Difference between revisions 1993228 and 1993282 on dewikisource{{LineCenterSize|100|23|Der}} {{LineCenterSize|160|23|'''KUNSTVEREIN.'''}} {{Linie}} {{LineCenterSize|100|23|NEUE SERIE:}} {{LineCenterSize|110|23|''Stahlstich-Sammlung der vorzüglichsten Gemälde''}} {{LineCenterSize|90|23|der}} {{LineCenterSize|140|23|DRESDENER GALLERIE.}} {{Linie}} {{LineCenterSize|90|23|Nebst}} {{LineCenterSize|100|23|Text von A. Görling.<ref>Die Einteilung der Hefte bezieht sich auf die Abbildungen.</ref>}} {{LineCenterSize|130|23|LEIPZIG <small>UND</small> DRESDEN.}} {{LineCenterSize|100|23|VERLAG DER ENGLISCHEN KUNSTANSTALT VON A. H. PAYNE.</br>{{GBS|sg1BAAAAcAAJ}}}} ==1. Heft.== ===Die Sängerin. Von Kaspar Netscher.=== [[File:Gemäldegalerie Alte Meister (Dresden) Galeriewerk Payne 002.jpg|400px|center]] In dem Gebäude, welches die Generalstaaten im Haag dem päpstlichen Legaten, Cardinal Cesare Detti Barberini zur Verfügung gestellt hatten, ging im Frühjahre 1655 ein glänzendes Fest zu Ende. Die weiten Säle waren voll von schönen Männern und Frauen aus Niederlands vornehmsten Geschlechtern. Die Blüthe der Jugend wogte nach italienischen Tanzmelodien über den spiegelglatten Boden dahin, indeß der Prinz von Oranien, umgeben von seinen ernsten Holländern, von schmeichelnden Franzosen und schlaublickenden Italienern, sämmtlich Männern in vorgerückten Jahren, in den Nebenzimmern wichtigere Gespräche führte, als sie über die Lippen der sorglosen, nur dem Vergnügen und der Liebe hingegebenen Jugend im Tanzsaal strömten. Neben dem Großpensionair J. de Wit zeigte sich die imponirende Gestalt Barberini’s. Der Cardinal war noch im kräftigen Mannesalter, in der bekannten „kleinen Toilette“. Obgleich seine Mission, für die Katholiken erweiterte Rechte im eigentlichen Holland zu erhalten, gescheitert war, sah man auf seinem milden, aber auch schlangenklugen Gesichte dennoch keinen Hauch von Mißstimmung, die er in so großem Maße im Herzen trug. Der Prälat erschien hier nur noch als vornehmer Römer, als feiner Weltmann. Giacomo del Monte, sein Vetter dagegen, ein hagerer, brauner Mann in der Obersten-Uniform der päpstlichen Leibwache, äußerte seinen Unmuth durch seine finstre Miene desto unverhüllter. Aber gleich als hätte die Liebenswürdigkeit des poesiereichen Italiens demungeachtet einen glänzenden Sieg behaupten sollen, so zeigte sich neben dem Obersten dessen Tochter, Viola del Monte. Ein reicher Blumenflor der schönen Töchter Niederlands war hier heute zu bewundern; keine derselben aber hätte es vermocht, dieser Italienerin den Preis der Schönsten streitig zu machen; Viola war blond; ihr Haar zeigte in den herabwallenden Locken eine unvergleichlich wirkende Mischung von Natur und Kunst. Orientalische Perlen durchschlangen dasselbe und vom Scheitel schwankten silberfarbene Reigerbüsche. Nichts Zarteres gab’s je als Viola’s Gesichtsfarbe, und die Formen ihres Gesichts und ihres nur nachlässig verhüllten Busens wären ein tadelloses Vorbild für die Schöpfungen der Künstler gewesen. Ihre Unterarme waren entblößt und erschienen, wie die Hände, unnachahmlich schön. Viola, die alle Männerherzen Bezaubernde, war die Königin des Festes. Nur wenige Glückliche aber genossen die Gunst, die Römerin zum Tanze zu führen. Sie zog sich bald von der rauschenden Lust zurück, um mit ebenso vieler Würde als Grazie in den Gesellschaftszimmern die Pflichten der Dame vom Hause zu übernehmen. Nicht wenige der niederländischen und fremden Cavaliere wurden dadurch bewogen, ebenfalls den Tanz aufzugeben und sich in die Spielzimmer zu begeben, um den Anblick dieser Schwester der Huldgöttinnen länger zu genießen. Sie rangirten sich um die Tische und begannen ihre Unterhaltung. Unter ihnen zeichneten sich, was die Schönheit ihrer Erscheinung, und – die Glut der Blicke betraf, die sie auf Signora Viola warfen, besonders zwei aus. Der erste war der Edeljunker Geraart van Sluits, ein Niederländer, Lieutenant von der Marine. Der andere, Quentin de Chavigny, ein Franzose, Lieutenant von den Mousquetaires seines Könige. Geraart van Sluits war zweiundzwanzig Jahre alt und etwa acht Jahre jünger als der Chevalier de Chavigny. Er war hoch gewachsen, hatte kaum eine schwache Schattirung auf der Oberlippe, und trug die herrlichsten hellbräunlichen Locken, die man sich einbilden kann. Sein Gesicht zeigte etwas Schwärmerisches, was den Ausdruck desselben höchst interessant machte. Der Franzose dagegen war untersetzt, breitschultrig, schwarzbärtig, mit kurzgeschornem Haar, braunem Gesicht und mit kühnblitzenden Nachtaugen. Er war übrigens zierlich gewachsen; der beste Tänzer, aber auch einer der gewandtesten, unerschrockensten Fechter, die es geben konnte. Jeder dieser Männer war in seiner Art vollendet. Es kam auf das Gemüth und den Geschmack des Beurtheilers an, welchen man vorziehen wollte; indeß dies aber geschah, konnte man dennoch nicht umhin, den andern ausgezeichnet zu finden. Diese beiden Menschen waren, obgleich sie sich nie beleidigten, seit sie Viola del Monte gesehen hatten, Todfeinde. Jeder sah die Leidenschaft des Andern und es stellte sich bald als gewiß heraus, daß die Italienerin, falls ihr Herz gerührt werden könne, nur unter ihnen wählen würde. Die Waage schwankte; endlich aber neigte sie sich zu Gunsten des weichen und doch heldenmüthigen Niederländers . . . ihm war von der herrlichen Fremden ein Lächeln jener Art geworden, das man „Lächeln des Herzens“ nennt. Chavigny wüthete. Aber noch glaubte er nichts sicher entschieden. Alles sollte heute Abend beendigt werden. Geraart Sluits und Quentin Chavigny, beide durch denselben Wunsch beseelt, dem Gegenstande ihrer Anbetung so nahe als möglich zu sein, hatten sich an den Tisch gesetzt, welcher dem geöffneten Zimmer, wo sich die ältern Notabilitäten befanden, am nächsten war. Einige andere Herren nahmen ebenfalls Platz, legten Karten auf und das Spiel begann. Es war das alte Landsknechts-Spiel. Der Zufall wollte, daß van Sluits die Bank erhielt. Chavigny schien selbst hier seinem bittern Groll gegen seinen Nebenbuhler Luft machen zu wollen; denn er machte so große Sätze, daß sich mehre Zuschauer neugierig um den Tisch versammelten. Aber der Chevalier war auch hier unglücklich. Geraart zog seine Goldhaufen ein, bis der Mousquetaire erklärte: er besitze hier keine baare Münze, und verlange aufs Wort zu spielen. Geraart gestand dies zu, und der Franzose verlor abermals mehre Tausende von Gülden. Chavigny erhob sich. – In diesem Augenblicke machte man drüben im Saale mit Tanzen eine Pause; die glänzende Versammlung strömte in die Nebenzimmer, und begann nach einiger Erholung die damals so beliebten Gesellschaftsspiele, welche in immer neuem Wechsel in Paris bei Hofe erfunden wurden, und von dort aus den Weg durch die ganze Adels- und vornehme Welt Europas machten. Hier glänzte Chavigny unbestritten als König. Er versuchte es beim „Colin Maillard assis“ sich gewandt der Hand Viola’s zu bemächtigen; sie wurde ihm heftig entzogen und sofort machte die Italienerin diesen Bravourstücken des Franzosen durch die Erklärung ein Ende: daß die Gesellschaft sich durch Musik und Gesang unterhalten werde. Mehre Schönen sangen zu dem Clavicimbale wie liebende Nachtigallen, und ernteten reichen Beifall. – Alles aber verstummte, als Barberini selbst mit cavaliermäßiger Grazie Viola an die Hand nahm, und ihr ein Notenbuch und eine herrliche, neapolitanische Laute präsentirte. Viola sah im Kreise umher. Ihr Auge suchte Geraart, der sich weit zurückgezogen hatte. Sie nahm das Instrument, das in den Niederlanden selten fertig gespielt wurde, und fragte, wohl wissend, daß Geraart van Sluits dasselbe meisterhaft zu behandeln verstand: – Würde Jemand die Mühe übernehmen, mich auf der Laute zu begleiten? Tief gebückt trat Geraart van Sluits heran und nahm die Laute, und nun begann ein Conzert, welches, die ganze Gluth und Innigkeit der beiden liebenden Herzen athmend, die Zuhörer hinriß und bezauberte. Welches Metall, welcher Schmelz dieser Stimmen, deren Töne sich in den reinen, herrlichen Melodien Baltazarini’s wiegten! Geraarts Augen blitzten denjenigen Viola’s entgegen, sie sprachen das Geständniß seiner Liebe . . . Und Viola, die Augensterne fest auf ihr Notenbuch heftend, fühlte, wie an dem leisen Vibriren ihrer Züge zu sehen war, die magische Gewalt dieser Blicke, obwohl sie dieselben nicht sah. Die Piece war geendigt. Chavigny trat herzu und machte der Signora del Monte seine Verbeugung. Er war Meister auf der Viola di Gamba, wie die Italienerin in dem Spiele des Claviers. Der Chevalier fragte, indem er auf die Instrumente zeigte: – Darf ich ebenfalls mir die Ehre erbitten, daß Sie, Mademoiselle, mit mir spielen? Viola ward aus ihrem Himmel gerissen. Sie erwiderte halblaut, aber nicht ohne Schärfe: – Nicht mit mir! Ich bin erschöpft! Aber da ist der Edeljunker van Sluits; er wird mit Ihnen ''aufs Wort'' spielen! Der Mousquetaire schien bei dem Doppelsinne dieser Erwiderung wie vom Blitze getroffen, faßte sich aber mit parisischer Schnelligkeit. – Ich werde allerdings, sagte er höflich; aber Sie erlauben, nur ''auf Klingen!'' Chavigny verließ auf der Stelle den Saal, von dem Marquis von Croustillac und Dernonville geleitet. Geraart hatte seinen Blick wohl verstanden und beurlaubte sich bei Viola, die jetzt erst begriff, was sie durch ihre Antwort angerichtet habe. Geraart nahm seinen Vertrauten, einem Capitain Bloom mit sich. Sie holten die drei Franzosen bald ein, und wurden von dem rauflustigen Croustillac nur durch eine Handbewegung eingeladen, ihnen zu folgen. Chavigny und seine Begleiter gingen voran zu dem „Bosch van Haag“, einem herrlichen Gehölz in der Nähe der Stadt, die damals noch immer „ein Dorf“ genannt wurde. Unter einigen alten Linden machten die Franzosen Halt. – <tt>Par Dieu!</tt> Chevaliers, rief der Herr von Dernonville, nach dem hell und klar am Himmel hängenden Vollmonde hinaufblickend; ein vortrefflicher Ort, um sich die Kehlen abzuschneiden! Die Niederländer schwiegen. Bloom zog den Degen und bestimmte die Mensur. Die Kämpfer warfen ihre Mäntel ab, zogen und begrüßten sich durch Senken der mattfunkelnden Degenspitzen. – Mein Herr van Sluits, sagte Croustillac, wie auf dem Parket seine Verbeugung machend, ich habe die Ehre, Ihnen hier den besten Schüler des unsterblichen Marmet’s, des besten Fechtmeisters in Paris, vor die Klinge zu liefern. Sie werden, Monsieur, einen Stiefel finden, der für Ihren Fuß paßt! Geraart verbeugte sich. Einen Augenblick später sprühten die Funken von den gekreuzten Klingen. Trotz seines stählernen Handgelenkes und seiner ausgezeichneten Kunst ward Chavigny von dem Niederländer durch einen Stoß durch die Brust zu Boden gestreckt. Bloom trat gleichmüthig vor. – Dieser Stoß, meine Herren aus Paris, sagte er, war zwar nicht vom Marmet, aber Sie werden allerseits gestehen, daß er ''gut'' ist! – Chavigny starb noch in derselben Nacht und Geraart mußte aus dem Haag fliehen. Er nahm Abschied von Viola del Monte; er hegte noch Hoffnung . . . sie aber wußte, daß dies ein ewiges Lebewohl sei. Der Cardinal-Legat gab ihm eine Empfehlung an den Großmeister der Johanniter, Sebastian de Valency, und Geraart reiste nach Malta ab. Er trat hier in den Orden ein, durch seine Umgebung bestimmt, nachdem er gehört, daß Viola del Monte Barberini dem Grame um die Trennung von ihm erlegen war und die Erde verlassen hatte. – ---- ===Der Chemiker. Von David Terniers.=== [[File:Gemäldegalerie Alte Meister (Dresden) Galeriewerk Payne 003.jpg|600px|center]] Auf der „Warmoen Straat“, alte Seite zu Amsterdam, stand eine eigenthümliche Wohnung. Sie wich etwas von der breiten Straße zurück; der Raum, der dadurch in der Reihe der barock gebauten Paläste reicher Kaufleute entstand, war mit Linden bepflanzt, welche durch Geländerwerk und durch eine kunstreiche Scheere oben zu eigenthümlichen, geometrischen Figuren gezogen waren. – Das Haus selbst war niedrig, aber prächtig und mit Marmor verziert; jedes Fenster zeigte einen Spitzbogen mit Genienköpfen, an den Seiten waren Nischen mit Miniaturstatuen von damals ausgezeichneter Arbeit, und in den Feldern unter den Fensterböschungen sah man Haut-Reliefs aus der biblischen Geschichte, von anderen seltsamen Sculpturen eingeschlossen. Die letzteren Bildnerwerke waren indo-persische, oder antik-ägyptische; sie stellten das Leben Zoroasters und des noch urälteren persischen Mythras, des schaffenden Mittelgottes, den Sonnendienst und die mystischen Lehren der Magier dar. Dies Haus hieß „die Wohnung des Weisen“ bei dem Volke. Die Gebildeten nannten dasselbe mit einem damals ebenfalls noch von geheimnißvollen Vorstellungen begleiteten Namen: „Apotheke“. – Hier wohnte einer der berühmtesten Chemiker Amsterdams. Er hieß Erasmus de Pottere oder Erasmus Potterus. Er verschmähte es, damals an den Hof des Burgunders, oder nach Spanien als Arzt, das heißt, als ein im Besitze wunderbarer Künste befindlicher Arzt, zu gehen, und sich für mystische Täuschungen, wie er sie leicht hätte ermöglichen können, Rang, Geld und Berühmtheit zu erringen. Potterus war wirklich ein Gelehrter, und aus seinem geräuschlosen Wirken, aus dem stillen Arbeiten seiner einsamen Nächte erwuchs der Wissenschaft manche wichtige Entdeckung. Niemand war der Mystik, welche sich in jenen Zeiten der Arznei- und Apothekerkunst bemächtigt hatte und die bis in die trübsten Regionen der Alchymie sich verlor, fremder als eben Potterus. Und dennoch war Erasmus Potterus wirklich und wahr im Besitze von Arcanen und von Künsten, welche diejenigen, die die Hof-Astrologen und Alchymisten lügenhaft von sich rühmten, weit überstiegen. Daß Potterus Gold machen könne, stand in Amsterdam so fest, daß, als die Girobank in Amsterdam wegen bedeutender Kriegsvorschüsse an die Generalstaaten in augenblicklicher Verlegenheit war, eine Deputation insgeheim an den Chemiker gesandt wurde, um ihn zu bewegen, eine Anzahl von Goldbarren aus Eisen oder Kupfer herzustellen. Potterus wies sie lächelnd von sich, aber der Glaube an seine Kunst ward dadurch noch mehr befestigt. Jedermann kannte die einfache, fast ascetische Lebensweise des Chemikers; er mußte nothwendig arm oder geizig sein, um sich so consequent jedes weltliche Vergnügen, jeden Genuß zu versagen. Hiermit stimmte aber durchaus nicht zusammen, daß Erasmus Potterus, als die schöne Kalver-Straat und die Keyzers-Gracht erweitert und neu aufgeführt werden sollten, bei dem Magistrat zu diesem Zwecke eine Summe von fünfzigtausend Goldgülden zum Geschenk niederlegte. – Soviel war indeß, aller halbwahren oder märchenhaften Gerüchte ungeachtet, sicher: daß dieser Wundermann die Sanftmuth und das menschliche Mitleiden selbst war. Er gab reiche Almosen, und reichte jedem der Kranken, die aus der Hauptstadt und aus der Umgegend kamen, zuvorkommend gute Arznei und zwar unabänderlich umsonst. Potterus war übrigens unverheirathet, hatte keine Anverwandte, und bewohnte sein Haus allein. Einige Knechte, welche ihm die Blasebälge seiner Essen zogen, oder an dem Mörser arbeiteten u. s. w. kamen nur Morgens und gingen Abends wieder nach Hause. – So lebte Potterus, da kam zu Amsterdam ein venetianisches Schiff an, mit levantinischen Erzeugnissen beladen. Mit diesem Schiffe traf ein Arzt ein, welcher Gaetano Trombona hieß. Dieser Italiener quartierte sich in einem Gasthofe ein, welcher der Wohnung des Erasmus Potterus schräg gegenüber lag. Große Anzeigen seiner wunderbaren Kenntnisse und Kuren bedeckten die Wände des Gasthauses, und ein unerhörter Andrang fand zu dem Fremden statt, welcher die Geheimnisse des Orients zu besitzen vorgab. Bald aber kam das Gerücht, dieser Italiener aus Parma sei ein Wallone, kein Arzt, sondern ein vormaliger Reiter vom Condottieri Spinola, ein Abenteurer, welcher nichts verstehe, als Leichtgläubige auszuplündern. Trombona vernahm diese Gerüchte, und er eilte, sein gesunkenes Ansehn dadurch wieder zu befestigen, daß er mit dem als wahrhaften Gelehrten bekannten und hochgeachteten Erasmus Potterus Bekanntschaft anknüpfte. – Trombona trat also bei dem Chemiker ein, welcher ihn in seinem Laboratorio mit gewohnter Zuvorkommenheit empfing. Potterus war etwa sechsundvierzig Jahre alt, mehr hager als stark; er trug einen langen Bart, ein Doctorbaret mit Pelz, eine Art Kaftan mit Marderfellen besetzt und Pantoffeln mit Goldbrocat eingefaßt. Das Laboratorium sah fremdartig genug aus, und der Chemiker bemerkte zu seiner großen Zufriedenheit und mit dem sanftmüthigsten Lächeln von der Welt, daß Gaetano vom Anblicke desselben einigermaßen überrascht war. Die Essen dampften und sprühten Funken; vor der einen arbeitete der Meister in seinem großen Lehnstuhle, neben sich einen Handblasebalg, kleine Schmelztigel, Retorten und chemische Apparate; hinter sich einen reich gedeckten, mit den verschiedensten Instrumenten, Büchern und Fläschchen versehenen Tisch. An der Außenseite der Hauptesse waren Schädel und Knochenreste von Thieren, ein riesiger Destillirapparat etc. angebracht; unten lag ein Buch – es waren die Geheimnisse des zweiten oder irdischen Hermes, des Trismegistus, mit allem tief- oder wahnsinnigen Wuste einer sich in labyrinthischen Irrgängen verlierenden Kabbala. Gaetano Trombona, ein untersetzter Mann von imponirendem Aeußern in der Doctor-Tracht von Bologna, wußte den Potterus sehr bald für sich einzunehmen, und als er zwei seiner corsikanischen braunen Diener in das Laboratorium brachte, welche, einen großen, eigenthümlich geformten, schön ausgestopften Fisch trugen und ihn dem Erasmus als Geschenk anboten, da kannte die Freude des Niederländers keine Grenzen. Dieser Fisch war ein durchaus unbekannter; er war nicht etwa wie die höchst seltsame und berühmte, lange für echt gehaltene Antwerpener Seeschlange mit Flügeln, künstlich, sondern ein natürlicher Rest von einem Seethiere, das Gaetano für einen Crocodil-Haifisch erklärte, und von welchem er behauptete, daß diese Gattung auf dem Lande gehen könne, obgleich sie keine Füße habe. Das Thier ward feierlich oben an die Zimmerdecke gehängt. Von diesem Tage an war Erasmus der Freund des Italieners, welcher von nun an bei ihm ein täglicher Gast war. Beide reichten sich bei mehren Geschäften die Hand; Trombona setzte sich in das Laboratorium des Niederländers und fertigte die kommenden Kranken ab, Potterus bereitete nach seiner Angabe Elixire für dieselben u. s. w. Diese Verbindung ward immer genauer, denn schwerlich war ein gewandterer Mann als Gaetona zu finden. Potterus hatte sehr bald entdeckt, der Italiener sei kein großer Gelehrter in Hinsicht auf Arzneikunst; aber der Abenteurer, welcher den Orient, Arabien, Persien und Aegypten durchstrichen hatte, verstand die morgenländischen Sprachen der kabbalistischen Bücher so vollständig, daß dem wißbegierigen Holländer der neue Freund bald unentbehrlich wurde. Potterus fing bald an, den Italiener in seine Geheimnisse einzuweihen. Nur stufenweise entdeckte der brave Chemiker seine Kunst, so sehr Gaetano ihn auch weiter drängte. Es war, als wenn eine Ahnung dem Chemiker zugerufen hätte: verräthst Du die „geheime Kraft der Wissenschaft“, so kostet es Dein Leben! Fast zitternd gestand Potterus dem Freunde, daß er seit Jahren ein Geheimniß besitze, das er länger allein zu tragen und stumm in seine Brust zu verschließen nicht die Kraft besitze. Er führte Gaetano nach einer wohlverschlossenen Kammer, und zeigte ihm hier Gold in gewaltigen Haufen aufgeschichtet. – Sieh, mein Freund, sprach der Chemiker, dies alles habe ich durch die Kunst, welche ich entdeckte, gewonnen. – Gaetano horchte athemlos. – Aber glaubst Du, daß der Anblick dieses Goldes mich dafür entschädigt, daß ich meine Entdeckung bisher noch in keine menschliche Seele habe niederlegen können? – Du wirst hören, Du wirst sehen und wirst begreifen, daß alle Macht der Welt in meinen Händen liegt! Habe ich Dich später erprobt, habe ich Dich so treu und würdig wie bisher erfunden, so wirst Du Theilnehmer meiner Erfindung, damit ich den Weg in den kalten Regionen der Wissenschaft nicht mehr allein, wie ein vom Leben Abgeschiedener, zu wandeln nöthig habe. Einige Zeit verstrich, und noch immer hatte Potterus sich nicht erklärt. Trombona ward fast unsinnig vor Neugierde und einer Leidenschaft, die sich später ausschließlich seiner bemächtigte. Der Holländer zeigte ihm eines Abends tief im untersten Gewölbe seines Kellers einen weiten, klaren Teich, in welchem einige Schichten Muscheln über einander lagen. Gaetano begriff erst dann, als Potterus sich bückte, eine Muschel und dann noch eine herausnahm und mit einem Instrumente aus den Schalen blitzende, runde Körper hervorlangte, die der Staunende als die unschätzbarsten, ächten Perlen erkannte. – – Perlen! rief der Holländer. Einige einzige dieser Muscheln liefert mir für Tausende von Gülden dieser Kleinode jährlich, und meine Kunst ist es, meine stummen Arbeiter zu veranlassen, mir nach meinem Willen ihre herrliche Waare zu schaffen! Tief erschüttert ging Trombona nach seiner Wohnung. Es litt ihn nicht mehr im Laboratorio des Holländers, nur unten im Gewölbe ward er ruhig. Stundenlang saß er und visitirte und untersuchte die Muscheln und forschte und grübelte; er sah das Wunder vor sich, aber je mehr er dasselbe zu begreifen strebte, desto verwirrter wurde er. Potterus aber ward ziemlich besorgt über seinen Freund. – Es sind Lügen! Erasmus! rief Trombona eines Tages wild. Du täuschest mich. Diese mit Perlen prangenden Muscheln haben die Taucher aus der Tiefe des Meeres geholt; sie besaßen bereits die Perlen . . . und doch . . . ich sehe, die Lücke für die Perlen hast Du gebohrt . . . Erasmus, sage mir die volle Wahrheit, oder ich werde irrsinnig . . . Hast Du Lüge oder Wahrheit? – – Wahrheit! rief Erasmus; dort in meinem Eisenkasten liegen die Recepte für das Teichwasser, für die Behandlung der Thiere, für mein ganzes Verfahren, dessen Resultat Du kennst! Aber, setzte er zögernd hinzu, noch bist Du nicht besonnen, nicht kaltblütig genug, als daß ich Dir das Geheimniß enthüllen könnte! – Trombona schwieg düster und ging sehr bald fort. An diesem Abende war’s ein furchtbares Regenwetter. Trombona wußte, daß der Chemiker versprochen hatte, eine arme Kranke, über den alten Deich hinaus wohnend, zu besuchen; er hielt stets ein solches Wort. Gaetano besann sich, dann ließ er seinen Corsikaner zu sich kommen. – Bastelika! kennst Du den Potterus? Der Corsikaner sah erstaunt auf. – Nimm diesen guten Dolch, und triffst Du ihn auf dem Wege von der Warmoen-Straat bis zum alten Deich, so stoß’ ihn nieder. Hier sind 100 Gülden! Bastelika schüttelte zwar den Kopf, aber er nahm Waffe und Geld und ging in das Wetter hinaus. Trombona öffnete die Fenster sammt der Hausthür und horchte. Eine halbe Stunde verging in ängstlicher Weise. Da kam eine in einen Mantel gehüllte, triefende, schwankende Gestalt daher, die eine Hand weit vorgestreckt, als sähe sie nicht mehr, und stürzte in des Italieners Gemach. Es war Erasmus, der zu Füßen seines verrätherischen Freundes niedersank, noch einen Blick auf ihn richtete und, indeß er vergebens zu sprechen versuchte, starb. – Trombona nahm die Schlüssel, welche der Chemiker unter seinem Marderpelze verbarg, und eilte nach dessen Wohnung. Er rührte das Gold nicht an; nur das Geheimniß – das Geheimniß wollte er finden. Er sah ein Papierpaket, mit der Aufschrift: „Perlen“! O Schrecken! Es war in Chiffern geschrieben, die der Mörder nicht kannte, nicht zu lösen vermochte, deren Schlüssel im Haupte des Meisters begraben lag! Gaetano ging, den Tod im Herzen, nach seiner eigenen Wohnung zurück, brachte die Leiche des Chemikers nach seinem Hause, rührte kein Goldstück, keine Perle an, und verschwand mit seinen Corsikanern noch in derselben Nacht. Von Smyrna aus kam sein Brief an den Magistrat von Amsterdam, welcher diese eben so eigenthümliche als düstere Geschichte enthüllte. ---- ===Reitergefecht. Von Wouvermann.=== [[File:Gemäldegalerie Alte Meister (Dresden) Galeriewerk Payne 004.jpg|600px|center]] Majestätisch und furchtbar breitete sich das Lager der Spanier im Jahre 1604 vor dem alten Ostende aus. Ein Tod und Verderben schleudernder Gürtel zogen sich die Schanzen und Laufgräben um die Stadt, und hohe Bewunderung mußte selbst das Herz des Feindes erfüllen, wenn er bedachte, daß die geängstigte Stadt dieser ununterbrochenen Reihe von Kanonen- und Karthaunenmündungen schon drei volle Jahre und drei Monate unerschütterlich getrotzt hatte. Ostende war ein Steinhaufen, aber die Besatzung sammt der Bürgerschaft schien fest entschlossen, sich lieber unter den Trümmern zu begraben, als den Spaniern, von denen bereits hunderttausend Mann vor den Wällen dieser Seestadt gefallen waren, die Thore zu öffnen. Ganz Europa hielt auf die Belagerung und auf den genialen Feldherrn der Spanier, den genuesischen Condotterie, Marquis Ambrosio Spinola, unverwandt das Auge gerichtet. Spinola, der sich vom Führer einer Zahl von 9000 Wallonen, die Jedem diente, welcher sie bezahlte, rasch zum Feldherrn Philipps III. aufgeschwungen hatte, fühlte zu klar, daß sein ganzer zukünftiger Feldherrn-Ruhm von der Einnahme Ostende’s abhängen werde, und er setzte daher den Niederländern eine Eisenfestigkeit entgegen, die mindestens der ihrigen nicht nachstand. Zugleich wandte er seine ausgezeichnete Verschlagenheit unermüdlich an, um das durch eine Ueberrumpelung, durch List und Verrätherei zu erreichen, was er bisher mit der blanken Waffe nicht hatte ins Werk richten können. Aber kein Verräther wollte erscheinen; der National- und Glaubenshaß der Niederländer gegen ihre spanischen Tyrannen und Henker war so heftig und unbestechlich, daß die holländischen Kriegsleute, welche in die Hände der Spanier fielen, lieber starben, als nur ein Wort sagten, das geeignet gewesen wäre, die Pläne der Spanier nur um einen Schritt weiter zu fördern. Fast verzweifelnd ritt Ambrosio Spinola, vielleicht zum zweitausendsten Mal, eines Abends durch die Trancheen, um eine Recognoscirung zu unternehmen, von welcher er sich heimlich seufzend gestand, daß sie eben so wenig wie alle anderen Erfolg haben werde. Als er mit etwa 20 Mann seiner wallonischen Garde, die, gut verpflegt und richtig bezahlt, Muster des Gehorsams war, die vorgeschobenen Zeltreihen und dann die Batterien passirte, hörte er von den castilischen, gelb und schwarz gekleideten, Reiterregimentern und von den wilden Massen der navarresischen Fußknechte Aeußerungen, die mehr als Murren waren. Sie fluchten auf den vorbeireitenden Feldherrn, sie verlangten, mit drohenden Bewegungen ihrer langen Musketen und Hellebarden, nach Spanien zurückgeführt zu werden und zwar auf der Stelle. – Dort winkt reiche Belohnung, Kinder; sagte der Feldherr, sehr gütig lächelnd; als einer der Musketiere, die Waffe zum Anschlage bereit, auf ihn zutrat; Ostende birgt noch Schätze genug, um Euch reich für alles ausgestandene Ungemach zu belohnen! – Wir werden sehen! sagten die Navarresen, einigermaßen beschwichtigt. Als Spinola aber fort ritt, da legten sie wie zur Probe ihre Musketen an, und murmelten grimmig ihr: – Carajo! Italienischer Hund! – Nur mit noch schwerer gewordenem Herzen entfernte sich der Feldherr; denn er wußte nur zu wohl, daß von Madrid aus Alles, aber nur das nicht zu erlangen war, was allein diese kampfgewohnte, wilde Soldateska gefügig und zahm machen konnte: – Geld! Und drüben über den breiten, schier mit Wasser angefüllten, Gräben starrten Ostende’s Wälle noch ebenso unerschütterlich und verderbensprühend, wie am Tage der Eröffnung dieser furchtbaren Belagerung. Um die Situation Spinola’s noch kritischer zu machen, waren einige holländische Schiffe unter Heemskerk durch die spanische Blokadeflotte geschlüpft und in den Hafen gekommen, und der unermüdliche, listige Moritz von Oranien führte ein auserlesenes Corps herbei, um ihn zur Aufhebung der Belagerung zu zwingen. Oraniens Vortrab hatte sich in der Flanke Spinola’s bereits vor zwei Tagen gezeigt, und derselbe war nur Schritt vor Schritt, tapfer kämpfend, gewichen. Spinola kam auf den Kampfplatz. Er war unfern einer Windmühle, die an einem Küstenflüßchen gelegen, auf einem Felsen stand, und wegen der eignen Bedürfnisse des spanischen Heeres bisher geschont war. Hier hielt er sein Roß an, und näherte sich einem Vorposten von baskischen Musketieren und Lanzenknechten, welcher nahe der Brücke sich aufgestellt hatte, die zugleich über den seichten Bach und zu dem Felsen führte, auf welchem die Mühle lag. Während die Bedeckung von den Wallonen ihre Rosse in den Bach ritt, um dieselben zu tränken, musterte Spinola mit Adlerblicken die äußersten Vorwerke Ostende’s. Von dieser Seite her war die Stadt nur immer eingeschlossen, noch nie berannt und beschossen. Ein gewaltiges, kanalartiges Gewässer dehnte sich hier in solcher Breite, daß die Anlage der Breschbatterien zwecklos erschien, selbst wenn der Graben nicht so tief gewesen wäre. Spinola faßte dennoch diesen Punkt fest ins Auge. Eben war er im Begriff, abzusteigen und sich auf die Windmühle zu begeben, als er oben auf der Gallerie derselben eine junge, höchst reizende niederländische Bäuerin sah, die auf ihn und seine kriegerisch glänzenden Begleiter nur einen sehr gleichgültigen Blick warf, dann aber, die Augen mit der Hand gegen den scheidenden, blendenden Strahl der sinkenden Sonne deckend, unverwandt nach Ostende hinüber spähte. – Was schaust Du da? rief Spinola verwundert, und sofort kletterte einer der Basken den Felsenhügel hinan, ergriff die Befragte und zog sie, ungeachtet ihres Sträubens, rasch vor den Feldherrn. Die Niederländerin versuchte frisch und keck zu antworten; aber der geübte Menschenkenner sah sehr bald, daß das Mädchen viel ängstlicher war, als sich aus ihrer Furcht vor den Kriegsleuten rechtfertigen ließ. Er stellte seine Fragen genauer, und das Mädchen, verwirrt stammelnd, versuchte ihr Heil in der Flucht. Sie ward sofort wieder eingeholt. – Jetzt aber, Carissima, reden wir ernstlich; sprach Spinola mit seinem finstersten Gesichte, indeß er die bebende Hand der Niederländerin ergriff und ihr drohend in das liebliche Gesicht blickte, welches Schnee statt der Rosenfarbe zeigte. – Antworte auf der Stelle und sprich die Wahrheit. Was haben Deine Augen drüben auf Ostende’s Wällen zu suchen? Steht Ihr Verräther, deren Haus und Mühle ich schonte, die Ihr durch meine Soldaten Nahrung und Geld bisher erwerben durftet, mit diesen ketzerischen Banden drüben in Verbindung? <tt>Corpo di Bacco! Madre di Dios!</tt> Ich glaube, Ihr gebt drüben Signale, sobald Ihr sehet, daß meine Spanier die Trommeln umstürzen und zu spielen beginnen! Aber gesteh’, Mädchen, und Du sollst gut bezahlt werden . . . wo nicht, so sollst Du sterben, ungeachtet Deiner Jugend und Schönheit! Die Niederländerin sank in heftigster Bewegung vor Spinola nieder, und drückte die Hände auf den Busen, als wolle sie verhindern, daß er zerspringe. Die Spanier näherten sich und betrachteten die schöne Ketzerin mitleidig, wagten aber dem Feldherrn gegenüber keine Bitte für sie einzulegen. – Muß ich denn sterben, sagte sie, kaum noch ihrer Sinne mächtig, so mag’s um das arme Müllermädchen geschehen sein – ich sterbe für ''ihn;'' aber ''er'' wenigstens ist gerettet! – Was murmelte das Mädchen jetzt? fragte Spinola, indeß er sich aus seiner vorgebeugten Stellung aufrichtete, und seine Umgebung ansah. Ein Wallone übersetzte die Antwort. – Er ist gerettet? wiederholte Spinola sinnend. Also täuschte ich mich dennoch nicht! Bewacht dies Mädchen, Navarresen; dies scheint eine Begebenheit von der Art zu sein, an welche sich wichtige Folgen knüpfen. Zwei Mann verfügen sich auf die Mühle, entfernen jede menschliche Seele, die sich darin befindet, und halten genau jenen Punkt, – merkt Euch – jenen Punkt drüben im Auge. Kaum hatten die Schützen ihren Standpunkt eingenommen, da schrie der eine schon: – Capitano! Ich sehe Etwas im Kanale sich bewegen; ich kann nicht unterscheiden, ob’s ein Boot ist, oder ein großer Seehund, der den Kopf aus dem Wasser steckt! Allgemeines Gelächter folgte. Dann ertönte Spinola’s Commando; die Reiter sprengten vor, an der Brücke fort, kamen an den Kanal und bemächtigten sich eines jungen schlanken Burschen, eben als derselbe, triefend von dem Schlammwasser, ans Land stieg. Spinola vergaß seine ganze angelernte Grandezza; er war in diesem Augenblicke ganz Italiener: er jauchzte laut auf, und rief in seiner Muttersprache, als der Niederländer mit dem Schwert an der Seite vor ihm stand: – Zu Fuß, mein Bursche? Du marschirst geradeswegs von Ostende durch den Kanal? Durch den Kanal, den ich zwanzigmal messen ließ, um zu erfahren, daß er sechzehn Fuß tief ist? Ich würde Dich umarmen, wärst Du weniger triefend . . . Spanier, ich sag’s Euch, Ostende ist morgen in dieser meiner Hand! Und stolz streckte er die mit dem prachtvollen Stulphandschuhe von Toledo bekleidete Rechte empor. Der Jüngling, der Geliebte der Müllerin, welche halbohnmächtig dieser Scene zuschaute, war nicht so schwierig wie diese. Er bedung sich Sicherheit für sich und seine Geliebte aus, und gestand, daß eben an dem Platze, welchen er überschritten habe, sich ein schmaler Damm befinde, welcher den Kanal durchschneide, daß durch die Ueberschwemmung jedoch derselbe unter Wasser gekommen sei . . . Spinola bestieg hierauf sein Roß, um sofort seine Dispositionen zum Angriff auf Ostende zu machen. Indeß dies neben der Brücke verhandelt wurde, erscholl plötzlich donnernder Hufschlag, und von der Seite her kamen niederländische Reiter; sie sprengten unter dem weitgewölbten Brückenbogen hervor und machten mit Schwert und Faustrohr und Muskete einen wüthenden Angriff auf Spinola und seine Wallonen und Navarresen. In einem Augenblicke wälzten sich zwei Spanier getroffen am Boden; und immer nach rückten unter dem Geschrei: Oranien boven! neue Gesichter, durch den Pulverdampf sichtbar, auf schnaubenden Rossen vorwärts und hieben die Wallonen nieder. – Rettet den Feldherrn! schrien die Wallonen und sprengten vor, um Spinola mit ihren Klingen und Körpern zu schützen. – Wo ist dieser spanische Mörder? rief eine prächtige, vibrirende Stimme durch den Tumult. Und auf einem wunderschönen Schimmel sprengte ein Reiter auf Spinola zu und feuerte sein Pistol ab. Spinola ließ geschickt sein Pferd sich bäumen; in die Brust getroffen sank der schwarze, andalusische Hengst zusammen. Zugleich zückte der Niederländer in mächtigem Hiebe sein Schwert. Aber der spanische Feldherr, gewandt wie vielleicht keiner seiner Reiter, zog den Fuß aus dem Bügel, ergriff das Pistol und schlug an. – Moritz Oranien ists selbst! schrien die Navarresen, indeß sie mit den Piken auf den Schimmelreiter eindrangen. Heute kein Quartier! – Macht ihn nieder, Cameraden! Oranien! – Das Wort traf den großen spanischen Capitano blitzähnlich. Das war sein nicht minder großer Gegner – zwei der ersten Feldherren ihres Jahrhunderts standen sich persönlich fechtend gegenüber. Der Schuß, welchen Spinola <tt>à bout portant</tt> auf den Prinzen abfeuerte, ging fehl . . . Oranien war durch Nennung seines Namens gerettet und Spinola sprang vorwärts, ergriff ein reiterloses Pferd und dachte an den Rückzug aus diesem mörderischen Engagement. Inzwischen waren die niederländischen Fußgänger herangekommen und nahmen den Kampf mit den Navarresen auf. Die Spanier flohen auf die Mühle, und keine zehn Minuten, so war das Gebäude von den Schüssen in Flammen. Man schlug sich jetzt allenthalben, unter der Brücke, neben beiden Seiten und oben auf der brennenden Mühle, im Bache, jenseits desselben. Sogar der Niederländer, dessen Geliebte schon Anfangs die Flucht genommen hatte, focht um seine Freiheit mit dem Navarresen, der ihn festzuhalten Befehl empfangen hatte. Obgleich waffenlos, überwältigte er denselben, bemächtigte sich seiner guten Klinge wieder im seichten Gewässer des Bachs, und hieb ihn zusammen, dann floh er ebenfalls. Heranrückende spanische Regimenter machten dem Gefechte ein Ende. Oranien verließ mit seinen Reitern, die jeder hinter sich einen Fußgänger mit aufs Pferd nahmen, den Kampfplatz im Galopp. Er hatte einen jener kühnen Handstreiche ausgeführt, die ihn dem Feinde so furchtbar machten; er hatte recognoscirt und geschlagen, und fast hätte er seine Absicht erreicht und Ambrosio Spinola gefangen genommen. Der Schrecken der Spanier über diese Kühnheit wich bald der hellen Begeisterung, als die Nachricht von der Furt durch die breiten Graben sich verbreitete. Mit wahrem Feuereifer warf die Infanterie Schanzen im Rücken des Lagers auf, um sich gegen eine abermalige Ueberraschung durch Moritz zu sichern. Als er in der folgenden Nacht einen geordneten Angriff wagte, ward er mit Verlust zurückgetrieben. Spinola aber ließ seine entschlossensten Regimenter auf dem mit Wasser bedeckten Damm vorrücken – die erstarrten Ostender sahen sich von dieser Seite der Stadt verloren und – die Stadt war in Spinola’s Gewalt. Sein Ruhm schallte durch ganz Europa, als die Kunde sich verbreitete, Spaniens Flagge wehe über Ostende’s Steinhaufen. ==2. Heft.== ===Die Rechtsverhandlung. Von Christoph Pauditz.=== [[File:Gemäldegalerie Alte Meister (Dresden) Galeriewerk Payne 005.jpg|600px|center]] Es war im Sommer 1648 noch in den frühen Morgenstunden, da tönte schon die silberne Schelle des hochwürdigsten Herrn und Gebieters durch den prächtigen bischöflichen Palast zu Freising. Dies war das Zeichen, daß der Bischof seinen schönsten Pagen, Stellio Viccanelli, einen armen lombardischen Edelknaben, erwartete, welcher ihm vorlesen und seine Befehle an die übrige Dienerschaft abgeben mußte. Stellio, im braunen Sammtwamms mit weißen Seidenpuffen, den zierlich gefalteten flandrischen Spitzenkragen um den blüthenweißen Hals, flog durch die langen, getäfelten Gänge in das Zimmer, welches die Zelle des Bischofs hieß. Dies war jedenfalls ein sehr bescheidener Name. Das Cabinet des Hochwürdigsten war wahrhaft prächtig. Die Wände wurden von Meisterwerken der Malerei decorirt; ausländische Pflanzen strömten ihren Duft aus und zwischen den Blättern und Blüthen standen auf vergoldeten Sockeln von schwarzem Marmor Büsten und Miniaturstatuen berühmter Männer oder Copien von werthvollen antiken Sculpturen. Das Einzige, was auf die geistliche Würde des Gebieters hindeutete, war ein Bild, welches den Heiland zeigte, wie er die Wechsler und Krämer aus dem Tempel trieb. Dies Gemälde, gegenwärtig die Zierde des Altars im Freisinger Dome, war von dem kunstreichen Pinsel Christoph Pauditz’s, des Hofmalers des Bischofs. Vor diesem Bilde brannten zwei kurze, aber armdicke Kerzen und zwischen beiden stand ein sehr kleines, massivgoldenes Crucifix von spanischer Arbeit. Clamor Chrysostomus Bernwardus, der Gebieter selbst, saß in einem großen, schwerverzierten Lehnstuhle, an dessen hoher Lehne oben über dem Haupte des Würdenträgers das bischöfliche Wappen, farbig gestickt, prangte. Der Bischof war eine imponirende Gestalt; er mochte sechs und vierzig Jahre alt sein, war breitschultrig, wohlgebaut und hatte selbst jetzt im Sitzen eine ritterliche Haltung. Seine Hände waren vorzüglich schön und mit Ringen von St. Peter geschmückt. Der Ausdruck seines Gesichts von feiner, weißer Farbe war vornehm, fast stolz; jetzt, da er sein Käpplein tief in die Stirn geschoben, die dunkeln Brauen gerunzelt und den Blick fest auf den Boden gerichtet hatte, finster und unzugänglich. Die Miene, womit er von Zeit zu Zeit seine delicate Hand auf sein seidenes Ordenskleid und gerade dahin legte, wo unter dem weißen Kreuze sein Herz schlug, bezeugte, ein inneres Weh habe sich seiner bemächtigt. Stellio trat mit einer tiefen Verbeugung ein. – Mein Sohn, sagte der Bischof, dem Kinde das glänzendschwarze Haar streichelnd, welches schon nach Klosterart verschnitten war, ich habe eine schlimme Nacht gehabt; ich fühle mich ermattet und elend . . . – Ich werde den Doctor Reinhardus rufen! erwiderte Stellio mit leuchtenden Augen, indeß er den Befehl zu errathen glaubte, noch ehe er von dem Herrn ausgesprochen war. Der Bischof schüttelte den Kopf. – Meinen Maler, den Meister Christoffler Pauditz, will ich sehen! bemerkte Bernwardus. Der Page verschwand. Nach wenigen Minuten erschien der Künstler vor seinem Herrn und Freunde. Christoph Pauditz, oder wie er sich auch zuweilen nannte, Paudiß, ein Niedersachse von Geburt, war genau wie die alten Künstler Deutschlands in unseren Vorstellungen leben: eine schlanke, fast hagere Gestalt im schönen Mannesalter, mit hellbraunem Haar und blondröthlichem Bart; in dunkler, talarartiger Kleidung mit Pelz verbrämt; mit schöner, ernster gedankenreicher Miene, die aber ein nicht geringes Selbstbewußtsein, einen lebendigen Künstlerstolz ausdrückte. Sein erster Blick fiel auf sein Gemälde und seine Augen erheiterten sich sichtlich. Christoph Pauditz grüßte den Bischof mit ehrerbietiger Vertraulichkeit. Bernwardus lud ihn ein, sich zu setzen, und fing nach einer Pause sehr niedergeschlagen an: – Meister, oft schon hat mich Deine Kunst ergötzt und mir meine schönen Stunden noch mehr verherrlicht. Jetzt bitte ich Dich selbst, mir eine der bittersten Stunden meines Lebens ertragen zu helfen. Der Bischof sah bei diesen Worten so bekümmert aus, daß der Maler voll Unruhe aufstand und sich ihm näherte, indeß er seine Bereitwilligkeit aussprach, dem geliebten Herrn mit allen seinen Kräften zu dienen. – Höre mich an, sagte der geistliche Würdenträger, aber bewahre mein Geheimniß bis zum Tode. Ich bin von dunkler Herkunft; als ein Findelkind wurde ich im Hause des Freiherrn von Spiegelberg erzogen. Nicht für die Kutte, welche mich heute umschließt, war ich bestimmt. Ritterliche, adlige Uebungen füllten meine Jugendzeit aus. Aber als mein Körper Festigkeit und Ausbildung erlangt hatte, als ich in meinem Aeußern die unverkennbaren Merkmale der Erziehung eines Mannes von Stande zeigte, da überwies mir mein edler Pflegevater und Freund die weltlichen Wissenschaften als meinen künftigen Beruf, indeß er mich auf meine Talente und auf die Erfolge hinwies, die ich auf dieser Bahn zu erringen im Stande sei. Ich gehorchte mit Beschämung, denn ich sah nur zu wohl, daß der Freiherr mir nur deßhalb diese Bahn vorzeichnete, weil eben meine unbekannte Herkunft ihm nicht erlaubte, mir eine meiner Erziehung gemäße Laufbahn in der Armee oder an einem der katholischen Höfe von Deutschland zu eröffnen. Ich ward, während die deutsche Jugend sammt Dänen, Schweden und Franzosen auf fast jedem Flecke des vaterländischen Bodens kämpfte und sich Lorbeern erwarb, verurtheilt, in Prag, Bologna und Paris Juristerei zu studiren. Mein Fleiß hatte glänzenden Erfolg. Ich kam nach München und meine Kenntnisse eröffneten mir, was die Geburt mir versagt hatte: den Verkehr mit Fürsten und Großen; ich übernahm für den Kurfürsten in München diplomatische Unterhandlungen und bald meinte ich mich auf dem geradesten Wege zu finden, der endlich meinen Namen denjenigen der berühmten Staatsmänner anreihen sollte. Bald meinte ich hoch genug mich emporgeschwungen zu haben, um die Hand nach einem Kleinode auszustrecken, dessen Erlangung mir das höchste Ziel meines Lebens war, dem alles Andere nur als Mittel diente. – Der Bischof erhob sich in tiefer Bewegung, zog rasch und mit dem Anstande eines Kaisers seine Robe fester um die Taille und fuhr erst nach längerem Schweigen fort, während Pauditz in großer Aufregung der weiteren Eröffnung harrte. – Der Freiherr besaß eine einzige Tochter, zugleich, weil die meisten seiner Besitzungen Weiberlehen waren, die Erbin seiner Güter, seines Ranges und Titels. Sie hieß Valentine. Mit ihr durchwandelte ich das Zauberland der Kindheit; sie war meine Liebe, so lange ich denken kann; sie flößte mir zu der Zeit, wenn die Geschlechter sich scheiden, nachdem sie sich erkannt haben, eine Leidenschaft ein, die nur der ihrigen für mich gleich kam. Dies unglückliche Verhältniß ward von uns, sobald wir uns unserer Liebe bewußt wurden, mit einem die Reize desselben erhöhenden, undurchdringlichen Schleier umgeben, so daß selbst der Freiherr nicht ahnte, wie hoch sein armer Schützling die Augen zu erheben gewagt. Nur dann erst wollte ich hervortreten, wenn ich, Rang und Ehre auf mein Haupt gehäuft, als vollgiltiger Mann vor den Freiherrn hintreten konnte. – Eben in dieser Zeit sollte Valentine an den bairischen Kammerherrn von Dettenbach vermählt werden. Dieser Umstand entriß mir, dem Freiherrn gegenüber, das Geständniß meiner Liebe. Er verließ mich sprachlos, tief erschüttert. Zehn Minuten später gaben mir zwei Zeilen von ihm die Nachricht: daß ich der illegitime Sohn des Freiherrn, kein Fremder, sondern Valentinen durch die Bande des Bluts verbunden war. Er fügte hinzu, dies möge seiner Tochter, um die Ruhe ihrer Seele nicht auf ewig grausam zu zerstören, für immer ein Geheimniß bleiben. Ich ward krank, irrsinnig. Als ich erwachte, schützte ich Valentinen gegenüber ein in meiner Krankheit gegebenes Gelübde vor und ging in’s Kloster. Die Geliebte ward endlich durch die Bitten ihres sterbenden Vaters vermocht, sich mit von Dettenbach zu vermählen. – Ihr Herz aber gehörte mir an, sonst, jetzt und immerdar. Dettenbach fiel in Böhmen für den Kaiser. Kaum war Valentine frei, als sie, obwohl zum gereiften Weibe geworden, mit jugendlicher Leidenschaft Alles aufbot, um mich meinen Banden ebenfalls zu entreißen. Ich hatte rasch meinen Weg gemacht; ich stehe nahe am Fuße vor Sanct Peters Sitze; dennoch bin ich schwach genug gewesen, Alles, Alles zu vergessen und ihren Bitten, gleich als wäre ich wieder irrsinnig, Gehör zu geben. – Valentine ist hier in Freising. Ich habe ihr zugesagt, in die Welt zurückzukehren, die Mitra fortzuschleudern und sollte ich drüber Protestant werden müssen. – Ich habe das unselige Geheimniß ihr nicht zu entdecken vermocht, noch mehr, ich habe gelobt, sie zu heirathen – und heute, heute noch sollte dies Verbrechen vollzogen werden. – Ich habe gekämpft, gebetet; jetzt aber bin ich wieder, obgleich im Herzen todt, ein Mann, ein Priester, ein Bischof geworden; – aber dennoch bin ich zu schwach, Valentinen ins Auge zu sehen und selbst ihr den Todesstoß zu versetzen. – Meister Christoph, Dir habe ich diese traurige Pflicht auferlegt. Geh zu dem großen Gasthofe, nimm diesen Ring zur Beglaubigung und sage ihr, was Du hörtest und was Du siehst, daß ich wahnsinnig, gemordet sei . . . Alles was Du willst; aber daß ich kein Verbrecher, sondern Bischof zu Freising sein werde! Der geistliche Fürst zog, leichenblaß geworden, seinen Ring ab, gab ihn dem Maler, versuchte es vergebens, bei seinen letzten Worten sich eine entschlossene Haltung zu geben, ging aber dann, wankenden Trittes, rasch aus dem Cabinet. Der ehrliche Maler setzte sich nach langem Sinnen zögernd in Bewegung, überdachte mit schwerem Herzen seine Botschaft und ging dann nach dem „großen Adler“. Die Diener wollten ihn, versichernd, daß die Herrin höchst wichtig beschäftigt sei, abweisen. Er sagte aber: Ich komme von dem hochwürdigsten Bischöfe! und die Flügelthüren wurden sofort geöffnet. Der Saal war leer. Langsam nur ging er zu einem Cabinet, von wo ihm die Stimme einer Dame erklang. Die Thüre war halb geöffnet. Er sah die edle Frau, im prächtigsten Costüme, mit Haube und Schleier angethan, das schöne blonde Haar reich mit Perlenschnuren und Diamanten geschmückt, an einem Tisch vor seinem Freunde Justus Eccerus, dem juristischen Rathe des Bischofs, sitzen, welcher, das Schreibzeug vor sich, die Feder in der Hand, mit staunender, gespanntester Aufmerksamkeit ihre Eröffnung anhörte. – Schreibt, Meister Eccerus, sagte Valentine, indeß ihr Blick schwärmerischer, das feine Colorit ihrer Wangen lebhafter wurde, Alles, was ich besitze, soll Eigenthum des Mannes sein, welchen ich heute heirathen werde . . . – Aber wer? gnädige Frau . . . dies ist nothwendig . . . – Ihr werdet’s schon erfahren, Doctor! Meldet ferner dem Herrn Kurfürsten und der Majestät meines gnädigsten Kaisers, daß ich, eine reichsunmittelbare Freifrau, falls man Genehmigung meiner Heirath nicht verwillige, mich protestantisch machen und als Protestantin mich unter sächsische Oberhoheit stellen und auf dem Friedenscongreß in Münster und Osnabrück meine Rechte mir sichern werde. – Dies erschreckt mich mehr, als ich sagen kann! murmelte Eccerus. Gnädige Frau, Sie bedürfen dergleichen Schritte nicht, wenn Sie nicht etwa einem Landesverräther und Geächteten sich vermählen wollen . . . – Höret, Doctor Justus . . . stockte Valentine . . . Es ist Niemand anders, als Bernward, Bischof von Freising . . . Begreift Ihr jetzt? – Christoph Pauditz wollte das Wort durch sein rasches Eintreten abschneiden; es war schon ausgesprochen. Eccerus stand bestürzt und gänzlich außer Fassung auf, ließ seine Papiere zurück, schlug die Hände in einander und entfernte sich schleunigst, um zu solchem Beginnen wenigstens nicht behülflich gewesen zu sein. Der Maler trat Valentinen näher. Er blieb volle zwei Stunden in ihrem Cabinet. Als er sie verließ, war sie ohnmächtig. Valentine reisete noch an demselben Tage ab, vermachte ihr Vermögen der Kirche, gab ihre Lehen ihren Anverwandten und dem Kaiser zurück und trat in ein Kloster der Ursulinerinnen in Innerösterreich. Bernwardus blieb lange für Jeden, außer für seine nächste Umgebung, unsichtbar. Dann ließ er Pauditz rufen. – Du hast ''sie'' gesehen? fragte er düster. – Ja, hochwürdigster Herr. – Male mir ihr Bild, damit ich noch einen Trost besitze. Pauditz malte die letzte Scene des Glückes der Welt, welche Valentinen beschieden war, diejenige, von welcher er Zeuge gewesen. Es zeigt eine edle Auffassung, ein Helldunkel, welches an den Lehrer Pauditzens, an Rembrandt erinnert, und eine Wahrheit der Darstellung, welche täuschend, aber darum doch nicht ängstlich gehalten ist. – {{Linie}} Dieser deutsche Künstler hat höchst geschätzte Werke in den ansehnlichsten Gallerien. Er starb 1666, aus gekränktem Künstler-Ehrgeiz. Er malte mit Franz Rosenhof, auch Roster genannt, ein Bild um die Wette, wie der Wolf ein Lamm zerreißt, was den Fuchs lockt, zur Mahlzeit heranzuschleichen, und ward von seinem Gegner überwunden. Christoph Pauditz war übrigens ein guter Thiermaler. ---- [[File:Gemäldegalerie Alte Meister (Dresden) Galeriewerk Payne 013.jpg|600px|center]] ---- ===Gerard Dow. Von ihm selbst.=== [[File:Gemäldegalerie Alte Meister (Dresden) Galeriewerk Payne 008.jpg|400px|center]] ====Das Menuet.==== Wir treten in das Atelier des Meisters Gerard Dow zu Leyden. Dasselbe bietet einen bewunderungswürdigen Anblick dar. Im Gegensatze zu den Werkstätten eines Rembrandt und Teniers, wo die verschiedenen Gegenstände und Geräthschaften in großer, fast zu genialer Unordnung umher lagen und standen, herrschte hier eine Ordnung und eine Sauberkeit, die sich vom Großen bis auf das Geringste herab erstreckte. Die Meubles, die Staffeleien waren malerisch gruppirt; mit ausgezeichnetster Sorgfalt war jedem Geräthe der entsprechendste Platz angewiesen. Die sinnreichsten Vorkehrungen waren getroffen, um von den kleinen, auf den Staffeleien befindlichen Gemälden, diesen fast immer vollendet reinen Perlen, den Staub abzuhalten, welcher die zierlichsten Arbeiten vor allen andern Feinden leicht hätte verderben können. Höchst symmetrisch und ihren Lichteffecten durchaus angemessen waren die Gemälde an den tapetenbekleideten Mauern angebracht. Den Faltenwurf der künstlich gewirkten Fenstervorhänge hatte eine höchst kundige Hand so vorzüglich geordnet, daß an denselben Studien über den Fall der Gewänder hätten angestellt werden können. Der Meister selbst war nicht anwesend. Seine Staffelei von Mahagoniholz, mit Elfenbein reich verziert, war mit einem Teppich zur Hälfte verhangen. An der Wand aber hing sein prächtiger Sammethut, sein Staatsdegen mit einer in Gold und Silber gestickten Kuppel, und neben diesem eine Geige mit dem Bogen, die sich durch ihre höchst gefällige Form, durch den goldartigen Glanz, durch die eigenthümlich geschnittenen Eff-Löcher als eines jener berühmten Instrumente auswies, die aus der Werkstatt der Italiener Amati zu Cremona hervorgegangen waren. Gerard Dow, einer der vorzüglichsten Maler, war nämlich ein Meister in der Kunst, Geige zu spielen, welches Instrument, seiner schwierigen Behandlung wegen, damals die Viola di Gamba und das ernste Theorbium noch nicht völlig durch seine himmlischen Töne hatte verdrängen können. Außer der Staffelei des Meisters befanden sich noch zwei andere in dem Atelier. Vor jeder derselben saß ein junger Mann und malte. Diese beiden Jünglinge waren die talentreichen Schüler Dows: Franz van Mieris und Gabriel Metzu. Gabriel Metzu war eine zierliche, schöne Gestalt mit einem ziemlich langen, äußerst gemüthlichen Antlitze, das von prächtigen langen Locken umgeben war. Er hatte seine gespannteste Aufmerksamkeit der Arbeit zugewandt und schien die Absicht zu haben, sein fast fertiges Gemälde vor dem herannahenden Einbruche der Abenddämmerung zu vollenden. Metzu war sehr sauber gekleidet; er hatte auf seine Toilette dieselbe Aufmerksamkeit verwandt, welche er, nach dem Beispiele des Meisters, seinen Gemälden widmete. Franz van Mieris dagegen sah ziemlich unordentlich aus. Von der gehaltenen Ruhe in Gabriel Metzu’s Zügen war bei ihm keine Spur zu finden. Sein schönes Auge blickte unstät und leidenschaftlich; er wühlte, gleich als quäle ihn im Innern Etwas, in seinem buschigten Haar; er malte nur einige Minuten, dann brach er ab, lehnte sich unthätig zurück und seufzte und murmelte unverständliche Worte zwischen den Zähnen. Endlich sprang er auf, warf Pinsel und Palette zur Seite und durchmaß das Atelier mit großen Schritten. – Aber was hast du denn nur eigentlich? fragte Metzu, sich umwendend. Kannst Du keinen Augenblick ruhig sein? Ist’s nicht, als ob Dich ein böser Zauber bei der Arbeit quäle und Dich nach den Schenken triebe, wo Deine andern, leichtsinnigen Freunde Dich erwarten? – Gabriel; erwiderte Mieris, welcher schon damals sein ungeregeltes, ausschweifendes Leben zu führen begonnen hatte, wodurch er sich frühzeitig den Tod gab; Gabriel, ja mich quält’s im Herzen; aber Du irrst Dich sehr, wenn Du meinst, daß ich mich nach Karten und gefüllten Weingläsern sehne. O, wäre es nur das! Aber ich sage Dir, mein Leiden wird mich noch tödten, wie es mich fast meines Verstandes beraubt. Bei diesen Worten richtete er einen unbeschreiblichen Blick auf ein an der Wand hängendes Gemälde. Dasselbe stellte ein von Dows Meisterhand gemaltes Frauenbild in allem Reize der Jugend dar, eine blondlockige, rosenwangige Niederländerin . . . es war Brigitta, die jugendliche Gattin des Malers, welche an Schönheit mit der aufblühenden Tochter desselben aus seiner ersten Ehe wetteiferte. Mieris schien sein Auge von diesem Bilde nicht wieder abwenden zu können. Metzu folgte der Richtung seines Blickes mit den Augen; er zuckte, traurig werdend, die Achseln und versank in Nachdenken. Da ließ sich draußen eine frisch klingende Frauenstimme hören. Mieris fuhr auf, griff eiligst nach seinem Hute, nahm seinen Mantel und eilte hinaus auf den halbdunklen Corridor. Die Frau seines Lehrers stand vor ihm. Erschrocken wollte Brigitta vor dem Jünglinge zurücktreten; er aber ergriff kühn ihre Hand und zog sie an sein Herz. Brigitta, eine schlanke und dennoch üppige Gestalt, schöner noch als ihr Bildniß es hatte ahnen lassen, wehrte ihn zuerst ab, indeß ihre Züge ängstlich wurden; dann aber lächelte sie auf unbeschreiblich reizende, aber traurige Weise. – Geht, van Mieris; flüsterte sie. Nur heute bleibt mir fern. Ich fühle heute mehr als je, was ich meinem Herrn, dem Meister Gerard, schuldig, und wie sehr ich strafbar bin, daß ich meine Blicke von ihm abwenden und nur eine Minute lang an Euch denken konnte. Heute ist der Jahrestag meiner Vermählung; um diese Stunde begaben wir, der Meister und ich, uns zur Kirche, um uns auf ewig verbinden zu lassen . . . Fort von mir, Mieris! Ich liebe Euch, ich gestehe es frei; aber noch ist meine innige Zuneigung zu meinem Gemahle nicht erloschen; sie ist lebendiger geworden, als je. Von heute an verfolgt mich nicht mehr mit Euren Blicken und meidet mich. Holland hat der Frauen und Mädchen genug, um Euch eine Liebe zu geben, die Ihr von mir nicht zu erwarten habt. Van Mieris fiel vor der Schönen nieder. – O, belügt und täuscht Euch doch nicht selbst! flüsterte er höchst aufgeregt. Macht Euch und mich nicht elend. Heute, ja heute oder nie ist der Tag, an welchem sich unser Geschick entscheidet. Heute ist das Band geknüpft, welches Euch von mir trennt, heute auch muß es aufgelöst werden, oder ich werde mir zu Euren Füßen den Tod geben! – Was wollt Ihr sagen, Franz? fragte Frau Brigitta stammelnd und an allen Gliedern zitternd. – Ich will sagen, daß Du meine Hand ergreifst und mit mir diesem Hause, dieser Stadt, diesem Lande entfliehst, um unter Italiens lachendem Himmel die Meinige zu werden! erwiderte Mieris, von seiner Verblendung völlig hingerissen. Nach zwei Stunden scheide ich, dann ist Alles zur Flucht bereit; dann werde ich erscheinen, um Dir ewig anzugehören, um Dein Loos, o Geliebte, auf immer an das meinige zu fesseln . . . Während Frau Brigitta erstarrt kein Wort finden konnte, öffnete sich fern die Thür des Hauses. Brigitta entfloh und Mieris sprang empor. Gabriel Metzu aber schloß leise die Thür des Ateliers und flüsterte, als er Gerard Dow selbst ins Haus hatte kommen gesehen: – Armer, sanftmüthiger, liebevoller Meister! Wie kann ich Dein Verderben abwenden? Ich werde Dir entdecken, was man an Dir zu verschulden beabsichtigt . . . Da trat Dow in das Atelier. Er war ein Fünfziger, mit einem heitern, von kurzem Barte gezierten Künstlergesichte. Nur leicht hatten die Jahre das Braun seiner langen Locken gebleicht. Dow, mit der zwanglosesten, edelsten Haltung von der Welt, war noch immer ein schöner Mann; sein Gesicht namentlich hatte einen unbeschreiblich fesselnden Ausdruck. Dow besichtigte mit Zufriedenheit die Arbeiten seiner beiden Schüler, dann erhob er sich und klopfte Metzu freundlich auf die Schulter. Gabriel suchte eben nach einem Eingange, um die inhaltsschwere Kunde dem Meister anzubringen; da trat Mieris wieder ins Gemach, und schnitt durch sein Erscheinen jede Erklärung ab. – Geht, Kinder, sagte Dow sanft lächelnd, und nehmt diese fünf Goldstücke, um Euch im Kreise Eurer jungen Freunde einen fröhlichen Abend zu machen. Heute Abend will ich mit meiner Hausfrau allein sein, um mich an die vergangene Zeit zu erinnern. Ihr aber trinkt auf unsere Gesundheit, laßt die Kunst hoch leben; aber Du, Franz, sorge, daß Du nicht, wie gewöhnlich, des Guten zu viel thust! Mieris blickte fast finster vor sich bin. Metzu aber schien etwas erleichtert. Frau Brigitta ward von ihrem Gatten heute Abend bewacht und er gab sich das Versprechen, Franz van Mieris auf keine Secunde zu verlassen und seine ganze Beredtsamkeit aufzuwenden, um ihn von seinem Vorhaben abzubringen und ihm andere Gedanken einzuflößen. Die Schüler schüttelten Dows Hand, verschlangen ihre Arme und gingen aus dem Atelier und zum Hause hinaus auf die Straße. Als sie draußen waren, blickte Mieris zum ersten Stockwerk hinauf. Brigittens schöner Kopf ward sichtbar. Mieris legte mit einem sprechenden Blicke die Hand aufs Herz und dann an seinen Degen und flüsterte: – Dieses Schwert findet den Weg durch meine Brust, wenn Du grausam gegen mich sein wirst! Brigitta schien die Bewegung vollkommen verstanden zu haben; denn sie erhob beide Hände und eilte vom Fenster fort. Jetzt nahm sich Metzu ein Herz und begann dem Freunde Vorstellungen zu machen. Aber Mieris, im ersten Augenblicke sehr betroffen, war viel zu gewandt, als daß er den grundehrlichen, gutmüthigen Gabriel nicht überlistet hätte. – Du hast gelauscht; sagte er, mit seinem gewöhnlichen leichtsinnigen, fast leichtfertigen Tone. Was willst Du? Bist Du einfältig, Gabriel? Kennst Du Franz van Mieris nicht, der mit dem Teufel Komödie spielen würde, wenn er Langeweile empfindet? Ich versichere Dich, diese Komödie mit Frau Brigitta ist eine kostbare Erfindung von mir; ich wäre sonst in dem Kloster des Meister Dow, in diesen geleckten, geschniegelten Räumen schon lange vor Ueberdruß gestorben . . . – Du fühltest also nicht, wie Du sprachest? fragte Metzu, der nicht zu wissen schien, was er denken sollte. – Gott behüte mich! Außerdem weißt Du ja, Gabriel, habe ich bereits in der schwarzäugigen Barbara eine Geliebte, die mein ganzes Herz erfüllt. – Aber Frau Brigitta? Franz, es ist sehr unverantwortlich, die Ruhe dieser edlen Dame zu stören. Mieris lachte hell auf. – Ei, sie meint’s so wenig ernstlich, als ich! rief er. Aber auch sie, die, während wir Beiden und der Meister pinseln, mutterseelenallein in ihrem Stübchen sitzen und mit ihrem Papagei spielen muß, bedarf irgend einer Zerstreuung. Du wirst gestehen, heute Abend wäre unsre Unterhaltung fast pikant geworden. Metzu zuckte die Achseln. Er war richtig irre geworden. – Du denkst also nicht daran, mit Frau Brigitta nach Italien zu entfliehen? fragte er, um sich vollständig zu überzeugen. – Warum nicht gar! antwortete Mieris. Wir werden heute Abend zechen, spielen und singen. Gottlob, daß wir den Hafen unseres Gasthauses „zur bunten Palette“ erreicht haben. Jetzt fühle ich mich wieder in meinem Elemente. Wirklich machte Mieris keine Anstalt, sich aus dem Kreise der lebenslustigen Freunde, welcher die beiden Maler aufnahm, zu entfernen. Metzu ward sicher, die Becher kreiseten und bald hatte Freund Gabriel, vom Weine befangen, Alles außer der Lust des Augenblickes vergessen. Er bemerkte es kaum, das Mieris schon seit einiger Zeit verschwunden war. Franz eilte geradeswegs nach Dows Wohnung. Er näherte sich dem parkähnlichen Garten, an welchen sich das Haus anschloß, und schlich durch die dunkeln Gebüsche unter das hell erleuchtete Fenster in Brigittens Wohnung. Hier klatschte er zweimal heftig in die Hände. Das Fenster oben öffnete sich und Dow sah spähend in die Nacht hinaus, zog aber, da er Niemand bemerkte, das Fenster ruhig wieder zu und nahm an Brigittens Seite Platz. Die schöne Frau aber, bleich, fassungslos, schien im Herzen bittere Qualen zu empfinden. Sie liebte den jungen Maler. Düstre Bilder, die ihr den Jüngling blutend zeigten, sterbend, stiegen vor ihr auf . . . Sie hörte das Klatschen und war fest überzeugt, daß dasselbe von van Mieris ausging, welcher ihrer harrte. Sie bezwang ihre Angst nur mit Mühe. Sie kämpfte einige Minuten mit sich; dann aber war’s entschieden: sie mußte ihn beruhigen, ihn beschwören, seine finstern Vorsätze aufzugeben; sie mußte sich versichern, daß er, von seiner Leidenschaft hingerissen, nicht eine That beging, die er in seinem heftigen Temperamente nur zu leicht beschließen und ausführen konnte. Brigitta nahm einen Vorwand und verließ den arglosen Meister, um mit der Schnelligkeit des gejagten Rehes hinunter in den Garten zu eilen. Franz van Mieris empfing die Geängstigte und schloß sie, alle Schüchternheit bei Seite setzend, inbrünstig in seine Arme, von denen sich Brigitta vergebens loszumachen strebte. Mieris bat, er flehte, er beschwor sie so hinreißend, daß Brigitta, statt ihm ernst entgegen zu treten und ihn mit Würde zu ermahnen, seinen Bitten nur Thränen entgegen stellen konnte. Eine Frau aber, die weint, ist im Begriff, allen Widerstand aufzugeben. So war’s auch hier. Brigitta’s Besonnenheit umnebelte sich. Sie schauderte schon nicht mehr zurück, als sie an der benachbarten Straßenecke das Stampfen der Rosse vor der Kutsche hörte, welche bestimmt war, sie sammt dem Jünglinge von dannen zu führen. Sie erlag den verführerischen, berauschenden Liebkosungen des Ungestümen und – jetzt machte sie, zwar bebend wie eine Espe im Abendwinde, aber dennoch entschlossen, an der Hand von Franz van Mieris die ersten Schritte, um sich aus dem Garten zu entfernen . . . Die Flucht des verrätherischen Paares hatte begonnen. An der Gartenpforte blieb Brigitta nur mit Mühe athmend, stehen und warf einen verlornen Blick auf das Haus ihres Gatten . . . Plötzlich zuckte sie, wie tief im Herzen von einer gewaltigen Macht berührt, zusammen. Der glückliche Gerard Dow hatte seine getreue Amati-Geige geholt, hatte das Fenster geöffnet, um die laue, köstliche Nachtluft ins Zimmer strömen zu lassen; er trat jetzt an die Oeffnung und legte mit zierlicher Hand zart den Bogen auf die Saiten. Ein melancholisches Präludium von Palestrina ertönte; immer inniger, poetischer zitterten die silberklaren Töne durch die Luft; die Cremoneser-Geige fing, wie eine herrliche Frauenstimme, wie die Stimme der Liebe, an zu singen; sie zwitscherte, sie seufzte und klagte in ihren Trillern, in ihren langgehaltenen, sonoren Klängen, indeß der Meister, in Begeisterung lächelnd, das strahlende Auge in die Nacht hinaus richtete. Brigitta war fast leblos. Sie hörte die Stimme des Jünglings nicht mehr; ihre ganze Seele lauschte diesen Tönen, die sie mit Zaubermacht faßten. Sie riß sich von Mieris’ Armen los, der, selbst gerührt, unschlüssig dastand . . . Jetzt machte der Künstler einen melodiereichen Uebergang, und einfach und groß, und dennoch die heitere, gemessene Freude auf liebliche Art ausdrückend, erklang einer der Tänze des Niederländers Roland Lasso’s, eines würdigen Nebenbuhlers der italienischen Tonkünstler Nanini und Zarlino, eine jener reinen Melodien, welche damals alle Welt bezauberten. Es war ein Menuet . . . es war dasselbe, welches Dow mit Brigitta am Tage seiner Vermählung getanzt hatte . . . Brigitta war gerettet . . . Ihr Traum verschwand vor dieser ebenso zauberischen als heiligen Erinnerung. Sie dachte nicht mehr an Franz van Mieris . . . Die Treue und nicht die strafbare Leidenschaft feierte einen ihrer schönsten Triumphe. Brigitta deutete, unfähig, sich zusammenhängend auszudrücken, nach dem Fenster, wo Dow sich zeigte, und stammelte: – Mein Hochzeits-Menuet . . . Dann eilte sie mit aller Geschwindigkeit, deren sie fähig war, dem Hause zu, lief in ihr Zimmer und schloß, erschüttert wie nie, den geliebten Meister in ihre Arme. Franz van Mieris stand da wie eine Bildsäule und erwachte erst dann aus seiner Betäubung, als Gabriel Metzu heran kam und ihn umarmte. – Es ist Alles verloren! murmelte Mieris düster, indeß er jetzt offen dem Freunde beichtete. – Nein, Alles gewonnen! jubelte Gabriel, den Freund liebkosend. Einen glücklicheren Tag als den heutigen sah ich noch nie. Brigitta ist ihrem Herrn, unserm braven Meister erhalten, und Du, ein braver Junge ungeachtet Deines Leichtsinns, wirst Deine Empfindungen zu besiegen wissen; gieb mir die Hand darauf, Freund! – Hier! sagte Mieris, indeß er sich wieder ermannte. Und zum Zeichen, daß auch ich über mein Herz, das unbändige Ding, Herr bin, wenn ich es sein will, komm; wir wollen unserm Meister diese Nacht verherrlichen . . . Beide gingen zur „bunten Palette“, holten die Freunde, beriefen ein Dutzend Musiker und zogen vereint mit diesen, große Fackeln und Laternen in den Händen, in Gerard Dows Garten. Und nun begann ein Musiciren, ein Jubeln unter den Fenstern des gerührten Malers, daß die ganze Nachbarschaft lebendig wurde, auf die Straßen kam und in die allgemeine Freude einstimmte. Brigitta aber beichtete getreulich ihrem Gatten. Seit dieser Zeit gewann die bisher schon so theure Amati-Geige in seinen Augen einen unschätzbaren Werth und nur mit Rührung ergriff er sie, um ihr die süßen Töne zu entlocken, welche sie in sich verbarg, und als er bald darauf sein eignes Bildniß malte, stellte er sich mit seiner geliebten Geige in dem Augenblicke dar, in welchem er durch ihre Macht seinen höchsten Schatz wieder eroberte. ==3. Heft.== ===Holländische Winter-Landschaft. Von van der Velde.=== [[File:Gemäldegalerie Alte Meister (Dresden) Galeriewerk Payne 006.jpg|600px|center]] Wer blickte nicht mit lebhaftestem Wohlgefallen auf diese mit gewandtester Wahrheit gemalte Scene aus dem Tagesleben der Niederländer? Das ganze Bild des Meisters ist von einer ausgezeichneten Gefälligkeit; das Volksleben ist von einer echt künstlerischen Seite aufgefaßt – einer der Vorzüge van der Velde’s. Wir werden bald Gelegenheit haben, diesen Maler und seine Kunst näher zu charakterisiren, weshalb hier diese Notiz genügen möge. ---- ===Die Lautenspielerin. Von van der Neer.=== [[File:Gemäldegalerie Alte Meister (Dresden) Galeriewerk Payne 007.jpg|400px|center]] In das Haus des ehrenwerthen Rathsherrn Aart van Jongh an der alten Westewaagen-Straat zu Rotterdam kamen an einem schönen, heitern Abende des Spätherbstes des Jahres 1769 viele der angesehensten Personen der Stadt. Die mit breiten goldgepreßten Ledertapeten verzierten Zimmer füllten sich allmälig mit geputzten Herren und Damen, und unter den letzteren glänzte vorzugsweise eine Brabanterin, Helene Du Chatel, eine entfernte Verwandte des reichen Gastgebers. Helene war eine Dame von etwa fünfundzwanzig Jahren, von ausgezeichnetster Tournüre, eine selbstbewußte, stolze Schönheit, die gleich der berühmten Holländerin Maria van Schurmann als Schriftstellerin in lateinischer und französischer Sprache excellirte, eine fast unübertroffene Meisterin im Clavier- und Lautenspiel war und in der Miniatur-Malerei mit einem Mieris und Dow wetteiferte. Sie war blond; gelocktes Haar ringelte sich um Stirn und Nacken; man vergaß die auf dessen Anordnung verwendete Kunst, so vollendet erschien dieselbe in ihrer Nachlässigkeit. Prachtvoller venetianischer Sammet mit Hermelin besetzt umschloß Helenens Formen und die Schürze von Nesseltuch und Brabanter Spitzen über dem Unterkleide war wahrhaft köstlich. Diese Brabanterin übernahm mit einer Leichtigkeit und einer Anmuth, als sei sie die geborne Fürstin dieser Versammlung, die Führung der Unterhaltung, während der alte Senator ihr die ankommenden Gäste vorstellte. Unter diesen befand sich Adrian Güldensteen, ein schöner, junger leydener Doctor, und Eglon van der Neer, einer der ausgezeichnetsten holländischen Maler, der Sohn des berühmten Artus van der Neer, des Landschaftsmalers, und ein Schüler J. Vanloo’s. Adrian Güldensteen, der Adonis der Rotterdamer Damenwelt, hatte, sobald er Helene Du Chatel gesehen, der Schönen seine zarteste Huldigung zu Füßen gelegt. Güldensteen, ganz das Muster eines damaligen Lion, trug mehr Kanten und Spitzen und ausgesuchtere Gold- und Silber-Brocad-Arbeit als der General-Statthalter selbst. Er duftete wie ein Blumenbeet von Harlem und sein Haar und feiner Spitzbart war mit einem Aufwand unendlicher Geschicklichkeit dressirt. Adrian, ein grundgelehrter Arzt, welchem selten noch im gelehrten Zweikampfe Jemand Stand gehalten hatte, den er nicht ganz oder wenigstens zur Hälfte niederdisputirte, war zugleich vollendeter Musiker. Er spielte die Viola di Gamba und schlug die Laute, gleichviel ob’s eine spanische oder italienische war, mit großer Virtuosität. War es unter diesen Umständen zu verwundern, daß er es war, welcher vorzugsweise die glänzenden Augen der Helene Du Chatel auf sich zog? Die Schöne, auf der Höhe ihrer Kunst ziemlich einsam stehend, mit gewissem, leicht erklärlichem Bangen dem sechsten Lustrum entgegengehend, fühlte mehr als je, daß ihr ein liebendes Herz mangele, welches neben einer Leidenschaft, wie sie sie erheischte, zugleich den vollen Werth der Geliebten zu würdigen verstand. Dies Herz wähnte sie in demjenigen Adrians Güldensteen gefunden. Auch an diesem Abende zeichnete sie ihren Günstling sichtlich aus. Sie bemerkte neben ihm kaum die derbe Gestalt Eglons van der Neer, des Malers, und doch war Neer ein schönerer Mann als Güldensteen. Freilich war seine Erscheinung einfach, fast zu einfach. Er trug kaum irgend ein Schmuckstück, womit der duftende Doctor prangte; ausgezeichnet war aber dennoch seine bescheidene Tracht dadurch, daß sie durchaus schwarz war. Neer trauerte um seine, vor einem halben Jahre gestorbene Gattin, und der schwermüthige Zug, welchen sein blasses Gesicht als Mahnung an den erlittenen Verlust trug, machte dasselbe nur noch edler, interessanter. Erst als Jongh den blondgelockten, etwa sechsunddreißigjährigen Neer an die Hand nahm und ihr eindringlich den Namen desselben sagte, ward Helene Du Chatel aufmerksam. Sie verflocht ihn in ein Gespräch über seine Kunst, die auch sie übte, und suchte von ihm das Geheimniß der unendlich blühenden, zarten Färbung, wodurch sich Neer’s Gemälde auszeichneten, wie die Kunst zu ergründen, mit seiner vollendeten Meisterschaft Stoffe, wie Atlas, Sammet u. s. w. darzustellen. Neer konnte sich Glück wünschen, denn die Brabanterin hatte augenscheinlich an seinem wahrhaft gediegenen Gespräche Gefallen gefunden. Jetzt kamen die musikalischen Unterhaltungen an die Reihe. Mit einer Art von Feierlichkeit kündigte Adrian Güldensteen der Gesellschaft an, daß Helena in Verbindung mit ihm eine damals neue und variirte Composition des berühmten Liedes: {{center|<tt>„Wilhelmus van Nassauen“</tt>}} vortragen werde. Die Dame nahm ihren Platz an einem mit einem Teppich, mit Noten und Guitarre belegten Tische, in der Nähe eines Porticus von dorisch-ionischer Ordnung, welcher den Eingang zu dem großen Speisesaale abgab, nahm die italienische Mandoline aufs Knie und begann, mit einem siegenden Blicke, welcher die Gewißheit ihres nahen Triumphs verkündete, das vorzügliche Instrument zu stimmen. Adrian ergriff, während die Anwesenden lautlos sich verhielten, die Guitarre und auf Helenens graziöses Kopfnicken begannen die Stimmen und die Instrumente ein herrliches Duett. Der böse Genius dieses Abends näherte sich indeß sehr rasch. Helene hatte eine Partie, wo zu Ende der ersten Strophe eine Cadenz mit einem herrlichen Triller folgen mußte. Adrian mußte natürlich pausiren. Er thats, während die Stimme der Sängerin in langem Aushauche dahinschwebte . . . Jetzt kam der Glanzpunkt der Piece . . . siegend, strahlend mußte sich der Triller dieser Silberstimme erheben . . . Da schlug Adrian einen Tact zu früh an; nieder, verloren war Helenens herrliche Ton-Figur, der Triller war abgeschnitten – und glühend, beschämt, wie eine Bildsäule, saß der duftende Doctor da, stumm und still. Dann sprang er auf, als sich Helene höchst erzürnt ihm näherte, und eilig verließ er das Zimmer. Ein heimliches Gelächter durchlief den eleganten Kreis. Da trat Neer vor und nahm die Guitarre, und seiner Beredtsamkeit gelang es, die Schöne zu bewegen, mit ihm einen abermaligen Versuch zu machen. Er fiel über Erwartung glänzend aus. Dies war der erste Schritt, welcher den Maler der Brabanterin näher führte, die von diesem Abende an gegen Güldensteen eine heftige Abneigung empfand. Helene liebte den Maler im Stillen; Niemand hatte eine Ahnung davon, bis sie mit ihrem Geheimnisse offen hervortreten und sich als die Braut van der Neers ankündigen konnte. Jetzt erst erfuhr Helene Du Chatel, daß Neer von seiner ersten Frau nicht weniger als sechzehn lebendige Kinder besaß. Sie trat demungeachtet nicht zurück, sondern reichte dem Geliebten die Hand am Altare; in der Folge schenkte sie ihm zu jenen 16 noch neun fernere Sprößlinge. Helene blieb schön bis an ihren früh erfolgten Tod; ihre Gemälde, womit sie die einigermaßen gedrückte Lage des Meisters wesentlich verbesserte, hatten damals Ruf, sind aber, indeß die Werke Eglons van der Neer noch immer Zierden der ersten Gemäldesammlungen sind, gegenwärtig verloren und vergessen! Der Meister selbst starb, nachdem er sich zum dritten Male, mit einer Malerin Brekvelt in Düsseldorf, vermählt hatte, in letzterem Orte im Jahre 1703 im 60. Jahre seines Alters. Er war spanischer Hofmaler und lebte in Düsseldorf am pfälzischen Hofe in hohen Ehren. ---- ===Franz van Mieris. Von ihm selbst.=== [[File:Gemäldegalerie Alte Meister (Dresden) Galeriewerk Payne 009.jpg|400px|center]] An einem Februarabende des Jahres 1659 kehrten die Andächtigen der guten alten Stadt Leyden aus der in der prächtigen Peterskirche gehaltenen Fastenpredigt nach ihren Wohnungen zurück. Die breite Straße Leidens, eine Straße, wie sie die Metropolen Europas nicht schöner und großartiger aufzuweisen haben, war von dem bunten Gefühle der Heimwandelnden erfüllt. Die meisten der mit silber- und goldverzierten Andachtsbüchern versehenen Männer, Frauen und Mädchen gingen, die Worte des Priesters noch im Gedächtnisse habend, still und nachdenklich und unterhielten sich nur mit halblauter Stimme. Aber bald kam mehr Bewegung in diese scheinbar unempfindlichen, phlegmatischen Massen. Gruppen von lebensfrohen Studenten mischten sich heiter lachend unter die Bürger mit ihren Familien; von anderer Seite kamen die treuen Genossen der Studenten bei jeder öffentlichen Lustbarkeit, die Malerschüler, sammt den jungen, zu Lust und Scherz noch aufgelegten Meistern – und es begannen harmlose Neckereien; die Jünglinge redeten die ernsten Alten an, erboten sich, die ehrsamen, dicken Bürgerfrauen zu geleiten, oder suchten sich zu Paladinen der jungen, sittsam dahin wandelnden Mädchen aufzuwerfen. In diesem Menschengewirre wanderte auch ein etwa sechsundzwanzigjähriger Mann, dessen sorgloser Blick sich beobachtend nach allen Richtungen wandte. Er war eben so schlank als zierlich gewachsen und sein Anzug war, wie man in dem Lichte der allenthalben strahlenden, großen Staatslaternen und Wachsfackeln sehen konnte, geschmackvoll und reich zu gleicher Zeit. Sein schwarzsammetnes, mit Silberschnuren geziertes Barett ließ ihn als einen Maler erkennen. Seine reichen, stark gelockten Haare umgaben ein etwas blasses, aber feines, geistreiches Gesicht. Den kurzen Mantel hatte der Maler von beiden Armen zurückgeworfen und die an den Gelenken mit reichen Manschetten gezierten Hände nachlässig in die Taschen der weiten Pluderhosen gesteckt. Die alten Männer und Frauen schüttelten die Köpfe, als dieser junge Mann stolz durch die Menge dahinschritt. Die schönen Mädchen aber stießen sich verstohlen an und flüsterten, nicht ohne einen wohlgefälligen Blick aus denselben zu werfen: – Das ist der leichtsinnige Maler; das ist Franz van Mieris! Franz van Mieris, sicherlich einer der ausgezeichnetsten Künstler der niederländischen Schule, der sich mit seinen Werken dreist neben seinen Meister Gerard Dow und neben Terbourg stellen konnte, war’s wirklich. Der Künstler, seiner ungebundenen, genialen Laune folgend, war auf der Jagd, um irgend ein pikantes Abenteuer zu suchen. Zwei junge Männer seines Alters erreichten ihn und hielten ihn an. – Wohin, Franz? rief der eine, eine derbe, kräftige Gestalt, der Busenfreund Franz van Mieris, der Maler Johann Veen. – Geh mit uns zum italienischen Kaffeehause! sprach der andre, Gottfried Schalken von Dortrecht, welcher unter Dow mit Mieris seine Studien gemacht hatte, ein bärtiger, schöner junger Mann, dessen Mienen ebenso düster waren, wie seine herrlichen nächtlichen Bilder mit der unvergleichlichen Beleuchtung. – Ich danke für Eure Einladung! erwiderte Mieris ziemlich zerstreut; ich habe heute Abend etwas Interessanteres, als den Kaffee und den Rothwein Signor Bertini’s zu suchen. Bleibt nicht stehen; nehmt Abschied für heute, oder geht mit mir . . . – Sicherlich wieder eine Deiner Liebesgeschichten; murmelte Johann Veen, sehr mißmuthig bei dem Gedanken, daß der heitere Kumpan in der fröhlichen Zechgesellschaft an diesem Abende fehlen sollte. Ich frage Dich, Schalken, wozu dieses ewige Umherrennen? Bedarf man etwa mehr als ausgezeichneten Wein, um sich wirklich wie ein Heiliger in der Verklärung zu befinden? – <tt>In Bacchi aedem feramus pedem</tt> . . . Komm, Mieris! überlaß es heute Deiner Geliebten, den Weg nach Hause allein zu finden. – Ihr irrt, sagte Mieris; es ist nicht daran zu denken, daß Diejenige, welche ich suche, meine Geliebte ist . . . – Gut, sie soll’s also werden! bemerkte Schalken. – Wie man’s nimmt! Kennt ihr den reichen Mynheer van der Werff? Er hat seine Fabriken am alten Rhein. Wohlan, dieser ehrliche Bursch besitzt nicht allein eine der schönsten Kunstsammlungen, sondern auch in seiner Tochter Julia eines der schönsten Mädchen der siebzehn Provinzen. Das würde mich an sich wenig interessiren, aber diese Julie, dies achtzehnjährige, reizende, lebenswarme Geschöpf, welchem, jung, schön und reich, wie sie ist, der ganze Himmel der Erde zu Gebote steht, hat den Einfall, eine Heilige werden zu wollen, und wirklich wird sie in den nächsten vierzehn Tagen schon Profeß thun und sich in einem Kloster in Brüssel lebendig begraben lassen. Ist das nicht originell genug, nicht zu herausfordernd, um zu versuchen, dieser Kleinen einen Begriff vom Leben beizubringen und ihr zu dem Zwecke die Empfindungen der Liebe einzuflößen, um sie aus den Klauen der Klosterfrauen und der Pater zu erretten? – Nein, flüsterte Veen, der, ungeachtet er den ungebundensten Lebenswandel führte, dennoch nicht wenig bigott war, nein, Franz, ich glaube: das ist Sünde. Schalken lächelte ironisch; Franz van Mieris lachte hell auf. – Nie noch hatte ich bei meinen Abenteuern eine moralischere Absicht! sprach Mieris. Ist’s denn eine Kleinigkeit, wenn ein solches Menschenleben buchstäblich verloren geht? Ich habe so viele Schulden, daß ich mein Atelier, um nur einige Stunden ungestört arbeiten zu können, wie eine Festung verrammeln muß; ich muß mich in meinen Mauern eben so tapfer halten, wie die Bewohner dieses alten <tt>Lugdunum</tt> gegen die Spanier, seligen Andenkens, ohne Hoffnung zu haben, daß mir ein neuer Wilhelm von Oranien einen Entsatz in der Gestalt gespickter Geldsäcke zuführt. Dennoch lebe das Leben! Ich werde Julia van der Werff retten und zum Danke hoffe ich ihre schöne Hand mit einigen zwanzigtausend Goldgülden zu erhalten. Ein Dienst ist des andern werth . . . Platz, Schalken; tritt zur Seite, Veen; da kommt Mynheer mit der zukünftigen Nonne . . . Mein Abenteuer hat begonnen . . . Die beiden Freunde gingen ziemlich unzufrieden fort, indeß Mieris schnell einer Gruppe von drei Personen folgte. Diese waren Mynheer Cornelius van der Werff, ein reicher Kaufherr, welcher im Besitz der ausgezeichnetsten Tuchfabriken Leydens war. Van der Werff stammte aus einem alten, edlen Geschlechte, und jener Bürgermeister Werff, welcher 1576 Leyden so heldenmüthig vertheidigte und den Bürgern, die ihn, wüthend vor Hunger und Entbehrung, um Lebensmittel bestürmten, zurief: Hier bin ich, theilt meinen Leichnam unter Euch, aber sprecht nicht von Uebergabe an die Spanier! dieser Held war ein Vorfahr des würdigen Mynheer Cornelius. Er besaß, wie Mieris andeutete, wirklich kostbare Gemäldesammlungen, Münzen, Medaillen und Sculpturwerke, war ein guter Kunstkenner und hatte sich längere Zeit in Italien aufgehalten, um die Werke der Kunst zu studiren. Von dieser Zeit schrieb sich auch sein sehr eifriger Katholizismus her, der in noch höherem Grade auf seine Tochter Julia übergegangen war. Uebrigens war Cornelius van der Werff ein höchst biederer, obwohl etwas eigenthümlicher und melancholischer Mann. An der linken Seite des stattlichen Mannes ging dessen Schwester, welche ihm, dem Wittwer, die Hausführung besorgte: eine alte hagere Jungfer, die in jeder Bewegung wie in jeder Falte ihres Gesichts eine große Frömmigkeit zur Schau trug. An der andern Seite befand sich Julia. Sie war eine hohe, stolze, ernste Erscheinung und so untadelhaft gebaut, daß Franz van Mieris, welcher sie fest ins Auge faßte, unwillkürlich einen leisen Ausruf der Bewunderung ausstieß und, wie von innerer Gewalt getrieben, eilte, um ihr näher zu kommen. Julia’s Gang war fest und würdig, ihr schönes, etwas blasses Antlitz war von mildem Ausdruck, zeigte aber eine unbeugsame Entschlossenheit. Es mußte nicht so leicht sein, als der schöne Maler glaubte, dies Mädchen in ihren Vorsätzen wankend zu machen. Vergebens versuchte Mieris, als er ihr sich genähert hatte, unter den gewöhnlichen, galanten Anreden mit ihr ein Gespräch anzuknüpfen. Er hatte ein ausgezeichnetes Bouquet künstlicher Blumen und einen seiner parfümirten Handschuhe, die so klein waren, daß sich ihrer die schönste Dame nicht zu schämen gehabt hätte, zur Hand genommen und bot ihr jetzt beides mit der ernstesten, unbefangensten Miene von der Welt an, als ob sie solches verloren habe. – Ich danke Euch, Mynheer, war Julia’s einfache, offene Antwort; ich trage weder Schmuck, noch Blumen, noch Handschuhe; ich habe dies nicht verloren. Franz van Mieris verbeugte sich schweigend und trat zurück. Aber tief war er im Herzen getroffen. Dieser Ton der Stimme, dieser Blick hatte ihn elektrisirt und sein Gemüth in die gründlichste Aufregung gebracht. Wie schön war sie! Und der Ton, mit welchem sie sprach, war ein halb trauriger, als sie ihr schönes Auge nachdenklich auf ihm ruhen ließ. Welche Fluth romantischer Gedanken sprang in seinem Innern mit einem Schlage hervor! Er sah Julia als eine Dulderin, als ein Opfer der finstern Religiosität des alten Cornelius van der Werff und seiner hagern Schwester, und war’s vorhin nur ein genialer Einfall von ihm gewesen, einer künftigen Novize Liebe einzuflößen: so hatte er jetzt den ritterlichsten Vorsatz von der Welt, das schöne Mädchen ihren Peinigern zu entreißen. Franz wollte mit Julia reden, und o, er fühlte dies bereits, mit welcher Beredtsamkeit, mit welcher hinreißenden Gluth würden seine Worte strömen. Sie konnte ihm nicht widerstehen – noch war er gegen Mädchen immer Sieger geblieben – sie mußte ihn hören und erhören. Berauscht, fast bezaubert von dieser Gedankenreihe, gewann der Leichtsinnige seine ganze Verwegenheit. Er überlegte seinen Plan einige Augenblicke, dann entschied er sich für den kürzesten als den besten Weg. Er folgte der Familie van der Werffs bis an das prächtige Wohnhaus des Kaufmannes; statt aber hier wieder umzukehren, schlüpfte er, als die Menschen das Gebäude betraten, ebenfalls hinein. Franz hatte nichts Geringeres im Sinne, als ohne Weiteres Julia van der Werff persönlich zu bestürmen, um ihren Entschluß wankend, sich selbst die Schöne aber geneigt zu machen. Das Haus wurde geschlossen und der Abenteurer befand sich mit einer Art ängstlichen Gefühls auf den langen Corridors in vollkommener Finsterniß allein. Einige Dienerinnen gingen hin und wieder; der Maler ward genöthigt, da die Mägde Licht trugen, sich zu verstecken. Dennoch ward seine erwachte Leidenschaft durch diesen etwas verdächtigen Anfang nicht erschüttert oder abgekühlt, sie steigerte sich gegentheils noch mehr. Endlich ward’s still im Hause. Er hörte es von den Thürmen die eilfte Stunde schlagen . . . Mieris fing jetzt an, Recognoscirungen zu machen, um die Gemächer Julia’s aufzufinden. Plötzlich stand er aufhorchend still. Die melodiösen, sanften Töne eines Clavecins erklangen von dem einen Flügel des Hauses her in ernsten, religiösen Weisen. Das mußte Julia van der Werff sein, welche klagend ihre Empfindungen ausströmen ließ. Franz van Mieris lauschte vor der Thür – dann griff er entschlossen an das Thürschloß, öffnete und trat ziemlich großartig in das Gemach. Er prallte zurück: der alte Cornelius selbst spielte eigenhändig, phlegmatisch zurück gelehnt. Die Augen ließ er sehr ruhig in dem weiten Gemache hin und hergleiten, in welchem seine Gemälde und Kunstschätze aufgestellt waren. Mit großem Erstaunen sah van der Werff den verblüfften Maler an der Thür stehen und erhob sich, um ziemlich verwirrt den unerwarteten Gast zu empfangen. Mieris faßte sich. Er sagte dem Alten, daß er, von einer plötzlichen Idee ergriffen, die Statue eines Gladiators mit dem Diskus, von dem Italiener Lorenzo Ghisberto gegossen, zu copiren beabsichtige, und wußte geschickt den Grund anzugeben, warum er nicht früher sich gemeldet, sondern im Hause umhergetappt habe. Cornelius van der Werff war, da er an seiner schwachen Seite gefaßt war, sogleich besänftigt und wurde freundlicher. Ungeachtet der späten Stunde entwickelte sich ein Gespräch über Kunst, das sich bedeutend in die Länge zog und damit endigte, daß der reiche van der Werff dem jungen Maler mehre Aufträge zu Gemälden gab. Mieris erklärte sich zu Allem bereit. Das Bild aber, welches Werff begehrte, sollte das Thor des alten Leydener Rathhauses darstellen, wie der alte Bürgermeister van der Werff sich erschöpft niederwirft, seinen einen entblößten Fuß zeigt und spricht: – Von meinem Stiefel habe ich heute Mittag Suppe gekocht; jetzt habe ich nichts mehr als meinen Leichnam; schlachtet und verzehrt mich; aber nur laßt mir keinen Spanier in das ehrwürdige Leyden! Van der Werff war so gütig, Franz van Mieris die Broncestatue des Gladiators auf der Stelle mitzugeben. Hiermit entfernte sich der Maler, durchaus nicht erbaut von seinem Abenteuer. Johann Veen, der ihn, von dem Weinhause kommend, aufgriff, lachte unmäßig, indeß Mieris sich nach seinem Atelier begab. Bald ward Mieris im Hause van der Werffs ein täglicher Gast. Er kam mit Julia zusammen, überzeugte sich aber bald, daß auch er, gleich dem ehrwürdigen Handelsherrn, nicht im Stande war, die Richtung dieses ascetischen, ernsten Gemüthes zu verändern. Franz van Mieris gab seufzend seinen Traum von Liebe auf, schloß sich aber dafür innig an den höchst gebildeten Alten, welcher ihm väterlich zugethan ward. Van der Werff empfing das bestellte Gemälde mit Entzücken. An dem Morgen, als van der Werff das fertige Bild im Atelier des Malers sah, schenkte er demselben außer der Bezahlung die Gladiator-Statue. In eben dem Augenblicke, als van der Werff in dem gewölbten Zimmer Mieris’ war, bestürmten diesen zwei seiner erbittertsten Gläubiger. – Schert Euch fort! rief der Holländer erbittert. Ich werde Euch bezahlen. Mieris, Ihr malt mir noch ein Bild . . . – Aber welches? Was verlangt Ihr, edler Herr? fragte Franz gerührt. – Malt uns Beide und dies Euer Atelier mit Allem, was darin ist, und selbst mit diesem Bilde auf der Staffelei. Ich gebe Euch vergängliches Metall, werde aber in Eurem Gemälde einen Schatz erhalten, den man so lange bewundern wird, als der Name Franz Mieris in der Kunstwelt nicht vergessen ist. Und das wird nimmer geschehen! Sechs Wochen darauf war das vorliegende ausgezeichnete Bild des Malers und Cornelius’ van der Werff vollendet. ==Anmerkung WS== {{references}} [[Kategorie:Kunstwissenschaft]] All content in the above text box is licensed under the Creative Commons Attribution-ShareAlike license Version 4 and was originally sourced from https://de.wikisource.org/w/index.php?diff=prev&oldid=1993282.
![]() ![]() This site is not affiliated with or endorsed in any way by the Wikimedia Foundation or any of its affiliates. In fact, we fucking despise them.
|