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''Dr. Jonathan Swifts Mährgen von der Tonne''. Nebst übrigen dazu gehörigen Schriften. Von neuem aus dem Englischen übersezt. [Übersetzt von [[Johann Heinrich Waser (Übersetzer)|Johann Heinrich Waser]]] Hamburg und Leipzig 1758 {{SBB|PPN660731797}} und [[Commons:File:Swift-Maehrgen von der Tonne-1758.djvu|Commons]]



Der Text und die Seiteneinteilung ist identisch mit dem 3. Band: ''Satyrische und ernsthafte Schriften, von Dr. Jonathan Swift''.

(contracted; show full)der Tiranney ihres Bruders ''Peters'' in guter Freundschaft und Verträglichkeit beysammen gelebet; wie ordentlich zu geschehen pfleget, wenn ihrer zween einerley Noth haben. Leute die sich im Unglük befinden, gleichen denen, die im Finstern sind, und alle Farben für einerley halten. Nachdem aber die beyden Brüder weiter in die Welt kamen, und einer den andern bey Licht zu besehen anfieng, so würden sie gewahr, daß ihre Neigungen sie gar sehr unterschieden; und der gegenwärtige
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Zustand ihrer Sachen gab ihnen mit einmal Gelegenheit, diese Wahrheit sehr deutlich zu erkennen.

Hier aber wird mich der strenge Leser mit Recht als einen Scribenten tadeln können, der ein kurzes Gedächtniß habe: ist dieses in der That ein Fehler, welchem die ''ächten Neuern'' nothwendig ein bischen unterworfen seyn müssen. Denn das ''Gedächtniß'' ist eine Fähigkeit des Gemüths, welche nur mit vergangenen Dingen umgehet, womit sich aber die Gelehrten unserer Zeit nicht abgeben, indem sie sich nur allein auf neue Erfindungen legen, und daher alles aus sich selbst, oder bey erfolgender Collision, wenigstens je einer von dem, andern herausschlagen. Daher wir es auch für sehr vernünftig halten, unser ''schwaches'' Gedachtniß jederzeit als einen unstreitigen Beweis unsers ''grossen'' Verstaudes anzuführen. ''Methodice'' zu gehen, hätte ich also dem geehrten Leser schon längst melden sollen, daß Lord ''Peter'' die Grille gehabt, und sie auch seinen beyden Brüdern in den Kopf gesezet, alles was nur Mode ward auf ihre Kleider aufzusezen, ohne jemals die erstern aus der Mode gekommene Zierrathen vorher wieder abzuthun. Daraus ward nun mit der Zeit ein solcher altfränkischer Mischmasch als man sich immer vorstellen kann, dergestalt, daß da sie mit einander zerfielen, man kaum einen Faden von dem Tuch ihrer Kleider mehr erkennen konnte; sondern alles war voller Tressen, Bänder, Franzen, Stikwerk
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und Nestel,</ref>Zur Zeit der Reformation hatten die Menschen-Sazungen in der Römischen Kirche dermassen überhand genommen, daß man sehr wenig von der wahren christlichen Religion sehen konnte.</ref> (ich verstehe nemlich nur die silbernen Nestel;</ref>Die silbernen Nestel bedeuten diejenigen Lehren in dem Papstthum, welche die Macht und den Reichthum der Römischen Kirche befördern. Und überhaupt alle Pracht bey ihrer Kirchenverfassung und äusserlichen Gottesdienst.</ref> denn die andern waren nach und nach weggefallen.) Nun dieser wichtige Umstand den ich oben vergessen hatte, schiket sich zum Glüke recht vortreflich hieher, da ich eben willens bin, von der Reformation zu reden, welche die beyden Brüder mit ihren Kleidern vornahmen, um sie wieder in ihren ersten dem väterlichen ''Testament'' gemässen Stand zu sezen.

Sie nahmen also beyde dieses grosse Werk einmüthig vor die Hand; und sahen dabey bald auf ihre Kleider, bald wieder in das ''Testament''. ''Martin'' war der erste; er riß auf einmal eine ganze Hand voll Nestel weg, und als er das zweyte mal ansezete, mußten wol bey zwölf Ellen ''Franzen'' herunter. Nachdem aber dieses geschehen, hielt er eine Weile inne. Er sah ganz wol, daß noch vieles übrig war. Indessen war die erste Hiz vorbey, und er entschloß sich nun weiter bescheidener zu Werk zu gehen, nachdem es schon würklich nur wenig gefehlet, daß er beym Wegreissen der ''silbernen Nestel'', (die der Schneider klüglich mit doppelter Zwirne angenehet hatte, damit sie
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nicht herunter fallen sollten,) in das Tuch selbst gerissen hätte. Als er demnach auch eine Menge ''göldener Spize'' wegschaffen wollte, so trennete er mit gröster Behutsamkeit alle Stiche auf, und zog dabey, so weit er kam, die losgemachten Fäden auf das fleißigste aus; welches dann nicht wenig Zeit wegnahm; Hierauf kam an die gestikten ''indianischen'' Figuren von Männern, Weibern und Kindern; wider welche, wie vorhin gedacht worden, des Vaters ''Testamente'' ein ausdrükliches und scharfes Verbot enthielt. Diese brachte er binnen einiger Zeit mit vielem Fleiß und grosser Geschiklichkeit gänzlich heraus, oder machte sie ganz unkennbar. In Ansehung des übrigen, wo er sah, daß das Stikwerk so fest eingearbeitet war, daß er es ohne Schaden des Tuches selbst, nicht herausbringen konnte, oder wo es dienete, etwa ein Loch zu bedeken, oder zusammen zu halten, welches durch das beständige Herumzerren des Kleides von denen, die stets etwas neues darauf flikten, darein gekommen war, hielt er für das beste, es darauf zu lassen, weil er durchaus verhüten wollte, daß das Tuch selbst Schaden nehmen sollte; und glaubte, dieses wäre nach Beschaffenheit der Umstande die beste Methode der wahren Absicht und Meinung des ''väterlichen Willens'' zu entsprechen. Und das ist auch die genaueste Nachricht, welche ich von ''Martins'' Betragen bey dieser grossen Veränderung habe aufbringen können.

Bruder ''Hans'' aber, dessen Begegnisse so ausserordentlich sind, daß sie wol den grösten Theil
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meiner noch übrigen Abhandlung ausmachen werden, dachte ganz anders und gieng auch ganz anders zu Werk. Das Andenken von Lord ''Peters'' Unbillen, erwekte bey ihm einen Haß und Unwillen, der ihn weit mehr antrieb als das väterliche ''Testament'' selbst, so daß dieses leztere nur das zweyte in der Absicht, und jenem als dem Hauptzwek untergeordnet zu seyn schien. Indessen ersann er für dieses Gemisch seiner Gemüthsbewegungen einen hübschen Namen; und ehrete solche mit dem Titel ''Eifer'', welches vielleicht das nachdrüklichste Wort ist, so jemals in einer Sprache erfunden worden, wie ich solches in meinem vortreflichen ''analytischen'' Werk über diese Materie verhoffentlich gründlich erwiesen habe. Ich habe in demselben eine ''Histori-Theo-Physi-Logicalische'' Betrachtung über den ''Eifer'' angestellet, worinn ich zeige, wie derselbe zuerst aus einem ''Gedanken'' sich in ein ''Wort'' verwandelt, hernach aber in einem heissen Sommer, in eine ''Substanz'' ausgewachsen ist, die sich würklich ''greifen läßt''. Das Werk macht drey starke Folianten aus, und ich gedenke solches nächstens, nach der neuern Mode auf ''Subscription'' druken zu lassen, in der gewissen Hofnung, es werde so wol der hohe als niedere Adel auf dem Land dieses nüzliche Werk auf alle Weise befödern, nachdem derselbe an gegenwärtiger Schrift bereits eine Probe hat, was ich zu thun im Stand bin.

Bruder ''Hans'' denn, dachte voll von diesem Eifer der Tiranney ''Peters'' mit heftigem Unwillen nach, und da ihn auch zugleich die Zaghaftigkeit seines  Bruders ''Martins'' nicht wenig ärgerte,
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so brach er in folgende Worte aus: Was? sagte er: Ein Schelm der uns den Trunk verschließt, unsere Weiber ausjagt, uns um das unsere betrügt, uns seine - - - Brodrinden für Schöpsenfleisch vorsezt, und uns endlich gar zur Thüre hinausstößt: Dem sollten wir zu willen leben? Hol ihn der Henker. – Ein Bub ist er; und auf allen Gassen wird er für einen solchen ausgeschrien. Nach diesem Eingang, wodurch er sich selbst sehr aufgebracht, und folglich in einen Stand gesezet hatte, der eben nicht der bequemste ist, eine ''Reformation'' vorzunehmen, grif er sogleich das Werk an, und that in drey Minuten mehr als ''Martin'' in so viel Stunden verrichtet hatte. Denn der geneigte Leser muß wissen, daß man sich den ''Eifer'' wol am meisten verpflichtet, wenn man ihm etwas ''zu zerreissen'' giebt. Und ''Hans'' der in den Besiz dieses Talents vernarret war, ließ ihm bey diesen Umständen den vollen Lauf. Daher fügte es sich, daß als er eine Hand voll ''Goldspizen'' etwas zu hastig herunter gerissen, er zugleich seinen ''ganzen Rok'' von oben bis unten entzwey riß. Und weil er im ''Fliken'' und ''Stoppen'' nicht sonderlich geschikt war, so wußte er sich nicht besser zu helfen, als daß er eine ''Heftnadel'' mit ''Bindfaden'' nahm, und sein Kleid damit zusammen heftete. Allein es war noch zehnmal schlimmer, (ich kann es nicht ohne Thränen melden) als er nun weiter zum ''Stikwerk'' kam. Denn weil er von Natur plump, und viel zu ungedultig war, so viel hunderttausend Stiche aufzutrennen, als wozu eine geschicke Hand und ein sehr geseztes Wesen erfordert wird, so rieß er in der Wut ein ganzes Stük
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Tuch und alles was darauf war, weg, schmieß es in den Koth, und fuhr auf solche grimmge Art immer fort. Ach, sagte er dabey, lieber Bruder Martin, machs wie ich: Ich bitte dich um Gottes willen, reiß, zerr, und schmeiß alle weg, damit wir dem schelmischen Peter so ungleich sehen als immer möglich ist. Ich wollte nicht tausend Thaler nehmen, und das geringste Zeichen an mir leiden, woraus die Nachbarn muthmassen möchten; daß ich ein verwandter von einem solchen Bösewicht wäre. Allein Martin welcher damals ganz besänftiget und gesezt war, bat ihn um aller Liebe willen, „er möchte doch seinem Kleid nicht Schaden thun; dann er wurde kein solches wieder bekommen. Er sollte bedenken, daß sie bey Einrichtung ihrer Sachen nicht auf Petern, sondern auf die in dem väterlichen Testament vorgeschriebene Regeln sehen müßten. Er sollte überlegen, daß Peter stets ihr Bruder bliebe, was für Fehler und Unrecht er immer begangen hätte. Sie müßten sich also durchaus nicht einfallen lassen, gutes oder böses nur deswegen zu thun, damit sie ihm zuwider wären. Es wäre wahr, das Testament ihres Vaters wäre sehr scharf was das Tragen ihrer Kleider betrefe, allein es wäre ihnen auch in demselben mit gleicher Schärfe anbefohlen, daß sie verträglich und in guter Freundschaft und Liebe mit einander leben sollten. Und ist je, (fügte er hinzu,) überall noch eine Uebertrettung zu verzeihen, so wird gewiß viel eher eine solche seyn, welche unsere Freundschaft befördert, als eine andere, welche dieselbe ganz und gar zerstöret.“

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und in meine ''Locos communes'' eingetragen hatte, mehr nicht als ein geringes Duzend in die gemeinen Gesprache und Unterredungen zuziehen, zuschleppen und zu nöthigen im Stand gewesen bin. Von welchem Duzend noch die eine Helfte ohne alle Würkung war, weil sie vor den unrechten Leuten angebracht ward; und die andere hat mich ihrer loß zu werden, so viel Nachspürens, Strikelegens und Umwege gekostet, daß ich zulezt den Entschluß fassete, dieß Handwerk ganz aufzugeben: Nun ebe(contracted; show full)

* [Anmerkung 22] Provinz Tweed  im Original: from beyond the Tweed = von jenseits des Tweed = aus Schottland. Der River Tweed bildet teilweise die Grenzlinie zu Schottland.

* [Anmerkung 93] Aus Die Hoch-Edle, Veste und Hoch-Gelahrte Gnostologia...{{Halle|3-846}} Was diese lange Anmerkung im Tonnenmärchen verloren hat weiß nur der Übersetzer

* [Anmerkung 96] Hier hat der Übersetzer wohl den Faden verloren oder vergessen was er übersetzt, bzw. nimmt die Maske des ''Neuern'' für Swift.