Revision 1998091 of "Benutzer:A. Wagner/Der Kunstverein, Neue Serie: Stahlstich-Sammlung der vorzüglichsten Gemälde der Dresdener Gallerie" on dewikisource

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==1. Heft.==
===Die Sängerin. Von Kaspar Netscher.===

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In dem Gebäude, welches die Generalstaaten im Haag dem päpstlichen Legaten, Cardinal Cesare Detti Barberini zur Verfügung gestellt hatten, ging im Frühjahre 1655 ein glänzendes Fest zu Ende.

Die weiten Säle waren voll von schönen Männern und Frauen aus Niederlands vornehmsten Geschlechtern. Die Blüthe der Jugend wogte nach italienischen Tanzmelodien über den spiegelglatten Boden dahin, indeß der Prinz von Oranien, umgeben von seinen ernsten Holländern, von schmeichelnden Franzosen und schlaublickenden Italienern, sämmtlich Männern in vorgerückten Jahren, in den Nebenzimmern wichtigere Gespräche führte, als sie über die Lippen der sorglosen, nur dem Vergnügen und der Liebe hingegebenen Jugend im Tanzsaal strömten.

Neben dem Großpensionair J. de Wit zeigte sich die imponirende Gestalt Barberini’s. Der Cardinal war noch im kräftigen Mannesalter, in der bekannten „kleinen Toilette“. Obgleich seine Mission, für die Katholiken erweiterte Rechte im eigentlichen Holland zu erhalten, gescheitert war, sah man auf seinem milden, aber auch schlangenklugen Gesichte dennoch keinen Hauch von Mißstimmung, die er in so großem Maße im Herzen trug. Der Prälat erschien hier nur noch als vornehmer Römer, als feiner Weltmann.

Giacomo del Monte, sein Vetter dagegen, ein hagerer, brauner Mann in der Obersten-Uniform der päpstlichen Leibwache, äußerte seinen Unmuth durch seine finstre Miene desto unverhüllter.

Aber gleich als hätte die Liebenswürdigkeit des poesiereichen Italiens demungeachtet einen glänzenden Sieg behaupten sollen, so zeigte sich neben dem Obersten dessen Tochter, Viola del Monte.

Ein reicher Blumenflor der schönen Töchter Niederlands war hier heute zu bewundern; keine derselben aber hätte es vermocht, dieser Italienerin den Preis der Schönsten streitig zu machen; Viola war blond; ihr Haar zeigte in den herabwallenden Locken eine unvergleichlich wirkende Mischung von Natur und Kunst. Orientalische Perlen durchschlangen dasselbe und vom Scheitel schwankten silberfarbene Reigerbüsche. Nichts Zarteres gab’s je als Viola’s Gesichtsfarbe, und die Formen ihres Gesichts und ihres nur nachlässig verhüllten Busens wären ein tadelloses Vorbild für die Schöpfungen der Künstler gewesen. Ihre Unterarme waren entblößt und erschienen, wie die Hände, unnachahmlich schön.

Viola, die alle Männerherzen Bezaubernde, war die Königin des Festes. Nur wenige Glückliche aber genossen die Gunst, die Römerin zum Tanze zu führen. Sie zog sich bald von der rauschenden Lust zurück, um mit ebenso vieler Würde als Grazie in den Gesellschaftszimmern die Pflichten der Dame vom Hause zu übernehmen.

Nicht wenige der niederländischen und fremden Cavaliere wurden dadurch bewogen, ebenfalls den Tanz aufzugeben und sich in die Spielzimmer zu begeben, um den Anblick dieser Schwester der Huldgöttinnen länger zu genießen.

Sie rangirten sich um die Tische und begannen ihre Unterhaltung. Unter ihnen zeichneten sich, was die Schönheit ihrer Erscheinung, und – die Glut der Blicke betraf, die sie auf Signora Viola warfen, besonders zwei aus.

Der erste war der Edeljunker Geraart van Sluits, ein Niederländer, Lieutenant von der Marine. Der andere, Quentin de Chavigny, ein Franzose, Lieutenant von den Mousquetaires seines Könige.

Geraart van Sluits war zweiundzwanzig Jahre alt und etwa acht Jahre jünger als der Chevalier de Chavigny. Er war hoch gewachsen, hatte kaum eine schwache Schattirung auf der Oberlippe, und trug die herrlichsten hellbräunlichen Locken, die man sich einbilden kann. Sein Gesicht zeigte etwas Schwärmerisches, was den Ausdruck desselben höchst interessant machte.

Der Franzose dagegen war untersetzt, breitschultrig, schwarzbärtig, mit kurzgeschornem Haar, braunem Gesicht und mit kühnblitzenden Nachtaugen. Er war übrigens zierlich gewachsen; der beste Tänzer, aber auch einer der gewandtesten, unerschrockensten Fechter, die es geben konnte.

Jeder dieser Männer war in seiner Art vollendet. Es kam auf das Gemüth und den Geschmack des Beurtheilers an, welchen man vorziehen wollte; indeß dies aber geschah, konnte man dennoch nicht umhin, den andern ausgezeichnet zu finden.

Diese beiden Menschen waren, obgleich sie sich nie beleidigten, seit sie Viola del Monte gesehen hatten, Todfeinde. Jeder sah die Leidenschaft des Andern und es stellte sich bald als gewiß heraus, daß die Italienerin, falls ihr Herz gerührt werden könne, nur unter ihnen wählen würde. Die Waage schwankte; endlich aber neigte sie sich zu Gunsten des weichen und doch heldenmüthigen Niederländers . . . ihm war von der herrlichen Fremden ein Lächeln jener Art geworden, das man „Lächeln des Herzens“ nennt. Chavigny wüthete. Aber noch glaubte er nichts sicher entschieden. Alles sollte heute Abend beendigt werden. Geraart Sluits und Quentin Chavigny, beide durch denselben Wunsch beseelt, dem Gegenstande ihrer Anbetung so nahe als möglich zu sein, hatten sich an den Tisch gesetzt, welcher dem geöffneten Zimmer, wo sich die ältern Notabilitäten befanden, am nächsten war. Einige andere Herren nahmen ebenfalls Platz, legten Karten auf und das Spiel begann. Es war das alte Landsknechts-Spiel. Der Zufall wollte, daß van Sluits die Bank erhielt. Chavigny schien selbst hier seinem bittern Groll gegen seinen Nebenbuhler Luft machen zu wollen; denn er machte so große Sätze, daß sich mehre Zuschauer neugierig um den Tisch versammelten.

Aber der Chevalier war auch hier unglücklich. Geraart zog seine Goldhaufen ein, bis der Mousquetaire erklärte: er besitze hier keine baare Münze, und verlange aufs Wort zu spielen. Geraart gestand dies zu, und der Franzose verlor abermals mehre Tausende von Gülden.

Chavigny erhob sich. – In diesem Augenblicke machte man drüben im Saale mit Tanzen eine Pause; die glänzende Versammlung strömte in die Nebenzimmer, und begann nach einiger Erholung die damals so beliebten Gesellschaftsspiele, welche in immer neuem Wechsel in Paris bei Hofe erfunden wurden, und von dort aus den Weg durch die ganze Adels- und vornehme Welt Europas machten.

Hier glänzte Chavigny unbestritten als König. Er versuchte es beim „Colin Maillard assis“ sich gewandt der Hand Viola’s zu bemächtigen; sie wurde ihm heftig entzogen und sofort machte die Italienerin diesen Bravourstücken des Franzosen durch die Erklärung ein Ende: daß die Gesellschaft sich durch Musik und Gesang unterhalten werde.

Mehre Schönen sangen zu dem Clavicimbale wie liebende Nachtigallen, und ernteten reichen Beifall. – Alles aber verstummte, als Barberini selbst mit cavaliermäßiger Grazie Viola an die Hand nahm, und ihr ein Notenbuch und eine herrliche, neapolitanische Laute präsentirte.

Viola sah im Kreise umher. Ihr Auge suchte Geraart, der sich weit zurückgezogen hatte. Sie nahm das Instrument, das in den Niederlanden selten fertig gespielt wurde, und fragte, wohl wissend, daß Geraart van Sluits dasselbe meisterhaft zu behandeln verstand:

– Würde Jemand die Mühe übernehmen, mich auf der Laute zu begleiten?

Tief gebückt trat Geraart van Sluits heran und nahm die Laute, und nun begann ein Conzert, welches, die ganze Gluth und Innigkeit der beiden liebenden Herzen athmend, die Zuhörer hinriß und bezauberte. Welches Metall, welcher Schmelz dieser Stimmen, deren Töne sich in den reinen, herrlichen Melodien Baltazarini’s wiegten! Geraarts Augen blitzten denjenigen Viola’s entgegen, sie sprachen das Geständniß seiner Liebe . . . Und Viola, die Augensterne fest auf ihr Notenbuch heftend, fühlte, wie an dem leisen Vibriren ihrer Züge zu sehen war, die magische Gewalt dieser Blicke, obwohl sie dieselben nicht sah.

Die Piece war geendigt. Chavigny trat herzu und machte der Signora del Monte seine Verbeugung. Er war Meister auf der Viola di Gamba, wie die Italienerin in dem Spiele des Claviers.

Der Chevalier fragte, indem er auf die Instrumente zeigte:

– Darf ich ebenfalls mir die Ehre erbitten, daß Sie, Mademoiselle, mit mir spielen? 

Viola ward aus ihrem Himmel gerissen. Sie erwiderte halblaut, aber nicht ohne Schärfe:

– Nicht mit mir! Ich bin erschöpft! Aber da ist der Edeljunker van Sluits; er wird mit Ihnen ''aufs Wort'' spielen!

Der Mousquetaire schien bei dem Doppelsinne dieser Erwiderung wie vom Blitze getroffen, faßte sich aber mit parisischer Schnelligkeit.

– Ich werde allerdings, sagte er höflich; aber Sie erlauben, nur ''auf Klingen!''

Chavigny verließ auf der Stelle den Saal, von dem Marquis von Croustillac und Dernonville geleitet.

Geraart hatte seinen Blick wohl verstanden und beurlaubte sich bei Viola, die jetzt erst begriff, was sie durch ihre Antwort angerichtet habe.

Geraart nahm seinen Vertrauten, einem Capitain Bloom mit sich. Sie holten die drei Franzosen bald ein, und wurden von dem rauflustigen Croustillac nur durch eine Handbewegung eingeladen, ihnen zu folgen.

Chavigny und seine Begleiter gingen voran zu dem „Bosch van Haag“, einem herrlichen Gehölz in der Nähe der Stadt, die damals noch immer „ein Dorf“ genannt wurde.

Unter einigen alten Linden machten die Franzosen Halt.

– <tt>Par Dieu!</tt> Chevaliers, rief der Herr von Dernonville, nach dem hell und klar am Himmel hängenden Vollmonde hinaufblickend; ein vortrefflicher Ort, um sich die Kehlen abzuschneiden!

Die Niederländer schwiegen. Bloom zog den Degen und bestimmte die Mensur. Die Kämpfer warfen ihre Mäntel ab, zogen und begrüßten sich durch Senken der mattfunkelnden Degenspitzen.

– Mein Herr van Sluits, sagte Croustillac, wie auf dem Parket seine Verbeugung machend, ich habe die Ehre, Ihnen hier den besten Schüler des unsterblichen Marmet’s, des besten Fechtmeisters in Paris, vor die Klinge zu liefern. Sie werden, Monsieur, einen Stiefel finden, der für Ihren Fuß paßt!

Geraart verbeugte sich. Einen Augenblick später sprühten die Funken von den gekreuzten Klingen. Trotz seines stählernen Handgelenkes und seiner ausgezeichneten Kunst ward Chavigny von dem Niederländer durch einen Stoß durch die Brust zu Boden gestreckt.

Bloom trat gleichmüthig vor.

– Dieser Stoß, meine Herren aus Paris, sagte er, war zwar nicht vom Marmet, aber Sie werden allerseits gestehen, daß er ''gut'' ist! –

Chavigny starb noch in derselben Nacht und Geraart mußte aus dem Haag fliehen. Er nahm Abschied von Viola del Monte; er hegte noch Hoffnung . . . sie aber wußte, daß dies ein ewiges Lebewohl sei. Der Cardinal-Legat gab ihm eine Empfehlung an den Großmeister der Johanniter, Sebastian de Valency, und Geraart reiste nach Malta ab.

Er trat hier in den Orden ein, durch seine Umgebung bestimmt, nachdem er gehört, daß Viola del Monte Barberini dem Grame um die Trennung von ihm erlegen war und die Erde verlassen hatte. –
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===Der Chemiker. Von David Terniers.===

[[File:Gemäldegalerie Alte Meister (Dresden) Galeriewerk Payne 003.jpg|600px|center]]


Auf der „Warmoen Straat“, alte Seite zu Amsterdam, stand eine eigenthümliche Wohnung. Sie wich etwas von der breiten Straße zurück; der Raum, der dadurch in der Reihe der barock gebauten Paläste reicher Kaufleute entstand, war mit Linden bepflanzt, welche durch Geländerwerk und durch eine kunstreiche Scheere oben zu eigenthümlichen, geometrischen Figuren gezogen waren. – Das Haus selbst war niedrig, aber prächtig und mit Marmor verziert; jedes Fenster zeigte einen Spitzbogen mit Genienköpfen, an den Seiten waren Nischen mit Miniaturstatuen von damals ausgezeichneter Arbeit, und in den Feldern unter den Fensterböschungen sah man Haut-Reliefs aus der biblischen Geschichte, von anderen seltsamen Sculpturen eingeschlossen. Die letzteren Bildnerwerke waren indo-persische, oder antik-ägyptische; sie stellten das Leben Zoroasters und des noch urälteren persischen Mythras, des schaffenden Mittelgottes, den Sonnendienst und die mystischen Lehren der Magier dar.

Dies Haus hieß „die Wohnung des Weisen“ bei dem Volke. Die Gebildeten nannten dasselbe mit einem damals ebenfalls noch von geheimnißvollen Vorstellungen begleiteten Namen: „Apotheke“. –

Hier wohnte einer der berühmtesten Chemiker Amsterdams. Er hieß Erasmus de Pottere oder Erasmus Potterus. Er verschmähte es, damals an den Hof des Burgunders, oder nach Spanien als Arzt, das heißt, als ein im Besitze wunderbarer Künste befindlicher Arzt, zu gehen, und sich für mystische Täuschungen, wie er sie leicht hätte ermöglichen können, Rang, Geld und Berühmtheit zu erringen. Potterus war wirklich ein Gelehrter, und aus seinem geräuschlosen Wirken, aus dem stillen Arbeiten seiner einsamen Nächte erwuchs der Wissenschaft manche wichtige Entdeckung. Niemand war der Mystik, welche sich in jenen Zeiten der Arznei- und Apothekerkunst bemächtigt hatte und die bis in die trübsten Regionen der Alchymie sich verlor, fremder als eben Potterus.

Und dennoch war Erasmus Potterus wirklich und wahr im Besitze von Arcanen und von Künsten, welche diejenigen, die die Hof-Astrologen und Alchymisten lügenhaft von sich rühmten, weit überstiegen.

Daß Potterus Gold machen könne, stand in Amsterdam so fest, daß, als die Girobank in Amsterdam wegen bedeutender Kriegsvorschüsse an die Generalstaaten in augenblicklicher Verlegenheit war, eine Deputation insgeheim an den Chemiker gesandt wurde, um ihn zu bewegen, eine Anzahl von Goldbarren aus Eisen oder Kupfer herzustellen. Potterus wies sie lächelnd von sich, aber der Glaube an seine Kunst ward dadurch noch mehr befestigt. Jedermann kannte die einfache, fast ascetische Lebensweise des Chemikers; er mußte nothwendig arm oder geizig sein, um sich so consequent jedes weltliche Vergnügen, jeden Genuß zu versagen. Hiermit stimmte aber durchaus nicht zusammen, daß Erasmus Potterus, als die schöne Kalver-Straat und die Keyzers-Gracht erweitert und neu aufgeführt werden sollten, bei dem Magistrat zu diesem Zwecke eine Summe von fünfzigtausend Goldgülden zum Geschenk niederlegte. –

Soviel war indeß, aller halbwahren oder märchenhaften Gerüchte ungeachtet, sicher: daß dieser Wundermann die Sanftmuth und das menschliche Mitleiden selbst war. Er gab reiche Almosen, und reichte jedem der Kranken, die aus der Hauptstadt und aus der Umgegend kamen, zuvorkommend gute Arznei und zwar unabänderlich umsonst.

Potterus war übrigens unverheirathet, hatte keine Anverwandte, und bewohnte sein Haus allein. Einige Knechte, welche ihm die Blasebälge seiner Essen zogen, oder an dem Mörser arbeiteten u. s. w. kamen nur Morgens und gingen Abends wieder nach Hause. –

So lebte Potterus, da kam zu Amsterdam ein venetianisches Schiff an, mit levantinischen Erzeugnissen beladen. Mit diesem Schiffe traf ein Arzt ein, welcher Gaetano Trombona hieß. Dieser Italiener quartierte sich in einem Gasthofe ein, welcher der Wohnung des Erasmus Potterus schräg gegenüber lag. Große Anzeigen seiner wunderbaren Kenntnisse und Kuren bedeckten die Wände des Gasthauses, und ein unerhörter Andrang fand zu dem Fremden statt, welcher die Geheimnisse des Orients zu besitzen vorgab. Bald aber kam das Gerücht, dieser Italiener aus Parma sei ein Wallone, kein Arzt, sondern ein vormaliger Reiter vom Condottieri Spinola, ein Abenteurer, welcher nichts verstehe, als Leichtgläubige auszuplündern. Trombona vernahm diese Gerüchte, und er eilte, sein gesunkenes Ansehn dadurch wieder zu befestigen, daß er mit dem als wahrhaften Gelehrten bekannten und hochgeachteten Erasmus Potterus Bekanntschaft anknüpfte. –

Trombona trat also bei dem Chemiker ein, welcher ihn in seinem Laboratorio mit gewohnter Zuvorkommenheit empfing. Potterus war etwa sechsundvierzig Jahre alt, mehr hager als stark; er trug einen langen Bart, ein Doctorbaret mit Pelz, eine Art Kaftan mit Marderfellen besetzt und Pantoffeln mit Goldbrocat eingefaßt. Das Laboratorium sah fremdartig genug aus, und der Chemiker bemerkte zu seiner großen Zufriedenheit und mit dem sanftmüthigsten Lächeln von der Welt, daß Gaetano vom Anblicke desselben einigermaßen überrascht war. Die Essen dampften und sprühten Funken; vor der einen arbeitete der Meister in seinem großen Lehnstuhle, neben sich einen Handblasebalg, kleine Schmelztigel, Retorten und chemische Apparate; hinter sich einen reich gedeckten, mit den verschiedensten Instrumenten, Büchern und Fläschchen versehenen Tisch. An der Außenseite der Hauptesse waren Schädel und Knochenreste von Thieren, ein riesiger Destillirapparat etc. angebracht; unten lag ein Buch – es waren die Geheimnisse des zweiten oder irdischen Hermes, des Trismegistus, mit allem tief- oder wahnsinnigen Wuste einer sich in labyrinthischen Irrgängen verlierenden Kabbala.

Gaetano Trombona, ein untersetzter Mann von imponirendem Aeußern in der Doctor-Tracht von Bologna, wußte den Potterus sehr bald für sich einzunehmen, und als er zwei seiner corsikanischen braunen Diener in das Laboratorium brachte, welche, einen großen, eigenthümlich geformten, schön ausgestopften Fisch trugen und ihn dem Erasmus als Geschenk anboten, da kannte die Freude des Niederländers keine Grenzen. Dieser Fisch war ein durchaus unbekannter; er war nicht etwa wie die höchst seltsame und berühmte, lange für echt gehaltene Antwerpener Seeschlange mit Flügeln, künstlich, sondern ein natürlicher Rest von einem Seethiere, das Gaetano für einen Crocodil-Haifisch erklärte, und von welchem er behauptete, daß diese Gattung auf dem Lande gehen könne, obgleich sie keine Füße habe. Das Thier ward feierlich oben an die Zimmerdecke gehängt.

Von diesem Tage an war Erasmus der Freund des Italieners, welcher von nun an bei ihm ein täglicher Gast war. Beide reichten sich bei mehren Geschäften die Hand; Trombona setzte sich in das Laboratorium des Niederländers und fertigte die kommenden Kranken ab, Potterus bereitete nach seiner Angabe Elixire für dieselben u. s. w. Diese Verbindung ward immer genauer, denn schwerlich war ein gewandterer Mann als Gaetona zu finden. Potterus hatte sehr bald entdeckt, der Italiener sei kein großer Gelehrter in Hinsicht auf Arzneikunst; aber der Abenteurer, welcher den Orient, Arabien, Persien und Aegypten durchstrichen hatte, verstand die morgenländischen Sprachen der kabbalistischen Bücher so vollständig, daß dem wißbegierigen Holländer der neue Freund bald unentbehrlich wurde.

Potterus fing bald an, den Italiener in seine Geheimnisse einzuweihen. Nur stufenweise entdeckte der brave Chemiker seine Kunst, so sehr Gaetano ihn auch weiter drängte. Es war, als wenn eine Ahnung dem Chemiker zugerufen hätte: verräthst Du die „geheime Kraft der Wissenschaft“, so kostet es Dein Leben!

Fast zitternd gestand Potterus dem Freunde, daß er seit Jahren ein Geheimniß besitze, das er länger allein zu tragen und stumm in seine Brust zu verschließen nicht die Kraft besitze. Er führte Gaetano nach einer wohlverschlossenen Kammer, und zeigte ihm hier Gold in gewaltigen Haufen aufgeschichtet.

– Sieh, mein Freund, sprach der Chemiker, dies alles habe ich durch die Kunst, welche ich entdeckte, gewonnen. – Gaetano horchte athemlos. – Aber glaubst Du, daß der Anblick dieses Goldes mich dafür entschädigt, daß ich meine Entdeckung bisher noch in keine menschliche Seele habe niederlegen können? – Du wirst hören, Du wirst sehen und wirst begreifen, daß alle Macht der Welt in meinen Händen liegt! Habe ich Dich später erprobt, habe ich Dich so treu und würdig wie bisher erfunden, so wirst Du Theilnehmer meiner Erfindung, damit ich den Weg in den kalten Regionen der Wissenschaft nicht mehr allein, wie ein vom Leben Abgeschiedener, zu wandeln nöthig habe.

Einige Zeit verstrich, und noch immer hatte Potterus sich nicht erklärt. Trombona ward fast unsinnig vor Neugierde und einer Leidenschaft, die sich später ausschließlich seiner bemächtigte. Der Holländer zeigte ihm eines Abends tief im untersten Gewölbe seines Kellers einen weiten, klaren Teich, in welchem einige Schichten Muscheln über einander lagen. Gaetano begriff erst dann, als Potterus sich bückte, eine Muschel und dann noch eine herausnahm und mit einem Instrumente aus den Schalen blitzende, runde Körper hervorlangte, die der Staunende als die unschätzbarsten, ächten Perlen erkannte. –

– Perlen! rief der Holländer. Einige einzige dieser Muscheln liefert mir für Tausende von Gülden dieser Kleinode jährlich, und meine Kunst ist es, meine stummen Arbeiter zu veranlassen, mir nach meinem Willen ihre herrliche Waare zu schaffen!

Tief erschüttert ging Trombona nach seiner Wohnung. Es litt ihn nicht mehr im Laboratorio des Holländers, nur unten im Gewölbe ward er ruhig. Stundenlang saß er und visitirte und untersuchte die Muscheln und forschte und grübelte; er sah das Wunder vor sich, aber je mehr er dasselbe zu begreifen strebte, desto verwirrter wurde er. Potterus aber ward ziemlich besorgt über seinen Freund.

– Es sind Lügen! Erasmus! rief Trombona eines Tages wild. Du täuschest mich. Diese mit Perlen prangenden Muscheln haben die Taucher aus der Tiefe des Meeres geholt; sie besaßen bereits die Perlen . . . und doch . . . ich sehe, die Lücke für die Perlen hast Du gebohrt . . . Erasmus, sage mir die volle Wahrheit, oder ich werde irrsinnig . . . Hast Du Lüge oder Wahrheit? –

– Wahrheit! rief Erasmus; dort in meinem Eisenkasten liegen die Recepte für das Teichwasser, für die Behandlung der Thiere, für mein ganzes Verfahren, dessen Resultat Du kennst! Aber, setzte er zögernd hinzu, noch bist Du nicht besonnen, nicht kaltblütig genug, als daß ich Dir das Geheimniß enthüllen könnte! –

Trombona schwieg düster und ging sehr bald fort. An diesem Abende war’s ein furchtbares Regenwetter. Trombona wußte, daß der Chemiker versprochen hatte, eine arme Kranke, über den alten Deich hinaus wohnend, zu besuchen; er hielt stets ein solches Wort. Gaetano besann sich, dann ließ er seinen Corsikaner zu sich kommen.

– Bastelika! kennst Du den Potterus? 

Der Corsikaner sah erstaunt auf. 

– Nimm diesen guten Dolch, und triffst Du ihn auf dem Wege von der Warmoen-Straat bis zum alten Deich, so stoß’ ihn nieder. Hier sind 100 Gülden!

Bastelika schüttelte zwar den Kopf, aber er nahm Waffe und Geld und ging in das Wetter hinaus. Trombona öffnete die Fenster sammt der Hausthür und horchte. Eine halbe Stunde verging in ängstlicher Weise. Da kam eine in einen Mantel gehüllte, triefende, schwankende Gestalt daher, die eine Hand weit vorgestreckt, als sähe sie nicht mehr, und stürzte in des Italieners Gemach. Es war Erasmus, der zu Füßen seines verrätherischen Freundes niedersank, noch einen Blick auf ihn richtete und, indeß er vergebens zu sprechen versuchte, starb. –

Trombona nahm die Schlüssel, welche der Chemiker unter seinem Marderpelze verbarg, und eilte nach dessen Wohnung. Er rührte das Gold nicht an; nur das Geheimniß – das Geheimniß wollte er finden. Er sah ein Papierpaket, mit der Aufschrift: „Perlen“!

O Schrecken! Es war in Chiffern geschrieben, die der Mörder nicht kannte, nicht zu lösen vermochte, deren Schlüssel im Haupte des Meisters begraben lag!

Gaetano ging, den Tod im Herzen, nach seiner eigenen Wohnung zurück, brachte die Leiche des Chemikers nach seinem Hause, rührte kein Goldstück, keine Perle an, und verschwand mit seinen Corsikanern noch in derselben Nacht.

Von Smyrna aus kam sein Brief an den Magistrat von Amsterdam, welcher diese eben so eigenthümliche als düstere Geschichte enthüllte.
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===Reitergefecht. Von Wouvermann.===

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Majestätisch und furchtbar breitete sich das Lager der Spanier im Jahre 1604 vor dem alten Ostende aus. Ein Tod und Verderben schleudernder Gürtel zogen sich die Schanzen und Laufgräben um die Stadt, und hohe Bewunderung mußte selbst das Herz des Feindes erfüllen, wenn er bedachte, daß die geängstigte Stadt dieser ununterbrochenen Reihe von Kanonen- und Karthaunenmündungen schon drei volle Jahre und drei Monate unerschütterlich getrotzt hatte.

Ostende war ein Steinhaufen, aber die Besatzung sammt der Bürgerschaft schien fest entschlossen, sich lieber unter den Trümmern zu begraben, als den Spaniern, von denen bereits hunderttausend Mann vor den Wällen dieser Seestadt gefallen waren, die Thore zu öffnen.

Ganz Europa hielt auf die Belagerung und auf den genialen Feldherrn der Spanier, den genuesischen Condotterie, Marquis Ambrosio Spinola, unverwandt das Auge gerichtet. Spinola, der sich vom Führer einer Zahl von 9000 Wallonen, die Jedem diente, welcher sie bezahlte, rasch zum Feldherrn Philipps III. aufgeschwungen hatte, fühlte zu klar, daß sein ganzer zukünftiger Feldherrn-Ruhm von der Einnahme Ostende’s abhängen werde, und er setzte daher den Niederländern eine Eisenfestigkeit entgegen, die mindestens der ihrigen nicht nachstand. Zugleich wandte er seine ausgezeichnete Verschlagenheit unermüdlich an, um das durch eine Ueberrumpelung, durch List und Verrätherei zu erreichen, was er bisher mit der blanken Waffe nicht hatte ins Werk richten können. Aber kein Verräther wollte erscheinen; der National- und Glaubenshaß der Niederländer gegen ihre spanischen Tyrannen und Henker war so heftig und unbestechlich, daß die holländischen Kriegsleute, welche in die Hände der Spanier fielen, lieber starben, als nur ein Wort sagten, das geeignet gewesen wäre, die Pläne der Spanier nur um einen Schritt weiter zu fördern.

Fast verzweifelnd ritt Ambrosio Spinola, vielleicht zum zweitausendsten Mal, eines Abends durch die Trancheen, um eine Recognoscirung zu unternehmen, von welcher er sich heimlich seufzend gestand, daß sie eben so wenig wie alle anderen Erfolg haben werde. Als er mit etwa 20 Mann seiner wallonischen Garde, die, gut verpflegt und richtig bezahlt, Muster des Gehorsams war, die vorgeschobenen Zeltreihen und dann die Batterien passirte, hörte er von den castilischen, gelb und schwarz gekleideten, Reiterregimentern und von den wilden Massen der navarresischen Fußknechte Aeußerungen, die mehr als Murren waren. Sie fluchten auf den vorbeireitenden Feldherrn, sie verlangten, mit drohenden Bewegungen ihrer langen Musketen und Hellebarden, nach Spanien zurückgeführt zu werden und zwar auf der Stelle.

– Dort winkt reiche Belohnung, Kinder; sagte der Feldherr, sehr gütig lächelnd; als einer der Musketiere, die Waffe zum Anschlage bereit, auf ihn zutrat; Ostende birgt noch Schätze genug, um Euch reich für alles ausgestandene Ungemach zu belohnen!

– Wir werden sehen! sagten die Navarresen, einigermaßen beschwichtigt. Als Spinola aber fort ritt, da legten sie wie zur Probe ihre Musketen an, und murmelten grimmig ihr: – Carajo! Italienischer Hund! –

Nur mit noch schwerer gewordenem Herzen entfernte sich der Feldherr; denn er wußte nur zu wohl, daß von Madrid aus Alles, aber nur das nicht zu erlangen war, was allein diese kampfgewohnte, wilde Soldateska gefügig und zahm machen konnte: – Geld!

Und drüben über den breiten, schier mit Wasser angefüllten, Gräben starrten Ostende’s Wälle noch ebenso unerschütterlich und verderbensprühend, wie am Tage der Eröffnung dieser furchtbaren Belagerung. Um die Situation Spinola’s noch kritischer zu machen, waren einige holländische Schiffe unter Heemskerk durch die spanische Blokadeflotte geschlüpft und in den Hafen gekommen, und der unermüdliche, listige Moritz von Oranien führte ein auserlesenes Corps herbei, um ihn zur Aufhebung der Belagerung zu zwingen.

Oraniens Vortrab hatte sich in der Flanke Spinola’s bereits vor zwei Tagen gezeigt, und derselbe war nur Schritt vor Schritt, tapfer kämpfend, gewichen.

Spinola kam auf den Kampfplatz. Er war unfern einer Windmühle, die an einem Küstenflüßchen gelegen, auf einem Felsen stand, und wegen der eignen Bedürfnisse des spanischen Heeres bisher geschont war. Hier hielt er sein Roß an, und näherte sich einem Vorposten von baskischen Musketieren und Lanzenknechten, welcher nahe der Brücke sich aufgestellt hatte, die zugleich über den seichten Bach und zu dem Felsen führte, auf welchem die Mühle lag. Während die Bedeckung von den Wallonen ihre Rosse in den Bach ritt, um dieselben zu tränken, musterte Spinola mit Adlerblicken die äußersten Vorwerke Ostende’s.

Von dieser Seite her war die Stadt nur immer eingeschlossen, noch nie berannt und beschossen. Ein gewaltiges, kanalartiges Gewässer dehnte sich hier in solcher Breite, daß die Anlage der Breschbatterien zwecklos erschien, selbst wenn der Graben nicht so tief gewesen wäre. Spinola faßte dennoch diesen Punkt fest ins Auge. Eben war er im Begriff, abzusteigen und sich auf die Windmühle zu begeben, als er oben auf der Gallerie derselben eine junge, höchst reizende niederländische Bäuerin sah, die auf ihn und seine kriegerisch glänzenden Begleiter nur einen sehr gleichgültigen Blick warf, dann aber, die Augen mit der Hand gegen den scheidenden, blendenden Strahl der sinkenden Sonne deckend, unverwandt nach Ostende hinüber spähte.

– Was schaust Du da? rief Spinola verwundert, und sofort kletterte einer der Basken den Felsenhügel hinan, ergriff die Befragte und zog sie, ungeachtet ihres Sträubens, rasch vor den Feldherrn.

Die Niederländerin versuchte frisch und keck zu antworten; aber der geübte Menschenkenner sah sehr bald, daß das Mädchen viel ängstlicher war, als sich aus ihrer Furcht vor den Kriegsleuten rechtfertigen ließ. Er stellte seine Fragen genauer, und das Mädchen, verwirrt stammelnd, versuchte ihr Heil in der Flucht.

Sie ward sofort wieder eingeholt.

– Jetzt aber, Carissima, reden wir ernstlich; sprach Spinola mit seinem finstersten Gesichte, indeß er die bebende Hand der Niederländerin ergriff und ihr drohend in das liebliche Gesicht blickte, welches Schnee statt der Rosenfarbe zeigte.

– Antworte auf der Stelle und sprich die Wahrheit. Was haben Deine Augen drüben auf Ostende’s Wällen zu suchen? Steht Ihr Verräther, deren Haus und Mühle ich schonte, die Ihr durch meine Soldaten Nahrung und Geld bisher erwerben durftet, mit diesen ketzerischen Banden drüben in Verbindung? <tt>Corpo di Bacco! Madre di Dios!</tt> Ich glaube, Ihr gebt drüben Signale, sobald Ihr sehet, daß meine  Spanier die Trommeln umstürzen und zu spielen beginnen! Aber gesteh’, Mädchen, und Du sollst gut bezahlt werden . . .  wo nicht, so sollst Du sterben, ungeachtet Deiner Jugend und Schönheit!

Die Niederländerin sank in heftigster Bewegung vor Spinola nieder, und drückte die Hände auf den Busen, als wolle sie verhindern, daß er zerspringe. Die Spanier näherten sich und betrachteten die schöne Ketzerin mitleidig, wagten aber dem Feldherrn gegenüber keine Bitte für sie einzulegen.

– Muß ich denn sterben, sagte sie, kaum noch ihrer Sinne mächtig, so mag’s um das arme Müllermädchen geschehen sein – ich sterbe für ''ihn;'' aber ''er'' wenigstens ist gerettet!

– Was murmelte das Mädchen jetzt? fragte Spinola, indeß er sich aus seiner vorgebeugten Stellung aufrichtete, und seine Umgebung ansah.

Ein Wallone übersetzte die Antwort. – Er ist gerettet? wiederholte Spinola sinnend. Also täuschte ich mich dennoch nicht! Bewacht dies Mädchen, Navarresen; dies scheint eine Begebenheit von der Art zu sein, an welche sich wichtige Folgen knüpfen. Zwei Mann verfügen sich auf die Mühle, entfernen jede menschliche Seele, die sich darin befindet, und halten genau jenen Punkt, – merkt Euch – jenen Punkt drüben im Auge.

Kaum hatten die Schützen ihren Standpunkt eingenommen, da schrie der eine schon:

– Capitano! Ich sehe Etwas im Kanale sich bewegen; ich kann nicht unterscheiden, ob’s ein Boot ist, oder ein großer Seehund, der den Kopf aus dem Wasser steckt!

Allgemeines Gelächter folgte. Dann ertönte Spinola’s Commando; die Reiter sprengten vor, an der Brücke fort, kamen an den Kanal und bemächtigten sich eines jungen schlanken Burschen, eben als derselbe, triefend von dem Schlammwasser, ans Land stieg.

Spinola vergaß seine ganze angelernte Grandezza; er war in diesem Augenblicke ganz Italiener: er jauchzte laut auf, und rief in seiner Muttersprache, als der Niederländer mit dem Schwert an der Seite vor ihm stand:
– Zu Fuß, mein Bursche?   Du marschirst geradeswegs von Ostende durch den Kanal? Durch den Kanal, den ich zwanzigmal messen ließ, um zu erfahren,  daß er sechzehn Fuß tief ist? Ich würde Dich umarmen, wärst Du weniger triefend  . . .  Spanier, ich sag’s Euch, Ostende ist morgen in dieser meiner Hand!

Und stolz streckte er die mit dem prachtvollen Stulphandschuhe von Toledo bekleidete Rechte empor.

Der Jüngling, der Geliebte der Müllerin, welche halbohnmächtig dieser Scene zuschaute, war nicht so schwierig wie diese. Er bedung sich Sicherheit für sich und seine Geliebte aus, und gestand, daß eben an dem Platze, welchen er überschritten habe, sich ein schmaler Damm befinde, welcher den Kanal durchschneide, daß durch die Ueberschwemmung jedoch derselbe unter Wasser gekommen sei . . .

Spinola bestieg hierauf sein Roß, um sofort seine Dispositionen zum Angriff auf Ostende zu machen.

Indeß dies neben der Brücke verhandelt wurde, erscholl plötzlich donnernder Hufschlag, und von der Seite her kamen niederländische Reiter; sie sprengten unter dem weitgewölbten Brückenbogen hervor und machten mit Schwert und Faustrohr und Muskete einen wüthenden Angriff auf Spinola und seine Wallonen und Navarresen. In einem Augenblicke wälzten sich zwei Spanier getroffen am Boden; und immer nach rückten unter dem Geschrei: Oranien boven! neue Gesichter, durch den Pulverdampf sichtbar, auf schnaubenden Rossen vorwärts und hieben die Wallonen nieder.

– Rettet den Feldherrn! schrien die Wallonen und sprengten vor, um Spinola mit ihren Klingen und Körpern zu schützen.

– Wo ist dieser spanische Mörder? rief eine prächtige, vibrirende Stimme durch den Tumult.   Und auf einem wunderschönen Schimmel sprengte ein Reiter auf Spinola zu und feuerte sein Pistol ab.   Spinola ließ geschickt sein Pferd sich bäumen; in die Brust getroffen sank der schwarze, andalusische Hengst zusammen.   Zugleich zückte der Niederländer in mächtigem Hiebe sein Schwert.   Aber der spanische Feldherr, gewandt wie vielleicht keiner seiner Reiter, zog den Fuß aus dem Bügel, ergriff das Pistol und schlug an.

– Moritz Oranien ists selbst! schrien die Navarresen, indeß sie mit den Piken auf den Schimmelreiter eindrangen.   Heute kein Quartier! – Macht ihn nieder, Cameraden!

Oranien! – Das Wort traf den großen spanischen Capitano blitzähnlich. Das war sein nicht minder großer Gegner – zwei der ersten Feldherren ihres Jahrhunderts standen sich persönlich fechtend gegenüber. Der Schuß, welchen Spinola <tt>à bout portant</tt> auf den Prinzen abfeuerte, ging fehl . . . Oranien war durch Nennung seines Namens gerettet und Spinola sprang vorwärts, ergriff ein reiterloses Pferd und dachte an den Rückzug aus diesem mörderischen Engagement.

Inzwischen waren die niederländischen Fußgänger herangekommen und nahmen den Kampf mit den Navarresen auf.   Die Spanier flohen auf die Mühle, und keine zehn Minuten, so war das Gebäude von den Schüssen in Flammen.   Man schlug sich jetzt allenthalben, unter der Brücke, neben beiden Seiten und oben auf der brennenden Mühle, im Bache, jenseits desselben.

Sogar der Niederländer, dessen Geliebte schon Anfangs die Flucht genommen hatte, focht um seine Freiheit mit dem Navarresen, der ihn festzuhalten Befehl empfangen hatte. Obgleich waffenlos, überwältigte er denselben, bemächtigte sich seiner guten Klinge wieder im seichten Gewässer des Bachs, und hieb ihn zusammen, dann floh er ebenfalls.

Heranrückende spanische Regimenter machten dem Gefechte ein Ende. Oranien verließ mit seinen Reitern, die jeder hinter sich einen Fußgänger mit aufs Pferd nahmen, den Kampfplatz im Galopp. Er hatte einen jener kühnen Handstreiche ausgeführt, die ihn dem Feinde so furchtbar machten; er hatte recognoscirt und geschlagen, und fast hätte er seine Absicht erreicht und Ambrosio Spinola gefangen genommen.

Der Schrecken der Spanier über diese Kühnheit wich bald der hellen Begeisterung, als die Nachricht von der Furt durch die breiten Graben sich verbreitete. Mit wahrem Feuereifer warf die Infanterie Schanzen im Rücken des Lagers auf, um sich gegen eine abermalige Ueberraschung durch Moritz zu sichern. Als er in der folgenden Nacht einen geordneten Angriff wagte, ward er mit Verlust zurückgetrieben.

Spinola aber ließ seine entschlossensten Regimenter auf dem mit Wasser bedeckten Damm vorrücken – die erstarrten Ostender sahen sich von dieser Seite der Stadt verloren und – die Stadt war in Spinola’s Gewalt.

Sein Ruhm schallte durch ganz Europa, als die Kunde sich verbreitete, Spaniens Flagge wehe über Ostende’s Steinhaufen.

==2. Heft.==
===Die  Rechtsverhandlung. Von Christoph Pauditz.===

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Es war im Sommer 1648 noch in den frühen Morgenstunden, da tönte schon die silberne Schelle des hochwürdigsten Herrn und Gebieters durch den prächtigen bischöflichen Palast zu Freising. Dies war das Zeichen, daß der Bischof seinen schönsten Pagen, Stellio Viccanelli, einen armen lombardischen Edelknaben, erwartete, welcher ihm vorlesen und seine Befehle an die übrige Dienerschaft abgeben mußte.

Stellio, im braunen Sammtwamms mit weißen Seidenpuffen, den zierlich gefalteten flandrischen Spitzenkragen um den blüthenweißen Hals, flog durch die langen, getäfelten Gänge in das Zimmer, welches die Zelle des Bischofs hieß. Dies war jedenfalls ein sehr bescheidener Name. Das Cabinet des Hochwürdigsten war wahrhaft prächtig. Die Wände wurden von Meisterwerken der Malerei decorirt; ausländische Pflanzen strömten ihren Duft aus und zwischen den Blättern und Blüthen standen auf vergoldeten Sockeln von schwarzem Marmor Büsten und Miniaturstatuen berühmter Männer oder Copien von werthvollen antiken Sculpturen. Das Einzige, was auf die geistliche Würde des Gebieters hindeutete, war ein Bild, welches den Heiland zeigte, wie er die Wechsler und Krämer aus dem Tempel trieb.   Dies Gemälde, gegenwärtig die Zierde des Altars im Freisinger Dome, war von dem kunstreichen Pinsel Christoph Pauditz’s, des Hofmalers des Bischofs. Vor diesem Bilde brannten zwei kurze, aber armdicke Kerzen und zwischen beiden stand ein sehr kleines, massivgoldenes Crucifix von spanischer Arbeit.

Clamor Chrysostomus Bernwardus, der Gebieter selbst, saß in einem großen, schwerverzierten Lehnstuhle, an dessen hoher Lehne oben über dem Haupte des Würdenträgers das bischöfliche Wappen, farbig gestickt, prangte.

Der Bischof war eine imponirende Gestalt; er mochte sechs und vierzig Jahre alt sein, war breitschultrig, wohlgebaut und hatte selbst jetzt im Sitzen eine ritterliche Haltung. Seine Hände waren vorzüglich schön und mit Ringen von St. Peter geschmückt. Der Ausdruck seines Gesichts von feiner, weißer Farbe war vornehm, fast stolz; jetzt, da er sein Käpplein tief in die Stirn geschoben, die dunkeln Brauen gerunzelt und den Blick fest auf den Boden gerichtet hatte, finster und unzugänglich. Die Miene, womit er von Zeit zu Zeit seine delicate Hand auf sein seidenes Ordenskleid und gerade dahin legte, wo unter dem weißen Kreuze sein Herz schlug, bezeugte, ein inneres Weh habe sich seiner bemächtigt.

Stellio trat mit einer tiefen Verbeugung ein.

– Mein Sohn, sagte der Bischof, dem Kinde das glänzendschwarze Haar streichelnd, welches schon nach Klosterart verschnitten war, ich habe eine schlimme Nacht gehabt; ich fühle mich ermattet und elend . . .

– Ich werde den Doctor Reinhardus rufen! erwiderte Stellio mit leuchtenden Augen, indeß er den Befehl zu errathen glaubte, noch ehe er von dem Herrn ausgesprochen war.

Der Bischof schüttelte den Kopf.

– Meinen Maler, den Meister Christoffler Pauditz, will ich sehen! bemerkte Bernwardus. 

Der Page verschwand.

Nach wenigen Minuten erschien der Künstler vor seinem Herrn und Freunde. Christoph Pauditz, oder wie er sich auch zuweilen nannte, Paudiß, ein Niedersachse von Geburt, war genau wie die alten Künstler Deutschlands in unseren Vorstellungen leben: eine schlanke, fast hagere Gestalt im schönen Mannesalter, mit hellbraunem Haar und blondröthlichem Bart; in dunkler, talarartiger Kleidung mit Pelz verbrämt; mit schöner, ernster gedankenreicher Miene, die aber ein nicht geringes Selbstbewußtsein, einen lebendigen Künstlerstolz ausdrückte. Sein erster Blick fiel auf sein Gemälde und seine Augen erheiterten sich sichtlich. Christoph Pauditz grüßte den Bischof mit ehrerbietiger Vertraulichkeit.

Bernwardus lud ihn ein, sich zu setzen, und fing nach einer Pause sehr niedergeschlagen an:

– Meister, oft schon hat mich Deine Kunst ergötzt und mir meine schönen Stunden noch mehr verherrlicht. Jetzt bitte ich Dich selbst, mir eine der bittersten Stunden meines Lebens ertragen zu helfen.

Der Bischof sah bei diesen Worten so bekümmert aus, daß der Maler voll Unruhe aufstand und sich ihm näherte, indeß er seine Bereitwilligkeit aussprach, dem geliebten Herrn mit allen seinen Kräften zu dienen.

– Höre mich an, sagte der geistliche Würdenträger, aber bewahre mein Geheimniß bis zum Tode. Ich bin von dunkler Herkunft; als ein Findelkind wurde ich im Hause des Freiherrn von Spiegelberg erzogen. Nicht für die Kutte, welche mich heute umschließt, war ich bestimmt. Ritterliche, adlige Uebungen füllten meine Jugendzeit aus. Aber als mein Körper Festigkeit und Ausbildung erlangt hatte, als ich in meinem Aeußern die unverkennbaren Merkmale der Erziehung eines Mannes von Stande zeigte, da überwies mir mein edler Pflegevater und Freund die weltlichen Wissenschaften als meinen künftigen Beruf, indeß er mich auf meine Talente und auf die Erfolge hinwies, die ich auf dieser Bahn zu erringen im Stande sei. Ich gehorchte mit Beschämung, denn ich sah nur zu wohl, daß der Freiherr mir nur deßhalb diese Bahn vorzeichnete, weil eben meine unbekannte Herkunft ihm nicht erlaubte, mir eine meiner Erziehung gemäße Laufbahn in der Armee oder an einem der katholischen Höfe von Deutschland zu eröffnen. Ich ward, während die deutsche Jugend sammt Dänen, Schweden und Franzosen auf fast jedem Flecke des vaterländischen Bodens kämpfte und sich Lorbeern erwarb, verurtheilt, in Prag, Bologna und Paris Juristerei zu studiren. Mein Fleiß hatte glänzenden Erfolg. Ich kam nach München und meine Kenntnisse eröffneten mir, was die Geburt mir versagt hatte: den Verkehr mit Fürsten und Großen; ich übernahm für den Kurfürsten in München diplomatische Unterhandlungen und bald meinte ich mich auf dem geradesten Wege zu finden, der endlich meinen Namen denjenigen der berühmten Staatsmänner anreihen sollte. Bald meinte ich hoch genug mich emporgeschwungen zu haben, um die Hand nach einem Kleinode auszustrecken, dessen Erlangung mir das höchste Ziel meines Lebens war, dem alles Andere nur als Mittel diente. –

Der Bischof erhob sich in tiefer Bewegung, zog rasch und mit dem Anstande eines Kaisers seine Robe fester um die Taille und fuhr erst nach längerem Schweigen fort, während Pauditz in großer Aufregung der weiteren Eröffnung harrte.

– Der Freiherr besaß eine einzige Tochter, zugleich, weil die meisten seiner Besitzungen Weiberlehen waren, die Erbin seiner Güter, seines Ranges und Titels. Sie hieß Valentine. Mit ihr durchwandelte ich das Zauberland der Kindheit; sie war meine Liebe, so lange ich denken kann; sie flößte mir zu der Zeit, wenn die Geschlechter sich scheiden, nachdem sie sich erkannt haben, eine Leidenschaft ein, die nur der ihrigen für mich gleich kam. Dies unglückliche Verhältniß ward von uns, sobald wir uns unserer Liebe bewußt wurden, mit einem die Reize desselben erhöhenden, undurchdringlichen Schleier umgeben, so daß selbst der Freiherr nicht ahnte, wie hoch sein armer Schützling die Augen zu erheben gewagt. Nur dann erst wollte ich hervortreten, wenn ich, Rang und Ehre auf mein Haupt gehäuft, als vollgiltiger Mann vor den Freiherrn hintreten konnte. – Eben in dieser Zeit sollte Valentine an den bairischen Kammerherrn von Dettenbach vermählt werden. Dieser Umstand entriß mir, dem Freiherrn gegenüber, das Geständniß meiner Liebe. Er verließ mich sprachlos, tief erschüttert. Zehn Minuten später gaben mir zwei Zeilen von ihm die Nachricht: daß ich der illegitime Sohn des Freiherrn, kein Fremder, sondern Valentinen durch die Bande des Bluts verbunden war. Er fügte hinzu, dies möge seiner Tochter, um die Ruhe ihrer Seele nicht auf ewig grausam zu zerstören, für immer ein Geheimniß bleiben. Ich ward krank, irrsinnig. Als ich erwachte, schützte ich Valentinen gegenüber ein in meiner Krankheit gegebenes Gelübde vor und ging in’s Kloster. Die Geliebte ward endlich durch die Bitten ihres sterbenden Vaters vermocht, sich mit von Dettenbach zu vermählen. – Ihr Herz aber gehörte mir an, sonst, jetzt und immerdar. Dettenbach fiel in Böhmen für den Kaiser. Kaum war Valentine frei, als sie, obwohl zum gereiften Weibe geworden, mit jugendlicher Leidenschaft Alles aufbot, um mich meinen Banden ebenfalls zu entreißen. Ich hatte rasch meinen Weg gemacht; ich stehe nahe am Fuße vor Sanct Peters Sitze; dennoch bin ich schwach genug gewesen, Alles, Alles zu vergessen und ihren Bitten, gleich als wäre ich wieder irrsinnig, Gehör zu geben. – Valentine ist hier in Freising. Ich habe ihr zugesagt, in die Welt zurückzukehren, die Mitra fortzuschleudern und sollte ich drüber Protestant werden müssen. – Ich habe das unselige Geheimniß ihr nicht zu entdecken vermocht, noch mehr, ich habe gelobt, sie zu heirathen – und heute, heute noch sollte dies Verbrechen vollzogen werden. – Ich habe gekämpft, gebetet; jetzt aber bin ich wieder, obgleich im Herzen todt, ein Mann, ein Priester, ein Bischof geworden; – aber dennoch bin ich zu schwach, Valentinen ins Auge zu sehen und selbst ihr den Todesstoß zu versetzen. – Meister Christoph, Dir habe ich diese traurige Pflicht auferlegt. Geh zu dem großen Gasthofe, nimm diesen Ring zur Beglaubigung und sage ihr, was Du hörtest und was Du siehst, daß ich wahnsinnig, gemordet sei . . . Alles was Du willst; aber daß ich kein Verbrecher, sondern Bischof zu Freising sein werde!

Der geistliche Fürst zog, leichenblaß geworden, seinen Ring ab, gab ihn dem Maler, versuchte es vergebens, bei seinen letzten Worten sich eine entschlossene Haltung zu geben, ging aber dann, wankenden Trittes, rasch aus dem Cabinet.

Der ehrliche Maler setzte sich nach langem Sinnen zögernd in Bewegung, überdachte mit schwerem Herzen seine Botschaft und ging dann nach dem „großen Adler“. Die Diener wollten ihn, versichernd, daß die Herrin höchst wichtig beschäftigt sei, abweisen. Er sagte aber: Ich komme von dem hochwürdigsten Bischöfe! und die Flügelthüren wurden sofort geöffnet.

Der Saal war leer. Langsam nur ging er zu einem Cabinet, von wo ihm die Stimme einer Dame erklang. Die Thüre war halb geöffnet.

Er sah die edle Frau, im prächtigsten Costüme, mit Haube und Schleier angethan, das schöne blonde Haar reich mit Perlenschnuren und Diamanten geschmückt, an einem Tisch vor seinem Freunde Justus Eccerus, dem juristischen Rathe des Bischofs, sitzen, welcher, das Schreibzeug vor sich, die Feder in der Hand, mit staunender, gespanntester Aufmerksamkeit ihre Eröffnung anhörte.

– Schreibt, Meister Eccerus, sagte Valentine, indeß ihr Blick schwärmerischer, das feine Colorit ihrer Wangen lebhafter wurde, Alles, was ich besitze, soll Eigenthum des Mannes sein, welchen ich heute heirathen werde . . . 
– Aber wer? gnädige Frau . . . dies ist nothwendig  . . .
– Ihr werdet’s schon erfahren, Doctor! Meldet ferner dem Herrn Kurfürsten und der Majestät meines gnädigsten Kaisers, daß ich, eine reichsunmittelbare Freifrau, falls man Genehmigung meiner Heirath nicht verwillige, mich protestantisch machen und als Protestantin mich unter sächsische Oberhoheit stellen und auf dem Friedenscongreß in Münster und Osnabrück meine Rechte mir sichern werde.

– Dies erschreckt mich mehr, als ich sagen kann! murmelte Eccerus. Gnädige Frau, Sie bedürfen dergleichen Schritte nicht, wenn Sie nicht etwa einem Landesverräther und Geächteten sich vermählen wollen . . .

– Höret, Doctor Justus  . . . stockte Valentine . . .  Es ist Niemand anders, als Bernward, Bischof von Freising  . . .  Begreift Ihr jetzt? –

Christoph Pauditz wollte das Wort durch sein rasches Eintreten abschneiden; es war schon ausgesprochen. Eccerus stand bestürzt und gänzlich außer Fassung auf, ließ seine Papiere zurück, schlug die Hände in einander und entfernte sich schleunigst, um zu solchem Beginnen wenigstens nicht behülflich gewesen zu sein.

Der Maler trat Valentinen näher. Er blieb volle zwei Stunden in ihrem Cabinet. Als er sie verließ, war sie ohnmächtig.

Valentine reisete noch an demselben Tage ab, vermachte ihr Vermögen der Kirche, gab ihre Lehen ihren Anverwandten und dem Kaiser zurück und trat in ein Kloster der Ursulinerinnen in Innerösterreich.

Bernwardus blieb lange für Jeden, außer für seine nächste Umgebung, unsichtbar. Dann ließ er Pauditz rufen.

– Du hast ''sie'' gesehen? fragte er düster.

– Ja, hochwürdigster Herr.

– Male mir ihr Bild, damit ich noch einen Trost besitze.

Pauditz malte die letzte Scene des Glückes der Welt, welche Valentinen beschieden war, diejenige, von welcher er Zeuge gewesen. Es zeigt eine edle Auffassung, ein Helldunkel, welches an den Lehrer Pauditzens, an Rembrandt erinnert, und eine Wahrheit der Darstellung, welche täuschend, aber darum doch nicht ängstlich gehalten ist. –
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Dieser deutsche Künstler hat höchst geschätzte Werke in den ansehnlichsten Gallerien. Er starb 1666, aus gekränktem Künstler-Ehrgeiz. Er malte mit Franz Rosenhof, auch Roster genannt, ein Bild um die Wette, wie der Wolf ein Lamm zerreißt, was den Fuchs lockt, zur Mahlzeit heranzuschleichen, und ward von seinem Gegner überwunden. Christoph Pauditz war übrigens ein guter Thiermaler.
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===Gerard Dow. Von ihm selbst. Das Menuet.===

[[File:Gemäldegalerie Alte Meister (Dresden) Galeriewerk Payne 008.jpg|500px|center]]

Wir treten in das Atelier des Meisters Gerard Dow zu Leyden. Dasselbe bietet einen bewunderungswürdigen Anblick dar. Im Gegensatze zu den Werkstätten eines Rembrandt und Teniers, wo die verschiedenen Gegenstände und Geräthschaften in großer, fast zu genialer Unordnung umher lagen und standen, herrschte hier eine Ordnung und eine Sauberkeit, die sich vom Großen bis auf das Geringste herab erstreckte. Die Meubles, die Staffeleien waren malerisch gruppirt; mit ausgezeichnetster Sorgfalt war jedem Geräthe der entsprechendste Platz angewiesen. Die sinnreichsten Vorkehrungen waren getroffen, um von den kleinen, auf den Staffeleien befindlichen Gemälden, diesen fast immer vollendet reinen Perlen, den Staub abzuhalten, welcher die zierlichsten Arbeiten vor allen andern Feinden leicht hätte verderben können. Höchst symmetrisch und ihren Lichteffecten durchaus angemessen waren die Gemälde an den tapetenbekleideten Mauern angebracht. Den Faltenwurf der künstlich gewirkten Fenstervorhänge hatte eine höchst kundige Hand so vorzüglich geordnet, daß an denselben Studien über den Fall der Gewänder hätten angestellt werden können.

Der Meister selbst war nicht anwesend. Seine Staffelei von Mahagoniholz, mit Elfenbein reich verziert, war mit einem Teppich zur Hälfte verhangen. An der Wand aber hing sein prächtiger Sammethut, sein Staatsdegen mit einer in Gold und Silber gestickten Kuppel, und neben diesem eine Geige mit dem Bogen, die sich durch ihre höchst gefällige Form, durch den goldartigen Glanz, durch die eigenthümlich geschnittenen Eff-Löcher als eines jener berühmten Instrumente auswies, die aus der Werkstatt der Italiener Amati zu Cremona hervorgegangen waren. Gerard Dow, einer der vorzüglichsten Maler, war nämlich ein Meister in der Kunst, Geige zu spielen, welches Instrument, seiner schwierigen Behandlung wegen, damals die Viola di Gamba und das ernste Theorbium noch nicht völlig durch seine himmlischen Töne hatte verdrängen können.

Außer der Staffelei des Meisters befanden sich noch zwei andere in dem Atelier. Vor jeder derselben saß ein junger Mann und malte. Diese beiden Jünglinge waren die talentreichen Schüler Dows: Franz van Mieris und Gabriel Metzu.

Gabriel Metzu war eine zierliche, schöne Gestalt mit einem ziemlich langen, äußerst gemüthlichen Antlitze, das von prächtigen langen Locken umgeben war. Er hatte seine gespannteste Aufmerksamkeit der Arbeit zugewandt und schien die Absicht zu haben, sein fast fertiges Gemälde vor dem herannahenden Einbruche der Abenddämmerung zu vollenden. Metzu war sehr sauber gekleidet; er hatte auf seine Toilette dieselbe Aufmerksamkeit verwandt, welche er, nach dem Beispiele des Meisters, seinen Gemälden widmete.

Franz van Mieris dagegen sah ziemlich unordentlich aus. Von der gehaltenen Ruhe in Gabriel Metzu’s Zügen war bei ihm keine Spur zu finden. Sein schönes Auge blickte unstät und leidenschaftlich; er wühlte, gleich als quäle ihn im Innern Etwas, in seinem buschigten Haar; er malte nur einige Minuten, dann brach er ab, lehnte sich unthätig zurück und seufzte und murmelte unverständliche Worte zwischen den Zähnen. Endlich sprang er auf, warf Pinsel und Palette zur Seite und durchmaß das Atelier mit großen Schritten.

– Aber was hast du denn nur eigentlich? fragte Metzu, sich umwendend. Kannst Du keinen Augenblick ruhig sein? Ist’s nicht, als ob Dich ein böser Zauber bei der Arbeit quäle und Dich nach den Schenken triebe, wo Deine andern, leichtsinnigen Freunde Dich erwarten?

– Gabriel; erwiderte Mieris, welcher schon damals sein ungeregeltes, ausschweifendes Leben zu führen begonnen hatte, wodurch er sich frühzeitig den Tod gab; Gabriel, ja mich quält’s im Herzen; aber Du irrst Dich sehr, wenn Du meinst, daß ich mich nach Karten und gefüllten Weingläsern sehne. O, wäre es nur das! Aber ich sage Dir, mein Leiden wird mich noch tödten, wie es mich fast meines Verstandes beraubt.

Bei diesen Worten richtete er einen unbeschreiblichen Blick auf ein an der Wand hängendes Gemälde. Dasselbe stellte ein von Dows Meisterhand gemaltes Frauenbild in allem Reize der Jugend dar, eine blondlockige, rosenwangige Niederländerin . . . es war Brigitta, die jugendliche Gattin des Malers, welche an Schönheit mit der aufblühenden Tochter desselben aus seiner ersten Ehe wetteiferte. Mieris schien sein Auge von diesem Bilde nicht wieder abwenden zu können. Metzu folgte der Richtung seines Blickes mit den Augen; er zuckte, traurig werdend, die Achseln und versank in Nachdenken.

Da ließ sich draußen eine frisch klingende Frauenstimme hören. Mieris fuhr auf, griff eiligst nach seinem Hute, nahm seinen Mantel und eilte hinaus auf den halbdunklen Corridor. Die Frau seines Lehrers stand vor ihm.

Erschrocken wollte Brigitta vor dem Jünglinge zurücktreten; er aber ergriff kühn ihre Hand und zog sie an sein Herz. Brigitta, eine schlanke und dennoch üppige Gestalt, schöner noch als ihr Bildniß es hatte ahnen lassen, wehrte ihn zuerst ab, indeß ihre Züge ängstlich wurden; dann aber lächelte sie auf unbeschreiblich reizende, aber traurige Weise.

– Geht, van Mieris; flüsterte sie. Nur heute bleibt mir fern. Ich fühle heute mehr als je, was ich meinem Herrn, dem Meister Gerard, schuldig, und wie sehr ich strafbar bin, daß ich meine Blicke von ihm abwenden und nur eine Minute lang an Euch denken konnte. Heute ist der Jahrestag meiner Vermählung; um diese Stunde begaben wir, der Meister und ich, uns zur Kirche, um uns auf ewig verbinden zu lassen . . .  Fort von mir, Mieris! Ich liebe Euch, ich gestehe es frei; aber noch ist meine innige Zuneigung zu meinem Gemahle nicht erloschen; sie ist lebendiger geworden, als je. Von heute an verfolgt mich nicht mehr mit Euren Blicken und meidet mich. Holland hat der Frauen und Mädchen genug, um Euch eine Liebe zu geben, die Ihr von mir nicht zu erwarten habt.

Van Mieris fiel vor der Schönen nieder.

– O, belügt und täuscht Euch doch nicht selbst! flüsterte er höchst aufgeregt. Macht Euch und mich nicht elend. Heute, ja heute oder nie ist der Tag, an welchem sich unser Geschick entscheidet. Heute ist das Band geknüpft, welches Euch von mir trennt, heute auch muß es aufgelöst werden, oder ich werde mir zu Euren Füßen den Tod geben!

– Was wollt Ihr sagen, Franz? fragte Frau Brigitta stammelnd und an allen Gliedern zitternd.

– Ich will sagen, daß Du meine Hand ergreifst und mit mir diesem Hause, dieser Stadt, diesem Lande entfliehst, um unter Italiens lachendem Himmel die Meinige zu werden! erwiderte Mieris, von seiner Verblendung völlig hingerissen. Nach zwei Stunden scheide ich, dann ist Alles zur Flucht bereit; dann werde ich erscheinen, um Dir ewig anzugehören, um Dein Loos, o Geliebte, auf immer an das meinige zu fesseln . . .

Während Frau Brigitta erstarrt kein Wort finden konnte, öffnete sich fern die Thür des Hauses. Brigitta entfloh und Mieris sprang empor.

Gabriel Metzu aber schloß leise die Thür des Ateliers und flüsterte, als er Gerard Dow selbst ins Haus hatte kommen gesehen:

– Armer, sanftmüthiger, liebevoller Meister! Wie kann ich Dein Verderben abwenden? Ich werde Dir entdecken, was man an Dir zu verschulden beabsichtigt . . .

Da trat Dow in das Atelier. Er war ein Fünfziger, mit einem heitern, von kurzem Barte gezierten Künstlergesichte. Nur leicht hatten die Jahre das Braun seiner langen Locken gebleicht. Dow, mit der zwanglosesten, edelsten Haltung von der Welt, war noch immer ein schöner Mann; sein Gesicht namentlich hatte einen unbeschreiblich fesselnden Ausdruck. Dow besichtigte mit Zufriedenheit die Arbeiten seiner beiden Schüler, dann erhob er sich und klopfte Metzu freundlich auf die Schulter.

Gabriel suchte eben nach einem Eingange, um die inhaltsschwere Kunde dem Meister anzubringen; da trat Mieris wieder ins Gemach, und schnitt durch sein Erscheinen jede Erklärung ab.

– Geht, Kinder, sagte Dow sanft lächelnd, und nehmt diese fünf Goldstücke, um Euch im Kreise Eurer jungen Freunde einen fröhlichen Abend zu machen. Heute Abend will ich mit meiner Hausfrau allein sein, um mich an die vergangene Zeit zu erinnern. Ihr aber trinkt auf unsere Gesundheit, laßt die Kunst hoch leben; aber Du, Franz, sorge, daß Du nicht, wie gewöhnlich, des Guten zu viel thust!

Mieris blickte fast finster vor sich bin. Metzu aber schien etwas erleichtert. Frau Brigitta ward von ihrem Gatten heute Abend bewacht und er gab sich das Versprechen, Franz van Mieris auf keine Secunde zu verlassen und seine ganze Beredtsamkeit aufzuwenden, um ihn von seinem Vorhaben abzubringen und ihm andere Gedanken einzuflößen.

Die Schüler schüttelten Dows Hand, verschlangen ihre Arme und gingen aus dem Atelier und zum Hause hinaus auf die Straße. Als sie draußen waren, blickte Mieris zum ersten Stockwerk hinauf. Brigittens schöner Kopf ward sichtbar. Mieris legte mit einem sprechenden Blicke die Hand aufs Herz und dann an seinen Degen und flüsterte:

– Dieses Schwert findet den Weg durch meine Brust, wenn Du grausam gegen mich sein wirst! 

Brigitta schien die Bewegung vollkommen verstanden zu haben; denn sie erhob beide Hände und eilte vom Fenster fort.

Jetzt nahm sich Metzu ein Herz und begann dem Freunde Vorstellungen zu machen. Aber Mieris, im ersten Augenblicke sehr betroffen, war viel zu gewandt, als daß er den grundehrlichen, gutmüthigen Gabriel nicht überlistet hätte.

– Du hast gelauscht; sagte er, mit seinem gewöhnlichen leichtsinnigen, fast leichtfertigen Tone. Was willst Du? Bist Du einfältig, Gabriel? Kennst Du Franz van Mieris nicht, der mit dem Teufel Komödie spielen würde, wenn er Langeweile empfindet? Ich versichere Dich, diese Komödie mit Frau Brigitta ist eine kostbare Erfindung von mir; ich wäre sonst in dem Kloster des Meister Dow, in diesen geleckten, geschniegelten Räumen schon lange vor Ueberdruß gestorben . . .

– Du fühltest also nicht, wie Du sprachest? fragte Metzu, der nicht zu wissen schien, was er denken sollte.

– Gott behüte mich! Außerdem weißt Du ja, Gabriel, habe ich bereits in der schwarzäugigen Barbara eine Geliebte, die mein ganzes Herz erfüllt.

– Aber Frau Brigitta? Franz, es ist sehr unverantwortlich, die Ruhe dieser edlen Dame zu stören.

Mieris lachte hell auf.

– Ei, sie meint’s so wenig ernstlich, als ich! rief er. Aber auch sie, die, während wir Beiden und der Meister pinseln, mutterseelenallein in ihrem Stübchen sitzen und mit ihrem Papagei spielen muß, bedarf irgend einer Zerstreuung. Du wirst gestehen, heute Abend wäre unsre Unterhaltung fast pikant geworden.

Metzu zuckte die Achseln. Er war richtig irre geworden.

– Du denkst also nicht daran, mit Frau Brigitta nach Italien zu entfliehen? fragte er, um sich vollständig zu überzeugen.

– Warum nicht gar! antwortete Mieris. Wir werden heute Abend zechen, spielen und singen. Gottlob, daß wir den Hafen unseres Gasthauses „zur bunten Palette“ erreicht haben. Jetzt fühle ich mich wieder in meinem Elemente.

Wirklich machte Mieris keine Anstalt, sich aus dem Kreise der lebenslustigen Freunde, welcher die beiden Maler aufnahm, zu entfernen. Metzu ward sicher, die Becher kreiseten und bald hatte Freund Gabriel, vom Weine befangen, Alles außer der Lust des Augenblickes vergessen. Er bemerkte es kaum, das Mieris schon seit einiger Zeit verschwunden war.

Franz eilte geradeswegs nach Dows Wohnung. Er näherte sich dem parkähnlichen Garten, an welchen sich das Haus anschloß, und schlich durch die dunkeln Gebüsche unter das hell erleuchtete Fenster in Brigittens Wohnung. Hier klatschte er zweimal heftig in die Hände.

Das Fenster oben öffnete sich und Dow sah spähend in die Nacht hinaus, zog aber, da er Niemand bemerkte, das Fenster ruhig wieder zu und nahm an Brigittens Seite Platz.

Die schöne Frau aber, bleich, fassungslos, schien im Herzen bittere Qualen zu empfinden. Sie liebte den jungen Maler. Düstre Bilder, die ihr den Jüngling blutend zeigten, sterbend, stiegen vor ihr auf . . . Sie hörte das Klatschen und war fest überzeugt, daß dasselbe von van Mieris ausging, welcher ihrer harrte. Sie bezwang ihre Angst nur mit Mühe. Sie kämpfte einige Minuten mit sich; dann aber war’s entschieden: sie mußte ihn beruhigen, ihn beschwören, seine finstern Vorsätze aufzugeben; sie mußte sich versichern, daß er, von seiner Leidenschaft hingerissen, nicht eine That beging, die er in seinem heftigen Temperamente nur zu leicht beschließen und ausführen konnte.

Brigitta nahm einen Vorwand und verließ den arglosen Meister, um mit der Schnelligkeit des gejagten Rehes hinunter in den Garten zu eilen.

Franz van Mieris empfing die Geängstigte und schloß sie, alle Schüchternheit bei Seite setzend, inbrünstig in seine Arme, von denen sich Brigitta vergebens loszumachen strebte. Mieris bat, er flehte, er beschwor sie so hinreißend, daß Brigitta, statt ihm ernst entgegen zu treten und ihn mit Würde zu ermahnen, seinen Bitten nur Thränen entgegen stellen konnte. Eine Frau aber, die weint, ist im Begriff, allen Widerstand aufzugeben. So war’s auch hier.

Brigitta’s Besonnenheit umnebelte sich. Sie schauderte schon nicht mehr zurück, als sie an der benachbarten Straßenecke das Stampfen der Rosse vor der Kutsche hörte, welche bestimmt war, sie sammt dem Jünglinge von dannen zu führen. Sie erlag den verführerischen, berauschenden Liebkosungen des Ungestümen und – jetzt machte sie, zwar bebend wie eine Espe im Abendwinde, aber dennoch entschlossen, an der Hand von Franz van Mieris die ersten Schritte, um sich aus dem Garten zu entfernen . . . Die Flucht des verrätherischen Paares hatte begonnen.

An der Gartenpforte blieb Brigitta nur mit Mühe athmend, stehen und warf einen verlornen Blick auf das Haus ihres Gatten . . . Plötzlich zuckte sie, wie tief im Herzen von einer gewaltigen Macht berührt, zusammen.

Der glückliche Gerard Dow hatte seine getreue Amati-Geige geholt, hatte das Fenster geöffnet, um die laue, köstliche Nachtluft ins Zimmer strömen zu lassen; er trat jetzt an die Oeffnung und legte mit zierlicher Hand zart den Bogen auf die Saiten. Ein melancholisches Präludium von Palestrina ertönte; immer inniger, poetischer zitterten die silberklaren Töne durch die Luft; die Cremoneser-Geige fing, wie eine herrliche Frauenstimme, wie die Stimme der Liebe, an zu singen; sie zwitscherte, sie seufzte und klagte in ihren Trillern, in ihren langgehaltenen, sonoren Klängen, indeß der Meister, in Begeisterung lächelnd, das strahlende Auge in die Nacht hinaus richtete.

Brigitta war fast leblos. Sie hörte die Stimme des Jünglings nicht mehr; ihre ganze Seele lauschte diesen Tönen, die sie mit Zaubermacht faßten. Sie riß sich von Mieris’ Armen los, der, selbst gerührt, unschlüssig dastand . . .

Jetzt machte der Künstler einen melodiereichen Uebergang, und einfach und groß, und dennoch die heitere, gemessene Freude auf liebliche Art ausdrückend, erklang einer der Tänze des Niederländers Roland Lasso’s, eines würdigen Nebenbuhlers der italienischen Tonkünstler Nanini und Zarlino, eine jener reinen Melodien, welche damals alle Welt bezauberten.

Es war ein Menuet . . .  es war dasselbe, welches Dow mit Brigitta am Tage seiner Vermählung getanzt hatte . . .

Brigitta war gerettet . . . Ihr Traum verschwand vor dieser ebenso zauberischen als heiligen Erinnerung. Sie dachte nicht mehr an Franz van Mieris . . . Die Treue und nicht die strafbare Leidenschaft feierte einen ihrer schönsten Triumphe. Brigitta deutete, unfähig, sich zusammenhängend auszudrücken, nach dem Fenster, wo Dow sich zeigte, und stammelte:

– Mein Hochzeits-Menuet . . .

Dann eilte sie mit aller Geschwindigkeit, deren sie fähig war, dem Hause zu, lief in ihr Zimmer und schloß, erschüttert wie nie, den geliebten Meister in ihre Arme.

Franz van Mieris stand da wie eine Bildsäule und erwachte erst dann aus seiner Betäubung, als Gabriel Metzu heran kam und ihn umarmte.

– Es ist Alles verloren! murmelte Mieris düster, indeß er jetzt offen dem Freunde beichtete.

– Nein, Alles gewonnen! jubelte Gabriel, den Freund liebkosend. Einen glücklicheren Tag als den heutigen sah ich noch nie. Brigitta ist ihrem Herrn, unserm braven Meister erhalten, und Du, ein braver Junge ungeachtet Deines Leichtsinns, wirst Deine Empfindungen zu besiegen wissen; gieb mir die Hand darauf, Freund!

– Hier! sagte Mieris, indeß er sich wieder ermannte. Und zum Zeichen, daß auch ich über mein Herz, das unbändige Ding, Herr bin, wenn ich es sein will, komm; wir wollen unserm Meister diese Nacht verherrlichen . . .

Beide gingen zur „bunten Palette“, holten die Freunde, beriefen ein Dutzend Musiker und zogen vereint mit diesen, große Fackeln und Laternen in den Händen, in Gerard Dows Garten.

Und nun begann ein Musiciren, ein Jubeln unter den Fenstern des gerührten Malers, daß die ganze Nachbarschaft lebendig wurde, auf die Straßen kam und in die allgemeine Freude einstimmte.

Brigitta aber beichtete getreulich ihrem Gatten. Seit dieser Zeit gewann die bisher schon so theure Amati-Geige in seinen Augen einen unschätzbaren Werth und nur mit Rührung ergriff er sie, um ihr die süßen Töne zu entlocken, welche sie in sich verbarg, und als er bald darauf sein eignes Bildniß malte, stellte er sich mit seiner geliebten Geige in dem Augenblicke dar, in welchem er durch ihre Macht seinen höchsten Schatz wieder eroberte.

==3. Heft.==
===Holländische Winter-Landschaft. Von van der Velde.===

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Wer blickte nicht mit lebhaftestem Wohlgefallen auf diese mit gewandtester Wahrheit gemalte Scene aus dem Tagesleben der Niederländer? Das ganze Bild des Meisters ist von einer ausgezeichneten Gefälligkeit; das Volksleben ist von einer echt künstlerischen Seite aufgefaßt – einer der Vorzüge van der Velde’s. Wir werden bald Gelegenheit haben, diesen Maler und seine Kunst näher zu charakterisiren, weshalb hier diese Notiz genügen möge.
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===Die Lautenspielerin. Von van der  Neer.===

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In das Haus des ehrenwerthen Rathsherrn Aart van Jongh an der alten Westewaagen-Straat zu Rotterdam kamen an einem schönen, heitern Abende des Spätherbstes des Jahres 1769 viele der angesehensten Personen der Stadt. Die mit breiten goldgepreßten Ledertapeten verzierten Zimmer füllten sich allmälig mit geputzten Herren und Damen, und unter den letzteren glänzte vorzugsweise eine Brabanterin, Helene Du Chatel, eine entfernte Verwandte des reichen Gastgebers.

Helene war eine Dame von etwa fünfundzwanzig Jahren, von ausgezeichnetster Tournüre, eine selbstbewußte, stolze Schönheit, die gleich der berühmten Holländerin Maria van Schurmann als Schriftstellerin in lateinischer und französischer Sprache excellirte, eine fast unübertroffene Meisterin im Clavier- und Lautenspiel war und in der Miniatur-Malerei mit einem Mieris und Dow wetteiferte. Sie war blond; gelocktes Haar ringelte sich um Stirn und Nacken; man vergaß die auf dessen Anordnung verwendete Kunst, so vollendet erschien dieselbe in ihrer Nachlässigkeit. Prachtvoller venetianischer Sammet mit Hermelin besetzt umschloß Helenens Formen und die Schürze von Nesseltuch und Brabanter Spitzen über dem Unterkleide war wahrhaft köstlich.

Diese Brabanterin übernahm mit einer Leichtigkeit und einer Anmuth, als sei sie die geborne Fürstin dieser Versammlung, die Führung der Unterhaltung, während der alte Senator ihr die ankommenden Gäste vorstellte.

Unter diesen befand sich Adrian Güldensteen, ein schöner, junger leydener Doctor, und Eglon van der Neer, einer der ausgezeichnetsten holländischen Maler, der Sohn des berühmten Artus van der Neer, des Landschaftsmalers, und ein Schüler J. Vanloo’s.

Adrian Güldensteen, der Adonis der Rotterdamer Damenwelt, hatte, sobald er Helene Du Chatel gesehen, der Schönen seine zarteste Huldigung zu Füßen gelegt. Güldensteen, ganz das Muster eines damaligen Lion, trug mehr Kanten und Spitzen und ausgesuchtere Gold- und Silber-Brocad-Arbeit als der General-Statthalter selbst. Er duftete wie ein Blumenbeet von Harlem und sein Haar und feiner Spitzbart war mit einem Aufwand unendlicher Geschicklichkeit dressirt. Adrian, ein grundgelehrter Arzt, welchem selten noch im gelehrten Zweikampfe Jemand Stand gehalten hatte, den er nicht ganz oder wenigstens zur Hälfte niederdisputirte, war zugleich vollendeter Musiker. Er spielte die Viola di Gamba und schlug die Laute, gleichviel ob’s eine spanische oder italienische war, mit großer Virtuosität.

War es unter diesen Umständen zu verwundern, daß er es war, welcher vorzugsweise die glänzenden Augen der Helene Du Chatel auf sich zog? Die Schöne, auf der Höhe ihrer Kunst ziemlich einsam stehend, mit gewissem, leicht erklärlichem Bangen dem sechsten Lustrum entgegengehend, fühlte mehr als je, daß ihr ein liebendes Herz mangele, welches neben einer Leidenschaft, wie sie sie erheischte, zugleich den vollen Werth der Geliebten zu würdigen verstand. Dies Herz wähnte sie in demjenigen Adrians Güldensteen gefunden.

Auch an diesem Abende zeichnete sie ihren Günstling sichtlich aus. Sie bemerkte neben ihm kaum die derbe Gestalt Eglons van der Neer, des Malers, und doch war Neer ein schönerer Mann als Güldensteen.

Freilich war seine Erscheinung einfach, fast zu einfach. Er trug kaum irgend ein Schmuckstück, womit der duftende Doctor prangte; ausgezeichnet war aber dennoch seine bescheidene Tracht dadurch, daß sie durchaus schwarz war. Neer trauerte um seine, vor einem halben Jahre gestorbene Gattin, und der schwermüthige Zug, welchen sein blasses Gesicht als Mahnung an den erlittenen Verlust trug, machte dasselbe nur noch edler, interessanter.

Erst als Jongh den blondgelockten, etwa sechsunddreißigjährigen Neer an die Hand nahm und ihr eindringlich den Namen desselben sagte, ward Helene Du Chatel aufmerksam. Sie verflocht ihn in ein Gespräch über seine Kunst, die auch sie übte, und suchte von ihm das Geheimniß der unendlich blühenden, zarten Färbung, wodurch sich Neer’s Gemälde auszeichneten, wie die Kunst zu ergründen, mit seiner vollendeten Meisterschaft Stoffe, wie Atlas, Sammet u. s. w. darzustellen. Neer konnte sich Glück wünschen, denn die Brabanterin hatte augenscheinlich an seinem wahrhaft gediegenen Gespräche Gefallen gefunden.

Jetzt kamen die musikalischen Unterhaltungen an die Reihe. Mit einer Art von Feierlichkeit kündigte Adrian Güldensteen der Gesellschaft an, daß Helena in Verbindung mit ihm eine damals neue und variirte Composition des berühmten Liedes:
{{center|<tt>„Wilhelmus van Nassauen“</tt>}}
vortragen werde.

Die Dame nahm ihren Platz an einem mit einem Teppich, mit Noten und Guitarre belegten Tische, in der Nähe eines Porticus von dorisch-ionischer Ordnung, welcher den Eingang zu dem großen Speisesaale abgab, nahm die italienische Mandoline aufs Knie und begann, mit einem siegenden Blicke, welcher die Gewißheit ihres nahen Triumphs verkündete, das vorzügliche Instrument zu stimmen.

Adrian ergriff, während die Anwesenden lautlos sich verhielten, die Guitarre und auf Helenens graziöses Kopfnicken begannen die Stimmen und die Instrumente ein herrliches Duett.

Der böse Genius dieses Abends näherte sich indeß sehr rasch. Helene hatte eine Partie, wo zu Ende der ersten Strophe eine Cadenz mit einem herrlichen Triller folgen mußte. Adrian mußte natürlich pausiren. Er thats, während die Stimme der Sängerin in langem Aushauche dahinschwebte . . . Jetzt kam der Glanzpunkt der Piece . . . siegend, strahlend mußte sich der Triller dieser Silberstimme erheben  . . .  Da schlug Adrian einen Tact zu früh an; nieder, verloren war Helenens herrliche Ton-Figur, der Triller war abgeschnitten – und glühend, beschämt, wie eine Bildsäule, saß der duftende Doctor da, stumm und still.

Dann sprang er auf, als sich Helene höchst erzürnt ihm näherte, und eilig verließ er das Zimmer. Ein heimliches Gelächter durchlief den eleganten Kreis.

Da trat Neer vor und nahm die Guitarre, und seiner Beredtsamkeit gelang es, die Schöne zu bewegen, mit ihm einen abermaligen Versuch zu machen. Er fiel über Erwartung glänzend aus.

Dies war der erste Schritt, welcher den Maler der Brabanterin näher führte, die von diesem Abende an gegen Güldensteen eine heftige Abneigung empfand. Helene liebte den Maler im Stillen; Niemand hatte eine Ahnung davon, bis sie mit ihrem Geheimnisse offen hervortreten und sich als die Braut van der Neers ankündigen konnte.

Jetzt erst erfuhr Helene Du Chatel, daß Neer von seiner ersten Frau nicht weniger als sechzehn lebendige Kinder besaß. Sie trat demungeachtet nicht zurück, sondern reichte dem Geliebten die Hand am Altare; in der Folge schenkte sie ihm zu jenen 16 noch neun fernere Sprößlinge. Helene blieb schön bis an ihren früh erfolgten Tod; ihre Gemälde, womit sie die einigermaßen gedrückte Lage des Meisters wesentlich verbesserte, hatten damals Ruf, sind aber, indeß die Werke Eglons van der Neer noch immer Zierden der ersten Gemäldesammlungen sind, gegenwärtig verloren und vergessen!

Der Meister selbst starb, nachdem er sich zum dritten Male, mit einer Malerin Brekvelt in Düsseldorf, vermählt hatte, in letzterem Orte im Jahre 1703 im 60. Jahre seines Alters. Er war spanischer Hofmaler und lebte in Düsseldorf am pfälzischen Hofe in hohen Ehren.
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===Franz van Mieris. Von ihm selbst.===

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An einem Februarabende des Jahres 1659 kehrten die Andächtigen der guten alten Stadt Leyden aus der in der prächtigen Peterskirche gehaltenen Fastenpredigt nach ihren Wohnungen zurück. Die breite Straße Leidens, eine Straße, wie sie die Metropolen Europas nicht schöner und großartiger aufzuweisen haben, war von dem bunten Gefühle der Heimwandelnden erfüllt. Die meisten der mit silber- und goldverzierten Andachtsbüchern versehenen Männer, Frauen und Mädchen gingen, die Worte des Priesters noch im Gedächtnisse habend, still und nachdenklich und unterhielten sich nur mit halblauter Stimme. Aber bald kam mehr Bewegung in diese scheinbar unempfindlichen, phlegmatischen Massen.

Gruppen von lebensfrohen Studenten mischten sich heiter lachend unter die Bürger mit ihren Familien; von anderer Seite kamen die treuen Genossen der Studenten bei jeder öffentlichen Lustbarkeit, die Malerschüler, sammt den jungen, zu Lust und Scherz noch aufgelegten Meistern – und es begannen harmlose Neckereien; die Jünglinge redeten die ernsten Alten an, erboten sich, die ehrsamen, dicken Bürgerfrauen zu geleiten, oder suchten sich zu Paladinen der jungen, sittsam dahin wandelnden Mädchen aufzuwerfen.

In diesem Menschengewirre wanderte auch ein etwa sechsundzwanzigjähriger Mann, dessen sorgloser Blick sich beobachtend nach allen Richtungen wandte. Er war eben so schlank als zierlich gewachsen und sein Anzug war, wie man in dem Lichte der allenthalben strahlenden, großen Staatslaternen und Wachsfackeln sehen konnte, geschmackvoll und reich zu gleicher Zeit. Sein schwarzsammetnes, mit Silberschnuren geziertes Barett ließ ihn als einen Maler erkennen. Seine reichen, stark gelockten Haare umgaben ein etwas blasses, aber feines, geistreiches Gesicht. Den kurzen Mantel hatte der Maler von beiden Armen zurückgeworfen und die an den Gelenken mit reichen Manschetten gezierten Hände nachlässig in die Taschen der weiten Pluderhosen gesteckt.

Die alten Männer und Frauen schüttelten die Köpfe, als dieser junge Mann stolz durch die Menge dahinschritt. Die schönen Mädchen aber stießen sich verstohlen an und flüsterten, nicht ohne einen wohlgefälligen Blick aus denselben zu werfen:

– Das ist der leichtsinnige Maler; das ist Franz van Mieris!

Franz van Mieris, sicherlich einer der ausgezeichnetsten Künstler der niederländischen Schule, der sich mit seinen Werken dreist neben seinen Meister Gerard Dow und neben Terbourg stellen konnte, war’s wirklich. Der Künstler, seiner ungebundenen, genialen Laune folgend, war auf der Jagd, um irgend ein pikantes Abenteuer zu suchen.

Zwei junge Männer seines Alters erreichten ihn und hielten ihn an.

– Wohin, Franz? rief der eine, eine derbe, kräftige Gestalt, der Busenfreund Franz van Mieris, der Maler Johann Veen.

– Geh mit uns zum italienischen Kaffeehause! sprach der andre, Gottfried Schalken von Dortrecht, welcher unter Dow mit Mieris seine Studien gemacht hatte, ein bärtiger, schöner junger Mann, dessen Mienen ebenso düster waren, wie seine herrlichen nächtlichen Bilder mit der unvergleichlichen Beleuchtung.

– Ich danke für Eure Einladung! erwiderte Mieris ziemlich zerstreut; ich habe heute Abend etwas Interessanteres, als den Kaffee und den Rothwein Signor Bertini’s zu suchen. Bleibt nicht stehen; nehmt Abschied für heute, oder geht mit mir  . . .

– Sicherlich wieder eine Deiner Liebesgeschichten; murmelte Johann Veen, sehr mißmuthig bei dem Gedanken, daß der heitere Kumpan in der fröhlichen Zechgesellschaft an diesem Abende fehlen sollte. Ich frage Dich, Schalken, wozu dieses ewige Umherrennen? Bedarf man etwa mehr als ausgezeichneten Wein, um sich wirklich wie ein Heiliger in der Verklärung zu befinden? – <tt>In Bacchi aedem feramus pedem</tt>  . . .  Komm, Mieris! überlaß es heute Deiner Geliebten, den Weg nach Hause allein zu finden.

– Ihr irrt, sagte Mieris; es ist nicht daran zu denken, daß Diejenige, welche ich suche, meine Geliebte ist  . . .

– Gut, sie soll’s also werden! bemerkte Schalken.

– Wie man’s nimmt! Kennt ihr den reichen Mynheer van der Werff? Er hat seine Fabriken am alten Rhein. Wohlan, dieser ehrliche Bursch besitzt nicht allein eine der schönsten Kunstsammlungen, sondern auch in seiner Tochter Julia eines der schönsten Mädchen der siebzehn Provinzen. Das würde mich an sich wenig interessiren, aber diese Julie, dies achtzehnjährige, reizende, lebenswarme Geschöpf, welchem, jung, schön und reich, wie sie ist, der ganze Himmel der Erde zu Gebote steht, hat den Einfall, eine Heilige werden zu wollen, und wirklich wird sie in den nächsten vierzehn Tagen schon Profeß thun und sich in einem Kloster in Brüssel lebendig begraben lassen. Ist das nicht originell genug, nicht zu herausfordernd, um zu versuchen, dieser Kleinen einen Begriff vom Leben beizubringen und ihr zu dem Zwecke die Empfindungen der Liebe einzuflößen, um sie aus den Klauen der Klosterfrauen und der Pater zu erretten?

– Nein, flüsterte Veen, der, ungeachtet er den ungebundensten Lebenswandel führte, dennoch nicht wenig bigott war, nein, Franz, ich glaube: das ist Sünde.

Schalken lächelte ironisch; Franz van Mieris lachte hell auf.

– Nie noch hatte ich bei meinen Abenteuern eine moralischere Absicht! sprach Mieris. Ist’s denn eine Kleinigkeit, wenn ein solches Menschenleben buchstäblich verloren geht? Ich habe so viele Schulden, daß ich mein Atelier, um nur einige Stunden ungestört arbeiten zu können, wie eine Festung verrammeln muß; ich muß mich in meinen Mauern eben so tapfer halten, wie die Bewohner dieses alten <tt>Lugdunum</tt> gegen die Spanier, seligen Andenkens, ohne Hoffnung zu haben, daß mir ein neuer Wilhelm von Oranien einen Entsatz in der Gestalt gespickter Geldsäcke zuführt. Dennoch lebe das Leben! Ich werde Julia van der Werff retten und zum Danke hoffe ich ihre schöne Hand mit einigen zwanzigtausend Goldgülden zu erhalten. Ein Dienst ist des andern werth  . . .  Platz, Schalken; tritt zur Seite, Veen; da kommt Mynheer mit der zukünftigen Nonne . . .  Mein Abenteuer hat begonnen  . . .

Die beiden Freunde gingen ziemlich unzufrieden fort, indeß Mieris schnell einer Gruppe von drei Personen folgte.

Diese waren Mynheer Cornelius van der Werff, ein reicher Kaufherr, welcher im Besitz der ausgezeichnetsten Tuchfabriken Leydens war. Van der Werff stammte aus einem alten, edlen Geschlechte, und jener Bürgermeister Werff, welcher 1576 Leyden so heldenmüthig vertheidigte und den Bürgern, die ihn, wüthend vor Hunger und Entbehrung, um Lebensmittel bestürmten, zurief: Hier bin ich, theilt meinen Leichnam unter Euch, aber sprecht nicht von Uebergabe an die Spanier! dieser Held war ein Vorfahr des würdigen Mynheer Cornelius. Er besaß, wie Mieris andeutete, wirklich kostbare Gemäldesammlungen, Münzen, Medaillen und Sculpturwerke, war ein guter Kunstkenner und hatte sich längere Zeit in Italien aufgehalten, um die Werke der Kunst zu studiren. Von dieser Zeit schrieb sich auch sein sehr eifriger Katholizismus her, der in noch höherem Grade auf seine Tochter Julia übergegangen war. Uebrigens war Cornelius van der Werff ein höchst biederer, obwohl etwas eigenthümlicher und melancholischer Mann.

An der linken Seite des stattlichen Mannes ging dessen Schwester, welche ihm, dem Wittwer, die Hausführung besorgte: eine alte hagere Jungfer, die in jeder Bewegung wie in jeder Falte ihres Gesichts eine große Frömmigkeit zur Schau trug.

An der andern Seite befand sich Julia. Sie war eine hohe, stolze, ernste Erscheinung und so untadelhaft gebaut, daß Franz van Mieris, welcher sie fest ins Auge faßte, unwillkürlich einen leisen Ausruf der Bewunderung ausstieß und, wie von innerer Gewalt getrieben, eilte, um ihr näher zu kommen. Julia’s Gang war fest und würdig, ihr schönes, etwas blasses Antlitz war von mildem Ausdruck, zeigte aber eine unbeugsame Entschlossenheit. Es mußte nicht so leicht sein, als der schöne Maler glaubte, dies Mädchen in ihren Vorsätzen wankend zu machen.

Vergebens versuchte Mieris, als er ihr sich genähert hatte, unter den gewöhnlichen, galanten Anreden mit ihr ein Gespräch anzuknüpfen. Er hatte ein ausgezeichnetes Bouquet künstlicher Blumen und einen seiner parfümirten Handschuhe, die so klein waren, daß sich ihrer die schönste Dame nicht zu schämen gehabt hätte, zur Hand genommen und bot ihr jetzt beides mit der ernstesten, unbefangensten Miene von der Welt an, als ob sie solches verloren habe.

– Ich danke Euch, Mynheer, war Julia’s einfache, offene Antwort; ich trage weder Schmuck, noch Blumen, noch Handschuhe; ich habe dies nicht verloren.

Franz van Mieris verbeugte sich schweigend und trat zurück. Aber tief war er im Herzen getroffen. Dieser Ton der Stimme, dieser Blick hatte ihn elektrisirt und sein Gemüth in die gründlichste Aufregung gebracht. Wie schön war sie! Und der Ton, mit welchem sie sprach, war ein halb trauriger, als sie ihr schönes Auge nachdenklich auf ihm ruhen ließ. Welche Fluth romantischer Gedanken sprang in seinem Innern mit einem Schlage hervor! Er sah Julia als eine Dulderin, als ein Opfer der finstern Religiosität des alten Cornelius van der Werff und seiner hagern Schwester, und war’s vorhin nur ein genialer Einfall von ihm gewesen, einer künftigen Novize Liebe einzuflößen: so hatte er jetzt den ritterlichsten Vorsatz von der Welt, das schöne Mädchen ihren Peinigern zu entreißen.

Franz wollte mit Julia reden, und o, er fühlte dies bereits, mit welcher Beredtsamkeit, mit welcher hinreißenden Gluth würden seine Worte strömen. Sie konnte ihm nicht widerstehen – noch war er gegen Mädchen immer Sieger geblieben – sie mußte ihn hören und erhören.

Berauscht, fast bezaubert von dieser Gedankenreihe, gewann der Leichtsinnige seine ganze Verwegenheit. Er überlegte seinen Plan einige Augenblicke, dann entschied er sich für den kürzesten als den besten Weg. Er folgte der Familie van der Werffs bis an das prächtige Wohnhaus des Kaufmannes; statt aber hier wieder umzukehren, schlüpfte er, als die Menschen das Gebäude betraten, ebenfalls hinein. Franz hatte nichts Geringeres im Sinne, als ohne Weiteres Julia van der Werff persönlich zu bestürmen, um ihren Entschluß wankend, sich selbst die Schöne aber geneigt zu machen.

Das Haus wurde geschlossen und der Abenteurer befand sich mit einer Art ängstlichen Gefühls auf den langen Corridors in vollkommener Finsterniß allein. Einige Dienerinnen gingen hin und wieder; der Maler ward genöthigt, da die Mägde Licht trugen, sich zu verstecken. Dennoch ward seine erwachte Leidenschaft durch diesen etwas verdächtigen Anfang nicht erschüttert oder abgekühlt, sie steigerte sich gegentheils noch mehr.

Endlich ward’s still im Hause. Er hörte es von den Thürmen die eilfte Stunde schlagen  . . .  Mieris fing jetzt an, Recognoscirungen zu machen, um die Gemächer Julia’s aufzufinden.

Plötzlich stand er aufhorchend still. Die melodiösen, sanften Töne eines Clavecins erklangen von dem einen Flügel des Hauses her in ernsten, religiösen Weisen. Das mußte Julia van der Werff sein, welche klagend ihre Empfindungen ausströmen ließ. Franz van Mieris lauschte vor der Thür – dann griff er entschlossen an das Thürschloß, öffnete und trat ziemlich großartig in das Gemach.

Er prallte zurück: der alte Cornelius selbst spielte eigenhändig, phlegmatisch zurück gelehnt. Die Augen ließ er sehr ruhig in dem weiten Gemache hin und hergleiten, in welchem seine Gemälde und Kunstschätze aufgestellt waren. Mit großem Erstaunen sah van der Werff den verblüfften Maler an der Thür stehen und erhob sich, um ziemlich verwirrt den unerwarteten Gast zu empfangen.

Mieris faßte sich. Er sagte dem Alten, daß er, von einer plötzlichen Idee ergriffen, die Statue eines Gladiators mit dem Diskus, von dem Italiener Lorenzo Ghisberto gegossen, zu copiren beabsichtige, und wußte geschickt den Grund anzugeben, warum er nicht früher sich gemeldet, sondern im Hause umhergetappt habe.

Cornelius van der Werff war, da er an seiner schwachen Seite gefaßt war, sogleich besänftigt und wurde freundlicher. Ungeachtet der späten Stunde entwickelte sich ein Gespräch über Kunst, das sich bedeutend in die Länge zog und damit endigte, daß der reiche van der Werff dem jungen Maler mehre Aufträge zu Gemälden gab.

Mieris erklärte sich zu Allem bereit. Das Bild aber, welches Werff begehrte, sollte das Thor des alten Leydener Rathhauses darstellen, wie der alte Bürgermeister van der Werff sich erschöpft niederwirft, seinen einen entblößten Fuß zeigt und spricht: – Von meinem Stiefel habe ich heute Mittag Suppe gekocht; jetzt habe ich nichts mehr als meinen Leichnam; schlachtet und verzehrt mich; aber nur laßt mir keinen Spanier in das ehrwürdige Leyden!

Van der Werff war so gütig, Franz van Mieris die Broncestatue des Gladiators auf der Stelle mitzugeben.

Hiermit entfernte sich der Maler, durchaus nicht erbaut von seinem Abenteuer. Johann Veen, der ihn, von dem Weinhause kommend, aufgriff, lachte unmäßig, indeß Mieris sich nach seinem Atelier begab.

Bald ward Mieris im Hause van der Werffs ein täglicher Gast. Er kam mit Julia zusammen, überzeugte sich aber bald, daß auch er, gleich dem ehrwürdigen Handelsherrn, nicht im Stande war, die Richtung dieses ascetischen, ernsten Gemüthes zu verändern. Franz van Mieris gab seufzend seinen Traum von Liebe auf, schloß sich aber dafür innig an den höchst gebildeten Alten, welcher ihm väterlich zugethan ward.

Van der Werff empfing das bestellte Gemälde mit Entzücken. An dem Morgen, als van der Werff das fertige Bild im Atelier des Malers sah, schenkte er demselben außer der Bezahlung die Gladiator-Statue. In eben dem Augenblicke, als van der Werff in dem gewölbten Zimmer Mieris’ war, bestürmten diesen zwei seiner erbittertsten Gläubiger.

– Schert Euch fort! rief der Holländer erbittert. Ich werde Euch bezahlen. Mieris, Ihr malt mir noch ein Bild  . . .

– Aber welches? Was verlangt Ihr, edler Herr? fragte Franz gerührt.

– Malt uns Beide und dies Euer Atelier mit Allem, was darin ist, und selbst mit diesem Bilde auf der Staffelei. Ich gebe Euch vergängliches Metall, werde aber in Eurem Gemälde einen Schatz erhalten, den man so lange bewundern wird, als der Name Franz Mieris in der Kunstwelt nicht vergessen ist. Und das wird nimmer geschehen!

Sechs Wochen darauf war das vorliegende ausgezeichnete Bild des Malers und Cornelius’ van der Werff vollendet.

==4. Heft.==
===Die Nähterin. Von Netscher.===

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Kaspar Netscher, einer der ausgezeichnetsten Maler des 17. Jahrhunderts, 1639 zu Heidelberg geboren und 1684 im Haag gestorben, gehört, da er in Holland unter Terbourg und Dow seine Ausbildung vollendete, der niederländischen Schule an. Er lieferte Gesellschafts- und kleinere historische Stücke und sehr viele Portraits. Netschers Gemälde stehen den Arbeiten Terbourgs, was die Zeichnung betrifft, wenigstens gleich. Hinsichtlich der Ausführung aber übertreffen sie dieselben. Seine täuschende Nachahmung der Stoffe, des Atlasses, des Sammets ist einzig, der Faltenwurf seiner Gewandung ebenso naturgetreu als gefällig. Seine anmuthigen Figuren, sein verschmolzenes, kräftiges Colorit, wenn auch eben nicht seine meist einfache Erfindung, trägt das Gepräge der Vollendung. Er benutzte gewöhnlich edlere Situationen und Scenen, als viele der damaligen niederländischen Maler zu seinen Darstellungen.

Netscher hatte, obwohl er ein bedeutendes Vermögen hinterließ, in seiner Jugend mit bitterer Armuth zu kämpfen. Sein Vater, ein Bildhauer, starb früh und der Knabe ward von einem Arzte in Arnheim, Tullekens, an Kindesstatt angenommen, welcher ihn zum Chirurg machen wollte. Seine Neigung aber zur Malerei drang durch und er ward bei einem Glasmaler in die Lehre gegeben, dem de Koster, ein Vogel- und Stillleben-Maler, als Meister des Jünglings folgte. Dann begab er sich nach dem Haag.

In seinem deutschen Gemüthe ungeachtet der Meisterstücke der dortigen Maler immer noch ein Höheres, als die Richtung der niederländischen Malerschulen ahnend und empfindend, beschloß Netscher, sich nach Italien zu begeben, um sich die idealere, das Innere des Menschen darstellende, Kunst vertraut zu machen.

Obgleich sehr arm, trat er, ungeachtet seine Freunde versuchten, ihm sein Vorhaben auszureden, etwa fünfundzwanzig Jahre alt, voll großer Hoffnungen und mit Begeisterung seine Reise an. Sie nahm jedoch ein sehr kurzes und eigenthümliches Ende, und zwar ein solches, welches geeignet war, bei den kalten, besonnenen Holländern ein Lächeln zu erregen. Netscher kam nur bis Bordeaux und kehrte hier glücklich um. Als er wieder im Haag erschien, gab Gerard Dow gutmüthig ein Witzwort zum Besten, welches Kaspar Netscher bis an seinen Tod als die schrecklichste Beleidigung ansah, während seine schöne Frau jedesmal selig lächelte, so oft auf dies Thema hingedeutet wurde.

Das Schlagwort hieß aber: ''Kaspar ist in Italien gewesen! Und was mehr sagen will, er hat sein ganzes Italien nach Holland mitgebracht.''

Wir theilen hier die Geschichte mit, welcher dieses Wort seine Entstehung verdankte. Sie steht zugleich in nächster Beziehung zu Netschers Bilde, ''die Nähterin,'' ein Gemälde, von welchem sich Netscher lange Zeit nicht trennen mochte und welches heute der königlichen Gemäldegallerie zu Dresden angehört.

Etwa fünfundzwanzig Jahre alt, kam Kaspar Netscher an einem sehr kühlen Herbstabende durch das Seethor des alten Bordeaux und durchschnitt, durchaus rathlos, die gewundenen finstern Straßen. Mancher der Franzmänner, manches der schönen Mädchen blickte den fremdgekleideten jungen Mann mit nicht geringem Interesse an, denn der Maler war hoch und stolz gewachsen, hatte ein sanftes, echtes Künstlergesicht, langes, prachtvolles, blondes Haar und einen weichen, krausen, spanischen Bart. Ein mächtiger mit Federn geschmückter Krämpenhut bedeckte seinen Kopf; ein niederländisches Wamms mit rothen, seidnen Puffen und weiten Pluderhosen hoben noch die Stattlichkeit seines Wuchses. Uebrigens waren diese Kleider, wie man selbst in der Dämmerung des Abends sah, sehr abgetragen und der Aufzug des jungen Mannes ließ vermuthen, daß er in dem Ranzen, welchen er auf dem Rücken trug, seine ganze fahrende Habe barg. Dennoch wäre es nach dem trotzigen Blicke des Wanderers nicht gerathen gewesen, ihn mit einem Lächeln zu betrachten; und was diesem herausfordernden Blicke einen besondern Nachdruck gab, das war ein quer über das Ränzchen geschnallter Raufdegen zu Hieb und Stich mit schön verzierter Lederscheide und mit einem kunstvoll gearbeiteten, vergoldeten Handkorbe.

Kaspar Netscher kam aus den Niederlanden, um sich nach Rom zu begeben. Aber seine bei seinem Ausmarsche vom Haag nur leichtbeschwerte Geldbörse war schon drei Tagemärsche vor Bordeaux bis auf den letzten Sol geleert. Ermüdet, hungrig, einsam wie ein Schiffbrüchiger auf dem Meere, ohne Hoffnung ein bekanntes Menschengesicht zu erblicken, welchem er seine Noth halle klagen können, marschirte der arme Maler durch die Straßen, um eine Herberge aufzufinden. Schon an verschiedenen Thüren hatte er angepocht, den Wirth herausgerufen und ihn gefragt:

– Beherbergt Ihr hier einen fahrenden Künstler, wenn er Euch oder einen von Euren Angehörigen nach der Kunst abconterfeit?

– <tt>Dieu m’en préserve!</tt> war die Antwort gewesen.

Netscher verließ, das Haupt immer tiefer und betrübter senkend, die breiten Hauptstraßen, um ärmere und barmherzigere Schenkwirthe aufzusuchen. In einem dieser Gäßchen waren die Thüren eines Gasthauses weit geöffnet. Es war helles Licht in den Zimmern, heitere, lärmende Gesellschaften von Seeleuten trieben da ihr Wesen und einladend stand ein dicker Mann mit weißer Schürze, sehr selbstgefällig lächelnd, in der Thür unter der großen Laterne und rief, wenn etwa ein Zug taumelnder Matrosen die Straße passirte, mit der einschmeichelndsten Stimme von der Welt die Leute an, um an den Freuden seines Paradieses Theil zu nehmen.

– Wir haben kein Geld mehr! erwiderten drei Seemänner, welche dicht vor Kaspar Netscher gingen, den Anruf des Gastgebers. Wir sind rein ausgepocht, haben auch keinen Durst mehr, und da sind wir, <tt> Sang de Dieu! </tt> heute Abend für Dich wettermäßig überflüssige Maate.

– Schämt Euch! rief der Wirth, mit beiden Händen winkend. Seit wann ist Papa Bonnet dafür bekannt, daß er einem ehrlichen Seehunde keinen Korb Rothwein mehr creditirt, wenn er sein letztes Pulver verschossen hat? Immer herein! Trinkt, Burschen, trinkt – das Uebrige wird sich dann auch wohl finden!

Die Matrosen legten um und segelten glücklich in den Hafen zur weißen Taube ein. Netscher aber glaubte in der quäkenden Stimme des Wirthes mindestens diejenige eines Engels zu hören. Rasch trat er an den Dicken heran und wiederholte seine Frage. Der Wirth war durchaus nicht gefügig, wie bei seinen Vorgängern; er sagte aber auch nicht: Nein!

Papa Bonnet musterte den Maler von oben bis unten und nahm hiernach eine sehr zufriedene Miene an.

– Schade, daß Ihr kein Kriegsmann seid! murmelte er, und mit dem Degen da zu spielen wißt, den Ihr ohne Zweifel zum Staat traget. Ich behielte Euch doppelt so gern . . . Doch mag’s drum sein! Mögt ihr mich nun malen oder nicht, so werde ich Euren Durst in meinem Keller nicht eben zu sehr spüren. Tretet näher, Herr Maler, und erquickt Euch und laßt’s Euch wohl sein aus Herzensgrund.

Netscher drückte dem Braven die Hand, ging in die Gaststube und warf Ranzen und Hut neben sich. Bonnet ließ auftischen, Weinflaschen paradirten neben seinem Abendessen, und bald saß Bonnet neben ihm und hatte den aus den Niederlanden Kommenden in ein gelegentliches Gespräch verflochten, an welchem bald ein ganzer Kreis von Seeleuten Theil nahm. Netscher mußte Neuigkeiten aus Holland erzählen. Hierbei bildete sich eine kleine Spielgesellschaft, die sich gegen Mitternacht allmälig in eine Zechgenossenschaft bester Qualität verwandelte.

Kaspar wachte am andern Tage mit einer sehr unangenehmen Empfindung auf. Erst jetzt kam ihm die Idee, daß ihm die Erinnerung an das Ende jenes Gelages fehlte; er versuchte, sich zu orientiren, wo er sich befinde, und seine höchst unbequeme Lage zu verbessern. Vergebens! Er war mit beiden Händen dicht an die Mauer gebunden und lag auf Steinen, die dürftig mit Stroh bedeckt waren. Sein Gemach war stockfinster. Hoch oben war eine kleine Luftklappe, durch deren Risse sich schmale, blendendhelle Sonnenstrahlen drängten. Bald merkte der Maler, daß er sich nicht allein befinde. Als sich sein Auge an die Dunkelheit gewöhnt hatte, unterschied er mehre elend aussehende Gestalten, von denen er bald einen erschreckenden Aufschluß über sein Schicksal empfing. Er war in die Hände eines Seelenverkäufers gerathen, eben eines solchen Unholdes, deren Treiben in Rotterdam und Amsterdam er am vorigen Abende der Gesellschaft so getreulich beschrieben hatte.

Von jetzt an begannen acht lange Leidenstage für den Deutschen, den der Wirth und ein königlich französischer Seeoffizier mit Gewalt dazu zwingen wollten, eine Bescheinigung zu unterzeichnen, welche ihn, Netscher, zum Militärdienste in den Colonien verpflichtete. Der Maler widerstand lange; am Ende thaten Hunger und körperliche Züchtigungen das Ihrige: Netscher, müde bis in den Tod, willigte in Alles und unterschrieb. Jetzt ward er besser gehalten und man kündigte ihm an, daß er in den nächsten Tagen zur See gehen werde. Die Verzweiflung des Künstlers ist nicht zu beschreiben. Es war, als werde er zum Richtplatze geführt, als man ihn gegen Abend seiner Fesseln vollständig entledigte, um ihn aus dem Hause hinaus und zur See zu bringen. Sein Muth ward plötzlich wieder lebendig, als er draußen vor der Thür ein Commando Soldaten erblickte, welche ihn escortiren sollten. Er riß sich los, lief durch den Gasthof in die Binnenhöfe und rannte aufs Geradewohl eine Treppe hinan, bis er vor einen verschlossenen Boden kam, so daß ihm, da er seine Verfolger hörte, keine Wahl blieb, als aus einem Fenster hinaus auf das Dach zu klettern. Hier hoch in Gottes freier Luft, zwischen Schornsteinen aller Art, sprang und voltigirte der unglückliche Künstler gleich einem Gaukler oder einer Gemse von einem Dache auf das andere, so daß er, als er endlich sich umzusehen und Athem zu schöpfen wagte, das Dach des Wirthshauses zur weißen Taube mit der ungeheuren Wetterfahne drauf nicht mehr aufzufinden vermochte. Aber hier wie eine Katze konnte er doch nicht auf den Dächern die Nacht zubringen.

Er erblickte fern ein helles Fensterchen, und eine weibliche Gestalt in dem Stübchen und beschloß, das Mitleid derselben anzuflehen. Als Netscher vor das Fenster kam, blieb er, ungeachtet seiner schrecklichen Lage, gefesselt und entzückt unbeweglich sitzen.

Sein Künstlerauge ward durch den Anblick einer ''Nähterin'' zauberisch berührt. Sie war ein junges Mädchen in vollster Blüthe der Schönheit und Gesundheit, mit einem Engelsgesichte, welche, ganz allein sitzend, ihre Feuer-Kieke vor sich, den größten Nähkorb mit der Scheere drauf neben sich, ämsig nähte. Das Mädchen war einfach, aber geschmackvoll gekleidet und hielt ein schönes Atlas-Nähkissen auf den Knien, von welchem sich ihre halb entblößten Arme schön abhoben.

Netscher zauderte nicht länger und pochte ans Fenster. Die Schöne, obwohl erschrocken, war muthiger als er glaubte; sie kam und öffnete. Jetzt brachte der Maler seine Bitte um Schutz an. Fanchonette sagte ihm denselben mit Thränen zu und half ihm beim Einsteigen in ihr jungfräuliches Gemach. Hier wurde der Maler gewahr, daß die ganzen Häuser an den Straßen in der Nachbarschaft des Wirthshauses nach einem Deserteur, einem Soldaten des Königs, durchsucht waren. Dennoch beharrte Fanchonette bei ihrem Entschlusse, den schönen, jungen Mann seiner Kunst und einem glücklichen Leben zu retten.

Das schöne Mädchen, jeden Augenblick mehr von dem Flüchtlinge angezogen, gestand, daß sie, eine Dienerin eines der ersten Edelleute von Bordeaux, eines Hauptmanns von den Musketenschützen, gar keinen Ausweg wisse, ihn zu verbergen, als dadurch, daß sie ihn auf ihrem Zimmer behalte. Dies geschah wirklich; der Maler, um sich den Blicken der jede Minute bei Fanchonetten kommenden und gehenden Mägde und sonstigen Dienerinnen zu verbergen, mußte sich bequemen, drei Tage lang unter dem Bette der Französin zuzubringen, von welcher schrecklichen Lage er nur erst spät Abends befreit werden konnte.

Inzwischen war Fanchonette zu dem Consul, dem Handelsbevollmächtigten Hollands, gelaufen. Die Behörden nahmen sich des Malers an und riethen, die Niederländer nicht durch einen Gewaltstreich gegen einen ihrer nicht unbedeutenden Landsleute zu erbittern, und endlich gelang’s: der Gouverneur von Bordeaux erklärte den Maler für frei und ledig, erlaubte ihm sogar, sich, so lange er wolle, in dieser Stadt zu verweilen und jederzeit seines Schutzes gewärtig zu sein.

Drei Wochen später verheirathete sich Kaspar Netscher zu Bordeaux mit seiner Retterin. Jetzt mußte er auf seinen und seiner Gattin Unterhalt denken und eine Reise nach Italien war vorläufig unmöglich. Netscher kam nie dorthin.

Wie schon gesagt, kehrte er bald mit seiner Frau nach dem Haag zurück, wo er seine eigentliche Wirksamkeit erst eröffnete. Von jetzt an hieß es: ''Kaspar Netscher ist in Italien gewesen!''

==5&6. Heft. (Doppelheft)==
===Die Spieler. Von Caravaggio.===

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Wo die Italiener aus ihrer durchschnittlich idealen Richtung in der Malerei heraustreten und sich als Naturalisten und Individualistiker zeigen, da sind sie dennoch in der Wahl ihrer Stoffe, Form und Ausdrücke weit von der Naturalistik der Niederländer entfernt. Beide schreiben das Leben aufs Genaueste ab. Der Niederländer aber schildert, selbst stets unerschütterlich ruhig, vorzugsweise die äußerliche Erscheinung; der Italiener, seine südliche Natur keinen Augenblick verleugnend, kehrt die innerliche, psychologische Seite heraus. –

Als einen dieser italienischen Maler, und zwar als einen solchen, welcher der ergreifendsten Wahrheit, eines fast tragischen Pathos mächtig ist, nennen wir Michel Angelo Amerighi, oder Merighi, genannt Michel Angelo da Caravaggio. Er war zu Caravaggio im Mailändischen 1569 geboren und war anfangs Maurergeselle. Als er es erlangt hatte, seiner Neigung für die Malerei zu folgen, bildete er sich nach den großen Venetianern und trat in Rom mit seinen naturwahren Schöpfungen der kraftlosen, gehaltentbehrenden, idealen Richtung in der Malerei energisch entgegen. Seine Darstellung erfaßte die leidenschaftlichen, düstern Erregungen der Menschenbrust in meist schroffer, ungemilderter Form. Um sie so gewaltsam und ergreifend als möglich zu schildern, wie es seinem eigenen ungestümen Innern angemessen war, bediente er sich nur der niedern, rohen Natur. Wo die Sujets mit seiner eigenthümlichen Darstellungsweise zusammentreffen, da liefert Cavavaggio das ausgezeichnet Vollendete. Sein Colorit, seine Beleuchtung sind mächtig, schlagend. Erhabene Compositionen zieht er ins Niedrige, zeigt aber auch hier immer seine Vorzüge.

Caravaggio’s Leben steht in genauem Zusammenhange mit seinen Bildern, es ist wie diese leidenschaftlich düster, verworren. Der Maler war ein Raufbold, ein Spieler, der seines Ungestümes wegen nirgend lange geduldet wurde. In Malta schlug ihn der Großmeister der Johanniter zum Ritter. Aber auch dort, für dieses kriegerische Leben war Caravaggio zu wild. Auf seiner Rückreise nach Rom ward er, aus Anlaß früherer Abenteuer, überfallen und tödtlich verwundet. Er starb 1609.

Das vorliegende Bild „Die Spieler“ schließt sich genau an das Leben des Meisters an. Es ist düster und ergreifend, wie dasjenige, was den Caravaggio flüchtig aus Rom trieb. – Dies war ein in einem verdächtigen Hause nach einer bacchantischen Nacht und einer unglücklichen Spielpartie verübter Mord.

Der Inhalt dieses Stücks kann unmöglich vollständiger getroffen und bezeichnet werden, als eben durch diese Skizze aus dem Leben des Malers.

Caravaggio war noch jung, als er, von Mailand und Venedig kommend, in Rom eintraf. Hier herrschte damals schon in der Malerwelt Giuseppe Cesari, genannt Josepin il Cavaliere d’Arpino, ein Römer von Geburt; die bedeutendste Erscheinung unter den sogenannten Manieristen. Sein blühendes Colorit, seine ungewöhnliche Handfertigkeit machten ihn zum ersten damaligen Maler der römischen Schule, zum Lieblinge des Papstes Clemens VIII. und des Cardinals Bischof Ottoboni von Palestrina. Caravaggio suchte die Bekanntschaft des Meisters, und ungeachtet ihrer geradewegs sich entgegenlaufenden Richtungen entstand zwischen Beiden ein Freundschaftsverhältniß. Dies wurde noch enger geschürzt, als der heißblütige Caravaggio für die einzige schöne Schwester Cesari’s, Teresina, eine der Heftigkeit seines Charakters entsprechende Neigung faßte. – Aber der Launische, Ungestüme zerriß die Bande der Liebe sehr bald, noch rascher, als er sie angeknüpft hatte. Er verließ Teresina, und schloß sich einer Gesellschaft lebenslustiger Künstler und Cavaliere an, und es währte nicht lange, da war Caravaggio das Musterbild der Wüstlinge Roms. – Aber eben aus diesen Zweikämpfen, diesen Zechgelagen und Verführungsgeschichten junger Mädchen und Männer, aus diesem ganzen bacchantischen Treiben, in welchem jeder Andere zu Grunde gegangen wäre, nahm unser Künstler seine beste Kraft und die Stoffe zu seinen, durch ihr Pathos unwiderstehlich ergreifenden Kunstschöpfungen.

Es waren die ersten Schritte, die der junge Mann, nachdem er die Schule hinter sich hatte, auf seiner eigenen Bahn machte, und dieser Anfang war für seine folgende Wirksamkeit entscheidend.

Seine die gluthherzigen Italiener mit voller Macht packenden Gemälde, die charakteristisch zur Erscheinung brachten, was in jener Zeit vor dem dreißigjährigen Kriege in allen Gemüthern gährte, ließen die oberflächlichen Arbeiten des idealisirenden Giuseppi Cesari und seines Anhanges zu bleichen Schatten und Nebelbildern herabsinken. In diesen, getreue Naturwahrheit und mächtiges Gefühl athmenden, psychologischen Nachtstücken war von Caravaggio dem früheren Freunde und seiner Schule ein Kampf auf Leben und Tod angekündigt. Und Caravaggio kämpfte als ein Mann. –

In eben der Zeit ward dem einzelnstehenden Michel Angelo eine mächtige Hülfe. Von der, von Ludovico Caracci zu Bologna gestifteten <tt> Accademia degli incamminati </tt> (aus <tt> incamminare, </tt> in den Gang bringen), von dieser Malerschule, welche eine vollständige Reform italienischer Kunst anstrebte, kamen Agostino und Annibale Caracci nach Rom, um die Arbeiten an der farnesischen Gallerie zu übernehmen. Agostino Caracci, der Meister der verführerischen in Kupfer gestochenen Compositionen, nicht weniger ausschweifend als Caravaggio, ward augenblicklich der genaueste Freund desselben, und alle drei Künstler mit ihrem Anhange warfen sich jetzt auf Cesari’s Schule, um sie zu vernichten.

Es ist unmöglich, den Todeshaß zu beschreiben, den Giuseppe Cesari von dieser Zeit an auf Caravaggio warf. Noch immer hatte er den Gedanken festgehalten, Michel Angelo werde bald von seinem liederlichen Leben zurückkehren, er werde bald ausgetobt haben, und von den Raufbolden und Spielern zu ihm, dem Cesari, von den feilen Dirnen aber zur trauernden Teresina reuig zurückkehren.

Und war dies geschehen, dann konnte er leicht zu der Einsicht gebracht werden, die Ueberkraft in seinen Gemälden müsse gemäßigt, und zu dem Niveau der Manieristen herabgedrückt werden.

Jetzt aber in den Händen der Caracci’s, der rigorosen Reformatoren, war Caravaggio für Cesari wie für Teresina verloren.

Die Rache erwachte in dem Herzen des Meisters. Giuseppe besaß einen Bruder, Balsamo d’Arpino, welcher Capitano in der päpstlichen Leibwache war. Er übernahm es, den treulosen, undankbaren Caravaggio zu bestrafen. Aber der feige Römer getraute sich’s nicht, dem Gladiator Aug’ in Aug’ gegenüberzutreten. Er wandte sich an einen Officier der Sbirren, Hans Haßli, einen Schweizer von Geburt, von dem es bekannt war, daß er das eisernste Handgelenk in ganz Rom besaß. Haßli, gut bezahlt, versprach den Maler noch an demselben Tage zu einem Duell zu veranlassen, und ihn mit einem Degenstoße für immer stumm zu machen. Die Cesari’s bezeichneten dem Schweizer den Ort, wo Caravaggio mit seinen Genossen die Nächte zu durchschwärmen pflegte, und Haßli ging, am Arme eines seiner Soldaten, gemüthlich nach dem bezeichneten Häuschen.

Hier war’s noch leer: aber Caravaggio, der getreueste Gast der dicken sicilianischen Wirthin, war schon hier. Einige vollbusige, nachtäugige Mädchen standen neben ihm, während der Maler in heiterster Laune seine Taschen umkehrte und einige Hundert – soeben für ein Gemälde empfangene – Goldstücke auf den Tisch warf.

Beim Anblicke dieses Goldes blieb Haßli, welcher eben im Begriff war, ohne weitere Umstände die Feindseligkeiten dadurch zu eröffnen, daß er dem Maler eine Ohrfeige applicirte, nachdenklich stehen, und schob sein Federbaret auf ein Ohr. Er konnte Caravaggio niederstrecken, aber damit erbte er dies Geld nicht. Der Künstler mußte gerupft, und dann erst erstochen werden.

Haßli knüpfte mit Caravaggio ein Gespräch an und nach einer Minute saßen sie Beide an einem Tischchen, die Karten in der Hand, Jeder einen Goldhaufen vor sich, sich gegenüber, indeß der in seinen Mantel gehüllte Sbirre gleichmüthig das Spiel betrachtete.

Die beiden Spieler waren Spieler, aber Haßli, welcher mit dem Golde spielte, wofür er den Maler ermorden sollte, war außerdem ein Schurke. So kam’s, daß der Schweizer mit Hülfe seiner Kartenkünste ein Zehend der Zechinen nach dem andern gewann und seinen starken Arm drüber legte.

Dem jungen Maler stand der Verstand still; aber wiederum begann er eine neue Taille, obgleich er nicht mehr recht deutlich wußte, was mit ihm geschah. – Seine Goldstücke waren bis auf ein Dutzend zusammengeschmolzen; da warf Caravaggio wild die Karte auf den Tisch.

Jetzt erst sah er den Sbirren hinter sich, an welchen er gar nicht mehr gedacht, und entdeckte, daß dieser dem Schweizer durch Zeichen mit den Fingern von seinen Hauptkarten Zeichen gab. Im Nu hatte Caravaggio den Degen gezogen und Hans Haßli lag die Secunde drauf todt am Boden. – Caravaggio floh und entkam glücklich. Giuseppe Cesari aber erlag, seiner Anstrengung ungeachtet, seinen Feinden. Während Caravaggio’s gute Stücke ewig neu bleiben, hatte Cesari sich in seinen besten Gemälden schon lange vor seinem Tode überlebt. Wahrscheinlich war er’s, welcher den Caravaggio überfallen ließ, um seine ein Mal vereitelte Rache dennoch endlich zu befriedigen.
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===Die Dorfschenke. Von Cornelius Bega.===

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Cornelius Bega wurde 1620 in Haarlem geboren und starb daselbst an der Pest im Jahre 1664. Sein Vater war Bildhauer und nannte sich Peter Begyr. Von ihm empfing Bega vermuthlich den ersten Unterricht in der Kunst, bis er später ein Schüler von Adrian Ostade und zwar einer seiner besten wurde. Seine Stoffe sind ländliche Festlichkeiten, Wirthshausscenen, Laboratorien von Adepten und Alchymisten u. s. w. Seine Kupferstiche sind sehr geschätzt und seine Werke, jetzt meist in festen Händen, wurden sonst sehr gesucht und mit gewaltigen Summen bezahlt.

Das unstäte und unordentliche Leben dieses Künstlers muß dem Umstande zugeschrieben werden, daß er sehr früh aus dem Vaterhause weichen mußte. Daher rührt wohl auch der Name Bega, unter welchem allein er später gekannt wurde.

Das vorliegende Werk zeigt das Charakteristische des Malers in ausgezeichneter Weise. Während wir die meisterhafte Technik und Naturwahrheit bewundern, können wir nicht umhin, die niedrigen rohen Stoffe, welche er darstellte, unschön und abstoßend zu finden.
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===Bärenjagd. Von Franz Snyders.===

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Im Herbste des Jahres 1606 sah derjenige Theil des castilischen Scheidegebirges, welcher, nördlich von Madrid gelegen, den Namen Sierra de Guadarama führt, ein Schauspiel, welches ebenso eigenthümlich als glänzend auf diesen wilden Plateaus, in diesen düstern Schluchten wohl nimmer wieder gesehen ward.

Etwa in einer Höhe von fünftausend Fuß über dem Meere hatte König Philipp der Dritte von Spanien sein prächtiges Hoflager aufgeschlagen. Der Hof-Marschall Don Jose de Ximanez hatte einen rings von Abgründen und von Wasserstürzen romantisch umgebenen, von Pinien, Cypressen und mächtigen Korkeichen umkränzten, weiten, ebenen Platz für das Lager ausgewählt. Hier erhob sich das von Goldstickereien prangende Zelt des Königs, von Alt-Castiliens schwerem Seidenbanner überweht, und an diese herrliche, luftige Wohnung schlossen sich in langen, schnurgeraden Reihen die grün und weißgestreiften Zelte des allmächtigen Günstlings und Ministers, Grafen Lerma, sammt denen der Grandezza und der Caballeros del Rey. Ferner hin waren die leichten Wohnungen der Königin und ihres von Schönheit strahlenden Gefolges. Diese Zelte waren in der ebenso reichen als bizarren maurischen Form ausgeführt, und ungeachtet Alt-Castilien sammt dem ganzen christlichen Spanien den unglücklichen Moriscos Verderben und Tod geschworen hatte, sah man doch hier den Halbmond über den Standarten blitzen, welche die Embleme der Omajaden und Abassiden, der Abencerragen und der Zegris zeigten. Fast am Rande einer tiefen Schlucht waren Baracken für die Diener und für die niedere Ritterschaft, so wie für die Jäger errichtet, neben welchen die feurigen Hengste Andalusiens und die sichern Saumthiere von Aragon an eisernen Pfählen festgebunden waren. Ungeduldig und feurig, nach dem Blute der wilden Bewohner des rauhen Gebirgs dürstend, erblickte man in einiger Entfernung vom Lager den Platz, wo Hunderte von Wolfs- und Bären-Hunden grimmig sich zeigten, die kaum durch die schweren Peitschen der Jagdknechte in Ruhe gehalten werden konnten.

Das rührigste Leben herrschte in dieser extemporirten Stadt. Stattliche Herren, geschmückt wie in Aranjuez, durchschritten die Zeltgassen; Gruppen der edelsten Damen Spaniens, reich mit Peru’s Edelsteinen geschmückt, zeigten sich zwischen den wallenden Federbüschen der Caballeros; sie konnten hier scherzen, sie konnten lachen, und ein natürliches Wort sprechen, das sonst nur ihre Liebhaber in verschwiegener Nacht hörten; – denn die mörderisch-steife Etiquette des spanischen Königshofes war auf den ausdrücklichen Befehl Philipps III. diesmal im Schlosse zu Madrid und in Aranjuez zurückgeblieben.

Ueberhaupt hatte Philipp, der sonst gar nicht mehr befehlen konnte, sondern sich gehorsam unter den Willen des Grafen Lerma schmiegte, der, anstatt König zu sein, zu einer kraftlosen, bedauernswerthen Puppe herabgesunken war, seit einiger Zeit ein besonderes Leben entfaltet. Dies Leben, diese Wirksamkeit richteten sich, wie zu erwarten, jedoch durchaus nicht auf den beklagenswerthen Zustand des schon durch Philipp II. tief entwürdigten und dazu ausgesogenen Spaniens, sondern lediglich auf die Art seiner Unterhaltung. Dies war von Philipp schon sehr viel; denn bisher hatte er auch gar nichts wollen können.

Es war ein eigenthümlicher Umstand nöthig gewesen, um den Herrscher zweier Welten aus seiner unwürdigen Lethargie in etwas zu erwecken. Philipp III., wie mehre bessere Regenten Spaniens vor ihm und nach ihm, war ein besonderer Freund der Künste. Eigenthümlicherweise aber besaß dieser Monarch gegen die Schöpfungen der Spanier eine große Abneigung, obgleich damals schon, namentlich zu Sevilla unter Juan de Castillo, dem Lehrer des großen Murillos, sich ein Sprossen spanischer Kunst entfaltete, das späterhin zur schönsten Blüthe gedieh. Philipp II. war der finstere, kalt-grausame Feind seiner braven Niederländer; unter ihm fanden nur wenige Werke niederländischer Maler den Weg nach Spanien. Der dritte Philipp aber schätzte Niederland und seine Künstler um so mehr, als sich die Bande löseten, welche diese Nation an das damalige Mutterland knüpften; sie schien erst Werth für ihn zu erhalten, seit er jeden Augenblick befürchtete, sie vollends zu verlieren.

In jener Zeit eben eröffnete eine Reihe ausgezeichneter Maler die glänzendste Epoche niederländischer Kunst.

Schwach und üppig aber, wie der König von Spanien war, gingen die Schöpfungen des Rubens, der Teniers, des Kaspar de Crayer, des Peter Neefs und Jodocus Momper, ohne Eindruck zu machen, an ihm vorüber. Sein Liebling, sein erklärtes Genie im Malerfache war dagegen Franz Snyders. Die Thierstücke dieses jungen Meisters athmeten die ganze Wildheit, den ganzen entfesselten Naturalismus, dessen der König bedürfte, um sich aufzuregen. Diese blutigen, wilden Thierkämpfe Snyders, wo die Thiere, in ihrer lebendigsten Eigenthümlichkeit aufgefaßt, alle Zustände der thierischen Seele, Muth, Furcht, den bis zur Wuth gereizten Zorn, List und Grausamkeit in den in der höchsten Mannigfaltigkeit glänzenden Gemälden darlegen, fesselten den König so sehr, daß er den Meister von Antwerpen nach Madrid berief.

Franz Snyders war kurz vor der Zeit, die wir vorhin schilderten, in Aranjuez angekommen und von dem Könige mit großer Freude empfangen. Von diesem Augenblicke an phantasirte der König, um Situationen zu Wolfs- und Keiler-Kämpfen zu erfinden; Snyders mußte demgemäß arbeiten. Alles dies genügte jedoch dem Herrscher nicht: „Ein Wolf ist kein edles Thier, der Eber ebenso wenig; Bären, die Könige der Wälder, muß ich auf Snyders Gemälden sehen!“

Graf Lerma widersprach nicht, als Philipp III. erklärte, in der Sierra Guadarama Bärenjagden anstellen zu wollen, um dem Maler aus den Niederlanden Gelegenheit zu geben, das gefürchtete Raubthier in wildem Zustande, in der unbeschränktesten Darlegung seines Naturells zu beobachten. Lerma hatte das Stillschweigen und die Unthätigkeit des Königs auf anderen Gebieten zu nothwendig, als daß er demselben seinen Einfall auszureden versucht hätte. Demgemäß erfolgte die Reise des Hofes in die Sierra Guadarama.

Der Meister selbst, eigentlich die Hauptperson bei dem Unternehmen, nahm sich gegen seine glänzende Umgebung fremdartig genug aus. Snyders war ein mittelgroßer, starkgebauter junger Mann, ernsten, fast schwermüthigen Ansehens, mit untadelhaftem, weißem Teint und hellen Locken. Seine Kleidung war reich, aber dunkelfarbig, wie diejenige seiner Landsleute. Er sah zwischen den grellfarbig geputzten, gelben Spaniern etwa wie Prinz Hamlet neben seiner Umgebung aus.

Eben sein schwermüthiges, poetisches Wesen aber wandte dem Niederländer die Gunst der spanischen Damen zu. Wie manches blitzende schöne Auge ruhte auf Snyders Gestalt mit süßem Wohlgefallen, und suchte dem Schüchternen durch zarte Lockungen zu einer Liebeswerbung Muth einzuflößen. Aber der Meister wandte sich von diesen mutherweckenden, herausfordernden, liebebegehrenden Blicken ab . . .  Sein Herz war bereits von dem Strahle eines Auges berührt und tief im Innern getroffen, das, bescheidener und züchtiger als selbst das seinige, dennoch an Schönheit und jungfräulicher Blüthenfrische jedes andere der Damen des Königshofes übertraf. Dies war das Auge von Donna Mencia d’Albucalde. Sie war ein Mädchen von höchstens neunzehn Jahren, schlank, zierlich, fast zu zart gebaut, aber von einer Anmuth, von einem so fesselnden Wesen, daß neben der Jungfrau die gefeiertsten Schönheiten des spanischen Hofes, Donna Isabella Valdellos, Donna Bianca de Spinola, eine Verwandte des berühmten Feldherrn Spinola, der in dieser Zeit eben mit Erfolg gegen Moritz von Oranien in den Niederlanden kämpfte, in Nichts verschwanden.

Fast alle Damen des Königshofes waren von ächt spanischem Adel, das heißt, sie hatten gothisches Blut in ihren Adern. Donna Mencia d’Albucalde, aus Cordova gebürtig, gehörte jedoch von mütterlicher Seite den unglücklichen Moriscos an, deren letzte Reste Philipp III. und Comte de Lerma mit schonungsloser Gewalt von Spaniens Boden zu vertreiben strebten. Donna Mencia besaß die biegsame Taille, das geheimnißvolle glühende Auge der Mauren, und barg in ihrem Busen die volle Gluth des Orientes. Sie war Diejenige, welche der Maler Franz Snyders in verschwiegener Leidenschaft anbetete. Wohl aber hatte Donna Mencia den geheimen Sinn der Blicke des schönen Niederländers zu deuten gewußt. Durch einen unwiderstehlichen Zug des Herzens zu ihm hingezogen, hatte sie auf eben so zarte als innige Weise eine Annäherung bewirkt, und zwei Tage vor der Abreise des Hofes zum Gebirge hatte Snyders ihr seine Liebe – der Glückliche der Glücklichen – gestehen können.

Zugleich aber erfuhr er, welche Hindernisse sich entgegen stellten, wenn er es versuchen würde, Donna Mencia’s Besitz zu erringen. Niemand anders als Graf Lerma war ihr Vormund; dieser hatte bisher das der Donna Mencia gebührende Vermögen sammt den reichen Lehen der Albucalde’s verwaltet, und unermeßlich habsüchtig und geizig, wie der allmächtige Minister es war, hatte er bereits versucht, die Hand darnach auszustrecken, und Donna Mencia zu bewegen, den Schleier zu nehmen.

Mencia d’Albucalde sah in dem geliebten Maler, dem Günstlinge des Königs, ein Werkzeug des Himmels, um sich, abgesehen von ihrer Herzensneigung, gegen die Ungerechtigkeit Lerma’s zu schützen. Snyders hatte nicht sobald diese Verhältnisse erkundet, als er offen von Mencia’s Knechtung durch Lerma bei dem Könige redete. Philipp versprach Abstellung aller Beschwerden der schönen Dame; eine Viertelstunde später aber erzählte er dem Grafen Lerma buchstäblich was zwischen ihm und Franzesko Snyders abgeredet war. Der Graf war wüthend; dennoch traute er seinem wankelmüthigen, nicht selten lügnerischen Gebieter nicht, sondern beschloß, vorerst den Maler auszuforschen.

Die Reise nach Guadarama bot dazu die beste Gelegenheit. Lerma schloß sich an Snyders an, und zog ihn über Ostende’s weltberühmte Belagerung durch Spinola, über Moritz von Oranien, wie über die niederländischen Angelegenheiten in ein Gespräch, wobei er zugleich den Maler in Bezug auf seine Neigung zu Donna Mencia ausholen wollte. Aber der vorhin Arglose war, nachdem ihn die Geliebte angstvoll gewarnt, klug genug ihm auszuweichen, und verstand es zugleich, seine unbesonnene Unterredung mit Philipp III. von einer ziemlich unverdächtigen Seite darzustellen.

Graf Lerma wußte nicht, was er denken sollte. Soviel war ihm indeß als ausgemacht, daß Donna Mencia nicht von seiner Gewalt frei werden und nicht zum Besitz ihrer Güter gelangen sollte, in welchen sie bei ihrer Verheirathung eintreten mußte. Der Spanier beschloß zu beobachten, um Donna Mencia’s Neigung zu ergründen, und dann erst zu handeln.

Die Liebe des schönen Mädchens sollte ihm bald enthüllt werden. Am zweiten Morgen, nachdem das Lager im Gebirge aufgeschlagen war, machte sich der Gallego, ein scharfer Nordwind, auf und strich mit ungewohnter, fast winterlicher Kälte über die Felsen des Gebirges. Die Jäger bezeichneten diesen Tag als einen solchen, an welchem der Bär, der die Wärme scheut, das Lager am liebsten verläßt, um auf Streifereien auszugehen. Demgemäß ward die Meute in Bereitschaft gesetzt, die Rosse wurden gesattelt, die ganze hohe Gesellschaft, den König, den Grafen Lerma und den Maler Franz Snyders an der Spitze, schwang sich auf die Thiere und drang, von den Jägern geführt, muthig und gut mit langen Bärenspießen bewaffnet, durch Schluchten und escarpirte Wege aufwärts in die Sierra vor. Die Damen beschlossen den Zug und unter ihnen strahlte, wie der Mond unter den Sternen, Donna Mencia, welche, die Augen unverwandt auf den Niederländer gerichtet, heute wie von einer trüben Ahnung befangen schien.

Die Jagdgesellschaft war auf einem von Bäumen entblößten Plateau in der Nähe eines Wäldchens angekommen, in welchem ein gewaltiges Bärenpaar nach den Aussagen der Jäger sein Lager hatte. Die Ritter und Jäger schlossen einen Halbkreis, hinter welchem sich die Damen aufstellten, und die Jäger voran, rückte die Truppe nicht ohne ängstliche Spannung vor, um das Gehölz abzutreiben und die Ungethüme aufzujagen. Die Meute war etwa 50 Schritt hinter dem Halbkreise aufgestellt, um sofort hervorzubrechen, wenn sich der Bär zeigen würde.

Unter dem Schmettern der großen Hifthörner wollte die Gesellschaft eben in den Wald dringen, da erhob hinter ihrem Rücken die Rüdenschaar ein furchtbares, wildes Geheul. Betroffen wandten sich Aller Blicke rückwärts – da sahen sie, wie ein furchtbar großer Bär, der, vermuthlich von dem Lärm eingeschüchtert, sich so lange verkrochen gehalten hatte, aus einer bisher unbeachteten Felsenschlucht hervorstürzte, und die blitzenden Augen um sich werfend, die Stelle suchte, wo er sich retten konnte.

Philipp sprengte vor und gab Befehl; da wurden die Hunde losgekoppelt und etwa sechs der stärksten und grimmigsten packten in der nächsten Secunde den zottigen Pelz des Bären. Er erhob sich wild auf die Hinterfüße, und streckte mit jedem Schlage seiner mächtigen Tatzen einen der blutlechzenden Feinde nieder. Dann machte er sich durch eine Gewaltanstrengung los und rannte blind vor Zorn und ängstlicher Wuth geradewegs auf die Jagdgesellschaft an. Da die Damen sich jetzt in der Vorderreihe befanden, so waren sie seinem Anlaufe zuerst ausgesetzt; sie suchten die von dem wilden Schauspiele scheu gewordenen Rosse zu wenden, indeß die Herren vorzudringen strebten; die Folge war eine allgemeine Verwirrung, noch durch das Angstgeschrei der Damen vergrößert.

Jetzt kam der Bär heran; vier Hunde, die sich in seinem Nacken und seinen Flanken festgebissen hatten, mit sich schleppend. Er stürzte mitten unter die Pferde. Indeß die Rosse entsetzt auseinanderstoben, scheute sich Donna Mencia’s feuriger andalusischer Zelter, bäumte sich und schlug über. Die Dame selbst befand sich keine fünf Schritte von dem Bären. Sie hob die Hände empor und gab sich verloren.

Als sie jedoch die Augen wieder öffnete, stand Franz Snyders zwischen ihr und dem Ungethüm.

Das gezückte Schwert in der Rechten, sprang er, ein wahrer Matador, vorwärts und bohrte die zweischneidige flamändische Klinge dem Raubthier durch das Genick. Sterbend brach dasselbe zusammen. Dies war so schnell geschehen, daß sich die Herren mit ihren Speeren kaum noch von der Ueberraschung erholt hatten, worein sie das plötzliche Vordringen des Thieres versetzte.

Während jetzt ein lautes Halali erscholl, von dem Schmettern der Jagdhörner übertönt, beugte sich Snyders, von dem Augenblicke hingerissen und in seiner Aufregung Alles außer seiner Liebe vergessend, nieder, hob Donna Mencia zu sich empor und schloß die Gerettete, die sich leidenschaftlich an ihn anschmiegte, inbrünstig in seine Arme.

Philipp III. stieg vom Pferde und begrüßte den tapfern Niederländer mit lebhaftester Freude. Auch der finsterblickende Graf Lerma trat herzu und gab ihm seinen Glückwunsch. Im Triumphe, reich mit Baumzweigen bedeckt, ward das edle Wild nach dem Lager getragen; ein Fest ward hier veranstaltet, auf welchem Snyders bereits die Skizze des Thierkampfes dem entzückten Könige vorlegen konnte. – Als Jeder den Entwurf bewunderte, sagte Lerma mit Betonung:

„Schade, Sennor Snyders, daß Ihr nicht auch das Talent besitzt, Figuren auf Eure Gemälde zu bringen, welche der Vortrefflichkeit Eurer Thierzeichnungen gleichkommen. Ihr hättet sonst in der Scene von gestern mit der Donna Mencia einen unübertrefflich schönen Stoff, der Euch um so mehr begeistern müßte, als Euer Herz dabei ins Spiel gekommen ist.

Snyders erröthete tief: das Geheimniß seiner Liebe war verrathen, und mehr bedurfte es bei dem mächtigen, finstern Grafen Lerma nicht, um die kaum geknüpften Bande zweier liebenden Herzen mit unerbittlicher Faust zu zerreißen . . .

Gleich nach der Rückkehr des Hofes nach Aranjuez setzte er es bei dem schwachen Philipp durch, daß Donna Mencia d’Albucalde in das Kloster zum Herzen Unsrer lieben Frau der Rettung in Sevilla geführt wurde, wobei der Habsüchtige sich zugleich des größten Theils der Besitzungen seiner unglücklichen Mündel bemächtigte.

Franz Snyders malte außer dem Bärenkampfe nur noch einige Stücke für Philipp III. Dann kehrte er traurig in die Heimath zurück. Es litt ihn, seit Donna Mencia ihm verloren ging, nicht mehr in Spanien.
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===Die Wahrsagerin. Gemälde von Franz van Mieris.===

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Im Jahre 1667 war „Whitehall“, London, glänzender, als vielleicht jemals später.

König Carl II., oder richtiger seine Freundin, die schöne Herzogin von Portsmouth, berüchtigten Andenkens, hielt in Whitehall Hof und hier war’s, wo die ungeheuren Summen verschwelgt wurden, die Carl dem Parliamente abpreßte.

England war in Gefahr, aber in Whitehall lachte man darüber. Frankreichs Flotte unter D’Etrées, Hollands stolze Segler unter de Ruyter und Cornelius de Witt herrschten auf den Meeren. Der britische Stolz empörte sich gegen die Demüthigungen, welche England, nicht etwa durch seine Schwäche, sondern durch das Verschulden seines Monarchen erlitt.

Carl II. dagegen ließ sich darüber durch die frivolen Witze seiner ausschweifenden Gesellschafter so gut als möglich trösten. Dennoch war er nicht ganz und gar so unverschämt, um nicht immer noch etwas thun zu wollen. Er verlangte, als die Friedensunterhandlungen zu Breda zwischen England und den Niederlanden einen zweifelhaften Erfolg in Aussicht stellten, vom Parliamente außerordentliche Credite, um die fast bedeutungslos gewordene englische Flotte gegen die Generalstaaten in wehrhaften Stand zu setzen. Das Parliament, schon hundert Mal durch Carl’s Vorgeben getäuscht, bewilligte abermals die Summe, welche der König verlangte, obgleich voraus zu sehen war, daß diese Gelder der Flotte nicht zugewandt, sondern in größter Geschwindigkeit verschwendet werden würden. Dieser letzte Umstand ließ wirklich nicht lange auf sich warten.

Ein prächtiges Fest der Herzogin von Portsmouth war zu Ende. Die Geladenen entfernten sich; denn es war fünf Uhr Morgens. Die Königin dieser Nacht verschwand. Man sah in den Sälen nur noch Carl II. mit seinen vornehmsten Günstlingen wie Leute auf- und abwandeln, die durchaus nicht wissen, was sie anfangen sollen.

Der König, schwarz gekleidet – eine elegante Figur mit einem unschönen, von Leidenschaften durchfurchten, blassen Gesichte – hatte den schwarzseidenen Hut mit der schneeweißen Feder tief ins Gesicht gezogen. Er sagte kein Wort und sah, ungeachtet der frivolen Witze des Cavaliers, welchem er seinen Arm gegeben, sehr schwermüthig aus.

Dieser Mann war John Wilmot, der durch seine Satyren, seinen Atheismus, sein ausschweifendes Leben, durch seine Verführungskünste, Frauenzimmern gegenüber, und vielleicht auch durch seine Bekehrung berühmt und berüchtigt gewordene Graf von Rochester. Rochester war noch jung und besaß ein einnehmendes Gesicht, das durch den gänzlichen Mangel an Bart etwas Weibisches erhielt. Er war ganz in weiße, schwer mit Gold gestickte Seide gekleidet und augenscheinlich etwas berauscht.

Neben John Wilmot ging Blood, „dieser vollkommene Bösewicht in Priesterkleidung“, wie ihn Rochester in seiner großen Satyre nennt, salbungsvoll blickend und zweideutige Witze mit großer Fertigkeit reißend. Blood hatte Antony Ashley Cooper, Grafen von Shaftesbury, dieser den Herzog von Buckingham am Arm. Letzterer war ein vollendeter Hofcavalier, der würdige Freund Lord Rochesters.

Nie waren diese Herren ernst, als wenn die Guineen anfingen zur Neige zu gehen. Da sie jetzt ungeheuer ernst waren, so mußte in ihren Börsen oder vielmehr in der Börse des Königs totale Geldebbe eingetreten sein.

– Alles ist zu Ende! sagte Carl II. zu John Wilmot, welchen stets das Geschäft traf, den weiten Schlund von Zeit zu Zeit zu füllen, welcher die Chatouille des Königs hieß. Wir haben nichts, als Unsern Brillantring hier am Finger, und doch müssen Wir Geld haben  . . .

– Die goldene, mit Diamanten verzierte Kapsel, in welcher das Bürgerdiplom von London für Eure Majestät eingeschlossen war, hilft über einige Schwierigkeiten hinweg, sagte Rochester.

– Ach, diese phantastische Idee des Lordmayours war zu komisch, flüsterte der König. Wir haben die Kapsel daher ihr gegeben . . .

– Der Herzogin von Portsmouth? rief John.

Carl nickte und Rochester summte das Lied: <tt> „Go away my Wealth and fortune etc.“ </tt>

– Wißt Ihr verwünschten Vampyre, fragte Carl jetzt sehr finster, wieviel Ihr mir binnen acht Tagen verschlungen habt?

– König Carl, sagte der Bischof Blood, welcher ihn am unverschämtesten bestahl, ich habe seit vier Wochen gefastet.

– Dafür hast Du gestern auch eine Mahlzeit von sechstausend Pfunden gethan! erwiderte Carl  . . .  Deine Schulden, Mylord John, habe ich bezahlt und, Christi Blut! welche Schulden! . . . Shaftesbury, Gott wolle Dir gedenken, was Du mir für Deine vier römischen Feste in Ashley-House abgepreßt hast. Ich glaube, Cooper, Du bist der schändlichste, leichtfertigste Patron in Unserm Königreiche.

– Mit Eurer Majestät Erlaubniß, antwortete der witzige Shaftesbury, wenn Sie von Ihren Unterthanen reden, glaube ich selbst, daß ich es bin, ohne jedoch Lord John damit zu nahe zu treten.

– Und du, Buckingham, fuhr Carl fort, Du hast mir Gelb geliehen, aber Du hast mich im Spiel betrogen, hast, als ich Dir meine Karte übergab, auf dieselbe, auf meine Rechnung, fünfzehnhundert Guineen an Blood verspielt, um nachher die Beute mit ihm zu theilen . . . Was kann ein König, von solchen Haifischen umlagert, thun? Verdient Ihr nicht, daß ich Euch in den Tower sperren, oder besser, auf offenem Markte henken lasse?   Schafft mir jetzt mein Geld wieder: ich rathe es Euch! Alles, was das Parliament zur Ausrüstung meiner Flotte bezahlte, habt Ihr verschlungen . . .

–Der keusche, fromme, kluge Carl ist zu bescheiden! erwiderte Rochefter hämisch.<ref> Worte der berüchtigten Satyre Wilmots:  „Die Geschichte der Albernen“.</ref>

– England ist wehrlos . . . Wenn van Gent, Ruyter und de Witt mit ihren siebzig Kriegsschiffen kommen: soll ich Euch Schurken hinstellen, um diese Niederländer von der Themse zurückzutreiben? Schafft mir Geld, oder die Holländer vom Halse, sonst geht’s Euch übel!

Blood und Shaftesbury hatten sich still fortgeschlichen.

– Wir werden Geld haben, Sire, und diese Holländer werden nicht kommen! sagte John Rochester endlich.   Gieb mir Vollmacht, König Carl, und unsere Engländer sollen keine holländische Flagge, wohl aber gute holländische Ducaten sehen.

– Willst Du nach Breda, um an den Friedensunterhandlungen Theil zu nehmen? fragte Carl.

– Segne mich Gott, daß ich mich nicht in diese ehrwürdige Gesellschaft mische! rief John.   Ich gehe in vertraulicher Sendung zum Rathspensionair Cornelius de Witt zum Haag, verspreche ihm, was Du willst, und borge von ihm so viel Geld, als Du bedarfst.   Es kommt England ja, beim Kreuz! auf einige schlechte Inseln und so weiter nicht an!

Carl schämte sich anfangs, willigte aber dennoch, leichtfertig wie er war, in Rochesters abenteuerlichen Plan ein. Lord John, dem das Extravagante desselben im Herzen kitzelte, erklärte, keine Minute säumen zu wollen, sondern sich, und wenn es in dem seidenen Ballkleide sei, sofort zu dem holländischen Rathspensionair zu begeben. Carl gab ihm ein Handbillet und <tt>carte blanche,</tt> und John bog das Knie, um sich feierlich zu beurlauben.

Bereits aber hatte Rochesters Ernst dem bleichen Könige zu lange gedauert. Er ward unruhig, dann sagte er in seinem leichtfertigen Tone: Aber Du wirft doch, bist Du in Holland, an Unsere <tt>petits plaisirs</tt> denken, John?

– Ohne Zweifel, Majestät! Ich werde nämlich nicht zurücklehren, ohne Euch die schönste Dame Hollands vorzustellen.

– Du bist bekanntlich mein Fanfaron! rief Carl aufgeweckt.   Aber hältst Du Wort, so wollen Wir Dich königlich belohnen.   Machst Du den Frieden und bringst Du Uns Geld und führst Du die Schönste Hollands nach Whitehall: so sollst Du zum ersten Herzoge Englands nach dem Kronprinzen ernannt sein.

– Die Sache interessirt mich! bemerkte Buckingham.   John ist der Mann, sie anzugreifen; aber ich  wette tausend, nein, zweitausend Pfund Sterling, daß er nichts, gar nichts ausrichtet, sondern gegentheils Alles verdirbt, was zu verderben ist . . .
– <tt>Well!</tt> rief Rochester im Abgehen.   Wir werden ja sehen!  <tt> Dieu et mon bonheur, pas mon droit!</tt>   Buckingham, auf die Versprechung des geizigen Königs Carl rechne ich nicht; aber Deine zweitausend Pfund, Bothwell, sind, wie die Seele eines Juden, verloren! <tt>Fare well! </tt>

Einige Tage später landete John Wilmot im Haag und begab sich sofort zum Palaste des Rathspensionairs.

Cornelius de Witt, ein hagerer, eiskalter Holländer, wußte zuerst nicht recht, was er aus dem beweglichen, zierlichen John Wilmot machen sollte. Er schien nicht zu begreifen, daß man einem solchen Hasenfuße eine höchst wichtige, vertrauliche Mission hatte übertragen können, die dem Unterhändler durchaus freie Hand ließ. Rochester indeß wußte den Seemann dennoch mit bekannter Kunst einzunehmen, und obwohl de Witt vorsichtig nur einen Schritt nach dem andern in der Unterhandlung weiter ging, so gestand sich John Rochester dennoch entzückt, daß diese Viertelstunde mehr Resultate als die dreimonatlichen Berathungen der zu Breda streitenden Diplomatie aufzuweisen habe. Rochester, der feilste Höfling, war dennoch, dem gesunden Kern seines Wesens nach, ein durchaus republikanischer Geist, wie die meisten seiner Gedichte bezeugen. Wie hätte de Witt dem interessanten, geistreichen Taugenichts<ref> Rochester hatte wirklich den corrumpirt-italienischen Spitznamen: <tt>Tunnicotto! </tt>   Thunichtgut!</ref>  widerstehen können, als derselbe declamirte: „So lebe denn wohl, geheiligte Majestät! Alle Tyrannen werden in den Staub zu Füßen des Thrones gestürzt werden! ''Wo Menschen frei geboren sind und noch frei leben, da ist jedes Haupt ein gekröntes!<ref> Schlußstrophe der Satyre: „Die Wiedereinsetzung.“</ref>

– König Carl will Geld! war der Refrain des Lords.

– Holland will Land und Leute in Bengalen,  Bahar und Crixa, sammt Aufhebung der Monopole, und dann fordere König Carl II. was er will; wir bezahlen! erwiderte de Witt. Wir sind also der Hauptsache nach einig . . .

Einige Minuten später waren die beiden Männer jedoch aufs Heftigste entzweit. Rochester nämlich konnte sich immer nur eine Zeit lang vernünftig benehmen, dann brach sein Leichtsinn, seine Leidenschaftlichkeit, sein liederliches Wesen nur desto stärker hervor. Lord John war nur allzulange vernünftig gewesen; der Vulkan bedürfte einer Eruption. Es fehlte blos noch eine Gelegenheit, damit die verderbliche Seite des Lords sich in ihrer vollen Ausdehnung geltend machte. Unglücklich genug zeigte sich diese, als John Wilmot die Gemächer des Rathspensionairs verließ, eben in dem Augenblicke, als der Cavalier sich mit großer Selbstzufriedenheit, mit wahrem Vergnügen gestand, daß er gegen den ehrwürdigen Holländer sich excellent und als ein ganzer Mann benommen habe.

Rochester ging die mit prächtigen Gemälden gezierte Gallerie hinab, da öffnete sich eine Thür zu seiner Seite; schwere Seide rauschte, und die Secunde darauf stand unmittelbar vor dem Engländer eine Dame von solcher bezaubernden Schönheit, daß Rochester, unfähig, einen Schritt vorwärts zu machen, wie eine Bildsäule stehen blieb. Hoch und schlank von Wuchs war diese Niederländerin ein vollendetes Weib von etwa zweiundzwanzig Jahren, mit strahlenden, sehnsuchtsvollen, blauen Augen, mit dem reizendsten, zum Herzen sprechendsten, von prächtigem, krausem Blondhaar umgebenen Antlitze von der Welt.   Sie betrachtete den schönen Engländer einen Augenblick, wie es schien, nicht ohne Wohlgefallen, dann grüßte sie ihn mit offenem Lächeln. Dieses Lächeln hatte aber noch gefehlt, um Lord John um den Verstand zu bringen. Der Eindruck, welchen die Dame auf den leidenschaftlichen, wüsten Hofmann machte, ward so stark, daß sich Rochesters Gesichtsfarbe veränderte; sie ward bleich, während seine braunen Augen zu blitzen begannen. Er trat rasch auf die junge Dame zu, ergriff ihre schöne Hand, stammelte einige Worte und preßte einen langen Kuß auf ihre Finger. Rochester bemerkte gar nicht, welche Anstrengungen die Schöne machte, um sich ihm zu entziehen; er besann sich erst, als die Bestürzte mit lauter Stimme nach ihren Dienern rief, um sich von dem Ungestümen zu befreien. – In der Minute darauf stand Cornelius de Witt vor dem Engländer, welcher inzwischen auf die Kniee niedergesunken war, der Rathspensionair ergriff die Dame am Arme, befreite sie von dem Lord und stand, heftigen Zorn in jeder Miene zeigend, dem Unbesonnenen gegenüber.

– Ihr seid kein Cavalier! rief de Witt außer sich. Ihr seid ein Elender! Entfernt Euch auf der Stelle und verlaßt das Land, dem Burschen Eures Gelichters nur Schande und Schmach bringen können! Verweilt Ihr, der Ihr Euch Graf Rochester nennt, auf holländischem Gebiete noch vierundzwanzig Stunden, so lasse ich Euch aufknüpfen!

John hatte inzwischen seine Fassung wiedergewonnen. Er warf noch einen Blick auf die eben am Ende der Gallerie verschwindende Dame, sandte ihr Kußfinger hinüber, hing sein Schwert nachlässig zurecht und verbeugte sich vor dem Niederländer mit höhnischem Lächeln.

– Ich bitte um Verzeihung, guter Freund, sagte er abgehend; ich hatte vergessen, daß ich mich im Lande der Wallrosse und Seehunde befinde, die natürlich noch keine Galanterie studirten. Uebrigens versichere ich Euch, mein ehrenwerther Mynheer, daß mich weder Eure Stricke noch Eure Schwerter abhalten sollen, mich hier so gut als möglich zu unterhalten . . .

John reisete nicht ab, indeß hielt er es für gut, sich zu verbergen. Er war fest entschlossen, nicht von dannen zu gehen, ohne sich der königlichen, schönen Dame im Palaste de Witts bemächtigt zu haben. Er unterhielt sich mit seiner dicken Wirthin und erfuhr, daß diese keine andere, als Minna de Witt, die Tochter des alten Helden selbst gewesen sei. Wie aber sich ihr nähern? Rochester, der Vielgewandte, brachte durch seine Fragen heraus, daß sich in dem Fischerdörfchen am Strande, jetzt das reizende Scheveningen, eine Frau befinde, welche die ausgezeichnetste Geschicklichkeit besitze, heimliche Liebschaften und Rendezvous zu vermitteln. An demselben Abende stand Rochester vor der niedrigen Hütte des Weibes und trat bei ihr ein. Er fand eine alte, ungewöhnlich schlau blickende Sibille, Mara mit Namen, eine Jüdin, die außer sonstigen mystischen Künsten sich vortrefflich auf das Kartenschlagen und auf das Wahrsagen aus der Hand verstand.

– Wen willst Du sehen und sprechen? fragte die alte Hexe.

– Minna de Witt!

Mara schlug die Hände über die Brust und schwieg unverbrüchlich. Rochester hielt es für nothwendig, ihr durch eine Banknote die Sprache wiederzugeben.

– Gut, sagte sie. Du bist ein Edelmann und zwar ein englischer; nimmer noch habe ich so viel Geld auf einmal in der Hand gehabt, als heute Abend. Zur Gehenna denn mit dem armen Capitain Brakel, der mir kaum noch für ein Glas Tafia bezahlt hat.

Jetzt folgte ein Geständniß der Jüdin.

Minna de Witt unterhielt schon seit längerer Zeit ein zartes Verhältniß mit dem Seecapitain Brakel, einem tapfern, kenntnißreichen Offizier, dem aber der alte Cornelius de Witt, eben seiner niedern Herkunft und seiner Armuth wegen, von ganzem Herzen abgeneigt war. Diese Abneigung hatte sich in tödtlichen Haß verwandelt, seit der Seemann seine Augen auf die Tochter des Rathspensionairs zu werfen gewagt hatte. Mara war die Zwischenträgerin, der <tt>Postillon d’amour </tt> gewesen; hier in dieser Hütte sah die liebliche Niederländerin oft den Geliebten, ebenso oft schlich sich die Jüdin nach dem Palaste, um der schönen Minna de Witt Nachrichten zu bringen, oder um ihr die Karte zu schlagen, wo sich der von den Wogen geschaukelte Freund ihres Herzens befinde und wann endlich das Glück die Thränen dieser Liebe verwischen werde.

John Wilmot konnte sich bei dieser Nachricht kaum enthalten, die Alte zu umarmen. Sie mußte sich neben ihn setzen und Beide fingen einen Plan zu besprechen an, welcher darauf hinaus lief, daß Rochester Minna de Witt noch in dieser Nacht entführen, auf sein Rennschiff bringen und mit ihr nach England unter Segel gehen wollte. Der Don Juan schrieb, als ihm Mara die Handschrift Brakels zeigte, einen Brief an die Schöne, in welcher er möglichst genau des Holländers Schriftzüge nachbildete, und worin er dieselbe um eine Zusammenkunft beschwor.

Mit diesem Briefe machte sich die Jüdin, einen weiten schwarzen Ueberwurf umschlagend und ihren Krückenstock in die Hand nehmend, auf den Weg nach de Witts Palaste.

Rochester, seinen Mantel hoch hinaufschlagend, folgte ihr und blieb an den Blumengärten vor einer Seitenpforte, harrend des Ausganges, stehen. Die Jüdin schlüpfte mit großer Gewandtheit an der Mauer fort und kam in den weiten Corridor, auf welchen Minna’s Zimmer mündeten. Lautenklänge tönten aus der geöffneten Thür; hinter einem aufgeschürzten Vorhange, mit dem Rücken nach dem prächtigen Kamine gewandt, an welchem eine liebeathmende Devise des alten Horaz sich zeigte, saß Minna, halb über einen Tisch gelehnt, und sang eines der sanften Liebeslieder Italiens. Minna war reizender als je. Das Haar war mit Perlen durchflochten, eine Robe von weißem Atlas und ein kurzes Oberkleid, welches oben nachlässig verschoben war und den schwanengleichen Busen zeigte, ließen ihre Schönheit, den reinen Glanz ihres Nackens und ihrer halbnackten Arme strahlender als je erscheinen.

Als Mara erschien, legte sie rasch das Notenbuch und die Laute auf den Tisch und streckte nach dem Brief beide Hände aus. Sie zitterte, sie legte die Hand auf die Augen; sie war so bewegt, daß die Alte heimlich über ihre Besorgniß lächelte: Minna möge entdecken, daß Niemand weniger als Capitain Brakel der Schreiber dieser Zeilen sei.

– Ich soll ihn also sehen! flüsterte Minna, die Hand auf das pochende Herz legend. Und dennoch, warum bin ich heute Abend so beklommen, so unruhig? Welches Unheil droht mir oder dem Geliebten? Meine Zukunft ist finster; ich lebe wie in einem Gefängnisse, und bange vor der nächsten Stunde.

– Zeige mir doch Deine Hand, schönes, stolzes und doch so furchtsames Mädchen! bat Mara schmeichelnd, indeß sie sich der Linken Minna’s bemächtigte.

Nachdem sie dieselbe aufmerksam geprüft, sagte sie, einen Schritt zurück und hinter den Tisch tretend, indeß Minna, den Kopf mit der Hand stützend, sie träumerisch anblickte:

– Merk’ Dir’s, Schönste, Dein Zagen und Zaudern muß aufhören. Bist Du nicht des kühnen Cornelius de Witt Tochter? Und Du wolltest keinen, der Kühnheit Deines Vaters würdigen Entschluß fassen können? Hier in Deiner Hand steht klar geschrieben: Du wirst nimmer glücklich, bevor Du nicht entführt wirst. Laß Dich entführen, Minna, heute Nacht noch, und Deine Sehnsucht nach Liebe und Heirath ist erfüllt! Folge mir; der Capitain erwartet Dich!

– O, nie werde ich dies eingehen! flüsterte Minna. Aber obgleich sie zauderte, so schlug sie doch den Mantel um und ging, zwar bebend aber doch entschlossen, der verschmitzten Wahrsagerin nach. Vor der Pforte empfing sie Rochester.

– Ruhig! murmelte dieser, vor innerer Erregung noch heftiger als Minna zitternd. Capitain Brakel und ich sind Kameraden. Nur muthig voran!

Minna preßte den Brief in ihrer Hand; sie bekam dadurch wieder Muth: – Er erwartet Dich! sagte sie leise.

Am Strande von Scheveningen aber erwartete sie nicht der Geliebte, sondern acht kräftige Matrosen von London, deren Boot auf den kurzen Wellen am Gestade tanzte. Auf Johns Befehl ergriffen diese die junge Dame und trugen sie in das Boot, während Rochester die alte, ziemlich erstarrte Mara mit einem Faustschlage betäubt zu Boden streckte, damit sie nicht etwa zu frühzeitig Lärm mache. Dann lief John bis an den Gürtel ins Wasser, stieg ins Boot, befahl zwei straffen Burschen, die schöne Beute rücksichtslos festzuhalten, und nahm das Steuer. Einige Minuten später lag das Boot neben dem schlanken Yachtschiffe König Carls II.; die Mannschaft brachte die Niederländerin an Bord und führte sie unter Rochesters Beistande in die Cajüte. Dann ward der Anker gelichtet und der Abenteurer stach, außer sich vor Entzücken, in See. Noch aber war der Morgen nicht angebrochen, da segelte eine niederländische Fregatte heran und sandte über die Mastspitze des englischen Schiffes eine Kanonenkugel. John Wilmot befahl dem Capitain beizulegen. Die Holländer kamen heran; auf dem Verdecke der Fregatte zeigte sich ein stolzer, bärtiger Seemann, welcher die Engländer zu examiniren begann. Minna war bis jetzt in die Ruhe der Verzweiflung versunken gewesen. Sie hatte sich eines Hirschfängers bemächtigt und dem Grafen geschworen, sich damit zu durchbohren, wenn er wagen würde, sich ihr zu nähern. Jetzt aber, bei der Stimme des holländischen Capitains gerieth sie außer sich. Sie schleuderte Rochestern, der ihr den Weg versperrte, zur Seite, blickte aus der Stückpfortenluke und rief:

– Moritz! Moritz! Rette mich; ich sterbe!

Der Capitain schien sie zu erkennen; er rief; er drohte; er befahl den Engländern beizulegen; aber das Examen war beendigt, das Rennschiff war wieder unter Segel und Rochester lief zu Deck, damit alles Leinen ausgespannt werde, um der Fregatte zu entkommen. Die Yacht erhielt einige von den vielen auf sie abgefeuerten Kanonenschüssen, gewann aber bei Wind und Wasser Raum und ließ die Fregatte hinter sich. Capitain Brakel signalisirte zur Rhede hin und setzte seine Lantsche aus, um van Gent Rapport zu geben, dann machte er Jagd auf den Engländer.

Cornelius de Witt aber ging bei der furchtbaren Nachricht vom Verschwinden seiner Tochter sofort unter Segel, zog Ruyter an sich und erschien dicht hinter dem Capitain Brakel, welcher Rochestern vergeblich verfolgt hatte, vor Koningsdiex, dann in der Mündung der Themse und zwar mit sechs Kriegsschiffen. Brakel erreichte Rochesters Yacht vor Sheerneß; der Graf kam schwimmend ans Land, während der Holländer das Schiff und seine stolze, kühne Geliebte nahm. An ihrem Arme betrat Moritz Brakel das Verdeck des Cornelius de Witt, welcher dem Braven um den Hals fiel und in der Freude seines Herzens rief:

– Du hast sie zu guter Prise gemacht, Du hast sie den Händen dieses Bösewichts entrissen: Minna de Witt sei die Deine . . .

König Carl und Buckingham und Shaftesbury waren zu Sheerneß, als der Graf Rochester, triefend wie eine Meerkatze, aufs Schloß kam. Das Bombardement begann soeben und Carl II., kein Freund von dergleichen Spielen, war im Begriff, sich mit seinen Begleitern und Dienern in die bereitstehenden Kutschen zu werfen.

John erschien.

– Wo ist der Friede? rief ihm Carl wüthend entgegen, auf eine über den Schloßhof in weitem Bogen hinsausende Bombe zeigend.

– <tt>Ah, Devil! </tt> rief Rochester.

– Wo hast Du die Dukaten der Holländer, Bajazzo?

– König Carl, höre mich doch! rief Rochester, während Buckingham unmäßig lachte.

– Wo ist die Schönste der Schönen Niederlands? rief Carl abermals.

– Das war’s eben! erwiderte Rochester. Und hätte ich nur gesiegt in dem einen Punkte, so wollte ich ruhig sterben . . .

– Fahr zu, Kutscher! rief der König, und die Wagen rollten fort, indeß der triefende Rochester allein stehen blieb.

Hierauf machte John die furchtbare Satyre: ''„Die Wiedereinsetzung, oder die Geschichte der Albernen“'' gegen König Carl, weshalb er auch lange Zeit in Ungnade fiel.

Die Holländer aber kamen bekanntlich bis Upnore hinauf. Brakel war derjenige, welcher über die bei Medway über den Fluß gespannte Kette segelte und eine Fregatte eroberte.

Nach der Heimkehr der Flotte in den Texel verheirathete sich der Capitain mit der Geliebten. Minna de Witt aber ließ sich zum Andenken an den von der Wahrsagerin herbeigeführten Umschwung ihres Lebens sammt der Jüdin, die dennoch richtig prophezeihte, in eben der Situation malen, welche dem Augenblicke ihres Scheidens aus dem väterlichen Palaste vorherging.
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===Die Madonna mit dem Kinde. Von Murillos.===

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Die an Poesie und Romantik reiche iberische Halbinsel nimmt in dem glänzenden Reigen der Malerei eine nicht unwichtige Stellung ein.

Der hellleuchtendste Stern unter den Heroen der spanischen Malerschule ist zweifelsohne derjenige des ''Bartolomeo Esteban Murillos.'' Dieser Fürst der spanischen Maler ward im Jahre 1618 zu Sevilla geboren. Er erhielt die erste Anweisung zum Zeichnen von einem Verwandten, Juan del Castillo, und suchte sich, nur unvollkommen vorbereitet, selbst weiter auszubilden. Schon hierdurch legte er, obgleich er im Style der Florentiner, welcher damals in Spanien herrschte, arbeitete, den Grund zu der naturwahren Originalität, die uns vor seinen Werken fesselt. Murillos beabsichtigte, hingerissen von der Kunst Anton van Dyk’s, welcher damals in London wirkte, eine Reise nach England, um sich unter der Aegide dieses Meisters in Zeichnung und Colorit auszubilden; es traf jedoch die Nachricht von dem frühzeitigen Tode des großen Niederländers ein und Murillos begab sich nun im Jahre 1643 nach Madrid, um hier die Werke Van Dyk’s und diejenigen des Rubens, Tizian’s und Anderer zu studiren. Er copirte unter der Leitung seines berühmten Landsmannes und Freundes Velasquez viele Gemälde derselben, schloß sich aber in seinem Wirken an die breite, große Manier des Velasquez und des Ribera an. Aus dieser Periode stammen viele seiner Heiligenbilder, wodurch er sich bei seinen Studien Unterhalt verschaffte. Viele dieser Stücke gingen nach Amerika und auch sie verrathen schon die große Meisterschaft des Malers. Nach zwei Jahren kehrte Murillos nach Sevilla zurück, wo er nach vielen Anstrengungen 1660 eine Maler-Akademie gründete, welche sich sehr bald in Spanien und auch im Auslande Achtung verschaffte und von dem bedeutendsten Einflusse für den Aufschwung der spanischen Kunst wurde.

Von 1670–80 malte Murillos die acht großen Bilder der Werke der Barmherzigkeit. Sie waren für die Kirche des Hospitals San Jorge de la Caridad bestimmt. Die Aufträge des Klosters der Capuziner und der Kirche de los Venerables begeisterten Murillos zu ferneren großartigen Schöpfungen. Es sind diejenigen Gemälde, welche er in dieser Zeit schuf, seine ausgezeichnetsten: fast alle sechsundvierzig Bilder, welche die königliche Gallerie in Madrid von Murillos besitzt, entstanden während dieser Glanzperiode des Meisters.

Ebenfalls wurde damals das wunderbar schöne Gemälde welches eine der Hauptzierden der königlichen Gallerie zu Dresden ist, eine Madonna mit dem Kinde, von Murillos vollendet.

In dieser Madonna zeigt sich der Charakter des Genies des Murillos in seinem edelsten, reinsten Glanze. Zwar ist Murillos in seinen dem vollen, ächt nationellen Leben angehörenden Genrebildern, wie in dem berühmten Gemälde der beiden Betteljungen in der Münchner Pinakothek, von eigenthümlicher Poesie und er erreicht dadurch eine Wirkung, die, den Italienern unerreichbar, über das Genre eigentlich weit hinausgeht. Dennoch ist der durchweg edle Naturalismus Murillos’ selbst in Gemälden, wie das genannte, noch nicht auf die höchste Stufe gestellt, welche der Maler erreichen konnte. Diese Stufe ist in seiner Madonna wirklich erstiegen: es ist diejenige, wo der Naturalismus, die Charakteristik, zur Schönheit im wahren Sinne durchgedrungen ist. Bewirkt Murillos durch die edelste Klarheit seiner Formen das reinste Wohlgefallen, so fesselt er dagegen unwiderstehlich durch sein Colorit, durch die Harmonie seiner Tinten in welcher Kunst er die meisten Meister der italienischen Schule hinter sich zurückläßt. Durch diese Technik, welche, stets originell, den Beschauer fesselt, schleudert er in die Seele desselben dieselbe romantische Glut, die seine Werke fast ohne Ausnahme athmen. Diese Empfindung ergreift das Gemüth im hohen Grade vor seiner Madonna mit dem Jesuskinde . . . Sie ist irdisch wahr! aber dies irdische, der festen, lebenglühenden Erde angehörende Gefühl ist so edel menschlich, es entzückt uns so sehr, daß Menschen von vollendeter Bildung, sofern sie die heiße, ergreifende Romantik nicht kalt verneinen, sicherlich in Zweifel sein werden, ob sie der poesiereichen Madonna Murillos’, dieser göttlichen Tochter der Erde, oder den klar-idealistischen Himmelsköniginnen des Rafael den Preis zuerkennen sollen.

Es ist bekannt, daß die Hauptstadt Aragons, das berühmte Zaragoza, in der Kirche der <tt>„Nuestra Sennora del Pilar“</tt> (Unser lieben Frau zum Pfeiler) ein wunderthätiges Marienbild besaß, das auf einer Säule von feinem Jaspis stand. Der unsterbliche Verfasser des Don Quixote, Cervantes, soll hier seine so ausgezeichnete Hymne auf die heilige Madonna componirt haben. Aus dieser Hymne, welche ein herrliches Zeugniß für den gläubigen Sinn und die begeisterte Andacht des Dichters sowohl, als des ganzen spanischen Volkes ablegt, waren drei Strophen unter dem Bilde unserer Madonna mit dem Kinde angebracht, so lange dasselbe im Besitze Ludovico Haro de Guzman’s, Grafen von Olivarez, Neffen des großen Ministers, war.

Diese drei Strophen, in der Ursprache von wundervoller Schönheit, theilen wir hier mit; denn sie bilden eine herrliche dichterische Folie zu dem Gemälde Murillos’ und sind zu gleicher Zeit ein getreuer Spiegel der Ideen, welche das „allerchristliche“ Spanien bewegten.
<poem>
„Gerechtigkeit und Gnade sind verbündet 
In dir, o reinste Jungfrau, und sie haben 
Durch ihren süßen Friedenskuß verkündet 
Den nahen Herbst, das Füllhorn aller Gaben. 
Des Aufgangs, der die heilige Sonn’ entzündet, 
Aurora, kommst Du, jeden Blick zu laben; 
Des Frommen Jubel und des Sünders Hoffen
Zeigst Du nach Sturm und Nacht den Himmel offen. 

„Du bist die Taube, droben hergesendet 
Vom Anbeginn, bist die als Braut geschmückte, 
Die reines Fleisch dem ew’gen Wort gespendet, 
Die uns mit Heil und Segen stets beglückte. 
Du bist der Arm des Herrn, der abgewendet 
Das strenge Messer, welches Abram zückte, 
Und uns zu des wahrhaften Opfers Flamme 
Begabet hast mit dem unschuld’gen Lamme. 

„Gedeih und bringe zeitig, schöne Pflanze,
Die Frucht, die das Gemüth mit Hoffnung weidet.
Zu tauschen jene Trau’r mit Feierglanze,
Die seit dem großen Fall es gleich umkleidet.
Der unermeßliche Tribut für’s Ganze,
Der, dessen Lösung einzig ächt, entscheidet,
Wird ausgeprägt in dir; ja, göttlich Wesen,
Du bist zur Weltherstellerin erlesen!“
</poem>
Diese Madonna ist keine Moresken-Schönheit. Alt-Spanien, das edle, christliche, mit dem kastanienbraunen Haar und den gothischen Blauaugen, ist hier individualisirt.

Gesessen soll dem Künstler zu diesem Bilde Donna Maria Legañez, eine Verwandtin des Conquistadors von Tarragona, haben, und daß dieser, Graf Vasco Nunnez de Legañez, das unvermischteste germanische blaue Blut von ganz Castilien in den Adern trug, ist bekannt genug.

Behandlung und Colorit sind durchaus an dieser Madonna südlicher, feuriger Natur. Mit einem Worte, dies Gemälde Murillos’ ist eine von jenen Schöpfungen des Genies, welche, nimmer erklärbar, oder jeder Kritik ein neues, großes Feld der Betrachtung und der Phantasie eine unerschöpfliche Fundgrube darbietend, ewig neu bleiben und durch den Zauber ihres Schönheitsadels wie ein lichter Stern verklärend in das Leben mit seinen vielfältigen, nicht selten dunkeln und trüben Gestaltungen blicken.

Um die Skizze über den spanischen Meister zu vollenden, bemerken wir, daß außer der königlichen Gallerie zu Madrid auch die Vaterstadt Murillos’ viele ausgezeichnete Werke von ihm besitzt, so den heiligen Antonius von Padua in der herrlichen Kathedrale; daß ferner Marschall Soult in Paris von seinen Feldzügen in Spanien her manches kostbare Bild heimbrachte, wie auch das Louvre gegen 40 Werke von seiner Hand besitzt. In England trifft man ebenfalls eine nicht geringe Anzahl Murillos’scher Stücke, sie sind aber verstreut. Fürst Esterhazy bewahrt eben so wie die Gemäldesammlung in Wien einige Gemälde, meist aus des Meisters früheren Perioden.

Murillos starb zu Sevilla im Jahre 1682. Es geht in Sevilla eine Sage, der Maler sei im Hospital daselbst sterbenskrank in den dürftigsten Umständen angekommen und habe einige Tage Pflege genossen, ohne seinen Namen zu offenbaren.

In der Beichte, kurz vor seinem Tode, habe er sich jedoch genannt.

– Ich bin Murillos! hatte er dem Pater und den Aerzten zugerufen.

Als man daran gezweifelt, soll Murillos eine Kohle von dem Rauchfasse des katholischen Ministranten genommen und mit fester Hand die Umrisse eines sterbenden Christus-Kopfes an die Mauer gezeichnet haben. Hiernach sei der Maler gestorben.

Soviel ist indeß gewiß, dieser Christuskopf, mag er gezeichnet sein von wem er will, war so vorzüglich, daß man über denselben einen Glasschrank machte und ihn lange als eine seltene Reliquie zeigte.

==7. Heft.==
===Adrian von Ostade in seiner Werkstatt. Gemälde von ihm selbst.===

[[File:Gemäldegalerie Alte Meister (Dresden) Galeriewerk Payne 016.jpg|500px|center]]

Wie durch einen freundlichen Zauberschlag sind wir durch das Anschauen dieses Bildes um lange Jahre zurückversetzt und die alte Zeit der Blüthe niederländischer Malerei weht uns wie mit dem Athem des Lebens seltsam ergreifend entgegen.

Mit einer ähnlichen Empfindung, wie dieses Gemälde hervorruft, vermochte uns noch keines der zahlreichen Stücke, auf denen die Maler sich selbst darstellten, zu erfüllen. Der alte Rembrandt, welcher etwa fünfundzwanzig Mal seinen charakteristischen Kopf malte, kann uns namentlich durch das Bild, auf welchem er, seine Frau umschlingend, das blitzende Weinglas emporhebt, hinreißen. Metzu läßt sich in seinem Eigenbilde mit wahrer Gemüthlichkeit beschauen, und Mieris in seinem Atelier rückt uns die Außenseite dessen, woraus die strahlenden Blüthen der Kunst emporschossen, schon ziemlich nahe. Dennoch bleiben uns diese und viele anderer Maler noch fern; es liegt noch etwas Fremdes zwischen ihnen und uns; das bedeutungsvolle: <tt>Actum est! </tt> steigt bei uns aus dem Hintergrunde auf, und die Empfindung, welche wir erproben, hat einen größeren oder geringeren Beisatz von historischem Interesse.

Nichts von dem Allen vor Ostade’s Bilde. Dies ist Leben, volles, ganzes, und wir stehen durch das Gemälde mitten drin, und glauben den Pulsschlag desselben zu fühlen. Wir sind dem schaffenden Künstler so nahe gerückt, als möglich. Mit bewundernswerthester Meisterschaft hat sich Ostade so dargestellt, daß wir dicht an ihn hintreten können, um ihn aufs Vollkommenste zu belauschen. Unsere geschäftige Phantasie läßt eins der berühmten Bilder des Meisters nach dem andern unter dem Pinsel hervorschlüpfen; wir sehen uns um, gehen hinter dem Schemel des Künstlers hin, treten zu dem Fenster, wenden uns dann und mustern Alles; denn hier, in der Nähe eines Unsterblichen, ist Alles bedeutend. Fast vergißt man, daß man ein Bild sieht, so fesselnd wirkt das an die Heimath des Malers erinnernde deutsch Seelenvolle, in Verbindung mit der vollendeten Kunst des Meisters in der Ausführung. Bei aller Genauigkeit zeigt Ostade auch hier eine freie, kräftige Pinselführung, eine Perspective, welche nicht wahrer sein kann, vorzüglich aber eine höchst glückliche Beleuchtung. Was hier durch das herrliche Fenster fällt, ist wirklich Licht, und kaum mag man sich wegwenden und aufhören, die Partie vom Fenster bis zum rechten Fuße der Staffelei zu bewundern.
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===Aufbruch zur Jagd und Rückkehr von der Jagd. Von Philipp Wouwermann.===
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Eben hatte es vier Uhr geschlagen. Die herbstliche Sonne zögerte, sich zu zeigen. Chateau La Tour mit seinen stolzen Gebäuden, seinem paradiesischen Boccage und seiner ganzen reizenden Umgebung lag wie eine Perle im Grunde des Thales, von wallenden Nebelschleiern umschlungen. Ueber dem weitern Thale des provençalischen Adour lag in der Tiefe noch blaugraue Dämmerung; dicht über den Gruppen der Gehölze hin aber zogen schon flüchtig wie ein Gedanke schmale Streifen von matter Silberfärbung. Der Fuß des Gebirgszuges im Hintergrunde war von Nebelwolken verborgen; höher hinauf färbten sich die Berge mit sanfter, kirschrother Farbe, und oben um die reizenden Curven hüpfte und huschte schon ein morgenröthliches Flimmern, – Der Vorbote des jungen Tages.

Die tiefe Stille, welche über der Landschaft lagerte, ward plötzlich unterbrochen. Hoch oben von der Gallerie von Chateau La Tour, wo das Banner Heinrichs von Navarra, schwer vom Morgenthau, sich hob und kräuselte, schmetterten laute und krause Töne des Hifthornes über das Thal und den Strom und die Fluren.
<poem>
<tt> – Réveillez-vous, preux Chevaliers!
Réveillez-vous, Demoiselles!</tt>
</poem>
So tönte der Ruf des „Trompette“ in der Melodie der alten Fabliaux der Provence.

Ihm gehorchend ward’s auf La Tour lebendig. Zuerst stürzten die Garçons, die Pagen schlaftrunken hervor, liefen über den weiten Schloßplatz an der Parkmauer hin und eilten in die Pferdeställe oder in die eleganten Häuschen, wo die jetzt schon aus Leibeskräften kläffende Meute logirte. Die Thüren wurden aufgestoßen und die Rüden kamen, bösartig gähnend, zum Vorschein und fingen an langsam hin und her zu traben.

Jetzt wurden die Rosse herausgeführt. Sie schüttelten sich heftig und wieherten hell auf, während sie zum Striegeln und Putzen angebunden wurden.

Eines dieser Thiere war ein andalusisches; schöner war selbst der Lieblings-Schimmel des Béarners nicht. Es wollte sich von dem einen der Stalljungen durchaus nicht führen lassen.

Ein schlanker, entschlossen aussehender Mann von etwa 30 Jahren, der Stallmeister, trat rasch herbei.

– Was soll das Pferd hier?   fragte er sehr übellaunig.

– Putzen will ich’s, Maître Le Clou!   sagte der Bursche.

–Das hieß Dir Niemand, Coquin! Will dieser <tt>Sang de dieu,</tt> dieser spanische <tt>chien.</tt> sein Pferd blank haben, so putz’ er’s selbst!   Weg damit!

– <tt>Tant  mieux! </tt>    Meine Arme machen Euch ihr  ergebenstes Compliment,  Monsieur Le Clou!   erwiderte der Reitknecht.

– Daß Dir meine geballten Hände nicht ein fühlbares Gegencompliment machen! war die Antwort.

Die Stallknechte sahen sich bedeutend an: der Stallmeister war heute höchst „quer“ aufgestanden. Er ging mit einiger Heftigkeit, immer noch für sich brummend, über den grünen Platz und stieg die breite, rings mit Epheu umhangene Treppe hinan, die von hier aus in’s Innere des Schlosses führte.

Auf der Mitte der Treppe blieb er plötzlich stehen. Die Kräfte schienen ihm zu mangeln. – Ein reizendes Mädchen, augenscheinlich eine Zofe, kam ihm entgegen. Sie drückte sich halb ängstlich, halb widerwillig an das steinerne Treppengeländer, um vor dem Manne vorbeizukommen. Dieser aber erhob seine Hand und legte sie ihr auf den Arm. Das Mädchen stand sehr befangen still.   Dann aber schien sie unwillig zu werden.

– Le Clou, Ihr werdet mir doch den Weg nicht versperren?

– Le Clou sah ziemlich feierlich aus.

– Mademoiselle Jeanneton! sagte er, tief aufseufzend.

– <tt>Eh bien! </tt>

– <tt>Ah! vous, si vous m’aimas un pau </tt>. . .

<tt>Plaignis m’un pau, preccaire</tt> . . .  murmelte Le Clou. 

Jeanneton schien gerührt zu werden.

Was habt Ihr an diesem Spanier, Mädchen? fragte Le Clou aufgebracht.   Er liebt Dich nicht,  wird  Dich nicht lieben; denn   dieses finstere Gemüth kann nur hassen.   Warum findet die Stimme meines Herzens in dem Deinigen kein Echo mehr?   Warum, Leichtsinnige, Verblendete, bist Du mir, Deinem aufrichtigsten Freunde, fremd geworden?

– Ah!    Monsieur Le Clou, Ihr seid sehr gebieterischer Laune!    Indeß  gehöre ich, Gottlob!  nicht zu den Leuten, denen Ihr etwas zu befehlen hättet. <tt>Adieu! </tt>

Le Clou kämpfte einen Augenblick mit sich. Er schien geneigt zu sein, die schlanke Taille der braunäugigen Zofe zu umfassen und mit ihren frischen Lippen in interessante Beziehung zu treten. Dann aber schob er den Hut aus den Augen und sah sehr impertinent, ja drohend aus.

– Demoiselle! sagte er sehr maliziös. Hütet Euch; ich sage es. Ihr habt Eure Neigung einem erzkatholischen, perfiden Schufte zugewandt, der nur anfangen darf, durch die That seinen Herzensgedanken Luft zu machen, um sofort das Viertheilen ehrlich verdient zu haben. Versteht Ihr mich? Ich warne Euch! Laßt Euch zu keinem Werkzeuge der Italiener und der Guisen gebrauchen, <tt>mordious! </tt> Ihr wäret einfältig genug, um auf Anstiften Eures spanischen Schurken, oder – ich kümmere mich nichts um das Wort – auf Anstiften Seiner Hochwürdigkeit, des edlen Herrn Erzbischofs von Luçon – <tt>Sang de dieu! </tt> – den König sammt der gnädigen Frau wie Ratten zu vergiften.

Jeannette schlug die Hände zusammen und ward vor Bestürzung schneebleich.

– Ah! Le Clou, Ihr sprecht mit einer Hugenottin . . . konnte sie blos stammeln.

– Einer Hugenottin mit einem katholischen Liebhaber, das heißt, mit einem katholischen Herzen . . .

– Das ist keine Sünde; auch der König ist katholisch geworden . . .

– Aber er hat <tt>la belle France</tt> dafür erhalten, armes Mädchen . . .

– Und wenn ich nun ein Herz erhielte, welches für mich denselben Werth hätte? fragte Jeanneton, an ihrer Schürze zupfend.

– <tt>Ah bah! </tt> macht Le Clou und geht brusque an dem Mädchen vorüber.

Sie wartet einen Augenblick; sie will augenscheinlich den schönen Picardier zurückrufen; dann aber erwacht ihr Stolz. Sie wirft das Trotzköpfchen stolz zurück; ihre Oberlippe kräuselt sich und sie geht festen Schrittes die Treppen hinunter, indeß der Stallmeister wie der Blitz nach oben eilt.

Oben auf der ersten Gallerie oder besser Terrasse, denn sie lehnt sich an den Wall und ist sehr breit, kommt dem Stallmeister ein dicker Priester entgegen. Er trägt die Kleidung eines Erzbischofs. Um sich zwischen den vielen Ketzern möglichst wichtig zu machen, hat er sich bereits in Ornat geworfen; es fehlen diesem, mit dem weißen Meßrock Prangenden, nur noch einige Stücke, und die <tt> „grande Tenue“</tt> ist complet.

– <tt>Pax vobiscum! </tt> näselt der Priester.

– Geh zum <tt>Diantre! </tt> murmelte Le Clou.

Aber heute hat sich gegen ihn Alles verschworen. Einige Schritte weiter kommt sein eigentlicher Busenfreund, Don Diego Lascara, der Spanier. Er ist schlank, klein; muß aber dennoch ein gefährlicher Nebenbuhler genannt werden; denn sein gelbbräunliches Gesicht ist regelmäßig und schön geformt; seine Augen, tief, düster, blitzen wie Fackeln in der Nacht; sein schmerzlich gezogener Mund ist geradezu zum Lächeln und Küssen eingerichtet. Le Clou wartet nur auf einen Gruß, um dem Spanier eine Grobheit durch „den Magen zu bohren“, wie die cavaliere Phrase damals lautete; aber Lascara sieht seinem Freund starr an, als wäre er ein Sandsteinpfeiler, und geht weiter. Indeß Le Clou zum Könige läuft, erreicht Lascara den Bischof.

– So früh schon, mein Sohn? fragt der Priester mit einem eigenthümlich lauernden Blicke. Ich dachte, nur ''wir'' mieden schlaflos und zeitig das weiche Lager.

– <tt>Por la santa Madonna! </tt> Willst Du spotten? fragte Lascara mit zornigem Blicke. Freust Du Dich über das Ding, was Du aus mir gemacht hast? Keine Ruhe, weder Tag noch Nacht; die Hölle . . . Weißt Du, Priester, daß Eure berühmte Hölle Marionettenspiel gegen das ist was ich empfinde . . .

– O, der Brausekopf! sagte der Erzbischof, seine fatale Miene zu einem Lächeln verwandelnd. Aber so, . . . ja, aber so ist die Jugend . . .

– Was hat das mit mir zu thun? So bin ''ich,'' Don Jose Diego de Lascara; aber sicherlich werde ich keinen Tag länger so sein. Hört Ihr, würdigster Herr Erzbischof? Menschenkräfte sind gemessen! Die meinigen gehen schon bei dieser ewigen Spannung zu Ende. Es sind jetzt 11 Tage, und immer hieß es: Morgen! Morgen! Ich sage Euch, meine Kraft reicht vollkommen für meinen Zweck und Euern Wunsch und Plan; das ist’s aber all. Diese Kraft brauche ich sämmtlich; ich habe nicht etwa hundert Mal mehr aufzuwenden, als nöthig . . .

– Aber was heißt das? fragte der Prälat.
– Vamos! Sennor! Das wißt Ihr sehr wohl. Klar aber: was geschehen soll, geschieht heute, oder durch meine Hand nimmer! Sehr einfach deshalb: weil ich morgen, da ich durch die zehnmalige Vollbringung der That in der Einbildung auf’s Aeußerste abgespannt bin, weder Muth, Sicherheit noch Willen mehr haben werde.

Der Bischof ward sehr unruhig. Dann zog er den Spanier dicht zu sich und flüsterte mit ihm.

– Du gehst also, Vater? fragte der junge Mann. 

Der Bischof nickte. 

– Und bringst mir Deinen Befehl und Segen?

– <tt>Quien sabe? </tt> murmelte Luçon achselzuckend und ging.

Dicht neben den beiden Menschen hatte Jeanneton unter dem Epheu gekauert. Ihr Herz hatte sie getrieben, dem alten Geliebten nachzueilen, um ihm ein Wort des Trostes zu sagen. Noch wußte sie nicht, ob Le Clou oder Lascara der Gebieter ihres Herzens werden würde, aber so viel wußte sie, daß es ihr unerträglich war, Le Clou zu verlieren.

Als der Spanier jetzt die Treppe hinabgegangen und der Bischof in’s Innere des an die Terrasse stoßenden Schloßflügels getreten war, erhob sie sich bleich und zitternd und flog dann dem Stallmeister nach. Sie erreichte ihn dicht vor den Zimmern des Königs.

– Jacques! flüsterte sie, ohne Umstände seinen Arm und zwar sehr entschieden ergreifend. Le Clou sah sie sehr überrascht an.

– Ich habe Lascara gesehen . . .

– Und? fragte der Stallmeister sehr finster.

– Den Bischof auch . . . Wie sage ich’s . . . Ach, ich hörte nichts und wollte schwören, ich hätte Alles gehört . . . Jacques, wißt Ihr? Erinnert Euch, ich habe nichts gehört, aber ich sage Dir, mein Freund, reitet der König heute zur Jagd, so ist er verloren . . .

Le Clou schien bei der Bestätigung seiner eignen frühern Worte sehr außer Fassung zu kommen.

– Was denn war’s?

– Nichts und doch Alles! Ihre Augen redeten eine zu deutliche Sprache: Mord hieß sie! Tod dem Béarner!

– Sehr gut! Sehr gut! murmelte Le Clou. Ich würde Dich für Deine Nachricht umarmen, hättest Du mir nicht Feindschaft geschworen . . .

– Ach, Jacques, das würde ich nie über mich vermögen . . .

– Nun denn . . . <tt>Ici le don d’amoureux merci</tt> . . .

Jeanneton eilte fort, indeß sie die schneeweiße Schürze an die Lippen hielt, welche von dem Kusse des Picarden noch viel röther geworden waren, als vorhin.

Le Clou aber trat zu dem Könige ein. Heinrich, noch in seiner schönsten Blüthe, lief im Negligé auf und ab. Er war heute Morgen ausgezeichnet gelaunt. Als der Stallmeister klirrend eintrat, sah er eben noch den rechten Arm und das fliegende weiße Kleid der gnädigen Frau. Gabriele d’Etrées oder d’Estrées flüchtete vor dem Würdenträger.

– <tt>Eh bien! </tt> rief Heinrich von Navarra. Neuigkeiten seh’ ich Dir im Aug’! Ist mein „Omar“ krank?

– Der edle Schimmel ist federkräftiger als je . . . Er ist für heute gewartet und Eure Majestät dürfen heute jede Anforderung machen – seine Schenkel werden sie lösen . . .

– Aber, Le Clou! rief Heinrich sehr aufgeräumt, was ist’s mit Euch? <tt>Ventre-saint-gris! </tt> Ihr habt ja förmlich Styl in Eurer Rede, und eine Feierlichkeit in Euren <tt>Déhors, </tt> die zu liebenswürdig ist.

Der Stallmeister besann sich einige Augenblicke. Dann sagte er:

– Gnädiger Herr, ich melde, daß Alles fertig und bereit ist zur Jagd. Auf mich falle es, wenn Ihr irgend etwas vermißt.

– Gut, Le Clou! Nun noch die Pointe.

– Wie?

– Die Hauptsache, das Aber, was Dir im Halse steckt . . . rief Heinrich ziemlich ungeduldig.

– Das ist ja gerade die Schwierigkeit, diese Teufelsgeschichte vorzubringen.

Und nun fing er, da er es nicht wagte, weder Lascara noch den Bischof geradezu anzuklagen, an zu winden und zu drehen, bis daß er glücklich mit seinem Verdachte und mit der unfehlbaren Meinung und Ahnung der Demoiselle Jeanneton herausgekommen war.

Heinrich hatte, die Hände auf den Rücken gelegt und das schöne Haupt vorgebogen, zuerst sehr aufmerksam zugehört. Jetzt aber wandte er sich mit seinem <tt>Ventre-saint-gris </tt> auf dem rothen, hohen Absatze seiner Pantoffeln und sagte ziemlich gelangweilt:

– Du meinst also?

– Ja, Eure Majestät . . .

– Und Lascara, sagst Du?

– Ja, Eure Majestät; wiederholte Le Clou, der ungeachtet der frühen Stunde schon bedeutend schwitzte.

– Im Ernst, und auf diesen Grund hin soll ich zu Hause bleiben?

Der König fragte sehr ehrlich und sanftmüthig, und dennoch war in seinem Tone eine so reizende, fast komische Ironie. Le Clou ärgerte sich; er meinte jetzt selbst, vor einigen Minuten durch ungeheure Vergrößerungsgläser gesehen zu haben. Er ward ziemlich ernüchtert, und der Hauptgrund seines Verdachtes schien ihm jetzt selbst in seiner Leidenschaft, in seiner Eifersucht gegen Lascara zu liegen. Le Clou schwieg also, indeß er sich das Ansehen eines Piquirten gab, um wenigstens einigermaßen seine Würde zu behaupten.

– Geh, geh, mein Kind! sagte der Béarner höchst gutmüthig; und sei sicher, daß ich Dir selbst Deine übertriebene Besorgniß um mich als Liebe und Ergebenheit anrechne.

Der Stallmeister ging an seine Geschäfte. Der König ließ sich ankleiden. Gleich darauf ward der Erzbischof angemeldet.

Heinrich IV. empfing den Ehrwürdigsten nicht gar zu verbindlich.

– Aber, mein theuerster Luçon, rief er ihm entgegen, sollte ich mich geirrt haben?

– Wie befiehlt der König? sagte der dicke Priester, sich verbeugend.

– Ich meinte, Chateau la Tour wäre unser Jagdschloß <tt>pour nos menus plaisiers</tt> und da ist mir das Ding wahrlich zum Staats- und Rathssaale geworden. <tt>Ventre-saint-gris</tt> und wie seht Ihr aus? Glaubt Ihr, wir vergäßen, daß es eine Messe giebt? Thut mir den Gefallen, ich leide an den Augen . . . Grün, versteht Ihr . . . Sehr heilsam . . . Grün des Waldes und der schönen Wiesen . . . Schön, wißt Ihr, sehr schön! Grün unsere Hoffnung und grün unsere Kleider, das heißt, alle die, welche ich sehen will . . .

Der Erzbischof ließ sich durch diesen unheiligen, ketzerischen Ausfall gegen seinen Ornat durchaus nicht aus der Fassung bringen.

– Eure Majestät – sagte er sehr langsam – ist dieses geistlichen Kleides noch nicht zu sehr gewohnt . . .

Heinrich biß in die Lippe. Der Hieb traf Helm und Kragen; denn der König war erst vor 14 Tagen katholisch geworden.

– Möchtet Ihr Euch ganz mit diesem Rocke versöhnen. Ich kann nicht anders, sondern muß meine Bitte nochmals anbringen. Gebt den Ketzern ganz Frankreich, aber säubert Paris von ihnen.

– Das heißt, nehmt den Hugenotten Paris und sie werden keine Handbreit Land außerhalb desselben behaupten . . .

– Das haben Eure Majestät durch die That wiederlegt . . .

Die Schmeichelei war fein, aber die Wahrheit ging noch darüber. Heinrich sagte sie in einigen Worten.

– Das war auch der Béarner, mein Pater!

– Das katholische Frankreich erwartet einen Beweis, wobei sich Eurer Majestät Rechtgläubigkeit durch die That manifestirt.

– Nicht nöthig, Herr de Luçon. Mir würde doch Niemand glauben. Frankreich weiß so gut als ich, daß ich in diesem Leben nicht katholisch werde . . . <tt>Ventre-saint-gris, </tt> da ist die Sonne und ich stehe hier und unterhalte mich mit Eurer geistlichen Hochwürdigkeit, während ich abreiten sollte.

– Mein König, bat jetzt der Erzbischof mit dringendem, fast flehendem Tone; Ihr habt’s bisher nicht hören wollen; aber ich sage Euch hier ist eine Bittschrift, von dritthalbhundert der besten Edelleute Frankreichs unterzeichnet, durch welche Ihr gebeten werdet, zur Beruhigung der Gemüther gegen die Protestanten einige immerhin unwesentliche Beschränkungen eintreten zu lassen. Aber nothwendig sind diese Beschränkungen. Es sind 15 Millionen Franzosen, welche sie fordern. An ihre Spitze diese Namen . . .

Der Bischof schlug einige große Bogen Pergament auseinander.

– Keinen Laut! sagte Heinrich, gebieterisch die Hand ausstreckend, als der Prälat Anstalt machte, die Unterschriften abzulesen. Ich will die Namen meiner Feinde nicht wissen, Messire; denn das sind diese Herren; <tt>Ventre-saint-gris,</tt> und geschworne dazu. Ihr seid entlassen!

Der Erzbischof von Luçon nahm eine eiskalte, unzugängliche Miene an und ging rasch ab. Er suchte draußen den Spanier auf und nahm ihn mit auf sein Zimmer, in welchem nur eine Art von kleinem Altar darauf hindeutete, daß sein Bewohner ein Mann der Kirche sei.

– Heute, Lascara! sagte Luçon mit blitzenden Augen.

– Ich wollte, Ihr hättet das gestern gesagt! murmelte der junge Mann, indeß er sich auf die Kniee ließ, worauf der Bischof segnend seine Hand nach ihm ausstreckte.

– Und warum?

– Ich mag heute nicht mehr sterben; ich liebe, mein Vater. Gestern Morgen noch hätte ich Heinrich inmitten seines ganzen Hofstaates niederstechen können; aber seit dieser Zeit hat ein einziger weicher Händedruck mir gezeigt, daß mein Leben einen Preis besitzt, den ich nicht mehr in die Schanze schlagen will. Jetzt ist meine Sicherheit, die Möglichkeit meiner Flucht allererste Bedingung der Ausführung meines Werkes geworden, statt daß ich sie vielleicht gestern noch, sicher aber vorgestern, stolz verschmäht haben würde.

Der Bischof rieb sich rathlos die Hände.

– Aber welche unerhörte Phantasterei! murmelte er. Wo sind Deine feierlichen Entschlüsse, Deine Selbstverleugnung gleich derjenigen eines heiligen Märtyrers? Wo Deine erhabene Begeisterung, der Held der niedergetretenen Kirche zu werden? Alles verweht und verstoben vor . . . ich mag das Wort nicht wiederholen!

– Ihr habt mich zum Phantasten gemacht; erwiederte Lascara. Was wollt ihr? Warum scheltet Ihr den Nachtwandler, welcher seinen eignen Weg geht? Noch heute, ja, fühle ich Haß in meiner Brust . . .

– <tt>Dieu merci! </tt> flüsterte Luçon.

– Haß gegen diesen doppelzüngigen, verrätherischen Béarner, dieses zerbrochene Rohr Aegyptens, das Jedem, der sich darauf lehnet, durch die Hand fährt. Ich gab mein Wort und, <tt>por la Madonna! </tt> ich werd’s lösen, das heißt, wenn ich Hoffnung habe mich zu retten.

Der Bischof zuckte die Achseln. Er gab seinen Mann fast auf. Wild und wüthend blickte der Geistliche auf die beiden schmalen, und obgleich gelben, dennoch sehr schönen Hände des Pfaffenzöglings, welche durch eine Bewegung das Schicksal eines der mächtigsten Reiche der Erde umgestalten konnten. Er versuchte nochmals sein Letztes; er stellte ihm die Würden der Erde und des Himmels vor, die er zu erwerben vermöge; er malte ihm die Schlösser und Villas in Italiens bezauberndster Gegend, die ihm zur Belohnung der finstern That übergeben werden sollten.

Lascara schwieg und bat nur um Absolution und den Segen. Dann erhob er sich und ging auf die Terrasse, um sich auf den Schloßplatz zu begeben.

Jeanneton und eine ihrer Freundinnen lehnten über die Mauer. Die reizende Angebetete des Spaniers bog sich weit hinab, um einem armen Gebrechlichen eine Gabe in den dargereichten Hut zu werfen. Lascara wollte seinen Entschluß nicht durch ein Gespräch mit dem Mädchen erschüttern und eilte die Stiegen hinab. Aber Zeugniß von der blitzschnell in ihm erwachten Leidenschaft gab der Blick, womit er aufwärts zur Seite blickte.

Sein Freund Le Clou saß schon, die lange Flinte über den Arm gelegt, zu Roß. Lascara’s Andalusier war ebenfalls fertig; einer der Jägerburschen, welcher mehrere Pferde hielt, machte sich ein Vergnügen daraus, das edle Thier mit einem Rohre zu reizen und in die Nasenlöcher zu stoßen.

Heinrich stand vor seinem Schimmel im Mittelpunkte der Gruppe und scherzte mit einem seiner ältesten Diener, welcher das Pferd hielt. Dennoch sah man ihm an, daß er in Folge seiner Unterredung mit dem Bischof ernst geworden war. Er warf einen, von dem Spanier aber dennoch bemerkten, rapiden Seitenblick auf den Verdächtigen und in diesem einen Blick malte sich die unergründliche Schlauheit, die instinktmäßige Verschlagenheit des großen Gascogners.

<tt>Couchez! </tt> sagte er zu einem herrlichen gefleckten Spaniol, welcher ihn umsprang, indeß die vierbeinigen Cameraden zusammengekoppelt wurden, oder sich wedelnd niederlegten, oder am Rande des Springbrunnens sich mit den Vorderbeinen festhielten, um einige Tropfen des silberhellen Wassers zu lecken.

–  <tt>Couchez! </tt>

Der alte David, der Lehrmeister der zierlichen Diana, schaute schmunzelnd, wie das Thier gleich einem vorzüglich geschulten Mousquetaire gehorchte. Diana hatte die Vorderfüße ausgestreckt, die feine Schnauze dazwischen gelegt; die Hinterfüße angezogen. Sein Blick zeigte die unbeschreibliche Liebe zu seinem Gebieter, die er, da er jetzt wichtigen Dienst hatte, kaum durch ein leises Wedeln mit dem Schwanze näher zu bezeugen wagte.

– Das ist ein wahres Herz von einem Hunde! sagte der alte Gascogner vom Pic du Midi.

– Oh, David, Du kennst noch lange nicht seine ganze Vortrefflichkeit! sagte Heinrich so laut, das Lascara, welcher an dem Gurte seines Pferdes schnallte, unwillkürlich aufschaute. Er besitzt eine Eigenschaft, die ihn für jeden meiner Herren Vettern, z. B. für den König von England, auch für Seine katholische Majestät in Madrid höchst unschätzbar machen würde.

– Das wäre?

– Der Hund bellt Niemand an, als einen Meuchelmörder! sagte Heinrich langsamer sprechend.

Dann drehte sich der König auf dem Absatze, gab der Diana ein Zeichen und ließ ihn nachspringen.

– <tt>Caballero! </tt> rief der König mit frischem Ausdrucke. Ich sehe, Ihr begleitet uns.

– Ich glaubte, da ich vorgestern ein schmeichelhaftes Lob von Eurer Majestät erhielt . . .

– Verdient! Dieser Schuß auf den Keiler war in Wahrheit meisterhaft.

– Und die königliche Erlaubniß, bei jeder folgenden Jagd mich dem Gefolge anschließen zu dürfen . . . daß ich . . .

– <tt>Point de façons, </tt> Chevalier Lascara . . . Ihr seid von der Partie – <tt>car tel est Notre plaisir! </tt> Aber fuhrt Ihr keine Schußwaffe? Wir werden mit flüchtigen Damen heute Bekanntschaft machen, <tt>Ventre-saint-gris! </tt>

– Erlaubt der König, so jage ich nach heimathlicher Weise; erwiderte der Spanier.

– Hindinnen? fragte Heinrich scharf.

– Ihr sagt’s mein König.

– Und diese <tt>manière singulière</tt> . . . Darf man neugierig sein oder soll man sich überraschen lassen?

– Es wird den König mehr interessiren, wenn die Jagd vor seinen Augen ausgeführt wird, ohne daß derselbe vorher instruirt wurde.

Heinrich machte eine sprechende Bewegung und sah ungeduldig aus.

– Ich verstehe, Majestät! sagte der gewandte Lascara, welcher eben zwei von seinem Pagen herbeigebrachte lange, mit Bärenfell verkoppelte Halfter vorn an den Sattelknopf geschnallt hatte. In den Biscayschen Gebirgen jagt man das Thier <tt>par force; </tt> man reitet dicht an dasselbe hinan und schießt’s nieder.

– Womit?

– Hier! sagte der Spanier und schlug die obere Klappe der Halftern zurück, worauf die blitzenden Kolben von zwei herrlichen Fauströhren sichtbar wurden.

Diese Bewegung des spanischen Edelmanns war so rasch gewesen, daß Diana, welche neben dem Könige stand, erschreckt zurücksprang und jetzt laut zu bellen anfing.

– <tt>Tranquille! </tt> Diesmal fällst Du aus der Rolle, sagte der König; bedenke, das Du einen der bravsten Ritter des ganzen, stolzen Spaniens vor Dir hast.

Lascara zog seinen Hut und verneigte sich tief. Dann machte er sich an dem Sattelgeschirr zu schaffen und saß auf, um seine ungeheure Verwirrung zu verbergen.

Von David als Stallmeister bedient – es war ein Ehrenamt desselben, den Steigbügel zu halten, und wir glauben, er hätte sich zu Tode gegrämt, wenn ihm dies entzogen worden wäre – stieg der König mit leichter, unnachahmlicher Grazie in den Sattel. Jetzt erst war er ein vollkommener Mann; schöner war der Béarner nie, als zu Pferde. Der Zug setzte sich in Bewegung, voran die Piqueurs mit der kostbaren Meute, hinter dem Könige einige seiner Lieblinge, unter diesen Lascara, und dann folgten die Saumthiere und Maulesel; die ersteren mit Wasser und Proviant bepackt, die letzteren mit ihren Blenden an den Augen und den schön verzierten Packsätteln auf den Rücken, um die zu erwartende reiche Beute aufzunehmen und zum Schlosse zu schaffen.

Am Flusse, an denselben paradiesischen Ufern, die so viel tausend Mal von den Troubadours besungen wurden, ging der Zug fort, bis ein herrlicher Kastanienwald erreicht war, in welchem sich der hier mit Schnellsprüngen weiter schießende Adour verlor.

Hier ging sehr bald die Jagd auf. Der König fehlte im Schuß einen herrlichen Rehbock, ward, seiner Gewohnheit nach, hitzig, warf die Waffe fort, ergriff die Peitsche und dahin flog der prachtvolle Schimmel, um seinen Herrn zu einer wahren Jagd, <tt>en Chevalier, </tt> zum Parforceritte zu tragen.

Le Clou, welcher mit argusähnlicher Aufmerksamkeit heute Alles, namentlich den König und seinen Freund Lascara beobachtete, hatte sein Roß augenblicklich in Galopp gesetzt, um dem Könige zu folgen; bald aber zeigte sich, daß der königliche Schimmel Schenkel von Damascenerstahl und statt des Blutes etwa Quecksilber in den Adern haben müsse. Le Clou ritt sein Pferd in Zeit von zehn Minuten fast in Grund und mußte es aufgeben, den Herrn einzuholen.

Es war übrigens noch ein Thier im Jagdzuge, welches den „Omar“ nicht nur nichts nachgab, sondern ihn ungeachtet seines zarten Baues noch übertraf. Das war der Andalusier des Spaniers. Lascara sah dieses Durchgehen des Béarners für eine Art Fingerzeig an, daß die Stunde für sein Werk, das hieß die letzte des Königs, geschlagen habe. Seitab stahl er sich, dann aber ließ er seinen Renner streichen. Er verleugnete nicht das edle, von den Rossen des Propheten und der Khalifen von Bagdad herstammende Blut. Nach einem Ritte von fünfundzwanzig Minuten sah er das milchweiße Roß Heinrichs wie einen Pfeil durch die Baumreihen schießen.

Lascara horchte. Fern ab zog sich die Jagd hin; die Hifthörner klangen gedämpft und verhallend; hier war er dem Hugenotten Mann gegen Mann gegenüber. Ein nochmaliger Entschluß, ein Stoßgebet zum Herzen der <tt>„Virgen santissima“</tt> und zu allen Nothhelfern – dann brach Lascara aus der Dickung hervor, die ihn bis jetzt dem König verbarg.

Heinrich befand sich auf einer Waldlichtung, einem weiten grünen Plane, vor ihm lag das Thier, von der Rüdenschaar umgeben; er selbst richtete sich, hochaufathmend und nach dem Hifthorne greifend, in den Bügeln auf, um zu erspähen, welchen Weg die übrige Jagd genommen habe.

Lascara kannte jetzt keine Scheu, keine Scham, kein Zaudern mehr. Er trieb seinen Renner vorwärts und sprengte in gerader Richtung auf Heinrich zu, indeß er die Bedeckung von seinen Pistolen zurückschlug.

Ein Blick aber dieses Adlerauges des Navarresen, welches so viele Schlachten regierte, und seine Handlung, die bestmögliche in der entscheidenden Secunde, erfolgte mit diesem Blicke. Im Galopp, die Peitsche, wie in heller Lust, hochgeschwungen, sprengte der König dem Spanier entgegen und umritt ihn mit Blitzesschnelle.

– <tt>Mordiour! </tt> rief er in seinem gascognischen Dialecte und knallte mit der Peitsche, daß das flüchtige Thier Lascara’s heftig aufprallte und sich hintenaufsetzte. Welch ein Roß, Chevalier! Ihr habt mir folgen können? Das Thier glänzt kaum, während meines vom Schweiß trieft. Herab, Chevalier, und ists nur Passade und Traverse, so muß ich – <tt>Ventre-saint-gris</tt> – auf der Stelle diesen Andalusier in der Schule bewundern.

Im Augenblick war Heinrich auf der Erde und stand neben dem Meuchler. Lascara war jetzt in seiner Gewalt, denn Heinrich hielt das Roß desselben am Zügel und hatte freundschaftlichst seine Hand auf die weiten Stiefeletten des Ritters gelegt. Lascara, durch diesen in fünf Secunden sich machenden Vorgang außer Fassung gebracht, betäubt, stieg ab. Heinrich nahm seinen Sitz ein, ließ das Pferd einigemal courbettiren, dann parirte er’s dicht vor dem Ritter.

Er zog jetzt das eine Pistol und feuerte es in die Luft; das zweite ebenfalls. Dann stieg er mit majestätischer, aber keinen Hauch von Zorn zeigender Miene ab und präsentirte Lascara das Pferd.

– Sitzen Sie auf! Und Gott segne und stärke die Schnelligkeit Ihres Thieres; Sie dürften dieselbe nothwendig haben. Sagen Sie aber Ihren Freunden, daß sie bei Christi Kreuz den Béarner Bären finden sollen, wenn sie noch einmal eine ähnliche Jagd auf Hindinnen anstellen lassen!

Lascara sagte kein Wort. Er setzte sich auf, gab seinem Rosse einen wüthenden Spornhieb und verschwand diesmal und für immer.

Bald kam Le Clou. Er nahm das Pistol auf und besah es mit ängstlicher Miene.

– Die Jagd ist aus. Wir werden ins nächste Dorf reiten und eine Messe oder etwas dergleichen hören . . . Wie viel Thiere sind gefallen?

– Mit diesem hier drei!

– Genug für unsere schönen Damen, und, denk’ ich, für die Saumthiere ebenfalls. <tt>Allons, Messires! </tt> rangirt Euch, wenn’s beliebt.

Statt der Messe wurde jedoch in dem nahen provençalischen Dorfe ein Banket aufgeführt, welches erst spät unterbrochen wurde, als von Gabrielen d’Estrées der Lieblingspage ankam, und staubbedeckt und schweißtriefend, in nicht geringer Bewegung dem Könige zu Füßen fiel.

– Ihr lebt, mein Herr und König! . . . rief der Knabe.

– Ja doch . . .

Es zeigte sich, daß Jeanneton in der Abwesenheit der Herren, von Seelenangst gefoltert, der Herrin gebeichtet hatte, was sie von dem Anschlage des Bischofs und seines spanischen Freundes wußte, daß das ganze Chateau La Tour in Aufregung und Allarm gesetzt und Luçon zu Fuße durch den Park entflohen sei.

Einer der Piquers ging sofort als Estafette ab, um die Damen zu beruhigen.

Dann folgte der Jagdzug langsam nach. Heinrich konnte jetzt schon über diese <tt> „Brigands“</tt> herzhaft scherzen, während seine Begleiter wüthend knirschten. In heiterster Laune erreichte er das Schloß und ritt auf dem von dem mittelsten Schloßhofe linksab gelegenen Eingange ein; denn hier war der Flügel, wo Gabriele wohnte.

Sie erschien, sobald Heinrich den Fuß zur Erde gesetzt hatte. Er stand neben seinem müden Schimmel; die Pagen der Herrin fielen über ihn her, schnallten ihm das Seitengewehr ab und knöpften ihm die Stiefeletten und Stiefelmanschetten los.

– Unsere Dame hat uns Unserer Dame heute erhalten! rief er heiter, indeß er der schönen unter dem Portale herannahenden Geliebten einen unaussprechlichen Blick zuwarf, dann aber sich in ihre Arme stürzte.

Maitre Le Clou aber auf seinem Rappen ritt dicht vor die gewaltigen Sandsteinpfeiler, denn hinter der Herrin zeigte sich Jeanneton, ihm liebend entgegenblickend. Le Clou zog ehrerbietig den Hut.

– Gnädige Frau, sagte er zu Gabrielen, wollt Ihr, da wir des spanischen Schurken ledig sind, bei dieser Flatterhaften ein Wort für mich einlegen . . . Oder, so gewiß ich lebe, ich werde verschwinden wie mein Nebenbuhler . . . .

– Frag’ doch nicht, Jacques . . . flüsterte die Zofe.

Die Maulthiere kamen heran; die Beute zeigte sich; die Rüden kamen auf den Platz. 

– Es wird ein Mahl für die Armen, Heinrich! flüsterte Gabriele, in den Armen des Königs lehnend.

– Du bist ein Engel!

Und sofort ward, ohne Rücksicht auf den delicaten Rasen, von der Dienerschaft ein großes Feuer angefacht, die Thiere waidgerecht zerlegt; Bratenspieße fingen an sich zu drehen und eine Art von Hochzeit des Camacho begann. Rings umher kamen die Leute aus den Dörfern auf das bekannte Signal des Thürmers herbeigeeilt – und fanden ein Paradies vollkommen fertig.

Die Sonne war lange untergegangen, als das fröhliche Fest, von Liedern und Romanzen verschönert, noch immer fortdauerte.

Heinrich und Gabriele blickten von der Terrasse in das eben so heitere als malerische Gewühl hinab.

Zu eben dieser Zeit warf der dicke Priester, glücklich durch Beihülfe eines guten katholischen Fährmannes über den Strom gekommen, und nun auf einem stöckischen Maulthiere mit Mühe sich vorwärts arbeitend, auf Chateau La Tour einen letzten Blick. Er glaubte das Schmettern der Hifthörner des Jagdpersonals noch hier zu hören und starrte gedankenschwer auf den irrlichtartigen Glanz, welcher aus der Gegend des Schlosses durch die Nacht leuchtete.

– Es ist alles mißlungen! murmelte er. Dieser Schwachkopf! Aber, Béarner, hier schwöre ich Dir, Namens der ewigen Mutterkirche, daß sie Dich, als ein unnützes Glied, dennoch abhaut und in’s Feuer wirft!

Die Welt weiß, wie mit Ravaillac dieser Schwur eines Priesters sich erfüllte.

==8. Heft.==
===David mit dem Haupte Goliath’s. Gemalt von L’Orbetto (genannt Turchi.)===

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Das Buch der Bücher, die Bibel, war von jeher eine Fundgrube von Stoffen für die Künstler aller christlichen Völker. Man kann sie als eine unerschöpfliche bezeichnen. Während einer langen Periode entlehnte die im hehren Dienste des christlichen Cultus befindliche Kunst, namentlich die Malerei, aus dem heiligen Texte ihre erhabensten Gedanken. Die Vorlagen, welche die Bibel gab, durchdrang später der freie Gedanke poetischer Auffassung und Schönheit, durch das Studium der Antike geläutert. Es wurden Gemälde biblischen Stoffes, sowohl alten als neuen Testaments, geschaffen, es wurden die Personen, welche uns in der Schrift vorgeführt werden, durch die Kunst auf eine solche Weise dargestellt, daß man in unserer Zeit oft zu dem Urtheile gekommen ist: die Bibel sei so ziemlich ausgebeutet; man könne nur noch Wiederholungen und zwar ungenügende liefern, zumal da die religiöse Bedeutung der Kunst vor der Bildung der modernen Gegenwart, ungeachtet der einseitigen Richtung einzelner bedeutender Künstler, verloren und der reine Glaube verschwunden sei, der zur Schöpfung eines biblischen Gemäldes reinsten und höchsten Styles als unerläßlich bezeichnet wird.

So viel steht fest, was ein Rafael, ein da Vinci, ein Michel Angelo, Tizian u. s. w. an biblischen Stoffen unter den Pinsel genommen und in unerreichbarer Weise auf die Leinwand oder die Fresco-Mauer fesselte, das ist gemalt.

Aber die Bibel besitzt einen unsäglichen Reichthum, wie bemerkt. Das alte Testament rollt in seiner erhabenen, monumentalen Sprache Hunderte und aber Hunderte von Jahren der Geschichte eines Volkes auf, um welche der ganze Glanz, die ganze Glut des fernen Orientes weht. Diese Zeilen sind eine wahre Kabbala, nur dem Dichter lösbar und verständlich, möge die Form des Ausdruckes seines Innern das Wort oder die in Lebensfrische und Farbe vor uns tretende Zeichnung sein.

Bendemann hat es neuerlich bewiesen, daß es nur der genialen Auffassung bedarf, um aus einer Zeile des heiligen Textes das längst erloschene damalige Leben in seiner ganzen inhaltreichen Breite uns vor Augen zu stellen. „An den Gewässern zu Babylon saßen wir und weinten; Unsere Harfen hingen wir auf an den Weiden“ u. s. w. Das klingt fast gewöhnlich. Aber die Geschichte, die furchtbaren Leiden eines als Sklaven gefesselten, stolzen, gotterwählten Volkes, aus grauestem mythenhaften Alterthume seinen Ursprung herleitend, diese Geschichte erscheint ernst und geheimnißvoll und hebt auf ihren Riesenschultern die einfachen Worte zu einer Höhe der Bedeutung, daß uns, während wir sie sprechen, ein heiliger Schauer durchläuft. So las sie Bendemann und seine „trauernden Juden von Babylon“ wurden geschaffen. Sein „Jeremias“ ist von noch intensiverer Wirkung; in dem Prophetenantlitze mußte man individuell verkörpert die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft dieses ganzen Volkes erblicken und lesen. Das geöffnete, sehende Auge des Künstlers schlage die Seiten des ehrwürdigen Buches auf, und schwerlich wird er lange blättern, und eine inhaltreiche Composition wird vor ihm aufgehen.

Ein Lieblingsstoff für Bildhauer und Künstler war von je die Geschichte Davids, des Königs der Juden. Voller, lebendiger ist wohl selten, außer im Homer, ein Unsterblicher der ältesten Vorzeit geschildert worden, als dies in der Bibel beim David geschieht. Alle Fälle wechselnder Romantik im Leben eines an den Anfängen der Cultur stehenden, orientalischen Volkes ist glänzend auf seinem Haupte concentrirt. David ist nicht nur der wiedererstandene jüdische Herkules, der Samson mit seiner rohen Kraft; er ist zugleich Träger der Intelligenz einer zu staatlichem und Cultur-Leben erwachenden Nation. Dieser „Knabe“, dieser „Jüngling, bräunlich und schön“, läßt an unwiderstehlichem Reize, an wahrhafter Löwenkraft, an Ritterlichkeit, Tapferkeit und unergründlicher List, an Größe des Genies, als Dichter und Feldherr sich nur mit sich selbst vergleichen. Die Poesie, welche den späteren Psalmisten, den Meister auf der Harfe, durch alle Höhen des Himmels trug, zeigt sich, naturwüchsig und romantisch, mit kühnsten Zügen gezeichnet, in dem Jugendleben des siebenten Sohnes vom Isai. Ist es hiernach zu verwundern, daß das Mittelalter bis ins achtzehnte Jahrhundert herab in Gemälden, in zahllosen steinernen Basreliefs und anderen Sculpturen, wie sie heute noch die aus jener Zeit stammenden Gebäude zieren, die Thaten Davids und seine Geschichte darstellte, daß namentlich der Kampf dieses Lieblings der Künstler mit dem Coloß Goliath von Gath sehr selten in der Reihe biblischer Darstellungen fehlt?

L’Orbetto hat durch Pinsel und Farbenpracht den David nach diesem Zweikampf, einem der berühmtesten, den die Geschichte überhaupt aufweisen kann, in einer Weise uns vorgezaubert, daß man urtheilen darf: diese ganze gigantische Erzählung tritt lebend, verkörpert vor uns. Der Moment des Bildes faßt genial das Vorher und Nachher der Handlung höchst in die Augen springend zusammen. Auf dem reizenden, halb knabenhaften Antlitze Desjenigen, welcher mit nervigem Arme einen Löwen und einen Bären erschlagen konnte, malt sich die mehr geistige als körperliche Abspannung nach dem Kampfe. Er überwältigte das Ungeheuer, dessen Kopf als Trophäe in seiner Hand ruht, durch die Schleuder an seiner Hüfte; betrachten wir aber den Heldenkörper des jüdischen Kämpen: so sind wir mit einem Blicke überführt, daß David, mit nackter Brust sich dem Riesenschwerte entgegenwerfend, den Zweikampf Mann gegen Mann nicht zu scheuen gehabt hätte. Unwillkürlich vergleichen wir diesen David L’Orbetto’s mit demjenigen, welcher in unbestimmter Form in unserer Phantasie lebte. Wir finden, da die Schöpfung eines großen Talentes vor uns tritt, etwas Neues, Originales; aber nicht sobald vertiefen wir uns in den Anblick des Gemäldes, so empfinden wir auch seine Kraft: das Bild Davids steht jetzt nach des Malers Darstellung in uns fest, es ist ein Typus dieser Gestalt für uns geworden. Das Costüme, obwohl nur halb orientalisch, ist dennoch sehr glücklich gewählt; eben so charakteristisch als malerisch. Das ganze Bild des nur wenig bekannten Meisters wird stets in der Reihe der aus der Bibel entlehnten Kunstschöpfungen eine vorzügliche Stellung einnehmen.

==9. Heft.==
=== Der Schreibmeister. Von Gerard Dow.===

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Einen ungemein lieblichen, reizenden Eindruck macht es, wenn man unter den holländischen Meisterwerken der Kunst den Bildern des Gerard Dow begegnet.

Während die Bilder seiner Kunstgenossen, das niedere, nicht selten rohe Leben mit fast absichtlicher Verschmähung jeder Veredlung der Figuren darstellend, sich drängen, ist bei Dow Alles voll zartester Harmonie. Sanft und wohlthuend angesprochen, bewundern wir in seinen Gemälden einen idyllisch milden, wahrhaft poetischen Hauch.

Auch Dow band sich genau an die Wirklichkeit, genauer, als vielleicht irgend ein anderer Maler. Die geringsten Einzelnheiten sind bei ihm mit undenkbarster Sorgfalt gearbeitet; er ist derjenige Holländer, welcher drei volle Tage nöthig hatte, um einen gewöhnlichen Besenstiel darzustellen. Aber eben durch diese minutiose Sorgfalt, durch diese vollkommenste Wiedergabe der unbedeutendsten Dinge erreichte Dow die bewunderungswürdige Höhe in dem ihm eigenthümlichen Streben. ’’Er stellt das unendliche Behagen der heimischen Existenz, den vollen Frieden, die gesättigte Ruhe der Häuslichkeit dar.’’

Hier am heimischen Herde gewinnt das Geringfügigste Bedeutung. Alle Geräthe und Kleidungsstücke – deren Stoffe Dow täuschend malte – spielen ihre Rolle in der Lebensgeschichte der dargestellten Person. Durch den Anblick des bekannten, alltäglichen Beiwerks wird der Beschauer im Bilde heimisch; er fühlt sich gefesselt und gerührt. Die ganze Existenz harmloser Menschen rollt sich vor ihm auf, die Poesie wird lebendig und der Meister feiert seine Triumphe.

Gerard Dow ist unstreitig nach seiner durchaus richtigen Zeichnung, nach seiner herrlichen Färbung und seiner genauen Beleuchtung einer der ersten holländischen Genremaler. Er wird auch Dou oder Douw genannt und ist der 1613 zu Leyden geborne Sohn eines Glasmalers. Sein Tod erfolgte im Jahre 1680. Rembrandt war sein Lehrer; gleich ihm besaß Dow das Geheimniß der malerischen Harmonie im hohen Grade. Seine meist räumlich kleinen Gemälde sind sehr hoch geschätzt; die „wassersüchtige Frau“ ward mit 30,000 Gulden bezahlt; ebenfalls wurde unser Bild, der „Schreibmeister“, von der königlichen Gallerie zu Dresden zu einem ungemeinen Preise erstanden.

Wirklich ist dieser „Schreibmeister“ eine vollendet reine Perle Dow’scher Kunst. Jeder Zug, jede Linie im Bilde ist lebendig, und wenn jemals, so ist hier die gemüthlichste Ruhe, die heiterste Selbstzufriedenheit mit dichterischer Meisterschaft gemalt. Es ist vorzugsweise ein Bild, welches keine kritische Beschreibung erträgt, sondern empfunden sein will. Könnten wir daher auf den Inhalt des Gemäldes mit liebevollerer Genauigkeit eingehen, als dadurch, daß wir, während der Beschauung desselben, ein Stück poetischen Stilllebens hervorrufen? – Wir sind gewiß, daß wir damit zugleich die eigenthümliche Disposition in Dow’s Werken bezeichnen.

Gerard Dow konnte nicht wie die Teniers, Ostade’s, Brouwers und Bega’s die Vorbilder seiner Schöpfungen, den realen Grund seiner künstlerischen Phantasie und Conception, in jeder Dorf- oder Matrosenschenke finden. Er bedurfte eben so eigenthümlicher als anspruchsloser Charaktere und Situationen, welche sich zu Trägern der in dem häuslichen Leben sich spiegelnden Innerlichkeit eigneten. Ein wahres Pracht-Original dieser Gattung fand Dow’s sechzehnjährige Tochter Duyveke in einem alten, zu einer Armenschule eingerichteten Franciscanerkloster. Es befand sich hier ein kleines Gäßchen, daß Judengäßchen genannt, obgleich Amsterdam bekanntlich lange Zeit gar keine der Kinder des gelobten Landes innerhalb seines Weichbildes duldete. Auf dies dunkle Gäßchen sahen einige der gewölbten Fenster des Klosters, und vor demjenigen, welches am meisten durch einige Strahlen der Sonne begünstigt war, saß vom frühen Morgen bis zum späten Abende Rafael Huelst, der Schreibmeister für die Armenschüler. Der siebzigjährige, silberlockige Junggesell nahm aber noch einen wichtigeren Platz ein; er schrieb mit der damals fast zu Grabe gegangenen Kunst der alten Zeit Urkunden und Documente für die Kanzleien der Generalstaaten. Duyveke flog zu ihrem Vater und beschrieb den alten Rafael Huelst mit seinem Barett, seiner Klemmbrille und seinem, die glücklichste Selbstzufriedenheit ausdrückenden, charakteristischen Gesichte, nicht minder mit dem noch aus Kaiser Karls V. Zeiten stammenden halb-spanischen Oberkleide so hinreißend, daß Gerard Dow von seiner Staffelei bedächtig aufstand, höchst sorgfältig das in Arbeit befindliche Gemälde durch ein seidenes Tuch vor etwaigem Staube schützte und, die Mappe unterm Arme, seine die bewunderungswürdigste Sauberkeit zeigende Werkstatt verließ.

Dow konnte den Eingang zu der alten Schule nicht finden. Er trat daher, indeß er seinen  großen Federhut nachlässig lüftete, dicht vor die graue Mauer von Rafael Huelst’s Fenster. Dow war entzückt, als er den Kopf des Schönschreibers prüfend betrachtete; als er den runden Sessel desselben, eine Sanduhr und das alte Pult mit vergilbten, zerrissenen Pergamenten erblickte, und oben an dem gewölbten Gestein einen Vogelbauer mit einem Gimpel darin und in der Schlafstube eine runde Laterne von eigenthümlicher, fast antiker Form entdeckte.

Huelst grüßte den blassen Meister mit großer Freundlichkeit, setzte aber, ohne sich stören zu lassen, seine Arbeit fort. Der Maler war durchaus kein Freund von Complimenten; er sagte heute aber dem Alten einige Artigkeiten, weil er, seinen Mann mit richtigem Blicke taxirend, neben der heitern Gutmüthigkeit desselben eine ziemliche Störrigkeit in seinen Zügen zu lesen glaubte. Huelst hörte mit bescheidenem, aber würdig-mildem Lächeln das Lob, welches Dow dem mit unendlicher Mühe gemalten großen <tt>„F“</tt>, dem Anfangsbuchstaben einer, mit <tt> „Frederik van Nassauen“ </tt> beginnenden Urkunde, spendete. Der Schreibmeister wurde heiter, er lud den Maler, obgleich seine Schüler versammelt waren, ein, in sein Zimmer zu kommen.

– Mynheer, ich werde Euch einige Pergamente zeigen, sprach Rafael Huelst stolz, auf welchen Ihr in jedem großen Buchstaben Malereien bewundern sollt, vor denen die Leistungen unserer Miniaturmaler in Nichts verschwinden.    Ich halte mein Urtheil zurück, aber Ihr, der Ihr die Sache zu verstehen scheint, werdet offen gestehen müssen, daß  unsere hochgepriesenen Maler, daß Dow, Mieris und Metzu gegen die Feinheit meiner Arbeit ihre Leistungen als Sudelei ansehen müssen!

– Dow thut’s ganz gewiß, lieber Meister Huelst! sagte der Maler still lächelnd.    Ich bin’s selbst, deswegen kann ich dafür einstehen.   Erlaubt, Mynheer,  daß ich von Euch lerne; mein Wille ist der beste, den es geben kann.   Besonders aber vergönnt, daß ich Euch male; ich möchte das Bild eines so ausgezeichneten Mannes täglich und stündlich vor Augen haben.

Der Schreibmeister starrte den Maler sprachlos an; dann stand er, bestürzt und aufgebracht zu gleicher Zeit, auf und ließ rasch den zur Seite geschlagenen bunten Vorhang herab, um sich mit seinem gekränkten Stolze, seiner beschämten Prahlerei zu verbergen. Mynheer Huelst, sonst ein sehr gottesfürchtiger Mann, fluchte vernehmlich; der Gimpel im Bauer, durch die Finsterniß erzürnt, schrie erbärmlich und fiel vor Aerger todt auf den Boden des Käfigs nieder. Beim Anblicke dieses Unglücks fing der alte Junggeselle auf’s Herzbrechendste zu Nagen an.

– Oh, Monbijou! rief er, seinen todten Liebling, große Thränen weinend, an die Lippen drückend.   Stirb nicht, verlaß mich nicht! Du aßest aus meiner Hand und schliefst in meinem Busen! Du, mit der kleinen Kehle voll sanfter Lieder, mein Freund, mein Trost . . .  da halt’ ich dich, deine arme Leiche, in meiner Hand und weine vergebens, um dich zu erwecken, den die Laune eines schändlichen, herzlosen, eingebildeten Malers hinopferte!

Dow sah ein, daß hier kein Trost nützen könne. Er schlich sich tief betrübt fort; aber eben diese Scene mit dem alten, armen Schönschreiber und seinem Dompfaffen zeigte ihm, daß nimmer ein Anderer als Rafael Huelst vollständiger für sein zartes, poetisches Darstellungstalent geschaffen sei. Er machte Anstrengungen, sich mit dem Schreiblehrer auszusöhnen, um ihn zu bewegen, daß er ihm sitzen möge; aber Huelst war unerbittlich. Und anders konnte Gerard Dow sich seiner nicht bemächtigen,  denn er hatte sicherlich acht Tage nöthig, um den Alten zu zeichnen.

Die schöne Duyveke fand wiederum das Auskunftmittel. Sie ruhte nicht eher, bis sie, als sie bemerkte, der Bauer des Schreibmeisters sei noch immer leer, einen Gimpel auftrieb, der das Nationallied:
<poem>
<tt> „Wilhelmus van Nassauen
Ben ick van Duytschen Bloed“ u. s. w. </tt>
</poem>
vom Anfange bis zum Ende mit seltener Virtuosität pfiff. In einem prächtigen Käfig brachte das reizende Kind den neuen Montbijou nach dem Judengäßchen, trat in die Stube des Schreibmeisters und das Dompfäffchen schmetterte dem Alten die schwungreiche Melodie unter unzähligen Verbeugungen glücklich entgegen. Rafael Huelst faltete, indeß ihm Thränen in die Augen traten, andächtig die Hände.

– Montbijou! flüsterte er.   Und ich armer Mann habe nicht Geld, um mir dies himmlische Vöglein zu kaufen . . .

Die Duyveke, selbst tiefer gerührt, als sie sich merken ließ, fing für ihren Vater Dow zu unterhandeln an.   Der Schreibmeister widerstand nicht länger.

– Mit nichten, Meister Huelst, lächelte der eintretende berühmte Meister;   ich will Euch auf keine Weise beschwerlich sein; der Staat und der Bratenrock ist überflüssig; ich möchte Mynheer Huelst gern so haben, wie ich ihn zum ersten Male sah . . .   Und da trugt Ihr diese ewig unbezahlbare spanische Kapuze. . .

Dow hatte die Arbeit an einem seiner lieblichsten Bilder begonnen.
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===Gabriel Metzu und seine Frau. Von ihm selbst.===

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Dieses Bild dieses geistreichen holländischen Genremalers ist im höchsten Grade anziehend durch seine Ungezwungenheit und edle Simplicität. Diese beiden Eigenschaften zeichnen durchgehends Metzu’s Werke aus; hierzu gesellt sich die höchste bis aufs Unbedeutende sich erstreckende Vollendung in der Ausführung, sowie das sauberste, klarste Colorit. Fein und gemüthlich, wie der Maler selbst, sind seine Stoffe; seine Auffassung zeigt uns immer den geistreichen Künstler, und mehre Gemälde von ihm, so sein „Laboratorium“, seine „Kranke mit dem Arzte“ stehen in erster Linie des Vorzüglichsten, was die niederländische Genremalerei überhaupt aufzuweisen hat. Metzu arbeitete, wie die sorgfältige Vollendung seiner Bilder schon schließen läßt, äußerst langsam. Dieses Umstandes und seines frühen Todes wegen ist die Zahl seiner Werke nicht groß. Sie haben daher, abgesehen von ihrer Vortrefflichkeit, sich zu einem ungeheueren Preise erhoben. Die vorzüglichsten Schüler dieses Malers, J. van Geel und van der Neer, bleiben weit hinter der geistreichen Zartheit ihres Meisters zurück.

Gabriel Metzu, oder wie der Name auch geschrieben wird, Metsu, ward in Leiden 1615 geboren, lebte zu Amsterdam und starb hier im Jahre 1658. Daß er ein Schüler von Dow war, dürfte schon bekannt sein.
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===Die Dorfschenke. Von A. Ostade.===

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Adrian von Ostade, obgleich ein Deutscher (er wurde zu Lübeck 1610 geboren), gehört dennoch, da er sich in Holland bildete und alle charakteristische Merkmale der Holländer in seinen Werken zeigt, der niederländischen Malerschule an. Er nimmt in dieser einen hervorragenden Rang ein. Franz Hals und Rembrandt waren seine Lehrer. In genauer Bekanntschaft mit dem talentreichen Brouwer lebte er zuerst in Haarlem, dann in Amsterdam. Hier starb er 1685.

Ostade malt das Landleben, das Innere von Bauerhütten und Schenken; seine Personen sind größtentheils derbe Bauern, Betrunkene, Tabaksraucher, Bettelmusiker, Bäuerinnen bei der Arbeit. Er hatte mit Teniers viele verwandte Züge; aber dieser ist origineller, humoristischer als Ostade. Teniers’ Composition hat mehr Einheit als die, welche die zuweilen ganz willkürlich zusammengestellten Personen Ostade’s verbindet. Sodann wiederholt sich Ostade nicht selten und kommt Teniers in der Zeichnung nicht gleich. Seine Ausführung aber übertrifft diejenige des Holländers.

Ostade erfand wenig; aber wo er die Komik im wirklichen Leben erfassen und in seine Gemälde übertragen konnte, da ist sie schlagend. Neben einem kleinen Gemälde, worin sich der Künstler neben seiner Frau und mit acht Kindern darstellte, welches das Pariser Museum besitzt, ist unser Bild eine seiner reizendsten Schöpfungen.

Es zeigt auf interessante Weise, wie Adrian von Ostade zu componiren pflegte. Adrian besaß einen 1612 geborenen Bruder, Isaak van Ostade. Dieser war sein Schüler und stand ihm in Zeichnung und Colorit weit nach, weswegen Adrian in der Regel der ''„gute Ostade“'' genannt wird. Isaak machte unter der Aegide seines Bruders seine Naturstudien an den Orten, welche Adrian gewöhnlich darzustellen pflegte.

– Aber das ist ja noch immer kein Bild! klagte dann Isaak, wenn Adrian begeistert zu dem Stift griff, um die Scenen vor sich fest zu halten.

Eines Nachmittags, als die beiden Künstler zu einem Dorfe am Haarlemer Meer wallfahrteten, wurden sie von ihrem Nachbar begleitet, der Mappen und Zeichnengeräth trug. Dieser Nachbar war ein Schuster und dazu ein Franzose von Geburt. Damals war’s eben in der Zeit, daß König Ludwig XIV. von Frankreich die Niederlande mit seinen Heeren bedrohete. Der Schuster, welcher früher, sobald er Miene gemacht, als patriotischer Franzmann zu glänzen, von den Holländern regelmäßig mit Schlägen zur Ruhe gebracht war, faßte bei dieser Nachricht frischen Muth. Gleich als sei er König Ludwigs außerordentlicher Abgesandter, ging er Haus bei Haus in seiner Nachbarschaft, machte sich wichtig, drohte in Frankreichs Namen, legte vorläufig Brandschatzungen auf, und hatte die Genugthuung, daß die erschreckten Holländer ihm erstaunt zuhörten, ohne ihn zu züchtigen.

Als der französische Fußbekleidungskünstler, die Mappen und Feldstühle schleppend und dazu heftig aus seiner Thonpfeife rauchend, hinter den beiden Malern herkeuchte, trieb er seinen Patriotismus so weit als möglich, indeß Adrian dem seufzenden Isaak die Geheimnisse der Kunst zu enthüllen bemüht war.

– Aber da habe ich immer noch kein Gemälde! bemerkte Isaak unverbesserlich.

– Ei, Gewitter! rief Adrian, in seiner Aufgeregtheit plötzlich deutsch fluchend und sprechend. Was giebt, was macht denn ein Bild? Alles, Alles – Schwachkopf – vom Blitze an aus dem hohen Himmel heraus, bis zu dem kleinsten Käfer und Wurm im Grase – Alles sind Bilder! Leben, Bruder, mags heißen wie’s will, erscheinen wie’s mag, Leben, nur Leben, und Du hast die Bilder, die Du nirgend finden kannst!

– O, raisonniren kann ich auch über dergleichen, theurer Adrian! sagte der sanfte Isaak, noch lange nicht überzeugt.

Adrian sah ihn einen Augenblick fest an. Dann wandte er sich zu dem Schuster, der noch nicht zu bramarbasiren aufgehört hatte, und sagte befehlend zu ihm:

– He! Sans-Regret! Siehst Du da das Wirthshaus? Hier nimm diesen Gülden, laß Dir Wein geben, setze Dich an irgend einen Tisch und erzähle Jedem, der es hören will, was Du uns vornäseltest. Verkündige den Mynheers da drinnen die Nachricht, daß König Louis <tt>quatorze</tt> auf Deine Veranlassung die Niederlande in ein Sodom und Gomorrha verwandeln wird . . .

– Aber das wird eine Bataille . . .  bemerkte der Franzose.

– Marsch doch, Sans-Regret! Ich bezahle Dir Deine Prügel.

Der Schuster strich seinen schwarzen Bart, rückte die Pelzmütze und ging in die Dorfschenke. Adrian und Isaak nahmen draußen am Fenster Platz. Der „gute Ostade“ hielt, indeß seine Augen blitzten, den Bleistift auf dem glatten Papier.

– Jetzt sieh, Du ungläubiger Thomas! murmelte Adrian, die Zeichnung beginnend, wie in einer prachtvoll perspectivischen Hütte im Vordergrunde der Schuster mit unwiderstehlich ergreifender komischer Würde fünf Holländern, die um einen Tisch saßen, ihr verderbliches Schicksal ankündigte, während sich einige Männer im Hintergrunde durch rasches Trinken begeisterten, dem übermüthigen Gliede der „großen Nation“ mit ihren geballten Händen den Mund zu stopfen.

– Herrlich! Herrlich! rief Isaak, jetzt ebenfalls warm werdend. Diese verschiedenen Physiognomien der Mynheers sind zu unübertrefflich. Und Sans-Regret ist heute ein ganzer Mann! Das wäre freilich ein Bild!

– Und kein schlechtes! schloß Adrian. Des Künstlers Auge hat aber sicherlich in ihm noch sein ''letztes'' nicht gefunden!

Er schloß die Mappe zu, eben als dem Schuster von den übrigen Gästen der Lohn seines Patriotismus in fühlbarer Weise ausbezahlt wurde.
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===Die Eierprobe. Von Gottfried Schalken.===

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Schon mehre Male traten wir in den heitern Kreis der Maler Hollands, von denen Gerard Dow den Mittelpunkt bildet. Wir kennen den Meister selbst, seinen wilden und genialen Mieris und den stillen und feinen, durchbildeten Metzu. Der dritte seiner besten Schüler ist nicht weniger bedeutend, als diese beiden; steht in der Art seiner Auffassung unabhängig von ihnen, die viele Aehnlichkeiten bieten, da, und übertrifft an effektreicher Darstellung und Beleuchtung diese Miniaturisten, die mit Aengstlichkeit die kühnere Pinselführung zu vermeiden strebten.

Es ist dieser dritte Gottfried Schalken, von Dortrecht, welchen Zusatz sein Name in der Regel führt. Wenn Mieris unter den Freunden das überkräftige Leben, den Humor und die Ausgelassenheit, Metzu dagegen die geistreiche Gemüthlichkeit vertrat: so paßte Schalken ganz vortrefflich, um dem Kleeblatte durch seinen melancholischen Ernst das Element zu geben, welches ihm noch fehlte, um ein Ganzes zu sein. Mieris konnte raisonniren, Metzu sich fein unterhalten und sprechen; Schalken verstand das Betrachten und Grübeln aus dem Grunde.

Der Letztere hatte indeß eine Eigenschaft, die, obwohl sie mit seinem ernsten Wesen, welches er gewöhnlich zeigte, im geradesten Widerspruche stand, gar nicht selten, obgleich lange nicht so oft hervorbrach, wie es etwa Mieris wünschte. Schalken hatte die herrlichste Anlage, die komischsten Vorfälle anzuzetteln. Er lachte selten, war aber im Stande mit einer wahren Leichenbitter-Miene so lange die witzigsten, possenhaftesten Sachen von der Welt vorzubringen, bis seine Freunde ihn unter dem unauslöschlichsten Gelächter um Schonung ihres Zwerchfells und um die Gnade baten, sich wieder in menschenfeindlichen Betrachtungen zu ergehen.

Mieris war die Seele der Gesellschaft. Aber wenn seine Hilfsquellen der Unterhaltung versiegt waren, dann konnte man drauf rechnen, daß Schalken sich in seiner Glorie erhob. Er machte Kartenkunststücke, in deren Geheimniß noch Niemand seiner Freunde hatte einzudringen vermocht. Schalken besaß eine ganze Reihe von Bildern, die er durch die einfachste Vorrichtung so zu beleuchten verstand, daß die frappantesten, grausigsten und lächerlichsten Scenen in Lebensgröße mit herrlichster Wahrheit sich frei im Zimmer schwebend darstellten. Metzu war namentlich ein Freund dieser in einem halbdunklen Gemache stattfindenden Unterhaltungen; er war es, welcher Gottfried Schalken am meisten quälte, wieder einmal zu „hexen“. Diese Bilder selbst hatten die Freunde noch nie gesehen. Mieris wollte endlich den gordischen Knoten mit dem Schwerte, oder vielmehr der Brechstange durchhauen: er sprengte einst in Abwesenheit des Dortrechters dessen Schlafkammer auf, wo sich die magischen Gemälde befanden, während ein halbes Dutzend Maler neugierig vor der Thür harrten. Als sie hervorgebracht wurden, diese Bilder, waren nichts als wüste Striche und bunte Kleckse zu sehen, aus denen selbst die Maler nichts als ein Chaos heraus zu finden vermochten, Zeichen genug, daß sie die Lichteffecte bei weitem nicht so genau kannten, als ihr schwermüthiger Freund.

Als Schalken diese „Kirchenräuberei“ erfuhr, konnte er kaum abgehalten werden, mit Mieris den langen Stoßdegen zu kreuzen. Glücklicherweise ließ sich indeß der Dortrechter mit einem Eierpunsch, dessen Grundstoff echter Schiedamer war, sicher besänftigen; denn er gab, was die Liebe zum Becher betraf, dem Mynheer van Mieris, welcher in diesem Punkte groß war, wenig nach.

Die Punschbereitung, die Anfertigung des Ei-Schiedamers blieb stets Mieris überlassen. Bei einem solchen Anlasse war’s, daß Schalken eins seiner Kunststücke producirte. Die Gesellschaft war eines Abends beim Mieris in seinem Atelier versammelt. Die Freunde saßen um den Tisch und warfen ihre Geldstücke zusammen.

Dann schrie Franz: – Jantje!

Die Dienstmagd der Wirthin, der Liebling der Maler, erschien. Statt aber wie sonst selig zu lächeln, war das achtzehnjährige Mädchen heute wo möglich noch melancholischer als Schalken, welcher schon seit einer Viertelstunde unverwandt eine Laokoon-Statue auf einem Nebentische anstarrte, ohne ein Wort zu sprechen. Sogar die Rosenwangen Jantje’s schienen verblaßt; ihr krauses Haar hing unordentlich, aber noch immer schön um ihre Stirne.

– Was machst Du heut Abend für Gesichter, Mädchen? rief Mieris aufblickend. Ist Dir Dein Liebhaber etwa ungetreu geworden? Statt der Antwort machte das Mädchen Anstalt zu weinen. Jetzt standen die Maler auf und stellten sich um sie und bestürmten sie so lange, bis sie gestand: ihr Geliebter sei ein Fischer, der nothwendig ein Boot heirathen müsse.

– Ein Boot? riefen die Jünglinge.

– Ja, ein Mädchen, das ein Boot besitzt, sonst giebt’s der Vater Pieter’s nicht zu, und mein Freund muß eine Andere, Reiche freien. . .  Und ich bin so arm . . .

– Ah bah! Heule nicht! sagte Schalken barsch. Hol’ die Eier für unfern Schiedamer und dann wollen wir gelegentlich ’mal weiter sehen.

Jantje nahm sehr bestürzt das Geld und ging. Als sie wieder erschien, hatte sie noch dieselbe schüchterne Miene; sie schien nur mit Gewalt ihre Thränen zurückzuhalten. Kaum wagte sie es, den geflochtenen Weidenkorb, fast schier mit den schneeweißesten Eiern gefüllt, den Jünglingen, von denen sie Trost in ihrem Schmerze erwartet haben mochte, auf den Tisch zu setzen.

– Die Eier sehen ja verdächtig aus! rief Schalken abermals und mit höchst finsterer Miene. Zeigt doch eben; wenn die nicht faul sind, so heiße ich nicht Gottfried.

Und er nahm ein Ei und warf’s ohne Umstände auf den Fußboden. Wortlos sah Jantje zu. Plötzlich aber stieß sie einen hellen Ausruf aus und bückte sich rasch, indeß sie die Hand ausstreckte und dennoch nicht wagte zuzugreifen. – Mitten in dem zerfließenden Dotter lag nämlich ein glänzendes Goldstück.

– Ei! sagte Schalken sehr ernst. Das ist zu seltsam, um das Ding nicht noch einmal zu versuchen. Geht das so fort, so werden die Goldstücke hierlandes sehr wohlfeil werden.

Und abermals zerwarf er ein Ei – wieder zeigte sich das Gold drin; noch eins – dasselbe Resultat.

Jetzt starrte Jantje die Freunde mit einem großen Blicke an, besann sich rasch und stürzte auf den Korb mit Eiern los, den sie fest an sich drückte.

– Ich habe die Eier gekauft; mir gehören sie! Ich hole den Herren einen Gulden, den ich dafür bezahlte, und mögen sie dann andere kaufen! O guter Gott! Welches Glück! Welches Wunder! Mir so das Geld zu bescheren, damit Pieter der Meinige wird.

Und das Mädchen rannte zur Stube hinaus. Die Maler sahen sich an und brachen wie auf’s Signal in ein langes Gelächter aus. Auch Schalken wurde heiter.

– Wollen doch sehen, was sie beginnt; murmelte er, indeß er ihr nacheilte. 

In der Küche war Licht. Die Maler blickten neugierig durchs Fenster. 

Da saß die schöne Jantje vor ihrem mit einem großen Bunde Zwiebeln prangenden Tische, auf welchem die Thranlampe stand, den Korb noch fest auf dem Schooße haltend und mit glücklichem Lächeln ein Ei vor die Flamme haltend, in welchem sie schon jetzt das Goldstück zu erblicken meinte.

– Seht doch, Jungen! flüsterte Schalken mit seiner Baßstimme. Ist das nicht ein superbes Bild? Heda! sagte er, in die Küche tretend, komm, gutes Kind; bemühe Dich nicht, die Goldstücke sind ausgeflogen; aber, meiner Seel’, Dir sollen sie dennoch nicht fehlen.

Jantje aber wollte sich nicht von den Eiern trennen. Sie schlug sie eigenhändig mit zitternden Fingern und erwartungsvollem Blicke in die Schiedamer-Schale und brach, als selbst das letzte kein Gold zeigte, in helle Thränen aus.

– Ruhig! Setz’ Dich später noch einmal hin, wie eben! Ich male Dich und dann wartest Du acht Tage. Du wirst Dein Geld schon erhalten, dessen Du bedarfst. Hast Du, Mopskopf, vergessen, daß wir, wie Meiris sagt, Leute sind, deren Stunden jede drei Ducaten werth sind?

Schalken malte Jantje und gab ihr das Honorar für das Bild als Aussteuer, während der verschuldete Mieris ihr den Hochzeitsstaat und der sparsame Metzu ein Boot am Tage der Trauung schenkte.

==10. Heft.==
=== Die büßende Magdalene. Von Correggio.===

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Der Name Antonio Allegri’s, von seiner Vaterstadt Correggio genannt, bildet allein einen bedeutenden Abschnitt in der Geschichte der Kunst in ihrer höchsten Vollendung. Correggio ist eines der Genie’s, welche mit selbstständiger Schöpferkraft eine eigenthümliche Region in der Kunstwelt eröffneten und in ihren Werken ein weites Feld für das Studium des Kenners und Künstlers darbieten. Bei einem seiner folgenden Werke werden genauere Charakteristiken dieses glänzenden Meisters gegeben werden.

Seine büßende Magdalene erfüllt uns mit dem Gefühl der ungeheuren Mittel, worüber dieser Maler zu gebieten hat. Dies Bild ist der Inbegriff des Graziösen. Die Grazie, der unbeschreibliche Reiz, welchen Correggio’s Bilder durch die Stellungen und Bewegungen der Figuren, durch die meist immer unabsichtlich erscheinende Lieblichkeit des Ausdrucks derselben ausübt, ist die hervorragendste Eigenschaft dieses Künstlers. Eine größere Harmonie der Farben als sie Correggio uns zeigt, ist nicht denkbar. Licht und Schatten von höchster Höhe bis zu tiefster Tiefe stufen sich bei ihm ab, verschmelzen in einander, wechseln und geben den Figuren die täuschendste Rundung, gleichsam als habe dem Pinsel des Malers eine Zauberkraft inne gewohnt. Seine Auffassung, sein Geschmack ist stets ideal; die Behandlung im großen glänzenden Style und dabei von der eigenthümlichsten Leichtigkeit und Zartheit. Um jede Härte zu vermeiden, stand ihm die vollendete Kunst der Verkürzungen zu Gebote. Hieran schließt sich seine meisterhafte Perspektive, wodurch er mit vollkommenster Klarheit seine Gegenstände auseinanderhält und die Abstände durch die stufenweise Verfärbung seiner Licht- und Schattenmassen auf’s Genaueste bezeichnet. Im Nackten ist er wahrhaft einzig.

Das sind die Grundzüge, welche diesen Meister, „der den Sinn und das Gemüth des Betrachters ergötzen will“, auszeichnen.

Ueber sein Leben selbst fehlen, außer daß er, wie bemerkt, zu Correggio, einer Stadt in Modena, 1494 geboren und im Jahre 1534 gestorben ist, geradezu alle Nachrichten. Parma bewahrt seine meisten Werke, die später aufgezählt werden sollen.
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===Die Spitzenklöpplerin. Von Slingeland.===

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Pieter von Slingeland, zu Leyden 1640 geboren, war einer von Dow’s Schülern. Was den Fleiß, die unermüdlichste Ausdauer bei der Ausführung seiner Gemälde betrifft, so kommt ihm darin keiner seiner Genossen und selbst der Lehrer nicht gleich. Weniger dagegen ist geistreiche Auffassung und Leichtigkeit der Behandlung, die bei aller minutiösen Genauigkeit den Dow, sammt Metzu und Mieris auszeichnen, eine Eigenschaft Slingelands; ja nicht selten erscheint sein Colorit, bei übrigens vortrefflicher Zeichnung, schwer und ohne Lustre und verräth die Arbeit, die Mühe des Malers. In seinen besten Stücken ist Slingeland jedoch bewundernswürdig, nicht allein durch die beispiellos genaue Ausführung, sondern auch durch vollkommenste Beleuchtung und eigenthümliche Klarheit der Färbung. Das berühmteste Werk Slingelands befindet sich im Louvre zu Paris; es ist das Meermannsche Familienbild, an welchem der Maler über drei Jahre unausgesetzt arbeitete. Wie bei allen Gemälden Slingelands, so ist auch hier die Anordnung höchst gemessen, die Haltung des Ganzen mehr verständig als warm, die Ausführung aber scheint fast wunderbar. Die Familie ist übrigens in einem reichgeschmückten Zimmer versammelt, indeß der Mohr eintritt, und einen Brief überreicht.

Das zweite Hauptwerk des Malers ist diese junge Spitzenklöpplerin. Es ist von vollendeter Reinheit, sowohl was Zeichnung als Färbung betrifft. Dies Bild hat der Maler offenbar mit großer Liebe gemalt. Der ungezwungene Adel in der Figur des jungen Mädchens, das Weiche in ihrer Erscheinung erreicht Slingeland in der Regel nicht in solchem Grade. Die meisterhaft wiedergegebene Ausführung bis in die letzte Ecke des Bildes hinein, kommt derjenigen des Meermannschen Stückes nahe. Die Beleuchtung, ohne den geringsten Anspruch auf Effect zu machen, ist durch ihre Klarheit und Richtigkeit von ungewöhnlichster Wirkung. Der Hahn giebt den Werken der besten Vogelmaler nichts nach und die Wahrheit in dem Kopfe der Alten ist so frappant, daß sie ein unwillkürliches Lächeln des Beifalls erregt. – Ein drittes Bild Slingelands, eine junge Frau mit einem Hündchen, das von einem Herrn geneckt wird, ist freier gezeichnet, als die Spitzenklöpplerin, steht diesem aber sonst bei weitem nach. Viel Aehnlichkeit ist zwischen Jakob van der Sluys und diesem Maler.   Slingeland starb 1691.
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===Der   Trompeter. Von Franz von Mieris.===

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Es ist ein ziemlich unansehnliches Gebäude, welches wir betreten. Dasselbe stand auf dem Grund und Boden und unweit der alten Collegiengebäude der „ehrwürdigen“ Gesellschaft Jesu in Brüssel, deren Glieder, von Ath, Lille und Valenciennes nach und nach eingewandert, sich in Brabant festzunisten strebten.

Wir schlüpften durch die im Innern fest verschlossenen Thüren des Häuschens und gelangen in ein reich ausmeublirtes langes, schmales Gemach, mit vielen Seitenthüren versehen. Es befinden sich hier zwei Männer, ein alter und ein junger.   Beide sind Geistliche.

Der ältere Mann hat ein sehr weites, pelzgefüttertes Priestergewand um die im Lehnstuhl schlaff zusammengesunkenen Glieder geschlagen. Er hat beide dürren Hände auf die Lehnenknöpfe des Sitzes gelegt, um seinen vorgebeugten Oberkörper zu unterstützen. Ein merkwürdiger Kopf. Die von einem Käppchen überragte Stirn zeigt höchste Intelligenz. Das wachsfarbene, blutlose Antlitz hat schöne, feine, fast verdächtige Züge. Das schwarze Auge ist klar und rein und von eigenthümlicher Schärfe im Blicke. Wenn der Priester sich bewegte, so daß sich sein schwarzseidener Pelz verschob, so sah man unter demselben etwas Violettes; der Greis war einer der höchsten Würdenträger der Kirche.

Das war seinem Namen gegenüber jedoch nur etwas ungemein Unbedeutendes. Dieser Name hieß ''Mazarini.'' Ja, dies war der fuchsgleiche Löwe, welcher aller seiner Feinde mächtig, der Herrscher Frankreichs, der Gemahl Anna’s von Oesterreich und einer der Männer war, welche, wie etwa Oliver Cromwell jenseit des Canals, die Geschichte des 17. Jahrhunderts machten.

Die Macht des Geistes dieses Italieners grenzte wahrlich ans Wunderbare. Mehrfach verbannt, feierlichst geächtet, kehrte er, obgleich wie bei Admiral Coligny unter Karl IX. das Parlament in Paris einen Preis von funfzigtausend Thalern auf seinen Kopf setzte, von Cöln am Rhein unangefochten als Sieger zurück und kam nur wo möglich zu noch größerem Ansehen. – Gegenwärtig, man schreibt 1659, bot der Cardinal Alles auf, um seine und Richelieu’s Schöpfung, ein großes Frankreich und die absolute Macht der Krone, auch nach seinem Tode hinaus für die kindliche Hand Louis XIV. zu sichern. Hatte dieser Mann damals bei seinem Aufenthalte in Belgien und Deutschland erkannt, daß das Niederland, durch Religion wie durch Sitten und Charakter seiner Bewohner Frankreich näher liege, als den protestantischen Generalstaaten Hollands? Legte er damals schon den Grund zu dieser nie erkalteten Opposition auf Tod und Leben, von der katholischen Geistlichkeit den Holländern entgegengestellt, zu diesem Haß, welcher zwar spät, aber doch endlich Niederland in zwei Hälften riß? Sicherlich aber wollte er sich der Rheinlande und des Niederlands zur Unterstützung Frankreichs gegen Englands und des deutschen Kaisers Macht versichern. Mazarin war gewohnt, wenn er vom Elsaß und Lothringen, wenn er vom linken Rheinufer und Belgien sprach, zu sagen: „Des Königs zukünftige Krongüter“ und wahrlich hat sich Louis XIV. bestrebt, dies Wort, so weit möglich, wahr zu machen.

Mazarin war diesmal in größter Stille von Vincennes hier angelangt und bei den Vätern Jesu abgestiegen. Derjenige, welcher vor ihm stand, ein Mann von höchstens dreißig Jahren, hatte schon vor eilf Jahren, als Secretair des Gesandten Frankreichs in Osnabrück und Münster ausgezeichnete Dienste geleistet.   Jetzt war er Rector des Collegiums.

Pater Drucy stand vor dem Cardinal in zwangloser Haltung. Er sah, während Mazarins Gesicht fast schmerzlich bewegt schien, so durchaus ruhig aus, wie ein Erzbild.

– Darf ich weiter hören, Eure Eminenz? fragte er mit klarster, kalter Stimme, die Hände in seine weiten Aermel schiebend.

– Ja, mein Sohn! Dies England darf sich nicht erheben; ich sag’s Dir! sagte der Cardinal mit weicher, sanfter Stimme.   Die alte Politik des großen Richelieu, diejenige, welche ich mit schwachen Kräften zu verfolgen mich bemühte, diese Politik der feinen Welt, sie wird bald zu Ende sein.   Die Interessen der Regierungen werden offener hervortreten; die Kunst des unterhandelnden Staatsmannes wird vor den offenbaren Forderungen, vor der unversteckten Verfolgung der Interessen der mächtigen Fürstenhäuser Europa’s  erbleichen . . .  Es ist betrübt, Drucy, sehr betrübt.   Wir werden überflüssig. –   Er lächelte ironisch. – <tt>Corpo de Gésu, </tt>   wir werden bald unser Creditiv dort oben überreichen, aber Frankreich und sein königliches Kind sollen erfahren, daß ein schwacher, unbedeutender Mann der alten Schule dennoch Einiges vorauszusehen gelernt hat, obwohl er – Gott behüte uns vor Lästerung – nicht die Ehre hat, ein Prophet zu sein.

Der Jesuit verbeugte sich leicht und zuckte fast unmerklich die Achsel. Er war auch einer von der alten, sehr alten Schule, deren erste bekannte Lehrerin die Schlange war, welche Eva im Paradiese verführte.   Er schien längst begriffen zu haben.

– England! England! murmelte Mazarin.   Wie wirst Du dereinst mein schönes Frankreich beugen und demüthigen, wenn Frankreich Dich nicht zeitig niederhält.    Cromwell ist fort, Englands Richelieu gestorben und die kaum fünf Jahr gebändigte Anarchie erhebt wieder wüthend ihr Haupt.   Die Stuarts sollen zurückgerufen werden; Karl II., Prätendent, schickt sich an den Fuß auf Englands Boden zu setzen.    Die Parteien werden sich einigen, um zuerst diesem Charakterlosen gegenüber die Macht der neuen Krone zu brechen.    Das Volk, diese klarberechnende, tüchtige Nation wird herrschen, sie wird stark, unerhört stark werden und Frankreich wird die Gesetze seiner Politik einst von jenseit des Canals empfangen.

– Ich verstehe! sagte der Jesuit.   Karl Stuart ist hier in Brüssel, sammt seinem Miniatur-Hofe.

Die beiden furchtbaren Priester sahen sich eine ganze Weile starr und schweigend an.

– Ist’s so? flüsterte Mazarin und reichte Drucy die Hand. 

Drucy ward unruhig. 

– Eure Eminenz, sagte er sehr langsam; ich bin weder ein Franzose noch ein Engländer; bin ein Wallone. National-Interessen berühren mich nicht. Der heilige Stuhl in Rom und mein Orden, das sind die einzigen Leitsterne meines Thuns. Und da sage ich Euch, Eminenz, wir und alle Anhänger Roms werden in England wie in Schottland auf immer verloren sein, wenn diese Covenanters, wenn die Puritaner wieder, von keinem katholischen Könige gezügelt, die Schwerter erheben. Ich bitte Euch, wenn das Wort eines armen Mönchs etwas bei Euch gilt, daß Eure Eminenz zuerst Katholik und dann erst Franzose sein wollen. Ihr wollt, Karl Stuart soll nicht nach England; dies Land soll sich in Bürgerkriegen abschwächen und aufreiben. Ihr könnt ihn leicht sterben lassen. Aber wenn ich je für einen Menschen gebeten habe, so bitte ich für ihn; er ist ein treuer Sohn der Kirche und die Gesellschaft Jesu hofft nur von ihm Alles.

Mazarin hörte aufmerksam zu; seine Miene blieb unverändert. Er schien tief die Worte des Jesuiten zu erwägen.

– Mein Sohn, sagte er endlich mit höchster Milde; Dein Wort habe ich längst bedacht, aber es erscheint mir jetzt so wichtig, daß ich morgen mit Dir mich weiter unterhalten will . . .

Der Cardinal bewegte die Vorderfinger zum Kreuzzeichen. Pater Drucy verbeugte sich tief und ging.

Mazarin zog ein häßliches Gesicht.

– Es gilt rasch sein! sagte er zu sich selbst. O Geschmeiß vom heiligen Jesu; ich kenne Euch; Dich, Drucy, insbesondere.

Der Cardinal klopfte leise an eine Thür. Ein junger Mensch von zwanzig Jahren, schwarz gekleidet und im höchsten Grade häßlich, erschien lautlos.

– Cosmo, hast Du den Mann gesehen? fragte der Cardinal in italienischer Sprache. 

Der Secretair verbeugte sich.

– Und er ist bereit?

– Zuerst Geld, Monsignore.

Mazarin zog unwillkürlich eine Grimasse, denn er war sehr geizig.

– Gut! aber weiter keine Bedenken?

– Keine.

– Und der Mann ist ein Irländer, sagst Du?

– Ja, Eminenz, und sehr zuverlässig. Dazu ein wahrer Athlet, welcher sicherlich allein es mit drei Bewaffneten aufnimmt.

Der Cardinal ward nachdenklich.

– Aber keine Wahl zu haben? Cosmo, ich glaube, Du wirst seit einiger Zeit bedeutend einfältig. Warum hast Du nicht mehr Wege, als daß wir uns dieses Kehlabschneiders bedienen müssen?

Cosmo zuckte die Achseln.

– Das Leben Karls, murmelte er, hat gegenwärtig für seine Umgebung eine solche Bedeutung erlangt, daß es wie der unermeßlichste Schatz behütet wird. Und begleitete Karl II. nicht seinen Freund, Lord Durham, am Abend zu der Geliebten Seiner Herrlichkeit, zu Signora Grévy, so würde ihm gar nicht beizukommen sein. Das wäre dennoch der Fall, Eminenz, denn wer kennt diese Cavaliere, wenn sie wohlverkleidet durch die Straßen schlüpfen? Aber Signora Sophie ist zufällig ebenfalls die Geliebte des irischen Trompeters und ich versichere, Daniel O’Rayle ist schön genug, um ein verliebtes Mädchen zu Allem zu bewegen. 

– Ich will ihn sehen! sagte Mazarin entschlossen.

– Die Kürassiere seiner Schwadron haben heute die Wache! antwortete Cosmo.

– So gehe ich mit Dir nach der Wache.

Mazarin verstand es durch lange Praxis ausgezeichnet, sich zu maskiren. Einige Minuten und der Allmächtige stand nebst Cosmo im anspruchlosesten Bürgerwamms da; einer Art von ehrbarem Familienvater, der Gewürze verkauft, ähnlich.

Beide gingen sehr behutsam aus dem Hause hinaus und kamen auf die Straße. Sie gingen geradewegs nach der Wache der Harnischreiter.

Unterdeß trat Pater Drucy wie ein Geist hinter einer Tapetenthür hervor. Er lächelte auf eine Weise, die liebenswürdig gewesen wäre, hätte sie nicht etwas fein Diabolisches gezeigt.

– Buckingham fiel auf Frankreichs Betrieb, sagte er; Karl wird Euch nicht erliegen.

Er zog sich rasch an, dressirte seinen schönen Bart und sein Haar und eilte ebenfalls fort. Es war gegen Abend. Drucy ging nach einem kleinen, eleganten Hause der westlichen Vorstadt, zog die Klingel und ward von einer schönen Dienerin nicht ohne große Verwunderung eingelassen.

– Mademoiselle Sophie Grévy? sagte der Jesuit mit so galantem Tone, wie ein pariser Damenheld.

Im nächsten Augenblicke fand er sich in einem der schönsten Cabinets und vor einer der schönsten Damen von Brüssel. Die Geliebte des Lord Durham war so reizend, daß selbst der nur für ehrgeizige Pläne Sinn habende Pater Joseph sie überrascht betrachtete. Bald aber besann er sich, daß er der Liebenswürdigen gegenüber wenig Umstände zu machen habe. Er griff in den Busen und zog eine Schachtel hervor.

Ohne ein Wort zu sagen, mit ruhigster Miene legte er Eins nach dem Andern, Ringe, Halsbänder und Perlenschnüre auf den Tisch.

Sophie’s große, braune Augen funkelten; ihre Wangen rötheten sich, und tief aufseufzend und sich im Sopha zurücklehnend, den Pater fest anblickend, fragte sie:

– Aber was bedeutet Das? Habt Ihr im Sinne, mir Eure Liebeserklärung zu machen? Dann habe ich sie wahrlich nie sonderbarer empfangen! So sprecht doch! Was wollt Ihr mit dem Schmucke sagen? denn verhandeln werdet Ihr ihn mir doch nicht wollen!

– Allerdings, meine Dame! Ich verlange eine ganze Bagatelle dafür. Ihr sollt nur einige Worte dafür sprechen . . .

Und rasch enthüllte er dem erstarrten Mädchen, welches Schicksal dem Karl Stuart durch die Hand ihres zweiten Freundes, Daniel O’Rayle, bereitet werden solle.

– Nimmermehr! Ich kenne Daniel! rief Sophie aufspringend. Er ist leichtsinnig, er liebt das Geld, weil er für Karten und Wein ungeheure Summen nöthig hat, mehr als selbst ich ihm geben kann, und doch verschlingt er Alles, was ich besitze. Aber ein Mörder, ein feiger Verbrecher? Es müssen Höllenkünste gebraucht sein, um ihm ein Versprechen zu solchem Greuel zu entreißen!

– Nein, Theuerste! sagte der Jesuit, freudig die Hände reibend; blos ein verteufelt schwerer Geldsack! Macht mir aber das Vergnügen und laßt Euren Freund, den Trompeter, sich wo möglich von jenen finstern Strolchen die bedungene Summe ausbezahlen; sie verdienen diese Züchtigung und bei ihrem Geize ist sie eine sehr empfindliche. Dann aber nennt König Karl’n meinen Namen und sagt ihm: Herr, gedenke der armen Väter Jesu, wenn Du in Dem Reich kommst!

Das Mädchen versprach Alles. Der Pater beugte sich nieder, um ihre wundervolle Hand zu küssen.

– Nicht so! Ihr habt mehr verdient! sagte sie freimüthig und bot ihm die blühenden Lippen dar.

Pater Joseph besann sich eine Secunde, dann drückte er einen Kuß darauf und empfahl sich, indeß er seufzte:

– O, Daniel O’Rayle! O, englische Lordschaft Durham! Welch ein kläglicher Narr ist doch ein weltenlenkender Jesuit in seiner heiligen Zelle!

Mazarin und Cosmo aber kamen vor die Wachtstube. Die Reiter saßen draußen. Nur der Trompeter befand sich im Innern derselben. Seine Gedanken litten keine Gesellschaft. Mazarin, sonst selbst ein feiner Cavalier, ein vollendet schöner Mann, betrachtete den Irländer mit Ueberraschung.

– <tt>Corpo de Bacco! </tt> murmelte er. Welch ein Mensch!

Daniel saß an dem Feldtische. Unberührt stand der Bierkrug und das hohl geschliffene Glas vor ihm. Die Karten, sonst sein Leben, waren zur Seite geworfen oder lagen an der Erde. Den rechten Arm auf den Tisch gestemmt, rauchte der Trompeter, in ernstes Sinnen verloren, aus seiner kleinen Thonpfeife. Wahrlich, Daniel war es werth, der Nebenbuhler nicht allein eines Lords, sondern eines Königs zu sein. Ein großes Lagerbarett bedeckte einen Theil seiner langen, dichten, blonden Locken. Sein Schnurrbart war aufwärts gestrichen, sein Gesicht war eben so regelmäßig als kühn und ausdrucksvoll. Er trug noch seinen stählernen Halskragen; sonst war er im Wamms mit reichen, langgeschlitzten Aermeln; sein Küraß lag neben der langen, großen Trompete auf der Erde. Wallonische Oberhosen, weit, bis auf’s Knie reichend, und lederne Reitbeinkleider sammt Stiefeln mit Lederklappen vollendeten seinen Anzug. Das riesige Reiterschwert, welches den Stuart durchbohren sollte, lehnte an einem Stuhle.

Mazarin faßte Zutrauen zu diesem Kämpen. Die Unterhandlung begann. Der Ire war jedoch lange nicht so gefügig, als Cosmo berichtet hatte.

– Ich will mit meiner Geliebten noch einmal reden! sagte der Trompeter nach jedem neuen Angriffe. Und dann gebt mir das Geld . . .

– Zur Hälfte! bemerkte der Cardinal.

– Bei St. Patrick! Kein Schilling soll mir fehlen, oder der ganze Handel ist nichts.

– Gut! Aber wann folgt Euer Entschluß?

– Heule Abend!

– Auf Dein Wort!

– Auf mein Wort! Ich heiße O’Rayle!

Cosmo ließ als einen Vorschmack einige Rollen mit Ducaten in die unergründlichen Taschen des Soldaten gleiten; dann empfahlen sich die Pfaffen. Der Trompeter aber ging spät Abends zu der Geliebten. Sie hatte nicht zu viel behauptet, als sie sich ihres Einflusses über ihn rühmte. Durch ihre Beredtsamkeit, durch ihre Liebkosungen brachte sie ihn so weit, daß er schwor, die beiden Verführer niederzustoßen, wenn sie wagen sollten, wieder zu kommen.

Seltsamerweise kamen sie nicht. Mazarin war zu gut bedient, als daß er nicht richtig hätte wittern sollen. In derselben Nacht noch reisete er auf Jemappes nach Paris.

Daniel O’Rayle aber ward von Stuart in Dienst genommen; er war einer der Herolde, welche den Antritt des neuen Königs Karl’s II. später in London verkündigten. Er hatte sich mit Sophia Grévy verheirathet.
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===Esther und Ahasverus.===

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Schönheit scheint kein seltenes Erbtheil der Töchter Israels gewesen zu sein; denn die jüdische Geschichte ist reich an Frauen, deren Reize hochgepriesen worden.

Sara, die Stammmutter, war so schön, daß Abraham sie, als er zum König Abi Melech zog, für seine Schwester ausgab, weil er der schönen Frau wegen ermordet zu werden fürchtete. Isaaks Gattin, Rebecca; Jacobs Rahel, die Mutter des Joseph; Davids Bathseba, die Mutter des Königs Salomo, und viele Andere werden wegen ihrer Schönheit gefeiert. Besonders ist dies bei der Judith, der Mörderin des Holofernes, und bei der durch Daniel von ihren Verfolgern erretteten Susanna der Fall.

Alle aber müssen, wie Sterne vor der Sonne, vor der „schönen Esther“ erbleichen. Sie ist die schönste Jüdin, von welcher erzählt wird; sie besaß alles Das in Wirklichkeit, was der Dichter des Hohenliedes von der Suleimith nur singt. Esther ist die wahre Blume von Saron, die Rose im Thale. Die Schönheitsprobe, welche sie bestehen mußte, ist wahrhaft großartig. Als König Ahasverus von Persien und Medien seine eigensinnige Königin Vasthi verstieß, wurden aus dem ganzen ungeheuern Reiche von districtweise angestellten „Schauern“ die schönsten Mädchen ausgewählt, damit der Perser-Sultan die Schönste der Schönen als Herrscherin neben sich auf den Thron setze. Es war ein verwaisetes Kind der Gefangenen aus Jerusalem, ein armes Judenmädchen, welches den Preis über alle ihre Mitbewerberinnen davon trug. Ihre Schönheit allein hatte das Herz des Gewaltigen zu rühren vermocht.

Wahrhaft berauschend, einen feenhaften Blick auf den Glanz des alten Orients, des dichterischen Persiens, eröffnend, erscheint die Vorbereitung der Jungfrauen, um vor dem Könige zu erscheinen. Monate lang wurden sie geschmückt, in Wohlgerüchen und Specereien und Balsamen gebadet, um dem Herrscher eine Nacht nahen zu dürfen. Die Schilderung, wie Esther endlich vor Ahasverus erscheint, ist fast harmlos geschrieben, aber unwiderstehlich hinreißend.

Das Kind der Gefangenen aus Juda ward Königin der Perser. Als solche war es ihr beschieden, den Untergang der sämmtlichen in Persien und Medien befindlichen Ebräer abzuwenden. Haman, der Vezier, empfing von dem Pflegevater der Königin Esther nicht die geforderten Ehrenbezeigungen, wurde dadurch auf die gefangenen Juden erbittert und ließ ihnen ihre gottesdienstlichen Uebungen untersagen. Als sie dieselben dennoch fortsetzten, hatte er Grund genug, über dies Volk mit besonderen Gebräuchen und eigener Religion beim Könige ein Todesurtheil auszuwirken. Dies sollte an einem bestimmten Tage durch das ganze Reich vollstreckt werden.

Die Königin Esther hatte es bisher sorgfältig verheimlicht, daß sie diesem verachteten jüdischen Sclaven-Volke angehöre. Jetzt aber erhob sie sich, schmückte sich und trat, bei dem unwiderruflichen Befehle des Herrschers selbst ihres Lebens nicht sicher, vor den auf dem Throne Sitzenden. Kaum behielt sie Kraft, sich dem Mächtigen zu nahen. Ahasverus aber neigte sein Scepter zum Zeichen der Gnade und hieß die Niedergesunkene aufstehen. Die Macht, welche die schöne Esther über den König gewonnen hatte, bewährte sich auch in diesem inhaltsschweren Momente. Das Auge des Herrn lächelte ihr entgegen.

Jetzt folgt die Scene. welche Strazzi so meisterhaft darstellte. Esther bekennt sich als Jüdin und bittet für ihr Volk, indeß sie den Vezier mit unendlicher Kunst verdächtigt und anklagt.

„Er gedenkt die Königin neben mir auf dem Throne zu ermorden!“ rief der Fürst und der Vezier war verloren. In derselben Minute ward er hingerichtet. Die Juden waren gerettet und durften die Söldner des gehenkten Veziers verjagen und vernichten. Mit der eisernen Beharrlichkeit, welche die Juden auszeichnet, wird der Gedächtnißtag dieser, wie ein verschwimmendes Märchen aus urgrauer Zeit herüber klingenden, Begebenheit noch heute gefeiert.

Denselben eigenthümlichen poetischen Eindruck, den diese Geschichte aus dem glanzvollen Alt-Persien in uns weckt, ruft auch Strazzi’s Bild hervor. Das Gesicht der Esther ist unvergleichlich; durchaus weibliche, aber entschiedene Züge bietend. Die Nase ist von großem Adel, „wie der Thurm auf Libanon, der gen Damascus steht!“ singt der König Salomon. Neben dieser Hoheit der Königin contrastirt auf’s Lieblichste die blos anmuthige Gestalt der Schönen, welche dem Könige den goldenen Becher kredenzt. Ahasverus selbst ist eine majestätische Erscheinung. Höchst glücklich hat der Meister es dargestellt, wie das „Herz des Herrschers der Königin entgegenfliegt“, wie der Gebieter vor dem elektrischen Strahle aus diesen Augen sich entzückt als Gehorchender neigt.

==11. Heft.==
=== Winterlandschaft. Von A. v. Ostade.===

[[File:Gemäldegalerie Alte Meister (Dresden) Galeriewerk Payne 028.jpg|600px|center]]

Nicht minder ausgezeichnet wie im Genre erscheint Ostade in der Landschaftsmalerei. Die Landschaften der holländischen Meister berühren den Beschauer jedesmal höchst eigenthümlich. Macht die große Naturwahrheit, welche sie anstreben, sehr oft in den Genrestücken, namentlich wenn der Inhalt derselben zu unbedeutend ist, ein gewissermaßen ängstliches Gefühl rege; so entzückt sie bei den Landschaften dafür um so mehr. Wir sehen die Natur selbst und über dem Eindruck, den diese vollendete Auffassung der Gegenden in ihren verschiedenen Erscheinungen hervorbringt, übersehen wir gern die bei Manchem höchst einfache Composition.

In der Kunst der Composition treffen wir indeß an Ostade einen Meister. Seine Landschaften zeigen einen großen Reichthum der Scenerie, und sind, obgleich weniger kühn als lieblich, durch ihr reges Leben, durch ihre vortreffliche Abrundung zu einem Ganzen, wie durch die geistreiche Behandlung im hohen Grade fesselnd. Ostade’s Landschaften sind keine Dichtungen wie die von Ruisdael; er idealisirt nicht, aber die harmonische Zusammenstellung seiner Gegenstände, das ausgeprägt Charakteristische, welches in dieser Anordnung stets vorherrschend bleibt, so wie die wundervolle Zeichnung und Technik selbst, verfehlt dennoch nicht in unserm Gemüth die Wirkung hervorzubringen, welche der Meister hervorrufen wollte. Klarheit und kräftiger Pinsel zeigen sich bei jeder Ostade’schen Landschaft. Die Luftperspective ist von täuschender Wahrheit. Die Staffage des Genremalers würdig. Eine seiner Winterlandschaften, unter denen die vorliegende einen bedeutenden Rang behauptet, zu betrachten, ist ein hoher Genuß. Hier kann der Maler seine ganze krystallene Reinheit und zugleich das Markige, welches ihm eigen ist, zur Anschauung bringen, während die, die Landschaft belebenden Figuren, mit gefälligster Correctheit gezeichnet, nicht selten Träger des Humors sind, welchen die meisten seiner Genrestücke athmen.
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=== Eine Dame am Putztisch. Von Kaspar Netscher.===

[[File:Gemäldegalerie Alte Meister (Dresden) Galeriewerk Payne 029.jpg|500px|center]]

Es war eines Abends, eben beim Beginne der Dämmerung, daß der Maler Kaspar Netscher, welcher seine übrigen Schüler bereits entlassen hatte, sich mit dem talentvollsten derselben, Aart de Sluyner, in dem Atelier allein befand. Augenscheinlich hatte der Meister, auf dessen blondem Scheitel schon ein Anflug von Weiß sich zeigte, nach seiner bekümmerten Miene dem Schüler etwas Wichtiges zu sagen.

Der junge Maler schien dies zu ahnen. Er wäre sicherlich gern dieser Unterredung überhoben gewesen; er war hier im Atelier nur mit Widerstreben. Absichtlich trug er eine solche Störrigkeit zur Schau, daß Kaspar Netscher wirklich einen Augenblick schwankte, ob er das, was er beabsichtigte, ausführen, oder den unzugänglich aussehenden, halsstarrigen Schüler sich selbst und seiner eignen Leitung überlassen wolle. Die Gutmüthigkeit, das liberale Temperament Netschers trug jedoch den Sieg davon.

Der Maler näherte sich langsam dem jungen Aart de Sluyner, legte die magere, aber fast durchsichtig weiße Hand auf die Schulter desselben und sprach mit sehr sanfter Stimme:

– Aart, mein Sohn, vernimm, was ich Dir ans Herz zu legen habe. Du wandelst über den Abgründen des Verbrechens und des Todes!

Der Schüler hatte bisher vor seiner Staffelei gesessen und ohne zu malen, ohne selbst nur etwas sehen zu können, mit zusammengezogenen Augenbrauen starr auf das, auf derselben ausgespannte halbvollendete Gemälde geblickt.

Bei diesen Worten Netschers aber wandte er sich unwillkürlich um, erhob sich sehr betroffen und schaute dem sonst so geliebten Meister mit einem großen Blicke in’s Auge.

Mynheer . . . sagte er stammelnd.

– Es ist gut, Aart; fuhr Netscher fort. Ich sehe, Dich trifft die Wahrheit meiner Worte. Vergiß Alles, mein Sohn, außer Deiner Kunst und etwa mir, Deinem Meister und Freunde. Das Gemüth eines Jünglings, der gleich Dir berufen ist, die glänzendste Höhe der Kunst zu erklimmen, muß stark genug sein, um den Gedanken an ein Mädchen, dafern er ihm irgend hemmend in den Weg treten will, als der Verfolgung unwürdig, unter die Füße zu treten.

– Ach ja, Mynheer Netscher, sagte Aart mit bebender Stimme, die Kraft fehlte mir nicht; das Alles würde ich spielend vermögen, wenn nur Eines geschehen könnte  . . .

– Und was ist dieses?

– Gebt der Jakobäa andere Augen, gebt ihr einen anderen Mund, der nicht so zaubergleich zu lächeln und zu flüstern versteht; nehmt ihr die unvergleichliche Blüthe der Erscheinung und diese Grazie, welche noch nie vor der Phantasie eines Malers geschwebt  . . .  Thut das, Mynheer, und ich betheure Euch: dann wird mein Traum aus und mein Wahnsinn zu Ende sein!

Netscher blickte auf den Schüler, welcher mit hinreißendem Pathos gesprochen, und schüttelte mitleidig das Haupt.

– Du hast also noch immer Hoffnung? fragte er.

– Die unglücklichste Liebe ist am hoffnungsreichsten; flüsterte der Schüler.

– Aart! sprach Netscher mit stärkerem Tone; Floribert van Möllern ist Jakobäa’s de Thouens proclamirter Bräutigam.

– Unmöglich! rief Aart. Beweiset mir das!

– Floribert ist heute hier gewesen und hat mich aufgefordert, seine Braut zu malen.

– O, aber sie wird’s nicht wollen  . . .

– Sie hing ja an seinem Arm, Verblendeter  . . .

– Und was sagte denn sie  . . .  sie  . . .? stammelte der junge Maler.

– Sie sagte: Mynheer, Ihr werdet mich also morgen malen, und ich werde mich bemühen, möglichst schön zu sein. Mynheer van Möllern hat mir gestern mein Brautkleid und meinen Hochzeitsschmuck geschenkt und da soll ich mich im vollen Staate malen lassen  . . .

– Das ist ein Wunsch, wie er für diesen bäurischen Möllern eben sich schickt! murmelte Aart grimmig. Und weiter? fragte er fast abwesend.

– Ich bemerkte, fuhr Netscher fort, daß in dem Bilde besser eine Art von Situation anzubringen sei und da habe ich mit diesem kunstsinnigen Paare gestritten, bis es festgestellt wurde: Jakobäa solle vor dem Putztische sitzend gemalt werden; denn sie bestand darauf, daß die Schmucksachen, welche ihr geschenkt, nothwendig mit auf dem Bilde sein müßten  . . .  Bist Du jetzt überzeugt, daß der arme, obgleich kunstreiche Aart de Sluyner jeder Hoffnung auf die Hand dieser reichen Jakobäa entsagen muß?

Aart schwieg lange Zeit. Dann aber sagte er mit zwar tiefer, aber fester Stimme:

– Meister, noch hat Niemand in der Welt das Herz eines Weibes ergründet. Wißt Ihr, ob die tiefste Falte von Jakobäa’s Herzen nicht dennoch mein Glück birgt? Mynheer, sie hat mich zuerst geliebt; Jakobäa’s erste Liebe bin ich und nimmermehr hat ein Mädchen eine bessere und tiefere und unauslöschlichere zu vergeben.

– Du willst also  . . .?

– Ja, ich werde versuchen, was ich thun kann, um diese Tigerin dennoch zu bewegen. 

Netscher zuckte die Achseln und wurde ziemlich finster. 

– Gute Nacht, Mynheer! sagte er, nach der Thür greifend. 

Aart ging fort. 

– Wenn die Menschen Narren sind, brummte der Alte für sich hin, so pflegen sie’s in den Köpfen zu haben.

Der Malerschüler aber ging rasch die Straßen vom Haag durch, bis er fast athemlos ein langgestrecktes, mächtiges Gebäude erreicht hatte, dessen herrliche Gärten sich bis zu dem damals noch näher an das „Dorf“ reichenden Busch van Haag erstreckten. Hier wohnte Mynheer de Thouens, hier weilte Jakobäa; über diese prachtvollen Schwellen war Aart de Sluyner unzählige Mal geschlüpft, als der alte de Thouens den Sohn seines armen Vetters noch für eine unverdächtige Bekanntschaft seiner geldschweren Tochter hielt.

Mit pochenden Pulsen trat der jetzt von hier feierlich Verwiesene in de Thouens’ Haus ein. Auf dem Flur umfing ihn Lichterglanz; zahlreiche Diener standen hier; man erwartete augenscheinlich Gesellschaft. Die Diener blickten den Maler mit seinem alten Barett, mit den prächtig-schwarzen Locken und den noch schwärzeren großen Augensternen halb mitleidig, halb spöttisch an. Er selbst verlor fast völlig die Fassung, als er auf sein nichthochzeitliches Kleid, auf seinen farbenbeklecksten, defecten Sammetmantel blickte.

– Ich bin einmal hier und ich werde sie sehen! rief er sich jedoch energisch zu und rannte die Treppen zu Jakobäa’s Zimmer hinan.

Oben traf er die Angebetete. Jakobäa war wirklich von großer, aber ziemlich kalter Schönheit; es war eine „sittige, genügendreiche, ehrsame Jungfrau Niederlands“, für Aart jedoch das Ideal aller vergangenen, gegenwärtigen und zukünftigen Frauenschönheit.

– Du, Aart? rief Jakobäa, sich vom Sitze erhebend, mit ziemlicher Ruhe. Und wie siehst Du aus? Ich dachte mir’s, daß Du unklug genug wärest, um dennoch hier wieder zu erscheinen  . . .

Aart athmete seit langen Tagen zum ersten Mal frei auf. Dieser Empfang? War dies nicht noch immer Liebe? Leider war hier durchaus von keiner Liebe die Rede. Die reiche Jakobäa, das körperlich auf der höchsten Blüthenstufe stehende Weib, behandelte diesen armen Aart, der ein Jahr jünger als sie selbst war, gleich einem Kinde und führte ihm in sehr ruhiger Weise seinen Unverstand zu Gemüthe, sich mit Gewalt zu ihrem Geliebten oder gar Bräutigam machen zu wollen. Aart war zerschmettert. Er hätte Alles ertragen, Zorn, wilde Beleidigungen, aber diese zermalmende Ruhe? Er hörte nur wie im Traume, als ihm Jakobäa Vorstellungen machte.

– Ich will Dich zu meinem Hochzeittage neu einkleiden lassen! sagte sie mitleidig. Du kannst ja kaum mit Anstand Dich vor den Leuten zeigen. Einen Mantel geb’ ich Dir und mein Floribert wird auch noch einen dergleichen übrig haben, den er jetzt nicht mehr benutzt; dann hast Du zwei. Und dann arbeitest Du, und wirst ein großer Meister und wirst reich, wie Rembrandt und Rubens und Dow. Sieh’, Aart, und dann, wenn Du Deiner dereinstigen Geliebten einen Hochzeitsschmuck schenken können wirst, gleich dem, welchen ich von Floribert van Möllern erhielt, dann, mein armer Freund, heirathest Du auch! Sieh’ hier; so etwas verlangen heut zu Tage die Bräute von ihrem Anbeter  . . .

Aart van Sluyner starrte die schöne Sprecherin an. Sie hielt ihren Schmuck sammt Perlen und Ohrgehänge in der Hand und ließ die Kostbarkeiten in dem Strahle der Lampe spielen, so daß der Maler kaum seine Augen drauf heften konnte. Nach einer kurzen Pause verließ er, ohne ein Wort zu sagen, das Gemach und lief, gleich einem Irrsinnigen, zum Hause hinaus.

Am andern Tage sprach Aart im Atelier kein Wort. Er sann und sann  . . .  Rache war’s, die er im Herzen trug. Etwas Düsteres ahnend, ging Kaspar Netscher und begab sich zu Jakobäa, die er mit seiner vollendeten Sorgfalt und bewunderungswürdigen Treue zu malen begann, wie sie vor ihrem reichen Putztische saß. Während dieser und der folgenden Sitzungen lenkte Jakobäa oft das Gespräch auf Aart von Sluyner; der Meister vermied, ihr zu antworten. Das Mädchen lobte den Maler wegen seiner unbeschreiblichen Sanftmuth und der unermüdlichsten Bereitwilligkeit, womit er sich in alle ihre Launen gefügt habe.

– Fast scheint es, sagte endlich der arbeitende Meister, einen Augenblick innehaltend, als hättet Ihr an Mynheer van Möllern dergleichen Eigenschaften nicht zu rühmen  . . .

– Doch wohl; aber Floribert tirannisirt mich, er quält mich  . . .   Er hat mir diese Perlen nur geschenkt, um mich wieder zu besänftigen  . . .   Wißt Ihr, Floribert ist noch  eifersüchtiger, als es selbst der Großsultan der Heiden sein kann  . . .   Und gedenke  ich daran, so graut mir’s und ich erinnere mich, daß Aart von Sluyner sicherlich einer solchen unsinnigen Eifersucht nicht fähig sein würde.   Wartet nur; Floribert kommt bald; ich werde das Gespräch auf Eifersucht bringen und da werdet Ihr meine Partei nehmen und ihm sagen, daß eine Braut nicht geplagt werden dürfe, denn Mynheer de Thouens steht mir gegen Floribert gar nicht bei  . . .

Als Kaspar Netscher wieder zu seiner Werkstatt zurückkehrte, war’s wieder Abend geworden. Die Schüler waren lange fort. Aart aber harrte noch. Er hatte sich mit dem Kopfe auf die Tischplatte gelegt und dem Alten schien es, als habe der Jüngling, der Heftigkeit seiner Empfindungen nachgebend, geweint.

Aart wollte, bevor er nach Hause ging, erst hören, was während der Anwesenheit des Meisters in de Thouens’ Hause vorgegangen sei. Er beschwor Netscher, ihm kein Wort zu verbergen, was Jakobäa gesagt hatte. Der Meister glaubte aber guten Grund zu haben, ihm zu verschweigen, daß das Mädchen ihn mehrfach gelobt hatte. Dagegen berichtete er Floriberts eifersüchtiges Temperament und knüpfte die ernste Ermahnung daran, jeden unvorsichtigen Schritt zu unterlassen, weil derselbe unter diesen Umständen nur zu leicht zu Unglück führen könne.

Sluyner ging tiefsinnig ab. Er hatte den Punkt gefunden, um sich an dieser Jakobäa, so wie an Floribert zu rächen und den tödtlichen Schimpf abzuwaschen, womit ihn das übermüthige Mädchen überhäuft hatte.    Von jetzt an kam er selten zu Netscher.    Er schützte Krankheit vor und er war wirklich im Herzen todtkrank. Noch einen Versuch machte er, Jakobäa zu gewinnen. Diesmal aber trafen ihn auf der Treppe de Thouens felbft und van Möllern, welche ihn ohne Umstände durch die Bedienten aus dem Hause werfen ließen.

Jakobäa’s, der Ungetreuen, Verderben war unwiderruflich bei Aart beschlossen. Er wußte sich in de Thouens’ Hause genau zu finden und schlich sich noch an demselben Abende zur Thür hinein. Mit vollkommener Kaltblütigkeit verfolgte er sein Vorhaben. Er kam in Jakobäas Vorzimmer und durfte nicht lange suchen, was er zu besitzen strebte. Der Schmuck, die Perlen, das Geschenk Floriberts, lag noch auf dem Tische, so wie Jakobäa die Kostbarkeiten zurückgelassen hatte, als sie von ihrer Sitzung bei Netscher aufstand. Aart bemächtigte sich hastig des Schmuckes, ging auf den Corridor und sprang zum Fenster hinaus in den Garten.

Am andern Morgen früh erhielt Floribert ein Briefchen und Päckchen. In dem Briefe stand dies:

{{idt2|60}}„Mynheer!
:Höret auf, die Geliebte eines Andern zu lieben. Jakobäa wird nur durch den grausamen Zwang ihres Vaters bewogen, Euch die Wahrheit zu verschweigen. Ich aber sage Euch: Jakobäa, die mir Alles opferte, ist die Meinige. Ich habe noch heute Nacht ihren Schwur empfangen, daß sie lieber mit mir stirbt, als die Eurige wird. Und zum Zeichen der Wahrheit nehmt Eure miserablen Geschenke zurück, womit Ihr ein Menschenherz zu erkaufen gedachtet.
{{right|''Aart von Sluyner.“''{{idt2|80}}}}
Floribert blieb bis zum Abende in seiner Wohnung. In seinem Gehirne schienen die Buchstaben des Briefes zu brennen. Er schrieb mehrere Briefe und legte sie auf den Tisch. Dann ging er zu de Thouens. In Jakobäa’s Zimmer angekommen, zog er schweigend ein Pistol, feuerte ab und schoß das Mädchen nieder. Sie starb ohne noch einmal zu seufzen. Floribert schien die Absicht gehabt zu haben, sich ebenfalls zu erschießen, denn er ergriff ein zweites Pistol. Als er jedoch Jakobäa fallen sah, verlor er die Fassung und entfloh.

Es hieß, er habe in Malta Ordensdienste gefunden. Der geniale Schüler Netschers, van Sluyner, blieb jedoch verschollen. Man hat ihn in einigen italienischen Malern wiederfinden wollen.
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===Die Hühner und der Raubvogel. Von Melchior Hondekoeter.===

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Meister Melchior Hondekoeter, zu Utrecht 1636 geboren, war im Jahre 1662 in der schönsten Blüthe seines Alters; dazu war er ein in seinem Genre hochberühmter Maler, dessen Arbeiten sehr theuer bezahlt wurden; endlich besaß Hondekoeter eine sehr schöne Frau von kaum einundzwanzig Jahren. Dennoch war der früher so joviale Künstler tief melancholisch und im Herzen unglücklich. Auf ihn lastete das Mißgeschick, welches ein Sokrates, ein Albrecht Dürer und so viele andere große Männer tragen mußten. Melchior Hondekoeter besaß nämlich eine böse Frau, die mit raffinirter Kunst ihn seines Lebens überdrüssig machen zu wollen schien. Vergebens suchte Hondekoeter die Zerstreuungen, welche später in Ausschweifungen ausarteten, in denen er unterging. Der Gedanke an sein häusliches Elend verfolgte ihn unablässig und verbitterte ihm jede Stunde seines Lebens.

Melchior Hondekoeters einzige Freude war seine Menagerie. Er besaß nämlich eine ganze Sammlung von Pfauen, Hähnen, Hühnern, Gänsen, Enten und Tauben, die seltensten, schönsten Exemplare ihrer Art, welche ihm bei der Vogelmalerei als Modelle dienten.

In diesem Kreise der Malerei war und ist Hondekoeter wahrhaft einzig. Niemand hat so genau als er die Charakteristik des Federviehs studirt und kein Maler war glücklicher, dieselbe aufs frappanteste wiederzugeben. Noch mehr, seine Vögel wußte er, gleich als wären es Menschen auf einem historischen oder Genre-Bilde, in Situationen zu bringen, wo sie „Gemüthsbewegungen“, Zorn, Furcht, Haß, Muth, Liebe, Trauer u. s. w. zeigten. Diese Ausdrücke sind schlagend, ohne daß das Eigenthümliche, welches die Thiere in Natur besitzen, deswegen aufgeopfert oder verkürzt worden wäre.

Indeß Hondekoeter wegen seines ebenso eigenthümlichen als eminenten Talentes von aller Welt gerühmt wurde, machte ihm seine Frau die demüthigendsten Vorwürfe über die niedere Richtung seiner Kunst. Der arme Melchior sollte große Altarbilder, Kreuzigungen und Himmelfahrten malen, namentlich aber seine gefiederte Armee abschaffen.

Hondekoeter, ein zartgebauter, sanftmüthiger Mensch, mit blauen Augen und blonden Locken, seufzte, malte seine Hühnerhöfe und beschäftigte in den Musestunden sich damit, einem prächtigen Hahne von spanischer Abkunft zu der Menge der Kunststücke, welche derselbe bereits ausführen konnte, noch einige neue beizubringen. Fast hatte Hondekoeter selbst die Ueberzeugung, daß er sammt seiner ganzen Kunst ein „unnützer Knecht“ sei, denn die Leute wiederholten, was seine Frau Jedem sagte, der es hören wollte: die Leute, welche ihrem Manne die Bilder so theuer bezahlten, wären närrisch; denn für den fünften Theil dieses weggeworfenen Geldes könne man sich das allerschönste lebendige Federvieh kaufen.

Der Maler ward durch solche Urtheile förmlich niedergeschmettert. Eines Tages aber sollte ihm eine glänzende Revanche werden.

Die Thür seiner Wohnung öffnete sich und herein trat ein corpulenter Herr in englischem Costume, welcher sich als Master Thomas Watts ankündigte.

– Sie sind Mynheer Hondekoeter? fragte er, augenscheinlich entzückt, daß er den blassen Maler vor sich sah.

– Ja! flüsterte dieser leise, sich verstohlen nach seiner Tyrannin umsehend.

– Master Melchior Hondekoeter, es freut mich, Sie zu sehen. Ich bin expreß über den Canal gekommen, um dies Vergnügen zu haben. Sie sind der größte Maler der <tt>„Poultry“</tt>. Niemand stellt Hähne so gut dar, wie Sie. Das, Master Hondekoeter, sagt Ihnen ein Mann, dessen Lieblingsbeschäftigung die Trainage der Kämpfer für den Cockpit, den Hahnenkampf, Zeit seines Lebens gewesen ist. Ich stelle Sie hoch über Rembrandt, Rubens, Correggio, Angelo und Rafael und das, – Sir – dürfen sie annehmen, denn ich weiß was ich sage!

Hondekoeter stand auf und verbeugte sich zwar verlegen, aber im Innern entzückt. Also ''eine'' Anerkennung, eine begeisterte, leidenschaftliche. Melchior fühlte, daß er Künstler sei, obgleich er nur ein Blatt in dem reichen Album der Kunst zu füllen beschäftigt gewesen.

– Und jetzt malen Sie mir Hähne, aber Fechthähne! rief Sir Thomas Watts. 

Der Maler gestand, daß er noch im Leben keinen dergleichen Hahn gesehen habe. 

– <tt>All one! </tt> sagte der Engländer. Ein Hahn, gleich Ihrem gewöhnlichen Prachthahne: – blitzendes Auge; schmaler, gekrümmter Schnabel; nicht zu viel Kamm – die Teufel mit dicken Kämmen haben keinen Muth –; breite Brust; sehnige Schenkel; lange Sporen; eine förmlich-renommistische Bewegung beim Gange – endlich Stahlsporen von feinster Qualität, gerade, nicht aufgebogen – der Hieb hat sonst keine Kraft –; abgeschnittene Flügel, damit der Kämpfer hauen kann, und gestutzte Schwanzfedern, der leichtern Rührigkeit wegen! – Ach, Sir! Dieser Hahn! Von Ihnen gemalt? Es wird nichts Aehnliches auf der Erde existiren.

Hondekoeter ließ das Haupt sinken. – Ach, Herr Thomas Watts, murmelte er, Sie verlangen ein verstümmeltes Thier; nie habe ich ein solches gemalt; nie werde ich’s malen können.

Jetzt begann eine lebhafte Verhandlung. Der Maler ließ sich nicht irren, selbst als der Engländer 200 Guinee’s für ein Hahnengefecht bot, noch mehr, als die reizende Katharine Hondekoeter mit Wuth im Blicke ihren Ehemann befehligte, den Auftrag zu dem Gemälde anzunehmen.

– Kommen Sie, Sir; kommen Sie, um mich zu verstehen! rief Hondekoeter entschlossener, als es seine Gewohnheit war. Und dann will ich sehen, ob Sie noch ein verstümmeltes Thier im Bilde zu besitzen wünschen.

– Ein verstümmeltes Thier? rief Watts. Ich wüßte Nichts, was vollkommener als ein Kampfhahn wäre. Die Natur ist in ihm zu ihrer höchstmöglichen Vollendung gebracht.

Hondekoeter zog den Kunstfreund in seinen Hühnerhof. Mit Recht erwartete er, daß Thomas Watts erstaunte. Eine solche Pracht in dieser Hinsicht war dem Insulaner noch nicht vorgekommen.

– Und ich sollte meine Lieblinge anders malen? rief Hondekoeter begeistert.

– <tt>Yes! </tt> Seltsam in der That! Aber diese Thiere sind schön, sehr schön! Schöner fast, als Kampfhähne!

– Sehen Sie mein Hänschen! fuhr Melchior fort, einen prächtigen Hahn ergreifend und auf die Hand nehmend. Der Hahn ist wenigstens so klug, wie ich selbst bin  . . .  Keine Uebertreibung, Sir, versichere ich. Dieser Hans nimmt auf mein Commando jede akademische Stellung an verharrt regungslos in derselben, so lange ich will.

– <tt>Impossible!</tt> Und darauf eine Wette wie hoch Sie wollen, Sir.

– Topp! Hans, mach Dich schön! rief der Maler, und der Hahn stand im stolzen Ausschreiten dar, gleich als wäre er aus Erz gegossen.

– Ah; ich werde Ihren Hahn aber scheu machen und erschrecken! rief Mr. Thomas Watts.

– Thut nichts! Er rührt sich nicht.   Etwa zehn Minuten betrachtete der Engländer dies Wunder der Zähmung.   Dann sagte er:

– Zeichnen Sie mir diesen Hans und die zweihundert Guinee’s sind die Ihrigen.    Dies ist neu und beispiellos.

In eben dem Augenblicke aber ward eine herrliche Gluckhenne unruhig, ein wälsches Huhn schrie jämmerlich, die Turteltauben auf dem Gesimse kreischten und „Hänschen“ erzitterte, obwohl er seine unbewegliche Stellung behauptete. Zugleich schoß ein Taubenfalte bis fast dicht vor die Füße der Männer, krallte zwei junge Hähnchen und bemächtigte sich des einen, indeß der Kamerad des Räubers auf eine in der Entfernung weidende Truppe von Küken niederstieß. „Hänschen“ sprang wüthend vorwärts, um den Blutdürstigen zu bekämpfen.

Hondekoeter lehnte sich auf seinen Sitz zurück. Er hatte nie geglaubt, daß sein Genre der Kunst einer solchen Dramatik fähig sei. Der Engländer war tief ergriffen. Als der Raubvogel sich nicht ohne seine Beute entfernt hatte, sagte Watts:

– Das war ein Gefecht!   Könnt Ihr’s malen?

– Ja! Das wenigstens wird ein Gemälde! flüsterte Hondekoeter.

– Aber wie theuer? Ich denke 300 Guinee’s! rief der Engländer.

Und er zahlte das Geld sofort aus. Als der Künstler sein berühmtestes Stück geendigt hatte und nach London schrieb, war der reiche Garçon verstorben, und Hondekoeter, der Ehrliche, konnte weder das Gemälde, noch das empfangene Geld wieder an einen Eigenthümer anbringen. Das Bild ward nach Deutschland verkauft, wo es gegenwärtig eines der merkwürdigsten Stücke der Gallerie in Dresden ist.

==12. Heft.==
=== Die Lautenspielerin. Von Eglon van der Neer.===

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Seit 1691 theilte Maria Anna Luisa von Medici, die Tochter Cosmo’s III. von Florenz, mit Johann Wilhelm den kurfürstlichen Thron von der Pfalz-Neuburg. Kaum ein Jahr weilte die reizende Tochter Italiens in Düsseldorf und bereits erkannte man hier in lebhaftester Weise das Walten einer milden, freisinnigen, kunstliebenden Herrscherin.

So lange die erste Gemahlin des damaligen Prinzen Johann Wilhelm, Anna von Oesterreich, Kaiser Ferdinands III. Tochter, am Hofe ihren mächtigen Einfluß geltend machte und ihrem edlen Gemahle ihren düstern Katholicismus, ihre fast ascetische Strenge der Lebensordnung mitzutheilen wußte, lag es wie eine Art von Alp auf dem heiteren Düsseldorf und den herrlichen pfälzischen Gauen am Rhein. Als aber Maria die Stelle der Verstorbenen einnahm, regte es sich aller Orten, wie der Hauch von einem milderen Himmel und einer lachenderen Sonne. Der Kurfürst liebte seine Gemahlin leidenschaftlich. Er, welcher Italien so genau kannte, ahnte nur zu wohl, was das Herz der Fürstin bewegte, wenn sie in unbewachten Augenblicken still, träumerisch, in sich gekehrt, dasaß. Die <tt>„bella Italia“</tt> stand vor ihren inneren Blicken. Rastlos begann darauf der Kurfürst, durch seine Schöpfungen zu versuchen, ob er die Geliebte das Heimathland und ihr classisches <tt> „Fiorenze“ </tt>, diese Vaterstadt der majestätischen und reizenden Kunstschönheit, vergessen machen könne. Auf Johann Wilhelms mächtigen Wink fing Düsseldorf an, sich gleich dem der dunklen Verpuppung entschlüpfenden Schmetterlinge zu verschönern. Die finstern Gassen der Altstadt verschwanden allmälig; luftige, freie, dem großartigen Rhein entsprechendere Straßen wurden geschaffen und in der entstehenden Neustadt reihte sich bald ein Palast an den andern. Maria lächelte wohl, wenn sie diese Thaten der Liebe musterte; aber noch immer war Düsseldorf, wie auch heute noch nicht, ein Florenz. Der Geist namentlich, welcher hier herrschte, war ein so dumpfer und starrer, daß er die Italienerin, welche gleich ihren Landsleuten die heitere Seite der Religion vorzugsweise auffaßte, erschreckte. Ein bleierner Druck des Clerus ruhte auf Düsseldorf und dem Lande. Längst hatten sich die Jesuiten angesiedelt und ihre herrliche Kirche, ihr mächtiges Collegium bezeugte die Macht, welche die „Schlangenklugen“ bereits errungen hatten. Johann Wilhelm war, ungeachtet er auf seine Selbstständigkeit, auf seinen festen Charakter im Stillen stolz war, bisher dennoch nicht mehr und nicht weniger, als das mit überlegener Kunst geleitete Werkzeug der Väter Jesu gewesen. Der geistliche Despotismus hatte sich Bahn gebrochen; ja weit auf weltliches Gebiet konnten die Jesuiten ihre Banner tragen, und was sie gewirkt, zeigten die aufs Neue zerworfenen Verhältnisse der Jülichschen Erbfolge zwischen Pfalz-Neuburg, Sachsen, Kur-Brandenburg und Salzburg, welche schon mehrfach ihrer Lösung nicht fern gewesen waren. 1666 waren die Wirren geschlichtet, so daß Sachsen vom Herzogthum Jülich den Titel, Pfalz-Neuburg den seit 1614 inne gehabten Besitz, Kur-Brandenburg Cleve, die Mark und Ravensberg erhalten hatte. Die Jesuiten aber hatten listig die weitere Erbfolge, die Verlassenschaftsangelegenheit im Falle des Aussterbens der pfalzneuburgischen Linie anzuregen und die ganzen alten Verhandlungen als vorgeblich unerledigt, in die Wirren wieder hereinzuziehen gewußt, um demzufolge Kur-Brandenburg nicht allein, wie bereits stillschweigend feststand, definitiv später auszuschließen, sondern ihm den Besitz der genannten Länderstrecken zu bestreiten, und diese, eine neue Domaine für die Jesuiten, dem protestantischen Brandenburger rechtlich abzusprechen und durch der katholischen Fürsten Vermittelung wieder abzujagen.

Johann Wilhelm war stolz. Mit seltenen Geistesgaben von der Natur begünstigt, glaubte er sich zu einer hervorragenderen Rolle in der Geschichte berufen, als er sie je hat verwirklichen können. Die Jesuiten faßten ihn daher mit ihren Projecten bei seiner unbeschützten Seite. Sie machten sich zu Lenkern der Cabinetsangelegenheiten und wußten für ihre Ordenszwecke nach Maßgabe, wie sie sich dem Fürsten immer unentbehrlicher zu machen wußten, auch umfassendere Vergünstigungen zu erlangen. Während die politischen Angelegenheiten einen sehr erfolglosen Gang gingen, hatten die Jesuiten für ihre Bemühungen täglich neue Vortheile auszuweisen. Sie blühten, während Johann Wilhelm zusehends finsterer wurde und sich aus Uebellaune zu einem gewaltsam auftretenden Wesen gegen seine Unterthanen hinreißen ließ, das von Ursprung nicht in ihm gelegen hatte.

Maria Anna von Medici bewirkte durch die Macht ihrer körperlichen und geistigen Reize sehr bald die erfreulichsten Umwandlungen im Gemüthe ihres Gemahls.    Johann Wilhelm ward heiter; statt düsterer Religiosität machte die lebensvolle Kunst ihre Herrschaft bei ihm geltend; er fing an, die Geistlichen auffallend zu vernachlässigen und dafür in glänzenden, sinnigen Hoffesten, sowie in seinen architektonischen Unternehmungen frischen Lebensmuth und gehaltvolle Lebenslust zu finden. Das weltliche, ritterliche Element waltete im Lande; die Untertanen athmeten fröhlich auf, indeß die Vampyre, die jesuitische Bande, nachdenklich sich auf ihre Ordenshäuser zurückzogen. Wie Falken beobachteten sie diese unerwartete Richtung des Kurfürsten, um die Zeit zu ersehen, wenn sie wieder mit Erfolg einzutreten vermochten; wie blutdürstige Luchse bewachten sie die edle Italienerin, welche nicht ohne ihr Zuthun den Weg nach Düsseldorf gefunden hatte, diese Fürstin mit überlegenem Verstande, weichem Herzen und vollendeter, humaner Bildung, um bei ihr einen Flecken zu finden, dessen Herauskehrung ihren Einfluß auf Johann Wilhelm für immer zu vernichten vermöchte.

Von jetzt an begann, von den Jesuiten ausgehend, eine Reihe der verdecktesten, aber boshaftesten Machinationen gegen die junge Fürstin. Nicht umsonst aber war Marie von Toscana unter den listigsten Höflingen der Welt erwachsen. Ihr taubenfrommes Auge war tief, räthselhaft und ohne ihr herzliches Lächeln, welches ihre Seele zeigte, unergründlich. Sie hatte längst ihre Feinde errathen. Italien war von allen katholischen Ländern von jeher das am wenigsten katholische; dasjenige, wo der Papst und die römische Priesterherrlichkeit am wenigsten sich eines Nimbus rühmen konnten; wo man, ohne „ketzerisch“ zu sein, am genauesten von dem sehr bescheidenen Werthe der anmaßenden „Knechte Christi“ überzeugt war. Die Kurfürstin war ganze Italienerin. Sie hatte dies Pfaffenwesen am Rhein vom ersten Augenblicke ihrer Ankunft an ohne den geringsten Schleier gesehen und sich mit fester, bewußter Energie demselben entgegengestellt. Sie zog durch den Kurfürsten namentlich die Grenzen der Jesuiten täglich enger und trieb es, die Macht des Witzes nur zu genau kennend, so weit, daß in den geistreichen Abendunterhaltungen auf dem Schlosse inmitten einer zahlreichen, glänzenden, einflußreichen Gesellschaft von Edelleuten, Gelehrten und Künstlern sammt ihren Damen die famösen, bis dahin verpönten <tt> „Lettres  provinziales“ </tt> von Pascal, dies auf die Jesuiten wie Rattengift wirkende Werk, vorgelesen und mit den heitersten Commentaren versehen wurden. Die Jesuiten wütheten deswegen gegen die Kurfürstin um so mehr, als Pater Balsamo Bondal – einige Zeit der Beichtvater des Kurfürsten – auf schlauen Anlaß der schönen Maria Anna Luisa selbst mehrere Abende vorgelesen hatte. – Widerlegt diesen Lästerer! hatte die Kurfürstin gesagt. Das heißt, wenn Ihr es mit Gründen vermögt. Wollt Ihr aber, wie Euer Orden, blos schmähen: so wollen wir selbst, als gute katholische Christen, versuchen, Euch, die Ihr Euch nicht vertheidigen könnt, zu rechtfertigen. So angegriffen, mußte Pater Balsamo, der Unfehlbare, Stand halten. Er verkündigte, bevor die Lecture begann, die durch ihn erfolgende Zermalmung des boshaften und witzigen Franzosen, erlitt aber, da der ganze Hof für Pascal gegen die Jesuiten Partei nahm, eine so schmähliche Niederlage, daß selbst die Kurfürstin, wie vielmehr Johann Wilhelm selbst, den Pater aufrichtig bedauerte. Der Krieg gegen die Italienerin und ihre weltmännischen, profan lebenden, italienischen Geistlichen war erklärt. Die Kurfürstin mußte fallen, todt oder lebendig. Vergebens aber suchten die Jesuiten lange Zeit eine Angel, um sich abermals des Kurfürsten zu bemächtigen. Endlich aber erschien sie doch.

Die Neustadt war anfangs auf alleinige Rechnung des Kurfürsten, welcher die errichteten Gebäude sodann verkaufte, entstanden. Aber zu diesen, überdem zu bürgerlichem Betrieb wenig geeigneten, in einem damals noch öden Viertel der Stadt liegenden theuren Prachtbauten fanden sich die Käufer nur sehr spärlich. Der Bau gerieth in’s Stocken und Johann Wilhelm, der sich nahezu dadurch entehrt glaubte, ward finsterer als je. Vergebens hatte die Kurfürstin ihre überflüssigen Kostbarkeiten dargebracht; die gewonnenen Summen deckten noch lange nicht das ungeheure Deficit; vielweniger war an Fortbauen zu denken. Bald warf Johann Wilhelm seiner Gemahlin ohne Rückhalt vor, daß sie ihm die Väter Jesu verfeindet habe, ebendieselben, welche namentlich durch ihren –verbotenen – indischen Handel über so ungeheure Summen zu gebieten hatten und in solchen Angelegenheiten nie geizten, wie sie den Kurfürsten bedrängten. Das war der erste Schritt Johann Wilhelms, um mit seinen Freunden wieder anzuknüpfen. Die Jesuiten ließen sich jedoch nicht direct bewegen.

Bald jedoch nach der eingetretenen Geldnoth des Kurfürsten erschien ein italienischer Abbate, ein Toscaner von Geburt, um sich seiner erlauchten Landsmännin, der Kurfürstin, demüthig vorzustellen. Abbate Santi oder Fra Giuseppe war ein Benedictiner, welcher lange in Florenz, Rom und Paris lebte. Er empfahl sich der Italienerin durch sein ehrliches, offenes Wesen noch mehr, als durch seine genaueste Kenntniß der verstecktesten Angelegenheiten am Hofe von Cosmo Medici. Fra Giuseppe berichtete, daß er in Angelegenheiten des Trappistenordens reise, namentlich der Ueberbringer wichtiger Botschaften vom Trappistenkloster <tt>di Buona Solasso</tt> bei Florenz an dasjenige sei, welches damals in der unmittelbaren Nähe von Düsseldorf bestand.

Giuseppe erzählte höchst geistreich von diesem düstern Orden, welcher bereits nicht wenige Anfeindungen erfahren hatte. Maria hörte ihm mit großem Interesse zu, als er von einigen Mitgliedern von <tt>Buona Solasso</tt>  sprach. Sie erzitterte aber, als dieser Geistliche ihr durch einen Namen eine Zeit heraufbeschwor, die sie längst vergessen zu haben wähnte, eine Zeit, welche urplötzlich mit aller Macht des Lebens aus der tiefsten Falte der Herzenserinnerung der Fürstin hervortrat.

– Es ist keine Caprice, Madame! sagte Fra Giuseppe. Es ist keine unnatürliche Erfindung, dies ewige Schweigen der Brüder von Latrappe! Menschen und Menschenherzen giebt es, Principessa, welche genug des Glückes, übergenug des gigantischen Unglückes des Herzens erduldeten, um ohne Zwang bis zum Tode stumm zu sein. Und geht mir dieser tragische Lebensnerv der Brüder von Latrappe auf, Altezza, so denke ich mit tiefster Wehmuth an den Bruder Gabriel, den schönsten und geistreichsten Mann Italiens, welcher aus der glänzendsten Region des Hoflebens freiwillig ohne Klage hinabstieg zu den düstern, nur durch das <tt>Memento mori! </tt> belebten Räumen der Trappisten von <tt>Buona Solasso</tt>.

In nachlässiger Stellung hatte die Kurfürstin den ausgezeichneten Redner bisher angehört, obwohl er sie, mehr durch seinen herrlichen Styl der Rede, als durch seinen Stoff interessirt hatte. Bei seiner letzten Wendung aber schien sie blitzähnlich berührt zu werden, während Fra Giuseppe seine sanfte, anscheinend durch nichts in der Welt zu erschütternde Ruhe behauptete.

– Gabriel! Gabriel! flüsterte sie, sich weit vorbeugend und Fra Giuseppe mit fast geistlos geöffneten Lippen, aber mit einem Funkeln der Augen anstarrend, das sicherlich, so lange sie in Düsseldorf war, noch Niemand an ihr bemerkt hatte.

– Gabriel! sagte Giuseppe eintönig. Oder richtiger, Nummer sechsunddreißig, welche sonderbar genug, nach der Cabbala: „stumme Liebe“ bedeutet. Wir sind fern von Italien, Altezza, daher sage ich Euch, daß ich in der Nummer sechsunddreißig von Buona Solasso den einzigen Sohn meines Freundes, des Marchese Luigi di Ricci beklage; beklage, obgleich ich Gesandter und Freund der Brüder von Latrappe bin.

Die Churfürstin entließ den Italiener rasch, um sich einer ebenso ungewöhnlichen als heftigen Gemüthsbewegung hinzugeben. Ihre erste Jugend und – kaum wagte sie zu denken, was sie mit Allgewalt empfand – ihre erste jungfräuliche Liebe hatte sich hier, fern von der blühenden Heimath, ihrer bemächtigt in einem Augenblicke. Sie versank, dem Kurfürsten gegenüber, in tiefe Schwermuth. Gabriel Ricci! Der Name, der fast vergessene Name, brannte in ihrem Herzen mit Flammenschrift. Er, der schönste, tapferste Jüngling von Toscana, hatte einst den Glanz seines prächtigen Auges zu der Tochter seines Fürsten zu erheben gewagt und Anna Maria Luisa’s Herz war ihm in Thränen des Entzückens der Liebe entgegengeflossen. „Da kam das Schicksal rauh und kalt“ – wie Schiller tiefdüster singt. Es kam als der männliche, schöne, braungelockte Kurfürst von der Pfalz, und der schwarzäugige Italiener, der dreiundzwanzigjährige Geliebte mußte vor dem ebenbürtigen zweiunddreißigjährigen deutschen Freier auf ewig im Tode eines Trappisten verstummen.

Maria von Medici liebte ihren Gatten mit zärtlicher Neigung; aber er war ihr ''irdischer Gott.'' Das ''göttliche Ideal,'' welches gleichviel früh oder spät in der Brust des Menschen aufgeht, und zwar nur ein Mal, war aber emporgestiegen, Alles neben sich verdrängend, und diese Gestalt glich Gabriel di Ricci; – er war es selbst. Die alte Liebe wurde durch das schmerzliche Heimweh, an welchem die Florentinerin schon länger litt, so sehr verstärkt und in die Gegenwart gezogen, daß nach wenigen Tagen die Kurfürstin sich selbst nicht mehr erkannte. Der Fra Giuseppe hatte ein ganz neues Wesen aus ihr gemacht.

Eben in dieser Zeit hatte der Kurfürst, mit seinen eignen Verlegenheiten beschäftigt, wenig Zeit und Laune, seiner Gemahlin Aufmerksamkeiten zu erweisen. Er vernachlässigte sie bei seinem Verkehr mit Juden und Wechslern fast vollständig. Maria dankte dem Himmel dafür. Sie gab vor, Andachtsübungen obzuliegen und verschloß sich in ihre Zimmer. Damals ließ sie ihren silberfalben Zelter satteln und ritt zur Stadt hinaus. Was wollte sie? Sie fand sich unwillkürlich immer auf demselben Wege und endlich vor den finstern Pforten des Trappistenklosters. Sie hatte eine Ahnung, es täuschte sie schmerzlich süß, wenn sie wähnte, dies sei <tt>Buona Solasso</tt>  bei Fiorenze, eine Täuschung, welche die nächste Umgebung mitleidig unterstützte. Nie und nimmer wohl hätte sich dieser Zustand der Kurfürstin bemächtigen mögen, hätte sie den Gegenstand ihrer Leidenschaft in ihrer Nähe gewußt. So aber; es war ja kaum mehr als eine Todtenfeier für den zu Grabe gegangenen Frühling ihrer Gefühle. Eben aber, weil Maria von Medici sich in dieser Hinsicht sicher glaubte, ließ sie ihren Empfindungen, die sie unter anderen Umständen aufs strengste bewacht haben würde, widerstandslos den Zügel und verstrickte sich in die Regionen einer Phantasiewelt, welche zu reizend waren, als daß aus ihnen die liebende Träumerin zur nüchternen Wirklichkeit hätte zurückkehren mögen.

Bisher hatte sie nicht gewagt, den Fra Giuseppe, welcher im Jesuitencollegium gastliche Aufnahme gefunden, wieder zu sich zu bescheiden. Sein Blick war so eigenthümlich gewesen, als hätte er auf dem tiefsten Grunde ihrer Seele zu lesen vermocht.    Er war inzwischen oft am Hofe gewesen und Johann Wilhelm interessirte sich für ihn im höchsten Grade. Giuseppe sollte, wie ein geheim gesagtes Gerücht ging, zu den Nachkömmlingen der Guérinets, diesen phantastischen und gelehrten Geistersehern und Schwarzkünstlern gehören, die ihrerseits ihren Ursprung auf die Alambrados in Spanien, die Rosenkreuzer, die Templer, Aegypter und Magier, bis zu dem zweiten oder irdischen Hermes zurückführten; ein mystischer Orden, der zum Theil im 18. Jahrhundert in den Illuminaten wieder erstand. Fra Giuseppe war, obgleich Verbrüderter der Trappisten, welche stumme Mitwisser so manches Geheimnisses waren, flüchtig und verfolgt. Die Jesuiten, die damals die Aufgeklärten, Vorurtheilsfreien spielten, hatten sich seiner als eines tiefsinnigen Naturforschers angenommen. Dieser geheime Stand der Dinge kam bald zur Oeffentlichkeit. Man reclamirte von Rom aus den Ketzer und Zauberer und Gottesleugner, genannt Abbate Santi oder Fra Giuseppe. Der Italiener rief den Kurfürsten um Beistand an, indeß das Jesuitencollegium Muth genug hatte, durch den General des Ordens zu Rom die Auslieferung Giuseppe’s geradezu zu verweigern.

Johann Wilhelm versprach dem Pater, ihn zu schützen, falls er offenes Geständniß ablege. Dies Geständniß ließ den Herrscher fast schwindeln. Giuseppe bekannte sich als einen der Guérinets. Er beichtete seine Eigenschaft, Geister und unkörperliche Wesen sehen und beherrschen zu können; seine Kunst, Gold zu machen und diejenige, durch Geister und Gestirne die Gedanken und Geheimnisse jedes Menschenherzens klar ergründen zu können, sofern er nur ein von der bestimmten Person, wenn auch mit gleichgiltigen Sachen, beschriebenes Blatt Papier besitze, um ihre Schriftzüge zu charakterisiren.

Dies letztere bot auf der Stelle einen sichern Haltepunkt. Der höchst betroffene Kurfürst griff sofort zur Seite, wo eine Menge Cabinetspapiere lag, und forderte dem Pater die Analyse des Charakters des Schreibers eines Blattes ab. Giuseppe studirte nur wenige Minuten; dann schilderte er den Verfasser, einen alten Canzleibeamten, so genau und richtig, daß Johann Wilhelm ihm erschüttert das Blatt aus der Hand nahm und ihn fortgehen hieß. Noch an demselben Abende aber ließ er ihn wiederrufen, und von hier an begannen die geheimnißvollen Unterhaltungen dieser beiden Männer, um unerhörte Resultate der Wissenschaften herbeizuführen. Fra Giuseppe machte vor den Augen Johann Wilhelms wirklich so viel Gold, daß dasselbe ausgeprägt über zwanzigtausend Gulden rheinisch betrug, was der Kurfürst an sich nahm, da der Geisterseher erklärte, er bedürfe im Augenblicke dergleichen nicht, könne sich ja auch immer selbst hinreichend versorgen. Der Einfluß, den Giuseppe erlangte, war so groß, daß der Kurfürst sich von ihm zum Neophyten annehmen und blind den Befehlen unterwerfen ließ, welche der Pater als zum Gelingen des Vorhabens nöthig, verhängte. Hierhin gehörte zum Beispiel die Forderung des Italieners, daß sich der Herrscher durchaus nicht mehr um kirchliche Angelegenheiten bekümmern dürfe, da die heilige Kirche, wie der Papst richtig erklärt habe, in natürlicher Feindschaft zu seiner Kunst stehe, die er übrigens als eine durchaus nicht sündliche oder gar dämonische zu rechtfertigen verstand. Johann Wilhelm zog die Wissenschaft des Guérinets den Gnadengaben der Kirche vor und übertrug dem Rector des Jesuitercollegiums vorläufig die näheren Anordnungen in Kirchensachen, um sich mit desto größerem Fleiße auf die Wissenschaft der Rectoren, der Verwandlungen im Feuer und der Beschwörungen zu werfen.

Maria, der er zum großen Theil seines  Freundes Giuseppe fabelhafte Macht erzählte, Maria war zwar sehr hellsehend in gewöhnlichen Dingen; dennoch war sie ein wenig abergläubisch und zwar, weil ihr Gemüth eine durch die Kunst genährte poetische Mährchenwelt, eine glühende Romantik in sich schloß, welche eben wieder durch das Erwachen ihrer Jugendliebe vollste Nahrung und Kraft empfangen hatte. Deshalb konnte sie, von ihrer Phantasie hingerissen, nicht zur Ungläubigkeit kommen; ja diesen Nachrichten gegenüber hatte sie, als der Kurfürst geschieden war, keinen andern Gedanken, als den: „Möchte ich doch nur drei Zeilen von Gabriels Hand besitzen, damit Fra Giuseppe mir sagen könnte, was der Unglückliche jetzt denkt und wie in ferner Heimath, im Grabe der Lebendigen, sein Herz für die Tochter Medicis empfindet!“ Sie ruhte wirklich nicht eher, bis Giuseppe wieder bei ihr erschienen war.

Maria Anna, reizend gekleidet, den italienischen Schleier in den herrlichen, tiefbraunen Locken, das Auge flammend vor Erwartung und Glut, empfing dennoch den Pater sehr gemessen und kaltblütig. Um ihre Fassung bei dem Gespräch, welches sie beabsichtigte, nicht zu verlieren, nahm sie eine prachtvolle römische Laute, stimmte sie und schlug Accorde an, während der Pater sich neben ihr niederließ und mit der ruhigsten, sanftmüthigsten Miene von der Welt seine Erzählung von dem unglücklichen Gabriel begann. So wie Giuseppe indeß mit der Schilderung des Seelenzustandes seines jungen Freundes vorschritt, ward er wärmer und tröpfelte die den Rest des Friedens in Marias Brust vergiftende, ihr ganzes Innere in Aufruhr bringende Kunde mit solcher Kunst ihr ein, daß die Kurprinzessin mit einem verwirrten, flehenden Blicke, ihre bisherige Haltung fast vollkommen verlierend, zurücksank.

– Gnade, mein Pater! flüsterte sie halb bewußtlos. Schweig; ich bin nicht im Stande, Eurer Erzählung weiter zu folgen . . . Ewiger Gott  . . .  Lebe ich noch, nachdem ich diese Martern eines Jünglingsherzens vernommen, von denen ich die – ach nicht unschuldige – Ursache war? . . .  Seht mich an, Abbate Giuseppe, und sagt mir’s, – verschweigt mir es nicht, ich bin eine Mörderin!

Giuseppe warf sich in höchster Aufregung vor der Prinzessin nieder.

– Gnade für mich, Altezza! brachte er hervor. Verzeihung für mein Wagniß  . . .  Was soll ich’s verhehlen? Ihr hörtet Ricci’s Geschichte! Bin ich zu verdammen, daß ich Mitleid mit Gabriel empfand? Daß ich den Armen von Buona Solasso unter Mühen und Gefahren hierher führte, in die Nähe des hehren Sternes, der allein ihm Licht und Leben giebt? Mit einem Worte, Gabriel ist dem Tode entronnen, er ist durch meine Hülfe dem Grabe des Trappistenklosters entflohen und harrt, bei unsern mitleidigen Freunden, den Jesuiten versteckt, auf ein einziges Wort von Euch, das ihm ferner Lebenshoffnung gäbe!

Die Kurfürstin war in Wahrheit niedergeschmettert; versteinert. Mit süßem Schmerze hatte sie dasjenige, was ihr ferne war, in ihrer Brust wach gerufen; sie hatte ein Recht, diese vorübergegangene Zeit in ihrer Erinnerung nicht sterben zu lassen; kein Gesetz und keine Pflicht mochten ihr das liebevolle Andenken an einen Todten verwehren. Mit der Eröffnung des Guérinets aber war Maria wie durch ein Blitzlicht über die Abgründe, welche sich auf ihrem Wege befanden, aufgeklärt. Heute war die Kurfürstin nicht im Stande, einen Beschluß zu fassen. Sie entließ den Italiener kurz, fast abstoßend. In ihre innersten Closets zog sich die edle Dame zurück, um den hinterlistig abgeschnellten Pfeil, welcher das Herz der Arglosen durchbohrte, aus ihrer Brust zu reißen. Maria war über ihre Pflicht keinen Augenblick im Zweifel, ebenso wenig darüber, ob sie dieser folgen wolle.

Die Kurfürstin begab sich zu ihrem Gemahl. Er war in seinem Laboratorium. Johann Wilhelm empfing seine Gemahlin mit auffallend übler Laune. Es war etwas Beengendes, Gezwungenes in seinem Wesen, das Maria noch nicht an ihm bemerkt zu haben meinte. Sie kam, um offenes Vertrauen auszutauschen, um ihr Herz vor dem Kurfürsten auszuschütten. Heute war sicherlich nicht die Zeit dazu und Maria beschloß, zu schweigen und erst dann zu reden, wenn sie den ihr bevorstehenden Kampf zu Ende geführt haben würde. Es fehlte nur wenig, und die Italienerin wäre den düstersten Intriguen zum Opfer gefallen.

Pater Giuseppe, welcher sich, wie bemerkt, bald des vollsten Vertrauens des Kurfürsten bemächtigt hatte, war Schritt für Schritt dazu gelangt, ihm gegen seine Gemahlin ein Mißtrauen einzuflößen, das seiner offenen Seele fern lag. Mit tiefster Erschütterung vernahm es Johann Wilhelm, daß Maria schon geliebt, bevor sie ihn gesehen, und als Santi von Gabriel Ricci’s Schicksal erzählte, da bat er: dasselbe möge der Kurfürstin ewig verborgen bleiben. Wer beschreibt jedoch die furchtbare Wirkung des Geständnisses, welches Giuseppe dem gehörig vorbereiteten Kurfürsten ablegte: Maria wisse, daß Gabriel in Buona Solasso eingetreten, noch mehr, sie liebe ihn heute noch mit der alten Glut und sie sei es gewesen, die durch ihre Bitten den Trappisten seinem Gelübde untreu gemacht und ihn bewogen habe, zu fliehen und in ihre unmittelbare Nähe zu kommen.

Johann Wilhelm hatte Gabriels Aufenthaltsort erfahren und Giuseppe mußte seine ganze Beredtsamkeit aufwenden, um den Herrscher davon abzuhalten, seine Rache, seine Eifersucht im Blute des jungen Italieners zu kühlen, dazu die Jesuiten für ihre, an demselben bewiesene Gastfreundschaft mit sofortiger Verbannung aus dem Kurfürstenthum zu bestrafen. Der Pater wies die Unschuld, die Unwissenheit der Väter Jesu unwidersprechlich nach und vermochte den Kurfürsten zu dem Versprechen: nicht eher gegen Gabriel, oder gegen seine Gemahlin etwas zu unternehmen, bis er Gewißheit über die Art des Verhältnisses erlangt habe, welches gegenwärtig unter diesen beiden, dem Verderben geweihten Personen bestehe.

An dem Abende, welcher auf diese Unterhaltung des Italieners mit dem Kurfürsten folgte, saßen die vornehmsten Mitglieder des Jesuitercollegiums ernst und leise flüsternd in ihrem Refectorio. Pater Giuseppe, heute in der Ordenstracht der ehrwürdigen Väter mit der Nachlässigkeit eines Herrschers den ersten Sitz über dem Pater Rector des Collegiums einnehmend, hatte die Erzählung über den erwarteten Erfolg der Intrigue mit mathematischer Genauigkeit auseinandergesetzt.

– Und ferner, hochwürdigster Pater General? wagte der Rector mit gedämpfter Stimme und ehrerbietigster Verbeugung den Pseudo-Abbate und Adepten zu fragen.

– Die Mediceerin wird diesen überspannten, schwärmerischen Burschen sehen; das ist gewiß. Nicht weniger sicher ist es, daß sie, wie einmal ihr Gemüthszustand beschaffen ist, sich von Gabriel zu ihren alten Empfindungen hinreißen lassen wird. Ihr Widerstand gegen diesen Zug ihres Herzens ist jetzt fast Null; hört sie Gabriel reden, so ist sie der wunderbaren Macht seiner phantasiereichen glühenden Worte gegenüber so ohnmächtig, wie es ein leidenschaftliches Weib ihrem Geliebten gegenüber nur immer sein kann.

– Und diese Unterredung  . . .  fragte der Rector mit einem Blicke des Einverständnisses.

– Wird Johann Wilhelm mit eignen Ohren anhören; schloß der Pater Ordensgeneral mit eisiger Kaltblütigkeit. Das Weitere wird der durchlauchtigste Kurfürst dann sehr schnell selbst besorgen. Wir werden die Herren sein im Lande und nicht diese frivole, kirchenfeindliche Florentinerin!

Pater Giuseppe wartete geduldig, bis Maria ihn zu sich fordern ließ. Sie schien fast fieberhaft aufgeregt.

– Ich will Gabriel sehen, Signor! sagte sie mit heftigem Ausdrucke. Diese Qual ertrage ich nicht länger. Meine Kraft ist zu Ende. Erwerbt Euch das Verdienst um ein gemartertes Frauenherz und führt mir meinen unglücklichen Freund zu  . . .  aber versteht, heute noch, heute!

Der verkappte Jesuit verbeugte sich tief. Kaum konnte er sein Entzücken verbergen. Er eilte fort, nachdem er den Ort und die Stunde des Stelldichein verabredet hatte, und überbrachte dem Kurfürsten die Unglücksbotschaft. Johann Wilhelm schien sehr gefaßt, aber das geübte Auge des Paters sah dennoch, was der Fürst tief im Herzen empfand, und jubelte heimlich.

– Signora Maria und Signor Gabriel, sagte er für sich, in diesen Augen da steht Euer Todesurtheil geschrieben!

– Im Garten also will sie ihn sehen? preßte Johann Wilhelm hervor. 

– Ja.

– Um 11 Uhr!

– Wie der durchlauchtigste Kurfürst sagt.

– Gut. Ihr seid entlassen, Priester! und barsch wandte sich der Fürst ab.

Es ließ ihm keine Rast, er mußte seine Gemahlin aufsuchen. Sie klagte, daß sie krank sei und wollte sich in ihre Schlafzimmer begeben. Nie wohl war der Fürst zärtlicher, sanfter, milder, als an diesem Abende. Er schien ihr durch seine Liebkosungen das schlimme Geständniß entreißen zu wollen; aber Maria schwieg. Sie schien in ihren Gedanken, die meilenfern von dem Gatten an ihrer Seite schweiften, vollständig verloren. Die glänzende Hand Johann Wilhelms spielte mit dem kalten, goldenen Knaufe seines Schwertes, dem er in dieser Minute für heute Abend einen unheilvollen Dienst zudachte. Er entfernte sich einsilbig und finster, während Maria in Thränen zurückblieb.

Ihr Entschluß war gefaßt. Als die bestimmte Stunde schlug, hüllte sie sich in ihren Mantel und ging festen Schrittes zum kleinen Schloßgarten. Es war ein stürmischer, regnerischer Abend. Als sie zwischen den Gebüschen und unter den Bäumen, welche ihre schweren Regentropfen auf sie herab schüttelten, forteilte, wurden ihre Schritte durch einen leisen Ausruf gehemmt. Sie erbebte; ihr Herz hatte Gabriels Stimme auch nicht vergessen. Im nächsten Augenblicke lag eine dunkle Mannsgestalt, stumm und schluchzend auf dem nassen Rasen knieend, ihr zu Füßen. Maria streckte ihre Hand aus, die der Trappist mit Küssen bedeckte.

– Du bists, Unglücklicher; sagte sie mit fester Stimme. Ich habe Dich zu sehen verlangt, um Dich von dem Tode, dem Du Dich weihtest, und von der Verzweiflung, der Du auf dieser von Dir betretenen Bahn entgegengehst, zu retten. Täusche Dich nicht. Ich vergesse Dich nicht, aber die Liebe des Weibes zu ihrem Gatten hat die Empfindungen des Mädchens für Dich auf immer unwirksam gemacht. Und selbst, wäre ich frei, so würde ich nicht Dich, sondern meinen Herrn Johann Wilhelm erwählen. Das ist die Wahrheit. Eine Mediceerin ist zu stolz, um zu heucheln. Liebte ich Dich, ich würde es nicht verbergen; ich selbst würde, möchte geschehen was wollte, dem Kurfürsten die Wahrheit gestanden haben. So aber kommt es nur auf Dich an, mein Gabriel. Ist der italienische Pater in der Nähe?

Gabriel, eine schlanke Gestalt, mit blassem Gesicht, dessen Züge aber von einem andern Auge, als demjenigen der früheren Geliebten, kaum zu erkennen gewesen wären, stand vor ihr, gebeugt, vernichtet. Als Maria ihre Frage wiederholte, erwiderte er mit tonloser Stimme, daß Giuseppe im Schlosse geblieben sei.

– Dann höre! sagte die Kurfürstin energischer. Fliehe, fliehe noch in dieser Stunde aus den Händen derer, die sich Deiner bemächtigten. Ich ahne, sie werden Dich verderben. Bist Du hier aus eignem Antriebe?

– O, heilige Maria, murmelte der Jüngling abermals niedersinkend, wie sollte ich mich Dir verbergen? Ich, ja, ich hätte entsagt; keine Erinnerung an mich sollte Dein Inneres betrüben. Ich war gestorben im Satrappenkloster. Giuseppe war’s, der wiederum den Brand in mein Herz schleuderte; der mich bewog, zu fliehen und hieher zu Dir zu eilen. Ich Wahnsinniger hatte, durch diesen Priester verführt, wieder zu hoffen begonnen und meine Liebe schien durch das Verbrechen, welches sie umhing, nur noch glühender geworden zu sein. Ja, ich weiß, mir droht Gefahr. Seit ich hier bin, ergründete ich, daß man mir nicht diente, sondern, daß ich diente. Dennoch war ich zu ohnmächtig, um von hier zu scheiden, ohne Dich zum letzten Mal gesehen zu haben. Es ist das letzte und ich trenne mich von Dir mit einem offenen Geständnisse. Bewahre es wohl, Maria, denn obwohl ich den Tod nicht scheue, will ich ihn dennoch nicht durch das Gift dieser Jesuiten finden. Pater Giuseppe ist der Ordensgeneral der Jesuiten  . . .

Bevor noch die Kurfürstin sich so weit erholt hatte, um zu antworten, ward dicht neben dem Paare im Gebüsche ein heftiger Ausruf laut. Die Stimme des Kurfürsten war’s.

– Du Schurke! rief Johann Wilhelm, indeß die Gebüsche krachten und eine klägliche Stimme um Gnade bat. Die Fürstin eilte hinzu; bereits aber hatte der Kurfürst den Degen gezogen und den Jesuiten mit einem Stoße desselben niedergestreckt. Er umarmte jetzt seine Gemahlin mit Heftigkeit.

– Diese Brut! rief er fast außer sich. O, Maria, Maria, Du weißt nicht, was ich erlitten, durch diese Schlangen erlitten; Du siehst den Abgrund nicht, an welchem ich schwebte. Der Himmel selbst hat Dich, Reine, beschützt; denn verdamme mich, ich bin hieher gekommen mit dem Vorsatze, daß Dein Herzblut und dasjenige des Ritters de Ricci diesen Stahl in meiner Hand färben sollte. – – –

Die Jesuiten erholten sich unter Johann Wilhelm von diesem Schlage, welchen sie erlitten, nicht mehr. Sie wagten keinen Versuch, sich nochmals des Kurfürsten zu bemächtigen und den wohlthätigen Einfluß der edlen Fürstin, noch seine Entschließungen zu vernichten. Pater Giuseppe ward im Jesuitencollegium geheilt und reisete still nach Rom zurück. Gabriel Ricci ging nach Malta, um bis zum Comthur der Johanniter-Ritter unter Kämpfen gegen die Barbaresken und Türken sich aufzuschwingen. Die Regierung des kurfürstlichen Paares aber, von keinem widrigen Zufalle mehr getrübt, rief von jetzt an den Aufschwung der Residenz Düsseldorf sowohl wie des ganzen Landes hervor, und ward noch lange nachher vom Volke mit Segenswünschen genannt. 

==13. Heft.==
=== Die Hochzeit zu Cana. Von Paul Veronese (Cagliari).===

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Die Bilder dieses großen Meisters, welchem wir später wieder begegnen werden, zeichnen sich durch eine so reiche, lebendige und zwanglose Gruppirung aus, wie sie nur wenige Maler zu schaffen verstanden und verstehen. Eins der Gemälde dieses Italieners, das diese Kunst desselben in schöner Vollendung zeigt, ist das Gastmahl bei der, in der Bibel mit lieblicher, gläubiger Naivetät geschilderten Hochzeit zu Cana in Galiläa. Mit gleicher Gläubigkeit und Anmuth gelang es dem Künstler, die Scene des Weinwunders zu malen. Die Composition, in großem, umfassenden Stile und dennoch in vollkommen harmonischer Weise, ohne die geringste Härte und Eckigkeit, entworfen, ist in der Gruppirung der Figuren voll und reich, und doch klar und von jeder Verwirrung entfernt. Die charakteristische Mannigfaltigkeit der ideal gehaltenen Köpfe zeugt für den geistigen Reichthum des Künstlers. Die Bestimmung des Ausdrucks, des Zweifels, der erlangten Ueberzeugung, des Erstaunens und Verwunderns, der Ehrfurcht und Achtung, womit die Hochzeitsgäste das Wunder der Verwandlung des Wassers in Wein aufnahmen, ist dann so fein als schlagend, und überhebt uns eines weiteren Commentars zu der Scene. Ebenfalls beweist der Meister durch das mannigfache Costüm seiner Figuren seine blühende Phantasie, obgleich dasselbe bei der Mehrzahl der Personen keinen Anspruch auf die historische Treue machen kann, welche etwa Leonardo da Vinci in seinem Abendmahlsbilde auf so unübertreffliche Weise mit den höchsten Anforderungen der Kunst hinsichtlich der Gewandung zu vereinigen gewußt hat.
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===Niederländische Dorfschenke. Von David Teniers dem Jüngern.===

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Der Name Teniers ist einer der ausgezeichnetsten in der Geschichte niederländischer Kunst. Es giebt zwei Maler dieses Namens, Vater und Sohn. David Teniers der Aeltere wird gewöhnlich zum Unterschiede von seinem, ihn weit überragenden Sohne, David Teniers dem Jüngeren, <tt> „il Bassano“ </tt> genannt. Er konnte nämlich den italienischen Meister Chiacomo Ponte, mit dem Beinamen: Bassano, in Stil und Manier täuschend nachahmen.

David Teniers d. J. ward 1610 zu Antwerpen geboren und starb als Director der Antwerpener Kunstacademie im Jahre 1690 zu Brüssel. Von seinem Vater vorgebildet, ward er später ein Schüler von Peter Paul Rubens und verfolgte eine Zeitlang die von diesem gewaltigen Meister als unterscheidendes Zeichen der neueren flamändischen Malerschule eingeschlagene historische und kirchliche Richtung. In mehren hieher gehörigen Stücken zeigte Teniers, daß seine Phantasie eines bedeutenden Aufschwunges fähig war; im Ganzen aber blieb er in idealen oder gar heiligen Gegenständen schwach; ebenso sind seine See- und Thierstücke mangelhaft, nicht selten mißlungen.

Im Genrebilde ist Teniers dagegen der größte flamändische Meister. Er wendet sich hier der vollen Wirklichkeit zu, die er fast portraitartig auffaßt. Er malt das Leben und Weben des Volks, Wirthshaus- und Wachtstuben-Scenen, Bauergesellschaften, Dorffeste. In seinen effectreichen Situationen und im leichten, natürlichen Colorit ausgezeichnet, steht er fast einzig da durch den köstlichen Humor und die unwiderstehliche, breite Komik, welche aus seinen Schöpfungen sprechen. Hier ist David Teniers auf seiner höchsten Höhe.

Der Erzherzog Leopold von Oesterreich, welcher den Meister zu seinem ersten Kammerdiener ernannte, wies ihn durch seine Aufträge ausschließlich auf diese Darstellungen aus dem Leben der niedern Classen hin. Teniers begann seine Studien, indeß er die Urbilder seiner Schöpfungen selbst aufsuchte, obwohl er, dem Cynismus Rembrandts fremd, an diesem Volksleben nicht persönlich sich betheiligte, sondern eben nur den Beobachter machte.

Auf einer solchen Wanderung belauschen wir den genialen Künstler. Er schlendert aus dem altehrwürdigen Antwerpen hinaus, einem Dorfe an der Scheide zu, und begiebt sich in die Stube der Schenke, die ihm schon manche originelle Gestalt geliefert hat. Auch heute fehlen dergleichen nicht.

Von dem alten, triefäugigen, zahnlosen Ohm (Onkel) vom Hause bedient, sitzen vorn in dem gewölbten Schenkzimmer vier Gäste an einem rohen Eichentische. Sie sind in eine so wichtige Angelegenheit vertieft, daß sie weder von dem Wirthe, der Wirthin, noch von einigen Gästen, die sich in der Küche im Hintergrunde des Zimmers zu schaffen machen, Notiz nehmen. Es bedarf nur einer Minute, um aus dem Gespräche dieser vier Menschen zu erfahren, wer sie sind, wie sie heißen, und was sie so eifrig mit einander verhandeln.

Rechts am Tische saß ein alter Scheldeschiffer, mit einem abgelebten, hohen Hute auf dem Kopfe; ein entschlossenes Gesicht von einem struppigen, ganzen Barte beschattet. Wie eine Kriegswaffe hatte er seine gebräunte Thonpfeife und den Tabaksbeutel am Gurt hängen. Diesen Mann nannten die Uebrigen Ian van Bierlieb. An der andern Seite des Tisches saß der Sohn des alten Schiffers, ein etwa zweiunddreißigjähriger kräftiger Mann mit offenen Zügen. Er trug die altniederländische Jacke ohne Aermel und eine, den alten Doctorbaretts ähnliche Kopfbedeckung. Dieser hieß Willem.

Vergebens sucht der Sohn dem Vater die Erlaubniß abzudringen, das schönste aber auch ärmste Mädchen im Dorfe zu heirathen.

Der Vater eben dieser Braut, Mynheer Taaks, hatte dem Schiffer gegenüber Platz genommen. Er war ein sanftmüthig blickender Mann mit langem, braunen Haar. Bald hätten wir den vierten Gast nicht erwähnt, welcher zwischen Vater und Sohn sichtbar wurde; Isak, ein bärtiger Sohn Israels, war’s, der Unterhändler bei der Werbung. Er hatte versprochen, der armen Katherina den Brautschatz vorzuschießen, wenn ihn Willem als seine Schuld anerkenne. – Alle Drei aber hatten es darauf abgesehen, den Schiffer zu ihrem Willen zu bewegen.

Ich gebe meiner Katherina zweitausend Goldgülden! rief Taaks. <tt>Je well! </tt> Ich habe Geld geerbt.

– Ich sage doch nicht: Ja! erwiderte Jan van Bierlieb.

– Was hast Du denn an dem Mädchen auszusetzen?

– Gar nichts! antwortete der Schiffer.   Sie gefällt mir, wenn sie Geld besitzt.   Aber Mynheer Taaks, Dich mag ich nicht, weil Du kein Bier trinken kannst.   Glaubst Du, ich will einen Verwandten, über den ich mich Zeit meines Lebens ärgern muß, statt mit ihm zu zechen?

Isak winkte mit den Augen.

– O, sagte Taaks, ich kann sehr wohl trinken und mehr als Ihr, Mynheer . . .

– Das möcht’ ich sehen! sprach der Schiffer staunend.

– Aber ich trinke nur auf besondre Veranlassung!  Bekommt meine Tochter Euren Sohn, wenn ich zechen kann?

– Wer weiß, was Mynheer Taaks zechen nennt! rief Jan sehr aufgeregt. Aber Eins will ich mit Dir eingehen.   Kannst Du nur einen Schoppen Bier mehr trinken, als ich, so bist Du ein braver Mann, der morgen schon Katherina in mein Haus bringen mag.   Zu Isak flüsterte der Alte aber: Taaks wird unter den Tisch kommen; das ist allein hundert Gülden werth.

Der Wirth brachte Bier und Kreide. Die Zecher leerten eifrig die Gläser und merkten sich jedes geleerte Glas mit einem Kreidestrich auf dem Tische an. Endlich blickte der alte Schiffer den Mynheer Taaks, welcher höchst angenehm und selig lächelte, aber längst zu trinken aufgehört hatte, siegreich an.

– Der Kampf ist zu Ende! rief Jan.   Ich kann nichts mehr trinken.   Wir wollen die Gläser zählen.

– O, Mynheer, ich habe die meisten Striche! lallte Taaks.

Jan stand sehr beleidigt auf, beugte sich über den Tisch und verglich mühsam seine Kreidestriche mit denen des Gegners.

– Welche Hexerei ist das? sagte der Schiffer die Hand ballend. Du machtest keinen Strich zu viel, ich hab’ genau aufgemerkt, und ich sicherlich keinen zu wenig, und doch hast Du zwei Gläser mehr getrunken als ich, dem’s Niemand im Biertrinken gleich thut?

Willem, der Sohn, sah zum Scheine die Striche nach, während der, den Scherz errathende, alte Ohm höchst vergnügt über seine Schulter schaute. Der joviale, bärtige Isak aber, welcher seine rechte Hand auf Willems Schulter gelegt hatte, blickte den alten Schiffer in seinem komischen Zorne ironisch und überlegen an.

Isak hatte heimlich die Striche des Schiffers, so wie sie hingezeichnet waren, gewissenhaft weggewischt. Jan rief den Wirth zum Zeugen. Dieser nahm die Kreide, ging nach dem Thürpfosten und fing an zu rechnen. Aber der Schalk war in’s Complot gezogen und band die Lüge, welche man dem alten, hartnäckigen Bootsmann aufgeheftet, durch seine Beredtsamkeit vollends auf seinem Rücken fest.

Jan van Bierlieb mußte, getreu seinem Wort, die Segel streichen.

– Fünf Minuten später waren Willem und die schöne Katherina verlobt und einige Augenblicke darauf wanderte David Teniers, in heiterster Stimmung, nach Antwerpen zurück. Der Meister trägt in seiner Mappe die Skizze eines seiner reizendsten Gemälde . . .

Das Original unsers Blattes ziert die königliche Gemäldegallerie in Dresden.
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===Die Kinder Karls I. in England. Von Van Dyk. Van Dyk in London.===

[[File:Gemäldegalerie Alte Meister (Dresden) Galeriewerk Payne 035.jpg|600px|center]]

Anton van Dyk, der Fürst aller Portraitmaler, befand sich, vom Könige Karl I. berufen, in London und in der herrlichen Sommerwohnung, welche er der Munificenz seines erlauchten Gönners dankte.

Es war in den Abendstunden. Den Maler sehen wir in einem weiten, aufs prächtigste und geschmackvollste geschmückten Saale. Van Dyk, ein schlanker, schöner Mann, ist noch jung, noch nicht an der Mitte der dreißiger Jahre; dennoch besitzen seine Wangen keine Blüthenfrische mehr; sein ausdrucksvolles, großes Auge blickt heiß und matt und die Stirn ist düster gefaltet.

Van Dyks Anzug war bequem, reich, aber sehr nachlässig angelegt; sein schönes Haar war ungeordnet.

Der ganze Ausdruck dieses edlen Kopfes, dieser schönen Gestalt war melancholisch niedergeschlagen; der Meister schien mit sich und der Welt höchst unzufrieden, er hatte das Ansehen, als sei er mit seinem eignen Innern und mit seiner ganzen Umgebung vollständig zerfallen. Ihn schien das Leben, welches dem Auserwählten mit Tausenden von Reizen geschmückt, lockend anlächelte, mit Widerwillen zu erfüllen.

Das machte, Anton van Dyk, der leidenschaftliche Künstler mit dem glühenden, romantischen Innern, war übersättigt.

Unzufrieden, fast gramvoll streckte er sich auf den Kissen seines Ruhebettes aus und maß zwei Herren, welche neben demselben standen, mit finsteren Blicken.

Diese Männer waren Digby, der genaue Freund des Malers und sein Gönner, der Herzog von Buckingham. Digby war ein blasser, hoher, ernster Mann, nur wenig älter, als van Dyk, er war in dunkelfarbigem Kleide und erschien eben so einfach als edel. Der Herzog von Buckingham war so glänzend angezogen, als sollte er unmittelbar darauf das Parquet der königlichen Prachtzimmer betreten. Buckingham war ein ältlicher Herr von aristokratischer Haltung mit stolzen, fast herrischen Manieren.

– Ich lade Euch, Meister van DyK, sagte der Herzog, fast heftig die Hand bewegend, in welcher er seinen, mit weißen Federn gezierten Hut hielt, feierlichst nach Whitehall zum König Karl ein. Er läßt Euch durch mich seines ausgezeichneten Wohlwollens versichern und bittet Euch, überzeugt zu sein, daß nichts diese gnädigen Gesinnungen ändern könne . . .

– Sehr wohl! erwiderte van Dyk übellaunig. Ich kenne diese Gesinnungen der Engländer nur zu wohl. Ich hätte eigentlich nie vergessen sollen, wie man mich hier in London zum ersten Male empfing, dann würde ich neue Kränkungen nicht zu beklagen haben. Ich mag nichts sehen, nichts hören, edler Herzog, es ist mir Alles zuwider; England und die Engländer besonders, und König Karl und sein Hof am allermeisten. Ich werde nach Antwerpen reisen, um mich dort wenigstens ruhig zu Tode langweilen zu können.

– Aber was verlangt Ihr denn, Meister? rief Buckingham heftig. Worüber beklagt Ihr Euch? Karl I. hat Euch, wie Ihr es verdient, mit Ehren überhäuft, dort liegt sein diamantengefaßtes Bildniß, welches er Euch schenkte; Ihr seid Ritter unsers besten Ordens, des Ordens vom Bade; über englische Knauserigkeit dürft Ihr doch wahrhaftig auch nicht jammern, denk ich!

– Nur nicht so ruhmredig! rief van Dyk sich rasch aufrichtend. Ich habe England mit den Werken meiner Hand einen ewigen Schatz überliefert; die Gemälde, welche ich hier schuf, zählen nach Hunderten. Ich habe, um kein Geschenk, sondern verdiente Belohnung empfangen zu haben, mich überarbeitet, bin elend, erschöpft geworden, mein Herzog von Buckingham . . .  und doch konnte mich König Karl, als ich vor drei Wochen um Privat-Audienz ersuchte, mich unter nichtigem Vorwande abweisen, mir sagen lassen, mir, ich möge am andern Tage kommen, gleich als sei ich sein Diener und kein freier Künstler, der alle Könige der Welt entbehren kann . . .

– Mein Freund, rief jetzt Digby, jetzt, wo die republikanischen Puritaner, diese Rundköpfe, an dem Throne des Königs rütteln, wo die Gährung der Gemüther die unausgesetzteste Wachsamkeit des Königs erheischt, wo die Schotten sich zum Aufstande fertig machen, da solltest Du wohl entschuldigen, wenn das Wohl eines ganzen Reichs Deinen Angelegenheiten vorausgestellt wurde.

– Der König war krank und leidend; versicherte Buckingham. Und in Wahrheit weiß Euer großer Freund, Digby, sehr wohl, daß er sich über Niemand in der Welt, als über sich selbst beklagen kann. Er ist die einzige Ursache seiner häßlichen Laune, die ihm All’ und Iedes in den widerwärtigsten Farben zeigt . . .

– Ja, flüsterte van Dyk, wieder seine matte Haltung annehmend, ich sehe nur contrastirende Tinten . . .  Grün und Hellroth, Hellblau und Grau, Schwarz und Braun . . .

– Gut, van Dyk! rief Buckingham. Ich freue mich, Sir, daß wir, Digby und ich, Euch auf unsern Punkt gebracht haben. Wir wollen gestehen, daß wir nur kamen, um Euch beichten zu lassen.

Van Dyk schüttelte fast betrübt den Kopf.

– Ja, Anton; sagte Digby, fast zärtlich van Dyks zarte Künstler-Hand ergreifend und sie kräftig schüttelnd. Der Herr Herzog sagt die Wahrheit. Wir sehen Dich, wie Du nur noch matt mit dem Strudel ringst, in welchen Du Dich stürztest, in diesen Schwall von Vergnügungen und sinnlichen Genüssen, in welchem Du sicherlich untergehen wirst, wenn Du Dich nicht energisch und auf der Stelle aufrichtest.

– Ah, meine Freunde, rief van Dyk, dessen gewöhnliche weichmüthige Stimmung wiederkehrte, laßt mich, laßt mich doch. Ich Hab’ Alles satt, ich bin müde zu leben.

– Gott bewahre, Meister, lachte Buckingham, Ihr werdet erst zu leben beginnen, denn beim heiligen Kreuz, wir haben nichts Anderes im Sinne, als Euch zu – verheirathen. Euer Harem, Eure Mädchen, die Euch Modell stehen, schafft vor allen Dingen ab, höret auf, ferner durch schwelgerische Feste Euch zu entnerven, und Euer Vermögen, Eure Kräfte und Eure Gesundheit und mit dieser Euer – Genie zu verschleudern und zu verschwenden . . .  und der erste Schritt ist auf der Bahn gethan, die wir Euch führen möchten.

– Du hast neuen Lebensmuth nöthig, Freund, fuhr Digby fort. Du fühlst selbst, daß es vergebens ist, Dich durch Prunk und Ausschweifungen zu betäuben. Noch lebt das heilige Feuer der Kunst ungeschwächt in Deinem Busen; der Beweis ist, daß Du Dich ungeachtet Deiner Genüsse elend fühlst, weil Du, – Gott weiß in wie langer Zeit – keine Palette und keinen Pinsel in die Hand nahmst.

Van Dyk ward wieder finster.

– Bin ich denn ein Knabe? fragte er. Wer sagt Euch, daß Ihr mir Etwas bieten könnt, was ich nicht allein finde? Wer macht Euch so sicher, daß Eure Schätze für mich Werth haben, daß sie wohl gar noch die meinigen an Werth übertreffen?

– Der Herzog von Buckingham griff in die Seitenbauschen seines Kleides und zog ein handgroßes, kostbar gefaßtes Medaillon aus dem Busen.

– Betrachtet dies Bildniß, Meister! sagte er sanft aber siegreich lächelnd. Dann reden wir weiter. Das Gemälde ist freilich von keinem van Dyk; aber eine Göttin hat zu große Schönheit, als daß selbst einem ungeübten Pinsel alle ihre Reize entschlüpfen könnten.

Der Maler bemächtigte sich des Medaillons und betrachtete dasselbe sehr aufmerksam. Bald aber glühte das vorhin fast erloschene Feuer in seinem Auge wieder auf; er faßte das Bildniß fester; seine Wangen rötheten sich und er fing an, unwillkürlich zwischen den Zähnen zu murmeln. Er war in die Betrachtung des Bildes so vertieft, daß er die Anwesenheit seiner Freunde völlig vergessen zu haben schien.

Digby berührte seine Schulter sanft mit der Hand.

– Wen, fragte der Maler, wie aus einem Traume erwachend, wen, meine Freunde, stellt dies Portrait dar? Ach, als ich einst das Fräulein van Malader<ref>Eine von van Dyks Geliebten.</ref> erblickte, da glaubte auch ich an Schönheit in der Wirklichkeit; seitdem meinte ich, daß sie nur in den Köpfen träumerischer Maler lebte . . .  Aber dies Portrait . . .  Dies sagt mir mit überraschender Wahrheit, daß hier die Schönheit der Dame, welche dasselbe darstellt, noch lange nicht erreicht wurde . . .  Wer ist dies? . . .

– Wollt Ihr nur ein wenig vernünftiger werden, Sir, erwiderte Buckingham; so ist diese Dame sicherlich das schönste Mädchen unserer drei Reiche, die Eurige . . .  ist Eure Gattin; dafür stehe ich. Diese Dame, Meister, liebt Euch, merkt es wohl, sie liebt Euch . . .  Es ist Maria Ruthven, die Tochter des schottischen Grasen von Göre. Wollt Ihr der Einladung des Königs folgen und sofort mit uns zu Hofe fahren, so werdet Ihr „Schön-Mary“ noch heute Abend sehen.

In einem Augenblick war van Dyk aus seiner Apathie erwacht; er sprang auf und rief nach seinen Dienern.

– Sachte, Sir! sprach Buckingham. Ihr werdet die Gräfin nicht im Hofsaale sehen, sondern Euch zu einem kleinen Kunstgriffe bequemen müssen. Sie ist nur in den Gemächern der  Königin zu finden; denn ich, Maria’s Vormund, habe sie absichtlich von den Festen fern gehalten, habe ihr, um sie zu bewahren, jede ostentatiose, öffentliche Erscheinung untersagt. Die junge Gräfin Gore ist die Hofmeisterin des Prinzen Karl von Wales und seiner beiden Geschwister. Wollt Ihr Diejenige sehen, welche an dem glänzendsten Hofe der Welt das klösterliche Leben einer Nonne führt, so nehmt Euer Zeichnengeräth und begehrt, die königlichen Kinder abzubilden. Dann werdet Ihr die Schöne sicherlich ungestört sehen und sprechen können.

Van Dyk gehorchte. Er fuhr mit Buckingham und Digby nach Whitehall, stellte sich dem Könige vor, der ihn nach seiner halbschwermüthigen Weise lächelnd, freundlichst empfing, dann aber, auf einen Wink vom Herzoge, ihn an die Hand nahm und aus dem Sale führte.

– Erlaubt, Herr Ritter, sagte Karl I. mit seiner ganzen chevaleresken Grazie den Arm des Malers nehmend, wenn Wir Euch eine kleine Arbeit auftragen. Ihr werdet Unsere Kinder malen.

– Ach, Sire, Sie machen mich glücklich! stammelte van Dyk.

– Buckingham wird Euch diesen meinen Lieblingswunsch mitgetheilt haben. Die Kleinen sind zwar noch etwas unruhigen Wesens, Ihr werdet daher Mühe haben, sie genau aufzufassen, indeß die Gräfin Gore – Karl I. lächelte schelmisch – wird die Kinder schon zur Folgsamkeit bewegen.

Beide traten jetzt in die Zimmer der Königin. Hier befand sich Karl, später der Zweite genannt mit James und Henriette, und neben ihnen erblickte van Dyk ein Mädchen von so wunderbarer Schönheit, daß er, als ihn der König der Maria Ruthven vorstellte, unwillkürlich die Augen schloß. Als sich van Dyk gefaßt hatte, war Karl I. verschwunden.

Van Dyk fing an die Gruppe der königlichen Kinder sammt zwei edlen, schottischen Hunden zu zeichnen. Er ging am andern Tage, und abermals zum Vollenden der Zeichnung nach dem Schlosse; er schien das Bild nicht vollenden zu können.

Am vierten Tage, als er die Gemächer verließ, stammelte er, Maria’s Hand ergreifend, das Geständniß seiner Liebe. Die junge Dame sank weinend vor Wonne in seine Arme.

Ein neues, edleres Leben begann jetzt für den Künstler. Denn bald darauf vermählte der Herzog von Buckingham seine Mündel mit dem Meister. Seine Lebenskraft war aber zu tief erschüttert.

Er machte mit seiner Gemahlin eine Reise nach seiner Vaterstadt Antwerpen, dann nach Paris, um die Gallerie des Louvre zu malen. Da aber Nicolaus Poussin diesen Auftrag schon erhalten hatte, kehrte er nach London zurück. Hier ereilte ihn, als er eben beschäftigt war, dem Könige eine der großartigsten Tapetenmalereien im Carton anzufertigen, in den Armen seiner holden Gattin 1641 der unerbittliche Tod.

==14. Heft.==
=== Potiphars Weib. Von Cignani.===

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In den Gemälden von Carlo Cignani leuchtet noch einmal der große Styl und die Reinheit der Zeichnung auf, welche in Bologna, der Vaterstadt dieses Meisters, durch die gewaltigen Reformationen der Familie der Caracci gegenüber den Manieristen hervorgerufen wurde. Cignani, in der graziösen Anlage seiner Zeichnungen stets den Correggio als Vorbild vor Augen habend, verleugnet dennoch nicht das Merkmal der Schule, welcher er angehört, er ringt, gleich dem Annibale und Agosthino Caracci, gleich seinem Lehrer Albani, aber mit mehr Erfolg als der Letztere, nach einem Charakteristischen seiner Gegenstände, und dies Charakteristische ist nicht etwa wie beim Correggio die Schöpfung einer übergewaltigen Phantasie, sondern diejenige des besonnenen Verstandes. Cignani wird daher seine Bewunderer wohl durch seine schönen Gestalten, durch sein klares und lebendiges Colorit sanft ergötzen; aber dieselben nicht, wie der Correggio es vermag, mit poetischer, idealer Gewalt in das Reich empfindungsreicher Phantasien fortreißen. Der Gegenstand dieses Gemäldes ist hinreichend bekannt, Cignani hat die Scene auf eine zarte Weise behandelt, die uns einen harmonischen, ruhigen Eindruck giebt. Hier ist kaum das Wesen einer leidenschaftlichen Gluth zu fühlen, wie dieselbe uns mit bezauberndem Athem aus den Werken Tizians entgegenströmt, und fast möchten wir dem bologneser Meister seiner rein ästhetischen Auffassung, seiner verständigen Charakteristik wegen für die Abwesenheit des heiß-sinnlichen Elementes Dank sagen. Von gleicher Schönheit, wie auf diesem Bilde, zeigen sich die Formen und die Gewänder bei seinen andern Arbeiten. Einige seiner vollendetsten Leistungen befinden sich als Frescogemälde im Palaste Farnese und zu St. Michael in Bologna; ferner zu St. Madonna del fuoco zu Forli. Die Himmelfahrt der Maria in diesem letzten Tempel ist nach Composition und Ausführung vielleicht Cignani’s bestes Werk.

Der Meister, 1628 geboren, starb 1719 und zwar zu Forli, in der Mitte seiner Schüler. Cignani, obwohl mit Eifer als Director der Malerakademie zu Bologna wirkend, konnte dennoch den immer rascheren Verfall der Kunst nicht aufhalten.
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=== Gang Christi nach Golgatha. Von Paul Veronese.===

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Das Sanftrührende, welches Veronese mit einer so großen Kunst in die Erscheinung treten lassen kann, ist diesem Bilde in hohem Grade eigen. Die Art, wie Veronese den Christus aufgefaßt hat, entscheidet den Charakter dieses Gemäldes nicht allein, sondern ist auch für die Richtung des Meisters bezeichnend. Durch keine majestätische Größe wird der Beschauer von dem Dulder geschieden, welcher unter der Last des Kreuzes niedergesunken ist. Es ist nicht der Gottmensch, der hier kniet, dessen tiefste Erniedrigung – noch immer unendlich über unsre gebrechliche Erdennatur erhaben – uns ebensowohl geistig niederdrücken, als gewaltsam ergreifen und erschüttern würde. Das Lamm leidet hier, schwerlich aber dürften wir sagen: Veronese hat hier das Lamm gemalt, „welches der Welt Sünden trägt.“ Des Menschen Sohn blickt uns aus dem Bilde entgegen, der sanftmüthige und von Herzen demüthige Märtyrer für die ewige Lehre von der ewigen Liebe, und was er leidet, der schon wie verklärt blickende Dulder, ist das Leiden des Menschen. Während der Gottmensch, dem sich der Beschauer nicht zu substituiren vermag, jedenfalls allein leidet, obgleich man ihn anbetet: so können wir diesen „Jesus“ nicht sehen, ohne mit ihm zu leiden; denn er ist unser Bruder, ungeachtet des himmlischen Strahlenscheines um sein dornengekröntes Haupt.

Diese seine Auffassung hat Veronese mit ungemeiner Zartheit dargestellt, und seine Umstände zusammen beantworten die Frage nach der Ursache der sanften Wehmuth und des melancholischen Vergnügens, welche sein „Christus auf dem Wege nach Golgatha“ hervorbringt.

Dies Gemälde ist zwar in der Gruppirung bald etwas verwirrt componirt, besitzt aber dennoch große Schönheiten. So matt die heilige Veronika gerathen ist, welche Jesus das Schweißtuch vorhält, so ausgezeichnet ist der Mann in asiatischem Costüm, welcher sie abwehren will. In dem halbnackten Henker dürfte Veronese gezeigt haben, wie das Widerliche in der Kunst behandelt werden soll, um Recht zur Erscheinung zu erhalten. Eine Nebensache bemerken wir beiläufig: es ist der Kopf des gebundenen Missethäters im Hintergrunde links; Veronese hat nicht viele Köpfe von solcher charakteristischen Wahrheit aufzuweisen. Ein wieder ideal gehaltener Charakterkopf von unvergleichlichem Ausdrucke ist derjenige des Hohenpriesters, rechts neben dem eiskalten, Alles um sich her als überwundene Sclaven verachtenden Römers Pilatus. Die Mutter Jesu mit dem Johannes ist dagegen wieder vag-ideal aufgefaßt. Ueberhaupt bildet, wie gesagt, Jesus selbst das Moment, weshalb, neben der Pracht der Färbung, dies Gemälde ein sprechender Zeuge von Veronese’s Meisterschaft ist und bleiben wird.
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===Die Flucht nach Aegypten. Von Claude Lorrain.===

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Niemand vermöchte sich des Eindrucks zu erwehren, den Claude Gelée, oder unter seinem bekannteren Namen, Claude Lorrain, durch seine Landschaftsdichtungen hervorruft. Ruisdael ist ein Meister in der Kunst, durch ein Landschaftsbild in dem Beschauer eine bestimmte Empfindung zu erwecken; nicht minder aber versteht es Claude Lorrain, die Natur künstlerisch zu einer Harmonie zu vereinigen, die gleich einem lyrischen Gedichte das Herz bewegt, nachdem sie das Auge, wie dies letztere das Ohr, ergötzt hat. Es ist die Idealität, getragen von der genial aufgefaßten und wiedergegebenen Naturwahrheit, welche bei Claude Lorrain diesen unbeschreiblichen Zauber der Landschaft bewirkt. Mit der höchsten Anmuth bekleidet, tritt uns in ihrer ewigen Jugendschönheit die Natur bei Lorrain entgegen. Ihre Reize sind in zwanglosester Weise in einen Brennpunkt vereinigt, dessen Strahl sicher auf den Beschauer wirkt.

Die „Flucht nach Aegypten“ ruft, gleich einem ebenso lieblichen als klaren und feierlichen Gedichte über den Gegenstand, alle die Träume jugendlicher Poesie wach, womit wir einst die von Engeln geleitete Mutter des Himmelskönigs auf der lastbaren Eselin sitzend, vom treuen Joseph geführt, auf ihrer Reise nach dem Lande der wunderbaren Weisheit des Alterthums begleiteten. Den Schatten des herrlichen, dunklen Waldes, den Strom des lebendigen Wassers, den Felsen, welcher, der Ewigkeit trotzend, sich majestätisch, vom Sonnenlichte verklärt, erhebt, deuten zu wollen, würde eine Versündigung an dem Meister sein; denn das hieße nichts Anderes, als diese freie poetische Schöpfung in eine gebundene Symbolik zu übersetzen, wie wenn man aus den Wendungen und Uebergängen, aus dem Wechsel und der Zusammenstellung der Tonformen eines entzückenden Musikstückes den Gedanken herausfinden, die Wirkung zu erklären streben wollte, warum uns das Ganze eben so und nicht anders bewegt, wie es uns bewegt.

Wie aus dieser Auffassung von Lorrains Landschaften hervorgeht, so ist die Staffage in ihnen nebensächlich und dient meistens nur dazu, die eigentliche Seele des Bildes in einem bestimmt erkennbaren Zuge anzudeuten. Reizend, fast märchenhaft zeigt sich der Kern dieses Bildes, die Madonna mit dem Kinde, vom schirmenden Boten des Himmels geführt, im tiefen Dunkel des verschlungenen Waldpfades. Vor der Pracht der Landschaft könnte man diese heimliche Gruppe, die sich verbirgt, wie der Stern der Welt einst den bethlehemitischen Kindesmördern verborgen wurde, fast übersehen. Und doch wird die Landschaft erst vollständig, das Bewußtsein ihrer magischen Gewalt geht dem Beschauer erst dann völlig auf, wenn dieser Schlüssel, dieser Centralpunkt gefunden ist.

Die Mittel Lorrains sind ungeheuer groß. Lebenswarmer, kräftiger, duftiger als diese mit vollendeter Meisterschaft verschmolzenen und abgestuften Farbentöne Lorrains ist die Natur in den einzelnen Zügen, die der Maler harmonisch zusammenfaßt, selbst nicht. Eine transparente Leichtigkeit der Farbengebung dient dazu, Lorrains anmuthige Umrisse mit einer Eleganz zu umkleiden, die nicht weniger selten ist, als der dichterische Werth seiner landschaftlichen Schöpfungen.

Die Flucht nach Aegypten ist eine von Claude Lorrains Perlen. Nicht minder berühmt ist das Seestück mit Acis und Galathea, welches die Dresdener Gallerie bewahrt. Eine große Anzahl von Lorrains schönsten Blldern befinden sich in England theils im Besitze der Nation, theils von verschiedenen Großen. Seine größten Meisterwerke, die vier Tageszeiten, dem Kurfürsten von Hessen, dann der Kaiserin der Franzosen, Josephine, angehörend, befinden sich jetzt in der kaiserlichen Eremitage in Petersburg.
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===Satyre und Nymphen. Von P. P. Rubens.===

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Die geschlossene Individualität der griechischen Götter und Halbgötter, sowie ihres Gefolges, des eigenthümlichen Mischgeschlechtes, welches zwischen Thier, Mensch und Halbgott spielt; oder die in der Form gesättigte, durch ihren vollkommensten Ausdruck zur Ruhe gelangte Idee hat seit uralten Zeiten die künstlerische, bildende Darstellung jener mythologischen Gestalten der Bildhauerei und nicht der Malerei überwiesen. Diese letztere Kunst vermag die classische Ruhe der Sculptur nicht fest zu halten, sondern tritt, wenn solche Ruhe als Gegensatz betrachtet wird, auf das Gebiet der Romantik. Die gemalten Götter Griechenlands werden aus ihrer olympischen Abgeschiedenheit befreit, sie werden lebendig und bloße Personen, statt individualisirte Träger eines Begriffs. Der Gott ist verschwunden, welcher nur aus der ihn erfüllenden Idee heraus handeln konnte, und ein mit den Attributen der Gottheit versehener Mensch ist geblieben, der neben seinem ihm ursprünglich eignen Charakter Gefühle und Leidenschaften besitzt, wie sie dem Sterblichen eigen sind, dessen Wesen ''alle'' die Ideen einschließt, welche in dem Reigen der mythologischen Götter einzeln aufgefaßt und durch die Sculptur zu unwandelbarer Erscheinung gebracht sind. Meistens verunglücken daher die Versuche, „die Götter Griechenlands“ zu malen. Aber selbst diese in der Natur der Sache liegenden Hindernisse bei der malerischen Darstellung mythologischer Gestalten sind für den Genius keine Hindernisse. Rubens „Satyre und Nymphen“ bezeugen, daß der Maler derartige Gegenstände seiner Kunst gemäß auffassen darf, um ein inhaltreiches und schönes Gemälde zu schaffen. Mit graziösem Kraftwurfe giebt er uns seine drei Satyre, eigentlich Halbpanisken, und die vier Nymphen der Diana lebendig, athmend, farbenglühend, statt sie zu versteinern, und rollt uns in den mythischen Gestalten eine dichterische, allegorische Darstellung von dem geheimnißvollen, reizenden Leben von Wäldern und Fluren auf. Er hat von der individuell gefesteten Darstellung durch die Sculptur nur einen Schritt rückwärts zur allegorischen gemacht, um Spielraum für seine eignen Gedanken und Empfindungen zu gewinnen, mit denen er dies Bild in seinem reichen, fast überquellenden Schöpfungstalente ausstattete.

In diesem Gemälde scheint das ganze Natur-Leben, Weben und Walten gefesselt und umschlungen zu sein. Die üppige Fruchtbarkeit eines paradiesischen Bodens, den das Blut der vor Fülle zerspringenden Traube netzt; Wild, zwar vom tödtenden Speer und Pfeil getroffen, aber darum nicht weniger an den dichten, rauschenden, flüsternden, dunklen Wald, die Heimath der Satyre, und an die rieselnden Bäche erinnernd, die, klar wie die Augen der Nymphen, über Wiesen und durch Blätterüberhänge dahineilen, – diese Fülle von Naturbildern zusammengefaßt in den herrlichen Figuren mag uns wohl mit der dichterisch traumesvollen Empfindung erfüllen, welche Wald und Feld, heller Morgen über Wiesengründen und halbdunkle Sommernacht über Waldeseinsamkeit in dem empfänglichen Innern erwecken.
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===St. Magdalena. Von Franz Gessi.===

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Die lebenswarme, hinreißende Büßerin des Correggio, in poetischem Genusse im Waldesdunkel die Worte des himmlischen Friedens und der „ewigen“  Liebe lesend, ist hier bei Gessi zur Heiligen geworden, deren sanfte, wir möchten sagen, schmelzende Schönheit allein noch an die Ursache erinnert, weshalb die Schönheit sich einer rauhen Ascetik unterworfen hat. Gessi’s Magdalena verleugnet in ihrer Weise nicht die Grazie derjenigen des Correggio; sie läßt jedoch im Vergleiche zu dieser, ungeachtet ihre ganze Erscheinung unendlich zart, fast zierlich ist, kalt. Die Kunst des Meisters erkennt man, bei seiner dasmal allgemeinen Auffassung, nur in einzelnen Zügen, fast nur in einzelnen Pinselstrichen wieder. Dahin gehört der unübertreffliche Ausdruck des Mundes dieser Magdalena, welcher ihre Geschichte, ihre Bekehrung und ihr augenblickliches, aus dem innersten Herzen quellendes religiöses Gefühl auf frappante Weise malt; ein Gefühl, das, ungeachet seiner sittlichen Höhe, dennoch Sinnliches genug besitzt, um zu der Annahme hinzureißen: die Magdalene beuge sich nicht demüthig vor dem göttlichen Christus, sondern sie bete, an „himmlisch gewordener“ Liebe siech, den göttlichen „Mann“ an in der Einsamkeit des felsigen Thales. Diesen eigenthümlichen, von dem idealisirten, nicht charakteristisch bestimmten Blicke der Magdalena unabhängigen Ausdruck hatten die Bologneser in dem weichen und schwärmerischen Verständniß für leidenschaftliche Gemüthszustände mit solcher Wärme aufgefaßt, daß sie diese Magdalena Gessi’s weit über die besten Leistungen Guido Reni’s, des Meisters von Gessi, stellten. Durchaus dem Charakteristischen dieses Bildes entsprechend ist die Zeichnung und Färbung desselben in ihrer weichen, verschwimmenden Manier, die sonst dem Gessi nicht eben eigen ist. Die rechte Hand dieser Madonna gilt noch immer in der schweren Kunst der Händemalerei als ein Ideal von Schönheit, obwohl sie manierirt und mehr zierlich, als schön ist. Die Magdalena von Gessi rührt aus seiner zweiten Periode her. In der ersten zeigte Gessi ein strenges, geistvolles Studium, welches durch seine wissenschaftliche Bildung getragen und durch die Nachahmung der großen Meister, besonders des Guido, belebt wurde. Die zweite Periode hat nicht diese großartigen Schöpfungen, wie sie Guido in seinem heiligen Francisco in der Nunziata zu Bologna bethätigte, aufzuweisen; nur die glänzende Technik und einzelne geniale Gedankenblitze, wie sie unsere Magdalena zeigt, belehren den Beschauer über das bedeutende Talent des Meisters.

Gessi, welcher den großen Styl verließ, bildete in seiner Malerschule zu Bologna, welche nach Reni’s Tode die einzige von Bedeutung daselbst war, keine glänzenden Talente. Die Schüler faßten die Zierlichkeit ihres Meisters auf und verfielen dadurch, wie kaum anders zu erwarten, in eine kalte und trockene Manier, deren Grundzüge Gessi, vermöge seiner ausgezeichneten Technik, in seinen Gemälden so zu verdecken weiß, daß sie nur das Auge des Kenners bemerkt.

Dieser Meister, ein Bologneser, ward 1588 geboren und starb 1649. Die Zahl seiner Bilder von Ruf ist geringer, als man nach seinem unausgesetzten Fleiße glauben sollte; ein Beweis, daß seine Schnellmalerei nur auf Kosten seines besseren Könnens ausgeübt wurde.
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===Bauernhochzeit. Von David Terniers.===

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Das Landvolk von Nordholland, ebenfalls von Friesland und die Bewohner der längs der Nordseeküsten liegenden Sandinseln, ist bekannt durch sein unverrücktes Festhalten an den Sitten der Vorzeit.

Die Bauart der Mehrzahl der Landhäuser in diesen von Alters her stammverwandten Ländern ist der Hauptsache nach seit Hunderten von Jahren dieselbe geblieben. Menschen und Pferde und Kühe, Schweine und Gänse und Hühner leben in patriarchalischer Eintracht unter demselben Dache der langgestreckten, einstöckigen Gebäude. Der Rauch von dem offen an dem weiten, festgestampften Flur liegenden Feuerherde – um welchen sich die Familie schaart – wird selten durch Schornsteine abgeleitet, sondern sucht sich selbst nach Belieben durch das oben aufgestapelte Getreide u. s. w. einen Ausgang. Dieser Gast – sonst eine der Calamitäten des häuslichen Lebens – ist hier zu Lande gern gesehen. Er reift das Getreide nach und spielt bei der Herstellung der berühmten Schinken eine große Hauptrolle.

So wie ihre Wohnungen, so sind die Leute selbst fast ganz den Alten ähnlich. Am meisten zeigt sich dieses bei den Hauptereignissen ihres bescheidenen, harmlosen Daseins, bei Kindtaufen und Hochzeiten.

Für die letzteren ist das Festprogramm vielleicht schon vor fünfhundert Jahren festgesetzt, und wird eine sogenannte „große Hochzeit“, das heißt, eine Hochzeit mit Musik, Tanz und Schmauserei gefeiert: so kann man darauf rechnen, daß diese alten Regeln, welche sogar jedes aufzutragende Gericht und die Folge der Schüsseln bestimmen, unabänderlich in Ausführung kommen.

Die Zurüstungen zu einer solchen Bauernhochzeit sind sehr oft bauernmäßig großartig, und stellen selbst dem Nichteingeweihten eine Hochzeit <tt>à la Camacho </tt> im Don Quixote in Aussicht. Es ist gar nichts Seltenes, weder in Nordholland, noch in Friesland oder in Westfalen, daß 300 bis 400 Paar, die Kinder ungerechnet, geladen werden. Die Hochzeit dauert regelmäßig vom Sonntag Nachmittag, wo das junge Paar getraut wird, bis zum Mittwoch Abende, wo sich der Troß wieder entfernt. Es ist also sehr natürlich, daß für die schlagfertigen Magen dieser Gesellschaft einige fette Ochsen, mehre Rinder, ein halbes Dutzend Schweine u. s. w. geschlachtet, und furchtbare Batterien von Schiedamer, von Genever, Rum und Bier aufgeführt werden.

Der sogenannte Braut-Bitter, welcher die Einladung der Gäste besorgt, lügt nicht, wenn er in seiner aus uralten Zeiten herstammenden, gereimten Einladungsrede, deren Vortrag etwa eine halbe Stunde erfordert, von „Geflügeln ohne Zahl“ u. s. w. spricht, die zur Restauration der Gäste bereit stehen. Diese Brautrede, im Niederdeutschen und Holländischen gut gereimt, nimmt sich im Hochdeutschen zu sonderbar aus, als daß man sie, der Curiosität wegen, geben könnte. Sie athmet derben niederländischen oder besser niedersächsischen Bauernwitz, dessen Abbild der gebildete Deutsche, der Städter, der Halbfranzösirte mit Schrecken im Eulenspiegel – unsterblichen Gedächtnisses – anstarrt.

Am Hochzeitstage selbst ist die geplagteste Person – der Bräutigam, oder vielmehr der junge Ehemann. Mit einer weißen Schürze angethan, muß er die oben am Tische im vollen Staate sitzende Braut und sämmtliche Gäste als Kellner bedienen. Er hat den Bräutigamsknecht zu seiner Verfügung, wird aber trotzdem so abgehetzt, daß er sich gegen Abend kaum noch auf den Beinen erhalten kann. Die Braut wartet am folgenden Tage mit ihren Mägden auf.

Die Tänze der Gäste am ersten Tage sind festgestellt. Die Ehrentänze machen den Anfang und das junge Paar ist genöthigt, mit allen Großvätern und Großmüttern u. s. w. der ganzen Hochzeitsgesellschaft bis gegen Abend nach einer Menuett-Melodie herumzugehen. Eine schnelle Beendigung eines solchen Tages würde sich der Betheiligte dem Brautpaar gegenüber als unauslöschlichen Schimpf zurechnen. Die Etikette hat hier gesorgt und bestimmt, wie lange das Brautpaar mit den Anverwandten der verschiedenen Grade Ehren halber wandeln soll.

Hier und da kommt in Nordholland und Friesland noch die uralte Sitte vor, daß am zweiten Tage der Hochzeit die sogenannte Brauttafel ausgestellt wird: eine große Schüssel, neben welcher sämmtliche Gäste vorbeidefiliren, um ihre Geschenke, natürlich in klingender Münze, dem neuen Paare darzubringen. Die Beiträge werden von dem Pfarrer, dem Domine oder dem Schulmeister des Orts registrirt. Da hier sich Niemand gegen die Uebrigen eine Blöße geben will, so sind die Gäste nicht selten in dem Falle, das auf der Hochzeit Verzehrte unverschämt theuer bezahlen zu müssen. Ist dieses Opfer gebracht, so pflegt sich der ganzen Gesellschaft plötzlich ein ganz anderer Ton zu bemächtigen. Sie dictirt jetzt, ob sie an großer Tafel warm oder kalt speisen will, oder nicht, und wann dies geschehen soll; ''sie'' giebt ihr Gutachten über den noch vorhandenen Vorrath an Eßwaaren und Getränken ab und befiehlt, daß so und so viel Stück Vieh noch nachträglich abgethan werden soll, „da man nicht gesonnen sei, zu hungern.“

In ihrer Ausgelassenheit werden von den Gästen sehr oft die merkwürdigsten Belustigungen entrirt. Aber auch sie sind nicht etwa erst zu erfinden, sondern die Alten haben schon vorgesehen, wie man bei solchen Gelüsten zu verfahren habe. Berüchtigt ist in dieser Hinsicht der Tanz „die lange Reihe.“ Ein Mann und ein Frauenzimmer und so fort stellen sich sämmtliche Hochzeitsgäste, die sich auf ihre Beine noch hinreichend verlassen zu können glauben, in einer Gänsereihe hinter einander auf. Jeder und Jede faßt das Kamisol oder den Rock des Vorderen und hält ihn fest. Die Dorfmusikanten laufen nebenher und nun beginnt der Tanz, halb Hüpfen und Springen, halb Laufen durch die Dorfstraßen, über Hecken und Zäune, durch die Häuser, in die Thür hinein, zum Fenster wieder hinaus u. s. w., ja nicht selten werden von den bacchantischen Tänzern den Nachbardörfern auf solche Weise Besuche abgestattet, welche indeß in der Regel mit einer furchtbaren Schlägerei endigen, wenn sich „die lange Reihe“ die geringste Ungehörigkeit erlaubt.

Die Physiognomie solcher holländischen und niedersächsischen Bauernhochzeiten, deren genauere Schilderung wir des Raumes wegen aufgeben müssen, bleibt, obgleich sie der verschiedensten Variationen fähig, immer dieselbe, welche sie seit alter Zeit gewesen ist.

David Teniers höchst humoristisches, lebenathmendes Bild gilt daher dem Wesentlichen nach noch heute vollkommen. Charakteristischer wäre eine solche Bauernhochzeit mit allen Nüancen schwerlich aufzufassen. Das vortreffliche Blatt erklärt sich selbst; eine Idee, welcher Geist etwa bei solchen Gelegenheiten in der Gesellschaft herrscht, haben wir oben angedeutet.

==15. Heft.==
=== Die Clavierspielerin. Von Kaspar Netscher.===

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Die Teniers und Ostades haben das Leben und Weben der untern Stände Niederland’s nicht frischer und wahrer aufgefaßt und mit geistvollerer Abwechselung nüancirt dargestellt, als Netscher dasjenige der höheren Gesellschaft seiner Zeit. Bei dem, durch die bedeutendsten technischen Fähigkeiten getragenen, mannigfach abgestuften Kunst-Naturalismus wird uns von Alt-Niederland ein Bild aufgerollt, wie wir es getreuer und reicher von keinem andern Lande besitzen. Bei Netscher kann man auf’s Vollständigste, außer dem Costüme, die Sitten und Manieren der schönen Welt während der Mitte des siebzehnten Jahrhunderts studiren. Diese „Clavierspielerin“ gilt nicht mit Unrecht für eines der gelungensten Conversationsstücke Netschers. Es ist mit einer Leichtigkeit entworfen, mit einer geschmackvollen Anmuth vollendet, wie sie die ersten Meister des feinen Genres nicht vollendeter aufzuweisen haben. Nach dem phantastischen Hintergrunde, der Zimmerwand zu urtheilen, scheint die Spielerin dem Theater anzugehören und mit ihrem, sie anbetenden Cavalier ein musikalisches Examen anzustellen. Unter dieser Voraussetzung besitzt das Gemälde einen Humor, der kaum feiner und ergötzlicher ausgedrückt werden kann.
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===Das Kloster. Von J. Ruisdael.===

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Diesmal hatte Jakob Ruisdael eine Fußtour unternommen, die sich bis über Ath hinaus ausdehnte. Hier beschloß er Halt zu machen. Er packte die unschätzbare Beute, welche er auf seinem Streifzuge erobert hatte, eine Folge der poesiereichsten Landschaftsbilder, ein und sandte sie nach seiner Vaterstadt Harlem. Dann bestieg er sein Roß und gedachte seinem Geiste einige Ruhe zu gönnen und heimkehrend mit vollster Beschaulichkeit das zu genießen, was er zum Entzücken der Welt auf die Leinwand zu schaffen verstand: das tiefgeheimnißvolle Leben in der Natur.

Ruisdael war jedoch viel zu sehr Maler, als daß er in diesem Punkte consequent geblieben wäre. Er war noch keinen Tag unterweges und befand sich bereits mitten in den gedankenreichsten Studien über die Schönheiten der Landschaften an seinem Wege. Stundenlang mußte sein Roß stillstehen: der Reiter beobachtete den Effect, welchen ein einsamer, dunkler Paßweg hervorbrachte; oder er suchte die richtigste Weise, um einen vom herbstlichen Winde durchbrauseten Wald mit seiner melancholischen Bewegung aufzufassen.

Am Abende des zweiten Tages hatte Ruisdael, der große „Landschaftdichter“, wie ihn Vater Göthe nennt, sich so sehr in seine Studien vertieft, daß er keinen Gedanken an die ferne Herberge übrig behielt, wohin sein stampfendes Roß so sehnlich verlangte.

Er befand sich mitten im Walde. Die Nacht war eingebrochen; es fing sanft an zu regnen. Vor ihm breitete sich ein mit Gebüsch und einigen riesigen Eichen versehenes, ringsum von starrenden Tannen umgebenes tiefes Thal aus; das Licht des vom Regen verschleierten Mondes schwamm um die triefenden Bäume . . . Allenthalben tiefste Ruhe; man hörte fast jeden Tropfen auf die Blätter der Bäume fallen.

Der Maler schien sich von dem Anblicke dieser Waldesstelle nicht losreißen zu können. Hier war fast nichts von den Eigenschaften, in welche man die Schönheit einer Landschaft gewöhnlich zu setzen pflegt. Wenig, fast nichts war hier zu sehen. Ruisdael schüttelte den Kopf.

– Wo liegt nur der maßlose Reiz, rief er endlich aus, den diese Landschaft auf mich ausübt? Könnte ich das Geheimniß ergründen, durch ein Bild einen Eindruck hervorzurufen, wie ihn diese regnerische Waldesnacht auf mich ausübt – wahrlich, kein Maler in der Welt käme Jacques Ruisdael, dem Landschafter, gleich . . .

Seine Betrachtung, sein Entzücken ward ziemlich rauh unterbrochen.

– Was schreit Ihr denn hier so spät? fragte eine rauhe Stimme, und Ruisdael sah mit einigem Erschrecken dicht neben seinem Pferde einen starken Mann stehen, welcher auf sehr bezeichnende Weise seine lange Flinte anlegte.

– Gebt Euer Geld! befahl der Fremde.

Ruisdael zog sein Faustrohr und feuerte es auf den Räuber ab; der Mann griff nach seinem Kopfe und sprang mit einem Fluche vorwärts. Der Maler fühlte sich am Beine ergriffen und vom Pferde geworfen.

– Du stirbst! rief der Fremde wild.

– Schone mich! Du erhältst fünfhundert, tausend, zweitausend Gulden! kreischte der Besiegte.

Der Waldbewohner stutzte, ließ aber seinen Feind nicht los.

– Bist Du denn ein Fürst oder ein Graf, daß Du solche Summen bieten kannst? fragte er endlich sinnend.

– Ich bin ein Maler; mein Fürstenthum liegt in dieser rechten Hand und bei Gott, zerbrichst Du sie mir, wie es gleich geschehen sein wird, wenn Du nicht loslassest: so bin ich arm wie Du.

Der Mann ließ los und stellte sich dem Ruisdael mit dem Gewehr im Anschlage gegenüber.

– Du willst sagen, daß Du so viel für Deine Bilder erhältst?

– Ja.

– Wieviel denn für eines?

– Unter tausend Gulden setze ich den Pinsel nicht an. 

Der Waldessohn schien tief nachzusinnen.

– Gieb mir die zweitausend Gulden, welche Du mir vorhin versprachst! sagte er. Dann zieh Deiner Wege.

– Heute Abend besitze ich nicht so viele Stüber! Aber ich schwöre Dir . . .

– Ah so! Es ist gut! unterbrach den Maler der Fremde. Dann wirst Du Dir einige Unbequemlichkeiten gefallen lassen, bis Du mich bezahlt hast. Geh voran. Willst Du mir entrinnen: so schieße ich, und sei versichert, daß ich meiner Kugel sicherer bin, als Du der Deinigen. Marsch.

Ruisdael zum ersten Male in seinem Leben eine reizvolle Landschaft rechtschaffen verwünschend, gehorchte und kam, mit Mühe sein Pferd nach sich ziehend, endlich nach einem kleinen Hüttchen. Die Thür ward geöffnet und ein schönes, junges Weib mit entfesseltem Haar, einen brennenden Kienspahn in der Hand, trat auf die Schwelle und leuchtete die in einen Mantel gehüllte Gestalt des Malers, das dampfende, vom Regen triefende Roß und die wilde, aber höchst malerische Gestalt des Räubers an. Ruisdael stieß ungeachtet seiner Situation einen Ausruf der Ueberraschung über die Schönheit dieser Scene aus.

Der Mann brachte das Pferd in einen alten Holzschuppen und lud den Maler ein, näher zu treten. Hier herrschte die bitterste Armuth. Dies Zimmer, das einzige der Familie, zeigte kaum das Unentbehrlichste. Drei kleine Kinder waren fast nackend.

– Mein Gott, wo bin ich hier? fragte Ruisdael mitleidig.

– Bei einem Excommunizirten, Monsieur! sagte der Mann düster. Ich habe den Abt des nahen Klosters geschlagen, weil er mein Weib verführen wollte; der Bann traf mich; dann <tt>travail forcé</tt>  auf ein Jahr. Vor acht Tagen bin ich zurück gekommen, nachdem man mir zum Abschied den Staupenschlag und ein gewisses Zeichen auf die Schulter gegeben hatte. Im Dorf nahm mich Niemand auf; ich habe diese verlassene Köhlerhütte zur Wohnung nehmen müssen. – Aber noch sind wir nicht verlassen. Du bist da! Ich werde Dir nichts thun; aber Du wirst mir ein Tausendguldenbild malen, ich verkauf’s und gehe nach der neuen Welt.

Am andern Morgen mußte Ruisdael sein Geld hergeben, damit die Frau gehen und kaufen konnte, was zum Zeichnen u. s. w. nöthig war. Vergebens bat Ruisdael um seine Freiheit, indeß er betheuerte, er werde freiwillig die Wünsche seines Tyrannen erfüllen. Er verfiel darauf, durch List sich seines so unerwartet über ihn zur Herrschaft gelangten Peinigers zu entziehen, und diesem abscheulichen Aufenthaltsorte zu entrinnen.

– Ich male nur nach der Natur! sagte er. Ich muß mir hier eine passende Landschaft aufsuchen.

– Gut! Ich gehe mit Dir! sagte der Mann. Aber sprichst Du mit Jemand, verräthst Du Deine Lage: so schieße ich Dich nieder. Ich gebe für mein Leben keinen Deut. Die Hoffnung, welche mir durch Dich eröffnet ward, soll sich erfüllen, oder ich will sterben.

Ruisdael zuckte betreten die Achseln, nahm Papier und Stift und setzte sich mit seinem Begleiter in Marsch. Nach einigen Minuten kamen sie zum Walde hinaus – ein Thal eröffnete sich und mit demselben eine Landschaft, wie sie Ruisdael selten schöner in seinen Phantasien gesehen hatte.

Von dicken Bäumen an einem Ufer geziert rieselte ein seichter Bach über ein kleines Wehr. Drüber hinaus zeigte sich ein freier, sonniger Platz, von einer herrlichen Baumgruppe verschönert. Seitwärts an diesem Platze stieg ein gewaltiger ruinenhafter Thurm ohne Dach hoch empor; neben ihm war eine zerbrochene, cyklopische Mauer, den Grundriß eines ehemaligen festen Gebäudes andeutend. Hinter dem Thurme erhoben sich die neuen Gebäude eines Klosters mit ihrem schlanken Thürmchen, und dicht neben dem letzteren erhob ein waldumkränzter, stellenweise kahler Fels seine Mauern in die Lüfte und schloß das Bild. Zur Rechten, halb im Gehölz versteckt war das Dorf, aus welchem man den Waldbewohner vertrieben hatte.

Und die Staffage war nicht minder schön. Vorn im Bache wateten vier fette Klosterkühe und zwei Männer fischten mit kleinen Hamen für die Mönche herrliche Forellen. Weiter entfernt ritt der Hirtenjunge einen Esel im Bache umher, und vor dem alten Kloster standen zwei Mönche, die Hände in die Aermel gesteckt und unterhielten sich in faulster Beschaulichkeit, während neben der großen Pforte des Thurmes ein Dritter an der Mauer lehnte und sich sonnte.

– Beim Apollo! rief Ruisdael bezaubert. Ich bin dennoch glücklich und ich danke Dir Bärenbeißer, daß Du mich gestern Abend anhalten mußtest. Dies wird ein Bild, welches sicherlich für tausend Gulden nicht feil sein wird.

Und rasch ließ er sich am Rande des Baches nieder und begann zu zeichnen, indeß der Tyrann mit seiner Flinte sich hinter einem Felsenstücke verbarg. Es dauerte keine Minute, da kamen die Mönche an, hoben die Kutten auf und wateten durch’s Wasser und beschauten die Arbeit des Zeichners.

– Das ist Ruisdael! rief ein Klosterbruder. Wir haben eines Deiner Bilder im Refectorio. Du bist bei uns eingeladen.

– Dank! Ich nehme die Einladung an unter der Bedingung, daß Ihr mir auf der Stelle tausend Gulden leiht.

– Zugeschlagen! rief der herbeieilende Abt; wenn wir uns damit das Recht auf Euer Bild unsers Klosters erkauft haben. Wir werden Euch gut bezahlen.

In zehn Minuten hatte sich Ruisdael von seinem Manne losgekauft.

– Siehst Du, daß ein Maler nicht lügt? rief er dem Elenden zu. Und daß es keiner Flinte bedarf, um Jakob Ruisdael zu einer barmherzigen Handlung zu bewegen?
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===Christus mit dem Zinsgroschen. Von Tizian. und Christus und Matthäus. Von Giov. Ant. da Pordenone.===

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Noch immer war Alt-Venezia die über Inseln herrschende „Königin“, obgleich sie die ersten verhängnißvollen Schritte gethan hatte, um von ihrer mächtigen Höhe für alle Zeiten herabzusteigen. Man schrieb das Jahr 1502.

Der Weg um’s Cap der guten Hoffnung nach Ostindien war von den unerschrockenen Lusitaniern aufgefunden, und der Erbfeind Venedigs, der Muselmann, beugte unter Sultan Bajesid die Macht der Republik, und die Fahne mit dem Flügelbären waren namentlich im griechischen Archipel vor dem Halbmonde in den Staub gesunken.

Dennoch war Venedig Venedig. Segelte man hinaus auf die Rhede zwischen den unendlichen Mastenwald oder schoß auf der Gondel durch die Kanäle an den majestätischen Palästen hin, so bemerkte man keine Spur von den Staatsunfällen, welche die sorgenschweren Häupter der Rathsherren erfüllten. Reges, gewinnbringendes Leben zeigte sich allenthalben und die vornehmen Republikaner hatten von ihrem Reichthum, ihrer Pracht und Kunstliebe, und das Volk von seinem Wohlstande und seiner unersättlichen Vergnügungssucht nichts eingebüßt.

Die letztere war vielleicht größer geworden als sonst, seit die Regierung – vielleicht in hochpolitischer Absicht – gewisse beschränkende Verbote in dieser Beziehung aufrecht zu erhalten unterließ. So durfte sonst, sobald die letzte Stunde vor Mitternacht eingetreten war, Niemand eine Serenade mehr bringen, und die Menge mußte noch eine Stunde früher die öffentlichen Plätze räumen. Masken durften sich nicht zeigen. Alles dies ward übersehen. Um Mitternacht noch klangen die Guitarren und klagten die maskirten Liebhaber, an den Schnabel der Gondel gelehnt, unter den Gitterfenstern der Angebeteten; und die Piazzetta, gegenüber dem Dogenpalaste, war bis zum lichten Morgen der Tummelplatz für alle Nachtschwärmer, die hier tranken, sangen und – was früher bei schwerster Strafe verpönt war – unter freiem Himmel Faro spielten. Es gab wieder häufige Dramen, die mit Dolchstichen, und nächtliche Unterredungen der jungen Herren, die mit Degenstößen endigten. Die Richter aber schienen zu schlafen, und die furchtbaren Löwenköpfe auf dem Corridor über der Riesentreppe des Dogenpalastes schienen seit einiger Zeit die heimlichen Anklagezettel, welche ihr Rachen aufnahm, zu zermalmen, so daß sie nicht den Rächern zu Gesicht kamen.

Neben diesem freieren äußerlichen Leben in der Lagunenstadt regte es sich nicht weniger in der Welt des Geistes. Die Meereskönigin hatte schon längst den Namen der Mutter der Gelehrsamkeit geführt; die Wissenschaften aber schienen vor dem Glanze zu erbleichen, mit welchem die Kunst sich aufschwang. Rasch hatten die Venezianer von Antonello von Messina an, in den Schöpfungen Vittore Carpaccio’s, Carlo Crivelli’s, Giovanni da Udine’s und Pellegrino’s die Malerei emporblühen gesehen. Als der Meister Giovanni Bellini erstand, schien es nur noch eines letzten Aufschwunges zu bedürfen, damit in Venedig durch die Malerei die ewige Schönheit erreicht wurde, welche Rafael Santi in Rom, Michel Angelo in Rom und Leonardo da Vinci in Mailand offenbart hatten. Die Sterne Giorgione’s, Tizian Vecellio’s und Giovanni Antonio Lixinio Pordenone’s waren in Venedig aufgegangen, und diese drei Künstler schienen berufen, eine bisher in den großen Schulen Italiens noch nicht vertretene Richtung, die Darstellung eines wonnigen, irdisch-seligen Seins, die reizende, schöne Wirklichkeit zur Vollendung zu erheben.

Die ausgezeichneten Kunstkenner Venedigs prophezeihten dem Tizian: er werde den Lorbeer nicht allein von Bellini, sondern auch von seinen Altersgenossen Giorgione und Pordenone davon tragen; ein Urtheil, welches die Ursache wurde, daß Giorgione alle Verbindung mit Tizian aufhob und sich ihm gegenüber in eisiges, finsteres Schweigen hüllte, während da Pordenone, um einige Jahre jünger als Tizian, diesen mit aller Leidenschaft eines Italieners anfeindete und ersichtlich eine Gelegenheit aufsuchte, um durch seinen Stoßdegen seinen bittern Empfindungen gegen den ehemaligen Freund Luft zu machen.

An der Eifersucht dieser drei Künstler nahm ganz Venedig Theil. Man drängte sich in den Palästen der Grimani, Foscari, der Vedramini-Calergi und wie die Namen der reichen, kunstsinnigen Nobili weiter hießen, sobald ein neues Bild der anstrebenden Jünglinge sich den in den ernsten Sälen bereits prangenden Kunstschätzen an geschlossen hatte, um zu urtheilen, welcher der Meister im Augenblicke die Oberhand über die Nebenbuhler gewonnen habe. Tizian Vecellio errang die meisten und zuletzt alle Siege. Dieser Maler, obgleich nicht in Venedig selbst, sondern auf der Terra ferma in Capo del Cadore, in den Alpen von Friaul geboren, war so durch und durch Venezianer, daß seine Gemälde, außer ihren anderen Vorzügen, wie noch nie ein Meister es zu malen verstanden, das Charakteristische dieser stolzen, sinnlichen, leidenschaftlichen und feingebildeten Insulaner wiederspiegelten. Selbst das niedere Volk verstand daher die Schönheiten der Gemälde Tizian’s fast instinktmäßig. Dies zeigte sich höchst auffallend, als Tizian’s erstes größeres Oelbild, die Himmelfahrt der Maria in der Kirche der Minoriten, ausgestellt wurde. Noch nie hatte eine Madonna die Herzen der Venetianer so zu rühren vermocht, als diese wahrhaft venezianische Gottesmutter in ihrer irdischen Schönheit.

Tizian, der ausgezeichnetste Maler in Venedig, war zugleich der bescheidenste und offenste. Er gestand ohne Rückhalt, wie von seinem Lehrer Bellini das Zeichnen, so habe er das eigentliche Malen erst von Giorgione nicht gelernt, sondern abgesehen. Pordenone dagegen schwur, er werde Tizian erstechen, als dieser vor einem Bilde Pordenone’s arglos geäußert hatte: daß sein Nebenbuhler von ihm die Kunst, schöne, nicht manierirte Hände zu malen, entlehnen müsse, um tadellos zu sein. Seit dieser Zeit war Tizian dem Pordenone ausgewichen, eine Sanftmuth, die dieser als Feigheit zu bezeichnen sich nicht gescheut hatte. Pordenone sollte indeß bald in den Fall kommen, Tizian’s Entschlossenheit zu prüfen.

In einer herrlichen Sommernacht schlenderte Tizian, eine seiner vielen schönen Freundinnen, Signora Giuditta Farsani, die Tochter eines verarmten Nobile am Arm, über den Marcusplatz zur Piazetta. Den Gürtel mit Goldstücken gefüllt, durch eine meisterhafte Diana erworben, forderte er eine kurze Zeit das Glück an den Farotischen des liederlichen jungen Manfredi heraus, welcher beiläufig einer der ersten Familien Venedigs angehörte. Sie standen frei zwischen den colossalen Granitsäulen, welche das Bild des Marcuslöwen und des heiligen Theodor tragen. Dann nahm eine Gondel das jugendliche glückliche Paar auf, die seidenen Vorhänge an den Fenstern wurden gelüftet, die Mandoline des Gondoliers ertönte unter den kunstfertigen Fingern Tizian’s und seine schöne Stimme trillerte einen Bolero, den er selbst gedichtet und componirt hatte, durch die Nacht. Der Gondolier trieb in raschem Fluge sein Fahrzeug den offenen Lagunen zu.

Plötzlich schrie dieser so laut, daß Tizian mit Singen innehielt und lauschend die Thür des Hüttchens öffnete.

– <tt>Bestia!</tt> schrie Beppo am Schnabel der Gondel, sein Ruder drohend hoch emporhebend. Nur eine Handbreit fehlte und Dein verrosteter Kasten hätte mein schönes Schiff in Grund gejagt. Die Pest über Dich und über alle Nicoletti’s und mein Ruder auf Deinen Schädel, wenn Du nicht abhältst und mir Platz machst.

Der so schmeichelhaft Angeredete machte indeß keine Bewegung, um seine Gondel, welche sich quer vor diejenige Tizian’s gelegt hatte, fortzuschieben, und aus dem Innern des fremden Fahrzeuges ertönte eine laute Stimme:

– Untersteh’ Dir nicht, Anselmo, die Segel vor irgend Jemand, außer vor dem Dogen oder der Rathsgondel zu streichen, rathe ich Dir. Dieser ausgesuchte Esel drüben hat, denke ich, Platz hinreichend um Dir auszuweichen.

– <tt>Si, </tt> Signor Pordenone!  rief Anselmo und setzte sein Ruder ein, um seine Gondel gegen die Beppo’s zu treiben.

Tizian stand jetzt neben seinem Gondolier.

– Pordenone? fragte er mit erregtem Tone.

– Er selbst! antwortete dieser und trat vor die Hütte.

– Ah! Beppo, rief Tizian, laß Deine Aufmerksamkeiten gegen Deinen Kameraden da ruhen . . . Eure Herren haben ein Wort mit einander zu reden. He! Pordenone! Hast Du die Absicht, hier in den Lagunen meinen Gesang zu kritisiren, wie Du meine Bilder kritisirst? Hüte Dich, daß Dein Grimm auf mich nicht lächerlich wird. Anlage dazu hat er bereits; denn er ist boshaft und ohnmächtig wie der eines Affen.

Pordenone, leicht gereizt, ließ seinen Feind nicht ausreden.

– Affe? schrie er fast. Affe? Ich habe nichts vom Affen, aber Du bist ein ganzer. Die ganze Welt hat’s eingesehen, daß Du Rafael’s Affe in Deinen heiligen Conversazioni bist, und Giorgione’s Affe in allen Deinen Portraits, und . . .

– Und? fragte Tizian, vor Zorn an allen Gliedern bebend.

– <tt> Corpo de Christo! </tt>  Und mein Affe im Styl! schloß Pordenone.

– Nicht auch im Colorit? fragte Tizian schneidend, seine Ruhe der Wuth seines Gegners gegenüber wieder gewinnend. Du bist am Ende gar so gütig, zu behaupten, daß der Affe Tizian eigentlich nichts weniger verstehe als malen . . .  Versteht er’s aber auch nicht, wie ich doch vermuthe: so versichere ich Dich, Bursch, daß er dafür desto besser fechten gelernt hat. Du wirst morgen früh an Deinem eigenen, genialen Körper die Probe davon machen.

– Ah! Endlich! murrte Pordenone. Ich danke Dir! Also bist Du doch ein Mann und kein Feiger! Gute Nacht! Morgen um fünf Uhr auf der Piazetta! Aber ohne daß Du etwa den Löwen im Dogenpalaste etwas zu fressen giebst.

– Du bist elend, wenn Du glaubst, ich könnte die Gerichte benachrichtigen . . . rief Tizian und wandte sich indignirt ab. Vorwärts, Beppo!

Die Gondel flog fort. Giuditta, die stumme Zeugin dieser Unterhaltung, warf sich weinend in Tizian’s Arme und beschwor ihn, von dem Gedanken an den Zweikampf mit Pordenone abzustehen. Der Meister blieb unerschütterlich: sein erbitterter Feind sollte gezüchtigt werden, oder er wollte nicht leben. Er ließ sich nach seiner Wohnung fahren, und inmitten der leidenschaftlichen Klagen und Bitten seiner Geliebten schickte er sich ruhig an, seine Angelegenheiten für den Fall seines Todes zu ordnen. Er schrieb an seine alte Mutter in Friaul, gab Andreas di Foscari Nachricht von seiner Lage und verfiel dann in schweigsames Brüten.

Als Giuditta sah, daß Tizian unempfindlich gegen ihre Bitten blieb, zog sie ihre Halblarve hervor und nahm den Mantel mit aller Heftigkeit und Unzugänglichkeit eines beleidigten, liebenden Weibes um die Schultern.

– Du gehst? fragte Vecellio einigermaßen betroffen. Du verläßt mich in dem Augenblicke, wo ich Dir theurer als je sein sollte?

Signora Farsani schien einen Moment lang unentschlossen; dann aber faltete sie auf finstere Weise ihre prächtigen Augenbrauen und eilte mit einer solchen Geschwindigkeit die schmalen Treppen im Hause des Malers hinab, daß dieser schon unten die Thür schließen hörte, bevor er noch die Hälfte der Stufen hinabgestiegen war. Höchst unmuthig kehrte er in seine Zimmer zurück, um eine schlaflose Nacht zuzubringen und mit aller Heftigkeit es zu empfinden, daß der Mensch nie mehr das Bedürfniß fühlt, an einem liebenden Herzen zu ruhen, als wenn er im Begriffe steht, ernsten Gefahren sich entgegenzuwerfen und dem Tode zu trotzen.

Giuditta dagegen lief mit aller Schnelligkeit, deren sie fähig war, durch die krummen, gewundenen Gäßchen Venedigs. Oft wenn das einsame Mädchen in einen dieser finstern Schlupfgänge trat, wo zwischen den Granitmauern alter Paläste kaum drei Menschen neben einander gehen konnten, zauderte sie in einer Anwandlung von Grausen; denn wie oft war an diesen Orten der mörderische Stoß eines Bravo geführt, wie oft war an diesen, wie zu blutigen Abenteuern geschaffenen Plätzen von der Degenklinge eines beleidigten Nobili das Blut seines Feindes vergossen.

– Tiziano! flüsterte dann die bebende Giuditta, und dies eine Wort schien sie mit wunderbarer Kraft zu beleben. Es galt, ihn, den Geliebten nicht allein, sondern den ersten Künstler Venedigs zu retten, dessen Schöpfungen Niemand enthusiastischer bewunderte, als eben die Tochter der zwar armen, aber kunstsinnigen Farsani. Giuditta schien bei diesem tiefempfundenen Gedanken keine Furcht weiter zu kennen. Vor einer Maccaronibude angekommen, deren Inhaber hinter seiner traurig brennenden Lampe in süßen Schlaf versunken war, redete sie den Nudelnkünstler an und bat, sein Licht eine Minute benutzen zu dürfen.

– Kaufen? fragte der Mann schlaftrunken.

– Nein!

– Dann Hab’ ich auch kein Licht.

Giuditta legte ihm eine kleine Geldmünze zwischen seine Pfannen und Töpfe.

– <tt>Gràn spirito!</tt> murmelte der Händler vergnügt und fachte sein Licht heller an. 

Giuditta sah sich forschend um, ob sie unbelauscht sei, riß ein Blättchen aus ihrer Schreibtafel und schrieb mit einem Stift rasch einige Zeilen darauf. Dann eilte sie dem Dogenpalaste zu. Schweigend und majestätisch lag die mächtige Treppe desselben vor ihr da. Sie zitterte so heftig und war so kraftlos, daß sie nur mit Anstrengung die weißblinkenden Stufen erstieg. Hier war Alles leer und still. Taktmäßig hörte man nur in den innern Vorhallen des Palastes den schweren Schritt der Wache haltenden Partisanenträger, vom Echo wiedergegeben, erschallen. Von weitem sah Giuditta die jeden Venezianer mit geheimer Furcht erfüllenden Löwenköpfe gähnen. Sie schloß fest die weißen Zähne aufeinander, näherte sich dann einem der bronzenen Ungeheuer und leise raschelnd sank der Zettel in die Tiefe hinab. War Giuditta mit Schneckenschritten die Treppe herauf gekommen, so machte sie den Rückweg dagegen mit einer Schnelligkeit, daß ihre zierlichen Fußspitzen kaum den Boden zu berühren schienen. Sie steigerte sich zu einem fieberhaften Rennen, als ein in seinen Mantel gehüllter, an einer Straßenecke lehnender Mann aus den untern Volksklassen, vielleicht ein Bravo, der auf eine Bestellung oder auf sein Opfer mit mürrischer Geduld wartete, in gleichgültigem Tone, aber mit starker Stimme, zu der Eilenden sagte:

– Signora, ich wäre neugierig zu wissen, wie viele Pfunde von Menschenfleisch Ihr den Löwen heute Nacht zugesteckt habt!

Die arme Giuditta kam fast ohnmächtig in ihrer einsamen, kleinen Behausung an, wo sie sich, in heftigster geistiger und körperlicher Aufregung, rückhaltlos ihren Empfindungen überließ.

Tizian dagegen erstarrte, als etwa anderthalb Stunden später seine Thür sich lautlos öffnete und zwei mit langen schwarzen Mänteln bekleidete Männer eintraten. Sie lüfteten weder ihre dunkeln Gesichtsmasken, noch zogen sie die Hüte. Der eine griff nur in den Busen und zog eine, an einer silbernen Kette hängende Medaille hervor, auf welcher die Insignien der Marcusstadt ausgeprägt waren. Tizian dachte weder an Giuditta noch an sein zukünftiges Duell mit da Pordenone; jeder andere Gedanke, als derjenige: du bist in der Gewalt der Diener des furchtbaren Raths der Zehnmänner, war aus seiner Seele gewichen.

Er, keines Vergehens sich bewußt, wollte fragen, weshalb man ihn zum Gefangenen mache. Die Antwort war feierliches Schweigen.

– Und ich muß mit Euch? schrie der Maler fast. Ich ein Unschuldiger, dessen Leben offen vor ganz Venedig daliegt, soll vor Eure abscheulichen Richter geführt werden, aus deren Händen man ebensowenig entrinnt, als aus der Hölle selbst . . .

– Schweig, Meister! sagte der eine Diener des gefürchteten Gerichts, und lerne zuvor die Gerechtigkeit von San Marco an Dir selbst erkennen, bevor Du Männer schmähst, die für ganz Europa die Muster eines weisen und glückverbreitenden Regiments sind. Uebrigens wirft Du wohl thun, wenn Du, während wir zum Dogenpalaste fahren, eine strenge Musterung über Deine jüngste Vergangenheit anstellst. Es könnte Dir nützlich werden.

– Die Musterung ist schon gemacht! sagte Tizian sich aufrichtend. Ich habe gestrebt, Venedig zu verherrlichen und ihr den stolzen Namen „Mutter der Künste“ zu erhalten. Habe ich Unrecht gethan, so ist es das einzige, daß ich für eine undankbare Mutter meine Kräfte opferte.

– Wohl Dir, Meister, sagte der Schwarzmantel barsch, daß wir heute zwar Ohren, aber keine Zunge haben; Du könntest sonst unter den Piombi über Deine Unbesonnenheit nachdenken lernen.

Nach dieser Warnung sprachen die Fremden kein Wort mehr. Sie führten den Maler zu der Gondel mit rothem Schnabel, welcher die einsamen Gondoliere, denen sie etwa vorbeischoß, mit einer abergläubischen Furcht auswichen, und landeten vor der imposanten, säulengeschmückten Rückseite des Dogenpalastes. Tizian athmete etwas freier, als er statt zu den berüchtigten Verhörzimmern in das zweite Stockwerk geführt und in ein kleines Cabinet seitwärts von dem großen Saale geschoben wurde. Es war hier vollkommen finster. Sein einer Begleiter hielt ihn bei der Hand gefaßt, um sich seiner zu versichern.

– Ist der Maler Tizian Vecellio gegenwärtig? fragte eine laute Stimme in einem anstoßenden Zimmer.

– Ja! erwiderte der Diener des Gerichts.

Plötzlich öffneten sich in dem Cabinet zwei mächtige Thürflügel; blendende Helle strahlte auf und unfähig, im ersten Momente etwas zu sehen, fühlte sich Tizian vorwärts gezogen. Als sein Auge das Licht wieder ertrug, sah er sich vor drei vorsichtig maskirten, in schwarze Talare eingehüllten, dem Anscheine nach hochbejahrten Männern, und dicht neben sich erblickte er zu seiner höchsten Ueberraschung Niemand anders, als Giovanni Antonio da Pordenone.

Die feindlichen Künstler betrachteten sich mit bestürzter Miene und wenn sie je geneigt waren, die Freundschaft ihrer ersten Schülerjahre wirklich aufrichtig zu erneuern, so war es in diesem Moment, wo die unheimlichen Augen der drei Todtenrichter auf ihnen ruheten. Die Blicke, welche die Jünglinge mit einander wechselten, bezeugten, daß sie entschlossen waren, sich einander aus allen Kräften gegen das unerbittliche Triumvirat beizustehen.

Pordenone, in reicher, jedoch sehr nachlässig angelegter Kleidung, nahm eine stolze Stellung an, die vortrefflich seinen athletischen Formen und dem entschiedenen Ausdruck seines Gesichts entsprach. Er warf sein fast überreiches, langes Schwarzhaar energisch zurück und schaute die mächtigen Kapuzenträger mit einem so zuversichtlichen Blicke seiner braunen Augen an, wie ihn diese sicherlich noch von keinem neunzehnjährigen Jüngling bei ähnlicher Gelegenheit gesehen hatten.

Tizian, zierlicher gebaut, kaum vierundzwanzig Jahre alt, nicht minder schön als Pordenone, eine unendlich feine und geistvolle Miene zeigend, stand da mit selbbewußter, aber anspruchsloser Würde. Er schien bereit, die offene Tapferkeit seines Nebenbuhlers durch seine Redegewandtheit und vermöge einer Schlauheit zu unterstützen, deren liebenswürdigen Zug um den Mund der glänzend schwarze, zarte Bart eben noch sehen ließ. Es war interessant, diese beiden noch so jugendlichen und doch schon so großen Meister mit einander zu vergleichen, und wer die drei Altrichter genau betrachtete, hätte in ihren Augen, in denen das Alter das göttliche Feuer gelöscht, ein nicht geringes Wohlgefallen an der Erscheinung der Künstler zu lesen vermocht.

Die Stimme des die Mitte einnehmenden Richters war eiskalt und strenge, als er begann:

– Tiziano Vecellio und Giovanni Antonio Licinio, genannt Pordenone, die Ihr hier vor uns erschient, Ihr seid angeklagt. Angeklagt der Verabredung, mit tödtlichen Waffen Eure Zwistigkeiten ausmachen zu wollen. Zwistigkeiten, hervorgegangen aus Künstlereifersucht. Ist das die Wahrheit?

Pordenone trat einen Schritt vor, und Tizian streckte anmuthig mit einer rednerischen Bewegung die Hand aus.

– Ihr wollt lügen! sagte der Richter rauh. Hütet Euch. Sollen Beppo und Anselmo, die Gondolieri, erscheinen?

Tizian ließ beschämt die Hand sinken, Pordenone das herausfordernd emporgehobene Haupt, und sah ziemlich ängstlich den Genossen an. Beide mußten beichten. Als dies aber geschehen war, gestanden sie, gewiß aus Herzensgrunde, daß diese nächtliche Reise zum Dogenpalaste auf immer ihrer Feindschaft ein Ende gemacht habe, und daß sie nie wieder in die Versuchung kommen würden, andere Waffen als ihre Pinsel und Paletten gegen einander zu gebrauchen; eine Versicherung, die sie durch feierlichen Handschlag bekräftigen mußten.

– Jünglinge! sagte dann der zweite Richter, welcher bis dahin geschwiegen hatte, mit hohem Tone und einer Stimme, die Tizian als diejenige des Dogen zu erkennen meinte. Ihr habt im Begriff gestanden, gegen die Republik ein schweres Verbrechen zu unternehmen. Ihr wolltet in Eurer Verblendung das Recht des Staats auf das Leben seiner Bürger nicht nur, sondern auf das Leben solcher Bürger zu Boden schleudern, die vor tausend Andern berufen sind, den Ruhm und die Bildung Venedigs aufrecht zu erhalten. Ein solches Beginnen muß gesühnt werden. Ich fordere daher von Dir, Vecellio, und von Dir, Pordenone, innerhalb eines Jahres ein Gemälde, in Bezug auf welches Ihr zu erklären habt, daß Ihr alle Euch zu Gebote stehenden Kräfte darauf verwandtet.

– Ah! rief Pordenone mit freudigem Ausdruck seiner offenen Züge; edler Herr, Ihr wollt uns strafen und macht uns glücklich. Die „Mutter“, die große Republik verlangt von mir ein Meisterwerk? Und innerhalb eines Jahres? In einem Monate ist’s beendet, oder meine Hand wird nie wieder den Pinsel berühren.

– Du bist zu schnell, Giovanni! bemerkte Tizian, ebenso entzückt als sein Nebenbuhler. Wie wenn von uns Gemälde von bedeutenden Verhältnissen und reicher Composition gefordert würden?

– Ich verlange nur zwei Figuren und dazu nur Kniestücke! sagte der, welchen Tizian den Dogen glaubte.

– Befehlt Ihr, hoher Herr, auch einen besonderen Vorwurf? wagte Tizian zu fragen.

– Nein! aber die eine Figur muß Christus, den Hochgebenedeiten, darstellen.

Die Richter erhoben sich bei diesem Namen ehrerbietig, winkten dann den Jünglingen, näher an die lange Tafel zu treten, und reichten ihnen zum Zeichen der Entlassung die Hände, welche Pordenone kräftiger schüttelte, als die morschen Finger der Alten ertragen mochten.

Arm in Arm verließen die Maler den Palast, und setzten ihre beiderseitigen Freunde, welche sie ungeachtet der frühen Stunde in einem Weinhause versammelten, um die ausgestandene Angst durch Montefiasconer und Falerner vergessen zu machen, durch diese wahre Brüderlichkeit in nicht geringes Erstaunen. Schon am andern Tage begannen die Meister ihre Entwürfe und nach drei Wochen hatte Tizian, nach fünf Wochen Pordenone sein Gemälde vollendet. Bis dahin hatte keiner der Maler das Bild des andern gesehen. Es war ein feierlicher, für die jungen Meister höchst inhaltreicher Augenblick, als in Tizians Zimmer die Gemälde neben einander aufgestellt und enthüllt wurden. Mit glühenden Blicken schien Jeder das Bild des Andern verschlingen zu wollen.

Tizian hatte Christus und den Pharisäer gemalt, welcher spricht: Rabbi, ists Recht, daß wir Juden dem Kaiser in Rom die Steuer zahlen, oder nicht? Christus sagt: Zeigt mir Eure Zinsmünze! und der Pharisäer reicht ihm einen Groschen. Wessen ist das Bild und die Umschrift? ist die Frage Christi. – Des Kaisers selbst! lautet die Antwort. Mit dem Worte: So gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist und Gott, was Gottes ist! erfolgt die Abfertigung des Pharisäers.

Das Gemälde Pordenone’s stellte dagegen Christus mit Matthäus dar. Der reiche Jünger bezeugt, daß er gern erstatten wolle, wo er Jemand bei seinem verachteten Geschäfte übervortheilt habe, worauf Christus ihm sagt: Gieb Alles, was Du besitzest, den Armen und folge mir nach! –

Nach dem ersten Blicke der beiden Meister war ihr Urtheil über ihre Werke entschieden. Pordenone ließ demüthig das Haupt sinken und sein Auge glänzte feuchter, als wolle es sich mit Thränen füllen. Der blitzende Adlerblick Tizians dagegen, die ewige Herrschaft im Reiche venezianischer Kunst bezeugend, war ebenso erhaben, als das Lächeln, womit er Pordenone in seine Arme schloß, Liebenswürdigkeit und Sanftmuth athmete.

– Ah, Tizian! murmelte Pordenone an der Brust seines Nebenbuhlers; ich bin besiegt, um mich Dir gegenüber nie wieder zu erheben.

– Nein! Giovanni! rief Tizian mit Lebhaftigkeit; nicht mein Bild, sondern meine Liebe zu Dir hat Deinen Trotzkopf besiegt. Dein Christus mit Matthäus ist, wie ich mit stolzer Freude es ausspreche, nicht weniger unsterblich als mein Christus della Moneta.

– Du schonst mich, Vecellio! sagte Pordenone, immer noch mit unersättlichen Blicken Tizian’s Gemälde betrachtend. Du schonst mich und Du solltest wissen, daß Deine strengste Kritik gegen meine Pinselei erforderlich wäre, um aus mir einen Meister zu bilden, wie Du es bist. Liebst Du mich wirklich, so mache mich zu Deinem Schüler, statt mich Dir gleichzustellen.

Beide Maler hatten in ihren Urtheilen Recht. Pordenone war allerdings besiegt, aber die Kunst, welche er dem neuen Freunde entgegengestellt, verdiente darum nicht weniger in ihrer reizenden Schöpfung das höchste Lob. Pordenone’s Christus war der orientalische, nach jenem berühmten Sarkophag aus dem fünften Jahrhundert geschaffene, mit dem Ausdruck der unerschöpflichen, sanftmüthigen Liebe in den büstenartig regelmäßigen Zügen. Der Blick des Christus, der genialste Zug auf Pordenone’s Bilde, war ideal, aber darum nicht weniger menschlich, als derjenige des Jüngers, dessen volles Herz dem großen Lehrer entgegenzuströmen schien. Eine Art weniger geistige als seelenmäßige Wahlverwandtschaft trat an den beiden Köpfen heraus; ihre Stimmung war unendlich harmonisch und erregte dadurch bei dem Beschauer eine Ruhe des Wohlgefallens, die bei längerer Betrachtung immer noch an Tiefe und Innigkeit gewann. Die schmucklose Gewandung Christi war dürftig von dem Maler gedacht, sie machte fast den Eindruck des Steifen, dagegen war das Costüm des Zöllners, in freiem Wurfe und großem Style gezeichnet, von großer Wirkung. Es sollte diese contrastirende Costümirung, vielleicht selbst dem Künstler während des Schaffens unbewußt, die Größe des einfachen liebenden Gefühls dem blinkenden Golde gegenüber andeuten, welches die linke Hand des Matthäus gefaßt hält, um es von sich zu werfen. Durch diesen untergeordneten Contrast ward jedoch, wie Pordenone vor Tizians Gemälde selbst aussprach, der Gefühlseinklang gestört, der in den Köpfen der beiden Figuren das Merkziel des Malers gewesen war.

Tizians Gemälde stellte den künstlerischen Contrast in einer solchen blitzähnlich wirkenden Vollendung auf, wie er selten in der Malerei erreicht wurde. Der heuchlerische, perfide, seiner Schlauheit sich bewußte Pharisäer, in jeder Faser seiner Gestalt die Gemeinheit repräsentirend und dennoch nicht häßlich und ekelhaft, diente dem Tizianschen Christo als eine Art von düsterer Folie zur Entfaltung seiner vergeistigten, gedankenvollen Schönheit. Wie Tizian ein ganzer Italiener war, so war auch sein Christus ein italischer, den römischen Typus tragender. Die hervorstechenden Züge des rein italischen Volksstammes, allerdings der Wirklichkeit angehörend, waren aber mit solcher Zartheit gemildert, daß sie in solcher Vollendung sicherlich nie einem Sterblichen angehörten. Die unfehlbare Macht der ewigen Weisheit strahlte in sonnenheller, ruhiger Klarheit aus den Augen des Lehrers der Menschheit, und der Mund Christi, bei Pordenone fast eine geistige Beschränktheit andeutend, war hier wahrhaft „die goldene Pforte für die unvergänglichen Worte des ewigen Lebens“. Auch hier war Liebe, selbst diesem bübischen Versucher gegenüber, welcher den unwandelbar Wahren als Empörer den Löwengruben und der blutigen Arena Roms zuzuführen gedachte; fast möchten wir diese Liebe, in dem Christuskopfe ausgedrückt, aber keine gefühl-, sondern eine gedankengeborene nennen. Und weil die Majestät des Geistes klar und feierlich aus diesem Christusbilde spricht, ist dasselbe mit einem „reizenden und doch unnahbaren Ernste“ umkleidet, den wir, im Vereine mit dem vollen Leben desselben, geradezu unvergleichlich nennen.

Pordenone’s Colorit, kräftig und wahr, ward aber machtlos und schal neben dem Farbenzauber des Tizian’schen Gemäldes. Auch hier dieser Contrast: das lederfarbene Gesicht des triefäugigen Pharisäers, die sonnenverbrannte Faust und der Arm mit der verschrumpften Haut und den Adern wie Hanfstricke neben dem blüthenzarten Antlitz Christi und seiner von den Kennern fast vergötterten Hand, in welcher man den lebenswarmen Pulsschlag des unter der sammetweichen Haut wallenden Bluts sehen zu können glaubt.

Tizian hatte gesiegt, glänzend gesiegt. Venedig bezeugte es, als der ehrwürdige Rathsherr Domenico Foscari die ihm zu diesem Zwecke von dem Senate übergebenen Gemälde voll gerechten Stolzes in seinen Sälen öffentlich ausstellte. Pordenone ward, so resignirt er früher gewesen war, schwermüthig und düster, als die den Tizian bewundernden Kritiker an seinem Gemälde immer neue Aussetzungen machten, ihm namentlich die Zeichnung der Hand Christi gegenüber der berühmten Hand, welche sein Nebenbuhler malte, zum Vorwurfe machten und hinzufügten, Pordenone besitze außerdem nicht <tt>Varietà del colore. </tt>

Seine künstlerische, ausgezeichnete Begabung richtete ihn wieder auf und bewahrte ihn vor dem tragischen Ende, das mehr als ein Künstler aus gekränktem Stolze sich bereitete. Giovanni fing wieder an, die Elemente seiner Kunst, namentlich der Farbengebung und zwar nach Tizian’schen Werken zu studiren, und er erlangte, was er zu erreichen fähig gewesen. Sein Colorit wetteiferte bald an Schönheit mit demjenigen seines großen Freundes, sein Styl ward größer, schwungreicher, und der Name Giovanni Antonio Pordenone hatte nicht mehr durch Anmaßung, sondern durch künstlerische Errungenschaften den Triumph, mit demjenigen Tizian’s und Giorgione’s den Lorbeer in der Zeit der höchsten Kunstblüthe Alt-Venezias zu theilen.

Tizian blieb für immer der Freund seines Nebenbuhlers, den ihm ein früher Tod nur zu bald entriß, während es dem Farbenzauberer beschieden war, neunundneunzig Jahre lang sich des vollen glücklichen Menschenlebens zu erfreuen, das er in seinen zahlreichen Schöpfungen herrlich wie kein anderer wiederspiegelte.

Wir schließen nicht, ohne noch einmal der schönen Giuditta Farsani zu gedenken. Sie gestand ihren Weg nach dem Dogenpalaste und erntete dafür Tizians lebhaften Dank statt der Vorwürfe, die sie erwartete. Daß die Liebe des flatterhaften Meisters zu ihr länger dauerte, als es bei ihm in der Regel der Fall war, läßt sich daraus schließen, daß er später öfter ihr Bild, bald als Venus, bald als Diana und zwar in einer Art malte, die deutlich die Begeisterung des Künstlers für sein Modell verräth. Wahrscheinlich ist es ebenfalls das Portrait Giuditta’s, welches der Louvre in Paris unter dem Titel „Tizian’s Geliebte“ als einen seiner vorzüglichsten Schätze bewahrt.

==16. Heft.==
=== Die Löwenjagd. Von Peter Paul Rubens.===

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Der Gesandte des Herzogs von Gonzaga an den König Philipp IV. von Spanien, Peter Paul Rubens, welcher der Fürst der niederländischen Maler zu werden bestimmt war, hatte sich durch den Glanz des königlichen Hofes, durch die glühenden Reize des herrlichen Madrid und durch die Schönheiten der Ufer des silbernen Manzanares nur kurze Zeit fesseln lassen. Der niederländische Meister war noch nicht dreißig Jahre, und sein nie rastender Genius, welcher in seinem Schöpfungsdrange weniger die ruhige, edle Schönheit, als das Leben, das volle, großartig bewegte, dramatische Leben erfaßte, wandte sich weg von dem leeren Pompe eines engherzigen Ceremoniells am allerchristlichsten Königshofe. Rubens, dessen umfassendes positives Wissen, dessen vollendete Weltbildung ihm neben dem gewinnendsten Aeußern und einer fesselnden Beredtsamkeit einen bedeutenden Platz in der vornehmen Welt anwies, betrachtete diese seine Vorzüge kaum als solche, sondern nur als Mittel, um diejenigen Stoffe und die Lebensäußerungen, wie sie ihn ansprachen, in der Kunst zur Erscheinung zu bringen. Die riesenhafte Erfindungsgabe des Malers, welche sich jeden Zweig der Geschichte und der Mythologie sowohl, wie die Natur dienstbar machte, dürstete dennoch nicht wenig nach lebenden Urbildern. Je großartiger und künstlerisch bedeutender Rubens diese aber verlangte, je weniger vermochte er sie aufzufinden. Das alte Europa war schön damals ziemlich zahm geworden. Das ernste strenge Deutschland, das breit-bequeme Niederland, das in Galanterien sich erschöpfende und unnatürlich werdende Frankreich, wie Italien, das weiche, sinnliche und üppige Vaterland einer reizenden Kunst, hatten dem Maler nur wenige Stoffe bieten können, über welche er in seiner Urkraft und genialen Unbändigkeit nicht hätte hinausgehen müssen. Spanien blieb übrig. Der Klang dieses Namens berührt noch heute ein romantisch gestimmtes Herz auf eigenthümlich ergreifende Weise. Diese Geschichte mit ihren Abencerragen und Zegris mit ihrem ganzen maurischen Colorit, deren ewiges Denkmal neben anderen die göttliche Alhambra ist! Spanien hat mehr als irgend ein anderes Land Europa’s von der eigenthümlichen Glut des Orientes in sich aufgenommen, und die Kinder einer heißeren Sonne, welche sich dem gothischen Elemente vermählten, haben dem Iberier einen Typus aufgedrückt, der flammend, leidenschaftlich, ritterlich noch heute den Nordländer mit reizender Gewalt ergreift.

Der Niederländer Rubens ahnte das seinem Genius verwandte Element des wirklichen Lebens, welches ihn, durch die spanische Kunst immerhin schwach reflectirt, in diesem „ritterlichen“ Lande umwehte. Alt-Castilien! Es war längst erstarrt in der Rückwirkung gegen den Geist der unbarmherzig vertriebenen Moresken. Aber es gab noch eine Küste des Mittelmeeres, es gab noch einen Punkt in Spanien, wo die Mauren unverlöschlichere Spuren als irgend anderswo, sollte es auch Cordova und Granada sein, zurückgelassen hatten. Das war das alt-römische Calpe, das Gebel al Tarik, der Tariksfelsen, Gibraltar, wo die Moslemim zuerst den Hufschlag ihrer edlen Rosse der Wüste hatten ertönen lassen. Gibraltar und Algeziras zeigen sich noch heute dem mit nur geringer Phantasie begabten Fremden als die Vorhallen des Orientes. Hier sind die letzten, rein erhaltenen Spuren der Moresken in merkwürdigen Typen zu schauen, und man mag in den Bewohnern dieser Gegend mit Sicherheit die rechtmäßigen Verwandten der maurischen Flüchtlinge erkennen, welche, trostlos von Spaniens Boden scheidend, die Schlüssel ihrer Häuser mit nach Afrikas Gestade in der Hoffnung nahmen: daß es ihren Enkeln beschieden sei, nach Spanien zurückzukehren, um ihr Eigenthum in Besitz zu nehmen. 

Hierhin, nach Gibraltar, machte der niederländische Maler seinen bedeutsamen Ausflug.

Er fand die Sclaverei des Volkes in der Nähe dieses, durch spanische Kriegsleute bewachten Felsens. Die „Säulen des Herkules“ standen todt in der Mitte eines unterdrückten Volkslebens. Er eilte nach Algeziras, diesem Edelsteine in der Krone Spaniens, an der malerischen Bucht des Mittelmeeres. Hier, an dem Hauptort des Handels mit den afrikanischen Küstenstädten Tetuan, Fez und Saleh, war ein wahrhaft orientalisches Leben, nach Form und Inhalt. Rubens fühlte sich, diesen nicht selten wilden und düstern Physiognomien gegenüber, in einer neuen, die frischesten Gestaltungen, die lebendigsten Originalitäten zeigenden Welt. Dieser Fleck Erde fesselte ihn unwillkürlich. Zwar kahl und steinig war die Umgegend der alten Moreskenstadt, aber auf den einsamen Hügeln in der Nähe stiegen die cyklopischen Trümmer von alten Römerburgen auf und zeugten von den Thaten der „Löwen Italiens“. Diese klassischen Reste in ihrem starren, ehernen Adel, und drüben die mohammedanischen Minarets, die syrischen Wölbungen der sonstigen Moscheen, und ringsum Einöde und tiefe Stille unter dem flammenden, fast senkrecht fallenden Sonnenstrahl, nur zuweilen unterbrochen von dem dumpf verhallenden Knall der Kanonen eines Segelschiffs oder einer „vielfüßigen“ Galeere, welche den Hafen von Algeziras verließ, um die Höhe des veilchenblau und silberstrahlenden Meeres zu gewinnen – welches Bild hätte an Reiz ein solches übertreffen können? Und was dieser eigenthümlichen Landschaft noch fehlte an innerer Macht, um das Gemüth des Beschauers ebenso glühen zu machen, wie die Sonne über seinem Haupte, das suchte das Auge hinter den schmalen Gittern der weißgemauerten, flachdächigen Häuser; das zauberte die Phantasie herauf in dem Farbenglanze von „Tausend und einer Nacht“. Hinter jenen, die kaum zwei Fuß ins Gevierte haltenden Fenster verschließenden, gekreuzten Eisenstäben seufzten schlanke, schwarzäugige Mädchen, deren arabisches Blut, in raschen Schlägen zum Herzen dringend, bei der Sehnsucht nach einem Geliebten stärker pulsirte, den ihr brennendes Auge noch nie erschaut hatte.

Erfaßte dieser Gedanke den jungen Niederländer, dann litt es ihn nicht mehr auf den verwitterten Steinhaufen der Römer. Er zog den weißwollenen Kaik über die langen braunen Locken und vertiefte sich in das labyrinthische Gewirr von schmalen und krummen Gäßchen, welche Algeziras bilden. Unwillkürlich stand er still, wenn eine Dame in dichtzugezogener Seidenmantilla neben ihm lautlos vorüberstrich; oder wenn sie auf dem Maulthiere, unbeweglich wie eine Statue, vorbeizog. Die fast verglühten Träume der ersten Jünglingszeit machten sich mit ursprünglicher Gewalt geltend, wenn der Maler, unter dem Schirmdache eines der Kaffeehäuser am Hafen lehnend, die Gruppen der verschleierten Mädchen und Frauen betrachtete, die, auf den Quais am Abende lustwandelnd, die mandelförmigen Augen ermattet schlossen und den Mund mit den Perlenzähnen halb öffneten, um den kühlen Abendwind, welcher über die murrenden Meereswogen strich, begierig einzusaugen.

Vergebens hatte Rubens versucht, sich einer dieser Schönen zu nähern. Wie in Constantinopel oder Bagdad selbst flohen sie unaufhaltsam, sobald sie die Absicht des Cavaliers, ein Gespräch anzuknüpfen, errathen hatten. Höchst mißmuthig kehrte Rubens dann zu seinem großen, aber in türkischem, finsterm Style gebauten Hause zurück, lehnte sich über sein Papier und versuchte mit seiner Meisterhand die halbverschleierten Formen, die ihn vorhin entzückten, wiederzugeben, um sich dann im Anblicke denselben sehnsüchtigen, bittersüßen Träumereien hinzugeben.

Bei diesen Bemühungen verzweifelte er eines Abends fast. Der Stift und die Kreide waren plötzlich härter, wie ein stählerner Stilus geworden; die volle, kräftige Weichheit der Formen, als deren Meister er selbst sich betrachten gelernt, waren zur abstoßenden Kälte und Härte umgewandelt. Sein Auge schien die Gewalt, die magische Leitung über seine Künstlerhand verloren zu haben . . . Das machte, Rubens versuchte heute zum ersten Male, nicht aus künstlerischer Begeisterung, sondern aus seinem Herzen heraus zu malen, und der Verliebte erheischte von seinem Bilde, daß es ihn, den Meister selbst, mit denselben Empfindungen erfülle, daß es sein Herz ebenso mächtig bewege, als es das Original vermocht hatte. Rubens griff zum Pinsel . . . Plötzlich schien ihm das Geheimniß der Anschauung seines Innern aufgegangen zu sein; denn mit ungeheurer Schnelligkeit erschien auf der Leinwand ein spanisches Mädchen von so wunderbarer Schönheit, daß der Maler stumm in Betrachtung seiner Skizze versank.

Der Hafen von Algeziras war im Hintergrunde. Das Meer war unruhig; die Goeletten und Javecquen sprangen vor den Ankern; eine Galeere lief mit genauer Noth um die Spitze des alten Molo in den Hafen. Der Hafendamm war fast leer; nur wenige Menschen eilten entweder zu den Schiffen oder zur Stadt, mit Mühe nur sich gegen den ausbrechenden Orkan schützend. Unter diesen Gestalten war die Hauptfigur im Vordergrunde ein gegen die Wucht des Windes ankämpfendes Mädchen. Ihr Kopf war entblößt; das volle, schwarze Haar war halb gelöset; die Mantilla flatterte in reizendem Wurfe in der Luft. „Sanft in sich gebogen“, wie Anadyomene in der Perlenmuschel stand die Schöne, den vollen Anblick ihres zarten, ein schmales, vollkommenes Oval bildenden Gesichts preisgebend. Der schützenden Oberhülle ledig, war ihr Unterkleid, dem heißen Klima angemessen, dünn, luftig; kaum deckte es den bescheidenen jungfräulichen Busen und die schmalen gewölbten Schultern; indeß es sich um die Hüften und Schenkel, vom Sturme getrieben, in schmalen Falten so fest anlegte, um keine Wellenlinie dieser edlen Gestalt dem Auge zu verbergen. Wir glauben, Rubens küßte dies Bild so lange, bis seine Sehnsucht nach diesem Mädchen, dessen Anblick ihn am Abend entzückte, spät nach Mitternacht in das Reich der Träume überging.

Am andern Morgen trat einer seiner jungen algeziresischen Freunde bei ihm ein und fand den Meister, sein Bild vor sich, mit der Stirn auf dem Tische ruhend, entschlafen. Henarez de Calhavado betrachtete mit ziemlicher Ueberraschung die Skizze und brach dann in einen so lebhaften Ruf der Bewunderung aus, daß der Niederländer erwachte, seinen schönen Zwickelbart strich und den Spanier erstaunt anblickte.   Er griff unwillkürlich nach seinem Bilde.

– Santa-Trinidad! rief Henarez, Don Pedro wird doch so höflich sein, zu erlauben, daß Esteban Henarez de Calhavado seine leibliche Cousine, Sennora Estrella Mencia de Alheiras bewundert . . .  ?

– Estrella Mencia . . .  stammelte Rubens fast.   Ihr kennt sie also, diese Göttin, Ihr wißt, wo  sie verweilt . . .  Ihr konntet so lange von dieser Perle spanischer Frauen schweigen, vor mir, einem Maler, schweigen, der auch Euch seinen Mißmuth vorseufzte, daß die Urbilder der Schönheit, wie sie in Eurer Brust leben, von dem spanischen Boden verschwunden sind? Warum, Caballero, diese Verstecktheit, welche mit Eurem Wesen so wenig stimmt?   Oder – liebt Ihr gar selbst – – –

Henarez lachte ein wenig auf seine halb spöttische, halb graziöse Weise, dann wurde er aber ernst.

– Bei St. Jakob von Compostella! murmelte er.   Wie mögt Ihr Deutschländer und Brabanter doch nur zu denken wagen, daß der Spanier der Mann sei, mit welchem seine Leidenschaften gleich einem wilden Roß durchgehen?   Wo bleibt, Excellenza, Eure gepriesene Besonnenheit und alle verwandten Tugenden? – – Aber ich sehe, Don Pedro, Ihr habt keinen Beichtvater nöthig, Ihr wollt einen Verbündeten. Ich bin’s.   Bemerkt aber wohl, edler Freund, was ich sage.   Ihr habt Estrella gesehen, sie ist wirklich ihrem Aeußern nach eine Göttin; hat aber wenigstens eine Legion von Teufeln in der Brust und zwar keine blos neckischen, schalkhaften, wie etwa unsere Flußteufelchen des Ebro und Guadalquivir, sondern ächte, mit Hörnern und Affenschwänzen, wie auf dem Altarbilde in der Kathedrale . . .

Rubens machte eine entschiedene Bewegung der Ungeduld.

– Ach! sagte gelassen der Spanier, Ihr werdet schon an diese Schilderung erinnert werden, denke ich!   Verliebt Euch nicht in Sennora Estrella, wenn sie Euch nicht zur Verzweiflung treiben und mit überlegter Grausamkeit zu Tode martern soll.   Ich weiß; ich weiß und freue mich, daß dieser Wahnsinn, welcher mich umstrickte, der Ernüchterung gewichen ist.

– Ach, Henarez! rief Rubens ungläubig; Ihr seid verliebter als je!   Ihr wollt mich zurückschrecken, indeß Ihr mir  den fabelhaften Drachen schildert, welcher den geheimnißvollen, unermeßlichen Schatz bewahren soll.   Ich schwöre Euch aber, wir sind zu gute Ritter, wir Männer vom Niederlande, um uns vor Gespenstern zu fürchten.

– Gut, Excellenza; Niemand geht zur Hölle, er habe es denn gewollt.   Ich will Euch an dem Vergnügen nicht hindern.   Ihr seht Zweifel in meine Aufrichtigkeit; wohlan, hier ist mein Arm . . .  Gefällt es Euch, daß ich Euch meinem Oheim, Franzesco d’Alheiras und seiner schönen Tochter Estrella vorstelle?   Macht mir aber später, wenn Ihr unglücklich sein werdet, keine Vorwürfe.

Rubens umarmte fast den Spanier aus Dankbarkeit.

– Ihr werdet diese ausgezeichnete Höflichkeit für einen so traurigen Dienst schon bereuen! murmelte Henarez und ging mit dem Niederländer, welcher sich in sein zierlichstes Costüm geworfen hatte.

Diese ganze Angelegenheit reizte den empfänglichen Künstler auf fast unbegreifliche Weise. Bis jetzt hatte der einnehmende, gewandte und dazu berühmte Jüngling, selbst an den glänzendsten Höfen Europa’s noch gar keine, oder nur eine maskirte Grausamkeit der edlen Damen zu beklagen gehabt, denen er sein Herz zu Füßen gelegt. Seine Erfolge waren so glänzende gewesen, daß er ernstlich den Gedanken hegte, die Macht seines Namens über ein liebendes Frauenherz sei hinreichend, um dies zu unbedingtem, sklavischem Gehorsam zu vermögen. Rubens konnte glauben, der Grundcharakter jedes Weibes sei widerstandlose Liebe und jede etwaige Färbung desselben sei nur Caprice und Absicht der Geliebten, um ihren Werth, ihren Reiz in verschiedener Beleuchtung darzustellen, um dadurch den begünstigten Mann desto fester an sich zu ketten. Rubens irrte sich, ungeachtet seiner glänzenden Erfahrungen, und seine ganze Kunst der Liebe und der Unterwerfung eines Weiberherzens scheiterte aufs vollständigste an der angeborenen Wildheit eines kleinen spanischen Mädchens, welches das Blut der Kinder der Wüste in sich trug.

Der Maler sah Estrella, und er hatte sich bei ihr nicht minder wie bei dem würdigen Vater des ausgezeichnetsten Empfanges zu erfreuen. Estrella war bei Weitem schöner, als das kundige Auge des Malers im flüchtigen Augenblicke bemerkt hatte. Eine solche Grazie, ein so nachlässiges, hingebendes Wesen, ein so räthselhaft Reizendes, wie es in diesen Augen brannte, hatte er noch nie sich eingebildet, viel weniger gesehen. Es war ersichtlich, das Mädchen wollte auf den berühmten Gast Eindruck machen, und sie erreichte ihre Absicht in solchem Maße, daß Rubens verwirrt, beinahe fassungslos ihre Zimmer verließ.

– Diese oder Keine wird auf ewig die Meinige!   flüsterte er Henarez zu, als sie die Straße erreicht hatten.

– <tt>Gratulor!</tt> sagte der Spanier lakonisch.

Von jetzt an zog’s den Maler täglich zu Sennor de Alheiras. Der biedere, tapfere Abkömmling einer vornehmen Moreskenfamilie Granada’s bemerkte die Leidenschaft des Fremden und fragte ihn eines Abends offen:

– Wollt Ihr, Caballero, Estrella heirathen?

Rubens bat um seinen väterlichen Segen.

– Ist nicht gut für Dich, mein junger Freund!   Aber meinen Willen hast Du.   Du erhältst eine kleine Pantherin zur Gemahlin.

Der Maler stutzte kaum. Noch hatte er in Estrella nur die makellose Göttin zu erblicken vermocht. Nach und nach aber lüftete sie die täuschende Maske. Rubens machte in rascher Folge die betrübendsten Entdeckungen.   Dies sechzehnjährige Mädchen, die einzige Tochter des Hauses, regierte mit tyrannischem Scepter. Ihr Vater mußte sich ebenso wie die letzte Magd vor ihr beugen. Estrella war grausam wie ein türkischer Pascha, und neben dieser abscheulichen Eigenschaft behauptete sich keine der bessern Richtungen ihres Gemüthes. Im Hause des de Alheiras wurden täglich Executionen über die Dienenden verhängt; es war der größte Genuß für die „kleine Pantherin“, diesen Abpeitschungen zuzusehen. Sie schlug und zerkratzte ihre Mägde und fiel vor Zorn in tiefe Ohnmachten, wenn der Vater sich ihr entgegenstellen wollte. Kurz, die Legion von Teufeln war in bester Form wirklich vorhanden.

Oft wandte sich Rubens, wenn er einen neuen Zug von Grausamkeit hörte, empört von dem Mädchen ab  . . .  Aber ihn, ja ihn liebte die Spanierin; sie, die Herrscherin, gestand, sie wolle nichts als nur seine Sklavin sein. Er ward auf’s Neue gefesselt und – erduldete ohne Klage die Launen seiner allmächtigen Sklavin, die mit seinem Herzen wie mit ihrem prachtvollen Fächer spielte.

– Fang’ mir einen Affen! befahl Estrella, und Rubens mit dem unermüdlich ihm ergebenen Henarez machten sich auf und jagten Tage lang in den schluchtigen Felsen Gibraltars, um einen der sogenannten Hundsköpfe einzubringen. Kamen sie mit einer solchen Bestie im Triumph nach Hause, so hatte Estrella gewöhnlich einen Grund, um sich verachtend von der erbärmlichen Beute wegzuwenden.

– Ich habe noch keinen Delphin gesehen! meinte das Mädchen eines Tages. Rubens hielt es für nothwendig, sich Stundenlang auf einer Schebecke dem Sturme auszusetzen, um eines Thieres dieser Art vermöge seiner Harpune habhaft zu werden.

Dann kamen mildere, aber nicht weniger anstrengende Quälereien an die Reihe. Die Spanierin wollte Blumen sticken und Rubens entwarf unverdrossen zwei Tage lang Hunderte der herrlichsten Muster, ohne daß seine Tyrannin auch nur ein einziges mit Gnaden angesehen hätte. Wie Henarez vorausgesagt hatte, so ward’s wirklich. Rubens verzweifelte nicht selten; er wollte von diesem Mädchen entfliehen, der er seit dem ersten Tage noch um keinen Schritt näher gerückt war, und hatte doch die Kraft nicht.

Ein Brief aus den Niederlanden von der Infantin Isabelle, der Gemahlin des Erzherzogs Albrecht, traf ihn und rief ihn zurück. Seine Qual steigerte sich auf’s Höchste. Hier mußte ein Entschluß gefaßt werden. Er bestürmte Estrella mit aller Macht der Leidenschaft, um ihr das Geständniß zu entreißen: sie liebe ihn. Das Mädchen ließ sich nicht bewegen.

– Ach! Du liebst mich ja nicht, Pedro, wie kann ich für Dich empfinden! flüsterte sie endlich.

– Was willst Du zum Beweise meiner Liebe? Verlangst Du mein Blut, Tigerin?

– Du gehorchst mir nicht!

– Ah! ich schwöre es Dir! rief der „Herr“ der Frauenherzen.

– Unbedingt?

– Ja, Geliebte, ja!

– Warum lügst Du, mein Herr von Niederland?

– Tödte mich, aber sag’, daß Du mich liebst! rief der Maler, indeß er sie umschlang.

– Ach! ich liebe Dich, Pedro, erwiederte Estrella, aber gieb mir eine Probe Deiner Liebe, wie ich sie will, und ich folge Dir als meinem Herrn bis an’s Ende der Welt.

Sie erwehrte sich kaum der stürmischen Liebkosungen, womit ihr der Maler für dies Wort dankte, welches mit hinreißender Empfindung ausgesprochen wurde. Dann aber zeigte sich in ihrem Blicke etwas Fremdes, Wildes; ihre Augen wurden unstät. Fast zitternd streckte sie die Hand aus.

– Sieh, Pedro, den Teppich zu meinen Füßen! Du maltest ihn, damit ich darauf trete, auf dies Meisterwerk, welches zum Anschauen den Palast eines Königs zieren würde. Hörst Du mich? Es ist mir gleichgültig, dies Ding da  . . .

Rubens starrte sie schweigend an.

– Zindi  . . .  Du kennst Zindi, diese Sclavin aus Tetuan, diese braune Hündin  . . .  Ich sage Dir aber, sie hat jenseits der Sahara einen Fußteppich gehabt, wie ihn die Imperatoren von Rom, wie ihn die ommajadischen Khalyfen, meine Väter, nicht prachtvoller besaßen.

– Und was für ein Teppich war dieser?

– Eine Löwenhaut! das Kleid des Königs der Einöden, mit den Zähnen, fest wie Diamanten, und den Krallen, unverwüstlich wie Damascenerstahl! rief Estrella, sich mit gerötheten Wangen aufrichtend, so daß ihr vor innerer Bewegung Thränen in die weitgeöffneten Augen traten.

– O, Geliebte, ich eile zum Hafen; eine Galeere von Fez liegt hier vor Anker und ich schwöre, Du hast in drei Tagen, was du verlangst, und sollte ich diesen Afrikanern für ihre Jagd tausend Piaster bezahlen.

Estrella schwieg unverbrüchlich.

– Bezahlen? murmelte sie und verließ rasch das Gemach. Der Niederländer besann sich  . . .  Dann ging er zu Henarez.

– Willst du eine Jagd auf Löwen mit mir machen? 

Henarez lachte auf seine Weise. 

– Senora Estrella ist sehr erfinderisch; sagte er, aber Du, Freund, wirst doch auf ihren Wahnsinn nicht eingehen?

– Ich will’s allerdings  . . .  Und begleitest Du mich nicht, so setze ich allein hinüber nach Afrika  . . .

– Dann würde die Welt bald einen großen Maler weniger haben! Wofür hältst Du mich, Excellenza? Aber, zum Teufel, das Spiel ist nicht so leicht, wie Du denkst  . . .

De Alheiras erhielt nicht so bald Kenntniß von dem Vorhaben der Freunde, als er sich erbot, ebenfalls mit ihnen das Wagstück zu bestehen. Und wenn ich auch sterbe! sagte er. Dann wenigstens möchte dies Mädchen vernünftig werden. Am andern Morgen schifften sich diese drei Menschen sammt dem Diener des Henarez ein. Estrella ließ sich nicht blicken. An der jenseitigen Küste angekommen begab sich de Alheiras zu dem Häuptlinge des Küstenstrichs Zabdally, mit welchem er befreundet und, wie der Afrikaner behauptete, von den Vätern her verwandt war. Zabdally gab de Alheiras sein schönstes Pferd, einen Schimmel „el Djilderun“, das heißt, der Blitz genannt, versah die andern Jäger mit nicht weniger vorzüglichen Thieren, mit langen Lanzen und Wurfspießen und Schildern, und machte sich, mit der unerschütterlichsten Kaltblütigkeit an die Spitze des Zuges sich stellend, auf, um die Löwen aufzusuchen. Henarez und seine bärtigen Diener hatten sich mit Harnischen und Helmen geschützt, de Alheiras konnte in der Hitze nicht unter dem Metall ausdauern und blieb in seinen Kleidern, wie auch Rubens selbst. Zabdally war in dem bekannten Costüm der Berbern mit dem weißen Turban. Am leichtesten war der Führer des Zuges, ein Christensklave, gekleidet. Dieser, das Eigenthum des Afrikaners, war fast ganz nackend, dazu zu Fuß; er hatte die schreckliche Rolle, den Angriff der Bestien, welche stets zuerst den Nackten packen, auf sich zu lenken und den Reitern dadurch Gelegenheit zu geben, ihre Waffen zu gebrauchen.

Mit eigenthümlicher Empfindung sah Rubens dies Vorspiel an. Der Niederländer war nicht feige; dennoch fühlte er, namentlich wenn er die schönen Glieder und das bleiche Gesicht des Sklaven betrachtete, eine starke innere Beklemmung. Henarez mit seinen blitzenden Augen, seiner Stumpfnase und seinen, der Hitze wegen, nackten Armen, war ganz Kampflust; sein Diener war ruhig; beide hielten sich, wie es Soldaten von der spanischen Armee zukam. De Alheiras war übrigens hier so wenig wie Zabdally ein Neuling. Er ritt sehr ruhig, obgleich trübe gestimmt, seine Lanze auf den rechten Fuß gesetzt, hinten im Zuge. So lange die Jagd noch nicht begonnen, dachte der Maler an Estrella, die Ursache derselben; nachher war für nichts als für den Kampf eine Idee übrig.

Dieser Kampf ließ nicht lange auf sich warten. Aus dem trockenen Ginstergebüsch der weiten, verbrannten Einöde erhob sich fast dicht vor den Jägern ein riesiger Panther, schaute die Cavalcade mit wüthendem Entsetzen an und suchte in ungeheuren Sätzen das Weite und die schützenden Sandhügel in der Ferne zu gewinnen. Die Reiter schnitten ihm jedoch augenblicklich den Weg ab; er wandte sich nach einer sanft aufsteigenden Felsenpartie. Henarez kam ihm jedoch so nahe, daß er ihm die Lanze durch den Bauch stieß. Sie brach und mit diesem Reste der Waffe taumelte das Thier heulend den Felsen zu. Die Jäger waren auf dem Halbkreise angekommen, welcher den Eingang zu der Schlucht bildete. Der Sklav stieß seine Lanze dem Panther nochmals durch den Hals. Bevor er sie jedoch zurückzog, stürzte es wie ein Berg auf ihn herab. Die Reiter sahen kaum, wie ein ungeheurer männlicher Lowe sich hinter einem Felsen hervorschwang und den Sclaven zu Boden schlug. Die Pferde prallten zurück; Zabdally ließ seinen Hengst ausschlagen und betäubt blickte der am Kopfe getroffene, die Tatze auf seinem Opfer haltende, Löwe um sich, um den Wurfspieß des Afrikaners im Nacken zu empfangen. Zugleich aber fanden sich die Jäger von einem anderen Löwenpaare umgeben. Der Löwe griff an, um der Löwin die Flucht zu decken, und seine Jungen, welche die Mutter fortschleppte, zu retten. Blind stürzte sich das Thier zwischen die Reiter und setzte auf das Roß de Alheiras. Diesen faßte es mit Rachen und Tatzen. Indeß aber der Löwe sammt seinem Opfer sank, hieb der Diener des Henarez der Bestie den gekrümmten Rücken mit einem einzigen Hiebe seines Berberschwerts durch, so daß das Ungeheuer, lebend zwar, aber schlaff wie ein Lappen, zusammenbrach. Rubens selbst sammt Henarez gaben dem ersten Löwen den Rest und befreiten den Unglücklichen aus seinen Klauen; de Alheiras, dessen Schulter und Brust zerrissen, dessen Schädel durch einen Schlag mit der Kralle zerschmettert war, verschied nach wenigen Minuten in den Armen des untröstlichen Rubens, inmitten der errungenen Trophäen. Niemand rührte die Thiere an, um sie abzustreifen und der Sennora Estrella ihren Fußteppich zu überbringen.

Als Estrella diesen Ausgang erfuhr, betheuerte sie mit aller Leidenschaftlichkeit ihres unbändigen Gemüthes dem Maler ihre Liebe, ging aber noch in derselben Nacht nach Cordova zu ihrer Tante ins Kloster.

Rubens eilte aus Spanien nach den Niederlanden, wo er durch den Erzherzog Albrecht und durch die Liebe zu der schönen Isabella Brant getröstet wurde, mit welcher er sich 1609 vermählte.

==17. Heft.==
===Die ruhende Heerde. Von J. H. Roos.===

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Unter den Malern deutschen Ursprungs, welche den Glanz der holländischen Malerschule erhöhen, nimmt Johann Heinrich Roos aus Ottendorf in der Pfalz eine bedeutende Stelle ein. Wie K. Netscher, so kam dieser Meister, der Sohn eines unbemittelten deutschen Malers, schon 1640, kaum neun Jahre alt, nach Amsterdam. Die seltenen Talente des Knaben empfahlen ihn dem Historienmaler Du Jardin; er lernte hier, wo seiner ihm innewohnenden Richtung Zwang angethan wurde, jedoch nur wenig. Freier durfte er sich bei seinen folgenden Lehrern, den Malern Graat und namentlich bei Adrian de Bye bewegen.

Hier zeigte es sich bald, daß die paradiesischen Gegenden der Pfalz einen nie verwischbaren Eindruck auf des Kindes Herz gemacht hatten. Eine Landschaft, welche er aus dem Gedächtnisse malte, entzückte durch ihre Vortrefflichkeit de Bye so sehr, daß er entschied: in diesem und keinem andern Genre werde der Jüngling das Höchste leisten, dessen er fähig sei. Roos warf sich, bevor er geldgierig wurde, und durch zahllose Portraits meist von hochgestellten Personen Reichthümer aufzuhäufen begann, ausschließlich auf Landschaftsmalerei. Was seinen Landschaften außer der darin liegenden Grazie einen besondern Werth verlieh, das war die herrlich gearbeitete Staffage von Thieren, meist Schaf-, Kuh- und Ziegenheerden mit ihren Hirten. Dies Talent des Malers ward um so mehr bewundert, als es damals fast Mode war, daß die Landschafter ihre Gemälde durch Andere staffiren ließen.

Dasjenige, was aus jedem der Landschaftsbilder des Roos spricht und uns fesselt, ist ein poetisch geläuterter, höchst zarter und sinniger Geschmack; eine Harmonie der Gegend mit der Staffage, welche beides zu einem Gusse in höchster Zwanglosigkeit verbindet, und eine wechselnde, eigenthümlich gefällige Gruppirung seiner Thierheerden. In seinen Bildern herrscht weder Phlegma noch die passive Beschaulichkeit, welche sehr viele holländische Landschaften charakterisiren. Hier ist immer Leben und in der Grenze des Schönen gehaltene Bewegung. Aehnlichkeiten dieses Meisters wären etwa mit Nicolaus Berghem nachzuweisen; nur vermeidet Roos die Contraste in der Composition, welche jener oft anwendet; das Colorit von Berghem ist wärmer, blühender, das von Roos kälter aber klarer und verständlicher. Berghem, ebenfalls ein ausgezeichneter Thiermaler, zeichnet die Thiere mit fast ängstlicher Correctheit.

Bei Roos ist Alles mit breitem Pinsel gemalt; die Thiere sind, jeden Gedanken an Studie fern haltend, dennoch von großer Naturwahrheit. Ohne daß Roos die melancholische Poesie Ruisdaels zu entwickeln vermöchte, ist er dennoch seiner Wirkung sicher, ein heiteres Wohlgefallen, einen ungetrübten künstlerischen Eindruck hervorzubringen.

Im Jahre 1557 ließ sich Roos, dreiundzwanzig Jahre alt, von der Sehnsucht nach der in seinen Bildern lebenden Heimath wieder nach Deutschland, wieder nach Frankfurt ziehen. Durch die gewinnbringende Nähe des Hofes von Hessen und des Mainzer Bischofs ward er hier zum Portraitiren verleitet. Diese Gemälde sind von sehr untergeordnetem Werthe, wenn man einen Van Dyk’schen Maßstab daran legen will. Der Meister kam 1685 bei einer Feuersbrunst ums Leben.

Es giebt noch einen Theodor Roos, den Bruder Johann Heinrichs; auch er war Bye’s Schüler. Von den Söhnen unsers Malers war Philipp Peter, Rosa di Tivoli genannt, ein liederlicher aber genialer Künstler, derjenige, welcher als Maler den meisten Ruf erwarb. Er starb in Rom 1705. Weder er noch die übrigen Roos kommen Johann Heinrich gleich.
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===Ein lesendes Mädchen. Von P. A. Hooghe.===

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Auf dem Damme von Amsterdam ging in einer Herbstnacht des Jahres 1685 ein einzelner in einen kurzen Mantel gehüllter Mensch. Er musterte eines der Wirthshäuser an der Straße nach dem andern und murrte in höchst unzufriedenem Tone, wenn er die Thür verschlossen fand und kein bereitwilliger Diener erschien, welcher ihm die Thür öffnete. Er kam abermals an einen Wein-Kranz und fing, da sein Pochen an der Thür wieder vergebens war, mit wahrer Rücksichtslosigkeit an, abwechselnd mit seinem Degenknopfe und dann mit den Stiefelabsätzen die Thür zu bearbeiten, daß es weithin dröhnte. Ein Wächter näherte sich mit hallenden Tritten.

– Mynheer, stört die ehrbaren Bürger Amsterdams nicht im ersten Schlafe, und könnt Ihr Euch vor Weindunst nicht lassen, so packt Euch in eure Federn und schlaft den Rausch aus.

– <tt>Sang de Dieu!</tt> Ich habe keinen sehnlicheren Wunsch, als Euren ehrbaren Bürgern im Schnarchen getreueste Gesellschaft zu leisten! rief der Fremde in gebrochenem Holländisch. Ich kann aber unmöglich erwarten, daß Eure holländischen Betten dem Chevalier César de Cobrion auf der Straße entgegenkommen werden. Und da habe ich allen Grund, dieselben meinerseits gehorsamst aufzusuchen. Ich bitte Euch, Mynheer Nachtwächter, ist das ein Wirthshaus?

– Ein Wirthshaus für Seeleute!

– Seht Ihr, daß ich Recht hatte, hier zu pochen? Ich bin im Punkte meiner Zuneigung zu Genever und schönen Mädchen ein so vollkommener Seemann, wie es Michel de Ruyter nur immer gewesen sein kann. Ich bitte Euch, mein Freund, leiht mir Euren Spieß, damit ich an die Thüre hämmern kann; denn ich versichere Euch auf Parole, ich habe Ursache, ebenso sehr mein Degengefäß als meine Stiefeln zu schonen.

Der Nachtwächter gab langsam seinen Spieß ab, indeß er brummte:

– Dem Mynheer wirds wohl nicht auf ein Paar Steuber für den Dienst ankommen. 

Der Franzose stieß tüchtig mit dem Schafte auf die Thür los; der Diener des Hauses erschien und der Fremde gab dem erwartungsvollen Wächter galant den Spieß zurück.

– <tt>Merci;</tt>  Freund Nachtwächter! sagte er. Ihr habt ein glückliches Talent im Errathen; denn auf Ehre, es kommt mir selbst auf einige Louisd’or nicht an, vorausgesetzt, daß ich sie besitze.

– Ihr habt also keine Steuber? fragte der Wächter sehr aufgebracht.

– Abermals dies Divinationstalent? Göttlich! Ich habe wirklich keine Steuber! Mensch, Ihr dürft blos nach Paris gehen, Euch Seiner Majestät und der hochgebenedeiten Madame de Maintenon unter dem Titel des „Amsterdamer Orakels“ vorstellen, und <tt>voilà tout</tt>  – Euer Glück ist gemacht.

Bald wäre auch das des Franzosen gemacht gewesen und zwar für immer, denn der Nachtwächter schlug mit seinem Spieße ihm dicht am Ohre vorbei. Der Kellner warf die Thüre zu, schloß ab und musterte dann seinen neuen Gast ziemlich mißtrauisch.

Der Chevalier César de Cobrion, wie sich der Herr selbst ankündigte, war keineswegs empfehlend gekleidet. Er trug nur noch die Reste eines reichen und feinen Anzuges. Es ist jedoch eine bekannte Sache, daß man selbst in schäbigen Kleidern steckend eine Miene annehmen kann, welche denselben aufs Neue eine Art Lustre verleiht. Es kommt nur auf die Kunst an und César hatte augenscheinlich diese Kunst inne. Er erhob sich graziös auf die Zehen, setzte den großen Federhut schräg in die schönen schwarzen Augen und redete den Kellner mit Zuversicht in einem Französisch an, das selbst der eigensinnige Geschmack der Höflinge des großen Ludwig untadelhaft gefunden haben würde.

– Mein Freund! dies ist das zweiundzwanzigste Eurer Amsterdamer Wirthshäuser, welches ich heute inspicire, nicht etwa um zu trinken, sondern um den Capitain der französischen Brigg, welche auf dem Y liegt, den Chevalier François de Marsillac aufzusinden. Kannst Du mir Auskunft über ihn geben: so wird César, Chevalier de Cobrion, Dich mit einem Ducaten belohnen, obgleich er fern vom Boden Frankreichs, ein des Glaubens wegen Verfolgter, hier steht.

Der Kellner senkte fast salutirend sein Kräusellicht und machte richtig eine demüthige Verbeugung, setzte aber sogleich freudig hinzu:

– Mynheer Chevalier, das Geld habe ich gleich verdient, denn Capitain Marsillac sitzt da in jener kleinen Stube und zecht. Ich will Euch anmelden; er hat noch einen Herrn bei sich, den Marquis de Contanges; aber da sie schon seit heute Morgen zusammen getrunken und gespielt haben: so werden sie wohl nicht mehr durch Euch gestört werden . . .

Cobrion fiel dem Kellner um den Hals.

– Ha! rief er entzückt. Mein Freund, du giebst mir das Leben wieder! Ein Ducaten? Zehn, Allerbester, und dann werde ich Dir noch weitere zu verdienen geben; aber, dies ist feierlicher Ernst, Du mußt schweigen wie das Grab, und treu sein bis zum Tode. Vermagst Du’s?

– Ja, sagte der Kellner leise und sehr erschrocken.

– <tt>Bon! </tt>  Wir werden weiter davon reden. Ich werde Dich inzwischen prüfen, ob Du zu meinen Zwecken paßt. Im Vertrauen sage ich Dir, eben den Marquis suche ich; er wird sich auf Marsillac’s Fahrzeuge nach Havre de Grace einschiffen. Er ist Cavalier bei „unserer“ Gesandtschaft im Haag gewesen  . . . Merkst Du jetzt, wie die Sachen stehen?

Der Kellner merkte zwar Nichts, aber er war eben durch das Gesicht, welches de Cobrion machte, so sehr von dessen Wichtigkeit überführt, daß er ohne die geringste Einwendung lief, und eine Flasche guten Rheinweins holte, als der Chevalier den Befehl dazu gab.

Mit dieser Flasche Wein bewaffnet, sah Cobrion noch viel unternehmender aus als sonst. Er war nicht mehr sehr jung, ebenfalls auch nicht sehr schön; aber die Körperhaltung und das Auge, wie jener verwachsene französische Baron sagte, der namentlich im ersten Punkte groß war, die Körperhaltung und das Auge machen den Cavalier. Der Anstand Cobrions aber war jedenfalls distinguirt und sein Auge, obgleich des Jugendfeuers entbehrend, konnte doch immer noch wegen seiner Größe und Schwärze schön genannt werden.

Als er in die kleine Stube trat, wo die beiden andern Franzosen sich befanden, erhoben sich diese unwillkürlich und machten dem „Defecten“ ihr Comvliment. Der Marinecapitain, ein untersetzter, schöner Mann von etwa dreißig Jahren, und der Marquis, ein Herr von dreiundzwanzig Jahren, mit himmelblauen Augen, nur leicht gepudertem Schwarzhaar, mit einer Taille vom reinsten Wasser und pariser Hoffüßchen, diese beiden Männer waren allerdings würdigere Repräsentanten des französischen Adels, als Sire César.

Dieser stellte sich ihnen in aller Form vor und erntete für diese Bemühung von dem Capitain ein sardonisches Lächeln, von dem Gesandtschaftssecretär ein merkwürdig verlängertes Gesicht. Der letztere musterte seinen Mann mit sinnender Miene und sagte dann gedehnt:

– Cobrion also!

– Ah, rief dieser, welcher ihn gespannt beobachtete, Sie erinnern sich meiner  . . . Ich schmeichelte mir, daß Ihr eminentes Gedächtniß Sie nicht verlassen würde, auch wenn Sie einen Hülfsbedürftigen vor sich sehen . . .
– <tt>Parbleu, </tt> Fontanges, wer ist denn dieser Herr eigentlich? sagte der Capitain ungeduldig.

– Der Liebling und getreueste Diener Ihrer Allmächtigkeit von Frankreich, der Dame de Maintenon . . . sagte Fontanges. Aber das ist gerade das Räthsel: wie kommt der Protégé einer solchen Göttin in eine solche Lage, sich hülfsbedürftig zu nennen und so zu sagen, indirect Unsersgleichen anzubetteln?

– Ich bettle nie, Marquis! rief Cobrion sich aufrichtend und zur Beglaubigung seiner Zahlfähigkeit auf die kühn errungene Flasche Wein zeigend. Aber ich, ein Hugenott, bin durch die Aufhebung des Edicts von Nantes getroffen und gleich Tausenden meiner Glaubensgenossen irre auch ich heimathlos in fremdem Lande.

– Bah! lachte Fontanges. Ihr und ein Hugenott? Cobrion, wir haben gehört, es sei nachträglich ans Licht gekommen, daß Ihr einem gewissen Saint Croix und einer gewissen Madonna de Brinvilliers, giftmischerischen Andenkens nicht unbekannt waret  . . .

– Marquis, sagte Cobrion endlich mit schnarrender Stimme, jede Silbe langsam und deutlich aussprechend, hüten Sie sich, daß sich Ihr ergebenster Diener nicht auch an verschiedene höchst interessante Dinge erinnert. Sie sind Busenfreunde, Cavaliere, und ich brauche daher die Delicatesse nicht so weit zu treiben, in Gegenwart des Herrn Capitains mich mit Andeutungen zu begnügen.

– Sie, Cobrion, mögen allerdings sehr merkwürdige Erinnerungen haben; setzen Sie indeß nicht voraus, daß Sie uns amusiren, wenn Sie uns davon unterhalten. Sie trinken Ihren Wein am besten an einer andern Stelle, als in unserem Zimmer. Gute Nacht und guten Weg! sprach Fontanges sehr kalt und verachtend.

– Ich bin ein Gottesblut, wenn ich Ihnen gehorche! rief Cobrion, dessen Augen ein unheimliches Feuer sprühten. Meine Erinnerungen haben allerdings für Sie eine besondere Wichtigkeit, denn sie können Sie sammt Ihrer Schwester Athenais in die Bastille bringen und zwar ebenso hoffnungslos, als wären Sie die <tt>Masque de fer! </tt> 

Die beiden Herren wechselten einen raschen Blick. Fontanges erbleichte und richtete einen Blick auf seinen an einem Stuhle lehnenden Hofdegen.

– Haben Sie vielleicht vergessen, daß Ihre Schwester die Marquise de Fontanges, die Creatur der Madame de Maintenon  . . .

– Was wagst Du, Filou . . . rief der Marquis, nach seinem Degen greifend.

– Noch zwei Worte; sprach Cobrion noch lauter. Dann machen Sie was Sie wollen. Ganz Frankreich weiß, daß die Besiegerin der Montespan, Ihre Schwester, nichts als ein Geschöpf der Dame de Maintenon war. Wissen Sie, daß sich Ihre Schwester auf Kosten der Maintenon des Königs bemächtigen wollte? Wissen Sie, daß die Maintenon von Ihnen und Ihrer Schwester verläumdet und verrathen wurde, daß Sie verschwinden, durch Ihre Alliirten verschwinden, oder, da Sie beliebten, von giftigen Präparaten zu sprechen, vergiftet werden sollte, während Ihr ergebener Freund Louvois zum Dessert eine Pistolenkugel oder einen Degenstoß empfangen hätte? Wissen Sie endlich, daß Sie, Marquis, auf den Minister diese Pistolenkugel selbst abzufeuern die Güte gehabt haben? Was mich betrifft, so weiß ich dieses und noch mehr. . .

Fontanges war wieder ruhig geworden. Er sagte zu dem entsetzten Marsillac:

– Freund, ich sehe nicht ein, weshalb wir diesen Cobrion, diese wahre <tt>Cobra de Cabelo, </tt>  nicht eigenhändig erwürgen wollen, bevor ihr Gift uns treffen kann.

– <tt>Bon, </tt>  Messires! lachte der Defecte, seinen ungeheuern langen Raufdegen mit ausgezeichneter Schnelligkeit entblößend und dem Seemanne, welcher mit seinem kurzen Schwerte auf ihn eindrang, die Spitze der Waffe präsentirend. Ich bewundere Sie, auf Parole, Zwei gegen Einen! Es ist mir schmeichelhaft, mein Handgelenk und meinen Stoß so glänzend anerkannt zu sehen. Ich versichere Sie beiderseits, und Sie werden sich sofort überzeugen, daß mein Gelenk das beste von ganz Paris und mein Stoß ebenso unwiderstehlich als der Pfeil des Amors ist.

Und in der That trieb der Industrieritter die beiden Freunde in eine Zimmerecke zusammen.

– <tt>Diable! </tt> schrie Fontanges, seinen Arm, aus welchen er einen nervigen Flachhieb empfangen hatte, sinken lassend. Cobrion! Canaille! Gedenkst Du uns hier an die Tapete zu spießen? Halt doch!

Der schäbige Cavalier trat zurück und senkte seinen Degen, indeß Marsillac mit einem erbitterten Blick auf seine eigne, zu kurze Waffe, dieselbe auf den Tisch warf.

– Waffenstillstand! rief Fontanges. Auf Cavalierparole. Laß Dich nieder, Monsieur Cobra. Wir wollen ohne jegliche unangenehme Anspielung reden.

– Redet nur zu! murrte Marsillac. Ich ziehe es vor, mich so weit als immer möglich von diesem zwar höchst achtbaren, aber dennoch ein wenig zu sehr verdächtigen Burschen vor Anker zu begeben. Gute Nacht, Fontanges!

Und er ging höchst unmuthig ab.

– <tt>Bref! </tt>  begann Cobrion, nachdem er eine Zeitlang starr in sein Weinglas geblickt hatte. Ich bin verbannt, oder noch richtiger, ich habe mich selbst verbannt, weil ich’s müde war, mich ewig verfolgen zu lassen. Und warum? Ich habe lediglich an Herrn von Louvois ein ganz unschuldig kleines Geheimniß der Dame de Maintenon verkauft.

Fontanges zuckte die Achseln.

– Ich habe dieser Frau viele Dienste geleistet, wissen Sie, Marquis, und ich gestehe es, bin immer sehr wohl dafür belohnt geworden. <tt>Mon Dieu! </tt>  Was war Cobrion in Paris? Und was ist er jetzt! Ich werde schwach, gedenke ich daran . . . Doch nein, ich werde stärker als je; denn ich werde meine frühere Stellung wieder erringen, oder darüber mein Leben opfern. Und dazu, daß ich sie mir wieder eröffne, diese Pforten von Golconda, sollen Sie mir behülflich sein, Marquis; verstehen Sie wohl? Sie sollen!

– Chevalier! erwiderte Fontanges, augenscheinlich in unerquicklichster Stimmung, Sie sind von einer fixen Idee befangen, wenn Sie mir die Macht zutrauen, Ihren allergnädigsten Befehl auszuführen.

– Hier ist das Mittel. Der König hat Unterhaltung nothwendig.

– Ohne Zweifel; bemerkte der Marquis so ernst, als hätte es sich um das Wohl und Wehe des ganzen Staates gehandelt, den Louis XIV. vorstellen zu wollen brutal genug war.

Cobrion schob seinen Federhut etwas zur Seite und bog sich weit über den Tisch dem Marquis zu, so daß die beiden Menschen, von der zwischen ihnen stehenden Thranlampe scharf beleuchtet, ein herrliches Bild abgegeben hätten, wie es Rembrandt, oder Gottfried Schalken von Dortrecht so gern malten.

– Diese Unterhaltung Seiner Majestät von Frankreich besteht aber bekanntlich nicht allein in den ascetischen Andachtsübungen, welche Madame de Maintenon mit ihm anstellt! fuhr Cobrion fort. Der Monarch ist des Spielzeugs, das junge, interessante Damen heißt, zu sehr gewohnt, als daß er dasselbe entbehren könnte. Die Maintenon hat die Lieferung dieses Spielzeugs übernommen, – wissen Sie; sie ist genöthigt, da der König einen ebenso launenhaften Geschmack, als eine wirklich merkwürdige Unbeständigkeit entwickelt, die ausgezeichnetsten Künste aufzuwenden, um neue Gesellschafterinnen einzufangen, die außer den vom Könige beliebten Eigenschaften auch die besitzen müssen, der Sultana Hasseki nicht gefährlich zu werden. Mit Frankreich ist der große Louis fertig. Spanierinnen, Italienerinnen, eine wirkliche Tscherkessin und fünf unechte Perserinnen haben es vergebens versucht, sein dauerndes Interesse zu erregen. Marquis; ich kenne diese Geschichten bis ins Einzelne hinein, versichere Sie aber, daß es weder der Frau von Maintenon, noch dem Könige, noch irgend Jemand eingefallen ist, eine Holländerin an den Hof zu bringen. Mir war dieser großartige Gedanke vorbehalten. Eine Holländerin! Diese Idee wird die Maintenon mit Gelde aufwiegen. Sie wird daraus die Gewißheit schöpfen, daß meine Phantasie in Erfindung von Variationen noch immer ebenso unerschöpflich, als die ihrige schwerfällig ist. Sie haben, wenn Sie in Paris anlangen, Zutritt zu ihr und beim kleinen Lever können Sie ihr Alles sagen, was sich auf meinen Punkt bezieht. Und wagen Sie den Schritt nicht, so ist der Narr von Louvois der enthusiastische Anbeter Ihrer Schwester Athenais. Ein Wort zu dieser wird sofort den Weg zu der Maintenon und zum Könige finden. Ich fordere Sie auf, für mich zu wirken, Fürsprache für mich einzulegen, damit ich schleunigst wieder zu Gnaden angenommen werde.

Cobrion war sehr lebhaft geworden. Fontanges sah diesen gefährlichen Speculanten mit einem lauernden Blicke an.

– Es ist möglich, Cobrion, erwiderte er, daß man in Paris Eure großartige Idee goutirt; aber sehr wahrscheinlich, daß man sie in diesem Falle ausführt, ohne sich um Euch zu bekümmern.

– O, keine Furcht deshalb! Man wird mich nothwendig haben, damit der Gedanke verwirklicht werde, so wie es die Maintenon verlangt. Und ich kann immer, dafern ich wieder zu Gnaden komme, sofort das in mich gesetzte Vertrauen glänzend rechtfertigen. Wirken Sie mir die Erlaubniß aus, daß ich nach Paris zurück kann, und ich werde ein seltenes Kleinod am Hofe vorstellen können.

– Wozu die Worte? Man glaubt Euch ja doch nicht.

– Werden Sie mich reden lassen? fragte Cobrion sehr aufgebracht. Die Maintenon wird durch Sie unzweifelhaft überführt werden, daß sie eine solche wahrhaft holländische Schönheit, von feinster Bildung, von dem demüthigsten Temperamente nie dachte. Erheben wir uns; es ist Morgen geworden. Sie sollen sogleich diese arme und doch so elegante Goldstickerin bewundern und wenn Sie gesehen haben werden, daß Occa de Kuyper unvergleichlich ist für ihre Rolle, dann wird es Zeit sein, dafür zu sorgen, daß man mir in Paris Glauben schenke . . .

Der Marquis war durchaus ein pariser Höfling jener Zeit und als solcher nicht wenig verderbt. Dennoch wandte er sich mit tiefer Verachtung von Cobrion ab, der im Fluge ihm die dunkelste Seite des pariser sittenlosen Hoflebens enthüllt hatte. Ungeachtet dieser lebhaften Abneigung und einer nicht geringen Furcht, welche er vor dieser Klapperschlange empfand, ward dennoch durch dieselbe sein Interesse nicht wenig erregt.

Fontanges bezahlte seine eigene und die Zeche des ehrenwerthen Cavaliers, wofür dieser graziös dankte, nahm Hut und Degen und ging mit Cobrion zum Hause hinaus.

Es war Morgen geworden. Die öden Straßen fingen an lebendig zu werden. Cobrion unterhielt den Marquis von der schönen und sanften Occa, von seinen Künsten, die er aufgewendet habe, um sich ihrer Zustimmung zu einer Reise nach der Hauptstadt Frankreichs zu versichern, und setzte den lebhaften Fontanges durch seine paniskenartigen Schilderungen nicht wenig in Flammen.

In einer entfernten Vorstadt hielt Cobrion an und deutete auf ein kleines Haus, dessen Hausthür bereits halb geöffnet war und dadurch die Rührigkeit der Hausbewohner verrieth.

Lautlos schlichen die beiden Franzosen über den kleinen Flur und traten ohne anzuklopfen in das Gemach.

Fontanges unterdrückte kaum einen Ausruf der Bewunderung, als er vor dem einen Flügel des ärmlichen Fensters ein geschmackvoll gekleidetes Mädchen erblickte, das die sanfte Ruhe der Unschuld in ihren Zügen und daneben einen nicht gewöhnlichen Geist in dem Blicke ihrer großen blauen Augen zeigend, einen Brief in den Händen hielt, unter welchem man schon von weitem die pomphafte Unterschrift „Chevalier Cobrion“ erkennen konnte. Occa ward von dem Strahle der eben aufgehenden Sonne freundlich beleuchtet, die in magischer Schönheit in den Locken der Holländerin, an dem geöffneten Fensterflügel und an der Wand des Zimmers spielte. Das nach innen gehende Fenster spiegelte das liebliche Gesicht Occa’s, welches die Franzosen im Profil sahen, in der Vorderansicht wieder.

Cobrion warf einen triumphirenden Blick auf den, von diesem eigenthümlichen Stillleben seltsam ergriffenen Fontanges. Er stellte den Letzteren der Stickerin vor, fand aber zu seinem Verdrusse, daß der Marquis so zerstreut und schweigsam war, daß es fast unerträglich wurde. Als er ihn wieder fortgeführt, machte er ihm nicht allein bittere Vorwürfe darüber, sondern fügte auch ähnliche Drohungen hinzu, wie er sie schon die vorherige Nacht ausgestoßen hatte. Aber Fontanges ließ sich diesmal nicht einschüchtern, obwohl er nicht zu widersprechen für gut fand.

– Jetzt, Cobrion, sagte er endlich, laßt uns scheiden. Ich kann jetzt mit gutem Gewissen in Paris schwören, daß die Göttin, welche den König beglücken soll, dieser Ehre vollkommen würdig ist . . .

– <tt>Parbleu! </tt>  Ihr werdet ein noch schlagenderes Mittel haben, um diese Menschen zu überzeugen! rief Cobrion. Seht Ihr dort jene Fenster mit den Oelgemälden?

– Ja! Pieter de Hooghe von Haarlem wohnt dort . . .

– Sehr gut! Dieser Meister wird Euch die Occa malen, grad so wie sie heute Morgen vor dem Fenster stand. Seht dort das Bild der lesenden Frau, und das welches drüber hängt, die Frau in dem Thorwege, – ist’s nicht als hätte sich Occa expreß ebenso zurecht gestellt, wie diese? Ist das nicht dieselbe Sonne, welche heute so merkwürdig in die Stube der Stickerin leuchtete?

– Aber das wird Euch Geld kosten, Cobrion . . . bemerkte Fontanges.

– Mir? Bah! Euch; das ist das Richtige. Das Gemälde bezahlt Ihr.

– Gut! Aber ich kann’s nicht mit mir nehmen; denn ich reise morgen früh ab nach Havre de Grace.

– Possen! Ihr werdet Euch krank machen und hier bleiben, bis Alles genau so geschehen ist, wie ich’s will! rief Cobrion unerschütterlich. Diesmal ist Fontanges mein Diener!

Der Marquis schwieg jetzt wie ein Camaldulenser-Mönch. Von Cobrion geführt, ging er zwar zu Pieter de Hooghe, nannte seinen Namen und bestellte das Portrait Occa de Kuypers bei dem schönen, zweiundvierzigjährigen Meister, bezahlte auch hundert Franken sofort, um ihn zum augenblicklichen Beginn der Arbeit zu bewegen; aber es gelang dem Industrieritter nicht, weiter eine Silbe aus ihm hervorzulocken.

In einigermaßen gepreßter Stimmung schied Cobrion von ihm, um seine Stellung zu überdenken. Den Tag über hielt er sich fast immer am Hafen auf, um sicher zu sein, daß der Marquis sich nicht etwa auf der Brigg Marsillac’s einschiffe. Er sah sich, da dieser Letztere am Abende die Flagge zum Auslaufen aufhißte, genöthigt, sein Postenstehen bis tief in die Nacht hinein zu verlängern. Er schien entschlossen, seinen Mann durch einen Degenstoß krank zu machen und ihn so zum Dableiben in Amsterdam zu nöthigen, falls er dem Worte nicht gehorchen wollte . . .

Die weitere Entwickelung dieses eigenthümlichen kleinen Drama’s liegt im Dunkeln. Was weiter zwischen den beiden Parisern vorging,.ist ein Geheimniß geblieben; gewiß ist nur, daß drei Tage nach dieser Nacht eine venetianische Schoonerbrigg, als sie den Anker lichtete, auf dem Schnabel desselben einen mit drei Kanonenkugeln beschwerten Leichnam aus der Tiefe heraufholte, in welchem man denjenigen des Chevaliers Cobrion erkannte. Er hatte weder seinen perfiden Anschlag auf Occa ausführen, noch seine Drohung gegen den Marquis Fontanges verwirklichen sollen.

Pieter de Hooghe malte Occa und wartete lange Zeit, daß das Bild von dem vornehmen Besteller abgeholt wurde. Er hörte und sah jedoch von dem Marquis nichts wieder. Mit vollem Recht konnte der Meister das ausgezeichnete Portrait daher nach Deutschland verkaufen.

==18. Heft.==
===Die Ordonnanz. Von Gabriel Metzu.===

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In einer stürmisch-finstern Octobernacht des Jahres 1643 kamen zwei Reiter vor das westliche Thor der guten und festen Stadt Rottweil. Das Licht der Pechpfanne auf der vordersten Bastion flackerte hell ungeachtet des Regens und beleuchtete die Auffahrt, welche von der niedriger liegenden Straße in steiler Böschung zum wohl vertheidigten Eingange in die Stadt führte.

Die Reiter besprachen sich einige Augenblicke mit unterdrückter Stimme, indeß sie die triefenden Rosse dicht zusammenführten. Es waren zwei hochgewachsene, kriegerische Gestalten, diese beiden Männer. Sie trugen hellgraue, weite Mäntel und große Fuchsfellmützen, dazu hellfarbige Reiterstiefel, wie die schwere Cavallerie des bairischen Generals Johannes von Werth. Sie sprachen indeß französisch.

– <tt>Eh bien, </tt>  Sans-Regret, sagte der eine Krieger; Du bist doch Deiner Sache sicher? Du kennst doch genau den Weg zu der Gasse, wo dies verschmitzte Mädchen, ihrer Angabe nach, wohnen soll?

– Ohne Sorge, Marschall; ich bin zu lange in Rottweil gefangen gewesen, als daß ich mich in diesem Rattenneste nicht mit verbundenen Augen zurecht finden könnte.

– <tt>Bon! </tt>  erwiderte die klare, klingende Stimme des „Marschall“ Titulirten. Und wie heißt der unaussprechliche Name des commandirenden bairischen Oberlieutenants?

– Schachterer!

Der Marschall bemühte sich vergebens, die weichen, ihn unendlich hartdünkenden Laute dieses Namens auszusprechen.

– Sans-Regret! sagte er endlich höchst unmuthig; dieser verwünschte germanische Laut wird mich, da er im Deutschen jeden Augenblick vorkommt, sicherlich als Franzosen verrathen. Ich darfs nicht wagen, mich den bairischen Herren Offizieren vorzustellen.

– Das sagte ich ja! bemerkte Sans-Regret sehr ruhig.

– Du also, Monsieur le Trompette, wirst die Ordonnanz, diesen Urias-Brief allein zu übergeben das Vergnügen haben.

– Und Sie, Marschall . . .

– Nenne mich nicht immer Marschall, Coquin, der Du bist! bemerkte der Andere.

– Soll ich etwa Onkel Guébriant sagen? –

– Guébriant! murmelte dieser. Still, still! Ich glaube, die Bastionen vor uns und diese schlechten Thürme bewegen sich, als litten sie an Krämpfen . . . Wohlan, Rottweil und Du, glorreichster, bairischer Oberlieutenant, Liebling meines bairischen Busenfreundes, des Generals Mercy . . . Morgen früh wird der Name Guébriant so in Euren Ohren klingen, daß Ihr sie mit beiden Händen zuhalten sollt.

Der Sans-Regret schlug seinen Mantel zurück, faßte mit der Rechten rückwärts und brachte eine blitzende Trompete hervor, die er zum Ansatze bereit, dicht vor seinen Schnurrbart brachte.

– Soll ich, Onkel? fragte er.

– Immerhin.

Und ein schmetterndes Signal der bairischen Reiterregimenter tönte durch die Nacht und rief die Wachen schleunigst auf ihre Posten vor dem Ausfallthor und in die vorspringenden Winkel der Bastionen.

– Wer da? Wer da? hallte es, wie ein Lauffeuer sich fortpflanzend, rund um die Wälle von Rottweil.

Sans-Regret wiederholte seine Fanfare und ritt mit dem französischen Marschall Guébriant dicht unter das Ausfallthor.

– Ordonnanz vom General Johannes von Werth an den Commandirenden von Rottweil, Xaverius Schachterer! schrie der Trompeter in bestem Süddeutsch.

– Feldgeschrei! brüllte ein Mann von der scharfen Bastion den Reitern entgegen.

– Seid Ihr wahnsinnig? entgegnete Sans-Regret. Woher sollen wir Euer Feldgeschrei gewahr werden.

– Dann zurück oder es giebt Kugeln aus unseren Arquebusen.

– Sehr gut, Ihr unsinniges Volk! schrie Sans-Regret erbittert. Ich schwöre Euch, der Marschall Guébriant wird sie Euch mit schweren Zinsen wieder zurückzahlen.

– Wer? Wer?

– Guébriant wird morgen Nacht auf Rottweil marschiren; und wir, das heißt General Johannes von Werth, wir werden ihn abzuschneiden suchen, wenn Ihr Euch mit uns in den Sattel macht . . .

– Gut, gut, Kamerad! Der Oberlieutenant wird hier gleich in der Wache sein; spreche selbst mit ihm  . . . bis dahin wartet draußen.

– Diese Hunde sind sehr wachsam! murmelte der Marschall. Wenn ich diese derben Außenwerke betrachte und meine Kürassiere bedenke, so bemitleide ich schon im Voraus die braven Burschen, die sich, wenn ihre Vertheidigung eintritt, daran die Köpfe zerschellen werden.

– Pah! Wir werden nach Rottweil kommen, sagte Sans-Regret, und dann mache ich mich anheischig, das Fallgitter trotz einer Compagnie dieser baierschen Lanzknechte zu öffnen und offen zu erhalten, bis das: <tt>Vive la France! </tt>  in den Straßen tönt.

Jetzt ward das Thor geöffnet.

Sans-Regret und Guébriant ritten ein. Der erstere stieg vor der Fronte der Arquebusire vor der Thorwache ab und übergab dem Marschall sein Pferd. Ein Offizier empfing den Trompeter und führte ihn in die Wachstube.

Hier befanden sich zwei Männer. Der bairische Commandant und sein Adjutant. Von Schachterer, der Oberlieutenant mit einem ungeheueren, aufgeschlagenen, weißen Filzhute, im Küraß, mit weiten Pluderhosen, Schuhen und Strümpfen, wie es bei dem bairischen Fußvolke gebräuchlich war, betrachtete den eintretenden Sans-Regret mit seinen großen blauen Augen ohne einen Zug von Mißtrauen. Der Franzose dagegen war die personifizirte Ruhe selbst. Während der Commandant sich neben dem Eichentische niederließ, blieb er stehen, übergab seine „falsche Ordonnanz“ und studirte mit überlegenem Blicke in dem Gesichte des Lesenden. Sans-Regret, ein äußerst schöner Mann, ein geborner Picarde, hatte nur ein Bedenken: er hatte eine französische Trompete und auf der breiten Schnalle seines Leibgurtes standen Frankreichs Lilien.

Die Lilien bedeckte er, indeß er seine große Mütze vor die Taille nahm; die Trompete, welche sich unter dem Mantel hervorstahl, überließ er ihrem Schicksale.

– Weißt Du den Inhalt der Ordonnanz? fragte der Infanterie-Offizier.

– Ja! Johannes von Werth ist in einer halben Stunde vor dem westlichen Thore; und Marschall Guébriant ist von der Ostseite her im Marsch auf Rottweil.

– Es heißt, der General, Freiherr von Werth! bemerkte der Adjutant, ein schöner, braunlockiger Mann, welcher seine Thonpfeife rauchte. Den schurkischen Franzosen brauchst Du nur schlechtweg Guébriant zu nennen.

Sans-Regret warf ironisch die Lippen auf. Der Commandant gab seine Befehle, damit die östliche Vorstadt und das entsprechende Thor, im Fall Guébriant unvermuthet angreife, stark besetzt und vertheidigt sei, und wandte sich dann an Sans-Regret, nachdem er den Empfang der Ordonnanz bescheinigt hatte.

– Ihr reitet wieder zurück! sagte der Commandant.

– Nein! wir haben Ordre, hier zu bleiben und Quartier anzusagen. Unser Regiment wird bald eintreffen.

– Begebt Euch nach dem Marktplatze zur Hauptwache; ich selbst werde kommen und Euch weiteren Befehl geben.

Sans-Regret beurlaubte sich, ging hinaus, schwang sich auf sein Pferd und trabte mit dem Marschall stadteinwärts.

– Aber wir reiten nicht zum Markt! sagte dieser dringend. Wir suchen Caroline auf.

– Das hätte noch Zeit, Onkel. Wenn wir nur für unser gutes Gold ein Dutzend entschlossene Männer, meinetwegen mit Aexten, hätten, damit uns diese, wenn unsere Leute kommen, und es entsteht draußen ein Gefecht, das Thor offen halten.

– <tt>Bon! </tt>  Dies Mädchen wird uns die beste Anweisung geben können. Wo wohnt sie?

– Da oben! sagte Sans-Regret sehr mißmuthig, nachdem sie mehre Straßen hinter sich hatten. Noch einmal, laßt das Teufelsmädchen zufrieden; sie ist zu unbändig.

– Eben das interessirt mich, Bursch. 

Sans-Regret seufzte. 

Vor zwei Tagen nämlich war von den Vorposten der Franzosen ein sehr hübsches Mädchen eingebracht und vor den Marschall geführt worden. Guébriant hatte, als er erkundet, sie sei aus Rottweil, Alles vergebens angewendet, um sie über die Besatzung der Stadt auszuforschen. Sie gestand nichts und verlangte frei zu sein. Guébriant ließ sie einsperren.

Dadurch aber brachte er sie vollends auf. Sie sagte ihm ins Gesicht: daß sie lieber sterben, als solchen schändlichen Franzosen, die mit den Schweden gemeinschaftliche Sache gemacht, Nachricht geben werde. Dabei entwickelte sie zugleich eine solche Naivetät, eine solche natürliche Anmuth, die von ihrer Entschlossenheit noch gehoben wurde, daß der feurige Franzmann nicht umhin konnte, sich heftig in die kleine Eigensinnige zu verlieben.

– Ich liebe Dich! sagte er, in das Zelt der Feldwache tretend, wo das Mädchen bewacht wurde. Sieh mich an. Könntest Du meine Leidenschaft erwidern: so mache ich dich zur Marschallin von Frankreich.

– O, ich will nicht! rief Caroline schluchzend; ich habe schon längst einen Geliebten. Er ist kein Marschall; aber viel jünger und schöner als Du bist.

Guébriant drehte ziemlich pikirt seinen langen, schon etwas ins Weißliche spielenden, ungeheuren Schnurrbart, drehte sich auf dem Absatze und ging, verliebter als je im Leben, indeß er das alte Lied brummte:
<poem>
<tt>„Et si le Roi savait
La vie que nius mênons,
Il descendait du trône
Et se ferait Dragon.“</tt>
</poem>
Sans-Regret mußte, weil er mehre Rottweiler Familien kannte, es versuchen, sie zu beruhigen. Sie ward wirklich so zutraulich, daß sie dem Trompeter ihren Namen und ihre Wohnung sagte und bat, daß er sie entschlüpfen lassen möge. Als er statt dessen aber sie ernstlich ermahnte, dem Feldherrn Gehör zu geben, ward sie wieder stumm wie vorher. Eine Stunde später war die Caroline von Rottweil glücklich entkommen; Niemand wußte wie.

Das war die Dame, vor deren Hause die beiden Franzmänner hielten. Guébriant stieg ab, Sans-Regret hielt den Schimmel des Marschalls, und sah höchst ingrimmig murrend zu, wie dieser sich das Haus öffnen ließ und dann klirrend die Treppe hinan ging.

– Wohnt hier Caroline? fragte Oncle Guébriant sehr naiv.

– Ja, die Tochter vom Hause heißt so! erwiderte sehr erzürnt die Magd. Die werdet Ihr doch um so späte Abendzeit nicht besuchen wollen?

Guébriant blickte auf seinen eben nicht sehr empfehlend sehenden Anzug eines gemeinen bairischen Reiters, und erwiderte dann:

– Ja doch, <tt>Diantre! </tt>  führe mich hin; Du wirst sehen: sie wird mich etwas rücksichtsvoller als Du empfangen.

Ein sehr lebhafter Wortwechsel erhob sich. Links und rechts öffneten sich Zimmerthüren und heraus trat, unter mehren ältern Frauen und verschiedenen Männern, ein Mädchen, welches der Marschall augenblicklich als seine „Unbändige“ erkannte.

– Caroline! rief er. Ich hoffe, Du heißt mich in Rottweil willkommen.

– Wie? sagte der Herr vom Hause, befremdet vortretend.

– <tt>Silence, Monsieur, et allez-Vous-en!</tt> sagte Guébriant.

– Guébriant! Marschall Guébriant! kreischte Caroline, die Hände zusammenschlagend. Die Franzosen! Barmherziger Gott! Hülfe! Die Franzosen sind in der Stadt!

Guébriant besann sich kurz. Dies war ein fataler Zufall. Er hörte oben im Hause Waffen klirren, deutsche Commandowörter schreien  . . . Die einquartierten Baiern und Kaiserlichen stürzten die Treppen herab. Es war die höchste Zeit, sich zu entfernen  . . . Guébriant schwang sich eben in den Sattel, als die Infanteristen aus dem Hause kamen. In gestrecktem Galopp sprengten die Franzosen von dannen, während Sans-Regret fluchte, daß den Pflastersteinen hätten die Haare zu Berg stehen sollen.

– Still doch! rief Guébriant. So horche doch nur!

Gewehrschüsse knallten in der Ferne. Ordonnanzen jagten im vollen Laufe durch die Straßen. Trommelwirbel donnerte an allen Ecken. Die Glocken wurden geläutet.

Die ganze Bevölkerung stürzte halbnackend vor die Thüren. Die Soldaten, nach der Ostseite der Stadt commandirt, liefen in Massen nach dem westlichen Thore. Es war klar, die Franzosen stürmten.

Guébriant und Sans-Regret erreichten sehr bald, rücksichtslos durch das Getümmel sprengend, das Thor. Hier waren nur erst geringe Streitkräfte vorhanden.

– <tt>En Avant! </tt>  rief der Marschall. Abgesessen, Camerad. Hier ist der „Oncle“ nur noch ein gemeiner Soldat.

Die Franzosen zogen die Schwerter und bahnten sich: <tt>Vivo le Roi! </tt>  schreiend, einen Weg durch die erschrockenen Baiern, welche mit Entsetzen zu sehen meinten, daß die französischen Colonnen schon in der Stadt seien und sie im Rücken angriffen. So gelangten sie zum Fallgatter. Der Marschall sprengte das Schloß durch einen Pistolenschuß und kaum erhob sich das Thor, so krochen unaufhaltsam die Schweizer und die Musketiere vom Orleannois durch die Oeffnung, bis gleich darauf Helme und Federhüte, Hellebarden, Musketen sich in dichten Massen in die Stadt drängten.

Die Baiern kamen heran; ein kurzes aber entscheidendes Gefecht begann. Die Franzosen warfen Alles vor sich zurück und waren in einer Stunde vollkommen Meister der Stadt. Jetzt erst fing das immer mit größerer Bestürzung vorgenommene Nachforschen nach dem Feldherrn an, den Jeder während des Kampfes irgend anderswo beschäftigt geglaubt hatte. Er blieb abwesend.

Am andern Morgen, als die Leichen weggeräumt wurden, fand man den Marschall Guébriant sammt seinem getreuen Sans-Regret dicht neben dem Thore liegen. Guébriant war durch einen Musketenschuß und Sans-Regret durch einen Hellebardenstoß getödtet  . . .

Das Heer trauerte lange um seinen „Oncle“. Der Herzog von Enghien nahm, als der Nächste nach ihm, bis zur Ankunft Turenne’s den Oberbefehl an, welcher an der Spitze seiner Truppen die letzten Phasen des dreißigjährigen Kriegs bis zum baldigen Frieden von Münster und Osnabrück gestalten half.

==19. Heft.==
===Marie mit dem Christuskinde. Von Tizian.===

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Wie der unvergleichliche Cristo della Moneta, Christus mit dem Zinsgroschen, fast am Anfange der glänzenden Künstlerlaufbahn steht, ein Werk seiner ersten Jugendbegeisterung, so gehört diese Marie mit dem Jesuskinde zu den Bildern, durch welche der altgewordene Meister seine ungeschwächte geniale Schöpferkraft bewährte. Das Bild besitzt nicht den idealen Schwung, dem Tizian bei seinem Christus mit dem Zinsgroschen folgte, und kann an geistiger Weihe mit den Madonnenbildern des göttlichen Urbiners nicht wetteifern; dennoch ist dasselbe von ungewöhnlichem Werthe. Es ist nicht nur aus der Portraitrichtung hervorgegangen, sondern ist, mit Ausnahme der Madonna, selbst Portrait. Und diese sanftmüthige, voll irdischen Lebens erglühende, unschuldige Mutter harmonirt im Ausdruck ihrer Züge so vollkommen mit den Gesichtern der übrigen Personen des Bildes, daß man auch ihr Bild wohl als Portrait annehmen darf, ohne einen großen Fehlgriff zu thun. Der Kopf des Jesuskindes dagegen ist rein ideal gefaßt und zeigt, ohne etwa in den sehr gewöhnlichen Fehler zu verfallen, altklug zu erscheinen, eine höchst ausgeprägte geistige Befähigung, fast möchten wir sagen, Uebermächtigkeit in den kindlichen Zügen. Die Dame, welche der Madonna Weihrauch in einem Gefäße opfert, könnte sehr wohl für deren Schwester gelten, und eben so ist die Aehnlichkeit zwischen dem dunklen bärtigen Kopfe neben der Madonna und der Dame kaum zu verkennen. Links der Mann mit dem herrlichen Lockenkopfe und dem gestutzten Barte ist Johannes der Täufer, ein rauches Gewand um die nervigen Glieder geschlagen; rechts der im Anschauen eines Crucifixes betend versunkene bärtige Greis ist St. Petrus, obwohl manche auch einen St. Jacobus aus ihm haben machen wollen.

Der ganze Ausdruck des Bildes ist derjenige einer lebensheitern, poetischen, gesättigten Ruhe, und hierzu stimmt die äußerst harmonische Anordnung des Ganzen, so wie die gemilderte, obwohl dennoch immer noch brillante Färbung.

Will man einige Umstände nicht unbemerkt lassen, etwa wie der junge Mann den Blick auf die Dame richtet, indeß er ihr das Jesuskind zeigt: so erscheint das Gemälde als ein <tt>Ex voto-</tt> Bild zum Danke für eine glückliche Niederkunft. Die Namen der portraitirten Personen sind dagegen nicht bekannt.
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===Holländische Wirthshausscene. Von Adrian v. Ostade.===

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Es ist eine der in den Niederlanden noch gegenwärtig gefeierten „Bierproben“, welche Ostade mit seiner reichen Phantasie, mit seinem liebenswürdigen Humor hier vorführt. Das Hauptfaß des edlen Gerstensaftes ist nach technischem Ausdrucke angestochen und dies wichtige Ereigniß hat eine starke Gesellschaft der Dörfner in dem weiten Zimmer des Wirthshauses zusammengezogen. Mit vollendeter Wahrheit und zeugend von genialer Auffassung und genauester Kenntniß des Volkslebens, giebt der Maler uns die feinsten Abstufungen seines Stoffs, die schlagendste Charakteristik in den Köpfen und dem Thun und Treiben seiner Personen. Vom selig Entschlafenen an bis zu dem bacchantisch Erregten, welcher jubelnd den Spielmann ins Gemach zieht, sind die Schattirungen durchlaufen. Unnachahmlich wahr ist der mit höchstem Genügen sich die Zähne stochernde Mann im Hintergrunde; die naivste Heiterkeit erregt der alte Herr, welcher höchst galant seiner jungen Nachbarin sein Herz und seine Hand anzubieten wagt.

Die Hauptgruppe ist im höchsten Grade fesselnd. Das ist eine ächte Holländerin. Mit welcher freundlichen Majestät empfängt sie – augenscheinlich die reichste Bauerfrau des Ortes – aus den Händen des schlau lächelnden, dienstfertigen Wirthes, das Glas mit dem delicaten Getränk. Dieses großartige Lächeln, welches die sichere Ueberzeugung ausspricht: daß eben jetzt die gründlichste Kennerin und Feinschmeckerin koste, um ihr Urtheil über das Bier abzugeben! Wir dürfen nach den sichtbaren Wirkungen desselben, unter deren Einflusse der Schullehrer die Stühle wegräumt, um den Tanz mit der dicken Frau zu eröffnen, schließen, das Faß sei ausgezeichnet gerathen. Der höchst Ungenirte, welcher den Hut verschiebt, ist der Maler selbst im Kreise seiner Schöpfung. Die holländische Gemüthlichkeit, welcher wir allenthalben begegnen, hat in der Hausfrau rechts eine zum Sprechen wahre, besondere Vertreterin. Das Grotesk-Komische, zu welchem die niederländischen Darsteller von Stoffen aus dem Volksleben fast durchgehends eine besondere Vorliebe hegen, ist auch hier anzutreffen. Der alte Bauer, welcher ein altes Mädchen küßt, giebt eine Scene, welche deshalb besonders anzumerken ist, weil sie mit zartem Tact zeigt, wie das Possirliche, Groteske, in der Malerei dargestellt werden kann, ohne daß es in den Cynismus, z. B. eines Bega, verfällt.
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===Die Tochter des Paul Rembrandt. Von ihm selbst gemalt.===

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Der alte Meister Rembrandt von Ryn, der Magier des Helldunkels, der originellste aller holländischen Maler, stand in seinem Atelier vor zweien seiner Schüler und bereitete sich allem Anscheine nach vor, ihnen eine sehr ernste Predigt zu halten. 

Alle Welt kennt den malerischen, höchst ausdrucksvollen, seine Eigenthümlichkeit in ausgeprägten Zügen zeigenden Kopf des alten Zauberers in der Welt der Farben und der Leinwand. Dieser geniale Kopf war jetzt mit einer sogenannten Kapuzmütze von Fuchsfellen bedeckt. Ein bis zum Knie herabreichender, früher sehr eleganter, jetzt zerrissener und mit Farbenflecken versehener Sammetüberwurf hüllte den Alten ein. Er hatte die Hände auf den Rücken gelegt und stand mit ausgespreizten Beinen da, in der Nachlässigkeit seines Anzuges und seiner Haltung durchaus mit der in dem weitläufigen Atelier herrschenden Unordnung harmonirend.

Die Schüler aber gehörten, so wie sie waren, hier gar nicht her. Es war in der frühen Morgenstunde; trotzdem waren die beiden Jünglinge augenscheinlich in dem besten Putze, welchen sie ihr Eigenthum nannten.

Diese Schüler waren Philipp Koningk und Gerbrand van der Eeckhout. Koningk hatte ein weißes Seidenwamms mit gelbröthlichen Puffen, und eben solche bis in die Schuhe reichende Beinkleider angethan. Ein hellblauer Sammtmantel, und ein Barett von demselben Stoff und derselben Farbe, mit zwei langen weißen Federn, und ein respectabler, schöner Stoßdegen vollendeten den Aufputz des ziemlich hagern, kleinen und bräunlichen jungen Mannes. – Gerbrand van der Eeckhout dagegen hatte seine viereckige, derbe Gestalt in ein schwarzes Sammtwamms mit gelben Puffen gezwängt; an seinen weiten Beinkleidern, auf seinen Aermeln und auf seiner Brust waren wenigstens einige fünfzig Ellen Band als Schleifen verwendet. Diese Schleifen waren rosenfarben. Sein Mantel war schwarz, sein Sammthut mit Federn ebenfalls. Er hatte einen niederländischen Flamberg an der Seite. Eeckhout mit sehr dicken, blonden Locken und mit von Gesundheit strahlenden Wangen schien indeß, ungeachtet seiner martialischen Haltung, eben so wenig Muth, dem Meister Rembrandt gegenüber, zu besitzen, als der in demüthiger Stellung dastehende kleine College. Beide hatten eine große, in Papier gewickelte Rolle in der Hand, auf welche der Alte höchst scharfe, verdächtige Blicke warf, die die Schüler auch daher, so weit dies möglich war, zu verbergen suchten.

– Mynheers, was soll diese Maskerade? fragte Rembrandt, ziemlich unmuthig die Jünglinge von oben bis unten musternd. Wißt Ihr nicht, daß Hasenfüße und Kleidernarren hier durchaus nichts zu suchen haben? Steh mir der Himmel bei  . . . Würde es wohl ein vernünftiger Mensch glauben, daß Ihr, Mynheer Spanier Koningk, und Ihr Mynheer Venetianer van der Eeckhout, die hoffnungsvollen Burschen seid, welche ganz einfach bei dem alten Rembrandt pinseln lernen?

Koningk murmelte etwas von: „Verzeihung“, und Eeckhout von: „wichtigen Ursachen“. Rembrandt antwortete darauf nicht.

– Und das möchte noch immer sein, sagte er, wäre der Geschmack nicht so entsetzlich, den Ihr bei Eurem Herausputzen an den Tag legt. Wo Teufel habt Ihr die Idee her, Euch anzuziehen wie der Mastochse, den die Fleischer vor Pfingsten durch die Stadt zur Parade ziehen? Wer hat Euch die Farbenharmonie beigebracht, die ich an Euren Leibern bewundere? Warum drapirt Ihr Euch nicht Euren Persönlichkeiten gemäß; warum kleidet Ihr Euch nicht charakteristisch? Philippchen, wenn er schwarzes Seidenband und schwarze Seidenpuffen trüge, wäre bei Gott ein ganzer venetianischer Nobile, und das fette Gerbrändchen gehört ganz natürlich in Philippchens Kleidung  . . .

Er unterbrach sich, indeß er ein kurzes Lachen aufschlug. Dann aber ward der Alte sehr ernst.

– Ihr wollt natürlich Euch doch an Eure Staffeleien und zwar unverzüglich begeben? fragte er scharf.

Die Verspotteten bewahrten ziemlich ihre Fassung. Sie sahen sich an, räusperten sich ein wenig und Philipp Koningk trat sehr würdevoll einen Schritt vor.

– Nein, Meister Rembrandt, heute gedachten wir mit Eurer Erlaubniß nicht zu arbeiten  . . .

– Was denn wollt Ihr? Etwa Euch den Zechgesellschaften dieser Pinseler, dieser Gurkenmaler anschließen, welche Meister zu sein glauben, weil sie einmal einen Dummkopf fanden, der ihnen eine ihrer Sudeleien abkaufte?

– Ihr kennt uns zu gut, Meister; erwiederte Eeckhout, welcher es liebte, sich pathetisch auszudrücken; unser Dichten und Trachten ist auf das Hohe und Höchste gerichtet  . . .

– Deshalb  . . . fuhr Koningk fort.

– Was denn, deshalb? unterbrach ihn Rembrandt barsch. 

Den Jünglingen war die Sprache unmöglich. 

– Was führt Euch hierher? rief der Meister. Wollt Ihr mich wild machen? 

Die Unterredung war etwas laut geworden. 

Die eine Thür des Ateliers, welche in die Gemächer des Malers führte, öffnete sich etwas und herein blickte ein wunderbar schöner, und ausdrucksvollerer als formenschöner siebzehnjähriger Mädchenkopf, dessen glänzend frische Augen ziemlich erstaunt die drei Männer betrachteten.

Die Jünglinge wandten sich wie auf ein Signal und starrten diesen Mädchenkopf an, wobei Koningk sehr blaß und Eeckhout sehr glühend im Gesicht wurde. Das Mädchen verschwand.

– Ach so! machte Rembrandt gedehnt. Also doch! Wollt Ihr, Mynheers, die Güte haben, Euch niederzulassen und mir Eure Eröffnungen zu machen?

Die Schüler setzten sich mit schwerem Herzen auf ihre wohlbekannten Schemel nieder.

– Wir wollen uns ein Herz fassen  . . . sagte Koningk, den Cameraden heimlich anstoßend.

– Ja, das wollen wir! sagte Eeckhout, welcher, ohne es zu wissen, sehr laut sprach.

– Fang Du an zu sprechen!

– Nein, Du! murmelte Gerbrand.

Koningk sammelte sich einen Augenblick; dann streckte er wie weiland der Apostel Paulus vor dem Könige Agrippa rednerisch die Hand aus. Schade, daß ihm die „große Kunst“ seines alten Vorbildes abging.

– Mynheer Rembrandt van Ryn  . . . begann Koningk  . . . Wir wollen ohne Umschweife reden.

– Ist mir wahrlich nicht unangenehm  . . . bemerkte der Alte.

– Wir, Gerbrand und ich, sind Busenfreunde. Zugleich das Glück genießend, von Euch, Meister, gebildet zu werden  . . .

– Kürzer, Philipp, kürzer! sagte Rembrandt.

– Gut! Wir sind genau zusammen verbunden  . . .

– Das heißt unsere Seelen! schaltete Eeckhout erhaben ein. Unsere Gedanken verfolgen dieselbe hohe Richtung  . . . dasselbe glänzende Ziel! Wir stimmen aufs genaueste mit einander zusammen  . . .

– Gott bewahre! rief Rembrandt. Ihr seid Beide sehr verschieden an Geist wie an Körper. Macht keine gemeinschaftliche Sache. Verfolgt Eure Ausbildung Eurem Charakter gemäß, und Ihr werdet Beide gute Maler, jeder in seiner Weise, werden. Hier scheidet sich die Freundschaft zu Gunsten der Kunst; jeder Mann geht seinen eignen Weg.

Diese Bemerkung hatte die Redner augenscheinlich etwas aus dem Concepte gebracht. Eine Pause trat ein. Philipp Koningk sah niedergeschlagen auf den Boden. 

Eeckhout aber war warm geworden.

– Mynheer Rembrandt, sagte er, die verschiedensten Charaktere können dasselbe höchste Ziel, dasselbe Ideal erwählen, unbeschadet des Weges, welchen sie einschlagen, um solches zu erreichen.

– Du kannst über Malerei raisonniren, bevor Du noch malen kannst? Auch ein Zeichen der Zeit und kein gutes! murmelte Rembrandt sehr geärgert, denn er konnte alles Mögliche, nur keine Kunsttheorieen ertragen.

– Unser höchstes Ziel ist die Liebe, fuhr Eeckhout fort, die Liebe, die Königin der Kunst und des ganzen Weltalls.

– Laß jetzt aber Deine religiösen Ansichten weg! bemerkte Rembrandt. Wir wissen sämmtlich, Gerbrand, daß du in biblischer Hinsicht uns Alle und mich selbst zurücklässest!

– Die Bibel stimmt mit der Welt, wie sie ein Künstler sieht, sagte Eeckhout, nur zu genau zusammen, auch wenn man nicht katholisch ist. Ich bin ein Maler und vermöge meiner Kunst verdamme ich selbst die Traditionen der Kirche nicht; denn sie geben mir eine Himmels- und Erdenkönigin. Wohlan, Meister van Ryn, diese Königin habe ich, haben wir gefunden. Sie ist kein Mythus, kein Gedankenbild mehr, sie lebt; sie lebt in diesen Räumen; – diese Dame, diese Madonna, welche Alles in sich schließt, was wir, Philipp und ich, von der Welt, von der Kunst und ihrer Wirkung fordern, lebt unter diesem Dache . . . Mynheer Rembrandt, Ihr habt eine Tochter, Katharina  . . . Wir Beide lieben sie mit heißer Inbrunst. Wir sind gekommen, Euch um Katharina’s Hand zu bitten  . . . Die Wahl zwischen uns bleibt Katharina und Euch, Meister, überlassen. Ihr sollt entscheiden, wer von uns Freunden der Glückliche sein wird.

Rembrandt schwieg lange Zeit, bevor er antwortete. Trotz seines barschen Wesens liebte er seine Schüler leidenschaftlich, obgleich er es sich sehr selten merken ließ. Er sah die Jünglinge an und ward sehr betrübt; denn scharfsichtiger, als ihm die Unbefangenen zutrauten, hatte er ihre Liebe zu seiner Tochter nicht allein, sondern auch die Gewißheit entdeckt, daß das Herz der reizenden Katharina bereits einem Andern, als diesen begeisterten Werbern angehörte. In einem Augenblicke übersah der geniale Meister die ganze Situation. Von Katharina konnte keine Rede sein. Es kam nur noch darauf an, die Jünglinge anzuspornen, damit sie der Kunst erhalten wurden und durch ihre hoffnungslose Liebe nicht mit sich selbst zerfielen.

Rembrandt zog seine Klingelschnur und forderte drei Flaschen edlen, alten Weins vom Rhein. Dann setzte er sich neben die Jünglinge.

– Ich danke Euch, Kinder, sagte er, Jedem die Hand reichend, für die Ehre, welche Ihr mir und meiner Tochter heute gegeben; denn sicherlich ist eine Bitte, von solchen wackern Jungen, wie Ihr seid, vorgebracht, selbst dem Statthalter der Niederlande keine Schande. Aber, erlaubt mir Eins. Ueber Katharina’s Entschluß maße ich mir keine Macht an; sie ist die Tochter eines Künstlers, und, liegt die ganze Welt unter Knechtschaft, so soll doch der Maler und sein Kind frei sein und frei bleiben. Ich aber, ich, kann meine Forderung bestimmen. Ich werde keinen von Euch als den Bräutigam meiner Katharina annehmen, bevor Ihr nicht Beweise gegeben habt, daß Ihr Meister in unsrer Kunst seid. Ich will glauben, daß Ihr mehr leisten könnt, als was Ihr, hier im Atelier die Schule verfolgend, zeigen zu können Gelegenheit gehabt habt. Zeigt mir ein Probestück, das ich billig anerkennen darf, und wir werden weiter reden. 

Inzwischen kam der Wein und die Gläser klangen aneinander.

– Keinen Toast, wenn ich bitten darf! sagte Rembrandt. Bis dahin, daß Ihr uns die Bilder zeigt, schweigen wir vor Allem!

Der bedeutsame Augenblick für die Jünglinge war gekommen. Sie zogen ihre Rollen hervor.

– Das haben wir erwartet, Meister Rembrandt, sagte Koningk mit einigem Selbstgefühl, und entrollte seine Leinwand. Wir haben ein solches Stück schon gemalt. Und damit keiner vor dem andern einen Vortheil habe, so haben wir denselben Gegenstand gewählt.

Auch Eeckhout entfaltete sein Gemälde. Es waren dies zwei Bildnisse der Geliebten, der schönen Katharina.

– Ach! Ich dachte mir’s! murmelte Rembrandt, die Gemälde rasch aber mit durchbohrenden Blicken musternd. Es pflegt das erste Meisterwerk zu sein, daß der Maler sich an dem Portrait der Geliebten versucht. Versichere Euch aber, Ihr Jungen, daß man später auf dieses überschwengliche Werk mit eigenthümlich nüchternen Empfindungen zurückblickt. Ich weiß das. Ich habe den Kopf des Dienstmädchens von meiner Windmühle, das Bild meiner ersten Geliebten, getreulich aufbewahrt; wenn Ihr wollt, könnt Ihr einmal Euch darüber belustigen.

– Aber Euer Urtheil! stammelten die Maler gleichzeitig.

– Will ich nicht aussprechen, sondern Euch zeigen! sagte Rembrandt. Zufällig habe ich selbst meine Katharina an ihrem siebzehnten Geburtstage gemalt  . . .

Rembrandt ging vor einen großen Schrank und kramte zwischen mehren Bildern umher. Die Schüler waren sehr ernst geworden und Koningk flüsterte Eeckhout zu:

– Gerbrand, wir sind verloren!

Rembrandt brachte sein Gemälde hervor und mit einem Ausrufe der Ueberraschung sahen die Jünglinge dasselbe an. Sie schienen das Bild mit den Augen verzehren zu wollen.

– Das ist Katharina! rief Eeckhout in höchster Bewegung, zugleich sein eignes Gemälde auf den Boden schleudernd.

– Ja, das ist sie! stöhnte Koningk.

– Nun, Ihr habt doch auch gemalt? bemerkte Rembrandt mit breitem Lächeln. 

Die Jünglinge schwiegen höchst niedergeschlagen. 

– Ihr meint, es könnte Euch noch etwas fehlen, bevor Ihr meisterhaft zu malen versteht? fragte Rembrandt.

– Alles! Alles! riefen die Freunde.

– Ihr seid brave Burschen! sagte Rembrandt, Beiden fest die Hände drückend. Ihr wißt, was ich beabsichtigt habe; Ihr wißt, daß ich Euch liebe, daß ich Männer für die Unsterblichkeit und keine Menschen zu bilden strebe, welche einen Jugendgedanken zum Nachtheile ihrer feierlichen Lebensaufgabe festhalten. Seid Ihr mit mir einverstanden? Wollt Ihr wieder Eure schmutzigen Blousen anziehen, und die Arbeit aufnehmen, wo Ihr sie verlassen habt?

– Ach ja! Wir wollen! Aber bester Meister, laßt uns nur einen Schimmer von Hoffnung auf Katharina’s Besitz und wir werden den Herkules an Ausdauer überbieten! rief Eeckhout.

– Ihr habt den vollen Sonnenschein der Hoffnung, so weit meine Macht reicht! Katharina aber wird selbstständig entscheiden.

Koningk und Eeckhout malten in der Hoffnung auf die Hand Katharina’s ein halbes Jahr lang mit eisernstem Fleiße. Bereits ausgezeichnet vorgebildet, konnten sie sich allgemach ohne zu erröthen, mit ihren Schöpfungen den berühmten Meistern Niederlande anschließen.

Katharina aber verlobte sich mit dem schönen Sohne eines der reichsten Amsterdamer Rathsherren.

Glücklicherweise waren beide Liebhaber so weit gekommen, um sich vorläufig durch ihre Erfolge in der Kunst über den Verlust einer der schönsten Töchter Niederlands nach und nach zu trösten.

==20.&21. Heft. (Doppelheft)==
===Loth und seine Töchter. Von Guercino da Cento.===

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Guercino, das heißt der Schielende, ist der Beiname des Malers, welcher Giovanni Francesco Barbieri hieß. Er war zu Cento, in der Nähe von Ferrara, im Jahre 1590 geboren und starb im Jahre 1666 zu Bologna. Die künstlerische Ausbildung dieses Meisters bietet dem Forscher interessante Umstände dar. Es ist gewiß, daß Barbieri nur durch eigene Kraft zu dem bedeutenden Künstler wurde, als welchen wir ihn anerkennen; denn der Unterricht, welchen er von Cremonini empfing, möchte nur wenig fördernd auf ihn eingewirkt haben. Selbst sein späterer Meister, wohl der einzige, welcher diesen Namen verdient, Benedetto Gennari, sein Schwiegervater, hat nicht den geringsten ersichtlichen Einfluß auf die Manier, in welcher Guercino malte, ausgeübt. Ein Schüler der Caracci war dieser Maler nie in dem Sinne, daß er ihre Akademie besuchte.

Dennoch eignete er sich die eklektische Methode der Caracci mit der richtigen, fast rigorosen Zeichnung, der klaren, kräftigen Färbung vollständig an und malte eine längere Zeit in diesem Style. Sein Geist war jedoch zu lebendig, als daß er das „Gehaltene“, welches in der Weise der Caracci liegt, nicht hätte überspringen sollen. Caravaggio hatte seine Blüthe erstiegen und seine Bilder voll Leidenschaft und schlagenden Effecten rissen den Guercino in diese neue Bahn. Jetzt ward seine Correctheit inhaltsreicher, die Formen lebensvoller, die ganze Manier breiter und die Färbung mannigfaltiger und brillanter. Obgleich wenig idealisirend und die Natur gleich dem Caravaggio meistens nur schlechthin auffassend, zeigen Guercino’s Bilder aus dieser Periode eine bedeutende Kräftigkeit, Wahrheit und ein herrliches Colorit. Weniger schöpferisch als Caravaggio erreichte er diesen Meister jedoch so wenig, wie er die Caracci erreichte. Guercino’s am meisten geschätzte Bilder stammen aus dieser seiner zweiten Epoche, wie Hagar’s Verstoßung, zu Mailand befindlich, und auch unser Bild, Loch mit seinen Töchtern.

Noch immer hatte Guercino aus seiner ersten Periode eine fast ängstliche Sauberkeit und Zierlichkeit der Malerei bewahrt, welche bei ihm die Stelle der Anmuth seiner Schöpfungen vertritt. Bald ward diese Zierlichkeit und das Liebliche, welches da Caravaggio so wenig für sich beanspruchen konnte, um so mehr der Augenpunct Guercino’s, als Guido Reni auf diesem Wege seine ungeheuren Erfolge errang.

Guercino arbeitete sich mit eben der Leichtigkeit in den Styl dieses bewunderten Meisters ein, womit er den Caracci und dem Caravaggio gefolgt war. Alles wird bei ihm jetzt weicher, aber auch ausdrucksloser, die Färbung verliert an Kühnheit, und nur in wenigen Bildern gelingt es ihm, seine immer vortreffliche Zeichnung mit der Kraft und der genialen Charakteristik des Caravaggio und der sanften Anmuth Guido Reni’s zu vermählen. Hier erreicht Guercino im Sanct Bruno zu Bologna zum Beispiel nicht allein den Reni, sondern weiß sich auch eine Eigenthümlichkeit in seinen Schöpfungen zu sichern, die ihm sonst meistens abgeht. Guercino malte eine ungeheure Menge von Altarbildern und viele Fresco-Gemälde u. s. w., an denen zum Theil Schüler aus seiner in Bologna gestifteten Akademie mit arbeiteten. Da der Meister selbst in seinen Kunstschöpfungen schwankte, so konnte diese Akademie für die Kunst keine bedeutende Folge erringen.

Der Gegenstand des hier gewählten Bildes, welches die Größe kräftig andeutet, die der Maler auf seinem zweiten Wege errungen haben würde, ist bekannt. Sodom und Gomorrha werden vom Feuer des Himmels verzehrt, es „geht Dampf auf von der ganzen Gegend, wie von einem feurigen Ofen“, und Loth, der von Engeln Errettete, hält mit seinen Töchtern auf dem Berge Rast, auf welchem seine spätere Zuflucht, das Städchen Zoar, in der Vulgata Segor, das heißt, klein, wenig, genannt, liegt. Die statuenartige Gestalt in der Ferne ist Loths Weib, welche „sich, dem Verbote zuwider, nach Sodom umsah, und in eine Salzsäule verwandelt wurde“.
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===Der Abend. Von Johann Both.===

[[File:Gemäldegalerie Alte Meister (Dresden) Galeriewerk Payne 053.jpg|600px|center]]

Auf der Piazza del Popolo in Rom hielten an einem schönen Septembertage des Jahres 1649 „hoch zu Rosse“ drei Reiter in einem Kreise von etwa einem Dutzend feingekleideter Herren, die sich durch Tracht und Manieren schon dem Entfernteren als Fremde, und zwar als Maler ankündigten. Auch die Reiter waren ersichtlich Maler und sie schienen im Begriffe zu stehen, eine der sogenannten Scenenjägereien anzutreten. Man händigte ihnen von mehrern Seiten Zettel mit Adressen von Bekannten, von Gastwirthen und Klöstern ein, man machte sie auf malerische Gegenden mit großer Lebhaftigkeit aufmerksam, so daß der eine Maler kaum seine Finger rasch genug bewegen konnte, um alle diese Notizen aufzufassen und in seine dicke Schreibtafel einzutragen. Die andern Beiden beschäftigten sich, während dieser Aemsige fast vor Geschäften schwitzte, auf bequemere Weise. Der zweite Maler, welcher mit dem Notizenschreiber eine wahrhaft frappante Aehnlichkeit hatte, trank unaufhörlich den um ihn stehenden Freunden aus einer mächtigen Feldflasche den Abschiedsgruß zu. Bereits dreimal war einer der Künstler mit dem ausgeleerten Gefäß in größter Eile nach einem Weinhause des Corso gelaufen, um neuen „Stoff“ zur Verlängerung der Abschiedsfeierlichkeiten herbeizuschaffen und allem Anscheine nach hatten diese bedeutungsvollen Wanderungen nur erst begonnen. Der dritte Künstler war ein fetter kleiner Mann, der vor sich auf dem Pferde einen bunten, langohrigen Hund hielt, den er unermüdet liebkoste, während er ihm von Zeit zu Zeit eine gute Portion von dampfenden, von Sauce tropfenden, würmergleichen Fadennudeln in die Schnauze steckte, ein Gericht, das der Maler mit wahrhaft italienischer Gefräßigkeit, auf ächt italienische Art, mit den Händen der Schüssel eines neben ihm stehenden Maccaroniverkäufers entnahm.

Das Notizenschreiben des Einen, das obstinat fortgesetzte Trinken des Zweiten und das unerschütterlich consequent durchgeführte Nudelnessen des Dritten, wurde durch einige neue Personen unterbrochen. Diese waren ein ungeheuer fetter Mönch und ein ziemlich zerlumpt sehender römischer Bürgersmann von bescheidenstem Körperumfange. Der Römer hatte, seit diese zukünftigen Reisenden sich noch auf der Piazza del Popolo verweilten, hinsichtlich der Pferde, welche er und Niemand anders hergeliehen hatte, einige wichtige neue Beschlüsse gefaßt. Zur Execution des ersten derselben hatte er den Mönch mitgebracht. Die abgetriebenen Klepper sollten eingesegnet werden. Trotz aller Protestationen der darauf sitzenden Herren begann der Mönch seine Hände auf die schmutzigen Köpfe, auf die langen Ohren und magern Hälse der Pferde zu legen und mit einer Stentorstimme den heiligen Antonius in dem sogenannten „Pferdegebete“ anzurufen, über die altersmüden Glieder dieser Rozinanten voller Gnade zu wachen.

Hiernach that der Pferdeverleiher seinen unwiderruflichen Entschluß kund, seine Pferde im Auge behalten zu wollen, da er, wie er sagte, fürchte, ihnen möchte bei den zu erwartenden schweren Strapazen die gewohnte liebevolle Pflege abgehen. Alle Maler disputirten mit dem Italiener, um ihn zum Zuhausebleiben zu bewegen; sie gingen sogar so weit, den Pferdeverleiher mit Schlägen zu bedrohen, weil er es wage, Künstler in dem Verdachte zu haben, sie könnten sich in Pferdediebe verwandeln – vergebens. Wer vermöchte es, einen Römer und zwar einen für seinen Geldbeutel raisonnirenden Römer niederzuraisonniren? Pompeo fluchte und schwor und weinte und declamirte so lange, bis ihm die Maler nicht allein erlaubten, zu Fuß neben den Thieren herzutraben, sondern ihm noch obendrein ein genügendes Trinkgeld für seine Bemühungen zusicherten.

Nachdem diese Scenen sämmtlich vollständig erledigt waren, nahm Pompeo nach erhaltener Erlaubniß seinen langen Stecken, schrie seine edlen Thiere mit gellender Stimme an, applicirte jedem derselben einen sehr wenig liebevollen Hieb über die Kruppe und lief, während die zurückbleibenden Künstler Lebewohl riefen und die Hüte schwenkten, wie ein Windspiel den in hartem Trabe Abreitenden voran, in Einem fort: Platz! Platz! schreiend.

Die Reise war angetreten und ein Kleeblatt war unterwegs, wie es unzertrennlicher selten in Rom in der Künstlerwelt bewundert wurde. Der Notizenschreiber mit dem Schnurr- und Zwickelbarte, eine sehr offene, heitere Miene zeigend und mit ersichtlichem Vergnügen von Zeit zu Zeit an den Steigbügeln hinabsehend, war Johann Both, ein Utrechter von Geburt, neununddreißig Jahre alt, ein Landschafter. Johann Both, mit genialer Leichtigkeit malend, der frischesten Tinten, der entzückendsten Beleuchtung mächtig, hatte seinen Gemälden neben den gefeiertsten Stücken Claude Lorrains Geltung und Bewunderung verschaffen können. Die Landschaftsmaler unter Johann Boths Freunden waren mehr als einmal bei dem Versuche verzweifelt, in ihren Bildern den warmen, gesättigten, duftigen Ton zu treffen, welcher gleich einem milden Zauber über den sich sanft abwärts neigenden Thälern und den scharfen Bergumrissen, über den reizenden lichten Waldesplätzen und den seeähnlichen, weiten Teichen lag, die Johann malte.

Der einzige Trost für seine eifersüchtigen Freunde war bei dieser überlegenen Meisterschaft des Holländers der Umstand, daß Johann eben nichts weiter mit Auszeichnung malte, als Landschaften. Sie konnten daher seiner in einer einzigen Richtung vollendeten Kunst ihre mittelmäßige Vielseitigkeit entgegenhalten, um sich neben ihm zu behaupten. Die Feinde dieses Malers behaupteten steif und fest, Both sei eigentlich gar kein Maler, geschweige denn ein Meister, und sei ja etwas Gutes an seinen Bildern, so könne es nur die Staffage sein, die Johann Both nicht gemalt habe.

Die Staffage malte nämlich in der Regel der Bruder und unzertrennliche Gefährte Johanns, Andreas, der um ein Jahr jünger als der Landschafter war. Es war eben derselbe, welcher den Mantelsack, den einzigen der Gesellschaft, auf sein Pferd geschnallt und sich zum Kellermeister während der Reise aufgeworfen hatte. Bamboccio faßte schwerlich leichter das Charakteristische alltäglicher Menschengestalten und Scenen auf, als Andreas Both; dieser jedoch malte nicht mit solcher Derbheit; es lag etwas wie Wouverman’sche Feinheit und Eleganz in Andreas Boths Compositionen, das herrlich zu den Landschaften Johanns paßte. Es war ein merkwürdiger Wechselverkehr in dem Genie der Brüder Both. Ohne Andreas’ Figuren würden Johanns Landschaften bei allen ihren Schönheiten todt, oder schärfer, matt und ausdrucklos gewesen sein; wie im Gegentheil die geistvollste Staffage des Andreas ohne Johanns Landschaft kaum mehr als den Charakter einer Studie gezeigt hätte, – eine Wahrheit, welche die von jedem Bruder allein in seinem Genre gelieferten Blätter bezeugen. Die Boths ergänzten sich so harmonisch, wie es wohl selten bei einem Künstlerpaar vorgekommen, und diese Harmonie, von zwei hochbegabten Künstlerseelen getragen, war der Art, daß selbst ein Claude Lorrain nicht diese herrliche Zusammenstimmung, diesen Einklang der Landschaft und der Staffage erreicht hat, wie ihn die Boths in Gemeinschaft hervorbrachten. Johann Both opferte die Schönheiten der Landschaft zu Gunsten einer überwiegend reizenden Staffage und Andreas modulirte seine gelungensten Erfindungen, um nicht über den Gehalt der landschaftlichen Schöpfungen seines Bruders hinauszuschreiten.

Der dritte im Bunde war Charles Du Jardin, ein Franzose. Er war die verkörperte Komik; eben so launig in seinen herrlichen Figuren als in seinem eigenen Wesen. War der meistens in Gesellschaft trinklustiger Freunde verharrende Andreas nicht aufgelegt und nicht witzig genug, um für Johann eine Landschaft zu studiren und die Staffage dazu zu erfinden: so stellte sich Charles Jardin ein, er, der ewig Nüchterne, dessen Leidenschaft sich nur auf Bonbonkauen und Maccaroniessen beschränkte. Auch er verstand den Johann so genau, daß er die köstlichste Harmonie zwischen seinen Figuren und den Landschaften des ersteren erreichte und zugleich den Andreas in so weit, daß er Figuren ganz im Sinne des Zechlustigen vollendete, welche dieser halb ausgemalt hatte.

Diese Drei waren am zweiten Tage ihrer Reise gegen Nachmittags unterwegs und kehrten, auf Betrieb des durstigen Anderies, in einer elenden Gastwirthschaft an der Straße ein. Johann protestirte vergebens, du Jardin fluchte seine besten pariser Patentflüche; aber Andreas war in einigen Punkten, namentlich wenn es Trinken betraf, durchaus unlenksam. Er stieg rasch vom Pferde ab und zeigte den beiden Widerstrebenden durch das zerbrochene Fenster des Wirthshausstübchens fünf total betrunkene Bauern und einen Mönch mit einem großen Bettelsacke, die er sogleich zu zeichnen begann. Dies waren dieselben Personen, welche auf zwei von Andreas’ radirten Blättern verewigt sind – Blätter, die einen um so größeren Werth besitzen, als sie fast verschollen sind. Als der dicke, die Bauern haranguirende Mönch mit dem Sacke, halb fertig war, stieg Charles du Jardin eiligst vom Pferde, machte sein kleines Zeichnenbrett fertig und wollte in das Innere des Wirthshauses dringen, um die Betrunkenen zu zeichnen.

Pompeo sprang herzu.

– Ich bitte Euch, Herr Franzose, rief er, bleibt nur das Mal aus dieser Banditenstube; namentlich unterfangt Euch nicht, den Leuten Eure Zeichnenapparate sehen zu lassen; denn sie sind der Meinung, daß jeder abgemalte Mensch binnen einem Jahre sterben müsse.

– Die abgemalten Menschen sterben nie; wenigstens unsere nicht, Andreas! rief der dicke Franzmann und drang, trotz Zwiebel- und Knoblauchduft, kühn in dieses zweite Gasthaus zu Terracina. Um sich der Freundschaft der Landleute zu versichern, ließ er Jedem einen Krug Romagnawein einschenken und fing herzhaft zu zeichnen an. Anderies erschien auch, triumphirend fünf leere Weinkrüge, während seiner Arbeit von ihm geleert, und die Arbeit selbst, den Sack-Mönch, mitbringend. Er setzte den Mönch von der künstlerischen Apotheose desselben ziemlich somnambul in Kenntniß und legte dadurch den Grund zu der nachfolgenden Katastrophe. Der Frate, hochentrüstet, hielt eine wahre Kreuzpredigt gegen die drei fremden Ketzer, die er einer Art von <tt>crimen laesae majestatis</tt> beschuldigte.

Die Bauern erhoben sich. Sie forderten Wein und immer mehr Wein, sperrten hinter dem eben eintretenden Johann Both die Thüre und fingen, als Anderies seine schmale Börse nicht weiter zu Gunsten dieser Durstigen anstrengen zu wollen erklärte, an, die Künstler in eine der regelmäßigsten und hartnäckigsten Prügeleien zu verwickeln, die je von Scenenjägern bestanden wurden. Du Jardin wollte seinen Degen gebrauchen; er ward ihm zerbrochen und mit den Enden ward sein fetter, zarter Rücken wie ein Rinderbraten vor dem Schmoren durchgeklopft. Anderies wehrte sich, auf der Erde liegend, mit Händen und Füßen so nachdrücklich, daß ihm die geringste Portion zugemessen wurde; Johann, der weichmüthige, ließ sich dagegen widerstandlos durchprügeln.

Als die Bauern und der Mönch, denn auch dieser hatte tapfer mitgefochten, endlich ermüdet waren, gaben sie die Reisenden frei. Halb sinnlos taumelten diese zur Hütte hinaus, wo sie der feige Pompeo heulend empfing.

– Warum, Du Canaille, hast Du uns im Stich gelassen? schrie der mit purpurglühenden Wangen prangende Du Jardin.

– Ich habe für Sie gebetet! schrie Pompeo retirirend. Denn bei diesen Hieben konnte ich nicht erwarten, daß Sie lebendig blieben.

Die Maler setzten sich zu Pferd in der düstersten Stimmung, die sie seit Jahren erprobten. Anderies wüthete gegen den feigen Johann, gegen Du Jardin, Du Jardin gegen Anderies, und fing zuletzt darüber zu weinen an, daß sein geliebter Hund auch furchtbare Hiebe, unschuldige Hiebe, empfangen hatte. Kurz, dicht vor dem Dorfe an einem kleinen Bache, der einen malerischen, von Bäumen überhangenen Teich bildete, hielten die erzürnten Freunde an. Johann, sehr zerhauen und schwermüthig, tränkte sein mattes Roß; Anderies ließ sich von Pompeo seinen rechten, zerschlagenen Fuß verbinden; Du Jardin ritt wieder nach Rom zurück und war außer sich, daß er durch alles Locken seinen Hund nicht bewegen konnte, die Brüder zu verlassen.

Johann ermannte sich wieder.

– Brüder! schrie er mit klarer Stimme, was sind wir ausgeritten, zu sehen, wie die Mönche predigen? Was wollten wir finden? Landschaften und Scenerien, Staffagen. Die Landschaft? Da liegt sie. Die Staffage? Male jeder von Euch sich selbst und theilt Euch in mein und Pompeo’s Ebenbild, und wir, mit unsern geprügelten Körpern, passen in diese Abendlandschaft, als wenn Charles oder Anderies in ihren schönsten Augenblicken unsere Cavalcade erfunden hätten.

– Was? schrie Du Jardin, die Hand ans Ohr haltend; denn es hatte ihn längst gereut, fortgeritten zu sein.

– Komm nur, Bacchus! rief Anderies, seine Trinkflasche, welche er glücklich gerettet hatte, emporhaltend.

– <tt>Oui, Sancho Pança! </tt> und der Franzose trabte mühsam und ächzend heran.

Alle Drei lagerten sich an dem herrlichen, kühlen Platze und unter Seufzen und Stöhnen über die schmerzenden Gliedmaßen kam hier ein Bild im Entwurfe zu Stande, das hinfort nur das „Dreimännerbild“ genannt wurde, weil das Kleeblatt dasselbe gemeinschaftlich ausführte.

Als die Skizze vollendet war, sah der sanfte Johann die Busenfreunde an.

– Soll die Reise wirklich bis Ancona gehen? fragte er ernsthaft. 

Ein lautes Gelächter war die Antwort. 

– Rom! Rom! riefen die Andern.

– <tt>Ah, Carissima; ah, Roma! </tt> jubelte Pompeo tanzend. Welches Glück, daß die <tt>Signori Tedeschi</tt> Prügel empfingen. Vorwärts, Peppo, Selmo und Sandro; auf der Piazza del Popolo ist Euer Ruheziel! Vorwärts, Vorwärts!

Und abermals lief er wie ein Windspiel nicht vor, sondern hinter seinen Gäulen her, ihre Hintertheile noch unbarmherziger dreschend, als die betrunkenen Bauern die Künstler bearbeitet hatten.

Diese, in Rom angekommen, vollendeten ihr Dreimännerbild und gaben von dem Honorare dafür ein Banket, wie es sich noch lange als unübertroffen in den Sagen der zechlustigen Jünger der Kunst in Rom erhalten hat.
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===Danaë und der goldene Regen. Von Anton van Dyck.===

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An einem höchst unfreundlichen Novemberabende im Jahre 1639 rollte eines der schweren, goldverzierten, mit vier Pferden bespannten Fuhrwerke, wie sie der Hof und der hohe Adel besaß, die schlechten Straßen vom Witehall-Palaste entlang dem Herzen von London zu. Jetzt stirbt in diesem Stadtquartiere das Leben des Londoner, um fünf Uhr Nachmittags beginnenden Tages, schwerlich vor zwei Uhr Nachts. Damals aber, als selbst die ersten Classen der Gesellschaft höchstens drei Stunden mit dem Beginn ihres Tages hinter der Sonne zurückzubleiben pflegten, war es um 12 Uhr – und diese Stunde hatte eben die Glocke St. Paul’s, von einigen Hundert andern Glockenschlägen accompagnirt, geschlagen – in London still, öde und wirklich Nacht. Nur mit Mißvergnügen hörte der Bürger, wohl zugedeckt im Bette befindlich, wenn der rasche, klappernde Hufschlag von Rossen, die den „Königstrab“ gingen, zu Mitternacht durch die Straßen hallte; wenn die Fenster seines Hauses bebten und klirrten von dem Rasseln einer der Kutschen, welche nach dem Modell der Arche Noah’s gebaut zu sein schienen.

Das waren Lords und Ladies vom Hofe des zwar ritterlichen, aber vergnügungssüchtigen und verschwenderischen Karls I., welche sich bestrebt hatten, das Mark von Alt-England zu verprassen. Der Herrenkutsche folgten auf ihrem einsamen Wege sicherlich mehr Flüche und stille Verwünschungen, als sie Straßen durchrollte. Ihre Insassen waren bereits vom Volke heimlich gerichtet, bevor sie noch eine Ahnung davon besaßen, auf welchem Vulkane sie ihre bezaubernden nächtlichen Feste feierten.

Sicherlich aber verdiente derjenige, welcher heute Nacht, einem Herzoge oder einem Fürsten gleich, über St. Martins Lane und Long Acre nach Lincolns Inn Fields fuhr, keinen der Vorwürfe, welchen die Engländer ihrem Könige und seiner Ritterschaft mit schwerem Gewicht auf die Schultern legten. Dieser Mann war ein Arbeiter, wie der fleißige Bürger; er glänzte nicht durch den erpreßten Schweiß seiner Untergebenen, sondern sein fürstlicher Aufwand war von dem von ihm ehrlich „verdienten“ Gelde bezahlt. Er führte weder Herzogs- noch Adelswappen, auf welches er seine Hoffähigkeit hätte gründen können. Sein Genie und seine Kunst allein hatten ihn zum Freunde „der Könige“ gemacht und ihm die für jeden Mann niederer Herkunft mit ehernen Banden verschlossenen Säle des Herrschers von England und der Großen des Reichs geöffnet.

Anton van Dyck, der niederländische Maler war es, welcher zu so später Stunde durch London fuhr. Er kam vom König in Witehall und wollte, bevor er in seinem palastähnlichen Gebäude in Black Fryars sich zur Ruhe begab, zuvor noch eine jener Gesellschaften des deutschen Grafen von Aremberg besuchen, in welchen sich die ausgezeichnetsten Männer und Frauen der Hauptstadt Rendezvous’ zu geben pflegten.

Lincolns Inn Fields war damals und auch später für viele große Herren, namentlich Staatsmänner, ein beliebter Wohnort. In der Umgebung Lincolns Inn, Chancery Lane, Holborn, war eine Art von Hauptquartier der Leute von Rang, Reichthum und Geist, eine Gesellschaft, der sogar die Repräsentanten des geistlichen Standes nicht fehlten; denn damals wohnte der Bischof von Chichester in seinem Palaste bei Lincolns Inn, dicht neben der Kaserne seiner Leibwache, dem Kloster der Blackfriars.

Der Graf Aremberg wohnte Ecke von Holborn und Chancery Lane und hier war’s, wo Anton van Dyck vorfuhr.

In diesem Palaste wars ungeachtet der Mitternacht heller Tag. Die Flügelthüren waren weit geöffnet, so daß der Lichterglanz weit über den freien Platz strahlte. Riesen gleich standen zwei westphälische Portiers, mit Goldtressen überladen, jeder eine moderne Art von silberner Herkuleskeule in der Hand, zu beiden Seiten des Portals und auf dem Flur, auf den mit Stein-Mosaik gezierten Treppen im Innern flogen englische und französische Diener und Dienerinnen.

Der Maler stieg aus und ließ sich die Palasttreppe von seinem Diener hinangeleiten. Auf dem Flur legte er seinen herrlichen flandrischen Spitzenkragen glatt, gab seinem schwarzsammetnen spanischen Mantel einen Faltenwurf, wie es nur ein Römer oder ein Maler versteht, und nahm den ungeheuren Federhut ab. Einen edleren, schöner geformten Kopf, als ihn der Maler zeigte, hatte sicherlich die hohe Gesellschaft oben nicht aufzuweisen. Reizender als van Dycks Haar in Wirklichkeit war, konnte nur er selbst es malen. Eine gewisse Abgespanntheit, welche auf des Malers Zügen lag, contrastirte eigenthümlich mit dem Feuer seiner großen Augen und mit dem kriegerischen Ausdruck, den sein brauner Schnurrbart und die große, spanische Imperiala am Kinn der Erscheinung verlieh.

Die Etikette, das ungeheuerlich Steife, womit damals der Mode nach Leute von Range sich umgaben, fand in diesem Palaste nur bis vor den Thüren des Allerheiligsten, des Gesellschaftszimmers Platz. Van Dyck überwand die Empfangscomplimente des Major Domus, die Anmeldungs- und Einladungsscene, welche er mit dem französischen Kammerdiener aufführen mußte, und ließ sich geduldig von den genannten beiden dienstfertigen Geistern an den linken und rechten Ellenbogen fassen und die Treppe, so zu sagen, hinanschieben. Die Thüren öffneten sich und van Dyck athmete auf und lächelte, als er den kleinen aber erlesenen Kreis überblickte. Hier hörte jeder Zwang auf! Etwa sechzehn Herren und Damen begrüßten den Maler mit jenem vertraulichen, graziösen Lächeln, das, in Frankreich erfunden, die Reise um die Welt gemacht hat, seitdem Ernste der ersten französischen Revolution aber von der Erde verschwunden, oder zur Grimasse geworden sein soll. Ueberall begegnete der schöne Mann, der jetzt in der kleidsamen Hoftracht, mit dem langen, schmalen Degen an der Seite, ohne Mantel eintrat, heitern und bewundernden, oder gar entzückten Blicken. Van Dyck grüßte die Gesellschaft mit derselben ceremonielosen verbindlichen Grazie, womit sie ihn empfangen hatte, und folgte dem kaum bemerkbaren Winke von einer der schönsten Hände im Saale. Lady Venetia Dygby, ein wahrer Stern von Frauenschönheit am Hofe Karls I., dieselbe, deren Reize van Dyck durch eins seiner schönsten Portraits (in Windsor befindlich) verewigte, beschied den Maler als ihren Cavalier hinter ihren Sessel.

Die Gesellschaft spielte. Die Damen saßen um einen schmalen, langen Tisch. Die meisten Herren, außer dem die Bank haltenden Viscount Edgefield, einem geistreichen Podagristen, dem schönen Grafen von Aremberg und den beiden renommirten Witzbolden – den einzigen gegenwärtigen Geldarmen – Mr. Frederic Carew und Mr. Killigrew, hatten sich nicht gesetzt, sondern standen hinter oder neben den Stühlen der Ladies und pointirten von hier aus. Auch van Dyck, dessen Leidenschaftlichkeit blos aufgefordert zu werden brauchte, nahm die Karte.

Hier unter dem graziösesten, geistreichsten und halb frivolen Gedankenspiele, immer durch neue Einfälle und Bemerkungen wach erhalten, deren Charakteristik wir aus den modischen Schriften jener Tage nur unvollkommen kennen lernen können, machte sich das eigentliche Spiel in einer solchen Weise, daß ein jeder nicht mit fürstlichem Vermögen Gesegnete von diesem Tische ehrfurchts-, oder grauenvoll zurückgetreten wäre. Der Dichter Killigrew und sein Nachbar Carew spielten daher nur mit Worten, während Lord Edgefield auf einen Schlag Hunderte von Guinees gewann und verlor und dabei keine Silbe, als: ah! sagte. Dieser zeitweilige Ausruf bezog sich jedoch auf sein schmerzendes Bein und nicht auf sein Spiel.

Ungeachtet aller scheinbaren Abwesenheit von Leidenschaftlichkeit entwickelte sie sich dennoch und zwar bei dem Grafen Arundel und bei van Dyck. Durch ihre hohen Sätze brachten sie Leben in das Spiel; Gewinn und Verlust wurden bemerkbarer. Arundel verlor fünfhundert Guinees, die er nicht ausbezahlte; van Dyck gewann hundert und funfzig, welche ihm der alte Bankherr, der nie aufs Wort spielte, bis auf die letzte Guinee sofort zuschob.

Van Dyck bog sich über die Stuhllehne und die weiße Schulter von Lady Venetia, um seiner Beute sich zu bemächtigen.

– Halten Sie beide Hände hierher! rief Lady Digby, indeß sie mit blitzenden Augen sich nach dem Maler umschaute.

Van Dyck gehorchte. Er streckte seine Hände, fein und zart gleich denen einer Dame, über ihren rechten Arm und Lady Venetia füllte sie mit Goldstücken. In dem Augenblicke aber, als er dieselben über ihre Schulter zurückziehen wollte, erhob sich die Dame mit der ihr eigenen Lebhaftigkeit zur Hälfte, um einige noch auf dem Tische liegende Goldstücke dem Maler ebenfalls zu übergeben.

Lady Venetia stieß an Van Dycks Hände und gleich einem goldenen Regen sielen die Guinees herab. Die wenigsten gelangten zur Erde. Es war ihnen bestimmt, kurze Zeit an einem der reizendsten Plätze in ganz Alt-England aufbewahrt zu werden. Schon damals trugen die Damen so tief ausgeschnittene Kleider, daß sie, wie ein ebenso zarter als witziger Deutscher sagte, wie Kleinodien aussahen, die etwas zu weit aus dem Futteral gezogen wurden. Jetzt liegen die Damenkleider fest an Schulter und Nacken; damals waren sie aber weit; der Busen war mit einem steifen, fächerartig sich ausbreitenden Mieder versehen, welches zwar bis zur Höhe des Halses emporstieg, dennoch aber, eben weil es oben weit vorwärts stand, ebensowenig wie ein pariser Ballkleid aus dem Jahre der zweiten französischen Republik irgend eine Schönheit versteckte.

Hinter dieses fächerartige Mieder, welches die Formen der Lady Venetia umschloß, nicht weniger zwischen ihren Nacken und die weiten Rückenfalten ihrer Seidenrobe, fielen van Dyck’s Goldstücke.

– Eine Danaë! bemerte Mr. Carew, als die reizende Dame, ziemlich bestürzt über die Kälte des goldenen Regens, sich erhob.

Der vom Glücke begünstigte van Dyck nahm die Entschuldigungen der Lady Digby mit Heiterkeit an, welche sich zur Zahlung der so unwillkürlich vorgestreckten Summe während der bekannten vierundzwanzigstündigen Frist erbot. Sicher gemacht durch seine Erfolge, spielte van Dyck weiter, und war bald so „glücklich“, auch das letzte Goldstück zu verlieren, welches er besaß. Die Nacht war weit vorgerückt und Graf Arundel, Mr. Killigrew und der niederländische Maler zogen sich zurück, dem Viscount Edgefield und seinen Gegnern das Schlachtfeld des grünen Tisches überlassend.

Als van Dyck nach Black Fryars fuhr, hörte er seinen Namen mit Heftigkeit ausrufen und ungeachtet des scharfen Trabes der Pferde ward der Kutschenschlag aufgerissen und ein schlanker junger Mann voltigirte in das Fuhrwerk herein. Derjenige, welcher auf so unceremoniöse Weise zu van Dyck eindrang, fiel ihm um den Hals und blieb längere Zeit sprachlos.

– Fiamingo! rief van Dyck in italienischer Sprache. Du bist’s?

Carl Fiamingo, einer von van Dycks genuesischen Freunden war’s, der einzige Italiener, welcher sich während van Dycks Anwesenheit in den Niederlanden innig und ehrlich an ihn angeschlossen hatte.

Carl Fiamingo war Maler. Er besaß vielleicht nicht weniger Talent als van Dyck; verstand aber unglücklicherweise die Kunst nicht, seine Leidenschaften in so weit zu mäßigen, um mit Besonnenheit arbeiten zu können. Selten hatte Carl Fiamingo Augenblicke, die er „seine Glanzlichter“ nannte, Augenblicke, in denen er die herrlichsten, kühnsten Schlachtenbilder zu entwerfen vermochte. Fiamingo malte ganz in der breiten Manier der Niederländer; das Talent, welches er besaß, in unglaublich kurzer Zeit mit wenigen Strichen und schroffen Farben ein Gemälde zu vollenden, war wahrhaft einzig. Van Dyck hatte den kaum dreiundzwanzig Jahre alten Künstler aus dem Strudel der Ausschweifungen, worin er versunken war, zu erretten versucht; auf seine Veranlassung hatte Fiamingo Genua verlassen und war nach London gekommen. London aber hatte den heißblütigen Italiener erdrückt; hier eben hatte er sich selbst völlig verloren.

Van Dyck umfing den Italiener. Es war draußen kalt; es regnete weder, noch schneite es. Um desto mehr erschrak van Dyck, als er Brust und Leib des Freundes „bethaut“ fühlte.

– Was ist denn das? fragte er, die Hände abwischend.

– Blut, Signor, Blut! rief Fiamingo. Wäre doch der Stoß besser gewesen; oder hätte ich denjenigen empfangen, den Lord Wenkworth erhalten hat.

Eine kurze Erzählung folgte. Fiamingo hatte mit seinem Busenfreunde, Lord Wenkworth, Streit gehabt. Im Zustande halber Trunkenheit waren Beide dazu gerathen, diese Differenz sogleich auf der Straße mit dem Degen auszugleichen. Wenkworth war von dem verwundeten Fiamingo erstochen. Wollte der Italiener nicht gehenkt werden; so galt es schleunigste Flucht aus England.

Van Dyck hatte seine Fassung wieder erlangt und war entschlossen, den italienischen Maler zu retten. Geld war das Erste, welches nothwendig war. Van Dyck, der unglücklich genug war, eben jetzt nichts zu besitzen, ließ seinen Kutscher augenblicklich wieder nach Holborn fahren . . . Der Palast des Grafen Aremberg war geschlossen.

– Nach Ludgate Hill, Lord Henry Digby! rief van Dyck.

Hier waren wenigstens noch offene Thüren. Van Dyck stieg aus und fragte nach Lady Venetia. Sie kam ihm selbst auf dem Corridor des ersten Stockes entgegen, noch vollkommen angezogen. Augenscheinlich war sie keine fünf Minuten zu Hause gewesen.

– Milady! stammelte van Dyck. Ich rufe Ihren Beistand für einen unglücklichen Freund an, der in dieser Minute von London fliehen muß. Mein schlimmes Glück heute Abend kennen Sie, ich bitte Sie um ein Darlehn von hundert oder zweihundert Guinees.

Und darauf gestand er der Dame, warum es sich heute Nacht handele.

Die Dame kam augenblicklich aus ihrer vornehmen Nachlässigkeit zu einer feurigen Energie.

– Auch ich, mein Herr, bin von diesem Geldwolfe, von Lord Edgefield total ausgeplündert! sagte sie. Es wird aber dennoch leicht Rath werden. Tom! rief sie dem Diener zu, ist Mylord zu Hause?

– Nein; ist gestern Morgen zur Fuchsjagd abgereiset! antwortete dieser.

– Wo ist der Haushofmeister?

Der Geforderte, gerade ein Haushofmeister wie ihn Hogarth in seiner Manage <tt>à la</tt> Mode zeichnete, ein geiziger, felsenehrlicher Murrkopf, erschien.

– Zweihundert Guinees! sagte Lady Venetia kurz.

– Von mir? erwiederte Mr. Leakes sehr ruhig.

Die Dame maß den Alten mit einem flammenden Blicke. Er machte unwillkürlich eine Verbeugung, sagte aber dann flüsternd:

– Milady, ich bin unendlich betrübt, aber ich habe gemessenen Befehl. Ich glaube, Sie werden mir meine Pflicht nicht schwerer machen  . . .  Aber, Seine Herrlichkeit, Mylord Henry Dygby, haben mir verboten, Ihnen, gnädige Frau, außer den hundert Pfunden, die Sie gestern Morgen erhielten, bis zu Mylords Rückkehr auch nur einen Halfpenny auszuzahlen. Haben Sie weitere Befehle, so stehe ich zu Diensten.

Lady Venetia wandte sich erbost und indignirt ab. Sie war völlig erstarrt. Plötzlich schien ihr ein Gedanke zu kommen.

– Folgen Sie mir, Meister! sagte sie lebhaft. Sie werden Geld haben; denn ich erinnere mich, daß Sie mich vorhin zur Danaë machten.

Van Dyck blieb im Vorzimmer. Die Dame eilte in ihr Cabinet und ließ sich rasch auskleiden. Die Schnürbrust nur hielt noch die Goldstücke.

– Einen Augenblick, Elise! rief Lady Venetia. Wir haben keine Secunde zu verlieren. Bliebe ich stehen, so würden die Guinees im ganzen Zimmer umher rollen und wir müßten suchen.

– Guinees? fragte die Alte erstaunt.

– Ja doch!

Damit warf sich die Dame auf ihr prachtvolles Sofa und ließ sich in dieser Lage entkleiden. Die alte Elise raffte das Geld zusammen, um solches, dem Befehle Venetia’s gemäß, dem Maler zu überbringen. Wußte die Dienerin nicht, daß van Dyck in dem Vorzimmer harrte, oder war die Dienerin über der eigenthümlichen Scene verwirrt geworden – genug, sie öffnete eine Seitenthür des Cabinets, welche gleich der Flügelthür ebenfalls ins Vorzimmer ging, und gab auf diese Weise dem harrenden Maler einen vollen Anblick der Schönheit ihrer Gebieterin.

Van Dyck faßte sich bald, nahm das Geld und schied. Fiamingo ward gerettet. Er kam glücklich nach Milano, welche Stadt einige seiner schönsten Schlachtenbilder aufzuweisen hat.

Van Dyck aber konnte von diesem Abende an die Erinnerung an die Danaë nicht aus den Gedanken schlagen, um so mehr, als Lady Venetia es beharrlich verweigerte, ihn zu sehen.

Der Meister gehorchte seinem innern Drange und malte seine herrliche Danaë mit der Alten, wie der Herr des Olymps ihr in dem blitzenden Goldregen naht. Die Danaë und die Dienerin waren herrliche Portraits von Lady Venetia und Mrs. Elise. Kaum vollendet sandte van Dyck das Bild zu der Dame, die er längst heimlich anbetete, mit diesen Zeilen:

– Hat die Kunst Ihre Schönheit zu verewigen vermocht: so wird die Danaë aufhören zu erröthen.

Am andern Tage fuhr die Dame selbst vor dem Palaste des Malers in Black Fryars vor und seit diesem Augenblicke ward die „Danaë des van Dyck“ in dem Prachtsaale Mylord Digby’s für die Bewunderung der hohen Welt frei ausgestellt.
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===Die Brüder. Von C. L. Vogel.===

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Der Schöpfer dieses ausgezeichneten Bildes ist ''Christian Leberecht Vogel, '' ein in der Künstlerwelt oft genannter und geschätzter deutscher Historienmaler. Er ward 1759 zu ''Dresden'' geboren. Sein Vater, welcher bei Hofe angestellt, bestimmte ihn für seine Beschäftigung, obgleich sich bei dem Knaben das entschiedenste Talent für seine Kunst zu regen begann. Noch sehr jung, machte Vogel Aufsehen durch seine Zeichnungen und Malereien, namentlich durch seine Portraits, wie er denn als kaum 12jähriger Knabe sein eigenes Portrait in Pastell vollendete.

Der Hofmaler Schönau ward auf den vielversprechenden Knaben aufmerksam und nahm denselben als seinen Schüler an. Rasch bemächtigte er sich der Elemente seiner Kunst, und begann auf der Kunstakademie zu Dresden mit so glänzendem Erfolge seine Studien, daß ihn die Akademie als ihren Pensionair annahm. Im Jahre 1780 verließ der Künstler Dresden und begab sich nach Wildenfels im Erzgebirge, um die Familie des Grafen Solms zu malen. Erst im Jahre 1804 kehrte er von hier als Mitglied der Kunstakademie nach Dresden zurück, ward in Folge seiner theoretischen Kunstkenntnisse 1814 an derselben Professor und starb den 6. April 1816.

Vogel blieb der ursprünglich von ihm aus einer Art unbewußten Triebes eingeschlagenen ''Richtung, derjenigen des Portraits,'' getreu und versuchte von hier aus seinen Aufschwung in die höheren Regionen der Kunst zu nehmen. Fast alle seine größeren historischen und Genre-Stücke weisen auf diese Portrait-Richtung zurück. Im Portrait war Vogel ausgezeichnet; es war seine Lieblingsbeschäftigung, dergleichen zu malen. Er lieferte daher eine große Anzahl derselben, die sich sämmtlich durch eine ''klare, mehr anmuthige, als scharfe und schlagende Charakteristik'' bemerklich machen.

Unter seinen größeren historischen Stücken verdient das Altarblatt in der Kirche zu Lichtenstein hervorgehoben zu werden.

Eine höchst geistreiche Auffassung, eine leichte und gefällige Anordnung seiner Gegenstände, zeichnet unsern Künstler aus. An ''Zartheit seines Pinsels '' ist er unvergleichlich und seine Zeichnung athmet die hinreißende ''Weichheit '' Raphaelischer Formen. Vogel vermag es aber nicht, sich seiner Individualität zu entäußern, besser, darüber hinauszuschreiten, um sich durch den ''Glanz '' und die ''Macht des Colorits '' über das Anmuthige und Sanfte zu ''erheben. ''

Die ''Perspective '' vernachlässigt Vogel sehr, er ignorirt sie nicht selten. Er scheint es wie absichtlich zu verschmähen, durch umfassende ''Composition, '' oder durch Beiwerk das Interesse des Beschauers zu zersplittern und die Aufmerksamkeit desselben von einigen wenigen Menschengestalten abzulenken, welche ''er mit dem ganzen Reichthum seiner schöpferischen Phantasie ausgestattet hat. ''

Vogel ist, ungeachtet seiner fleißigen Studien, namentlich der italienischen Meister, ''durchaus deutsch '' geblieben.

Das vorliegende Bild, in welchem sich der Künstler vielleicht auf seine höchste Höhe gestellt hat, charakterisirt ihn vollkommen.

Ein ''tiefpoetisches, heimliches, lautloses Leben und Weben, eine Innerlichkeit, '' die sich so zwanglos gestaltet, als sei sie nur durch einen aus tiefster Brust ausgehauchten, seelenvollen Seufzer zum sichtbaren Sein geschaffen, bewundern wir namentlich in diesem Bilde Vogels.

Ein unendlicher Reiz ist über die beiden Kinderfiguren ausgegossen. Das ist nicht blos die Idylle, die blauäugige, engelsanfte, fesselnde, deutsche Göttin Vogels! Hier erkennt man durchaus ''dichterisches '' umfassendes Ergreifen des Lebens, seinem vollen Inhalte nach. Man findet hier nicht nur das außerordentlich entwickelte Talent eines Künstlers – und in der That kommt Vogel selten hierüber hinaus – sondern es läßt sich hier eine ''geniale Composition '' nachweisen und eine solche, welche aus dem wahrsten Wesen Vogels und aus ''seiner Grundrichtung, dem Portrait, geradewegs hervorging, '' und daher mehr als ganze Reihen seiner übrigen Bilder für ihn und seinen Gehalt Zeugniß ablegt.

Diese „Brüder“ nämlich '''könnten''' Portrait sein, so unmittelbar schließt sich die hier hervortretende künstlerische Conception Vogels an das nicht blos wahre, sondern wirkliche Leben an. ''Sie könnten es sein, sinds aber nicht.'' Es finden sich hier keine zufälligen – schlechten – Besonderheiten, kein Eigenthümliches – als höchstens der deutsche Nationaltypus – es findet sich kein Apartes, wodurch das Portrait in seiner niedern, dem universellen Zenith als blos individueller Nadir gegenüberstehenden, Richtung befangen bleibt.

In den Brüdern sind die ''Individuen zu Trägern des allgemeinen Begriffs hindurchgedrungen,'' ohne daß jedoch das Individuelle diesem Begriffe ''aufgeopfert wäre.''

Vogel hat in seinen „Brüdern“ keine bloßen Kinder, sondern das ''Kindesalter,'' die ''erste Jugend'' gemalt. Eben durch den großartigen Inhalt dieses in die Welt der Gestaltung getretenen Begriffs, eben durch die Macht dieser hier vollständig zur Erscheinung gekommenen Idee besitzt dieses Bild – in seinem von aller Symbolik entkleideten wahren Leben – eine fesselnde, bezaubernde, unterjochende Gewalt.

Die Brüder sind ''kein'' Idyll mehr, nur das im ewigen Frieden und waffenlos Bezaubernde des Idylls zeigt sich als ein Attribut desselben. Dieses sich ''selbst genügende, wahrhaft paradiesische Sein, der mährchenhafte Beginn des zum Bewußtsein sich hinkämpfenden Menschenlebens,'' steht hier eben in seiner reizenden ''Hülflosigkeit und Waffenlosigkeit,'' eng an das höchste Leben, an die Liebe gebunden, den übrigen Phasen des menschlichen Daseins überwältigend, siegreich gegenüber.

Es ist die ewige nur in der Kindheit sich abspiegelnde Mythe einer goldenen Zeit, die unverlöschbare Geschichte vom Garten Eden, ''die Jeder sich als letztes Ziel setzt, eben weil sein Ursprung darin wurzelt.''

Schaut diese Brüder an, mag es ein Greis, mag es Mann oder Weib, Jüngling oder Jungfrau sein! Sobald der erste, durch das blos Aeußerliche einer vollendeten Formenschönheit bewirkte, Zauber einen Wunsch aufkommen läßt, so zeigt er sich bei Jedem in dem Gedanken: ''Wäret Ihr Kinder doch die meinigen! Euch, Euch möcht ich als mein eigenstes Eigenthum besitzen!''

Ein ergreifend poetischer, wehmüthiger Gedanke! Du willst, nach der Bedeutung des Bildes, welche wir vorhin herauskehrten, nicht etwa ''diese Kinder selbst,'' Du willst die ''Kindheit,'' '''Deine Kindheit, Dein Eden, Dein Paradies''' in ihnen besitzen, welches Dir rückwärts entschwand, während Du dasselbe vorwärts noch nicht zu fassen vermagst! Die vollkommene Glückseligkeit, die göttliche Existenz, die Du nie wieder als nur in Hoffnung in der wirklichen Welt erreichen wirst, die Dir dann noch unerreichbar ist, wenn das Auge zum letzten Schlummer sinkt!

Deutest Du jetzt, sinniger Beschauer, den unendlichen Reiz dieser Kindergruppe?

Der allgemeine Gehalt zwar, wozu sich der liebenswürdige Künstler in diesen „Brüdern“ aufschwang, kann, auf Dich selbst bezogen, ''unendlich variiren. '' Immer aber wird er Dich fesseln! Er kann lieblich, sanft, rührend, elegisch sich in Dein Leben voll edler, freier, menschlicher Anstrengungen und Genüsse schlingen! Eben seines göttlichen Genügens wegen wird dieser Inhalt aber gepanzert in schreiendem Contrast mit der Wirklichkeit sich dem von widerwärtigen, blos materiellen Interessen bewegten Leben mit scharfer Kante gegenüberstellen, und entweder ein bitteres Zürnen mit der wirklichen Umgebung oder melancholische Trauer veranlassen, bis die in dem Gedanken des jenseitigen Gartens der ewigen Jugend liegende Tröstung und Erhebung sich geltend zu machen vermag!

Wir wollen es nicht versuchen, in unsern Reflexionen über dies Kunstwerk wieder einen Rückschritt zu machen, um von diesem Punkte aus das Bild auf ein ''Besonderes zurückzuführen, '' das heißt hier: auf den Grund des Gemäldes hin die ''Bedeutung der Kindheit dem bewußten Leben gegenüber in einer novellistischen Skizze individuell und apart zu fassen. ''

Wir wollen den Eindruck des Bildes dadurch nicht '''beschränken.''' Wir übergeben vielmehr das Blatt – welches auf äußerst gelungene Weise das Colorit des Originals andeutet – nur mit dem Wunsche, daß dasselbe erhebend, besänftigend, veredelnd das Gemüth des Beschauers berühren möge! Und das ist bei Naturen, die für das rein Geistige, wie für das zur Idee hindurchgedrungene Materielle, ''also für die Schönheit, '' Sinn und Empfindung haben, unfehlbar . . .

Deuten wir aber zum Schluß noch auf den Umstand bin, daß das Bild des ältesten Knaben die geistvollen Züge des Sohnes des Meisters, des jetzigen Herrn Vogel von Vogelstein, eines Sternes am deutschen Kunsthimmel, zeigt: so möchte dadurch Manchem ein interessantes Feld von Betrachtungen geöffnet sein.
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===Der Wildprethändler. Von Gabriel Metzu.===

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Tom Bosch war im Jahre 1632 das schönste Edelgut in der Umgegend des alten Lugdunum Batavorum, Leydens. Wenige Bewohner dieser Stadt mochte es damals geben, welche von keiner Wallfahrt nach dem Gute des „stillen Edeljonkers“ zu erzählen wußten. Tom Bosch lag etwa drei Stunden von Leyden, den alten Rhein hinaufwärts. Das Schloß selbst war in der niedrigen, breiten, niederländischen Manier gebaut und zeigte vorn ein ziemlich festes Thor mit einer alten Zugbrücke, die über den sehr breiten und tiefen Schloßgraben ins Innere der Besitzung führte. Vom Schloßhofe aus sah man die sämmtlichen Gebäude, das Herrenhaus, die prachtvollen Viehställe und Scheuren in einem unregelmäßigen Viereck um sich. Hier war noch das Altholland, wie es etwa im Jahre 1432 war. Die Pietät gegen die alten Herren hatten dem jungen Besitzer nicht erlaubt, an diesen ehrwürdigen, malerischen Gebäuden mit den weit überstehenden Dächern und endlosen Gallerien ringsum etwas zu verändern.

Ein damals modisches Paradies that sich aber auf, so wie man den mit bemalten Thonstücken gepflasterten Flur des Herrenhauses durchschritten hatte. Hier öffnete sich ein reich vergoldetes künstliches Gitter von Eisen, und ein Blumengarten nahm den Besucher auf, welcher selbst den Apathischsten der apathischen Holländer in lebendiges Entzücken versetzte. Beet reihte sich an Beet, rechts und links vor der Sonne blitzten die venetianischen Spiegelscheiben von zwei ungeheuren Treibhäusern, und wohin das Auge blickte, begegnete ihm eine hundertfarbige Pracht von Blumen, wovon die meisten ihre hundert und tausend Goldgulden kosteten. Dieser übrigens nicht große Blumengarten hieß das Rad. Seine mit schneeweißem Sande bestreuten Wege waren so kunstvoll und verschlungen angelegt, daß man, wollte man nicht unverrückt entlang der Gewächshäuser spazieren, genau eine halbe Stunde gehen mußte, um durch die, dem Schloßgitter gegenüberliegende Pforte in einen kleinen Wald zu gelangen. Man kann sich kaum das behagliche unendliche Vergnügen denken, mit welchem die Mynheers und ihre „Frouwen“ und Kinder die Windungen dieses bizarren Weges langsam durchmarschirten, um regelrecht in den Wald zu gelangen, der keinen Steinwurf weit entfernt war. Das Talent des Mynheers tom Bosch hatte in diesem blumengeschmückten Irrgarten das Geheimniß gefunden, durch die Nationaltugend, die unsägliche Geduld seiner Landsleute, ihnen einen unvergleichlichen Genuß zu verschaffen.

Den Eingang in den kleinen Wald bewachte eine Gruppe von sandsteinernen Wassergöttern, welche eine grünliche Fluth aus ihren Muscheltrompeten in ein steinernes Becken bliesen, in welchem eine große Anzahl von Goldfischen erschrocken schwamm. Dann kamen einzelne Gruppen großer und einige Alleen kleinere Bäume, nach dem Lineal und Winkelmaaß von acht Fuß hohen, mauerähnlichen grünen Hecken durchkreuzt. Hier waren Sitze, Eremitenklausen, Miniatur-Schäfereien, auch einige Statuen, ein Teich mit einem kleinen Kriegsschiffe, und um die Wunder voll zu machen, so sangen Canarienvögel und Dompfäffchen, Staare, Amseln und Papageien in den vergoldeten Käfigen, die zwischen den Zweigen der Bäume aufgehangen waren. Die Eremitage war die zarte Maske für eine Niederlage des vortrefflichsten Bieres, welches ein als Türke gekleideter, alter Holländer für wenige Stüber ausschenkte; in der Schäferei konnten die Damen Milch und Thee und Kaffee von einer Schweizerin erhalten und das schöne Kriegsschiff war im Innern ein kleines Magazin, wo sich die Mynheers umsonst ihre thönernen „Pipje’s“ stopfen und anbrennen konnten. Kurz, es war dies hier wahrhaft der holländische Garten Eden, nach welchem man, namentlich von Leyden aus, wirkliche Wallfahrten anstellte.

Der Besitzer dieser Herrlichkeiten ließ sich sehr selten vor den Gästen sehen, die Sonntags sehr zahlreich zu kommen pflegten. Reginald tom Bosch war etwa dreißig Jahre alt, unverheirathet und lebte so eingezogen, daß er überall, wie wir schon sagten: „Der stille Edeljonker“ genannt wurde. Man erzählte sich von ihm allerlei Seltsamkeiten. Sicherlich waren die meisten dieser seltsamen Eigenheiten dem Schloßherrn angedichtet. Durch diesen Umstand jedoch wurde das Vergnügen der Gäste, welche sich von dem sonderbaren Edeljonker erzählten, durchaus nicht vermindert und das heiße Verlangen, ihn irgendwo im Garten schlau zu erwischen, oder ihn am Fenster im Schlosse zu sehen, um nichts herabgestimmt. Da indeß diese letzten Wünsche regelmäßig nicht in Erfüllung gingen: so setzten sich die Mynheers in die Eremitage, tranken Bier, sprachen von Tulpen und Canarienvögeln, von Statuen und Fontainen, von Constantinopel und der Türkei, bis sie am Ende den alten türkischen Mundschenken doppelt erblickten und ihre Gedanken rundum gehen fühlten, als wären dieselben in dem Irrgarten des stillen Junkers eingesperrt.

Was diesen betraf, so war so viel außer Zweifel, daß er vor etwa zehn Jahren sich heftig in eine junge Bäuerin verliebte. Seine alte Mutter hatte vergebens Alles versucht, um ihn von diesem Mädchen zu trennen. Statt der Antwort schwur Reginald, daß die schlanke Jantje-Doortje sicherlich seine Frau werden würde. Die alte Dame tom Bosch aber ward todtkrank und kurz vor ihrem Ende vermochte sie ihren Sohn zu dem feierlichen Versprechen, die verhaßte Doortje aufzugeben. Sobald Reginald sich von der Betäubung, in welche der Tod seiner Mutter ihn versetzte, erholt hatte, fiel ihm sein Versprechen mit drückender Schwere aufs Herz. Er wagte nicht, sein der Todten gegebenes Wort zu brechen, ward sehr tiefsinnig, ging zur See, fand, als er zurückkehrte, seine geliebte Doortje vor Gram ebenfalls gestorben und fing nun an, förmlich das Leben eines Einsiedlers zu führen. Einige Verwandte im Haag suchten ihn diesem Hinbrüten zu entreißen, indem sie ihn nach vieler Mühe bewogen, für die Regierung der Niederlande eine Reise nach dem Morgenlande zu machen. Reginald tom Bosch reiste wirklich mit seinem Diener, dem späteren Mundschenken in der Eremitage seines Parkes, ab nach Constantinopel und Ispahan, und kam erst nach acht Jahren wieder zurück. Er legte den Irrgarten, ein Bild seines Innern vielleicht, an, öffnete tom Bosch den frohen Gästen, war selbst aber einsilbiger und zurückgezogener als je. Namentlich durfte in seine Gemächer kein Frauenzimmer dringen und begegnete er einer seiner Dienerinnen, so konnte sie sicher sein, daß Reginald ihr finster den Befehl zuwinkte, sich zu entfernen, damit er seinen Weg fortsetzen konnte.

Reginald war ein sehr hübscher Mann. Die Sonne des Morgenlandes hatte ihn dunkler gefärbt, als selbst die Matrosen in Rotterdam es waren; sein Haar war, ganz gegen die niederländische Mode damaliger Zeit, kurz vom Kopfe geschoren, dagegen hatte er einen vollen Bart, wie ihn sicherlich der Schah von Persien nicht schwärzer und länger besaß. Die Bauern hatten von diesem Barte Anlaß genommen, den Junker den „schwarzen Ruprecht“ zu taufen. Sein Diener, eben der alte „türkische“ Jan, halte sich veranlaßt gesehen, seinem Herrn diese Neuigkeit getreulich zu überbringen. Sonst hatte Reginald die über ihn umlaufenden Gerüchte mit unerschütterlicher Seelenruhe vernommen. Als ihm dieser neue Ehrentitel aber insinuirt wurde, stand er heftig auf, setzte seinen persischen Turban ab, ergriff seine seit lange in Ruhestand versetzt gewesene Karbatsche und prügelte den alten Türken-Jan erbarmungslos durch.

Sonderbarerweise hatten diese Karbatschenhiebe bei weitem auffallendere Folgen für den, der sie verabreichte, als für den, der sie empfangen hatte. War dem stillen Junker diese ungewöhnliche Bewegung in Hinsicht auf sein körperliches Befinden so ungemein heilsam gewesen, oder war er dadurch, daß er den Alten bearbeitete, seines Ingrimmes, den er so lange mit sich herum trug, ledig geworden, so daß er im Innern Luft bekommen hatte, oder hatte dieser Zorn, der Reginald ergriff, vermöge der bewirkten körperlichen und geistigen Erschütterung bei ihm eine Art von Krisis in seiner Gemüthsverstimmung vertreten – gleichviel: der Junker war seit dem Karbatschentage ein Anderer geworden.

Er ging in seinem Garten und Parke spazieren, statt sich zu verstecken, und zwar Sonntags, wenn die meisten Gäste anwesend waren, am liebsten. Er unterhielt sich zwar mit Niemand; doch grüßte er die Damen mit ritterlichem Anstande und großer Freundlichkeit, statt wie sonst finstere Grimassen zu machen. Seine halborientalische Tracht hatte er abgelegt. Die Fremden konnten ihn nur an seinem großen Barte und daran erkennen, daß er, wenn er in dem Irrgarten war, immer über die Beete von einem Wege zum andern sprang, was keiner der Gäste sich je erlaubt haben würde.

Diese Periode in dem Benehmen des Junkers tom Bosch war gewiß eine sehr liebenswürdige. Kaum aber hatte seine Dienerschaft sich zu dieser Veränderung Glück wünschen können, da trat ein neuer Umschwung bei ihm ein, unausstehlicher, als sein ganzes vorheriges Treiben. Er hatte an keinem Flecke Ruhe mehr, quälte seine Umgebung mit den widersprechendsten Befehlen, reiste häufig nach Leyden und kam jedesmal unglücklicher, als er gewesen war, wieder zurück. In gleicher Zeit fing Reginald an, türkische Verse zu machen; denn in den acht Jahren seiner Abwesenheit hatte er es ziemlich verlernt, sich im Holländischen mit Geläufigkeit auszudrücken. Der Türke Jan machte es ausfindig, was Mynheer Reginald fehlte: er hatte sich verliebt und zwar mit einer Heftigkeit, die in Anbetracht selbst seiner Liebe zu der schönen Jantje-Doortje unerhört war.

Unter den Damen, welche von Leyden kommend, sein Paradies zu besuchen kamen, hatte Mynheer Reginald eine gefunden, deren Schönheit ihm die so schwer wiedererlangte Besinnung fast vollständig geraubt hatte. Zweimal war diese Schöne in tom Bosch gewesen und jedes Mal hatte sie eine ehrwürdige alte Dame zur Begleiterin gehabt. Statt sich in die andere Gesellschaft zu mischen, hatten sich diese Unbekannten an eine heimliche Stelle des Parks gesetzt und waren nicht müde geworden, einen dicht neben ihnen im Käfig hüpfenden Gimpel zu bewundern, welcher ungemein sanft die Melodie des lebensfrohen Freiheitsliedes: „Rasch siebenzehn Provinzen“ ohne Anstoß sang. Reginald hatte sich ihnen zu nähern gesucht; er wollte den Damen die ganze Vortrefflichkeit des kleinen Sängers anschaulich machen, um wenigstens ein Wort, ein Lächeln, einen Dank vielleicht von der Schönen zu ernten; noch mehr, er wollte ihnen seinen Liebling auf zarte Weise schenken – vergebens; er konnte nicht den Muth finden, hinter seiner Taxushecke hervorzutreten. Weinend fast sah er die Fremden sich erheben, durch den Irrgarten wandeln und im Schloßhofe ihr geschmackvoll gebautes und noch schöner bemaltes kleines Fuhrwerk besteigen. Augenblicklich ließ auch er sein Pferd satteln und, von dem Türken-Jan gefolgt, zog er fast gleichzeitig mit ihnen in Leyden ein. Gewiß hätte er die Wohnung seiner unbekannten Göttin erkundet, wenn ihn sein unglückliches Pferd, durch einen Trupp muthwilliger Studenten erschreckt, nicht am Thore höchst unsanft abgesetzt hätte. Mynheer Reginald sah sich genöthigt, sich in einen Wagen packen und sofort wieder nach seinem Schlosse zurück führen zu lassen. War sein Sturz wirklich so bedenklich gewesen, oder hatte sein Aerger über den Unfall die Folgen desselben verschlimmert, – genug, der Junker blieb für längere Zeit an sein Zimmer gefesselt.

Er sah sich also genöthigt, sich wegen der Auffindung seiner Herzenskönigin auf seine Abgesandten zu verlassen. Der Türken-Jan hatte durch zwei seiner Entdeckungsreisen, von denen er nichts als die langen Gastrechnungen aufzuweisen hatte, seine totale Unfähigkeit bewiesen. Der Alte war indeß nicht ganz so einfältig, um nicht periodisch einen oder den andern guten Gedanken zu haben. Eines schönen Morgens brachte er einen Mann in einer großen Blouse, mit einer Pelzmütze und nackten Knieen in das Zimmer des Verliebten und stellte ihn Reginald als Mynheer Matthies vor. Matthies war fast eben so alt, als der Türken-Jan; seine kluge Miene, durch sein weißes Haar und einen schönen Bart von derselben Farbe noch gehoben flößte dem Junker sogleich ein großes Vertrauen ein.

– Mynheer tom Bosch, sagte Jan, hier habe ich endlich den Mann, den Sie gebrauchen; Matthies kennt alle vornehmen Herren und Damen in ganz Leyden.

– Wie kommst denn Du zu solchen Bekanntschaften? fragte Reginald halb ungläubig, den Alten musternd.

– Mynheer; ich gehe jede Woche zwei Mal nach Leyden und sitze unter dem trockenen Baume dicht hinter dem Rathhause, wisset Ihr . . .

– Den Teufel weiß ich! rief der Junker.

– Und da kommen die schönen Frauen und Mädchen zu mir . . .

– Zu Dir?

– Ja, und holen mir meine Hasen und Rebhühner, meine Rehe und Schnepfen und Krammetsvögel und dann die lieben wilden Enten ab.

– Was bist Du denn?

– Ein Wildprethändler, Mynheer.

– Ah so; Du bist der Schurke, welcher den Wilddieben Alles abkauft, was sie in meinem Jagdrevier gestohlen haben! Aber gleichviel; machst Du mir die Dame ausfindig, die ich meine, so will ich Dir auf ein ganzes Jahr und umsonst die Benutzung meiner großen und kleinen Jagd abtreten.

Matthies’ Augen fingen an zu leuchten.

Reginald fing jetzt an, dem Wildprethändler die Unbekannte zu beschreiben.

– Sie ist von mittlerer Größe und hat das zarteste Gesicht, welches ich je sah. Ihr Haar ist braun, die Augen blau, und wenn sie lächelt, was sie sehr oft thut, so, merke drauf, so glänzen die Augen auf eine unbeschreiblich anmuthige Weise . . . Verstehst Du mich?

– Ja so ziemlich; aber ich hörte lieber, wie sie angezogen ist, Mynheer; da hätte man etwas Untrüglicheres.

– Sie hat eine seidene Flügelhaube und eine Jacke mit weißem Pelz besetzt; warte einen Augenblick . . . und eine schwarze Tasche mit silbernem Schloß; auch eine Schürze von Nesseltuch . . .

Matthies fuhr sich höchst unbefriedigt mit der Hand durch sein dichtes Haar.

– Nun? fragte tom Bosch gespannt.

– Mein lieber Herr Junker . . . aber so sind die Damen fast Alle, Alle! erwiderte der Wildprethändler.

– Mynheer, wenn Ihr nicht böse werden wollt, sagte der Türken-Jan, so weiß ich noch ein gewisses Kennzeichen. Die Dame hatte einen weißen, schwarzgefleckten kleinen englischen Wachtelhund bei sich.

Matthies stieß einen freudigen Ausruf aus.

– Ist das der Hund, welcher die Leute beißt, derselbe, welcher mir immer meine Hühner und Enten im Korbe todt machen will? Doch das wißt Ihr ja nicht, Mynheer! Aber ohne mich zu rühmen, will ich fast behaupten, daß dann Eure Dame eine meiner besten Kunden ist.

Und nun fing Matthies seinerseits an, die Fremde zu beschreiben. Reginald erkannte die Geliebte in der Schilderung des Alten so sicher wieder, daß er befahl, sofort anzuspannen, um nach Leyden zu fahren. Matthies hatte die helle klare Stimme der Schönen gerühmt; er hatte darauf geschworen, daß die, welche er meinte, Ohrgehänge von großen glänzenden Perlen in der Form eines Kreuzes trage, und namentlich dieser letzte Umstand ließ Reginald nicht mehr zweifeln, daß er endlich am Ziele stehe.

Mit dieser Gewißheit schien ihn sein bisheriger Muth durchaus zu verlassen. Der Junker hielt mit den beiden Alten einen großen Rath, wie es am geeignetsten anzustellen sei, daß er sich dieser Dame nähere. Matthies ward dazu ausersehen, die Zusammenkunft des Junkers mit der Fremden einzuleiten. Reginald ließ vor allen Dingen seinen Dompfaffen, welcher von den „siebenzehn Provinzen“ sang, holen, den schönsten seiner Puterhähne auf dem Hofe einfangen und fügte noch einen allerliebsten goldweißen Hahn hinzu. Matthies nahm diese Thiere in Empfang, holte seine Körbe, nahm noch einen feisten Rammler und eine gerupfte Gans aus eignen Kräften zu sich und packte Alles auf den eleganten Wagen des Junkers. Matthies und der Türken-Jan setzten sich auf den Bock und der Junker kroch in den Kutschenkasten, mit großer Selbstverleugnung das Zwitschern des Dompfaffen und das scheue Geschrei des Hahnes anhörend und sich mit dem eigensinnigen, kollernden Puterhahn, welcher stete Angriffe auf ihn riskirte, abquälend. Schneller als diesmal war der Wildprethändler sicher nie nach Leyden gekommen. Matthies nahm seinen Platz am Rathhause, unweit eines Kanals ein, Reginald drückte sich in eine Ecke hinter einen Vorsprung des dunklen Gemäuers. Der Wildprethändler war bald von einigen Gruppen von Frauen umgeben, welche entweder den Puter oder den Hahn und den Hasen, alle aber den Gimpel kaufen wollten, dessen Käfig an einem Zweige des verdorrten Baumes hinter dem Rathhausfenster aufgehangen war. Man wurde nicht müde, den singenden Vogel zu bewundern.

– Ist schon Alles verkauft! brummte Matthies höchst gleichmüthig auf die beträchtlichen Summen, welche ihm für seine Herrlichkeiten angeboten wurden. Sehr mißmuthig entfernten sich endlich die Käuferinnen.

Endlich kam über die Kanalbrücke eine jugendliche reizende Gestalt, von einem lautbellenden Hündchen begleitet.

– Mynheer! murmelte Matthies, sich rückwärts wendend.

– Sie ist’s! Sie ist’s! stöhnte Reginald und zitterte wie im Fieber.

Jetzt kam die Dame um die Ecke des Rathhauses und blieb verwundert vor dem Wildprethändler stehen, als das Dompfäffchen mit den zierlichen Verbeugungen, welche diese Thiere während des Singens zu machen pflegen, ihr seine Melodie entgegenschmetterte.

– Da seid Ihr, Myvrouw; rief Matthies freudig, indeß er den schreienden Hahn aus dem Korbe nahm und ihn der Schönen präsentirte. Dies Hänschen und mein Puter und der Gimpel? Wie? Heute werde ich wahrlich eine goldene Tasche lösen!

– O, sagte die Dame, an ihren schönen Fingern zählend, mit nachdenklicher Miene, das wird mir viel, viel zu theuer sein. Ich begreife Euch heute nicht. Dieser unvergleichliche Vogel – ist er nicht aus dem Bosch, aus dem Garten? Wie kommt er in Eure Hände? Und ich müßte mich sehr irren, wenn ich den Calecuter nicht auch auf dem Schloßhofe dort gesehen hätte.

– Ihr habt Recht, schöne Jungfrau. Aber laßt Euch sagen: ich bin blos hier, um Euch diese Thierchen anzubieten; handeln aber müßt Ihr mit dem da, mit dem Edeljunker tom Bosch selbst! He, Mynheer, wo seid Ihr denn?

Reginald hatte keine Wahl, so gern er sich in diesem Augenblicke in das innerste Kämmerlein seines Schlosses gewünscht hätte. Sehr ungraziös und verlegen stand er seiner Angebeteten gegenüber und bemühte sich, einen erträglichen Grund zu finden, um der Dame seine Geschenke anzubieten.

Eben jetzt kam ein schön gekleideter Manu über den Platz daher geschritten, das lange Haar im Winde wallend, den mächtigen Federhut weit aus der geistreich geformten Stirn gerückt. Er sah die Grupe vor sich mit breitem, offenem Lächeln an.

– Ach, Mynheer, sagte er zu Reginald, indeß er die Dame mit leichtem Kopfnicken grüßte, würdet Ihr hier wohl einen Augenblick zu mir treten, damit ich mein Bildchen, welches ich vorhin begann, vollenden kann. Ich bin der Maler Gabriel Metzu.

Reginald trat zur Seite und sah jetzt, daß der Maler ein Kärtchen und einen Bleistift in der Hand hielt und mit großer Schnelligkeit die Umrisse der Scene vollendete, wie Matthies der Dame den Hahn vorhält.

– So, jetzt geh und steh immerhin wie Du willst, Anna! sagte Metzu, seine Skizze einsteckend.

Tom Bosch ward bleich wie der Tod.

– Ihr, Ihr, stammelte er, den Maler fest am Mantel fassend, Ihr kennt diese Dame so genau?

– Wie sollte ich nicht? Es ist die Schwester meiner Hausfrau, Mynheer.

– Gott sei Dank! Also nicht die Hausfrau selbst.

– Aber, wäre denn das ein solches Unglück, wenn sie es nun wäre? fragte Metzu, hell auflachend.

– Ja, Mynheer, ja! brach Reginald aus. Es wäre mein Tod gewesen, denn ich, ich liebe Eure Schwägerin bis zum Wahnsinn.

– O, o! und wer seid Ihr denn?

– Ich bin der Edeljunker tom Bosch.

Metzu besann sich einen Augenblick. Dann erwiderte er:

– Mynheer, ein solches Capitel läßt sich nicht wohl auf dem Markt am Rathhause besprechen. Ist’s Euch recht: so lade ich Euch in meine Wohnung ein.

– Ich werde aber nicht gehen, ohne diesen Dompfaffen und diese Hähne mitzunehmen . . .

Matthies schleppte den Herren die Käfige und den Puter nach. Anna war tief beschämt entflohen. Sie mußte aber doch Ursache gefunden haben, dem Edeljunker zu verzeihen; denn nach etwa einem halben Jahre zog sie an der Seite ihrer Verwandten als die Edelfrau tom Bosch in das holländische Paradies ein.

==22. Heft.==
===Das Fest des Ahasverus. Von Paul Rembrandt.===

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In dem „das Fest des Ahasverus“ genanntem Bilde besitzen wir eine der umfassenderen Compositionen Rembrandt’s van Ryn. Sah man nur seine, die täuschendste Naturwahrheit ahmenden, charakteristischen, hochpoetisch aufgefaßten Portraits: so erkennt man, wenn man das unvergleichliche Helldunkel, bei welchem meist das Licht in die Schatten spielt, wegdenkt, den Meister kaum wieder. Ein gewisser düsterer Ernst, der seine Portraitauffassung charakterisirt, verschwindet in seinen historischen Gemälden vor einer unklaren, ungeordneten Phantasie jedesmal um so auffallender, als die Zahl der Figuren seiner Gemälde sich vergrößert. Selten hat der Maler in figurenreichen Bildern durch einen glücklichen Wurf erreicht, was ihm im Grunde an Kunst der geschmackvollen Composition abgeht, und in solchem Falle möchte immer sein Stoff, wie etwa derjenige der „bewaffneten Bürgermiliz von Amsterdam“, genau seiner komischen, bizarren und phantastischen Eigenthümlichkeit entsprechen. Wo Rembrandt anfängt zu componiren, stellt sich, statt der klaren Uebersicht der Gruppen und des Verständnisses einer zusammengeschlossenen Handlung, Verworrenheit dar und nur in einzelnen Partien gelingt es ihm, durch künstlerische Anordnung das Interesse des Beschauers zu fesseln. Rembrandt’s gänzliche Abwendung vom Idealen in der Zeichnung seiner Köpfe und Figuren, der unverkennbar holländische Typus seiner Gestalten stehen im eigenthümlichen Contraste zu den Ideen, welche er in seinen historischen Gemälden zur Erscheinung zu bringen strebt.

Glänzender aber als auf seinen, wenige Figuren enthaltenden Stücken zeigt sich bei seinen größeren Gemälden die merkwürdige, unvergleichliche Kunst Rembrandt's in der Beleuchtung und Färbung. Ueber den Reizen seines Helldunkels vergißt man fast die Alltäglichkeit der Physiognomie, die selten tadelfreie Zeichnung seiner Gestalten, welche indeß immer voll Leben und ausdrucksvoller Bewegung sind.

Eines derjenigen Bilder, welches diesen sonderbaren Genius in seinen ganzen Eigenthümlichkeiten zeigt, ist das Fest des Ahasverus. Der Stoff ist ein biblischer und dem Buche Esther, namentlich dem zweiten Cap. desselben, Vers 17. 18., entnommen. Ahasverus, welcher seinen Fürsten und Reichswürdenträgern ein prunkendes Mahl und Feste bereitete, die hundert und achtzig Tage währten, fühlte sich von der Weigerung seiner Königin, am Tische der Männer neben ihm zu erscheinen, so empört, daß er die Königin verstieß. Die schönsten Jungfrauen von Persien und Medien wurden auf seinen Befehl ihm darauf zugeführt, um aus den Mädchen eine neue Sultanin zu erwählen. Dies Glück traf die ''schöne Esther,'' eine Tochter des unterdrückten jüdischen Volkes, welches zu Susa und im ganzen Königreiche in der Sklaverei schmachtete.

Rembrandt’s Bild stellt das Fest vor, welches Ahasverus veranstaltete, um den Großen seines Reichs die neue Königin im vollen Glanze ihrer Würde vorzuführen. Sie thront, mit der Krone und mit reichem Schmucke versehen, neben dem mit Blumen bekränzten Herrscher an der Spitze der Tafel und ringsum zeigen sich an den Theilnehmern des Festes bereits die beseligenden Kräfte des kredenzten Weins. Ein Paar im Vordergrunde, auf schwellende Divans gelagert, küßt sich; gegenüber am Tische sucht ein Mann seiner Nachbarin, einer verschämten, jungen Frau, in einem goldenen Becher die Gabe des Bacchus mit Gewalt einzuflößen. Außer einem alten Weibe im Vordergrunde, welches das Tischtuch emporhebt, um – echt holländisch und Rembrandtisch zugleich – dessen Feinheit und Muster mit verächtlichem Auge zu prüfen, ist die linke Partie des Bildes unwichtig. Mehr interessirt ein silberner, blumenumgebener Tafelaufsatz vor der „schönen“ Königin, die, wie eine holländische Dorfbraut, mit über der Taille aufgelegten Händen und aufgelöstem Haar gleich einer sehr dicken Christmarktspuppe dasitzt.

Dieser Tafelaufsatz ist ebenfalls von holländischer Erfindung; in der Mitte desselben steht eine Art von Gefäß, wahrscheinlich den Mundbecher des Königs vorstellend; eine Form, welche einem gewundenen, oben und unten abgeschnittenen dicken Rebenstamme gleich sehen kann. Ahasverus selbst liegt halb auf seinem „goldbelegten, auf Marmorsäulen stehenden“ Throne und zwar auf goldgestickten Teppichen. Sein aufgelöstes, blumengeschmücktes Haar erinnert an den Schmuck Nero’s bei seinen Orgien in Bajae. Hinter dem Throne des Königs schließt sich eine ausdrucksvolle, aber deßhalb doch sehr schwer zu erklärende Gruppe zusammen. Der König zieht seinen Ring vom Finger und sagt einem alten, aufmerksam zuhörenden Weibe hinter dem Throne etwas sehr Wichtiges: denn ein Kämmerling – wahrscheinlich nach seinem verschmitzten, boshaften Gesichte der „böse Hamann“ – legt den Finger und zwar den Daumen auf den Mund, zum Zeichen, er werde nichts ausplaudern, indeß zwei Musikanten im Hintergrunde eifrig einige Worte zu erlauschen streben. Ein dicker Eunuch mit federgeschmückter Kappe schmunzelt rechts; ein gleichgültiges Dienergesicht zeigt sich neben ihm.

Die ganze Composition des Gemäldes entbehrt eines hervortretenden Gedankens. Das Einzige, was man unzweifelhaft errathen kann, ist der Befehl des Königs an seine Vertrauten, das Schlafzimmer der neuen Königin in Bereitschaft zu setzen. Die feierliche, offizielle Hochzeit scheint erst heute gefeiert zu werden.

Dies so inhaltleere, ganz das eigenthümlichste Gepräge Rembrandtischer Erfindung tragende Gemälde ist dagegen von einer Pracht der Malerei, welche unvergleichlich genannt werden muß. Streiflichter von außerhalb des Bildes treffen die Partien links; die Vordergruppe zeigt sich im tiefsten Schatten, weil jenseit derselben auf der Tafel – dem Beschauer jedoch unsichtbar, – das Licht steht, wodurch die Königin so hell angestrahlt wird, daß das Auge zu ihr, als dem Mittelpunkte des Gemäldes, immer wieder zurückkehrt. Dem Könige hat Rembrandt nach seinen sonderbaren Einfällen, da er ihn halb in Schatten hüllte, sicherlich nur ein secundäres, halbes Interesse bereiten wollen. Vorn im Bilde steht ein goldener Kühlnapf mit einer Weinkanne drin und hinter dem Glanzpunkte des Bildes, der Esther, sieht man eine hell beleuchtete Tapete, genau mit den Mustern der Brüsseler und Antwerpener goldgepreßten Ledertapeten des siebzehnten Jahrhunderts versehen.

Abgesehen von der unübertrefflichen Technik des Meisters, wodurch er die siebzehn Theilnehmer des Festes auf frappante Weise von einander zu halten weiß, abgesehen von dieser Färbung, welche fast zaubergleich wirkt, steht es um das Costume, welches er anwandte, so wie um das Charakteristisch-Altpersische des Ganzen äußerst bedenklich. Um den Tadel zu mildern, ist indeß hervorzuheben, daß die Quellen, woraus wir Schlüsse auf damalige Kleidung und häusliche Sitten der Perser ziehen können, damals allerdings noch nicht so bekannt waren, als heute. Die Kopfbedeckungen der Männer haben meist einen alttürkischen Anstrich; das Costume ist seltsam zusammengewürfelt und reine Phantasie des Malers. Sonderbar genug ist indeß die Kleidung des Königs, wenn der Rock nur weiter zu den Füßen hinabreichte, nicht so bedeutend von dem Costume verschieden, welches nach Porter und Ouselmy, Morier und Rey (Sculpturen der <tt>Chil-minar</tt> von Persepolis) die Könige der Dynastie trugen, der Ahasverus angehört.

Das Bankett entspricht indeß weniger der persischen als der holländischen Sitte: Frauen wurden nur ausnahmsweise berufen, Theil an solchen Festlichkeiten zu nehmen, und in solchem Falle war die Erscheinung der Weiber so ungewöhnlich, daß die Königin Vasthie lieber Thron und Reich verlor, als bei dem Gastmahle des Königs erschien.

Dieser König, welcher in der Bibel, Buch Esther, Ahasverus heißt, ist unzweifelhaft derselbe, den Esra und Nehemia Arthasastha, das ist, Artaxerxes nennen und mit dem Artaxerxes I., genannt Langhand <tt> (Longimanus) </tt> dem Sohne und Nachfolger des großen Xerxes, den die Profangeschichte kennt, aller Wahrscheinlichkeit nach eine und dieselbe Person. Ahasverus, richtiger Ach-asch-verosch, ist übrigens ein Titel und kein Name, den mehre persische Herrscher führten und welcher „Der Glanzvolle oder der Majestätische“ bedeutet. Artaxerxes regierte von 465 bis 424 v. Chr. Geb., vermählte sich also mit der Esther im J. 459 v. Chr. Herodotus beschreibt den Artaxerxes Langhand als einen der schönsten und tapfersten Männer, dessen Hände aber bis zu den Knien hinabreichten. Xerxes II. war sein Nachfolger.

Es wird aus dem Buche Esther zur Genüge klar, daß sie und Mardochai, ihr Pflegvater, die Retter der im Perserreiche zerstreuten Juden wurden, als der Vezier Hamann sie sämmtlich auf einen Tag ermorden lassen wollte. Daher ist die schöne und kluge Esther noch jetzt bei den Israeliten gefeiert und das fröhliche Fest der Purim, wobei sie gesegnet, Hamann und sein Weib Seresch aber verflucht wird, hat ihr Andenken bis heute geheiligt. Das Fest fällt gewöhnlich auf den vierzehnten und fünfzehnten des Monats Adar und ward, gleich nachdem die Juden nach Hamanns Hinrichtung die Anhänger des Veziers ermorden durften, fast ebenso eingeführt, wie es in unsern Tagen noch besteht.
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===Christus mit der Dornenkrone. Von Guido Reni.===

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Reich ist die Zahl der gleich Sonnen unter den Planeten hervorglänzenden Meisterschöpfungen in der Malerei, welche gerechten Anspruch auf ewigen Ruhm besitzen. Und dennoch sind der Bilder, die die unsterbliche ideale Schönheit zur Erscheinung bringen, der Werke, in denen siegend der höchste Adel, die herrlichste Weihe der Menschennatur hervortritt, nur sehr wenige.

Als die reinste Perle der Malerkunst aller Zeiten darf die in der Dresdener Gallerie bewahrte Sixtinische Madonna Raphaels von Urbino gelten, welcher der Göttliche heißt. Neben diese reinste Verklärung des Menschlichen dürfen sich, was die Dresdener Gemäldesammlung betrifft, nur zwei Meisterschöpfungen stellen, in denen der ideale, poetische Schwung des schaffenden Genius die höchste, unübersteigbare Staffel erreichte.

Diese beiden Gemälde sind der Christus della Moneta des Tizian, und der mit Dornen gekrönte Christus des Guido Reni.

Diese Gemälde machen geradezu einen Commentar unmöglich oder unausstehlich. Mau sehe und bewundere, das ist Alles! Hier ist der Erlöser, der wahre Christus in seinem göttlichen Leiden, in seinem Geiste, den selbst „Engel nicht zu ergründen vermögen!“ Das ist das Bild der unbeschreiblichsten körperlichen Qual, ohne daß die Majestät des Gottgebornen sich deshalb nur einen Moment lang verkennen und übersehen ließe. Dieser Christus ist ein Bild der Empfindung wie dasjenige Tizians, der Christus mit dem Pharisäer, ein Bild des Gedankens, wie die Madonna di Sancti Sixti, ein Werk, in welchem sich beide Mächte mit einander verbinden.

Die Höhe, wie sie in dem gekrönten Christus sich zeigt, erreicht Guido in keinem einzigen seiner andern Bilder wieder. Man darf nur ein diesem Christusbilde in Auffassung und Behandlung ähnliches Bild, die trauernde, schmerzenreiche Madonna – an sich höchst vortrefflich – betrachteten, um die ungeheure Kluft zu ermessen, wodurch dieses Christusgemälde von demjenigen der Madonna getrennt wird.

Es ist nicht genau zu bestimmen, aus welcher Periode der Blüthe des Meisters dieses wahre Meisterstück stammt, das hier, in unserm Bilde so höchst meisterhaft wiedergegeben wurde, wie selten eine andere der vielen Copien dieses Kopfes; doch läßt sich leicht schließen, daß der gekrönte Christus der zweiten Periode der Wirksamkeit des Malers angehören muß, in welcher er nur wenige, aber desto ausgezeichnetere Gemälde schuf.

Guido Reni wurde im Jahre 1575 zu Bologna geboren. Seine erste Bestimmung war zum Musiker, und das Gefühlvolle, welches hier seinen ernsten Ausdruck bei dem Künstler fand, blieb nachher, als er zur Malerei überging, bis in die letzte Periode seiner Laufbahn sein Angelstern. Dionysius Calvaert war Guido Reni’s erster Lehrer, dann ward er der Schüler der berühmten Caracci, deren Schule noch heute in Reinheit und Strenge der Zeichnung unvergleichlich gilt. Die Rigorosität der hier eingesogenen Grundsätze ward bei Reni sehr bald durch ein bei ihm maßgebendes Studium der Antike gemildert und sein Bestreben, das gefälligste, sanfteste Colorit zu erreichen, machte seine Schöpfungen noch milder.

Bei den Caracci war eine Schule im Sinne des Worts und diese streng wählerischen, das Fundament aller Malerei, Zeichnung und Composition im Auge habenden Eklektiker, bildeten keine eigentlichen Maler, wie denn die Caracci selbst im Malen, engeren Sinnes, wenig Ausgezeichnetes, dagegen viel Schroffes, unnatürlich und abstoßend Gefärbtes geliefert haben. Guido Reni fing erst dann an wirklich zu malen, und nicht blos geisterreiche, strenge Studien zu liefern, als ihn Caravaggio Amerighi mit seinem kraftvollen, lebenglühenden Naturalismus begeisterte. Hier nimmt Guido Reni einen wahrhaft jugendkräftigen, herrlichen Aufschwung; er besitzt die reine Zeichnung seiner Meister, ohne ihren peniblen Styl; seine Erfindung erwacht lebensfrisch, poesiereich, und sie ist wahr und schlagend, tritt mit breiter, majestätischer Behandlung auf, ohne so roh, wie diejenige Caravaggio’s, noch so geistesarm, wie die des Guercino da Cento zu sein. Die Bilder aus dieser Zeit, die ersten, fast unwillkürlichen Blüthen des Genies sind selten, aber höchst werthvoll, namentlich für den, welcher den genialen Meister genau studiren will. Seine zweite Stufe bewahrt die Vorzüge, wodurch sich Reni in seinem ersten Anlaufe zur Kunst auszeichnet; huldigt aber einer, der Antike nachgebildeten zwanglosen Anmuth, die in einigen wenigen Fällen sich zur idealen, großartigen Grazie durchbildet. Seine Färbung wird glühender, natürlicher, seine Behandlung der Gewandung, der Haare, der Gesichtszüge seiner Figuren kühner und markiger, seine Composition einfacher und grandioser. Die Fleischpartien stehen dem Schaffen des Tizian gleich. Aus dieser, der herrlichsten Zeit der Blüthe des Reni, muß unser dornengekrönter Christus stammen. Rasch wie er gestiegen war, sank der Maler. Die Technik herrscht vor, noch bewundert man eine mannigfaltige lebhafte Phantasie an seinen Werken; aber diese Gebilde des Genius werden auf eine gleichförmige, trockene Weise zur Erscheinung gebracht; die Manier tritt immer unverhüllter hervor, welche der Erfindung und Composition ihre tödtenden Fesseln umschlingt. Ein weichlicher, sentimentaler, mondscheinartiger, silbergrauer Ton breitet sich erkältend über seine Gemälde, und trifft derselbe auch zuweilen mit dem Geiste des Stoffs und der Composition bewundernswürdig zusammen, so erscheint die ganze Manier doch, sieht man mehre Stücke aus dieser Zeit neben einander, schwach und geistesleer.

Die dem Guido Reni angeborene Kraft, das großgehaltene Graziöse zu entwerfen, dauert bis in seine letzte, allerdings gegen seine erste Blüthe unbedeutende Periode. Aber die Idealität seiner Gestalten, ein bedeutungsreicher, nicht selten düsterer Ernst – an den Caravaggio erinnernd – welcher in seiner ersten und zweiten Künstlerphase so mächtig aus seinen Gemälden anspricht – er ist verschwunden.

Immer aber bleibt Reni’s Phantasie reich, seine Composition gedankenvoll, inhaltschwer, seine Zeichnung richtig, seine Gewandung von großartiger Anlage, seine Behandlung – alles Manierismus ungeachtet – sauber und delicat. Selten nur hat einer seiner Schüler an seine Oelgemälde die Hand angelegt, wie Manche, nicht vertraut mit seinem wechselnden Entwickelungsgange, haben behaupten wollen. Reni’s letzte Bilder, meist in dringendster Geldverlegenheit und zur Bezahlung seiner Spielschulden gearbeitet, sehen traurig aus neben Bildern seiner Glanzepoche, wie es unser Christus hier ist.

In Rom wie in Bologna besaß Reni immer viele Schüler. Seine Akademie in der letzten Stadt soll fast immer nicht weniger als zweihundert Schüler gezählt haben, die er die Elemente der Kunst in der strengen Weise der Caracci erlernen ließ. Sein Genie ging auf keinen seiner Schüler über, die sich meist an seine vorletzte Manier hielten und wirklich Manieristen und Epigonen wurden. Von den Schülern die Reni bildete, haben Gessi, (dessen Magdalena wir geben) Simone Contarini, Andrea Sirani und beziehungsweise dessen Tochter Elisabetta, Semenza, Domenico, Maria Canuti und Gignani den meisten Ruf erhalten. Eine weichliche, zierliche und unkräftige Weise der Malerei ist das Bezeichnende für fast sämmtliche Leistungen dieser Schüler.

Guido Rem starb 1642 in Bologna, wo er in der Kirche zu San Domenico begraben liegt.

==23. Heft.==
===Viehstück. Von Adrian van der Velde.===

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Eine reizende Gewandtheit besitzt van der Velde, das Idyllische, die tiefste, glückliche Einsamkeit des Landlebens, wahr und ansprechend zu malen. Seine Hirtenstücke werden, was die Zwanglosigkeit ihrer Composition, das in ihnen ausgeprägte tief innere Genügen, ihre heitere, lebenvolle Ruhe betrifft, sicherlich unübertroffen bleiben. Meist ist die Landschaft selbst bei van der Velde nicht von überwiegender Bedeutung und seine Staffage erhebt sich nicht selten zum Genrebilde, dem indeß ein gewisses Zerstreutes, zufällig Zusammengebrachtes fast immer anklebt.

Van der Velde’s vorliegendes Bild ist, was die Kunst des Malers betrifft, Thiere darzustellen, gewiß von besonderer Bedeutung. Seine Auffassung des Charakters der Hausthiere ist leicht und zwanglos und dennoch von großer Wahrheit, obgleich van der Velde in genauer, charakteristischer Zeichnung und gleicher Weise in der eigenthümlichen Gruppirung der Thiere weder dem Roos, noch dem Berghem, oder dem Wouvermann und Wenix gleich kommen dürfte. Hauptsache ist bei van der Velde außer der herrlichen Behandlung des Baumschlages eine lichtvolle, wahre und warme Malerei, welche über seine Genrestücke und Landschaften einen stillen, aber mächtig ergreifenden Zauber ausgießt. Auf unserm Bilde hat sich der Meister darin gefallen, eine ganze Reihe von Hausthieren zu malen, Kühe, Schafe, Ziegen, Schweine, ein Pferd und Hühner. Das Bild ist von allem Frappanten, drastisch Wirkenden der Composition durchaus entkleidet; es würde eine fast antike Einfachheit athmen, wenn namentlich die kleinen Ziegen wegfielen, deren unruhige Bewegung nicht zu der Stille des Bildes paßt. Ein ächt holländischer Zug von Komik ist in einem nicht wohl näher anzudeutenden Punkte ausgesprochen.
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===Der Zahnbrecher. Von Geraart Honthorst.===

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Man konnte die beiden Männer auf dem halb erleuchteten, weiten Flur kaum erkennen.

Der Eine war eine wahre Riesengestalt, hochbeinig, sehr breitschulterig, ein angehender Fünfziger. Dieser trug einen ungeheueren Federhut und war ungeachtet der Abendstunden in höchster Galla: in weiten Pluderhosen, seidengepufftem Oberwamms und mit einem Sammtmäntelchen versehen, wie die Gerichtspersonen es zu tragen pflegten. Dieser Coloß hatte seinem Körper gemäß ziemlich grobe Züge; große wasserblaue Augen und einen gewaltigen struppigen Bart. Sein Haar spielte ins Graue und stand in unregelmäßigen Partien starr unter dem Hute hervor.

Der Andere war ein höchst elegant gewachsener und schön gekleideter Herr von ein und zwanzig Jahren, mit frischem, schalkhaftem Gesichte, braunen Haarlocken, mit einem Stutzerhute auf dem Kopfe, und in ein Jagdwamms gekleidet. Auch trug er einen reichen Hirschfänger durch eine goldgestickte Schärpe um die Hüften geschürzt.

Die Männer waren in angelegentlichster Unterhaltung. Der Alte schien sehr aufgeregt und predigte auf den Jüngling, zwar mit unterdrückter Stimme, aber höchst eifrig ein. Dasjenige, was er vortrug, war sicherlich für ihn eine Sache von außerordentlicher Wichtigkeit, – eine Lebensfrage.

Diese Personen waren: der Alte, Mynheer Claas van Slyker, Stadthouder der guten Stadt Amsterdam, und der Jüngling, Hendrik Ter Schuiring, ein nordholländischer Edelmann, und der Bruder der Baronesse Elizabeth von Leuwenbroeck, der Eigenthümerin dieses Gebäudes, welches wohl den Namen eines Palastes verdiente.

– Ich versichere Euch, Herr Junker Ter Schuiring, sagte der Rathsherr, indeß er ihm ein Schächtelchen, reich mit Gold und Perlmutter verziert, aufzudringen suchte, daß es die ausgezeichnetsten Kindern Flora’s sind, welche sich aus diesen kostbaren Keimen entwickeln werden. Ja kostbar! Dritthalbtausend Gulden, wie der Haarlemer Blumist bescheinigen kann! Aber was sind diese Gulden gegen ein einziges Lächeln Eurer huldvollen Schwester . . .

– Mynheer, erwiderte Hendrik, den Hut ungeduldig rückend und den Alten mit einem blitzenden Blicke betrachtend; dieses geht mir dennoch über den Scherz hinaus. Ich fürchte wahrlich – gerade heraus – für Euren Verstand  . . .

– Ach ja, seufzte Slyker, an seine Stirn fassend, Ihr habt sehr Recht! Sagt nur, ich bin wahnsinnig – aber diese Obstruction in meinem Kopfe ist aus einer der erhabensten Leidenschaften hervorgegangen  . . .

– Geht, geht doch! Träfe Euch Leuwenbroek, so könnte sich eine unangenehme Scene für Euch ereignen! sagte Hendrik, welcher das Kästchen, das ihm der Rathsmann geschickt in den Arm gelegt hat, vergebens wieder zurückzugeben versuchte.

– Mag der Baron kommen! rief Slyker jetzt beinahe mit lauter Stimme. Ich weiche nicht, bevor ich ein Wort des Trostes von der schönsten Dame Amsterdams empfangen habe! Gern will ich für Elizabeth der Gefahr trotzen, von Eurem Schwager hier ermordet zu werden!

– Gijsbert Leuwenbroek, sagte Hendrik, allmälig aufgebracht werdend, wird Euch, Mynheer, nicht ermorden, sondern von seinen Dienern durchprügeln lassen. – Geht, oder ich selbst werde Euch in Abwesenheit des Hausherrn für Eure Unverschämtheit züchtigen. Wie? Soll eine geachtete, tugendhafte Dame, die Gemahlin eines angesehenen Edelmannes, durch die Narrheit eines alten Tropfes in Gefahr kommen, den tadellosen Glanz ihres Rufs einzubüßen?

Slyker war durchaus nicht aufgebracht, wie man es hätte erwarten sollen. Er zeigte eine große Niedergeschlagenheit.

– Urtheilt von meinen Empfindungen, sagte er mit tragikomischem Pathos, wenn ich Euch nochmals inständig bitte, mir nur auf zehn Minuten mit der Baronesse Leuwenbroek ein Gespräch unter vier Augen zu vermitteln. Ihr könnt Eurerseits von einem Millionair, wie ich bin, einigen Nutzen für Eure Gefälligkeit erwarten. Fordert und ich bin bereit, Euch zu dienen  . . .

– Noch ein Wort, unterbrach ihn Hendrik mit Eiseskälte, und Ihr erhaltet Ohrfeigen. Die Achtung vor Eurer Stellung bewegt mich, Euch dieses zuvor anzuzeigen; Ihr hättet Eure Belohnung sonst schon empfangen.

– Und Ihr, mein Herr, sagte Slyker, sich stolz aufrichtend und die Hand an seinen Degen mit einem schön geflochtenen, goldenen Korbe legend, und Ihr hättet, wäre ich nicht in Eure Schwester verliebt und hätte ich nicht auf Euch und Eure Vermittelung meine Hoffnung gesetzt, schon das Vergnügen gehabt, nach Eurer ersten Beleidigung gegen mich niedergestoßen zu werden.

Eine Pause trat ein. Hendrik schien nicht mehr zu wissen, was er diesem Manne gegenüber sagen sollte.

– So aber, fuhr Slyker fort, bitte ich Euch nochmals. Nehmt dieses Kästchen, gebt es Eurer Schwester, klagt ihr meine Leiden; vergeßt sogar dieses Gespräch nicht, denn es beurkundet mehr, als alle Versicherungen, meine Liebe und versprecht mir, daß Ihr ein gutes Wort für mich einlegen wollt.

Hendrik sah den Alten groß an, sagte aber nichts. Bevor er sich genug gesammelt hatte, um antworten zu können, schlüpfte ein altes Frauenzimmer, nach flandrischer Sitte ein buntes Tuch um den Kopf gewickelt, die Stufen einer weiten Treppe herab und kam an die beiden Männer heran.

– Mynheer Hendrik, murmelte sie, und auch Ihr, Mynheer Slyker, Ihr solltet doch wissen, daß man solche Angelegenheiten, wie Ihr sie verhandelt, nicht mit Posaunenstimmen bespricht.

– Ach, Agathe! sagte Slyker erfreut, als er die alte Wärterin Elizabeths erkannte. Offenbar war sie ihm sehr günstig gestimmt.

– Und weiter sind dies Sachen, welche von Männern allein niemals gehörig in Ordnung gebracht werden können. Wir haben auch ein Wort dazu zu sagen und ich insbesondere, Mynheer Slyker, wenn Ihr erlaubt. Ich habe Alles angehört; ich weiß, wie das Spiel steht. Sage Euch, Mynheers, mit einem Worte, was ich will: Ihr, Mynheer, nehmt bis auf Weiteres Eure Tulpenzwiebeln wieder mit nach Hause, und Mynheer Hendrik und ich wir werden über das Fernere uns zu verständigen suchen. Auf jeden Fall werdet Ihr die Baronesse allein sprechen, wenn Ihrs wünscht: das kann des Anstandes und Eures Ranges wegen keine Dame der Welt, und wäre es die Königin von Spanien, abschlagen!

Es fehlte wenig, so hätte der verliebte Rathsherr die Alte vor Freude umarmt.

– Du giebst mir das Leben wieder, Agathe! sagte er. Ich fasse wieder Hoffnung und Muth  . . .

– Davon später, Mynheer! sagte die Alte. Uebrigens wird Mynheer vom Hause, der Baron Leuwenbroek, sehr bald zurückkehren  . . . Würde vielleicht Euch oder dem Herrn unbequem sein . . .

– Verstehe! Verstehe! Aber ich . . .

– Sollt Alles wissen; werden Euch Nachricht von unserm Entschlusse geben; dürft später fragen und sagen, was Ihr wollt, und sollt auf der Stelle Resolution haben . . . plapperte die Flamländerin.

– Ach die Resolution! seufzte Slyker. Ihr wollt mich ab und zur Ruhe verweisen  . . .

– Wer weiß? sagte Agathe.

– Wirkt mir das Rendezvous aus, Agathe; ein Wort so gut wie tausend und ich werde mich so dankbar zeigen, als wäre ich der König beider Indien und nicht der bescheidene Rathsherr der alten Stadt Amsterdam.

Und in stolzester Demuth hob er sich empor, so daß er wenigstens noch zwei Zoll länger wurde.

Agathe sah ihn mit ihren großen, klaren Augen starr an. Eine sonderbare Bewegung zuckte über ihr schmales, faltiges Antlitz. Einen Augenblick richtete auch sie sich stolzer auf, sie sah verachtend auf den Graubart – dann aber verschwand dieser Ausdruck schnell und spurlos und sie fiel wieder in ihr Plappern, welches durchaus theilnahmlos, fast gedankenlos schien.

– Rendezvous? Ihr verlangt viel, sehr viel! Wollen aber sehen. Glaube nicht, daß Baronesse Elizabeth . . . Und doch . . . Wer ergründete das Herz eines Weibes?

Slyker drückte enthusiastisch die dürre Hand der alten Amme. Sie entzog sie ihm heftig.

– Jetzt geht! drängte sie. Ihr wißt ja jetzt – und wir wissen auch – sollt Nachricht haben!

– Aus Gnade, noch ein Wort . . . Wann? Wann?

Agathe blickte sinnend auf einen Fleck, dann faßte sie den alten Herrn fest ins Auge.

– Ihr wollt’s . . . erwiderte sie und ihre Stimme hatte einen eigenthümlichen, fast boshaften Ton angenommen. Sollt Euren Willen haben. Haltet Euch bereit . . . Nachricht wenigstens erhaltet Ihr in Zeit von einer Stunde. Nun aber: lebt wohl!

Slyker, sein Kästchen mit Tulpenzwiebeln unter’m Arm widerstrebte nicht, um die Alte nicht etwa in üble Laune zu versetzen, sondern empfahl sich und ging nach der Thür. Er war fast berauscht vor Freude. Als er auf die Straße kam, mußte er, ein amsterdamer Kind, still stehen und sich erst besinnen, welchen Weg er denn einzuschlagen habe, um nach seiner Wohnung zu gelangen.

Zu Hause angekommen, warf er sich in größter Bewegung auf sein glänzendes Lotterbettlein. Dann sprang er auf und musterte sich im Spiegel. Der sonst so kalte und unerschütterliche Hagestolz, in seinem Alter von dem Strahl aus den schönen Augen einer jungen Dame fast zauberhaft berührt, empfand das volle Fieber von Qual, Schmerz, Hoffnungslosigkeit und Sehnsucht, welches im Frühling der Gefühle die jugendliche Brust durchzuckt.

Indeß der Alte, mit großen Schritten auf und abmarschirend und wie ein neuer Roscius gesticulirend, einen glänzenden Monolog hielt, steckte die alte Agathe plötzlich den Kopf in’s Zimmer.

Slyker schrie fast auf. Die Dame trat ein und machte ihm eine Meldung, die er selbst in seinen kühnsten Phantasien, wenigstens noch heute Abend nicht, für möglich gehalten hatte.

Wir sind die vermittelnde Scene dem Leser noch schuldig.

Als Mynheer Slyker den Palast Leuwenbroek verlassen hatte, sah Hendrik die alte Agathe starr an; dann setzten Beide die Hände in die Seiten und fingen auf’s Signal ein Lachduett an, welches kein Ende nehmen zu wollen schien. – Beide hatten sich vollkommen verstanden.

– Aber wie, gute Agathe? brachte Hendrik dann hervor. Wie soll dieser Schwachkopf bestraft werden? Ich sehe, daß ich ihm gegenüber, wenn ich mich mit Dir vergleiche, eine alberne, durchaus der Gewandtheit ermangelnde Rolle gespielt habe. Ich überlasse es daher Dir, die Züchtigung dieses Narren zu unserer Revanche und zu seinem Wohle zu bestimmen. Sie darf aber weder zu gelinde, noch zu grausam sein . . .

– „Etwas Grausamkeit ist spanische Mode,“ sagte Moritz, als der spanische Cardinal-Legat für Oldenbarnevelt bat! erwiderte Agathe sehr heiter. Ich versichere Euch, Ihr sollt zufrieden sein und Mynheer Slyker ebenfalls. Laßt uns gleich Hand an’s Werk legen.

– An welches Werk? flötete eine weiche Stimme dicht hinter den Verschwörern.

Elizabeth Leuwenbroek wars, in der That reizend genug, um einem Dutzend der „ehrenfestesten“ alten Rathsherren die Köpfe zu verdrehen. Sie lauschte halbernst auf die Nachricht von dem Besuche des Herrn Slyker, verdammte aber, obgleich ihr der ganze verliebte Unsinn desselben berichtet war, dennoch die beabsichtigte Züchtigung des Alten.

– Ich verbiete Euch, sagte sie eindringlich, Euch an dem Menschen zu vergreifen, laßt ihn mit seiner Marotte seinen Weg gehen; denn er ist seiner Ueberspanntheit wegen eher zu bemitleiden als zu verdammen  . . .

Hendrik murmelte und Agathe schüttelte den Kopf, als Elizabeth abging.

– Wir werden dennoch? fragte der Jüngling.

– Sicher! Wer kehrt sich an die Dame? Sie hat schon Mitleid mit dem Narren, weil er sie schön findet  . . . Gut, Mynheer Slyker, wir werden wetten, daß Ihr sobald Niemand wieder mit Euren Huldigungen beglücken sollt, um Euch das Mitleid einer schönen Dame zu erschleichen! – Baron Hendrik, laßt Pieter und Dirk und Jan kommen, wir gehen sofort ab, um unseren Plan auszuführen. Daß die Leute aber ordentliche Stöcke mitnehmen  . . .

– Aber geschlagen wird er auf keinen Fall! meinte Hendrik rasch.

– Fügen muß er sich, fügen, und da werden die Stäbe nicht unnütz sein.

Die drei Trabanten erschienen mit ihren Stöcken. Jan, der Koch, war jung, mit einer dicken Pelzmütze auf dem Kopfe; Dirk war der Jäger, ein durchwettertes Gesicht, und Pieter, mit einem Apostelbarte und grauem Kopfe, war der alte Kutscher. Sie sahen sehr unternehmend aus. Agathe ging voran und Hendrik folgte mit den dienstbaren Geistern. Der Zug ging zuerst nach dem Hause des Rathsherrn. Wir haben Agathe schon ankommen gesehen.

– Folgt mir, Mynheer! sagte die Alte mit sibyllinischer Kürze.

– Ich werde also Elizabeth – sehen – brachte der Ueberraschte hervor.

– Folgt mir nur! Macht Euch aber etwas unkenntlich. Legt Eure Staatskleidung ab und geht im Wamms mit; Eure Erscheinung könnte sonst Verdacht erregen.

– Das ist wahr! murmelte Slyker und legte rasch das überflüssige Zeug ab, setzte eine Mütze auf, nahm seinen Stock, aus Rücksicht auf eine podagristische Zehe, in die Hand und hinkte hinter der alten Dame her. Die Uebrigen folgten in einiger Entfernung.

Dame Agathe schritt wacker darauf los und vertiefte sich in entlegene Stadttheile.

– Immer fort! rief sie, wenn Slyker bedenklich still stehen wollte. Und er ging wieder. Bei einem niedrigen Häuschen bat sie ihn einzutreten. Sie blickte nochmals aus der Thür und nun drängten sich Hendrik und die Diener auch auf den engen Flur. Slyker hatte sich in eine Ecke geflüchtet. Der Inhaber des Hauses erschien mit einem Wachsstocke in der Hand; ein schöner, großer, verschmitzt sehender Mann, und lud die Gäste ein, näher zu treten.

– Allons! Mynheer! riefen Agathe und Hendrik, indeß die Diener die langen Stäbe aufhoben. In die Stube hinein!

Der arme Slyker mußte hervor und ging halb sein Geschick ahnend, mit einem bewegten Blicke auf das Heer seiner Feinde in das Zimmer. Der große bärtige Herr setzte sehr höflich einen Stuhl hin.

– Wem ist’s von Euch gefällig? fragte er, eine Zange von der Wand nehmend, wo mehre Instrumente eines Zahnarztes hingen.

Hendrik zog den Rathsherrn auf den Stuhl.

– Mir? Das glaube der Teufel  . . . stammelte Slyker  . . . Habe in meinem Leben keine Zahnschmerzen gehabt  . . .

– Ihr habt jetzt Angst, sagte der Zahnbrecher, dann pflegt sich’s auf eine Minute zu geben aber heraus muß er, das ist so sicher wie Amen nach der Predigt.

– Versteht sich, Meister! rief Hendrik. Gebt mir die Kerze und thut Eure Schuldigkeit. Mynheer, wollt Ihr Euch in die entsprechende Positur bringen, oder nicht?

Mynheer Slyker gab sich gefangen.

– Welcher ist es? fragte der Meister, an einige Zähne klopfend.

– Der da! rief Agathe, auf den Eckzahn in der Unterkinnlade deutend.

Mynheer Slyker wollte noch sprechen, aber die Zange war ihm schon im Munde – der Zahnarzt stand hinter ihm. Hendrik leuchtete; Pieter stützte sich auf sein Knie und sah aufmerksam zu; der Jäger hatte die rechte Hand des Rathsherrn gefaßt und der Koch zog den Geldbeutel, um den Meister zu bezahlen. Dieser sah am mitleidigsten aus. Agathe zeigte sich, stoisch ihr Werk betrachtend, im Hintergrunde. Der Meister aber und Hendrik lachten, wie ausgemachte Schalke.

Es krachte und Mynheer sprang mit triefenden Augen und verstörter Miene auf, indeß der Meister den kerngesunden Zahn triumphirend in die Höhe hielt. Nur einige Augenblicke besann sich der alte Hagestolz, welcher so grausam-komisch getäuscht wurde, dann wankte er, für die übrigen Zähne und für seine fast ausgerenkte Kinnlade fürchtend, zum Hause hinaus und seiner Wohnung zu. Die Verbündeten zogen lachend ab.

Mynheer Slyker aber war wie durch ein Wunder nicht allein von seiner Leidenschaft für Elizabeth Leuwenbroek, sondern von der Zuneigung zu allen möglichen jungen Damen von Stund an auf’s Gründlichste geheilt, so zwar, daß er später wegen seiner Weiberfeindschaft förmlich berüchtigt wurde.
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===Die heil. Magdalena nach der Geißelung. Von Marco Antonio Franceschini.===

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Der Meeresküste entlang, etwa fünf Stunden entfernt von Genua, trieb ein junger Mensch an einem Spätnachmittage des Jahres 1672 sein schon ziemlich warm gerittenes Roß so eifrig zu raschem Trabe an, daß man schließen konnte, der Reisende setze in sein edles Thier das Zutrauen: dasselbe werde ihn noch heute zur Nachtherberge in Genua führen.

Das Roß so wenig als der Reiter waren aus dieser Gegend. Dieser schlanke, schwanenhalsige Schweißfuchs war unendlich von den unschönen Piemontesischen Gebirgskleppern verschieden und erinnerte in Gang und Haltung an die edlen Rosse, welche von englischen Pferdezüchtern damals in der Nähe von Bologna zu ziehen versucht wurden. Sattelzeug und Zügel waren mit Muscheln und Lederfranzen nach mittelitalienischem Geschmacke geziert.

Der Reiter war in der kleidsamen Tracht eines bologneser Studenten, im Sammtwamms mit großem, weißem Kragen und Stulphandschuhen und in langen, gelben Stiefeln, die bis auf den Oberschenkel reichten. Ein übermäßig langer Degen, schmal, aber zu Hieb und Stoß geeignet, mit einem kunstreich verschlungenen Handkorbe, fehlte dem jungen Manne ebenfalls nicht; statt des mächtigen Studentenhutes mit der wehenden Feder drauf trug er jedoch ein einfaches Sammtbaret, das als ganzen Schmuck an der Seite nur einen mit Edelsteinen gezierten, glänzenden Ring zeigte, dessen zierlicher Durchmesser leicht errathen ließ, daß eine schöne Damenhand das Kleinod getragen habe.

Das eigenthümliche Baret ließ den Malerschüler erkennen. Der Künstler sprach aus dem sanftblickenden Auge, aus der halb schwärmerischen Beschaulichkeit, womit der Reiter die herrlichen Tinten betrachtete, welcher die immer rascher sinkende Sonne über das Meer zu seiner Linken und über die Gebirgsgegend der Küste ausgoß. Von Zeit zu Zeit hielt der Reisende sein Roß einige Minuten an, entblößte eine Hand, zart wie diejenige einer Dame, und zeichnete rasch einige Hieroglyphen in sein Taschenbuch, um die wechselnden Lichteffecte und das Verschmelzen der Farben in dieser abendlichen Landschaft durch seinen einfarbigen Stift festzuhalten. Dann ging’s rasch wieder vorwärts auf der schlechten, fast durchaus menschenleeren, steinigen Straße.

Kurz vor Sonnenuntergang erblickte dieser bolognesische Reiter auf dem Schnitte eines sanft ansteigenden Theiles der Straße eine von einem berittenen Cavaliere begleitete mächtige Carosse, welche sich so langsam fortbewegte, daß er dieselbe bald einholte. Als er in die unmittelbare Nähe des Fuhrwerkes kam, hielt der Begleiter desselben sein durchaus abgetriebenes Pferd an, ritt mitten auf die Straße, machte gegen den Jüngling Front und zog, nachdem er die Halfterklappe von seinen Pistolen zurückgeschlagen, einen Degen, welcher eine Art von Zwillingsbruder von dem Bratenspieße des Malers zu sein schien.

Dieser hielt sehr betroffen sein Pferd an und zog seine Waffe fast ohne es zu wissen. Derjenige, welcher ihm hier so unerwartet den Weg verrannte, war ein Mann von etwa dreißig Jahren, in durchaus französischer, halb militairischer Tracht, mit dem Federhute eines Cavaliers versehen. Der Blick aus seinen dunkelglühenden Augen erweckte für diesen hohen und schlanken schnurrbärtigen Kämpfer unwillkürliche Achtung, zumal bei dem zierlich gebauten Maler, der augenblicklich einsah, er werde, wenn ihm nicht die Schnelligkeit seines Rosses zur Hülfe komme, diesem Schlagfertigen erliegen.

– <tt> Qui vive? </tt> rief der Cavalier. Wer seid Ihr und was wollt Ihr von mir?

– Signor! antwortete der Bolognese; ich müßte mich sehr täuschen, oder Ihr seid kein Straßenräuber, dem es um meine freilich nicht schwere Börse zu thun ist . . .

– Wie! Ein Bandit, mein Herr? rief der Andere erstaunt aus, erst den Maler und dann sich selbst und seinen in Unordnung gekommenen Anzug musternd. <tt>Morbleu! </tt> Wie dürft Ihr Euch unterfangen, einen Edelmann für einen Landstraßenräuber zu halten . . .

Der Maler stieß seinen Degen in die Scheide und ritt dreist an den Franzosen hinan.

– Mein Herr, ich sehe, meine Erscheinung macht Euch nicht weniger besorgt, als im ersten Momente die Einige Euren ergebensten Diener.

– Besorgt? sagte der Franzose, fast höhnend seine Lippen aufwerfend.

– Si, Signor! Es ist mir nicht beigekommen, Euch oder jene Kalesche zu verfolgen!

– Ah, mein theuerster Mann, wie kannst Du den Feind verfolgen, bevor du ihn geschlagen hast . . . murmelte der Franzose, aber es war ersichtlich, daß ihn diese friedlichen Auseinandersetzungen sehr erleichterten. Sein Blick war wenig düster, seine Miene weniger gepreßt. Er ließ seinen bisher erhobenen Degen sinken, fast unwillkürlich mit demselben vor dem Italiener salutirend.

– Ich denke auf meiner friedlichen Reise keine Feinde zu finden! sagte der Jüngling sich zum Gegengruße anmuthig verbeugend. Ich heiße Marco Antonio Franceschini, bin Maler, ein Schüler des berühmten Meisters Cignani in Bologna, und befinde mich nach einer ziemlich beschwerlichen Reise zum ersten Male in dieser Gegend, um zu versuchen, ob ich Cartons zu musivischen Arbeiten für den Rathssaal zu Genua zu liefern vermag . . .

Der Franzose zog seinen duftenden Lederhandschuh aus und reichte dem Künstler die Rechte.

– Ich begrüße Euch, Herr Maler, und versichere Euch meiner aufrichtigen Hochachtung. Ich bin der Chevalier La Touche, Colonel im ersten Regiment der Fußgarden des Königs von Frankreich, komme von Torino und werde versuchen, vom ersten besten Flecke dieser Küste aus nach irgend einem französischen Hafen zu reisen, und solltet Ihr mir bei diesem Versuche bis Genua Gesellschaft leisten und vorkommenden Falls Euren tapfern Arm zu Diensten stellen wollen, so werden Euch zwei edle Herzen für Euren Freundschaftsdienst auf immer Dank wissen.

Antonio Franceschini war nichts weniger als feig und zaghaft, und sein Degen wußte schon von mehr als einem blutigen Rencontre zu erzählen.

– Ich bin der Eurige! sagte er daher und ritt dich neben La Touche, der sein ermüdetes Pferd in einem faulen Trabe zu erhalten sich bemühte.

Die Kutsche ward, ungeachtet sie mit vier starken Mauleseln bespannt war, bald eingeholt. Ein blendend weißer Arm schlug die grünen Vorhänge inwendig von den Fenstern zurück und ein hinreißend schönes Frauenantlitz schaute mit einem angstvollen Blicke auf die beiden zur Seite des Schlages trabenden Männer.

La Touche streckte, dem Maler einen vielsagenden Blick zuwerfend, die Hand grüßend nach der reizenden Dame aus. Er schien fragen zu wollen:

– Ist hier selbst für einen Fremden nicht genug Ursache, um zu fechten und nötigenfalls zu sterben?

Franceschini war fast erschrocken über den hohen Stand der augenscheinlich flüchtigen Dame, auf welchen ihre beiden reich gekleideten Dienerinnen und ein in der Hinterchaise ziemlich angstvoll sitzender rabenschwarzer Negerknabe schließen ließen.

La Touche sah den Künstler bedeutungsvoll an; dann sagte er nach längerem Schweigen:

– Eine Frage schwebt auf Euren Lippen: wer ist diese Dame? Ich sage Euch, Freund, sie ist heute nichts als ein liebendes Mädchen, als die Geliebte desjenigen, der neben Euch reitet. Und zur Rettung eines Liebespaares möchtet Ihr, ein Künstler, der Herzensempfindungen versteht, noch wohl besser beitragen können, als dadurch, daß Ihr uns einfach Gesellschaft leistet. Wollt Ihr für jene Kutsche sammt den vermaledeiten, lahmgewordenen Maulthieren, so wie sie da sind, Euer feuriges, kräftiges Pferd mir abtreten? Uns ist ein Pferd wahrhaft mehr als ein Königreich, es ist unser Leben werth  . . . . . Meine Dame fürchtet den Sattel nicht, und sind wir Beide beritten, so können wir unbemerkt fortkommen, statt jetzt gleich dem Großmogul zu reisen.

Franceschini war leicht exaltirt. Er stieg sofort vom Pferde und schwor, er werde für die Dame nicht allein bis nach Genua, sondern bis an’s Ende der Welt zu Fuß gehen. Die Dame stieg aus und La Touche bemühte sich, den Maler zu überreden, in der Kutsche Platz zu nehmen.

Mitten in dieser Unterredung stieß La Touche einen furchtbaren Soldatenfluch aus und rief:

– Flieh, Maddalena! Wirf Dich auf diesen Fuchs; wir werden mit diesen Canaillen fertig werden oder dabei umkommen . . .

Maddalena aber floh nicht; sie suchte vielmehr den Geliebten mit ihrem zarten Körper zu decken. Die Verfolger, diesmal die wahren Verfolger, kamen heran, drei Männer auf vortrefflichen Pferden; voran ein bejahrter Herr in fürstlicher Kleidung und mit Brillant-Schnallen am Hute.

– Kamerad! rief La Touche, indeß er sich hinter sein Roß stellte und Maddalena fester in seinen linken Arm schloß; Kamerad, der Franzose hat hier keinen Pardon zu erwarten . . . Gereut Dich Dein Weit, so tritt zur Seite . . . Hier wird Nichts geschont . . .

La Touche feuerte trotz des Kreischens der Dame und der vorderste, alte Cavalier sank taumelnd zur Erde.

– Mein Vater! seufzte die Italienerin und schwankte ohnmächtig auf den Gefallenen zu.

– Hunde! rief ein kraftvoller Mann, sein Pistol auf Franceschini abbrennend und dann mit hochgeschwungenem Degen auf ihn, der ihm am nächsten stand, eindringend. Mörder des Prinzen von Carignan, Ihr werdet Eurem Geschicke nicht entgehen!

Franceschini sparte seine Pistolenschüsse, parirte den Hieb und dankte dafür mit einer ächten bologneser Innerquart, die dem Reiter durch Rippen und Rücken fuhr. Während dieses Engagements war La Touche, jetzt zunächst von Kampfeslust hingerissen, vorwärts gesprungen, um den Dritten zu entwaffnen. Kühn faßte er den Ziegel des Pferdes und rief:

– Florina, Du warst nie mein Freund, ergieb Dich und wir werden sehen, wie unsere Sachen stehen . . .

Florina aber, kaum zwanzig Jahre, ergab sich nicht, antwortete auch nicht, als durch einen Pistolenschuß. La Touche ließ die Arme sinken, stand aber unerschüttert; dann faßte er seinen Feind und warf ihn vom Pferde.

– Ich bin ein verlorner Mann! schrie er mit lauter Stimme. Aber Du, Freund, stirbst wenigstens mit mir.

Der Stiletstoß, welcher den Piemontesen stumm machte, war La Touche’s letzte Kraft. Er streckte sich als Sieger über seinen Feind aus, in demselben Augenblicke: Maddalena! murmelnd, als diese selbst sich über ihn warf, als könnte sie durch die Gewalt ihrer Liebe sein fliehendes Leben aufhalten.

In kaum einer Minute hatte der Tod eine reiche Ernte gehalten, obgleich Amadeus, Prinz von Carignan, nicht gestorben war. Er nahm die Hülfeleistung Franceschini’s dankbar an, wies aber seine Tochter Maddalena finster von sich.

– Lebt dieser fränkische Abenteurer? fragte er, nachdem er sich mit Mühe erhoben hatte und mit Franceschini’s Hülfe auf die Kutsche zu schwankte, mit matter Stimme.

– Todt! erwiderte der Maler eintönig.

– Die Heiligen seien gepriesen! Das wenigstens ist ein Atom der Rache, die centnerschwer meine Brust bedrückt. Und Du? Ungehorsame, maßlos Elende, verblendetes Geschöpf ohne Gefühl und Ehre, Du? Ich kenne Dich nicht . . . Ich weiß nicht, ob ich in nächster Minute sterben werde, aber den schwersten Fluch, den ich Dir auferlege, kann ich auch in dieser Minute vor Gottes Richterstuhle verantworten.

Franceschini ließ den Kutscher bei den Todten zurück, ließ die beiden Dienerinnen zu Fuße gehen und hob die ohnmächtige Maddalena auf den Kutschersitz, indeß er selbst eines der Maulthiere bestieg. So fuhr er langsam bis Mitternacht, wo er, an einer einsamen Herberge anderthalb Stunden von Genua angekommen, den Prinzen von Carignan abladen und auf ein sorgfältig bereitetes Lager betten konnte.

Der Prinz war edel genug, den Maler als seinen treuen Diener zu bezeichnen und ihm den Auftrag zu geben, von der Stadt einen Arzt herbeizuholen. Maddalena, fast geistesabwesend, ward in einem festen Kämmerlein verschlossen.

Kaum aber war Franceschini zehn Minuten unterweges, da hörte er lautes Rufen hinter sich. Maddalena mit ihrer Lieblingsdienerin und dem afrikanischen Knaben eilten trotz des schlechten Weges nach und standen jetzt athemlos neben seinem Pferde.

– Um der ewigen Barmherzigkeit willen, sagte die Prinzessin, rettet mich! Rettet mich vor meinem Vater, noch mehr, rettet mich vor mir selbst. Geleitet mich nach Genua, geleitet mich zum Kloster Unserer lieben Frau der Hülfe, damit ich ruhig sterben kann.

Franceschini gehorchte; er fand einen Arzt auf und brachte seine Schützlinge zum Kloster. Hier erst konnte er sich mit sich selbst beschäftigen. Jene Pistolenkugel hatte zwar nur sehr sanft gefaßt, dennoch war seine Streifwunde an der Brust nicht gering. Als die Klosterfrauen den vornehmen Flüchtling voll Mitleid empfangen hatten, war es ihm dunkel vor den Augen und er sank in demselben Augenblicke bewußtlos vor Maddalena auf das Pflaster des Klosterhofes, als er von ihr ewigen Abschied nehmen wollte.

Als der Maler wieder erwachte, fand er sich auf den harten Lager einer kleinen Nonnenzelle ausgestreckt und zwei fromme Schwestern saßen neben ihm. Er besann sich rasch, was geschehen war, und sein Entschluß war bald gefaßt. Es däuchte dem Künstler hier in Genua nicht geheuer . . . . . Ihn kannte Niemand . . . . . Niemand noch hatte ihn außer den Nonnen gesehen . . . Es galt schleunigste Entfernung von diesem gefährlichen Boden.

Bevor er aber ging, wollte er die unglückliche, durch verbotene Liebe unglücklich gewordene Prinzessin von Carignan noch einmal sehen. Seine Bitten bei der Aebtissin drangen endlich durch, man öffnete ihm die Zelle der neuen Magdalena. Ohnmächtig werdend befand sich Maddalena in den Armen ihrer Dienerin, indeß eine Novizin und eine Klosterschwester sich um sie bemühten, um ihr Muth einzusprechen und sie auf ihr Lager zu bringen. Zu Boden geschleudert war ihr reicher Schmuck, den der kleine Neger kaum aufzuheben wagte. Maddalena selbst war halb entkleidet und ihre ermattende Hand hielt noch die Geißel, mit welcher sie die grausamen Bußzüchtigungen an sich vollzogen hatte, welchen ihr zarter Körper, ohnehin von Seelenqual verzehrt, in kaum fünf Monaten unterlag . . .

Franceschini ging zur See von Genua ab und kam wieder auf das sichere Gebiet der Santa Chiesa. Das Bild der Maddalena aber verließ ihn nie mehr, und begeistert von jenem Angedenken schuf er eins seiner ausgezeichnetsten Oelgemälde, das die glänzenden Vorzüge Cignani’s und Guido Reni’s in sich zu vereinigen scheint.














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