gasthauses „zur bunten Palette“ erreicht haben. Jetzt fühle ich mich wieder in meinem Elemente.
Wirklich machte Mieris keine Anstalt, sich aus dem Kreise der lebenslustigen Freunde, welcher die beiden Maler aufnahm, zu entfernen. Metzu ward sicher, die Becher kreiseten und bald hatte Freund Gabriel, vom Weine befangen, Alles außer der Lust des Augenblickes vergessen. Er bemerkte es kaum, das Mieris schon seit einiger Zeit verschwunden war.
Franz eilte geradeswegs nach Dows Wohnung. Er näherte sich dem parkähnlichen Garten, an welchen sich das Haus anschloß, und schlich durch die dunkeln Gebüsche unter das hell erleuchtete Fenster in Brigittens Wohnung. Hier klatschte er zweimal heftig in die Hände.
Das Fenster oben öffnete sich und Dow sah spähend in die Nacht hinaus, zog aber, da er Niemand bemerkte, das Fenster ruhig wieder zu und nahm an Brigittens Seite Platz.
Die schöne Frau aber, bleich, fassungslos, schien im Herzen bittere Qualen zu empfinden. Sie liebte den jungen Maler. Düstre Bilder, die ihr den Jüngling blutend zeigten, sterbend, stiegen vor ihr auf . . . Sie hörte das Klatschen und war fest überzeugt, daß dasselbe von van Mieris ausging, welcher ihrer harrte. Sie bezwang ihre Angst nur mit Mühe. Sie kämpfte einige Minuten mit sich; dann aber war’s entschieden: sie mußte ihn beruhigen, ihn beschwören, seine finstern Vorsätze aufzugeben; sie mußte sich versichern, daß er, von seiner Leidenschaft hingerissen, nicht eine That beging, die er in seinem heftigen Temperamente nur zu leicht beschließen und ausführen konnte.
Brigitta nahm einen Vorwand und verließ den arglosen Meister, um mit der Schnelligkeit des gejagten Rehes hinunter in den Garten zu eilen.
Franz van Mieris empfing die Geängstigte und schloß sie, alle Schüchternheit bei Seite setzend, inbrünstig in seine Arme, von denen sich Brigitta vergebens loszumachen strebte. Mieris bat, er flehte, er beschwor sie so hinreißend, daß Brigitta, statt ihm ernst entgegen zu treten und ihn mit Würde zu ermahnen, seinen Bitten nur Thränen entgegen stellen konnte. Eine Frau aber, die weint, ist im Begriff, allen Widerstand aufzugeben. So war’s auch hier.
Brigitta’s Besonnenheit umnebelte sich. Sie schauderte schon nicht mehr zurück, als sie an der benachbarten Straßenecke das Stampfen der Rosse vor der Kutsche hörte, welche bestimmt war, sie sammt dem Jünglinge von dannen zu führen. Sie erlag den verführerischen, berauschenden Liebkosungen des Ungestümen und – jetzt machte sie, zwar bebend wie eine Espe im Abendwinde, aber dennoch entschlossen, an der Hand von Franz van Mieris die ersten Schritte, um sich aus dem Garten zu entfernen . . . Die Flucht des verrätherischen Paares hatte begonnen.
An der Gartenpforte blieb Brigitta nur mit Mühe athmend, stehen und warf einen verlornen Blick auf das Haus ihres Gatten . . . Plötzlich zuckte sie, wie tief im Herzen von einer gewaltigen Macht berührt, zusammen.
Der glückliche Gerard Dow hatte seine getreue Amati-Geige geholt, hatte das Fenster geöffnet, um die laue, köstliche Nachtluft ins Zimmer strömen zu lassen; er trat jetzt an die Oeffnung und legte mit zierlicher Hand zart den Bogen auf die Saiten. Ein melancholisches Präludium von Palestrina ertönte; immer inniger, poetischer zitterten die silberklaren Töne durch die Luft; die Cremoneser-Geige fing, wie eine herrliche Frauenstimme, wie die Stimme der Liebe, an zu singen; sie zwitscherte, sie seufzte und klagte in ihren Trillern, in ihren langgehaltenen, sonoren Klängen, indeß der Meister, in Begeisterung lächelnd, das strahlende Auge in die Nacht hinaus richtete.
Brigitta war fast leblos. Sie hörte die Stimme des Jünglings nicht mehr; ihre ganze Seele lauschte diesen Tönen, die sie mit Zaubermacht faßten. Sie riß sich von Mieris’ Armen los, der, selbst gerührt, unschlüssig dastand . . .
Jetzt machte der Künstler einen melodiereichen Uebergang, und einfach und groß, und dennoch die heitere, gemessene Freude auf liebliche Art ausdrückend, erklang einer der Tänze des Niederländers Roland Lasso’s, eines würdigen Nebenbuhlers der italienischen Tonkünstler Nanini und Zarlino, eine jener reinen Melodien, welche damals alle Welt bezauberten.
Es war ein Menuet . . . es war dasselbe, welches Dow mit Brigitta am Tage seiner Vermählung getanzt hatte . . .
Brigitta war gerettet . . . Ihr Traum verschwand vor dieser ebenso zauberischen als heiligen Erinnerung. Sie dachte nicht mehr an Franz van Mieris . . . Die Treue und nicht die strafbare Leidenschaft feierte einen ihrer schönsten Triumphe. Brigitta deutete, unfähig, sich zusammenhängend auszudrücken, nach dem Fenster, wo Dow sich zeigte, und stammelte:
– Mein Hochzeits-Menuet . . .
Dann eilte sie mit aller Geschwindigkeit, deren sie fähig war, dem Hause zu, lief in ihr Zimmer und schloß, erschüttert wie nie, den geliebten Meister in ihre Arme.
Franz van Mieris stand da wie eine Bildsäule und erwachte erst dann aus seiner Betäubung, als Gabriel Metzu heran kam und ihn umarmte.
– Es ist Alles verloren! murmelte Mieris düster, indeß er jetzt offen dem Freunde beichtete.
– Nein, Alles gewonnen! jubelte Gabriel, den Freund liebkosend. Einen glücklicheren Tag als den heutigen sah ich noch nie. Brigitta ist ihrem Herrn, unserm braven Meister erhalten, und Du, ein braver Junge ungeachtet Deines Leichtsinns, wirst Deine Empfindungen zu besiegen wissen; gieb mir die Hand darauf, Freund!
– Hier! sagte Mieris, indeß er sich wieder ermannte. Und zum Zeichen, daß auch ich über mein Herz, das unbändige Ding, Herr bin, wenn ich es sein will, komm; wir wollen unserm Meister diese Nacht verherrlichen . . .
Beide gingen zur „bunten Palette“, holten die Freunde, beriefen ein Dutzend Musiker und zogen vereint mit diesen, große Fackeln und Laternen in den Händen, in Gerard Dows Garten.
Und nun begann ein Musiciren, ein Jubeln unter den Fenstern des gerührten Malers, daß die ganze Nachbarschaft lebendig wurde, auf die Straßen kam und in die allgemeine Freude einstimmte.
Brigitta aber beichtete getreulich ihrem Gatten. Seit dieser Zeit gewann die bisher schon so theure Amati-Geige in seinen Augen einen unschätzbaren Werth und nur mit Rührung ergriff er sie, um ihr die süßen Töne zu entlocken, welche sie in sich verbarg, und als er bald darauf sein eignes Bildniß malte, stellte er sich mit seiner geliebten Geige in dem Augenblicke dar, in welchem er durch ihre Macht seinen höchsten Schatz wieder eroberte.
==3. Heft.==
===Holländische Winter-Landschaft. Von van der Velde.===
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Wer blickte nicht mit lebhaftestem Wohlgefallen auf diese mit gewandtester Wahrheit gemalte Scene aus dem Tagesleben der Niederländer? Das ganze Bild des Meisters ist von einer ausgezeichneten Gefälligkeit; das Volksleben ist von einer echt künstlerischen Seite aufgefaßt – einer der Vorzüge van der Velde’s. Wir werden bald Gelegenheit haben, diesen Maler und seine Kunst näher zu charakterisiren, weshalb hier diese Notiz genügen möge.
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===Die Lautenspielerin. Von van der Neer.===
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In das Haus des ehrenwerthen Rathsherrn Aart van Jongh an der alten Westewaagen-Straat zu Rotterdam kamen an einem schönen, heitern Abende des Spätherbstes des Jahres 1769 viele der angesehensten Personen der Stadt. Die mit breiten goldgepreßten Ledertapeten verzierten Zimmer füllten sich allmälig mit geputzten Herren und Damen, und unter den letzteren glänzte vorzugsweise eine Brabanterin, Helene Du Chatel, eine entfernte Verwandte des reichen Gastgebers.
Helene war eine Dame von etwa fünfundzwanzig Jahren, von ausgezeichnetster Tournüre, eine selbstbewußte, stolze Schönheit, die gleich der berühmten Holländerin Maria van Schurmann als Schriftstellerin in lateinischer und französischer Sprache excellirte, eine fast unübertroffene Meisterin im Clavier- und Lautenspiel war und in der Miniatur-Malerei mit einem Mieris und Dow wetteiferte. Sie war blond; gelocktes Haar ringelte sich um Stirn und Nacken; man vergaß die auf dessen Anordnung verwendete Kunst, so vollendet erschien dieselbe in ihrer Nachlässigkeit. Prachtvoller venetianischer Sammet mit Hermelin besetzt umschloß Helenens Formen und die Schürze von Nesseltuch und Brabanter Spitzen über dem Unterkleide war wahrhaft köstlich.
Diese Brabanterin übernahm mit einer Leichtigkeit und einer Anmuth, als sei sie die geborne Fürstin dieser Versammlung, die Führung der Unterhaltung, während der alte Senator ihr die ankommenden Gäste vorstellte.
Unter diesen befand sich Adrian Güldensteen, ein schöner, junger leydener Doctor, und Eglon van der Neer, einer der ausgezeichnetsten holländischen Maler, der Sohn des berühmten Artus van der Neer, des Landschaftsmalers, und ein Schüler J. Vanloo’s.
Adrian Güldensteen, der Adonis der Rotterdamer Damenwelt, hatte, sobald er Helene Du Chatel gesehen, der Schönen seine zarteste Huldigung zu Füßen gelegt. Güldensteen, ganz das Muster eines damaligen Lion, trug mehr Kanten und Spitzen und ausgesuchtere Gold- und Silber-Brocad-Arbeit als der General-Statthalter selbst. Er duftete wie ein Blumenbeet von Harlem und sein Haar und feiner Spitzbart war mit einem Aufwand unendlicher Geschicklichkeit dressirt. Adrian, ein grundgelehrter Arzt, welchem selten noch im gelehrten Zweikampfe Jemand Stand gehalten hatte, den er nicht ganz oder wenigstens zur Hälfte niederdisputirte, war zugleich vollendeter Musiker. Er spielte die Viola di Gamba und schlug die Laute, gleichviel ob’s eine spanische oder italienische war, mit großer Virtuosität.
War es unter diesen Umständen zu verwundern, daß er es war, welcher vorzugsweise die glänzenden Augen der Helene Du Chatel auf sich zog? Die Schöne, auf der Höhe ihrer Kunst ziemlich einsam stehend, mit gewissem, leicht erklärlichem Bangen dem sechsten Lustrum entgegengehend, fühlte mehr als je, daß ihr ein liebendes Herz mangele, welches neben einer Leidenschaft, wie sie sie erheischte, zugleich den vollen Werth der Geliebten zu würdigen verstand. Dies Herz wähnte sie in demjenigen Adrians Güldensteen gefunden.
Auch an diesem Abende zeichnete sie ihren Günstling sichtlich aus. Sie bemerkte neben ihm kaum die derbe Gestalt Eglons van der Neer, des Malers, und doch war Neer ein schönerer Mann als Güldensteen.
Freilich war seine Erscheinung einfach, fast zu einfach. Er trug kaum irgend ein Schmuckstück, womit der duftende Doctor prangte; ausgezeichnet war aber dennoch seine bescheidene Tracht dadurch, daß sie durchaus schwarz war. Neer trauerte um seine, vor einem halben Jahre gestorbene Gattin, und der schwermüthige Zug, welchen sein blasses Gesicht als Mahnung an den erlittenen Verlust trug, machte dasselbe nur noch edler, interessanter.
Erst als Jongh den blondgelockten, etwa sechsunddreißigjährigen Neer an die Hand nahm und ihr eindringlich den Namen desselben sagte, ward Helene Du Chatel aufmerksam. Sie verflocht ihn in ein Gespräch über seine Kunst, die auch sie übte, und suchte von ihm das Geheimniß der unendlich blühenden, zarten Färbung, wodurch sich Neer’s Gemälde auszeichneten, wie die Kunst zu ergründen, mit seiner vollendeten Meisterschaft Stoffe, wie Atlas, Sammet u. s. w. darzustellen. Neer konnte sich Glück wünschen, denn die Brabanterin hatte augenscheinlich an seinem wahrhaft gediegenen Gespräche Gefallen gefunden.
Jetzt kamen die musikalischen Unterhaltungen an die Reihe. Mit einer Art von Feierlichkeit kündigte Adrian Güldensteen der Gesellschaft an, daß Helena in Verbindung mit ihm eine damals neue und variirte Composition des berühmten Liedes:
{{center|<tt>„Wilhelmus van Nassauen“</tt>}}
vortragen werde.
Die Dame nahm ihren Platz an einem mit einem Teppich, mit Noten und Guitarre belegten Tische, in der Nähe eines Porticus von dorisch-ionischer Ordnung, welcher den Eingang zu dem großen Speisesaale abgab, nahm die italienische Mandoline aufs Knie und begann, mit einem siegenden Blicke, welcher die Gewißheit ihres nahen Triumphs verkündete, das vorzügliche Instrument zu stimmen.
Adrian ergriff, während die Anwesenden lautlos sich verhielten, die Guitarre und auf Helenens graziöses Kopfnicken begannen die Stimmen und die Instrumente ein herrliches Duett.
Der böse Genius dieses Abends näherte sich indeß sehr rasch. Helene hatte eine Partie, wo zu Ende der ersten Strophe eine Cadenz mit einem herrlichen Triller folgen mußte. Adrian mußte natürlich pausiren. Er thats, während die Stimme der Sängerin in langem Aushauche dahinschwebte . . . Jetzt kam der Glanzpunkt der Piece . . . siegend, strahlend mußte sich der Triller dieser Silberstimme erheben . . . Da schlug Adrian einen Tact zu früh an; nieder, verloren war Helenens herrliche Ton-Figur, der Triller war abgeschnitten – und glühend, beschämt, wie eine Bildsäule, saß der duftende Doctor da, stumm und still.
Dann sprang er auf, als sich Helene höchst erzürnt ihm näherte, und eilig verließ er das Zimmer. Ein heimliches Gelächter durchlief den eleganten Kreis.
Da trat Neer vor und nahm die Guitarre, und seiner Beredtsamkeit gelang es, die Schöne zu bewegen, mit ihm einen abermaligen Versuch zu machen. Er fiel über Erwartung glänzend aus.
Dies war der erste Schritt, welcher den Maler der Brabanterin näher führte, die von diesem Abende an gegen Güldensteen eine heftige Abneigung empfand. Helene liebte den Maler im Stillen; Niemand hatte eine Ahnung davon, bis sie mit ihrem Geheimnisse offen hervortreten und sich als die Braut van der Neers ankündigen konnte.
Jetzt erst erfuhr Helene Du Chatel, daß Neer von seiner ersten Frau nicht weniger als sechzehn lebendige Kinder besaß. Sie trat demungeachtet nicht zurück, sondern reichte dem Geliebten die Hand am Altare; in der Folge schenkte sie ihm zu jenen 16 noch neun fernere Sprößlinge. Helene blieb schön bis an ihren früh erfolgten Tod; ihre Gemälde, womit sie die einigermaßen gedrückte Lage des Meisters wesentlich verbesserte, hatten damals Ruf, sind aber, indeß die Werke Eglons van der Neer noch immer Zierden der ersten Gemäldesammlungen sind, gegenwärtig verloren und vergessen!
Der Meister selbst starb, nachdem er sich zum dritten Male, mit einer Malerin Brekvelt in Düsseldorf, vermählt hatte, in letzterem Orte im Jahre 1703 im 60. Jahre seines Alters. Er war spanischer Hofmaler und lebte in Düsseldorf am pfälzischen Hofe in hohen Ehren.
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===Franz van Mieris. Von ihm selbst.===
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An einem Februarabende des Jahres 1659 kehrten die Andächtigen der guten alten Stadt Leyden aus der in der prächtigen Peterskirche gehaltenen Fastenpredigt nach ihren Wohnungen zurück. Die breite Straße Leidens, eine Straße, wie sie die Metropolen Europas nicht schöner und großartiger aufzuweisen haben, war von dem bunten Gefühle der Heimwandelnden erfüllt. Die meisten der mit silber- und goldverzierten Andachtsbüchern versehenen Männer, Frauen und Mädchen gingen, die Worte des Priesters noch im Gedächtnisse habend, still und nachdenklich und unterhielten sich nur mit halblauter Stimme. Aber bald kam mehr Bewegung in diese scheinbar unempfindlichen, phlegmatischen Massen.
Gruppen von lebensfrohen Studenten mischten sich heiter lachend unter die Bürger mit ihren Familien; von anderer Seite kamen die treuen Genossen der Studenten bei jeder öffentlichen Lustbarkeit, die Malerschüler, sammt den jungen, zu Lust und Scherz noch aufgelegten Meistern – und es begannen harmlose Neckereien; die Jünglinge redeten die ernsten Alten an, erboten sich, die ehrsamen, dicken Bürgerfrauen zu geleiten, oder suchten sich zu Paladinen der jungen, sittsam dahin wandelnden Mädchen aufzuwerfen.
In diesem Menschengewirre wanderte auch ein etwa sechsundzwanzigjähriger Mann, dessen sorgloser Blick sich beobachtend nach allen Richtungen wandte. Er war eben so schlank als zierlich gewachsen und sein Anzug war, wie man in dem Lichte der allenthalben strahlenden, großen Staatslaternen und Wachsfackeln sehen konnte, geschmackvoll und reich zu gleicher Zeit. Sein schwarzsammetnes, mit Silberschnuren geziertes Barett ließ ihn als einen Maler erkennen. Seine reichen, stark gelockten Haare umgaben ein etwas blasses, aber feines, geistreiches Gesicht. Den kurzen Mantel hatte der Maler von beiden Armen zurückgeworfen und die an den Gelenken mit reichen Manschetten gezierten Hände nachlässig in die Taschen der weiten Pluderhosen gesteckt.
Die alten Männer und Frauen schüttelten die Köpfe, als dieser junge Mann stolz durch die Menge dahinschritt. Die schönen Mädchen aber stießen sich verstohlen an und flüsterten, nicht ohne einen wohlgefälligen Blick aus denselben zu werfen:
– Das ist der leichtsinnige Maler; das ist Franz van Mieris!
Franz van Mieris, sicherlich einer der ausgezeichnetsten Künstler der niederländischen Schule, der sich mit seinen Werken dreist neben seinen Meister Gerard Dow und neben Terbourg stellen konnte, war’s wirklich. Der Künstler, seiner ungebundenen, genialen Laune folgend, war auf der Jagd, um irgend ein pikantes Abenteuer zu suchen.
Zwei junge Männer seines Alters erreichten ihn und hielten ihn an.
– Wohin, Franz? rief der eine, eine derbe, kräftige Gestalt, der Busenfreund Franz van Mieris, der Maler Johann Veen.
– Geh mit uns zum italienischen Kaffeehause! sprach der andre, Gottfried Schalken von Dortrecht, welcher unter Dow mit Mieris seine Studien gemacht hatte, ein bärtiger, schöner junger Mann, dessen Mienen ebenso düster waren, wie seine herrlichen nächtlichen Bilder mit der unvergleichlichen Beleuchtung.
– Ich danke für Eure Einladung! erwiderte Mieris ziemlich zerstreut; ich habe heute Abend etwas Interessanteres, als den Kaffee und den Rothwein Signor Bertini’s zu suchen. Bleibt nicht stehen; nehmt Abschied für heute, oder geht mit mir . . .
– Sicherlich wieder eine Deiner Liebesgeschichten; murmelte Johann Veen, sehr mißmuthig bei dem Gedanken, daß der heitere Kumpan in der fröhlichen Zechgesellschaft an diesem Abende fehlen sollte. Ich frage Dich, Schalken, wozu dieses ewige Umherrennen? Bedarf man etwa mehr als ausgezeichneten Wein, um sich wirklich wie ein Heiliger in der Verklärung zu befinden? – <tt>In Bacchi aedem feramus pedem</tt> . . . Komm, Mieris! überlaß es heute Deiner Geliebten, den Weg nach Hause allein zu finden.
– Ihr irrt, sagte Mieris; es ist nicht daran zu denken, daß Diejenige, welche ich suche, meine Geliebte ist . . .
– Gut, sie soll’s also werden! bemerkte Schalken.
– Wie man’s nimmt! Kennt ihr den reichen Mynheer van der Werff? Er hat seine Fabriken am alten Rhein. Wohlan, dieser ehrliche Bursch besitzt nicht allein eine der schönsten Kunstsammlungen, sondern auch in seiner Tochter Julia eines der schönsten Mädchen der siebzehn Provinzen. Das würde mich an sich wenig interessiren, aber diese Julie, dies achtzehnjährige, reizende, lebenswarme Geschöpf, welchem, jung, schön und reich, wie sie ist, der ganze Himmel der Erde zu Gebote steht, hat den Einfall, eine Heilige werden zu wollen, und wirklich wird sie in den nächsten vierzehn Tagen schon Profeß thun und sich in einem Kloster in Brüssel lebendig begraben lassen. Ist das nicht originell genug, nicht zu herausfordernd, um zu versuchen, dieser Kleinen einen Begriff vom Leben beizubringen und ihr zu dem Zwecke die Empfindungen der Liebe einzuflößen, um sie aus den Klauen der Klosterfrauen und der Pater zu erretten?
– Nein, flüsterte Veen, der, ungeachtet er den ungebundensten Lebenswandel führte, dennoch nicht wenig bigott war, nein, Franz, ich glaube: das ist Sünde.
Schalken lächelte ironisch; Franz van Mieris lachte hell auf.
– Nie noch hatte ich bei meinen Abenteuern eine moralischere Absicht! sprach Mieris. Ist’s denn eine Kleinigkeit, wenn ein solches Menschenleben buchstäblich verloren geht? Ich habe so viele Schulden, daß ich mein Atelier, um nur einige Stunden ungestört arbeiten zu können, wie eine Festung verrammeln muß; ich muß mich in meinen Mauern eben so tapfer halten, wie die Bewohner dieses alten <tt>Lugdunum</tt> gegen die Spanier, seligen Andenkens, ohne Hoffnung zu haben, daß mir ein neuer Wilhelm von Oranien einen Entsatz in der Gestalt gespickter Geldsäcke zuführt. Dennoch lebe das Leben! Ich werde Julia van der Werff retten und zum Danke hoffe ich ihre schöne Hand mit einigen zwanzigtausend Goldgülden zu erhalten. Ein Dienst ist des andern werth . . . Platz, Schalken; tritt zur Seite, Veen; da kommt Mynheer mit der zukünftigen Nonne . . . Mein Abenteuer hat begonnen . . .
Die beiden Freunde gingen ziemlich unzufrieden fort, indeß Mieris schnell einer Gruppe von drei Personen folgte.
Diese waren Mynheer Cornelius van der Werff, ein reicher Kaufherr, welcher im Besitz der ausgezeichnetsten Tuchfabriken Leydens war. Van der Werff stammte aus einem alten, edlen Geschlechte, und jener Bürgermeister Werff, welcher 1576 Leyden so heldenmüthig vertheidigte und den Bürgern, die ihn, wüthend vor Hunger und Entbehrung, um Lebensmittel bestürmten, zurief: Hier bin ich, theilt meinen Leichnam unter Euch, aber sprecht nicht von Uebergabe an die Spanier! dieser Held war ein Vorfahr des würdigen Mynheer Cornelius. Er besaß, wie Mieris andeutete, wirklich kostbare Gemäldesammlungen, Münzen, Medaillen und Sculpturwerke, war ein guter Kunstkenner und hatte sich längere Zeit in Italien aufgehalten, um die Werke der Kunst zu studiren. Von dieser Zeit schrieb sich auch sein sehr eifriger Katholizismus her, der in noch höherem Grade auf seine Tochter Julia übergegangen war. Uebrigens war Cornelius van der Werff ein höchst biederer, obwohl etwas eigenthümlicher und melancholischer Mann.
An der linken Seite des stattlichen Mannes ging dessen Schwester, welche ihm, dem Wittwer, die Hausführung besorgte: eine alte hagere Jungfer, die in jeder Bewegung wie in jeder Falte ihres Gesichts eine große Frömmigkeit zur Schau trug.
An der andern Seite befand sich Julia. Sie war eine hohe, stolze, ernste Erscheinung und so untadelhaft gebaut, daß Franz van Mieris, welcher sie fest ins Auge faßte, unwillkürlich einen leisen Ausruf der Bewunderung ausstieß und, wie von innerer Gewalt getrieben, eilte, um ihr näher zu kommen. Julia’s Gang war fest und würdig, ihr schönes, etwas blasses Antlitz war von mildem Ausdruck, zeigte aber eine unbeugsame Entschlossenheit. Es mußte nicht so leicht sein, als der schöne Maler glaubte, dies Mädchen in ihren Vorsätzen wankend zu machen.
Vergebens versuchte Mieris, als er ihr sich genähert hatte, unter den gewöhnlichen, galanten Anreden mit ihr ein Gespräch anzuknüpfen. Er hatte ein ausgezeichnetes Bouquet künstlicher Blumen und einen seiner parfümirten Handschuhe, die so klein waren, daß sich ihrer die schönste Dame nicht zu schämen gehabt hätte, zur Hand genommen und bot ihr jetzt beides mit der ernstesten, unbefangensten Miene von der Welt an, als ob sie solches verloren habe.
– Ich danke Euch, Mynheer, war Julia’s einfache, offene Antwort; ich trage weder Schmuck, noch Blumen, noch Handschuhe; ich habe dies nicht verloren.
Franz van Mieris verbeugte sich schweigend und trat zurück. Aber tief war er im Herzen getroffen. Dieser Ton der Stimme, dieser Blick hatte ihn elektrisirt und sein Gemüth in die gründlichste Aufregung gebracht. Wie schön war sie! Und der Ton, mit welchem sie sprach, war ein halb trauriger, als sie ihr schönes Auge nachdenklich auf ihm ruhen ließ. Welche Fluth romantischer Gedanken sprang in seinem Innern mit einem Schlage hervor! Er sah Julia als eine Dulderin, als ein Opfer der finstern Religiosität des alten Cornelius van der Werff und seiner hagern Schwester, und war’s vorhin nur ein genialer Einfall von ihm gewesen, einer künftigen Novize Liebe einzuflößen: so hatte er jetzt den ritterlichsten Vorsatz von der Welt, das schöne Mädchen ihren Peinigern zu entreißen.
Franz wollte mit Julia reden, und o, er fühlte dies bereits, mit welcher Beredtsamkeit, mit welcher hinreißenden Gluth würden seine Worte strömen. Sie konnte ihm nicht widerstehen – noch war er gegen Mädchen immer Sieger geblieben – sie mußte ihn hören und erhören.
Berauscht, fast bezaubert von dieser Gedankenreihe, gewann der Leichtsinnige seine ganze Verwegenheit. Er überlegte seinen Plan einige Augenblicke, dann entschied er sich für den kürzesten als den besten Weg. Er folgte der Familie van der Werffs bis an das prächtige Wohnhaus des Kaufmannes; statt aber hier wieder umzukehren, schlüpfte er, als die Menschen das Gebäude betraten, ebenfalls hinein. Franz hatte nichts Geringeres im Sinne, als ohne Weiteres Julia van der Werff persönlich zu bestürmen, um ihren Entschluß wankend, sich selbst die Schöne aber geneigt zu machen.
Das Haus wurde geschlossen und der Abenteurer befand sich mit einer Art ängstlichen Gefühls auf den langen Corridors in vollkommener Finsterniß allein. Einige Dienerinnen gingen hin und wieder; der Maler ward genöthigt, da die Mägde Licht trugen, sich zu verstecken. Dennoch ward seine erwachte Leidenschaft durch diesen etwas verdächtigen Anfang nicht erschüttert oder abgekühlt, sie steigerte sich gegentheils noch mehr.
Endlich ward’s still im Hause. Er hörte es von den Thürmen die eilfte Stunde schlagen . . . Mieris fing jetzt an, Recognoscirungen zu machen, um die Gemächer Julia’s aufzufinden.
Plötzlich stand er aufhorchend still. Die melodiösen, sanften Töne eines Clavecins erklangen von dem einen Flügel des Hauses her in ernsten, religiösen Weisen. Das mußte Julia van der Werff sein, welche klagend ihre Empfindungen ausströmen ließ. Franz van Mieris lauschte vor der Thür – dann griff er entschlossen an das Thürschloß, öffnete und trat ziemlich großartig in das Gemach.
Er prallte zurück: der alte Cornelius selbst spielte eigenhändig, phlegmatisch zurück gelehnt. Die Augen ließ er sehr ruhig in dem weiten Gemache hin und hergleiten, in welchem seine Gemälde und Kunstschätze aufgestellt waren. Mit großem Erstaunen sah van der Werff den verblüfften Maler an der Thür stehen und erhob sich, um ziemlich verwirrt den unerwarteten Gast zu empfangen.
Mieris faßte sich. Er sagte dem Alten, daß er, von einer plötzlichen Idee ergriffen, die Statue eines Gladiators mit dem Diskus, von dem Italiener Lorenzo Ghisberto gegossen, zu copiren beabsichtige, und wußte geschickt den Grund anzugeben, warum er nicht früher sich gemeldet, sondern im Hause umhergetappt habe.
Cornelius van der Werff war, da er an seiner schwachen Seite gefaßt war, sogleich besänftigt und wurde freundlicher. Ungeachtet der späten Stunde entwickelte sich ein Gespräch über Kunst, das sich bedeutend in die Länge zog und damit endigte, daß der reiche van der Werff dem jungen Maler mehre Aufträge zu Gemälden gab.
Mieris erklärte sich zu Allem bereit. Das Bild aber, welches Werff begehrte, sollte das Thor des alten Leydener Rathhauses darstellen, wie der alte Bürgermeister van der Werff sich erschöpft niederwirft, seinen einen entblößten Fuß zeigt und spricht: – Von meinem Stiefel habe ich heute Mittag Suppe gekocht; jetzt habe ich nichts mehr als meinen Leichnam; schlachtet und verzehrt mich; aber nur laßt mir keinen Spanier in das ehrwürdige Leyden!
Van der Werff war so gütig, Franz van Mieris die Broncestatue des Gladiators auf der Stelle mitzugeben.
Hiermit entfernte sich der Maler, durchaus nicht erbaut von seinem Abenteuer. Johann Veen, der ihn, von dem Weinhause kommend, aufgriff, lachte unmäßig, indeß Mieris sich nach seinem Atelier begab.
Bald ward Mieris im Hause van der Werffs ein täglicher Gast. Er kam mit Julia zusammen, überzeugte sich aber bald, daß auch er, gleich dem ehrwürdigen Handelsherrn, nicht im Stande war, die Richtung dieses ascetischen, ernsten Gemüthes zu verändern. Franz van Mieris gab seufzend seinen Traum von Liebe auf, schloß sich aber dafür innig an den höchst gebildeten Alten, welcher ihm väterlich zugethan ward.
Van der Werff empfing das bestellte Gemälde mit Entzücken. An dem Morgen, als van der Werff das fertige Bild im Atelier des Malers sah, schenkte er demselben außer der Bezahlung die Gladiator-Statue. In eben dem Augenblicke, als van der Werff in dem gewölbten Zimmer Mieris’ war, bestürmten diesen zwei seiner erbittertsten Gläubiger.
– Schert Euch fort! rief der Holländer erbittert. Ich werde Euch bezahlen. Mieris, Ihr malt mir noch ein Bild . . .
– Aber welches? Was verlangt Ihr, edler Herr? fragte Franz gerührt.
– Malt uns Beide und dies Euer Atelier mit Allem, was darin ist, und selbst mit diesem Bilde auf der Staffelei. Ich gebe Euch vergängliches Metall, werde aber in Eurem Gemälde einen Schatz erhalten, den man so lange bewundern wird, als der Name Franz Mieris in der Kunstwelt nicht vergessen ist. Und das wird nimmer geschehen!
Sechs Wochen darauf war das vorliegende ausgezeichnete Bild des Malers und Cornelius’ van der Werff vollendet.
==4. Heft.==
===Die Nähterin. Von Netscher.===
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Kaspar Netscher, einer der ausgezeichnetsten Maler des 17. Jahrhunderts, 1639 zu Heidelberg geboren und 1684 im Haag gestorben, gehört, da er in Holland unter Terbourg und Dow seine Ausbildung vollendete, der niederländischen Schule an. Er lieferte Gesellschafts- und kleinere historische Stücke und sehr viele Portraits. Netschers Gemälde stehen den Arbeiten Terbourgs, was die Zeichnung betrifft, wenigstens gleich. Hinsichtlich der Ausführung aber übertreffen sie dieselben. Seine täuschende Nachahmung der Stoffe, des Atlasses, des Sammets ist einzig, der Faltenwurf seiner Gewandung ebenso naturgetreu als gefällig. Seine anmuthigen Figuren, sein verschmolzenes, kräftiges Colorit, wenn auch eben nicht seine meist einfache Erfindung, trägt das Gepräge der Vollendung. Er benutzte gewöhnlich edlere Situationen und Scenen, als viele der damaligen niederländischen Maler zu seinen Darstellungen.
Netscher hatte, obwohl er ein bedeutendes Vermögen hinterließ, in seiner Jugend mit bitterer Armuth zu kämpfen. Sein Vater, ein Bildhauer, starb früh und der Knabe ward von einem Arzte in Arnheim, Tullekens, an Kindesstatt angenommen, welcher ihn zum Chirurg machen wollte. Seine Neigung aber zur Malerei drang durch und er ward bei einem Glasmaler in die Lehre gegeben, dem de Koster, ein Vogel- und Stillleben-Maler, als Meister des Jünglings folgte. Dann begab er sich nach dem Haag.
In seinem deutschen Gemüthe ungeachtet der Meisterstücke der dortigen Maler immer noch ein Höheres, als die Richtung der niederländischen Malerschulen ahnend und empfindend, beschloß Netscher, sich nach Italien zu begeben, um sich die idealere, das Innere des Menschen darstellende, Kunst vertraut zu machen.
Obgleich sehr arm, trat er, ungeachtet seine Freunde versuchten, ihm sein Vorhaben auszureden, etwa fünfundzwanzig Jahre alt, voll großer Hoffnungen und mit Begeisterung seine Reise an. Sie nahm jedoch ein sehr kurzes und eigenthümliches Ende, und zwar ein solches, welches geeignet war, bei den kalten, besonnenen Holländern ein Lächeln zu erregen. Netscher kam nur bis Bordeaux und kehrte hier glücklich um. Als er wieder im Haag erschien, gab Gerard Dow gutmüthig ein Witzwort zum Besten, welches Kaspar Netscher bis an seinen Tod als die schrecklichste Beleidigung ansah, während seine schöne Frau jedesmal selig lächelte, so oft auf dies Thema hingedeutet wurde.
Das Schlagwort hieß aber: ''Kaspar ist in Italien gewesen! Und was mehr sagen will, er hat sein ganzes Italien nach Holland mitgebracht.''
Wir theilen hier die Geschichte mit, welcher dieses Wort seine Entstehung verdankte. Sie steht zugleich in nächster Beziehung zu Netschers Bilde, ''die Nähterin,'' ein Gemälde, von welchem sich Netscher lange Zeit nicht trennen mochte und welches heute der königlichen Gemäldegallerie zu Dresden angehört.
Etwa fünfundzwanzig Jahre alt, kam Kaspar Netscher an einem sehr kühlen Herbstabende durch das Seethor des alten Bordeaux und durchschnitt, durchaus rathlos, die gewundenen finstern Straßen. Mancher der Franzmänner, manches der schönen Mädchen blickte den fremdgekleideten jungen Mann mit nicht geringem Interesse an, denn der Maler war hoch und stolz gewachsen, hatte ein sanftes, echtes Künstlergesicht, langes, prachtvolles, blondes Haar und einen weichen, krausen, spanischen Bart. Ein mächtiger mit Federn geschmückter Krämpenhut bedeckte seinen Kopf; ein niederländisches Wamms mit rothen, seidnen Puffen und weiten Pluderhosen hoben noch die Stattlichkeit seines Wuchses. Uebrigens waren diese Kleider, wie man selbst in der Dämmerung des Abends sah, sehr abgetragen und der Aufzug des jungen Mannes ließ vermuthen, daß er in dem Ranzen, welchen er auf dem Rücken trug, seine ganze fahrende Habe barg. Dennoch wäre es nach dem trotzigen Blicke des Wanderers nicht gerathen gewesen, ihn mit einem Lächeln zu betrachten; und was diesem herausfordernden Blicke einen besondern Nachdruck gab, das war ein quer über das Ränzchen geschnallter Raufdegen zu Hieb und Stich mit schön verzierter Lederscheide und mit einem kunstvoll gearbeiteten, vergoldeten Handkorbe.
Kaspar Netscher kam aus den Niederlanden, um sich nach Rom zu begeben. Aber seine bei seinem Ausmarsche vom Haag nur leichtbeschwerte Geldbörse war schon drei Tagemärsche vor Bordeaux bis auf den letzten Sol geleert. Ermüdet, hungrig, einsam wie ein Schiffbrüchiger auf dem Meere, ohne Hoffnung ein bekanntes Menschengesicht zu erblicken, welchem er seine Noth halle klagen können, marschirte der arme Maler durch die Straßen, um eine Herberge aufzufinden. Schon an verschiedenen Thüren hatte er angepocht, den Wirth herausgerufen und ihn gefragt:
– Beherbergt Ihr hier einen fahrenden Künstler, wenn er Euch oder einen von Euren Angehörigen nach der Kunst abconterfeit?
– <tt>Dieu m’en préserve!</tt> war die Antwort gewesen.
Netscher verließ, das Haupt immer tiefer und betrübter senkend, die breiten Hauptstraßen, um ärmere und barmherzigere Schenkwirthe aufzusuchen. In einem dieser Gäßchen waren die Thüren eines Gasthauses weit geöffnet. Es war helles Licht in den Zimmern, heitere, lärmende Gesellschaften von Seeleuten trieben da ihr Wesen und einladend stand ein dicker Mann mit weißer Schürze, sehr selbstgefällig lächelnd, in der Thür unter der großen Laterne und rief, wenn etwa ein Zug taumelnder Matrosen die Straße passirte, mit der einschmeichelndsten Stimme von der Welt die Leute an, um an den Freuden seines Paradieses Theil zu nehmen.
– Wir haben kein Geld mehr! erwiderten drei Seemänner, welche dicht vor Kaspar Netscher gingen, den Anruf des Gastgebers. Wir sind rein ausgepocht, haben auch keinen Durst mehr, und da sind wir, <tt> Sang de Dieu! </tt> heute Abend für Dich wettermäßig überflüssige Maate.
– Schämt Euch! rief der Wirth, mit beiden Händen winkend. Seit wann ist Papa Bonnet dafür bekannt, daß er einem ehrlichen Seehunde keinen Korb Rothwein mehr creditirt, wenn er sein letztes Pulver verschossen hat? Immer herein! Trinkt, Burschen, trinkt – das Uebrige wird sich dann auch wohl finden!
Die Matrosen legten um und segelten glücklich in den Hafen zur weißen Taube ein. Netscher aber glaubte in der quäkenden Stimme des Wirthes mindestens diejenige eines Engels zu hören. Rasch trat er an den Dicken heran und wiederholte seine Frage. Der Wirth war durchaus nicht gefügig, wie bei seinen Vorgängern; er sagte aber auch nicht: Nein!
Papa Bonnet musterte den Maler von oben bis unten und nahm hiernach eine sehr zufriedene Miene an.
– Schade, daß Ihr kein Kriegsmann seid! murmelte er, und mit dem Degen da zu spielen wißt, den Ihr ohne Zweifel zum Staat traget. Ich behielte Euch doppelt so gern . . . Doch mag’s drum sein! Mögt ihr mich nun malen oder nicht, so werde ich Euren Durst in meinem Keller nicht eben zu sehr spüren. Tretet näher, Herr Maler, und erquickt Euch und laßt’s Euch wohl sein aus Herzensgrund.
Netscher drückte dem Braven die Hand, ging in die Gaststube und warf Ranzen und Hut neben sich. Bonnet ließ auftischen, Weinflaschen paradirten neben seinem Abendessen, und bald saß Bonnet neben ihm und hatte den aus den Niederlanden Kommenden in ein gelegentliches Gespräch verflochten, an welchem bald ein ganzer Kreis von Seeleuten Theil nahm. Netscher mußte Neuigkeiten aus Holland erzählen. Hierbei bildete sich eine kleine Spielgesellschaft, die sich gegen Mitternacht allmälig in eine Zechgenossenschaft bester Qualität verwandelte.
Kaspar wachte am andern Tage mit einer sehr unangenehmen Empfindung auf. Erst jetzt kam ihm die Idee, daß ihm die Erinnerung an das Ende jenes Gelages fehlte; er versuchte, sich zu orientiren, wo er sich befinde, und seine höchst unbequeme Lage zu verbessern. Vergebens! Er war mit beiden Händen dicht an die Mauer gebunden und lag auf Steinen, die dürftig mit Stroh bedeckt waren. Sein Gemach war stockfinster. Hoch oben war eine kleine Luftklappe, durch deren Risse sich schmale, blendendhelle Sonnenstrahlen drängten. Bald merkte der Maler, daß er sich nicht allein befinde. Als sich sein Auge an die Dunkelheit gewöhnt hatte, unterschied er mehre elend aussehende Gestalten, von denen er bald einen erschreckenden Aufschluß über sein Schicksal empfing. Er war in die Hände eines Seelenverkäufers gerathen, eben eines solchen Unholdes, deren Treiben in Rotterdam und Amsterdam er am vorigen Abende der Gesellschaft so getreulich beschrieben hatte.
Von jetzt an begannen acht lange Leidenstage für den Deutschen, den der Wirth und ein königlich französischer Seeoffizier mit Gewalt dazu zwingen wollten, eine Bescheinigung zu unterzeichnen, welche ihn, Netscher, zum Militärdienste in den Colonien verpflichtete. Der Maler widerstand lange; am Ende thaten Hunger und körperliche Züchtigungen das Ihrige: Netscher, müde bis in den Tod, willigte in Alles und unterschrieb. Jetzt ward er besser gehalten und man kündigte ihm an, daß er in den nächsten Tagen zur See gehen werde. Die Verzweiflung des Künstlers ist nicht zu beschreiben. Es war, als werde er zum Richtplatze geführt, als man ihn gegen Abend seiner Fesseln vollständig entledigte, um ihn aus dem Hause hinaus und zur See zu bringen. Sein Muth ward plötzlich wieder lebendig, als er draußen vor der Thür ein Commando Soldaten erblickte, welche ihn escortiren sollten. Er riß sich los, lief durch den Gasthof in die Binnenhöfe und rannte aufs Geradewohl eine Treppe hinan, bis er vor einen verschlossenen Boden kam, so daß ihm, da er seine Verfolger hörte, keine Wahl blieb, als aus einem Fenster hinaus auf das Dach zu klettern. Hier hoch in Gottes freier Luft, zwischen Schornsteinen aller Art, sprang und voltigirte der unglückliche Künstler gleich einem Gaukler oder einer Gemse von einem Dache auf das andere, so daß er, als er endlich sich umzusehen und Athem zu schöpfen wagte, das Dach des Wirthshauses zur weißen Taube mit der ungeheuren Wetterfahne drauf nicht mehr aufzufinden vermochte. Aber hier wie eine Katze konnte er doch nicht auf den Dächern die Nacht zubringen.
Er erblickte fern ein helles Fensterchen, und eine weibliche Gestalt in dem Stübchen und beschloß, das Mitleid derselben anzuflehen. Als Netscher vor das Fenster kam, blieb er, ungeachtet seiner schrecklichen Lage, gefesselt und entzückt unbeweglich sitzen.
Sein Künstlerauge ward durch den Anblick einer ''Nähterin'' zauberisch berührt. Sie war ein junges Mädchen in vollster Blüthe der Schönheit und Gesundheit, mit einem Engelsgesichte, welche, ganz allein sitzend, ihre Feuer-Kieke vor sich, den größten Nähkorb mit der Scheere drauf neben sich, ämsig nähte. Das Mädchen war einfach, aber geschmackvoll gekleidet und hielt ein schönes Atlas-Nähkissen auf den Knien, von welchem sich ihre halb entblößten Arme schön abhoben.
Netscher zauderte nicht länger und pochte ans Fenster. Die Schöne, obwohl erschrocken, war muthiger als er glaubte; sie kam und öffnete. Jetzt brachte der Maler seine Bitte um Schutz an. Fanchonette sagte ihm denselben mit Thränen zu und half ihm beim Einsteigen in ihr jungfräuliches Gemach. Hier wurde der Maler gewahr, daß die ganzen Häuser an den Straßen in der Nachbarschaft des Wirthshauses nach einem Deserteur, einem Soldaten des Königs, durchsucht waren. Dennoch beharrte Fanchonette bei ihrem Entschlusse, den schönen, jungen Mann seiner Kunst und einem glücklichen Leben zu retten.
Das schöne Mädchen, jeden Augenblick mehr von dem Flüchtlinge angezogen, gestand, daß sie, eine Dienerin eines der ersten Edelleute von Bordeaux, eines Hauptmanns von den Musketenschützen, gar keinen Ausweg wisse, ihn zu verbergen, als dadurch, daß sie ihn auf ihrem Zimmer behalte. Dies geschah wirklich; der Maler, um sich den Blicken der jede Minute bei Fanchonetten kommenden und gehenden Mägde und sonstigen Dienerinnen zu verbergen, mußte sich bequemen, drei Tage lang unter dem Bette der Französin zuzubringen, von welcher schrecklichen Lage er nur erst spät Abends befreit werden konnte.
Inzwischen war Fanchonette zu dem Consul, dem Handelsbevollmächtigten Hollands, gelaufen. Die Behörden nahmen sich des Malers an und riethen, die Niederländer nicht durch einen Gewaltstreich gegen einen ihrer nicht unbedeutenden Landsleute zu erbittern, und endlich gelang’s: der Gouverneur von Bordeaux erklärte den Maler für frei und ledig, erlaubte ihm sogar, sich, so lange er wolle, in dieser Stadt zu verweilen und jederzeit seines Schutzes gewärtig zu sein.
Drei Wochen später verheirathete sich Kaspar Netscher zu Bordeaux mit seiner Retterin. Jetzt mußte er auf seinen und seiner Gattin Unterhalt denken und eine Reise nach Italien war vorläufig unmöglich. Netscher kam nie dorthin.
Wie schon gesagt, kehrte er bald mit seiner Frau nach dem Haag zurück, wo er seine eigentliche Wirksamkeit erst eröffnete. Von jetzt an hieß es: ''Kaspar Netscher ist in Italien gewesen!''
==5&6. Heft. (Doppelheft)==
===Die Spieler. Von Caravaggio.===
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Wo die Italiener aus ihrer durchschnittlich idealen Richtung in der Malerei heraustreten und sich als Naturalisten und Individualistiker zeigen, da sind sie dennoch in der Wahl ihrer Stoffe, Form und Ausdrücke weit von der Naturalistik der Niederländer entfernt. Beide schreiben das Leben aufs Genaueste ab. Der Niederländer aber schildert, selbst stets unerschütterlich ruhig, vorzugsweise die äußerliche Erscheinung; der Italiener, seine südliche Natur keinen Augenblick verleugnend, kehrt die innerliche, psychologische Seite heraus. –
Als einen dieser italienischen Maler, und zwar als einen solchen, welcher der ergreifendsten Wahrheit, eines fast tragischen Pathos mächtig ist, nennen wir Michel Angelo Amerighi, oder Merighi, genannt Michel Angelo da Caravaggio. Er war zu Caravaggio im Mailändischen 1569 geboren und war anfangs Maurergeselle. Als er es erlangt hatte, seiner Neigung für die Malerei zu folgen, bildete er sich nach den großen Venetianern und trat in Rom mit seinen naturwahren Schöpfungen der kraftlosen, gehaltentbehrenden, idealen Richtung in der Malerei energisch entgegen. Seine Darstellung erfaßte die leidenschaftlichen, düstern Erregungen der Menschenbrust in meist schroffer, ungemilderter Form. Um sie so gewaltsam und ergreifend als möglich zu schildern, wie es seinem eigenen ungestümen Innern angemessen war, bediente er sich nur der niedern, rohen Natur. Wo die Sujets mit seiner eigenthümlichen Darstellungsweise zusammentreffen, da liefert Cavavaggio das ausgezeichnet Vollendete. Sein Colorit, seine Beleuchtung sind mächtig, schlagend. Erhabene Compositionen zieht er ins Niedrige, zeigt aber auch hier immer seine Vorzüge.
Caravaggio’s Leben steht in genauem Zusammenhange mit seinen Bildern, es ist wie diese leidenschaftlich düster, verworren. Der Maler war ein Raufbold, ein Spieler, der seines Ungestümes wegen nirgend lange geduldet wurde. In Malta schlug ihn der Großmeister der Johanniter zum Ritter. Aber auch dort, für dieses kriegerische Leben war Caravaggio zu wild. Auf seiner Rückreise nach Rom ward er, aus Anlaß früherer Abenteuer, überfallen und tödtlich verwundet. Er starb 1609.
Das vorliegende Bild „Die Spieler“ schließt sich genau an das Leben des Meisters an. Es ist düster und ergreifend, wie dasjenige, was den Caravaggio flüchtig aus Rom trieb. – Dies war ein in einem verdächtigen Hause nach einer bacchantischen Nacht und einer unglücklichen Spielpartie verübter Mord.
Der Inhalt dieses Stücks kann unmöglich vollständiger getroffen und bezeichnet werden, als eben durch diese Skizze aus dem Leben des Malers.
Caravaggio war noch jung, als er, von Mailand und Venedig kommend, in Rom eintraf. Hier herrschte damals schon in der Malerwelt Giuseppe Cesari, genannt Josepin il Cavaliere d’Arpino, ein Römer von Geburt; die bedeutendste Erscheinung unter den sogenannten Manieristen. Sein blühendes Colorit, seine ungewöhnliche Handfertigkeit machten ihn zum ersten damaligen Maler der römischen Schule, zum Lieblinge des Papstes Clemens VIII. und des Cardinals Bischof Ottoboni von Palestrina. Caravaggio suchte die Bekanntschaft des Meisters, und ungeachtet ihrer geradewegs sich entgegenlaufenden Richtungen entstand zwischen Beiden ein Freundschaftsverhältniß. Dies wurde noch enger geschürzt, als der heißblütige Caravaggio für die einzige schöne Schwester Cesari’s, Teresina, eine der Heftigkeit seines Charakters entsprechende Neigung faßte. – Aber der Launische, Ungestüme zerriß die Bande der Liebe sehr bald, noch rascher, als er sie angeknüpft hatte. Er verließ Teresina, und schloß sich einer Gesellschaft lebenslustiger Künstler und Cavaliere an, und es währte nicht lange, da war Caravaggio das Musterbild der Wüstlinge Roms. – Aber eben aus diesen Zweikämpfen, diesen Zechgelagen und Verführungsgeschichten junger Mädchen und Männer, aus diesem ganzen bacchantischen Treiben, in welchem jeder Andere zu Grunde gegangen wäre, nahm unser Künstler seine beste Kraft und die Stoffe zu seinen, durch ihr Pathos unwiderstehlich ergreifenden Kunstschöpfungen.
Es waren die ersten Schritte, die der junge Mann, nachdem er die Schule hinter sich hatte, auf seiner eigenen Bahn machte, und dieser Anfang war für seine folgende Wirksamkeit entscheidend.
Seine die gluthherzigen Italiener mit voller Macht packenden Gemälde, die charakteristisch zur Erscheinung brachten, was in jener Zeit vor dem dreißigjährigen Kriege in allen Gemüthern gährte, ließen die oberflächlichen Arbeiten des idealisirenden Giuseppi Cesari und seines Anhanges zu bleichen Schatten und Nebelbildern herabsinken. In diesen, getreue Naturwahrheit und mächtiges Gefühl athmenden, psychologischen Nachtstücken war von Caravaggio dem früheren Freunde und seiner Schule ein Kampf auf Leben und Tod angekündigt. Und Caravaggio kämpfte als ein Mann. –
In eben der Zeit ward dem einzelnstehenden Michel Angelo eine mächtige Hülfe. Von der, von Ludovico Caracci zu Bologna gestifteten <tt> Accademia degli incamminati </tt> (aus <tt> incamminare, </tt> in den Gang bringen), von dieser Malerschule, welche eine vollständige Reform italienischer Kunst anstrebte, kamen Agostino und Annibale Caracci nach Rom, um die Arbeiten an der farnesischen Gallerie zu übernehmen. Agostino Caracci, der Meister der verführerischen in Kupfer gestochenen Compositionen, nicht weniger ausschweifend als Caravaggio, ward augenblicklich der genaueste Freund desselben, und alle drei Künstler mit ihrem Anhange warfen sich jetzt auf Cesari’s Schule, um sie zu vernichten.
Es ist unmöglich, den Todeshaß zu beschreiben, den Giuseppe Cesari von dieser Zeit an auf Caravaggio warf. Noch immer hatte er den Gedanken festgehalten, Michel Angelo werde bald von seinem liederlichen Leben zurückkehren, er werde bald ausgetobt haben, und von den Raufbolden und Spielern zu ihm, dem Cesari, von den feilen Dirnen aber zur trauernden Teresina reuig zurückkehren.
Und war dies geschehen, dann konnte er leicht zu der Einsicht gebracht werden, die Ueberkraft in seinen Gemälden müsse gemäßigt, und zu dem Niveau der Manieristen herabgedrückt werden.
Jetzt aber in den Händen der Caracci’s, der rigorosen Reformatoren, war Caravaggio für Cesari wie für Teresina verloren.
Die Rache erwachte in dem Herzen des Meisters. Giuseppe besaß einen Bruder, Balsamo d’Arpino, welcher Capitano in der päpstlichen Leibwache war. Er übernahm es, den treulosen, undankbaren Caravaggio zu bestrafen. Aber der feige Römer getraute sich’s nicht, dem Gladiator Aug’ in Aug’ gegenüberzutreten. Er wandte sich an einen Officier der Sbirren, Hans Haßli, einen Schweizer von Geburt, von dem es bekannt war, daß er das eisernste Handgelenk in ganz Rom besaß. Haßli, gut bezahlt, versprach den Maler noch an demselben Tage zu einem Duell zu veranlassen, und ihn mit einem Degenstoße für immer stumm zu machen. Die Cesari’s bezeichneten dem Schweizer den Ort, wo Caravaggio mit seinen Genossen die Nächte zu durchschwärmen pflegte, und Haßli ging, am Arme eines seiner Soldaten, gemüthlich nach dem bezeichneten Häuschen.
Hier war’s noch leer: aber Caravaggio, der getreueste Gast der dicken sicilianischen Wirthin, war schon hier. Einige vollbusige, nachtäugige Mädchen standen neben ihm, während der Maler in heiterster Laune seine Taschen umkehrte und einige Hundert – soeben für ein Gemälde empfangene – Goldstücke auf den Tisch warf.
Beim Anblicke dieses Goldes blieb Haßli, welcher eben im Begriff war, ohne weitere Umstände die Feindseligkeiten dadurch zu eröffnen, daß er dem Maler eine Ohrfeige applicirte, nachdenklich stehen, und schob sein Federbaret auf ein Ohr. Er konnte Caravaggio niederstrecken, aber damit erbte er dies Geld nicht. Der Künstler mußte gerupft, und dann erst erstochen werden.
Haßli knüpfte mit Caravaggio ein Gespräch an und nach einer Minute saßen sie Beide an einem Tischchen, die Karten in der Hand, Jeder einen Goldhaufen vor sich, sich gegenüber, indeß der in seinen Mantel gehüllte Sbirre gleichmüthig das Spiel betrachtete.
Die beiden Spieler waren Spieler, aber Haßli, welcher mit dem Golde spielte, wofür er den Maler ermorden sollte, war außerdem ein Schurke. So kam’s, daß der Schweizer mit Hülfe seiner Kartenkünste ein Zehend der Zechinen nach dem andern gewann und seinen starken Arm drüber legte.
Dem jungen Maler stand der Verstand still; aber wiederum begann er eine neue Taille, obgleich er nicht mehr recht deutlich wußte, was mit ihm geschah. – Seine Goldstücke waren bis auf ein Dutzend zusammengeschmolzen; da warf Caravaggio wild die Karte auf den Tisch.
Jetzt erst sah er den Sbirren hinter sich, an welchen er gar nicht mehr gedacht, und entdeckte, daß dieser dem Schweizer durch Zeichen mit den Fingern von seinen Hauptkarten Zeichen gab. Im Nu hatte Caravaggio den Degen gezogen und Hans Haßli lag die Secunde drauf todt am Boden. – Caravaggio floh und entkam glücklich. Giuseppe Cesari aber erlag, seiner Anstrengung ungeachtet, seinen Feinden. Während Caravaggio’s gute Stücke ewig neu bleiben, hatte Cesari sich in seinen besten Gemälden schon lange vor seinem Tode überlebt. Wahrscheinlich war er’s, welcher den Caravaggio überfallen ließ, um seine ein Mal vereitelte Rache dennoch endlich zu befriedigen.
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===Die Dorfschenke. Von Cornelius Bega.===
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Cornelius Bega wurde 1620 in Haarlem geboren und starb daselbst an der Pest im Jahre 1664. Sein Vater war Bildhauer und nannte sich Peter Begyr. Von ihm empfing Bega vermuthlich den ersten Unterricht in der Kunst, bis er später ein Schüler von Adrian Ostade und zwar einer seiner besten wurde. Seine Stoffe sind ländliche Festlichkeiten, Wirthshausscenen, Laboratorien von Adepten und Alchymisten u. s. w. Seine Kupferstiche sind sehr geschätzt und seine Werke, jetzt meist in festen Händen, wurden sonst sehr gesucht und mit gewaltigen Summen bezahlt.
Das unstäte und unordentliche Leben dieses Künstlers muß dem Umstande zugeschrieben werden, daß er sehr früh aus dem Vaterhause weichen mußte. Daher rührt wohl auch der Name Bega, unter welchem allein er später gekannt wurde.
Das vorliegende Werk zeigt das Charakteristische des Malers in ausgezeichneter Weise. Während wir die meisterhafte Technik und Naturwahrheit bewundern, können wir nicht umhin, die niedrigen rohen Stoffe, welche er darstellte, unschön und abstoßend zu finden.
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===Bärenjagd. Von Franz Snyders.===
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Im Herbste des Jahres 1606 sah derjenige Theil des castilischen Scheidegebirges, welcher, nördlich von Madrid gelegen, den Namen Sierra de Guadarama führt, ein Schauspiel, welches ebenso eigenthümlich als glänzend auf diesen wilden Plateaus, in diesen düstern Schluchten wohl nimmer wieder gesehen ward.
Etwa in einer Höhe von fünftausend Fuß über dem Meere hatte König Philipp der Dritte von Spanien sein prächtiges Hoflager aufgeschlagen. Der Hof-Marschall Don Jose de Ximanez hatte einen rings von Abgründen und von Wasserstürzen romantisch umgebenen, von Pinien, Cypressen und mächtigen Korkeichen umkränzten, weiten, ebenen Platz für das Lager ausgewählt. Hier erhob sich das von Goldstickereien prangende Zelt des Königs, von Alt-Castiliens schwerem Seidenbanner überweht, und an diese herrliche, luftige Wohnung schlossen sich in langen, schnurgeraden Reihen die grün und weißgestreiften Zelte des allmächtigen Günstlings und Ministers, Grafen Lerma, sammt denen der Grandezza und der Caballeros del Rey. Ferner hin waren die leichten Wohnungen der Königin und ihres von Schönheit strahlenden Gefolges. Diese Zelte waren in der ebenso reichen als bizarren maurischen Form ausgeführt, und ungeachtet Alt-Castilien sammt dem ganzen christlichen Spanien den unglücklichen Moriscos Verderben und Tod geschworen hatte, sah man doch hier den Halbmond über den Standarten blitzen, welche die Embleme der Omajaden und Abassiden, der Abencerragen und der Zegris zeigten. Fast am Rande einer tiefen Schlucht waren Baracken für die Diener und für die niedere Ritterschaft, so wie für die Jäger errichtet, neben welchen die feurigen Hengste Andalusiens und die sichern Saumthiere von Aragon an eisernen Pfählen festgebunden waren. Ungeduldig und feurig, nach dem Blute der wilden Bewohner des rauhen Gebirgs dürstend, erblickte man in einiger Entfernung vom Lager den Platz, wo Hunderte von Wolfs- und Bären-Hunden grimmig sich zeigten, die kaum durch die schweren Peitschen der Jagdknechte in Ruhe gehalten werden konnten.
Das rührigste Leben herrschte in dieser extemporirten Stadt. Stattliche Herren, geschmückt wie in Aranjuez, durchschritten die Zeltgassen; Gruppen der edelsten Damen Spaniens, reich mit Peru’s Edelsteinen geschmückt, zeigten sich zwischen den wallenden Federbüschen der Caballeros; sie konnten hier scherzen, sie konnten lachen, und ein natürliches Wort sprechen, das sonst nur ihre Liebhaber in verschwiegener Nacht hörten; – denn die mörderisch-steife Etiquette des spanischen Königshofes war auf den ausdrücklichen Befehl Philipps III. diesmal im Schlosse zu Madrid und in Aranjuez zurückgeblieben.
Ueberhaupt hatte Philipp, der sonst gar nicht mehr befehlen konnte, sondern sich gehorsam unter den Willen des Grafen Lerma schmiegte, der, anstatt König zu sein, zu einer kraftlosen, bedauernswerthen Puppe herabgesunken war, seit einiger Zeit ein besonderes Leben entfaltet. Dies Leben, diese Wirksamkeit richteten sich, wie zu erwarten, jedoch durchaus nicht auf den beklagenswerthen Zustand des schon durch Philipp II. tief entwürdigten und dazu ausgesogenen Spaniens, sondern lediglich auf die Art seiner Unterhaltung. Dies war von Philipp schon sehr viel; denn bisher hatte er auch gar nichts wollen können.
Es war ein eigenthümlicher Umstand nöthig gewesen, um den Herrscher zweier Welten aus seiner unwürdigen Lethargie in etwas zu erwecken. Philipp III., wie mehre bessere Regenten Spaniens vor ihm und nach ihm, war ein besonderer Freund der Künste. Eigenthümlicherweise aber besaß dieser Monarch gegen die Schöpfungen der Spanier eine große Abneigung, obgleich damals schon, namentlich zu Sevilla unter Juan de Castillo, dem Lehrer des großen Murillos, sich ein Sprossen spanischer Kunst entfaltete, das späterhin zur schönsten Blüthe gedieh. Philipp II. war der finstere, kalt-grausame Feind seiner braven Niederländer; unter ihm fanden nur wenige Werke niederländischer Maler den Weg nach Spanien. Der dritte Philipp aber schätzte Niederland und seine Künstler um so mehr, als sich die Bande löseten, welche diese Nation an das damalige Mutterland knüpften; sie schien erst Werth für ihn zu erhalten, seit er jeden Augenblick befürchtete, sie vollends zu verlieren.
In jener Zeit eben eröffnete eine Reihe ausgezeichneter Maler die glänzendste Epoche niederländischer Kunst.
Schwach und üppig aber, wie der König von Spanien war, gingen die Schöpfungen des Rubens, der Teniers, des Kaspar de Crayer, des Peter Neefs und Jodocus Momper, ohne Eindruck zu machen, an ihm vorüber. Sein Liebling, sein erklärtes Genie im Malerfache war dagegen Franz Snyders. Die Thierstücke dieses jungen Meisters athmeten die ganze Wildheit, den ganzen entfesselten Naturalismus, dessen der König bedürfte, um sich aufzuregen. Diese blutigen, wilden Thierkämpfe Snyders, wo die Thiere, in ihrer lebendigsten Eigenthümlichkeit aufgefaßt, alle Zustände der thierischen Seele, Muth, Furcht, den bis zur Wuth gereizten Zorn, List und Grausamkeit in den in der höchsten Mannigfaltigkeit glänzenden Gemälden darlegen, fesselten den König so sehr, daß er den Meister von Antwerpen nach Madrid berief.
Franz Snyders war kurz vor der Zeit, die wir vorhin schilderten, in Aranjuez angekommen und von dem Könige mit großer Freude empfangen. Von diesem Augenblicke an phantasirte der König, um Situationen zu Wolfs- und Keiler-Kämpfen zu erfinden; Snyders mußte demgemäß arbeiten. Alles dies genügte jedoch dem Herrscher nicht: „Ein Wolf ist kein edles Thier, der Eber ebenso wenig; Bären, die Könige der Wälder, muß ich auf Snyders Gemälden sehen!“
Graf Lerma widersprach nicht, als Philipp III. erklärte, in der Sierra Guadarama Bärenjagden anstellen zu wollen, um dem Maler aus den Niederlanden Gelegenheit zu geben, das gefürchtete Raubthier in wildem Zustande, in der unbeschränktesten Darlegung seines Naturells zu beobachten. Lerma hatte das Stillschweigen und die Unthätigkeit des Königs auf anderen Gebieten zu nothwendig, als daß er demselben seinen Einfall auszureden versucht hätte. Demgemäß erfolgte die Reise des Hofes in die Sierra Guadarama.
Der Meister selbst, eigentlich die Hauptperson bei dem Unternehmen, nahm sich gegen seine glänzende Umgebung fremdartig genug aus. Snyders war ein mittelgroßer, starkgebauter junger Mann, ernsten, fast schwermüthigen Ansehens, mit untadelhaftem, weißem Teint und hellen Locken. Seine Kleidung war reich, aber dunkelfarbig, wie diejenige seiner Landsleute. Er sah zwischen den grellfarbig geputzten, gelben Spaniern etwa wie Prinz Hamlet neben seiner Umgebung aus.
Eben sein schwermüthiges, poetisches Wesen aber wandte dem Niederländer die Gunst der spanischen Damen zu. Wie manches blitzende schöne Auge ruhte auf Snyders Gestalt mit süßem Wohlgefallen, und suchte dem Schüchternen durch zarte Lockungen zu einer Liebeswerbung Muth einzuflößen. Aber der Meister wandte sich von diesen mutherweckenden, herausfordernden, liebebegehrenden Blicken ab . . . Sein Herz war bereits von dem Strahle eines Auges berührt und tief im Innern getroffen, das, bescheidener und züchtiger als selbst das seinige, dennoch an Schönheit und jungfräulicher Blüthenfrische jedes andere der Damen des Königshofes übertraf. Dies war das Auge von Donna Mencia d’Albucalde. Sie war ein Mädchen von höchstens neunzehn Jahren, schlank, zierlich, fast zu zart gebaut, aber von einer Anmuth, von einem so fesselnden Wesen, daß neben der Jungfrau die gefeiertsten Schönheiten des spanischen Hofes, Donna Isabella Valdellos, Donna Bianca de Spinola, eine Verwandte des berühmten Feldherrn Spinola, der in dieser Zeit eben mit Erfolg gegen Moritz von Oranien in den Niederlanden kämpfte, in Nichts verschwanden.
Fast alle Damen des Königshofes waren von ächt spanischem Adel, das heißt, sie hatten gothisches Blut in ihren Adern. Donna Mencia d’Albucalde, aus Cordova gebürtig, gehörte jedoch von mütterlicher Seite den unglücklichen Moriscos an, deren letzte Reste Philipp III. und Comte de Lerma mit schonungsloser Gewalt von Spaniens Boden zu vertreiben strebten. Donna Mencia besaß die biegsame Taille, das geheimnißvolle glühende Auge der Mauren, und barg in ihrem Busen die volle Gluth des Orientes. Sie war Diejenige, welche der Maler Franz Snyders in verschwiegener Leidenschaft anbetete. Wohl aber hatte Donna Mencia den geheimen Sinn der Blicke des schönen Niederländers zu deuten gewußt. Durch einen unwiderstehlichen Zug des Herzens zu ihm hingezogen, hatte sie auf eben so zarte als innige Weise eine Annäherung bewirkt, und zwei Tage vor der Abreise des Hofes zum Gebirge hatte Snyders ihr seine Liebe – der Glückliche der Glücklichen – gestehen können.
Zugleich aber erfuhr er, welche Hindernisse sich entgegen stellten, wenn er es versuchen würde, Donna Mencia’s Besitz zu erringen. Niemand anders als Graf Lerma war ihr Vormund; dieser hatte bisher das der Donna Mencia gebührende Vermögen sammt den reichen Lehen der Albucalde’s verwaltet, und unermeßlich habsüchtig und geizig, wie der allmächtige Minister es war, hatte er bereits versucht, die Hand darnach auszustrecken, und Donna Mencia zu bewegen, den Schleier zu nehmen.
Mencia d’Albucalde sah in dem geliebten Maler, dem Günstlinge des Königs, ein Werkzeug des Himmels, um sich, abgesehen von ihrer Herzensneigung, gegen die Ungerechtigkeit Lerma’s zu schützen. Snyders hatte nicht sobald diese Verhältnisse erkundet, als er offen von Mencia’s Knechtung durch Lerma bei dem Könige redete. Philipp versprach Abstellung aller Beschwerden der schönen Dame; eine Viertelstunde später aber erzählte er dem Grafen Lerma buchstäblich was zwischen ihm und Franzesko Snyders abgeredet war. Der Graf war wüthend; dennoch traute er seinem wankelmüthigen, nicht selten lügnerischen Gebieter nicht, sondern beschloß, vorerst den Maler auszuforschen.
Die Reise nach Guadarama bot dazu die beste Gelegenheit. Lerma schloß sich an Snyders an, und zog ihn über Ostende’s weltberühmte Belagerung durch Spinola, über Moritz von Oranien, wie über die niederländischen Angelegenheiten in ein Gespräch, wobei er zugleich den Maler in Bezug auf seine Neigung zu Donna Mencia ausholen wollte. Aber der vorhin Arglose war, nachdem ihn die Geliebte angstvoll gewarnt, klug genug ihm auszuweichen, und verstand es zugleich, seine unbesonnene Unterredung mit Philipp III. von einer ziemlich unverdächtigen Seite darzustellen.
Graf Lerma wußte nicht, was er denken sollte. Soviel war ihm indeß als ausgemacht, daß Donna Mencia nicht von seiner Gewalt frei werden und nicht zum Besitz ihrer Güter gelangen sollte, in welchen sie bei ihrer Verheirathung eintreten mußte. Der Spanier beschloß zu beobachten, um Donna Mencia’s Neigung zu ergründen, und dann erst zu handeln.
Die Liebe des schönen Mädchens sollte ihm bald enthüllt werden. Am zweiten Morgen, nachdem das Lager im Gebirge aufgeschlagen war, machte sich der Gallego, ein scharfer Nordwind, auf und strich mit ungewohnter, fast winterlicher Kälte über die Felsen des Gebirges. Die Jäger bezeichneten diesen Tag als einen solchen, an welchem der Bär, der die Wärme scheut, das Lager am liebsten verläßt, um auf Streifereien auszugehen. Demgemäß ward die Meute in Bereitschaft gesetzt, die Rosse wurden gesattelt, die ganze hohe Gesellschaft, den König, den Grafen Lerma und den Maler Franz Snyders an der Spitze, schwang sich auf die Thiere und drang, von den Jägern geführt, muthig und gut mit langen Bärenspießen bewaffnet, durch Schluchten und escarpirte Wege aufwärts in die Sierra vor. Die Damen beschlossen den Zug und unter ihnen strahlte, wie der Mond unter den Sternen, Donna Mencia, welche, die Augen unverwandt auf den Niederländer gerichtet, heute wie von einer trüben Ahnung befangen schien.
Die Jagdgesellschaft war auf einem von Bäumen entblößten Plateau in der Nähe eines Wäldchens angekommen, in welchem ein gewaltiges Bärenpaar nach den Aussagen der Jäger sein Lager hatte. Die Ritter und Jäger schlossen einen Halbkreis, hinter welchem sich die Damen aufstellten, und die Jäger voran, rückte die Truppe nicht ohne ängstliche Spannung vor, um das Gehölz abzutreiben und die Ungethüme aufzujagen. Die Meute war etwa 50 Schritt hinter dem Halbkreise aufgestellt, um sofort hervorzubrechen, wenn sich der Bär zeigen würde.
Unter dem Schmettern der großen Hifthörner wollte die Gesellschaft eben in den Wald dringen, da erhob hinter ihrem Rücken die Rüdenschaar ein furchtbares, wildes Geheul. Betroffen wandten sich Aller Blicke rückwärts – da sahen sie, wie ein furchtbar großer Bär, der, vermuthlich von dem Lärm eingeschüchtert, sich so lange verkrochen gehalten hatte, aus einer bisher unbeachteten Felsenschlucht hervorstürzte, und die blitzenden Augen um sich werfend, die Stelle suchte, wo er sich retten konnte.
Philipp sprengte vor und gab Befehl; da wurden die Hunde losgekoppelt und etwa sechs der stärksten und grimmigsten packten in der nächsten Secunde den zottigen Pelz des Bären. Er erhob sich wild auf die Hinterfüße, und streckte mit jedem Schlage seiner mächtigen Tatzen einen der blutlechzenden Feinde nieder. Dann machte er sich durch eine Gewaltanstrengung los und rannte blind vor Zorn und ängstlicher Wuth geradewegs auf die Jagdgesellschaft an. Da die Damen sich jetzt in der Vorderreihe befanden, so waren sie seinem Anlaufe zuerst ausgesetzt; sie suchten die von dem wilden Schauspiele scheu gewordenen Rosse zu wenden, indeß die Herren vorzudringen strebten; die Folge war eine allgemeine Verwirrung, noch durch das Angstgeschrei der Damen vergrößert.
Jetzt kam der Bär heran; vier Hunde, die sich in seinem Nacken und seinen Flanken festgebissen hatten, mit sich schleppend. Er stürzte mitten unter die Pferde. Indeß die Rosse entsetzt auseinanderstoben, scheute sich Donna Mencia’s feuriger andalusischer Zelter, bäumte sich und schlug über. Die Dame selbst befand sich keine fünf Schritte von dem Bären. Sie hob die Hände empor und gab sich verloren.
Als sie jedoch die Augen wieder öffnete, stand Franz Snyders zwischen ihr und dem Ungethüm.
Das gezückte Schwert in der Rechten, sprang er, ein wahrer Matador, vorwärts und bohrte die zweischneidige flamändische Klinge dem Raubthier durch das Genick. Sterbend brach dasselbe zusammen. Dies war so schnell geschehen, daß sich die Herren mit ihren Speeren kaum noch von der Ueberraschung erholt hatten, worein sie das plötzliche Vordringen des Thieres versetzte.
Während jetzt ein lautes Halali erscholl, von dem Schmettern der Jagdhörner übertönt, beugte sich Snyders, von dem Augenblicke hingerissen und in seiner Aufregung Alles außer seiner Liebe vergessend, nieder, hob Donna Mencia zu sich empor und schloß die Gerettete, die sich leidenschaftlich an ihn anschmiegte, inbrünstig in seine Arme.
Philipp III. stieg vom Pferde und begrüßte den tapfern Niederländer mit lebhaftester Freude. Auch der finsterblickende Graf Lerma trat herzu und gab ihm seinen Glückwunsch. Im Triumphe, reich mit Baumzweigen bedeckt, ward das edle Wild nach dem Lager getragen; ein Fest ward hier veranstaltet, auf welchem Snyders bereits die Skizze des Thierkampfes dem entzückten Könige vorlegen konnte. – Als Jeder den Entwurf bewunderte, sagte Lerma mit Betonung:
„Schade, Sennor Snyders, daß Ihr nicht auch das Talent besitzt, Figuren auf Eure Gemälde zu bringen, welche der Vortrefflichkeit Eurer Thierzeichnungen gleichkommen. Ihr hättet sonst in der Scene von gestern mit der Donna Mencia einen unübertrefflich schönen Stoff, der Euch um so mehr begeistern müßte, als Euer Herz dabei ins Spiel gekommen ist.
Snyders erröthete tief: das Geheimniß seiner Liebe war verrathen, und mehr bedurfte es bei dem mächtigen, finstern Grafen Lerma nicht, um die kaum geknüpften Bande zweier liebenden Herzen mit unerbittlicher Faust zu zerreißen . . .
Gleich nach der Rückkehr des Hofes nach Aranjuez setzte er es bei dem schwachen Philipp durch, daß Donna Mencia d’Albucalde in das Kloster zum Herzen Unsrer lieben Frau der Rettung in Sevilla geführt wurde, wobei der Habsüchtige sich zugleich des größten Theils der Besitzungen seiner unglücklichen Mündel bemächtigte.
Franz Snyders malte außer dem Bärenkampfe nur noch einige Stücke für Philipp III. Dann kehrte er traurig in die Heimath zurück. Es litt ihn, seit Donna Mencia ihm verloren ging, nicht mehr in Spanien.
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===Die Wahrsagerin. Gemälde von Franz van Mieris.===
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Im Jahre 1667 war „Whitehall“, London, glänzender, als vielleicht jemals später.
König Carl II., oder richtiger seine Freundin, die schöne Herzogin von Portsmouth, berüchtigten Andenkens, hielt in Whitehall Hof und hier war’s, wo die ungeheuren Summen verschwelgt wurden, die Carl dem Parliamente abpreßte.
England war in Gefahr, aber in Whitehall lachte man darüber. Frankreichs Flotte unter D’Etrées, Hollands stolze Segler unter de Ruyter und Cornelius de Witt herrschten auf den Meeren. Der britische Stolz empörte sich gegen die Demüthigungen, welche England, nicht etwa durch seine Schwäche, sondern durch das Verschulden seines Monarchen erlitt.
Carl II. dagegen ließ sich darüber durch die frivolen Witze seiner ausschweifenden Gesellschafter so gut als möglich trösten. Dennoch war er nicht ganz und gar so unverschämt, um nicht immer noch etwas thun zu wollen. Er verlangte, als die Friedensunterhandlungen zu Breda zwischen England und den Niederlanden einen zweifelhaften Erfolg in Aussicht stellten, vom Parliamente außerordentliche Credite, um die fast bedeutungslos gewordene englische Flotte gegen die Generalstaaten in wehrhaften Stand zu setzen. Das Parliament, schon hundert Mal durch Carl’s Vorgeben getäuscht, bewilligte abermals die Summe, welche der König verlangte, obgleich voraus zu sehen war, daß diese Gelder der Flotte nicht zugewandt, sondern in größter Geschwindigkeit verschwendet werden würden. Dieser letzte Umstand ließ wirklich nicht lange auf sich warten.
Ein prächtiges Fest der Herzogin von Portsmouth war zu Ende. Die Geladenen entfernten sich; denn es war fünf Uhr Morgens. Die Königin dieser Nacht verschwand. Man sah in den Sälen nur noch Carl II. mit seinen vornehmsten Günstlingen wie Leute auf- und abwandeln, die durchaus nicht wissen, was sie anfangen sollen.
Der König, schwarz gekleidet – eine elegante Figur mit einem unschönen, von Leidenschaften durchfurchten, blassen Gesichte – hatte den schwarzseidenen Hut mit der schneeweißen Feder tief ins Gesicht gezogen. Er sagte kein Wort und sah, ungeachtet der frivolen Witze des Cavaliers, welchem er seinen Arm gegeben, sehr schwermüthig aus.
Dieser Mann war John Wilmot, der durch seine Satyren, seinen Atheismus, sein ausschweifendes Leben, durch seine Verführungskünste, Frauenzimmern gegenüber, und vielleicht auch durch seine Bekehrung berühmt und berüchtigt gewordene Graf von Rochester. Rochester war noch jung und besaß ein einnehmendes Gesicht, das durch den gänzlichen Mangel an Bart etwas Weibisches erhielt. Er war ganz in weiße, schwer mit Gold gestickte Seide gekleidet und augenscheinlich etwas berauscht.
Neben John Wilmot ging Blood, „dieser vollkommene Bösewicht in Priesterkleidung“, wie ihn Rochester in seiner großen Satyre nennt, salbungsvoll blickend und zweideutige Witze mit großer Fertigkeit reißend. Blood hatte Antony Ashley Cooper, Grafen von Shaftesbury, dieser den Herzog von Buckingham am Arm. Letzterer war ein vollendeter Hofcavalier, der würdige Freund Lord Rochesters.
Nie waren diese Herren ernst, als wenn die Guineen anfingen zur Neige zu gehen. Da sie jetzt ungeheuer ernst waren, so mußte in ihren Börsen oder vielmehr in der Börse des Königs totale Geldebbe eingetreten sein.
– Alles ist zu Ende! sagte Carl II. zu John Wilmot, welchen stets das Geschäft traf, den weiten Schlund von Zeit zu Zeit zu füllen, welcher die Chatouille des Königs hieß. Wir haben nichts, als Unsern Brillantring hier am Finger, und doch müssen Wir Geld haben . . .
– Die goldene, mit Diamanten verzierte Kapsel, in welcher das Bürgerdiplom von London für Eure Majestät eingeschlossen war, hilft über einige Schwierigkeiten hinweg, sagte Rochester.
– Ach, diese phantastische Idee des Lordmayours war zu komisch, flüsterte der König. Wir haben die Kapsel daher ihr gegeben . . .
– Der Herzogin von Portsmouth? rief John.
Carl nickte und Rochester summte das Lied: <tt> „Go away my Wealth and fortune etc.“ </tt>
– Wißt Ihr verwünschten Vampyre, fragte Carl jetzt sehr finster, wieviel Ihr mir binnen acht Tagen verschlungen habt?
– König Carl, sagte der Bischof Blood, welcher ihn am unverschämtesten bestahl, ich habe seit vier Wochen gefastet.
– Dafür hast Du gestern auch eine Mahlzeit von sechstausend Pfunden gethan! erwiderte Carl . . . Deine Schulden, Mylord John, habe ich bezahlt und, Christi Blut! welche Schulden! . . . Shaftesbury, Gott wolle Dir gedenken, was Du mir für Deine vier römischen Feste in Ashley-House abgepreßt hast. Ich glaube, Cooper, Du bist der schändlichste, leichtfertigste Patron in Unserm Königreiche.
– Mit Eurer Majestät Erlaubniß, antwortete der witzige Shaftesbury, wenn Sie von Ihren Unterthanen reden, glaube ich selbst, daß ich es bin, ohne jedoch Lord John damit zu nahe zu treten.
– Und du, Buckingham, fuhr Carl fort, Du hast mir Gelb geliehen, aber Du hast mich im Spiel betrogen, hast, als ich Dir meine Karte übergab, auf dieselbe, auf meine Rechnung, fünfzehnhundert Guineen an Blood verspielt, um nachher die Beute mit ihm zu theilen . . . Was kann ein König, von solchen Haifischen umlagert, thun? Verdient Ihr nicht, daß ich Euch in den Tower sperren, oder besser, auf offenem Markte henken lasse? Schafft mir jetzt mein Geld wieder: ich rathe es Euch! Alles, was das Parliament zur Ausrüstung meiner Flotte bezahlte, habt Ihr verschlungen . . .
–Der keusche, fromme, kluge Carl ist zu bescheiden! erwiderte Rochefter hämisch.<ref> Worte der berüchtigten Satyre Wilmots: „Die Geschichte der Albernen“.</ref>
– England ist wehrlos . . . Wenn van Gent, Ruyter und de Witt mit ihren siebzig Kriegsschiffen kommen: soll ich Euch Schurken hinstellen, um diese Niederländer von der Themse zurückzutreiben? Schafft mir Geld, oder die Holländer vom Halse, sonst geht’s Euch übel!
Blood und Shaftesbury hatten sich still fortgeschlichen.
– Wir werden Geld haben, Sire, und diese Holländer werden nicht kommen! sagte John Rochester endlich. Gieb mir Vollmacht, König Carl, und unsere Engländer sollen keine holländische Flagge, wohl aber gute holländische Ducaten sehen.
– Willst Du nach Breda, um an den Friedensunterhandlungen Theil zu nehmen? fragte Carl.
– Segne mich Gott, daß ich mich nicht in diese ehrwürdige Gesellschaft mische! rief John. Ich gehe in vertraulicher Sendung zum Rathspensionair Cornelius de Witt zum Haag, verspreche ihm, was Du willst, und borge von ihm so viel Geld, als Du bedarfst. Es kommt England ja, beim Kreuz! auf einige schlechte Inseln und so weiter nicht an!
Carl schämte sich anfangs, willigte aber dennoch, leichtfertig wie er war, in Rochesters abenteuerlichen Plan ein. Lord John, dem das Extravagante desselben im Herzen kitzelte, erklärte, keine Minute säumen zu wollen, sondern sich, und wenn es in dem seidenen Ballkleide sei, sofort zu dem holländischen Rathspensionair zu begeben. Carl gab ihm ein Handbillet und <tt>carte blanche,</tt> und John bog das Knie, um sich feierlich zu beurlauben.
Bereits aber hatte Rochesters Ernst dem bleichen Könige zu lange gedauert. Er ward unruhig, dann sagte er in seinem leichtfertigen Tone: Aber Du wirft doch, bist Du in Holland, an Unsere <tt>petits plaisirs</tt> denken, John?
– Ohne Zweifel, Majestät! Ich werde nämlich nicht zurücklehren, ohne Euch die schönste Dame Hollands vorzustellen.
– Du bist bekanntlich mein Fanfaron! rief Carl aufgeweckt. Aber hältst Du Wort, so wollen Wir Dich königlich belohnen. Machst Du den Frieden und bringst Du Uns Geld und führst Du die Schönste Hollands nach Whitehall: so sollst Du zum ersten Herzoge Englands nach dem Kronprinzen ernannt sein.
– Die Sache interessirt mich! bemerkte Buckingham. John ist der Mann, sie anzugreifen; aber ich wette tausend, nein, zweitausend Pfund Sterling, daß er nichts, gar nichts ausrichtet, sondern gegentheils Alles verdirbt, was zu verderben ist . . .
– <tt>Well!</tt> rief Rochester im Abgehen. Wir werden ja sehen! <tt> Dieu et mon bonheur, pas mon droit!</tt> Buckingham, auf die Versprechung des geizigen Königs Carl rechne ich nicht; aber Deine zweitausend Pfund, Bothwell, sind, wie die Seele eines Juden, verloren! <tt>Fare well! </tt>
Einige Tage später landete John Wilmot im Haag und begab sich sofort zum Palaste des Rathspensionairs.
Cornelius de Witt, ein hagerer, eiskalter Holländer, wußte zuerst nicht recht, was er aus dem beweglichen, zierlichen John Wilmot machen sollte. Er schien nicht zu begreifen, daß man einem solchen Hasenfuße eine höchst wichtige, vertrauliche Mission hatte übertragen können, die dem Unterhändler durchaus freie Hand ließ. Rochester indeß wußte den Seemann dennoch mit bekannter Kunst einzunehmen, und obwohl de Witt vorsichtig nur einen Schritt nach dem andern in der Unterhandlung weiter ging, so gestand sich John Rochester dennoch entzückt, daß diese Viertelstunde mehr Resultate als die dreimonatlichen Berathungen der zu Breda streitenden Diplomatie aufzuweisen habe. Rochester, der feilste Höfling, war dennoch, dem gesunden Kern seines Wesens nach, ein durchaus republikanischer Geist, wie die meisten seiner Gedichte bezeugen. Wie hätte de Witt dem interessanten, geistreichen Taugenichts<ref> Rochester hatte wirklich den corrumpirt-italienischen Spitznamen: <tt>Tunnicotto! </tt> Thunichtgut!</ref> widerstehen können, als derselbe declamirte: „So lebe denn wohl, geheiligte Majestät! Alle Tyrannen werden in den Staub zu Füßen des Thrones gestürzt werden! ''Wo Menschen frei geboren sind und noch frei leben, da ist jedes Haupt ein gekröntes!<ref> Schlußstrophe der Satyre: „Die Wiedereinsetzung.“</ref>
– König Carl will Geld! war der Refrain des Lords.
– Holland will Land und Leute in Bengalen, Bahar und Crixa, sammt Aufhebung der Monopole, und dann fordere König Carl II. was er will; wir bezahlen! erwiderte de Witt. Wir sind also der Hauptsache nach einig . . .
Einige Minuten später waren die beiden Männer jedoch aufs Heftigste entzweit. Rochester nämlich konnte sich immer nur eine Zeit lang vernünftig benehmen, dann brach sein Leichtsinn, seine Leidenschaftlichkeit, sein liederliches Wesen nur desto stärker hervor. Lord John war nur allzulange vernünftig gewesen; der Vulkan bedürfte einer Eruption. Es fehlte blos noch eine Gelegenheit, damit die verderbliche Seite des Lords sich in ihrer vollen Ausdehnung geltend machte. Unglücklich genug zeigte sich diese, als John Wilmot die Gemächer des Rathspensionairs verließ, eben in dem Augenblicke, als der Cavalier sich mit großer Selbstzufriedenheit, mit wahrem Vergnügen gestand, daß er gegen den ehrwürdigen Holländer sich excellent und als ein ganzer Mann benommen habe.
Rochester ging die mit prächtigen Gemälden gezierte Gallerie hinab, da öffnete sich eine Thür zu seiner Seite; schwere Seide rauschte, und die Secunde darauf stand unmittelbar vor dem Engländer eine Dame von solcher bezaubernden Schönheit, daß Rochester, unfähig, einen Schritt vorwärts zu machen, wie eine Bildsäule stehen blieb. Hoch und schlank von Wuchs war diese Niederländerin ein vollendetes Weib von etwa zweiundzwanzig Jahren, mit strahlenden, sehnsuchtsvollen, blauen Augen, mit dem reizendsten, zum Herzen sprechendsten, von prächtigem, krausem Blondhaar umgebenen Antlitze von der Welt. Sie betrachtete den schönen Engländer einen Augenblick, wie es schien, nicht ohne Wohlgefallen, dann grüßte sie ihn mit offenem Lächeln. Dieses Lächeln hatte aber noch gefehlt, um Lord John um den Verstand zu bringen. Der Eindruck, welchen die Dame auf den leidenschaftlichen, wüsten Hofmann machte, ward so stark, daß sich Rochesters Gesichtsfarbe veränderte; sie ward bleich, während seine braunen Augen zu blitzen begannen. Er trat rasch auf die junge Dame zu, ergriff ihre schöne Hand, stammelte einige Worte und preßte einen langen Kuß auf ihre Finger. Rochester bemerkte gar nicht, welche Anstrengungen die Schöne machte, um sich ihm zu entziehen; er besann sich erst, als die Bestürzte mit lauter Stimme nach ihren Dienern rief, um sich von dem Ungestümen zu befreien. – In der Minute darauf stand Cornelius de Witt vor dem Engländer, welcher inzwischen auf die Kniee niedergesunken war, der Rathspensionair ergriff die Dame am Arme, befreite sie von dem Lord und stand, heftigen Zorn in jeder Miene zeigend, dem Unbesonnenen gegenüber.
– Ihr seid kein Cavalier! rief de Witt außer sich. Ihr seid ein Elender! Entfernt Euch auf der Stelle und verlaßt das Land, dem Burschen Eures Gelichters nur Schande und Schmach bringen können! Verweilt Ihr, der Ihr Euch Graf Rochester nennt, auf holländischem Gebiete noch vierundzwanzig Stunden, so lasse ich Euch aufknüpfen!
John hatte inzwischen seine Fassung wiedergewonnen. Er warf noch einen Blick auf die eben am Ende der Gallerie verschwindende Dame, sandte ihr Kußfinger hinüber, hing sein Schwert nachlässig zurecht und verbeugte sich vor dem Niederländer mit höhnischem Lächeln.
– Ich bitte um Verzeihung, guter Freund, sagte er abgehend; ich hatte vergessen, daß ich mich im Lande der Wallrosse und Seehunde befinde, die natürlich noch keine Galanterie studirten. Uebrigens versichere ich Euch, mein ehrenwerther Mynheer, daß mich weder Eure Stricke noch Eure Schwerter abhalten sollen, mich hier so gut als möglich zu unterhalten . . .
John reisete nicht ab, indeß hielt er es für gut, sich zu verbergen. Er war fest entschlossen, nicht von dannen zu gehen, ohne sich der königlichen, schönen Dame im Palaste de Witts bemächtigt zu haben. Er unterhielt sich mit seiner dicken Wirthin und erfuhr, daß diese keine andere, als Minna de Witt, die Tochter des alten Helden selbst gewesen sei. Wie aber sich ihr nähern? Rochester, der Vielgewandte, brachte durch seine Fragen heraus, daß sich in dem Fischerdörfchen am Strande, jetzt das reizende Scheveningen, eine Frau befinde, welche die ausgezeichnetste Geschicklichkeit besitze, heimliche Liebschaften und Rendezvous zu vermitteln. An demselben Abende stand Rochester vor der niedrigen Hütte des Weibes und trat bei ihr ein. Er fand eine alte, ungewöhnlich schlau blickende Sibille, Mara mit Namen, eine Jüdin, die außer sonstigen mystischen Künsten sich vortrefflich auf das Kartenschlagen und auf das Wahrsagen aus der Hand verstand.
– Wen willst Du sehen und sprechen? fragte die alte Hexe.
– Minna de Witt!
Mara schlug die Hände über die Brust und schwieg unverbrüchlich. Rochester hielt es für nothwendig, ihr durch eine Banknote die Sprache wiederzugeben.
– Gut, sagte sie. Du bist ein Edelmann und zwar ein englischer; nimmer noch habe ich so viel Geld auf einmal in der Hand gehabt, als heute Abend. Zur Gehenna denn mit dem armen Capitain Brakel, der mir kaum noch für ein Glas Tafia bezahlt hat.
Jetzt folgte ein Geständniß der Jüdin.
Minna de Witt unterhielt schon seit längerer Zeit ein zartes Verhältniß mit dem Seecapitain Brakel, einem tapfern, kenntnißreichen Offizier, dem aber der alte Cornelius de Witt, eben seiner niedern Herkunft und seiner Armuth wegen, von ganzem Herzen abgeneigt war. Diese Abneigung hatte sich in tödtlichen Haß verwandelt, seit der Seemann seine Augen auf die Tochter des Rathspensionairs zu werfen gewagt hatte. Mara war die Zwischenträgerin, der <tt>Postillon d’amour </tt> gewesen; hier in dieser Hütte sah die liebliche Niederländerin oft den Geliebten, ebenso oft schlich sich die Jüdin nach dem Palaste, um der schönen Minna de Witt Nachrichten zu bringen, oder um ihr die Karte zu schlagen, wo sich der von den Wogen geschaukelte Freund ihres Herzens befinde und wann endlich das Glück die Thränen dieser Liebe verwischen werde.
John Wilmot konnte sich bei dieser Nachricht kaum enthalten, die Alte zu umarmen. Sie mußte sich neben ihn setzen und Beide fingen einen Plan zu besprechen an, welcher darauf hinaus lief, daß Rochester Minna de Witt noch in dieser Nacht entführen, auf sein Rennschiff bringen und mit ihr nach England unter Segel gehen wollte. Der Don Juan schrieb, als ihm Mara die Handschrift Brakels zeigte, einen Brief an die Schöne, in welcher er möglichst genau des Holländers Schriftzüge nachbildete, und worin er dieselbe um eine Zusammenkunft beschwor.
Mit diesem Briefe machte sich die Jüdin, einen weiten schwarzen Ueberwurf umschlagend und ihren Krückenstock in die Hand nehmend, auf den Weg nach de Witts Palaste.
Rochester, seinen Mantel hoch hinaufschlagend, folgte ihr und blieb an den Blumengärten vor einer Seitenpforte, harrend des Ausganges, stehen. Die Jüdin schlüpfte mit großer Gewandtheit an der Mauer fort und kam in den weiten Corridor, auf welchen Minna’s Zimmer mündeten. Lautenklänge tönten aus der geöffneten Thür; hinter einem aufgeschürzten Vorhange, mit dem Rücken nach dem prächtigen Kamine gewandt, an welchem eine liebeathmende Devise des alten Horaz sich zeigte, saß Minna, halb über einen Tisch gelehnt, und sang eines der sanften Liebeslieder Italiens. Minna war reizender als je. Das Haar war mit Perlen durchflochten, eine Robe von weißem Atlas und ein kurzes Oberkleid, welches oben nachlässig verschoben war und den schwanengleichen Busen zeigte, ließen ihre Schönheit, den reinen Glanz ihres Nackens und ihrer halbnackten Arme strahlender als je erscheinen.
Als Mara erschien, legte sie rasch das Notenbuch und die Laute auf den Tisch und streckte nach dem Brief beide Hände aus. Sie zitterte, sie legte die Hand auf die Augen; sie war so bewegt, daß die Alte heimlich über ihre Besorgniß lächelte: Minna möge entdecken, daß Niemand weniger als Capitain Brakel der Schreiber dieser Zeilen sei.
– Ich soll ihn also sehen! flüsterte Minna, die Hand auf das pochende Herz legend. Und dennoch, warum bin ich heute Abend so beklommen, so unruhig? Welches Unheil droht mir oder dem Geliebten? Meine Zukunft ist finster; ich lebe wie in einem Gefängnisse, und bange vor der nächsten Stunde.
– Zeige mir doch Deine Hand, schönes, stolzes und doch so furchtsames Mädchen! bat Mara schmeichelnd, indeß sie sich der Linken Minna’s bemächtigte.
Nachdem sie dieselbe aufmerksam geprüft, sagte sie, einen Schritt zurück und hinter den Tisch tretend, indeß Minna, den Kopf mit der Hand stützend, sie träumerisch anblickte:
– Merk’ Dir’s, Schönste, Dein Zagen und Zaudern muß aufhören. Bist Du nicht des kühnen Cornelius de Witt Tochter? Und Du wolltest keinen, der Kühnheit Deines Vaters würdigen Entschluß fassen können? Hier in Deiner Hand steht klar geschrieben: Du wirst nimmer glücklich, bevor Du nicht entführt wirst. Laß Dich entführen, Minna, heute Nacht noch, und Deine Sehnsucht nach Liebe und Heirath ist erfüllt! Folge mir; der Capitain erwartet Dich!
– O, nie werde ich dies eingehen! flüsterte Minna. Aber obgleich sie zauderte, so schlug sie doch den Mantel um und ging, zwar bebend aber doch entschlossen, der verschmitzten Wahrsagerin nach. Vor der Pforte empfing sie Rochester.
– Ruhig! murmelte dieser, vor innerer Erregung noch heftiger als Minna zitternd. Capitain Brakel und ich sind Kameraden. Nur muthig voran!
Minna preßte den Brief in ihrer Hand; sie bekam dadurch wieder Muth: – Er erwartet Dich! sagte sie leise.
Am Strande von Scheveningen aber erwartete sie nicht der Geliebte, sondern acht kräftige Matrosen von London, deren Boot auf den kurzen Wellen am Gestade tanzte. Auf Johns Befehl ergriffen diese die junge Dame und trugen sie in das Boot, während Rochester die alte, ziemlich erstarrte Mara mit einem Faustschlage betäubt zu Boden streckte, damit sie nicht etwa zu frühzeitig Lärm mache. Dann lief John bis an den Gürtel ins Wasser, stieg ins Boot, befahl zwei straffen Burschen, die schöne Beute rücksichtslos festzuhalten, und nahm das Steuer. Einige Minuten später lag das Boot neben dem schlanken Yachtschiffe König Carls II.; die Mannschaft brachte die Niederländerin an Bord und führte sie unter Rochesters Beistande in die Cajüte. Dann ward der Anker gelichtet und der Abenteurer stach, außer sich vor Entzücken, in See. Noch aber war der Morgen nicht angebrochen, da segelte eine niederländische Fregatte heran und sandte über die Mastspitze des englischen Schiffes eine Kanonenkugel. John Wilmot befahl dem Capitain beizulegen. Die Holländer kamen heran; auf dem Verdecke der Fregatte zeigte sich ein stolzer, bärtiger Seemann, welcher die Engländer zu examiniren begann. Minna war bis jetzt in die Ruhe der Verzweiflung versunken gewesen. Sie hatte sich eines Hirschfängers bemächtigt und dem Grafen geschworen, sich damit zu durchbohren, wenn er wagen würde, sich ihr zu nähern. Jetzt aber, bei der Stimme des holländischen Capitains gerieth sie außer sich. Sie schleuderte Rochestern, der ihr den Weg versperrte, zur Seite, blickte aus der Stückpfortenluke und rief:
– Moritz! Moritz! Rette mich; ich sterbe!
Der Capitain schien sie zu erkennen; er rief; er drohte; er befahl den Engländern beizulegen; aber das Examen war beendigt, das Rennschiff war wieder unter Segel und Rochester lief zu Deck, damit alles Leinen ausgespannt werde, um der Fregatte zu entkommen. Die Yacht erhielt einige von den vielen auf sie abgefeuerten Kanonenschüssen, gewann aber bei Wind und Wasser Raum und ließ die Fregatte hinter sich. Capitain Brakel signalisirte zur Rhede hin und setzte seine Lantsche aus, um van Gent Rapport zu geben, dann machte er Jagd auf den Engländer.
Cornelius de Witt aber ging bei der furchtbaren Nachricht vom Verschwinden seiner Tochter sofort unter Segel, zog Ruyter an sich und erschien dicht hinter dem Capitain Brakel, welcher Rochestern vergeblich verfolgt hatte, vor Koningsdiex, dann in der Mündung der Themse und zwar mit sechs Kriegsschiffen. Brakel erreichte Rochesters Yacht vor Sheerneß; der Graf kam schwimmend ans Land, während der Holländer das Schiff und seine stolze, kühne Geliebte nahm. An ihrem Arme betrat Moritz Brakel das Verdeck des Cornelius de Witt, welcher dem Braven um den Hals fiel und in der Freude seines Herzens rief:
– Du hast sie zu guter Prise gemacht, Du hast sie den Händen dieses Bösewichts entrissen: Minna de Witt sei die Deine . . .
König Carl und Buckingham und Shaftesbury waren zu Sheerneß, als der Graf Rochester, triefend wie eine Meerkatze, aufs Schloß kam. Das Bombardement begann soeben und Carl II., kein Freund von dergleichen Spielen, war im Begriff, sich mit seinen Begleitern und Dienern in die bereitstehenden Kutschen zu werfen.
John erschien.
– Wo ist der Friede? rief ihm Carl wüthend entgegen, auf eine über den Schloßhof in weitem Bogen hinsausende Bombe zeigend.
– <tt>Ah, Devil! </tt> rief Rochester.
– Wo hast Du die Dukaten der Holländer, Bajazzo?
– König Carl, höre mich doch! rief Rochester, während Buckingham unmäßig lachte.
– Wo ist die Schönste der Schönen Niederlands? rief Carl abermals.
– Das war’s eben! erwiderte Rochester. Und hätte ich nur gesiegt in dem einen Punkte, so wollte ich ruhig sterben . . .
– Fahr zu, Kutscher! rief der König, und die Wagen rollten fort, indeß der triefende Rochester allein stehen blieb.
Hierauf machte John die furchtbare Satyre: ''„Die Wiedereinsetzung, oder die Geschichte der Albernen“'' gegen König Carl, weshalb er auch lange Zeit in Ungnade fiel.
Die Holländer aber kamen bekanntlich bis Upnore hinauf. Brakel war derjenige, welcher über die bei Medway über den Fluß gespannte Kette segelte und eine Fregatte eroberte.
Nach der Heimkehr der Flotte in den Texel verheirathete sich der Capitain mit der Geliebten. Minna de Witt aber ließ sich zum Andenken an den von der Wahrsagerin herbeigeführten Umschwung ihres Lebens sammt der Jüdin, die dennoch richtig prophezeihte, in eben der Situation malen, welche dem Augenblicke ihres Scheidens aus dem väterlichen Palaste vorherging.
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===Die Madonna mit dem Kinde. Von Murillos.===
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Die an Poesie und Romantik reiche iberische Halbinsel nimmt in dem glänzenden Reigen der Malerei eine nicht unwichtige Stellung ein.
Der hellleuchtendste Stern unter den Heroen der spanischen Malerschule ist zweifelsohne derjenige des ''Bartolomeo Esteban Murillos.'' Dieser Fürst der spanischen Maler ward im Jahre 1618 zu Sevilla geboren. Er erhielt die erste Anweisung zum Zeichnen von einem Verwandten, Juan del Castillo, und suchte sich, nur unvollkommen vorbereitet, selbst weiter auszubilden. Schon hierdurch legte er, obgleich er im Style der Florentiner, welcher damals in Spanien herrschte, arbeitete, den Grund zu der naturwahren Originalität, die uns vor seinen Werken fesselt. Murillos beabsichtigte, hingerissen von der Kunst Anton van Dyk’s, welcher damals in London wirkte, eine Reise nach England, um sich unter der Aegide dieses Meisters in Zeichnung und Colorit auszubilden; es traf jedoch die Nachricht von dem frühzeitigen Tode des großen Niederländers ein und Murillos begab sich nun im Jahre 1643 nach Madrid, um hier die Werke Van Dyk’s und diejenigen des Rubens, Tizian’s und Anderer zu studiren. Er copirte unter der Leitung seines berühmten Landsmannes und Freundes Velasquez viele Gemälde derselben, schloß sich aber in seinem Wirken an die breite, große Manier des Velasquez und des Ribera an. Aus dieser Periode stammen viele seiner Heiligenbilder, wodurch er sich bei seinen Studien Unterhalt verschaffte. Viele dieser Stücke gingen nach Amerika und auch sie verrathen schon die große Meisterschaft des Malers. Nach zwei Jahren kehrte Murillos nach Sevilla zurück, wo er nach vielen Anstrengungen 1660 eine Maler-Akademie gründete, welche sich sehr bald in Spanien und auch im Auslande Achtung verschaffte und von dem bedeutendsten Einflusse für den Aufschwung der spanischen Kunst wurde.
Von 1670–80 malte Murillos die acht großen Bilder der Werke der Barmherzigkeit. Sie waren für die Kirche des Hospitals San Jorge de la Caridad bestimmt. Die Aufträge des Klosters der Capuziner und der Kirche de los Venerables begeisterten Murillos zu ferneren großartigen Schöpfungen. Es sind diejenigen Gemälde, welche er in dieser Zeit schuf, seine ausgezeichnetsten: fast alle sechsundvierzig Bilder, welche die königliche Gallerie in Madrid von Murillos besitzt, entstanden während dieser Glanzperiode des Meisters.
Ebenfalls wurde damals das wunderbar schöne Gemälde welches eine der Hauptzierden der königlichen Gallerie zu Dresden ist, eine Madonna mit dem Kinde, von Murillos vollendet.
In dieser Madonna zeigt sich der Charakter des Genies des Murillos in seinem edelsten, reinsten Glanze. Zwar ist Murillos in seinen dem vollen, ächt nationellen Leben angehörenden Genrebildern, wie in dem berühmten Gemälde der beiden Betteljungen in der Münchner Pinakothek, von eigenthümlicher Poesie und er erreicht dadurch eine Wirkung, die, den Italienern unerreichbar, über das Genre eigentlich weit hinausgeht. Dennoch ist der durchweg edle Naturalismus Murillos’ selbst in Gemälden, wie das genannte, noch nicht auf die höchste Stufe gestellt, welche der Maler erreichen konnte. Diese Stufe ist in seiner Madonna wirklich erstiegen: es ist diejenige, wo der Naturalismus, die Charakteristik, zur Schönheit im wahren Sinne durchgedrungen ist. Bewirkt Murillos durch die edelste Klarheit seiner Formen das reinste Wohlgefallen, so fesselt er dagegen unwiderstehlich durch sein Colorit, durch die Harmonie seiner Tinten in welcher Kunst er die meisten Meister der italienischen Schule hinter sich zurückläßt. Durch diese Technik, welche, stets originell, den Beschauer fesselt, schleudert er in die Seele desselben dieselbe romantische Glut, die seine Werke fast ohne Ausnahme athmen. Diese Empfindung ergreift das Gemüth im hohen Grade vor seiner Madonna mit dem Jesuskinde . . . Sie ist irdisch wahr! aber dies irdische, der festen, lebenglühenden Erde angehörende Gefühl ist so edel menschlich, es entzückt uns so sehr, daß Menschen von vollendeter Bildung, sofern sie die heiße, ergreifende Romantik nicht kalt verneinen, sicherlich in Zweifel sein werden, ob sie der poesiereichen Madonna Murillos’, dieser göttlichen Tochter der Erde, oder den klar-idealistischen Himmelsköniginnen des Rafael den Preis zuerkennen sollen.
Es ist bekannt, daß die Hauptstadt Aragons, das berühmte Zaragoza, in der Kirche der <tt>„Nuestra Sennora del Pilar“</tt> (Unser lieben Frau zum Pfeiler) ein wunderthätiges Marienbild besaß, das auf einer Säule von feinem Jaspis stand. Der unsterbliche Verfasser des Don Quixote, Cervantes, soll hier seine so ausgezeichnete Hymne auf die heilige Madonna componirt haben. Aus dieser Hymne, welche ein herrliches Zeugniß für den gläubigen Sinn und die begeisterte Andacht des Dichters sowohl, als des ganzen spanischen Volkes ablegt, waren drei Strophen unter dem Bilde unserer Madonna mit dem Kinde angebracht, so lange dasselbe im Besitze Ludovico Haro de Guzman’s, Grafen von Olivarez, Neffen des großen Ministers, war.
Diese drei Strophen, in der Ursprache von wundervoller Schönheit, theilen wir hier mit; denn sie bilden eine herrliche dichterische Folie zu dem Gemälde Murillos’ und sind zu gleicher Zeit ein getreuer Spiegel der Ideen, welche das „allerchristliche“ Spanien bewegten.
<poem>
„Gerechtigkeit und Gnade sind verbündet
In dir, o reinste Jungfrau, und sie haben
Durch ihren süßen Friedenskuß verkündet
Den nahen Herbst, das Füllhorn aller Gaben.
Des Aufgangs, der die heilige Sonn’ entzündet,
Aurora, kommst Du, jeden Blick zu laben;
Des Frommen Jubel und des Sünders Hoffen
Zeigst Du nach Sturm und Nacht den Himmel offen.
„Du bist die Taube, droben hergesendet
Vom Anbeginn, bist die als Braut geschmückte,
Die reines Fleisch dem ew’gen Wort gespendet,
Die uns mit Heil und Segen stets beglückte.
Du bist der Arm des Herrn, der abgewendet
Das strenge Messer, welches Abram zückte,
Und uns zu des wahrhaften Opfers Flamme
Begabet hast mit dem unschuld’gen Lamme.
„Gedeih und bringe zeitig, schöne Pflanze,
Die Frucht, die das Gemüth mit Hoffnung weidet.
Zu tauschen jene Trau’r mit Feierglanze,
Die seit dem großen Fall es gleich umkleidet.
Der unermeßliche Tribut für’s Ganze,
Der, dessen Lösung einzig ächt, entscheidet,
Wird ausgeprägt in dir; ja, göttlich Wesen,
Du bist zur Weltherstellerin erlesen!“
</poem>
Diese Madonna ist keine Moresken-Schönheit. Alt-Spanien, das edle, christliche, mit dem kastanienbraunen Haar und den gothischen Blauaugen, ist hier individualisirt.
Gesessen soll dem Künstler zu diesem Bilde Donna Maria Legañez, eine Verwandtin des Conquistadors von Tarragona, haben, und daß dieser, Graf Vasco Nunnez de Legañez, das unvermischteste germanische blaue Blut von ganz Castilien in den Adern trug, ist bekannt genug.
Behandlung und Colorit sind durchaus an dieser Madonna südlicher, feuriger Natur. Mit einem Worte, dies Gemälde Murillos’ ist eine von jenen Schöpfungen des Genies, welche, nimmer erklärbar, oder jeder Kritik ein neues, großes Feld der Betrachtung und der Phantasie eine unerschöpfliche Fundgrube darbietend, ewig neu bleiben und durch den Zauber ihres Schönheitsadels wie ein lichter Stern verklärend in das Leben mit seinen vielfältigen, nicht selten dunkeln und trüben Gestaltungen blicken.
Um die Skizze über den spanischen Meister zu vollenden, bemerken wir, daß außer der königlichen Gallerie zu Madrid auch die Vaterstadt Murillos’ viele ausgezeichnete Werke von ihm besitzt, so den heiligen Antonius von Padua in der herrlichen Kathedrale; daß ferner Marschall Soult in Paris von seinen Feldzügen in Spanien her manches kostbare Bild heimbrachte, wie auch das Louvre gegen 40 Werke von seiner Hand besitzt. In England trifft man ebenfalls eine nicht geringe Anzahl Murillos’scher Stücke, sie sind aber verstreut. Fürst Esterhazy bewahrt eben so wie die Gemäldesammlung in Wien einige Gemälde, meist aus des Meisters früheren Perioden.
Murillos starb zu Sevilla im Jahre 1682. Es geht in Sevilla eine Sage, der Maler sei im Hospital daselbst sterbenskrank in den dürftigsten Umständen angekommen und habe einige Tage Pflege genossen, ohne seinen Namen zu offenbaren.
In der Beichte, kurz vor seinem Tode, habe er sich jedoch genannt.
– Ich bin Murillos! hatte er dem Pater und den Aerzten zugerufen.
Als man daran gezweifelt, soll Murillos eine Kohle von dem Rauchfasse des katholischen Ministranten genommen und mit fester Hand die Umrisse eines sterbenden Christus-Kopfes an die Mauer gezeichnet haben. Hiernach sei der Maler gestorben.
Soviel ist indeß gewiß, dieser Christuskopf, mag er gezeichnet sein von wem er will, war so vorzüglich, daß man über denselben einen Glasschrank machte und ihn lange als eine seltene Reliquie zeigte.
==7. Heft.==
===Adrian von Ostade in seiner Werkstatt. Gemälde von ihm selbst.===
[[File:Gemäldegalerie Alte Meister (Dresden) Galeriewerk Payne 016.jpg|500px|center]]
Wie durch einen freundlichen Zauberschlag sind wir durch das Anschauen dieses Bildes um lange Jahre zurückversetzt und die alte Zeit der Blüthe niederländischer Malerei weht uns wie mit dem Athem des Lebens seltsam ergreifend entgegen.
Mit einer ähnlichen Empfindung, wie dieses Gemälde hervorruft, vermochte uns noch keines der zahlreichen Stücke, auf denen die Maler sich selbst darstellten, zu erfüllen. Der alte Rembrandt, welcher etwa fünfundzwanzig Mal seinen charakteristischen Kopf malte, kann uns namentlich durch das Bild, auf welchem er, seine Frau umschlingend, das blitzende Weinglas emporhebt, hinreißen. Metzu läßt sich in seinem Eigenbilde mit wahrer Gemüthlichkeit beschauen, und Mieris in seinem Atelier rückt uns die Außenseite dessen, woraus die strahlenden Blüthen der Kunst emporschossen, schon ziemlich nahe. Dennoch bleiben uns diese und viele anderer Maler noch fern; es liegt noch etwas Fremdes zwischen ihnen und uns; das bedeutungsvolle: <tt>Actum est! </tt> steigt bei uns aus dem Hintergrunde auf, und die Empfindung, welche wir erproben, hat einen größeren oder geringeren Beisatz von historischem Interesse.
Nichts von dem Allen vor Ostade’s Bilde. Dies ist Leben, volles, ganzes, und wir stehen durch das Gemälde mitten drin, und glauben den Pulsschlag desselben zu fühlen. Wir sind dem schaffenden Künstler so nahe gerückt, als möglich. Mit bewundernswerthester Meisterschaft hat sich Ostade so dargestellt, daß wir dicht an ihn hintreten können, um ihn aufs Vollkommenste zu belauschen. Unsere geschäftige Phantasie läßt eins der berühmten Bilder des Meisters nach dem andern unter dem Pinsel hervorschlüpfen; wir sehen uns um, gehen hinter dem Schemel des Künstlers hin, treten zu dem Fenster, wenden uns dann und mustern Alles; denn hier, in der Nähe eines Unsterblichen, ist Alles bedeutend. Fast vergißt man, daß man ein Bild sieht, so fesselnd wirkt das an die Heimath des Malers erinnernde deutsch Seelenvolle, in Verbindung mit der vollendeten Kunst des Meisters in der Ausführung. Bei aller Genauigkeit zeigt Ostade auch hier eine freie, kräftige Pinselführung, eine Perspective, welche nicht wahrer sein kann, vorzüglich aber eine höchst glückliche Beleuchtung. Was hier durch das herrliche Fenster fällt, ist wirklich Licht, und kaum mag man sich wegwenden und aufhören, die Partie vom Fenster bis zum rechten Fuße der Staffelei zu bewundern.
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===Aufbruch zur Jagd und Rückkehr von der Jagd. Von Philipp Wouwermann.===
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Eben hatte es vier Uhr geschlagen. Die herbstliche Sonne zögerte, sich zu zeigen. Chateau La Tour mit seinen stolzen Gebäuden, seinem paradiesischen Boccage und seiner ganzen reizenden Umgebung lag wie eine Perle im Grunde des Thales, von wallenden Nebelschleiern umschlungen. Ueber dem weitern Thale des provençalischen Adour lag in der Tiefe noch blaugraue Dämmerung; dicht über den Gruppen der Gehölze hin aber zogen schon flüchtig wie ein Gedanke schmale Streifen von matter Silberfärbung. Der Fuß des Gebirgszuges im Hintergrunde war von Nebelwolken verborgen; höher hinauf färbten sich die Berge mit sanfter, kirschrother Farbe, und oben um die reizenden Curven hüpfte und huschte schon ein morgenröthliches Flimmern, – Der Vorbote des jungen Tages.
Die tiefe Stille, welche über der Landschaft lagerte, ward plötzlich unterbrochen. Hoch oben von der Gallerie von Chateau La Tour, wo das Banner Heinrichs von Navarra, schwer vom Morgenthau, sich hob und kräuselte, schmetterten laute und krause Töne des Hifthornes über das Thal und den Strom und die Fluren.
<poem>
<tt> – Réveillez-vous, preux Chevaliers!
Réveillez-vous, Demoiselles!</tt>
</poem>
So tönte der Ruf des „Trompette“ in der Melodie der alten Fabliaux der Provence.
Ihm gehorchend ward’s auf La Tour lebendig. Zuerst stürzten die Garçons, die Pagen schlaftrunken hervor, liefen über den weiten Schloßplatz an der Parkmauer hin und eilten in die Pferdeställe oder in die eleganten Häuschen, wo die jetzt schon aus Leibeskräften kläffende Meute logirte. Die Thüren wurden aufgestoßen und die Rüden kamen, bösartig gähnend, zum Vorschein und fingen an langsam hin und her zu traben.
Jetzt wurden die Rosse herausgeführt. Sie schüttelten sich heftig und wieherten hell auf, während sie zum Striegeln und Putzen angebunden wurden.
Eines dieser Thiere war ein andalusisches; schöner war selbst der Lieblings-Schimmel des Béarners nicht. Es wollte sich von dem einen der Stalljungen durchaus nicht führen lassen.
Ein schlanker, entschlossen aussehender Mann von etwa 30 Jahren, der Stallmeister, trat rasch herbei.
– Was soll das Pferd hier? fragte er sehr übellaunig.
– Putzen will ich’s, Maître Le Clou! sagte der Bursche.
–Das hieß Dir Niemand, Coquin! Will dieser <tt>Sang de dieu,</tt> dieser spanische <tt>chien.</tt> sein Pferd blank haben, so putz’ er’s selbst! Weg damit!
– <tt>Tant mieux! </tt> Meine Arme machen Euch ihr ergebenstes Compliment, Monsieur Le Clou! erwiderte der Reitknecht.
– Daß Dir meine geballten Hände nicht ein fühlbares Gegencompliment machen! war die Antwort.
Die Stallknechte sahen sich bedeutend an: der Stallmeister war heute höchst „quer“ aufgestanden. Er ging mit einiger Heftigkeit, immer noch für sich brummend, über den grünen Platz und stieg die breite, rings mit Epheu umhangene Treppe hinan, die von hier aus in’s Innere des Schlosses führte.
Auf der Mitte der Treppe blieb er plötzlich stehen. Die Kräfte schienen ihm zu mangeln. – Ein reizendes Mädchen, augenscheinlich eine Zofe, kam ihm entgegen. Sie drückte sich halb ängstlich, halb widerwillig an das steinerne Treppengeländer, um vor dem Manne vorbeizukommen. Dieser aber erhob seine Hand und legte sie ihr auf den Arm. Das Mädchen stand sehr befangen still. Dann aber schien sie unwillig zu werden.
– Le Clou, Ihr werdet mir doch den Weg nicht versperren?
– Le Clou sah ziemlich feierlich aus.
– Mademoiselle Jeanneton! sagte er, tief aufseufzend.
– <tt>Eh bien! </tt>
– <tt>Ah! vous, si vous m’aimas un pau </tt>. . .
<tt>Plaignis m’un pau, preccaire</tt> . . . murmelte Le Clou.
Jeanneton schien gerührt zu werden.
Was habt Ihr an diesem Spanier, Mädchen? fragte Le Clou aufgebracht. Er liebt Dich nicht, wird Dich nicht lieben; denn dieses finstere Gemüth kann nur hassen. Warum findet die Stimme meines Herzens in dem Deinigen kein Echo mehr? Warum, Leichtsinnige, Verblendete, bist Du mir, Deinem aufrichtigsten Freunde, fremd geworden?
– Ah! Monsieur Le Clou, Ihr seid sehr gebieterischer Laune! Indeß gehöre ich, Gottlob! nicht zu den Leuten, denen Ihr etwas zu befehlen hättet. <tt>Adieu! </tt>
Le Clou kämpfte einen Augenblick mit sich. Er schien geneigt zu sein, die schlanke Taille der braunäugigen Zofe zu umfassen und mit ihren frischen Lippen in interessante Beziehung zu treten. Dann aber schob er den Hut aus den Augen und sah sehr impertinent, ja drohend aus.
– Demoiselle! sagte er sehr maliziös. Hütet Euch; ich sage es. Ihr habt Eure Neigung einem erzkatholischen, perfiden Schufte zugewandt, der nur anfangen darf, durch die That seinen Herzensgedanken Luft zu machen, um sofort das Viertheilen ehrlich verdient zu haben. Versteht Ihr mich? Ich warne Euch! Laßt Euch zu keinem Werkzeuge der Italiener und der Guisen gebrauchen, <tt>mordious! </tt> Ihr wäret einfältig genug, um auf Anstiften Eures spanischen Schurken, oder – ich kümmere mich nichts um das Wort – auf Anstiften Seiner Hochwürdigkeit, des edlen Herrn Erzbischofs von Luçon – <tt>Sang de dieu! </tt> – den König sammt der gnädigen Frau wie Ratten zu vergiften.
Jeannette schlug die Hände zusammen und ward vor Bestürzung schneebleich.
– Ah! Le Clou, Ihr sprecht mit einer Hugenottin . . . konnte sie blos stammeln.
– Einer Hugenottin mit einem katholischen Liebhaber, das heißt, mit einem katholischen Herzen . . .
– Das ist keine Sünde; auch der König ist katholisch geworden . . .
– Aber er hat <tt>la belle France</tt> dafür erhalten, armes Mädchen . . .
– Und wenn ich nun ein Herz erhielte, welches für mich denselben Werth hätte? fragte Jeanneton, an ihrer Schürze zupfend.
– <tt>Ah bah! </tt> macht Le Clou und geht brusque an dem Mädchen vorüber.
Sie wartet einen Augenblick; sie will augenscheinlich den schönen Picardier zurückrufen; dann aber erwacht ihr Stolz. Sie wirft das Trotzköpfchen stolz zurück; ihre Oberlippe kräuselt sich und sie geht festen Schrittes die Treppen hinunter, indeß der Stallmeister wie der Blitz nach oben eilt.
Oben auf der ersten Gallerie oder besser Terrasse, denn sie lehnt sich an den Wall und ist sehr breit, kommt dem Stallmeister ein dicker Priester entgegen. Er trägt die Kleidung eines Erzbischofs. Um sich zwischen den vielen Ketzern möglichst wichtig zu machen, hat er sich bereits in Ornat geworfen; es fehlen diesem, mit dem weißen Meßrock Prangenden, nur noch einige Stücke, und die <tt> „gande Tenue“ ist complet.
– <tt>Pax vobiscum! </tt> näselt der Priester.
– Geh zum <tt>Diantre! </tt> murmelte Le Clou.
Aber heute hat sich gegen ihn Alles verschworen. Einige Schritte weiter kommt sein eigentlicher Busenfreund, Don Diego Lascara, der Spanier. Er ist schlank, klein; muß aber dennoch ein gefährlicher Nebenbuhler genannt werden; denn sein gelbbräunliches Gesicht ist regelmäßig und schön geformt; seine Augen, tief, düster, blitzen wie Fackeln in der Nacht; sein schmerzlich gezogener Mund ist geradezu zum Lächeln und Küssen eingerichtet. Le Clou wartet nur auf einen Gruß, um dem Spanier eine Grobheit durch „den Magen zu bohren“, wie die cavaliere Phrase damals lautete; aber Lascara sieht seinem Freund starr an, als wäre er ein Sandsteinpfeiler, und geht weiter. Indeß Le Clou zum Könige läuft, erreicht Lascara den Bischof.
– So früh schon, mein Sohn? fragt der Priester mit einem eigenthümlich lauernden Blicke. Ich dachte, nur ''wir'' mieden schlaflos und zeitig das weiche Lager.
– <tt>Por la santa Madonna! </tt> Willst Du spotten? fragte Lascara mit zornigem Blicke. Freust Du Dich über das Ding, was Du aus mir gemacht hast? Keine Ruhe, weder Tag noch Nacht; die Hölle . . . Weißt Du, Priester, daß Eure berühmte Hölle Marionettenspiel gegen das ist was ich empfinde . . .
– O, der Brausekopf! sagte der Erzbischof, seine fatale Miene zu einem Lächeln verwandelnd. Aber so, . . . ja, aber so ist die Jugend . . .
– Was hat das mit mir zu thun? So bin ''ich,'' Don Jose Diego de Lascara; aber sicherlich werde ich keinen Tag länger so sein. Hört Ihr, würdigster Herr Erzbischof? Menschenkräfte sind gemessen! Die meinigen gehen schon bei dieser ewigen Spannung zu Ende. Es sind jetzt 11 Tage, und immer hieß es: Morgen! Morgen! Ich sage Euch, meine Kraft reicht vollkommen für meinen Zweck und Euern Wunsch und Plan; das ist’s aber all. Diese Kraft brauche ich sämmtlich; ich habe nicht etwa hundert Mal mehr aufzuwenden, als nöthig . . .
– Aber was heißt das? fragte der Prälat.
– Vamos! Sennor! Das wißt Ihr sehr wohl. Klar aber: was geschehen soll, geschieht heute, oder durch meine Hand nimmer! Sehr einfach deshalb: weil ich morgen, da ich durch die zehnmalige Vollbringung der That in der Einbildung auf’s Aeußerste abgespannt bin, weder Muth, Sicherheit noch Willen mehr haben werde.
Der Bischof ward sehr unruhig. Dann zog er den Spanier dicht zu sich und flüsterte mit ihm.
– Du gehst also, Vater? fragte der junge Mann.
Der Bischof nickte.
– Und bringst mir Deinen Befehl und Segen?
– <tt>Quien sabe? </tt> murmelte Luçon achselzuckend und ging.
Dicht neben den beiden Menschen hatte Jeanneton unter dem Epheu gekauert. Ihr Herz hatte sie getrieben, dem alten Geliebten nachzueilen, um ihm ein Wort des Trostes zu sagen. Noch wußte sie nicht, ob Le Clou oder Lascara der Gebieter ihres Herzens werden würde, aber so viel wußte sie, daß es ihr unerträglich war, Le Clou zu verlieren.
Als der Spanier jetzt die Treppe hinabgegangen und der Bischof in’s Innere des an die Terrasse stoßenden Schloßflügels getreten war, erhob sie sich bleich und zitternd und flog dann dem Stallmeister nach. Sie erreichte ihn dicht vor den Zimmern des Königs.
– Jacques! flüsterte sie, ohne Umstände seinen Arm und zwar sehr entschieden ergreifend. Le Clou sah sie sehr überrascht an.
– Ich habe Lascara gesehen . . .
– Und? fragte der Stallmeister sehr finster.
– Den Bischof auch . . . Wie sage ich’s . . . Ach, ich hörte nichts und wollte schwören, ich hätte Alles gehört . . . Jacques, wißt Ihr? Erinnert Euch, ich habe nichts gehört, aber ich sage Dir, mein Freund, reitet der König heute zur Jagd, so ist er verloren . . .
Le Clou schien bei der Bestätigung seiner eignen frühern Worte sehr außer Fassung zu kommen.
– Was denn war’s?
– Nichts und doch Alles! Ihre Augen redeten eine zu deutliche Sprache: Mord hieß sie! Tod dem Béarner!
– Sehr gut! Sehr gut! murmelte Le Clou. Ich würde Dich für Deine Nachricht umarmen, hättest Du mir nicht Feindschaft geschworen . . .
– Ach, Jacques, das würde ich nie über mich vermögen . . .
– Nun denn . . . <tt>Ici le don d’amoureux merci</tt> . . .
Jeanneton eilte fort, indeß sie die schneeweiße Schürze an die Lippen hielt, welche von dem Kusse des Picarden noch viel röther geworden waren, als vorhin.
Le Clou aber trat zu dem Könige ein. Heinrich, noch in seiner schönsten Blüthe, lief im Negligé auf und ab. Er war heute Morgen ausgezeichnet gelaunt. Als der Stallmeister klirrend eintrat, sah er eben noch den rechten Arm und das fliegende weiße Kleid der gnädigen Frau. Gabriele d’Etrées oder d’Estrées flüchtete vor dem Würdenträger.
– <tt>Eh bien! </tt> rief Heinrich von Navarra. Neuigkeiten seh’ ich Dir im Aug’! Ist mein „Omar“ krank?
– Der edle Schimmel ist federkräftiger als je . . . Er ist für heute gewartet und Eure Majestät dürfen heute jede Anforderung machen – seine Schenkel werden sie lösen . . .
– Aber, Le Clou! rief Heinrich sehr aufgeräumt, was ist’s mit Euch? <tt>Ventre-saint-gris! </tt> Ihr habt ja förmlich Styl in Eurer Rede, und eine Feierlichkeit in Euren <tt>Déhors, </tt> die zu liebenswürdig ist.
Der Stallmeister besann sich einige Augenblicke. Dann sagte er:
– Gnädiger Herr, ich melde, daß Alles fertig und bereit ist zur Jagd. Auf mich falle es, wenn Ihr irgend etwas vermißt.
– Gut, Le Clou! Nun noch die Pointe.
– Wie?
– Die Hauptsache, das Aber, was Dir im Halse steckt . . . rief Heinrich ziemlich ungeduldig.
– Das ist ja gerade die Schwierigkeit, diese Teufelsgeschichte vorzubringen.
Und nun fing er, da er es nicht wagte, weder Lascara noch den Bischof geradezu anzuklagen, an zu winden und zu drehen, bis daß er glücklich mit seinem Verdachte und mit der unfehlbaren Meinung und Ahnung der Demoiselle Jeanneton herausgekommen war.
Heinrich hatte, die Hände auf den Rücken gelegt und das schöne Haupt vorgebogen, zuerst sehr aufmerksam zugehört. Jetzt aber wandte er sich mit seinem <tt>Ventre-saint-gris </tt> auf dem rothen, hohen Absatze seiner Pantoffeln und sagte ziemlich gelangweilt:
– Du meinst also?
– Ja, Eure Majestät . . .
– Und Lascara, sagst Du?
– Ja, Eure Majestät; wiederholte Le Clou, der ungeachtet der frühen Stunde schon bedeutend schwitzte.
– Im Ernst, und auf diesen Grund hin soll ich zu Hause bleiben?
Der König fragte sehr ehrlich und sanftmüthig, und dennoch war in seinem Tone eine so reizende, fast komische Ironie. Le Clou ärgerte sich; er meinte jetzt selbst, vor einigen Minuten durch ungeheure Vergrößerungsgläser gesehen zu haben. Er ward ziemlich ernüchtert, und der Hauptgrund seines Verdachtes schien ihm jetzt selbst in seiner Leidenschaft, in seiner Eifersucht gegen Lascara zu liegen. Le Clou schwieg also, indeß er sich das Ansehen eines Piquirten gab, um wenigstens einigermaßen seine Würde zu behaupten.
– Geh, geh, mein Kind! sagte der Béarner höchst gutmüthig; und sei sicher, daß ich Dir selbst Deine übertriebene Besorgniß um mich als Liebe und Ergebenheit anrechne.
Der Stallmeister ging an seine Geschäfte. Der König ließ sich ankleiden. Gleich darauf ward der Erzbischof angemeldet.
Heinrich IV. empfing den Ehrwürdigsten nicht gar zu verbindlich.
– Aber, mein theuerster Luçon, rief er ihm entgegen, sollte ich mich geirrt haben?
– Wie befiehlt der König? sagte der dicke Priester, sich verbeugend.
– Ich meinte, Chateau la Tour wäre unser Jagdschloß <tt>pour nos menus plaisiers</tt> und da ist mir das Ding wahrlich zum Staats- und Rathssaale geworden. <tt>Ventre-saint-gris</tt> und wie seht Ihr aus? Glaubt Ihr, wir vergäßen, daß es eine Messe giebt? Thut mir den Gefallen, ich leide an den Augen . . . Grün, versteht Ihr . . . Sehr heilsam . . . Grün des Waldes und der schönen Wiesen . . . Schön, wißt Ihr, sehr schön! Grün unsere Hoffnung und grün unsere Kleider, das heißt, alle die, welche ich sehen will . . .
Der Erzbischof ließ sich durch diesen unheiligen, ketzerischen Ausfall gegen seinen Ornat durchaus nicht aus der Fassung bringen.
– Eure Majestät – sagte er sehr langsam – ist dieses geistlichen Kleides noch nicht zu sehr gewohnt . . .
Heinrich biß in die Lippe. Der Hieb traf Helm und Kragen; denn der König war erst vor 14 Tagen katholisch geworden.
– Möchtet Ihr Euch ganz mit diesem Rocke versöhnen. Ich kann nicht anders, sondern muß meine Bitte nochmals anbringen. Gebt den Ketzern ganz Frankreich, aber säubert Paris von ihnen.
– Das heißt, nehmt den Hugenotten Paris und sie werden keine Handbreit Land außerhalb desselben behaupten . . .
– Das haben Eure Majestät durch die That wiederlegt . . .
Die Schmeichelei war fein, aber die Wahrheit ging noch darüber. Heinrich sagte sie in einigen Worten.
– Das war auch der Béarner, mein Pater!
– Das katholische Frankreich erwartet einen Beweis, wobei sich Eurer Majestät Rechtgläubigkeit durch die That manifestirt.
– Nicht nöthig, Herr de Luçon. Mir würde doch Niemand glauben. Frankreich weiß so gut als ich, daß ich in diesem Leben nicht katholisch werde . . . <tt>Ventre-saint-gris, </tt> da ist die Sonne und ich stehe hier und unterhalte mich mit Eurer geistlichen Hochwürdigkeit, während ich abreiten sollte.
– Mein König, bat jetzt der Erzbischof mit dringendem, fast flehendem Tone; Ihr habt’s bisher nicht hören wollen; aber ich sage Euch hier ist eine Bittschrift, von dritthalbhundert der besten Edelleute Frankreichs unterzeichnet, durch welche Ihr gebeten werdet, zur Beruhigung der Gemüther gegen die Protestanten einige immerhin unwesentliche Beschränkungen eintreten zu lassen. Aber nothwendig sind diese Beschränkungen. Es sind 15 Millionen Franzosen, welche sie fordern. An ihre Spitze diese Namen . . .
Der Bischof schlug einige große Bogen Pergament auseinander.
– Keinen Laut! sagte Heinrich, gebieterisch die Hand ausstreckend, als der Prälat Anstalt machte, die Unterschriften abzulesen. Ich will die Namen meiner Feinde nicht wissen, Messire; denn das sind diese Herren; <tt>Ventre-saint-gris,</tt> und geschworne dazu. Ihr seid entlassen!
Der Erzbischof von Luçon nahm eine eiskalte, unzugängliche Miene an und ging rasch ab. Er suchte draußen den Spanier auf und nahm ihn mit auf sein Zimmer, in welchem nur eine Art von kleinem Altar darauf hindeutete, daß sein Bewohner ein Mann der Kirche sei.
– Heute, Lascara! sagte Luçon mit blitzenden Augen.
– Ich wollte, Ihr hättet das gestern gesagt! murmelte der junge Mann, indeß er sich auf die Kniee ließ, worauf der Bischof segnend seine Hand nach ihm ausstreckte.
– Und warum?
– Ich mag heute nicht mehr sterben; ich liebe, mein Vater. Gestern Morgen noch hätte ich Heinrich inmitten seines ganzen Hofstaates niederstechen können; aber seit dieser Zeit hat ein einziger weicher Händedruck mir gezeigt, daß mein Leben einen Preis besitzt, den ich nicht mehr in die Schanze schlagen will. Jetzt ist meine Sicherheit, die Möglichkeit meiner Flucht allererste Bedingung der Ausführung meines Werkes geworden, statt daß ich sie vielleicht gestern noch, sicher aber vorgestern, stolz verschmäht haben würde.
Der Bischof rieb sich rathlos die Hände.
– Aber welche unerhörte Phantasterei! murmelte er. Wo sind Deine feierlichen Entschlüsse, Deine Selbstverleugnung gleich derjenigen eines heiligen Märtyrers? Wo Deine erhabene Begeisterung, der Held der niedergetretenen Kirche zu werden? Alles verweht und verstoben vor . . . ich mag das Wort nicht wiederholen!
– Ihr habt mich zum Phantasten gemacht; erwiederte Lascara. Was wollt ihr? Warum scheltet Ihr den Nachtwandler, welcher seinen eignen Weg geht? Noch heute, ja, fühle ich Haß in meiner Brust . . .
– <tt>Dieu merci! </tt> flüsterte Luçon.
– Haß gegen diesen doppelzüngigen, verrätherischen Béarner, dieses zerbrochene Rohr Aegyptens, das Jedem, der sich darauf lehnet, durch die Hand fährt. Ich gab mein Wort und, <tt>por la Madonna! </tt> ich werd’s lösen, das heißt, wenn ich Hoffnung habe mich zu retten.
Der Bischof zuckte die Achseln. Er gab seinen Mann fast auf. Wild und wüthend blickte der Geistliche auf die beiden schmalen, und obgleich gelben, dennoch sehr schönen Hände des Pfaffenzöglings, welche durch eine Bewegung das Schicksal eines der mächtigsten Reiche der Erde umgestalten konnten. Er versuchte nochmals sein Letztes; er stellte ihm die Würden der Erde und des Himmels vor, die er zu erwerben vermöge; er malte ihm die Schlösser und Villas in Italiens bezauberndster Gegend, die ihm zur Belohnung der finstern That übergeben werden sollten.
Lascara schwieg und bat nur um Absolution und den Segen. Dann erhob er sich und ging auf die Terrasse, um sich auf den Schloßplatz zu begeben.
Jeanneton und eine ihrer Freundinnen lehnten über die Mauer. Die reizende Angebetete des Spaniers bog sich weit hinab, um einem armen Gebrechlichen eine Gabe in den dargereichten Hut zu werfen. Lascara wollte seinen Entschluß nicht durch ein Gespräch mit dem Mädchen erschüttern und eilte die Stiegen hinab. Aber Zeugniß von der blitzschnell in ihm erwachten Leidenschaft gab der Blick, womit er aufwärts zur Seite blickte.
Sein Freund Le Clou saß schon, die lange Flinte über den Arm gelegt, zu Roß. Lascara’s Andalusier war ebenfalls fertig; einer der Jägerburschen, welcher mehrere Pferde hielt, machte sich ein Vergnügen daraus, das edle Thier mit einem Rohre zu reizen und in die Nasenlöcher zu stoßen.
Heinrich stand vor seinem Schimmel im Mittelpunkte der Gruppe und scherzte mit einem seiner ältesten Diener, welcher das Pferd hielt. Dennoch sah man ihm an, daß er in Folge seiner Unterredung mit dem Bischof ernst geworden war. Er warf einen, von dem Spanier aber dennoch bemerkten, rapiden Seitenblick auf den Verdächtigen und in diesem einen Blick malte sich die unergründliche Schlauheit, die instinktmäßige Verschlagenheit des großen Gascogners.
<tt>Couchez! </tt> sagte er zu einem herrlichen gefleckten Spaniol, welcher ihn umsprang, indeß die vierbeinigen Cameraden zusammengekoppelt wurden, oder sich wedelnd niederlegten, oder am Rande des Springbrunnens sich mit den Vorderbeinen festhielten, um einige Tropfen des silberhellen Wassers zu lecken.
– <tt>Couchez! </tt>
Der alte David, der Lehrmeister der zierlichen Diana, schaute schmunzelnd, wie das Thier gleich einem vorzüglich geschulten Mousquetaire gehorchte. Diana hatte die Vorderfüße ausgestreckt, die feine Schnauze dazwischen gelegt; die Hinterfüße angezogen. Sein Blick zeigte die unbeschreibliche Liebe zu seinem Gebieter, die er, da er jetzt wichtigen Dienst hatte, kaum durch ein leises Wedeln mit dem Schwanze näher zu bezeugen wagte.
– Das ist ein wahres Herz von einem Hunde! sagte der alte Gascogner vom Pic du Midi.
– Oh, David, Du kennst noch lange nicht seine ganze Vortrefflichkeit! sagte Heinrich so laut, das Lascara, welcher an dem Gurte seines Pferdes schnallte, unwillkürlich aufschaute. Er besitzt eine Eigenschaft, die ihn für jeden meiner Herren Vettern, z. B. für den König von England, auch für Seine katholische Majestät in Madrid höchst unschätzbar machen würde.
– Das wäre?
– Der Hund bellt Niemand an, als einen Meuchelmörder! sagte Heinrich langsamer sprechend.
Dann drehte sich der König auf dem Absatze, gab der Diana ein Zeichen und ließ ihn nachspringen.
– <tt>Caballero! </tt> rief der König mit frischem Ausdrucke. Ich sehe, Ihr begleitet uns.
– Ich glaubte, da ich vorgestern ein schmeichelhaftes Lob von Eurer Majestät erhielt . . .
– Verdient! Dieser Schuß auf den Keiler war in Wahrheit meisterhaft.
– Und die königliche Erlaubniß, bei jeder folgenden Jagd mich dem Gefolge anschließen zu dürfen . . . daß ich . . .
– <tt>Point de façons, </tt> Chevalier Lascara . . . Ihr seid von der Partie – <tt>car tel est Notre plaisir! </tt> Aber fuhrt Ihr keine Schußwaffe? Wir werden mit flüchtigen Damen heute Bekanntschaft machen, <tt>Ventre-saint-gris! </tt>
– Erlaubt der König, so jage ich nach heimathlicher Weise; erwiderte der Spanier.
– Hindinnen? fragte Heinrich scharf.
– Ihr sagt’s mein König.
– Und diese <tt>manière singulière</tt> . . . Darf man neugierig sein oder soll man sich überraschen lassen?
– Es wird den König mehr interessiren, wenn die Jagd vor seinen Augen ausgeführt wird, ohne daß derselbe vorher instruirt wurde.
Heinrich machte eine sprechende Bewegung und sah ungeduldig aus.
– Ich verstehe, Majestät! sagte der gewandte Lascara, welcher eben zwei von seinem Pagen herbeigebrachte lange, mit Bärenfell verkoppelte Halfter vorn an den Sattelknopf geschnallt hatte. In den Biscayschen Gebirgen jagt man das Thier <tt>par force; </tt> man reitet dicht an dasselbe hinan und schießt’s nieder.
– Womit?
– Hier! sagte der Spanier und schlug die obere Klappe der Halftern zurück, worauf die blitzenden Kolben von zwei herrlichen Fauströhren sichtbar wurden.
Diese Bewegung des spanischen Edelmanns war so rasch gewesen, daß Diana, welche neben dem Könige stand, erschreckt zurücksprang und jetzt laut zu bellen anfing.
– <tt>Tranquille! </tt> Diesmal fällst Du aus der Rolle, sagte der König; bedenke, das Du einen der bravsten Ritter des ganzen, stolzen Spaniens vor Dir hast.
Lascara zog seinen Hut und verneigte sich tief. Dann machte er sich an dem Sattelgeschirr zu schaffen und saß auf, um seine ungeheure Verwirrung zu verbergen.
Von David als Stallmeister bedient – es war ein Ehrenamt desselben, den Steigbügel zu halten, und wir glauben, er hätte sich zu Tode gegrämt, wenn ihm dies entzogen worden wäre – stieg der König mit leichter, unnachahmlicher Grazie in den Sattel. Jetzt erst war er ein vollkommener Mann; schöner war der Béarner nie, als zu Pferde. Der Zug setzte sich in Bewegung, voran die Piqueurs mit der kostbaren Meute, hinter dem Könige einige seiner Lieblinge, unter diesen Lascara, und dann folgten die Saumthiere und Maulesel; die ersteren mit Wasser und Proviant bepackt, die letzteren mit ihren Blenden an den Augen und den schön verzierten Packsätteln auf den Rücken, um die zu erwartende reiche Beute aufzunehmen und zum Schlosse zu schaffen.
Am Flusse, an denselben paradiesischen Ufern, die so viel tausend Mal von den Troubadours besungen wurden, ging der Zug fort, bis ein herrlicher Kastanienwald erreicht war, in welchem sich der hier mit Schnellsprüngen weiter schießende Adour verlor.
Hier ging sehr bald die Jagd auf. Der König fehlte im Schuß einen herrlichen Rehbock, ward, seiner Gewohnheit nach, hitzig, warf die Waffe fort, ergriff die Peitsche und dahin flog der prachtvolle Schimmel, um seinen Herrn zu einer wahren Jagd, <tt>en Chevalier, </tt> zum Parforceritte zu tragen.
Le Clou, welcher mit argusähnlicher Aufmerksamkeit heute Alles, namentlich den König und seinen Freund Lascara beobachtete, hatte sein Roß augenblicklich in Galopp gesetzt, um dem Könige zu folgen; bald aber zeigte sich, daß der königliche Schimmel Schenkel von Damascenerstahl und statt des Blutes etwa Quecksilber in den Adern haben müsse. Le Clou ritt sein Pferd in Zeit von zehn Minuten fast in Grund und mußte es aufgeben, den Herrn einzuholen.
Es war übrigens noch ein Thier im Jagdzuge, welches den „Omar“ nicht nur nichts nachgab, sondern ihn ungeachtet seines zarten Baues noch übertraf. Das war der Andalusier des Spaniers. Lascara sah dieses Durchgehen des Béarners für eine Art Fingerzeig an, daß die Stunde für sein Werk, das hieß die letzte des Königs, geschlagen habe. Seitab stahl er sich, dann aber ließ er seinen Renner streichen. Er verleugnete nicht das edle, von den Rossen des Propheten und der Khalifen von Bagdad herstammende Blut. Nach einem Ritte von fünfundzwanzig Minuten sah er das milchweiße Roß Heinrichs wie einen Pfeil durch die Baumreihen schießen.
Lascara horchte. Fern ab zog sich die Jagd hin; die Hifthörner klangen gedämpft und verhallend; hier war er dem Hugenotten Mann gegen Mann gegenüber. Ein nochmaliger Entschluß, ein Stoßgebet zum Herzen der <tt>„Virgen santissima“</tt> und zu allen Nothhelfern – dann brach Lascara aus der Dickung hervor, die ihn bis jetzt dem König verbarg.
Heinrich befand sich auf einer Waldlichtung, einem weiten grünen Plane, vor ihm lag das Thier, von der Rüdenschaar umgeben; er selbst richtete sich, hochaufathmend und nach dem Hifthorne greifend, in den Bügeln auf, um zu erspähen, welchen Weg die übrige Jagd genommen habe.
Lascara kannte jetzt keine Scheu, keine Scham, kein Zaudern mehr. Er trieb seinen Renner vorwärts und sprengte in gerader Richtung auf Heinrich zu, indeß er die Bedeckung von seinen Pistolen zurückschlug.
Ein Blick aber dieses Adlerauges des Navarresen, welches so viele Schlachten regierte, und seine Handlung, die bestmögliche in der entscheidenden Secunde, erfolgte mit diesem Blicke. Im Galopp, die Peitsche, wie in heller Lust, hochgeschwungen, sprengte der König dem Spanier entgegen und umritt ihn mit Blitzesschnelle.
– <tt>Mordiour! </tt> rief er in seinem gascognischen Dialecte und knallte mit der Peitsche, daß das flüchtige Thier Lascara’s heftig aufprallte und sich hintenaufsetzte. Welch ein Roß, Chevalier! Ihr habt mir folgen können? Das Thier glänzt kaum, während meines vom Schweiß trieft. Herab, Chevalier, und ists nur Passade und Traverse, so muß ich – <tt>Ventre-saint-gris</tt> – auf der Stelle diesen Andalusier in der Schule bewundern.
Im Augenblick war Heinrich auf der Erde und stand neben dem Meuchler. Lascara war jetzt in seiner Gewalt, denn Heinrich hielt das Roß desselben am Zügel und hatte freundschaftlichst seine Hand auf die weiten Stiefeletten des Ritters gelegt. Lascara, durch diesen in fünf Secunden sich machenden Vorgang außer Fassung gebracht, betäubt, stieg ab. Heinrich nahm seinen Sitz ein, ließ das Pferd einigemal courbettiren, dann parirte er’s dicht vor dem Ritter.
Er zog jetzt das eine Pistol und feuerte es in die Luft; das zweite ebenfalls. Dann stieg er mit majestätischer, aber keinen Hauch von Zorn zeigender Miene ab und präsentirte Lascara das Pferd.
– Sitzen Sie auf! Und Gott segne und stärke die Schnelligkeit Ihres Thieres; Sie dürften dieselbe nothwendig haben. Sagen Sie aber Ihren Freunden, daß sie bei Christi Kreuz den Béarner Bären finden sollen, wenn sie noch einmal eine ähnliche Jagd auf Hindinnen anstellen lassen!
Lascara sagte kein Wort. Er setzte sich auf, gab seinem Rosse einen wüthenden Spornhieb und verschwand diesmal und für immer.
Bald kam Le Clou. Er nahm das Pistol auf und besah es mit ängstlicher Miene.
– Die Jagd ist aus. Wir werden ins nächste Dorf reiten und eine Messe oder etwas dergleichen hören . . . Wie viel Thiere sind gefallen?
– Mit diesem hier drei!
– Genug für unsere schönen Damen, und, denk’ ich, für die Saumthiere ebenfalls. <tt>Allons, Messires! </tt> rangirt Euch, wenn’s beliebt.
Statt der Messe wurde jedoch in dem nahen provençalischen Dorfe ein Banket aufgeführt, welches erst spät unterbrochen wurde, als von Gabrielen d’Estrées der Lieblingspage ankam, und staubbedeckt und schweißtriefend, in nicht geringer Bewegung dem Könige zu Füßen fiel.
– Ihr lebt, mein Herr und König! . . . rief der Knabe.
– Ja doch . . .
Es zeigte sich, daß Jeanneton in der Abwesenheit der Herren, von Seelenangst gefoltert, der Herrin gebeichtet hatte, was sie von dem Anschlage des Bischofs und seines spanischen Freundes wußte, daß das ganze Chateau La Tour in Aufregung und Allarm gesetzt und Luçon zu Fuße durch den Park entflohen sei.
Einer der Piquers ging sofort als Estafette ab, um die Damen zu beruhigen.
Dann folgte der Jagdzug langsam nach. Heinrich konnte jetzt schon über diese <tt> „Brigands“</tt> herzhaft scherzen, während seine Begleiter wüthend knirschten. In heiterster Laune erreichte er das Schloß und ritt auf dem von dem mittelsten Schloßhofe linksab gelegenen Eingange ein; denn hier war der Flügel, wo Gabriele wohnte.
Sie erschien, sobald Heinrich den Fuß zur Erde gesetzt hatte. Er stand neben seinem müden Schimmel; die Pagen der Herrin fielen über ihn her, schnallten ihm das Seitengewehr ab und knöpften ihm die Stiefeletten und Stiefelmanschetten los.
– Unsere Dame hat uns Unserer Dame heute erhalten! rief er heiter, indeß er der schönen unter dem Portale herannahenden Geliebten einen unaussprechlichen Blick zuwarf, dann aber sich in ihre Arme stürzte.
Maitre Le Clou aber auf seinem Rappen ritt dicht vor die gewaltigen Sandsteinpfeiler, denn hinter der Herrin zeigte sich Jeanneton, ihm liebend entgegenblickend. Le Clou zog ehrerbietig den Hut.
– Gnädige Frau, sagte er zu Gabrielen, wollt Ihr, da wir des spanischen Schurken ledig sind, bei dieser Flatterhaften ein Wort für mich einlegen . . . Oder, so gewiß ich lebe, ich werde verschwinden wie mein Nebenbuhler . . . .
– Frag’ doch nicht, Jacques . . . flüsterte die Zofe.
Die Maulthiere kamen heran; die Beute zeigte sich; die Rüden kamen auf den Platz.
– Es wird ein Mahl für die Armen, Heinrich! flüsterte Gabriele, in den Armen des Königs lehnend.
– Du bist ein Engel!
Und sofort ward, ohne Rücksicht auf den delicaten Rasen, von der Dienerschaft ein großes Feuer angefacht, die Thiere waidgerecht zerlegt; Bratenspieße fingen an sich zu drehen und eine Art von Hochzeit des Camacho begann. Rings umher kamen die Leute aus den Dörfern auf das bekannte Signal des Thürmers herbeigeeilt – und fanden ein Paradies vollkommen fertig.
Die Sonne war lange untergegangen, als das fröhliche Fest, von Liedern und Romanzen verschönert, noch immer fortdauerte.
Heinrich und Gabriele blickten von der Terrasse in das eben so heitere als malerische Gewühl hinab.
Zu eben dieser Zeit warf der dicke Priester, glücklich durch Beihülfe eines guten katholischen Fährmannes über den Strom gekommen, und nun auf einem stöckischen Maulthiere mit Mühe sich vorwärts arbeitend, auf Chateau La Tour einen letzten Blick. Er glaubte das Schmettern der Hifthörner des Jagdpersonals noch hier zu hören und starrte gedankenschwer auf den irrlichtartigen Glanz, welcher aus der Gegend des Schlosses durch die Nacht leuchtete.
– Es ist alles mißlungen! murmelte er. Dieser Schwachkopf! Aber, Béarner, hier schwöre ich Dir, Namens der ewigen Mutterkirche, daß sie Dich, als ein unnützes Glied, dennoch abhaut und in’s Feuer wirft!
Die Welt weiß, wie mit Ravaillac dieser Schwur eines Priesters sich erfüllte.
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