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''Dr. Jonathan Swifts Mährgen von der Tonne''. Nebst übrigen dazu gehörigen Schriften. Von neuem aus dem Englischen übersezt. [Übersetzt von [[Johann Heinrich Waser (Übersetzer)|Johann Heinrich Waser]]] Hamburg und Leipzig 1758 {{SBB|PPN660731797}} und [[Commons:File:Swift-Maehrgen von der Tonne-1758.djvu|Commons]]



Der Text und die Seiteneinteilung ist identisch mit dem 3. Band: ''Satyrische und ernsthafte Schriften, von Dr. Jonathan Swift''.

(contracted; show full)Homer gedenket, daß wenn man nur die blossen Namen anführen wollte, ein ganzer Bogen nicht zureichen würde. Was für Gattungen von Gewehre, was für Werkzeuge, was für Hausrath nennet er nicht? Diese Materie füllete einen grossen Folianten aus, wenn man sie ganz abhandeln wollte.“ Er gedenket nur der Müh1en, Wagen, Pflugscharen und Mäusefallen, und vielleicht ist auch der Lichtknecht dem Homer nicht unbekannt, als Herr Swift glaubt, wenn nur hilfreicher Criticus solchen eruiren wollte.</ref>

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wehrtester und geschikter Freund, ''Mr. Wotton, Baccal. Theol.'' in seinem unvergleichlichen Tractat von der ''alten und neuern Gelehrsamkeit'', diesem ''Homer'' und mit ihm auch allen übrigen Alten mit gröstem Recht vorgerüket hat. Es ist dieses eine Schrift welche nicht hoch genung kann geschäzet werden, es sey daß man die glüklichen und sinnreichen Wendungen, welche darinn herrschen, oder die grosse Nuzbarkeit der wichtigen Entdekungen über die ''Fliegen'' und den ''Speichel'', oder auch die arbeitsame fliessende Schreibart des Verfassers betrachtet. Und ich kann nicht Umgang nehmen, demselben hiemit öffentlichen Dank abzustatten, für die grosse ''Hülfe'' und ''Erleichterung'' die ich bey Verfertigung dieser gegenwärtigen Schrift aus sei-nem nnvergleichlichen Tractat gezogen habe.

Nebst dem was wir bereits angeführet haben, wird der gelehrte Leser noch viele andere Mängel in ''Homers'' Schriften entdeken, die ihm aber billig nicht so streng angerechnet werden müssen. Denn da seit seinen Zeiten, und vornemlich in diesen drey oder vier lezten Jahren alle Theile der Wissenschaften einen so wunderbaren Zuwachs bekommen-, so ist beinahe ganz unmöglich, daß er in Ansehung der neuern Entdekungen so viel gewußt habe, als seine Vertheidiger vorgeben. Wir gestehen, daß er den ''Compaß'', das ''Schießpulver'', und den ''Kreislauf des Geblüts'' erfunden: Allein ich fodere einen jeden seiner Bewunderer auf, mir in allen seinen Schriften eine vollständige Nachricht von der ''Milz'' zu zeigen. Ueberläßt er uns ferner nicht gänzlich, die Kunst der ''politischen''
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''Wetten'' ins Aufnehmen zu bringen. Was ist unvollkommener und thut weniger Genüge als seine lange ''Dissertation'' von dem ''Thee''? Und was seine bey uns so berühmte Methode, ''sine Mercurio'' zu ''saliviren'', angeht, so kann ich aus eigener Erfahrung sagen, daß man sich sehr wenig Rechnung darauf machen darf.

Diese wichtige Mängel nun zu ersezen, habe ich auf vieles und langes Anhalten mich endlich bereden lassen, die Feder zu ergreifen; und ich getraue mir, den verständigen Leser zu versichern, daß ich nichts aus der Acht gelassen, was bey allen und jeden Vorfallenheiten des gemeinen Lebens von einigem Nuzen seyn kann. Ich darf keklich sagen, daß ich alles beygebracht und erschöpfet habe, wohin nur die menschliche Einbildungskraft ''steiget'' oder ''fällt''. Vornemlich empfehle ich den Gelehrten, gewisse Entdekungen aufmerksam zu lesen, welche von andern gar nicht berührt worden sind. Ich will unter vielen andern izt weiter nichts anführen, als ''mein neues Mittel für die Halbgelehrten'', oder ''die Kunst, ein seichter Leser und tiefgelehrter Mann zu seyn. Eine curieuse Erfindung von Mäusefallen. Eine allgemeine Vernunft-Regel'', oder, ''jeder Mensch sein eigener Vorschneider''. samt einer überaus nüzlichen Maschine ''Eulen zu fangen''. Von welchen allen an verschiedenen Orten dieses Buchs ausfuhrlich gehandelt wird.

Ich halte mich verbunden, so viel immer möglich, die Schonbeiten und Vortreflichkeiten meiner Schriften selbst anzuzeigen, weil die vornemsten
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Scribenten dieses gelehrten und politen Weltalters solches zu thun belieben, so oft sie der Abneigung eines critischen, oder der Unwissenheit eines geneigten Lesers abhelfen wollen. Ueber dieses sind auch nur unlängst verschiedene berühmte Stüke in gebundener und ungebundener Schreibart herausgekommen, wobey man versichert seyn kann, daß wenn die Verfasser aus besonderer Höflichkeit und Zuneigung für das ''Publicum'' nicht selbst beliebet hätten, uns von alle dem ''Erhabenen'' und ''Vortreflichen'' ihrer Schriften, umständliche Nachricht zu geben, wir gewiß sonst nicht das geringste weder von dem ''einen'' noch von dem ''andern'' würden entdeket haben. Was mich inzwischen selbst betrift, so kann ich nicht in Abrede seyn, daß alles was ich bisher von dieser Materie beygebracht, sich besser in eine Vorrede geschiket hätte; und daß solches der Mode, welche dergleichen ordentlich dahin verweiset, gemässer gewesen wäre. Allein ich finde für gut, mich hier des grossen und angesehenen Vorrechts zu bedienen, welches allemal der ''neueste Scribent'' hat; und fodere vermöge desselben, daß man mir als dem ''allerneuesten Scribenten'' eine ganz unumschränkte Macht über alle die vor mir gewesen, zustehe. Jn kraft dieses Titels verwerfe ich denn, und erkläre es, als eine höchst schädliche Gewohnheit, daß man die Vorreden zu Küchenzetteln machet. Ich habe es nemlich jederzeit für eine sehr grosse Unbesonnenheit gehalten, wenn ich gesehen, daß diejenigen welche ''Misgeburten'' und anders dergleichen fur Geld sehen lassen, dieselben in einem grossen und nach dem Leben gemahleten Bildniß vor die Thüre hinaushängen.
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Dieses hat mir würklich manchen Dreyer erspart. Denn dadurch ward meine Neügierigkeit
völlig gestillet, und ich gieng niemals hinein, der Kerl möchte mir noch so beweglich zureden und schreyen, ''Herr, auf mein Wort, es wird gleich angehen''.

Eben dieses Schiksal, haben zu unsern Zeiten, die ''Vorrede, Briefe, Vorberichte, Einleitungen, Prolegomena, Apparatus'', und andere ''Erinnerungen an den Leser''. Im anfang war dieses alles sehr gut. Unser grosse ''Dryden'' hat sich dieses Mittels eine lange Zeit bedienet, und die Sache so weit getrieben, als es nur möglich war; und zwar mit bestem Erfolg. Er hat mir vielmals im Vertrauen gesagt, die Welt würde nimmer auf die Gedanken gerathen seyn, daß er ein so grosser Poet wäre, wenn er es nicht selbst in seinen Vorreden so öfters und dergestalt versichert hatte, daß sie es unmöglich in Zweifel ziehen, oder jemals vergessen könnte. Es mag seyn. Allein ich befürchte nur, daß er seine Unterrichte am unrechten Ort angebracht, und die Leute in gewissen Stüken klüger gemacht, als er gern gewollt hat. Denn es ist etwas betrübtes zu sehen, mit was für einer verschmähenden Faulheit unsere izigen schläfrigen Leser ''vierzig'' bis ''fünfzig'' Seiten ''Vorrede'' und ''Zuschrift'', (das gewöhnliche Maß unserer Neuern) überblättern, nicht anders als ob es lauter latein wäre. Wiewol auf der andern Seite auch nicht zu läugnen, daß sehr viele bloß dadurch zu ''Criticis'' und ''sinnreichen Köpfen'' geworden, weil sie sonst nichts anders gelesen. Und
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in diese zwo Classen kann man meines Bedünkens alle heutigen Leser mit Recht eintheilen. Ich meines Orts bekenne mich zu der erstern, und da ich den Trieb der ''Neuern'' habe, mich über die Schönheiten meiner eigenen Werke herauszulassen, und die scheinende Stellen dieser gegenwärtigen Schrift in ihrem vollen Licht zu zeigen, so hielt ich für das beste, solches in dem Werk selbst zu thun, und zwar um so viel mehr, als es, wie man siehet, würklich hierdurch einen nicht unbeträchtlichen Zuwachs bekommen hat. ''Ein Umstand den ein geschikter Scribent nicht leicht aus der Acht lassen muß''.

Nachdem ich also einer löblichen und wol eingeführten Gewohnheit unserer allerneuesten Scribenten Genüge geleistet, durch eine ''lange Ausschweifung, welche eben niemand erwartet, und durch eine allgemeine Censur wozu mich niemand gereizet hat. Wie nicht weniqer durch eine mühsame Und geschikte Entwikelung meiner eigenen Vollkommenheiten, und anderer ihrer Fehler'', wobey ich die ''schärfeste Gerechtigkeit'' gegen mich selbst, und alle ''erforderliche Redlichkeit'' gegen andere beobachtet habe, so wende ich mich nunmehro zu meinem und des Lesers gröstem Vergnügen wieder zur Hauptsache.


{{PRZU}}
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{{LineCenterSize|100|20|'''Sechster Abschnitt.'''}}
{{LineCenterSize|100|20|'''Fortsezung'''<br />des Mährgens von der Tonne.}}
Wir haben Lord ''Petern'' in einem offenbaren Friedensbruch mit seinen zween Brüdern verlassen. Beyde waren für immer aus seinem Haus verstossen, und mußten nunmehr ihr Glük in der weiten Welt suchen; wobey sie wenig oder nichts hatten, darauf sie sich verlassen konnten. Umstände welche sie zu recht geschikten Gegenständen des Mitleidens  eines Scribenten machen, indem unglükliche Scenen stets die beste Gelegenheit zu grossen Begegnissen geben: und hiebey läßt sich auch der Unterscheid zwischen der Aufrichtigkeit eines großmüthigen Scribenten, und eines gemeinen Freundes deutlich abnehmen. Dieser bleibet seinem Freund zugethan so lang sein Glük währet, so bald es ihm aber den Rüken kehret, verläßt er ihn. Ein großmüthiger Scribent hingegen thut gerade das Gegentheil. Er findet seinen Helden auf dem Misthaufen, ziehet ihn aus dem Koth heraus, und  führet ihn stuffenweise auf den Thron; alsdenn verläßt er ihn plözlich, und wartet nicht einmal bis man ihm für seine Mühe danket. Diesem löblichen
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Exempel zufolg, habe ich ''Lord Petern'' in ein prächtiges Haus gebracht, ihm einen Titel, und mit demselben auch Geld gegeben. Hier will ich ihn nun eine Zeit lang lassen, und mich dahin wenden, wohin mich die allgemeine Liebe ruft; zur Hülfe nemlich und zum Beystand der zween andern Brüder in ihren elendesten Umständen. Dabey aber werde ich keineswegs vergessen, daß ich ein Geschichtschreiber bin, sondern der Wahrheit wo sie mich hinführen und was immer begegnen mag, Schritt für Schritt folgen.

Unsere beyden ins Elend verstossene Brüder welche ihr Schiksal und Interesse so genau verband, zogen zusammen in ''ein Quartier''. So bald sie ein wenig Musse hatten, fiengen sie an, das vielfältige Unglük und Elend, welches sie in ihrem vorigen Leben erfahren müssen, zu überdenken, und wußten nicht gleich, was für Fehlern in ihrer Aufführung sie solches Schuld geben sollten. Endlich besannen sie sich auf die Abschrift des väterlichen ''Testaments'', welche sie so glüklich von ihrem Bruder mit weggebracht hatten. Diese zogen sie alsobald hervor, und nahmen dabey den festen Entschluß, alles was sie unrechtes bisher angenommen, abzuschaffen, und daß sie künftig in allem dem ''väterliche Willen'' mit dem allerstrengesten Gehorsam nachkommen wollten. Der gröste Theil des ''Testaments'', wie sich der geehrte Leser noch wol erinnern wird, bestand in gewissen vortreflichen Regeln, wie sie ihre Kleider tragen sollten, Als sie nun diese Regeln miteinander durchgiengen, und bey jedem Punkt die Lehre, und
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ihre Aufführung fleißig gegen einander hielten, so befanden sie, daß beydes wie Himmel und Erde von einander unterschieden wäre. Recht erschrekliche, und solche Uebertretungen, die dem väterlichen ''Gebot'' in jedem Stük schnurgerade entgegen waren. Sie entschlossen sich demnach beyde, ohne fernern Aufschub alles genau wieder in den Stand zu sezen, wie es der ''väterliche Wille'' erfoderte.

Hier aber muß ich den neugierigen Leser, welcher gemeiniglich das Ende einer Begebenheit ungedultig zu wissen verlanget, noch ehe wir ihn gehöriger massen dazu vorbereitet haben, um etwas zurükhalten, und melden, daß die beyden Brüder sich um diese Zeit durch besondere Namen zu unterscheiden angefangen. Der eine ließ sich ''Martin'' und der andere ''Hans''<ref>Luther und Calvinus. In einer Stelle der ''Vertheidigung des Mährgens von der Tonne'' hat man lieber das Original-Wort ''jak'' beybehalten, weil man geglaubt, die dabey angebrachtete Nachricht des Verfassers werde dem deutschen Leser dadurch greiflicher.</ref> nennen. Beyde hatten unter der Tiranney ihres Bruders ''Peters'' in guter Freundschaft und Verträglichkeit beysammen gelebet; wie ordentlich zu geschehen pfleget, wenn ihrer zween einerley Noth haben. Leute die sich im Unglük befinden, gleichen denen, die im Finstern sind, und alle Farben für einerley halten. Nachdem aber die beyden Brüder weiter in die Welt kamen, und einer den andern bey Licht zu besehen anfieng, so würden sie gewahr, daß ihre Neigungen sie gar sehr unterschieden; und der gegenwärtige
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und in meine ''Locos communes'' eingetragen hatte, mehr nicht als ein geringes Duzend in die gemeinen Gesprache und Unterredungen zuziehen, zuschleppen und zu nöthigen im Stand gewesen bin. Von welchem Duzend noch die eine Helfte ohne alle Würkung war, weil sie vor den unrechten Leuten angebracht ward; und die andere hat mich ihrer loß zu werden, so viel Nachspürens, Strikelegens und Umwege gekostet, daß ich zulezt den Entschluß fassete, dieß Handwerk ganz aufzugeben: Nun ebe(contracted; show full)

* [Anmerkung 22] Provinz Tweed  im Original: from beyond the Tweed = von jenseits des Tweed = aus Schottland. Der River Tweed bildet teilweise die Grenzlinie zu Schottland.

* [Anmerkung 93] Aus Die Hoch-Edle, Veste und Hoch-Gelahrte Gnostologia...{{Halle|3-846}} Was diese lange Anmerkung im Tonnenmärchen verloren hat weiß nur der Übersetzer

* [Anmerkung 96] Hier hat der Übersetzer wohl den Faden verloren oder vergessen was er übersetzt, bzw. nimmt die Maske des ''Neuern'' für Swift.