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''Dr. Jonathan Swifts Mährgen von der Tonne''. Nebst übrigen dazu gehörigen Schriften. Von neuem aus dem Englischen übersezt. [Übersetzt von [[Johann Heinrich Waser (Übersetzer)|Johann Heinrich Waser]]] Hamburg und Leipzig 1758 {{SBB|PPN660731797}} und [[Commons:File:Swift-Maehrgen von der Tonne-1758.djvu|Commons]]



Der Text und die Seiteneinteilung ist identisch mit dem 3. Band: ''Satyrische und ernsthafte Schriften, von Dr. Jonathan Swift''.

Unterschiede zum 3. Band, siehe [[Benutzer:Jowinix/Tonnenmärchen]]
* Titelblätter
* Vorrede
* Seitenzahlen

* A Tale Of A Tub. Fifth Edition, London 1710 {{GBS|ilQJAAAAQAAJ|PP7}}
* A Tale Of A Tub. A new Edition, with the Author's Apology, and Explanatory Notes, by W. Wotton B. D. & others. London, 1734 {{Halle|3-4077}}

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{{Center|Dr. Jonathan Swifts}}
{{LineCenterSize|120|20|'''Mährgen'''}}
{{Center|von der}} 
{{LineCenterSize|120|20|'''Tonne.'''}}

{{Center|Nebst übrigen<br />dazu gehörigen Schriften.}}

{{Center|Von neuem aus dem Englischen ubersezt.}}

{{Center|Mit Kupfern.}}

{{Center|Hamburg und Leipzig, 1758}}
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{{LineCenterSize|100|20|'''Vorrede.'''}}

Wir liefern hier dem Leser, in dem längst bekannten ''Mährgen von der Tonne'', ein Werkgen, welches nicht nur durch den häufigen Abgang endlich zur Rarität geworden, sondern auch ausser dem längst verdient hat, ohne diejenige Fehler zu erscheinen, so aus Uebereilung und andern Ursachen sich die bisherigen
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deutschen und Französischen Ausgaben desselben eingeschlichen haben.

Es ist zwar indem dritten Band der neuen Ausgabe sämtlicher Swiftischer, theils von neuem, theils noch nie übersezter Schriften bereits enthalten. Weil aber manchem der Ankauf der ganzen Sammlung zu kostbar fallen möchte, so haben wir zur Befriedigung der eingeschränktern Leser, dieses unter den Swiftischen Schriften vorzüglich-schöne und nuzbare Stük, mit den dazu gehörigen Abhandlungen, auch ''besonders'' durch den Druk mittheilen wollen.

Der verständige Leser wird zum Vergnügen sehen, daß es ''gratiam novitatis'' nicht allein durch die sehr verbesserte Uebersezung und anders erlangt, sondern auch

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durch die ''noch nie'' übersezte ausführliche ''Apologie'' desselben. Von den äusserlichen Vorzügen nichts zu sagen, merken wir nur dieses an, daß anstatt der bisherigen zimlich schlechten Kupferstüke, hier schönere, und dem Innhalt des Werks gemässere erscheinen.

„Die Apologie für das Mährgen,“ (''so lauten die Worte, in der Vorrede zu obgedachtem dritten Band der Swiftischen Werke'') „enthebet mich der Mühe, viel von dieser berühmten Schrift zu sagen: sie wird verständigen und unparteyischen Lesern genung thun; sie wird dieselben auf die wahre, und einem rechtschaffenen Mann höchstanständige Absicht und Meynung dieser Satyre führen; sie wird ihnen zeigen, daß
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alle Stachel auf die Verderbnisse in der Religion, auf die Schwermerey, auf die Laster und Lasterhafte fällt; sie wird sie endlich mit dem Verfasser beklagen machen, daß es Leute, und oft ''wichtige'' Leute giebt, die es für gefährlicher halten, wenn man Verderbnisse und Laster beschämet, als wenn man gelassen zusieht, wie Wahrheit und rechtschafene Gottseligkeit von Buben und Heuchlern ins Koth gedrükt und verbannet wird.“

Es ist in der That seltsam, daß die öffentlichen Lehrer des menschlichen Geschlechts, das ist, diejenigen Scribenten, welche mit genugsamer Fähigkeit die moralische Verbesserung des Menschen zum Endzwek haben, insgemein für ''gefährlich'' gehalten werden! Wer die Fehler des geistlichen und weltlichen Stands,
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so wie sie sind, aufdeket; wer den Aberglauben und den Fanaticismus lächerlich macht; wer die Vorurtheile des Ansehens, der Gewohnheit und Auferziehung bestreitet; wer das allzuviele und unbequeme Ceremonialische vom Wesentlichen der Religion unterscheidet; wer augenscheinlich darthut, wie vieles von den Heiden herrührt, was doch von keinem geringen Theil der Christenheit als heilig adoptirt worden; wer gewisse sophistische Subtilitäten- der Theologaster, womit sie sich und andere verblenden, anatomirt; wer das Mechanische der Frömmigkeit vor dem Moralischen und Wahren kennbar macht; wer die convulsiven Würkungen seines melancholischen Gemüths, und die Einfälle einer verderbten Einbildungskraft nicht für heilige Begeisterungen halten will; wer wider die geist- und
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weltliche Gewissenstyranney, und die ''pias fraudes'' eifert; wer eine vernünftige Freyheit gegen den Despotismus vertheidigt; u. s. f. Kurz: Wer das, was ''wider'' die Religion ist, was sie verunehrt, und verkleidet, mit satyrischem Gespötte (selbst nach dem Exempel mancher Propheten und Apostel) durchzieht; der hat insgemein das unverdiente Schiksal, daß er ein Religions-Spötter, ein Ungläubiger, sein Indifferentist, ein Misanthrope, ein Böswilliger, ein einbildischer Zänker, Schwirbelkopf, unruhiger Bürger, und ich weiß nicht was mehr seyn muß! So groß ist die Verkehrtheit des menschlichen Herzens.

{{PRZU}}
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<center>'''Swifts'''<br />'''Mährgen von der Tonne,'''<br />zum<br />allgemeinen Nuzen<br />des<br /> menschlichen Geschlechts<br />abgefasset.</center>



{{Center|Opus diu multumque desideratum.}}



<center>Samt einer<br />vollständigen und wahrhaften<br />'''Erzehlung,'''<br />von dem,<br />unter den alten und neuen Büchern<br />in der<br />Bibliothek zu St. James,<br />gehaltenen Treffen.</center>


{{Center|Basima eacabasa, eanaa irraurista, diarba da caetaba fobor camelanthi. ''Iren''. lib. I, c. 18.}}


<poem>– Juvatque novos decerpere flores
Insignemque meo capiti petere inde coronam,
Unde prius nulli velarunt tempora Musae.
Lucret.</poem>
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{{LineCenterSize|100||'''Vertheidigung'''<br />des<br />'''Mährgens von der Tonne.'''}}
 
Wenn gute und böse Gesinnung gleich stark auf die Menschen würkten, so dürfte ich mir wol die Mühe ersparet haben, diese ''Apologie'' zu schreiben. Die Aufnahm nachfolgender Schrift hat deutlich gezeiget, daß diejenigen deren Beyfall sie erhalten, weit die meisten von denen sind, welche Geschmak haben. Inzwischen da zwon oder drey ganze Abhandlungen besonders dargegen geschrieben worden, (nichts von vielen andern zu sagen, welche sie nur im Vorbeygang mitgenommen,) so ist hingegen, (so viel mir bekannt) zu ihrer Vertheidigung niemals eine einzige Sylbe zum Vorschein gekommen: Auch nur nicht, daß
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sie von jemanden günstig wäre angeführt worden, ausgenommen von dem politen Verfasser des Gespräches, zwischen einem ''Deisten und einem Socinianer''.

Indessen, da der Plan derselben also genomman zu seyn scheinet, daß sie zum wenigsten so lange im Andenken bleiben soll, als lange unsere Sprache und unser Geschmak nicht merkliche Veränderungen leiden; so bin ich es zufrieden, ihr eine Vertheidigung zum Begleite mitzugeben.

Der gröste Theil dieses Buches war vor ungefehr dreyzehn Jahren, 1696. zu Ende gebracht; acht Jahre mithin, ehe es im Druke erschienen. Der Verfasser war damals jung, seine Erfindungs-Kraft in ihrer Stärke, und seine Belesenheit frisch im Gedächtniß. Vermittelst etwas Nachdenkens und vielen Umgangs, hatte er sich bemühet, so viel ''würklicher'' Vorurtheile los zu werden als er immer konnte. Ich sage ''würklicher'' Vorurtheile, denn es war ihm nicht unbekannt, auf welche gefährliche Höhen einige Leute unter dem Vorwand der Ablegung der Vorurtheile fortgeschritten sind. So vorbereitet hielt er dafür, die grossen Verderbnisse in der Religion, und in der Gelehrsamkeit könnten Stof zu einer Satire an die Hand geben, welche zugleich nuzlich und angenehm seyn würde. Er entschloß sich dieselbe zu schreiben, und dabei auf eine Weise zu Werke zu gehen, die ganz neu wäre; zumal da die Welt mit blossen und immerwährenden Wiederholungen über jede Materie bereits bis zum Ekel überhäufet war. Diesem zufolge
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nahm er sich vor, die Irrtümer und Mißbräuche bey der Religion, unter der Allegorie der drey Brüder und ihrer Kleider, vorzustellen; das sollte den Hauptinnhalt des Buches ausmachen; die Mißbräuche aber in der Gelehrsamkeit, wollte er durch Digreßionen einflechten. Er war damals ein junger mit der Welt wol bekannter Edelmann, und schrieb für den Geschmak derer, die seines gleichen waren. Daher er, sie zugewinnen, seiner Feder eine Freiheit gestattete, welche sich für ein reiferes Alter, oder für ernstere Charakter weniger schiket; und welches er durch einige wenige Auslöschungs-Züge leicht würde verbessert haben, wenn er zwey oder drey Jahre vor der Ausgabe seiner Blätter Meister davon gewesen wäre.

Nicht zwar, daß er in seinem Urtheile sich würde gerichtet haben nach den übel angebrachten kleinen Spizfindigkeiten der Sauertöpfe, Neider, stumpfer und geschmakloser Richter: Diese nennet er mit Verachtung. Er gestehet, daß in seinem Buche verschiedene jugendliche Einfälle vorkommen, die von weisen und gesezten Männern einige Ahndung verdienen mögen: Allein er will auch nicht mehr Verantwortung als Schuld auf sich haben, und fodert, daß man seine Fehler nicht multipliciren soll durch die unnatürlichen und lieblosen Deutungen derjenigen, die weder Redlichkeit besizen eine gute Meinung vorauszusezen, noch Geschmaks genug, eine wahre einzusehen. So viel zugestanden, will er sein Leben daran sezen, wenn jemand mit Grund etwas aus seinem Buche ziehen kann, das der ''Religion'' oder der ''Moralität'' zuwider läuft.

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Was für Ursache mag wol ein ''Geistlicher von unserer Kirche'', (wer er immer sey,) haben, böse zu werden, wenn er siehet, daß die Thorheiten der Schwermerei und des Aberglaubens aufgedeket, und, gesezt auch in ihrer lächerlichsten Gestalt, dargestellet werden; da dieses doch vielleicht das einzige wahrscheinliche Mittel ist, sie zuheilen, oder wenigstens zuverhintern, daß sie nicht weiter ausgebreitet werden: Dazu kömmt, daß obschon das Buch nicht für sie geschrieben worden, es doch nichts anders durchziehet, als wowieder sie selbst predigen. Es enthält nicht die geringste Anzüglichkeit weder gegen ihre Personen, noch gegen ihr Amt, wodurch sie könnten gereizet werden. Es preiset die ''Engländische'' Kirche, so wol in Ansehung ihrer Lehre, als ihrer ''Disciplin'', als die beste und vollkommenste unter allen an. Keine Meinung wird darinn behauptet die sie verwerfen, und keine verworfen, die sie annehmen. Wenn die gewohnte Empfindlichkeit der Geistlichen ihnen zur Last lieget, so möchten sie, meines wenigen Erachtens, leicht bequemere Gegenstände gefunden haben, dieselbe zu äussern: ''Nondum tibi defuit hostis''. Sie möchten sie nämlich gerichtet haben, gegen jene grobe ungegelehrte Schmierer, die alle Ehre verloren, den Lastern ergeben, und dabey verdorbene Lumpen-Kerls sind, welche zur Schande der menschlichen Vernunft so wol als der Gottseligkeit, begierig gelesen werden, einzig um der frechen, falschen und gottlosen Säze willen, die sie mit der grösten Unverschämtheit behaupten, dabey unbescheidener Weise auf die Geistlichkeit losziehen, und aller Religion
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offenbar den Krieg ankünden. Kurz, derer Schmierereyen voll solcher Lehren sind, die darum mit Freude angenommen worden, weil sie eingerichtet sind, diejenigen Schreken aus dem Wege zuheben, von welchen die Religion den Menschen sagt, daß sie die Folgen eines unmoralischen Lebens seyn; dergleichen nichts in gegenwärtiger Schrift anzutrefen ist, obschon einige dieser Herren belieben, sie so freymüthig zu tadeln. Und ich möchte wünschen, daß dieses das einzige Exempel wäre, welches die Anmerkung bestätigt, die ich nur allzuoft gemachet, ''daß nämlich viele von dieser ehrwürdigen Zunft eben nicht gar zu sorgfältig sind, ihre Freunde und Feinde zu unterscheiden''.

Hätten einige, deren Namen der Verfasser aus Hochachtung nicht nennen will, seine Absichten redlicher ausgedeutet, so dürfte er sich haben anfrischen lassen, dergleichen Bücher von einigen der oben beschriebenen ''Autoren'', in eine Untersuchung zu nehmen, und glaubt im Stande gewesen zuseyn, ihre Irrthümer, ''Unwissenheit, Dummheit'' und ''Schelmerei'' dergestalt aufzudeken, daß diejenigen, von denen man am meisten Ursache zuglauben hat, sie lassen sich dadurch ansteken, dieselben bald auf die Seite legen, und sich schämen würden. Izo aber, nachdem die ''wichtigsten'' Männer in den ''wichtigsten'' Aemtern belieben, es für gefährlicher zuhalten, solche Verderbnisse in der ''Religion'', welche sie selbst mißbilligen müssen, zusatirisiren, als sich Mühe zu geben, so gar diejenigen Grundsätze über den Haufen zu werfen,
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worüber alle Christen einig sind; so hat der Verfasser diese Gedanken fahren lassen.

Er hält es für kein schönes Betragen, daß man sich anmasset, ihm ganz bestimmt einen Namen zu geben, da er sich selbst den meisten seiner besten Freunde nicht einmal entdeket hat. Inzwischen sind einige noch weiter gegangen, und haben ein Buch<ref>Ein Brief über die Schwermerey.</ref> genennet, welches mit diesem aus einer und eben derselben Feder geflossen seyn soll: Dieses behauptet der Verfasser, ist gerade zu eine Unwahrheit; indem er gedachten Buch nur nicht einmal gelesen hat. Ein klares Exempel, wie wenig man sich auf blosse Einbildungen, oder auch auf Muthmassungen verlassen dürfe, welche man auf nichts weiter als einige Gleichheit des Styls oder der Denkensart gründet.

Hätte der Autor ein Buch wider die Mißbräuche in der Rechtsgelehrtheit, oder der Arzney-Kunst geschrieben, so glaubt er, es würde so fern gewesen seyn, daß die Gelehrten in diesen
Wissenschaften ihm solches übel genommen hätten, daß sie ihm vielmehr für seine Bemühung würden gedanket haben; besonders wenn er die rechtschaffene Ausübung derselben ausbedungen, und geziemende Hochachtung für dieselbe geäussert hätte. Aber mit der Religion, sagt man uns, muß man nicht spotten; und man sagt uns die Wahrheit; doch gewiß darf man solches in Ansehung der Verdorbenheiten in derselben; denn zufolge eines sehr
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bekannten Sprüchworts wissen wir, daß da die ''Religion'' das ''beste'' Ding in der Welt ist, sie wol zum allerschlimmsten wird, wenn sie verdorben ist.

Etwas muß der verständige Leser nothwendig bemerket haben: nämlich, daß diejenigen Stellen in dieser Schrift, welche den Einwendungen am meisten unterworfen zu seyn scheinen, das sind, was man ''Parodien'' heißt, wo nämlich der Verfasser den Styl und die Schreibart anderer Scribenten annihmet, auf welche er zielet. Ich will nur ein einziges Exempel anführen: Der Leser findet es gleich in dem ersten Abschnitte des Werks;<ref>Der Leser wird bey der Stelle selbst hieran erinnert werden.</ref> daselbst wird auf ''Dryden, l’Etrange'', und einige andere gesehen, welche nachdem sie ihr ganzes Leben in ''Parteyung, Abfall, und allen Arten von Lastern'' zugebracht, Märtyrer für das Vaterland und die Religion seyn wollen. So kramet uns Dryden seine Verdienste, und was er dabey gelitten, in einer seiner Vorreden aus, danket GOtt, daß er ''seine Seele in Gedult besize'', und dergleichen an andern Orten mehr. Dieselbe Sprache führet auch ''l’Etrange'', und ich glaube der Leser werde leicht noch mehrere finden, auf welche die gedachte Stelle sich schiket. Indessen mag dieses genug seyn, diejenigen zurecht zu weisen, welche die Absicht des Verfassers nicht mögen bemerkt haben.

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Es sind drey oder vier andere Stellen, welche unwissende oder mit Vorurtheilen eingenommene Leser mit Haaren auf böse Absichten gezogen, und vorgegeben haben, daß sie auf gewisse Religionsartikel zielen. In Antwort auf alles dieses, protestiert der Verfasser feyerlich daß er vollkommen unschuldig sey, und daß ihm niemals nur kein Gedanke aufgestiegen, etwas gesagt zu haben, welches solcher Erklärungen im geringsten fähig seyn sollte, dergleichen er sich anheischig machet, eben so gut selbst aus dem unschuldigsten Buche von der Welt zu ziehen. Wie dann auch jeder Leser leicht sehen kann, daß dergleichen etwas gar keinen Theil von seinem Plan, oder von der Absicht welche er sich vorgesezet hat, ausmachet; angesehen die Mißbräuche und Irrthümer welche er auszeichnet, keine andere sind, als welche von allen Anhängern der ''Engländischen'' Kirche eingestanden werden; noch litte es auch würklich seine Materie nicht, daß er sich mit andern als solchen Dingen abgäbe, worüber man seit der ''Reformation'' beständig gestritten hat.

Die Stelle in der Einleitung, da von drey hölzernen Maschinen gehandelt wird, mag zum Beyspiele genung seyn. In der Original-Handschrift stand noch die Beschreibung einer vierten: Allein die, welche diese Papiere in ihrer Gewalt hatten, striechen sie aus, ohne Zweifel weil sie geglaubt, es wäre darinn etwas von einer Satyre enthalten, das zu particular sey; und daher mußten sie es in die Zal ''drey'' abändern. Hieraus nun heben ach einige Leute bemühet, eine gefährliche
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Meinung, an die man niemals gedacht hat, herauszupressen; und in der That ward auch durch diese Veränderung der Zalen, die Idee des Verfassers halb verdorben, indem die Zal ''vier'', viel kabbalistischer, und daher bequemer ist, die vermeinten Kräfte der Zalen zu satirisieren, als die Zal ''drey''. Ein Aberglaube, den der Verfasser hier durchzuziehen zum Zwek hatte. Etwas anders das zu bemerken, ist dieses, daß durch das ganze Buch eine ''Ironie'' herrschet, welche Leute von Geschmak leicht beobachten und unterscheiden werden, und deren Bemerkung einige Einwürfe gegen dasselbe sehr schwach und unwichtig machen wird.

Da diese Vertheidigung, vornemlich die Befriedigung künftiger Leser zum Zweke hat, so mag wol unnöthig seyn, derjenigen Widerlegungsschriften zugedenken, die bereits zu Makulatur geworden, und in gänzliche Vergessenheit gerathen sind. Dieses ist das ordentliche Schiksal gemeiner ''Beantworter'' solcher BUcher, denen man einiges Verdienst zugestehen muß. Sie gleichen dem Ungeziefer an einem jungen Baume, das einen Sommer lang mit ihm zuleben scheinet, im Herbst aber samt den Blättern fällt, stirbt, und für immer vergessen bleibet. Als Dr. ''Eachard'' sein Buch von den Ursachen der Verachtung der Geistlichen geschrieben hatte, stand gleich eine Menge solcher ''Beantworter'' auf; und hätte er ihr Andenken durch seine Gegenantworten nicht selbst erhalten, so würde gegenwärtig wol niemand wissen, daß er jemals Gegner gehabt hätte. Ein anders ist es in der
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That, wenn etwa ein grosser Geist es der Mühe werth achtet, eine elende Schrift zu anatomiren. So lesen wir Marvels Beantwortung etc. gegen Parkern stets mit Vergnügen, obschon das Buch dem er sie entgegen gesezet hat, schon längst vergessen ist; und so wird man nicht weniger die Anmerkungen
des Grafen ''Orrery'' immer mit Lust lesen, obschon die Schrift wogegen sie gerichtet ist, nimmer wird gesucht noch auch gefunden werden. Allein dieses ist keine Arbeit für gemeine Scribenten, und dergleichen ''Beantworter'' darf man binnen einem Menschenalter über zween oder drey nicht erwarten. Gewiß würde man sich auch sorgfältiger hüten, die Zeit mit solchen Unternehmungen so liederlich zu verlieren, wenn man bedenken wollte, daß die Beantwortung eines Buches mehr Mühe und Geschiklichkeit, mehr Wiz, Gelehrsamkeit und Urtheilskraft erfodert, als angewendet worden ist, dasselbe zu schreiben; und der Verfasser versichert alle die, welche sich seinethalben diese Mühe genommen, daß sein Buch die Frucht des Nachdenkens, der Beobachtungen und Erfindung von vielen Jahren ist; daß er öfters weit mehr ausgelöschet als stehen gelassen, und wären seine Papiere nicht eine lange Zeit ausser seiner Gewalt gewesen, so würden sie noch mehr scharfe Verbesserungen haben ausstehen müssen. Wie können sie sich denn einbilden, daß ein solches Gebäude bloß mit einigen Kothkugeln möge darnieder geworfen werden? die Mündung daraus sie abgeschossen werden, sey auch noch so vergiftet. Der Verfasser hat die Schriften nur zween solcher Beantworter gesehen, deren die erste anfänglich als von einem
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Unbekannten ans Licht getreten, nachher aber hat sich ein Mann dazu bekennet, der bey andern Anlässen gezeiget hat, daß es ihm an aufgewektem Wize nicht mangle. Es ist wol Schade, daß er sich durch jede Gelegenheit gleichsam nöthigen läßt, seine Feder, welche sonst öfters den Leser angenehm genung unterhalten würde, so eilfertig laufen zu lassen. Indessen sind noch andere Gründe darum es ihm hier fehl geschlagen hat. Er schrieb nämlich gegen die Ueberzeugung von seinem eigenen Talent, und unternahm das unnatürlichste Ding von der Welt, indem er durch eine Arbeit von einer Woche ein Werk lächerlich zu machen suchte, welches so viel Zeit gekostet, und mit so gutem Erfolge andere lächerlich dargestellet hat. Die Art und Weise wie er seine Materie behandelt, habe ich nunmehr vergessen, weil ich seine Schrift nur gleich als sie ans Licht kam, eben wie andere, bloß des Titels wegen durchblättert hatte.

Die zweite Beantwortung kömmt von einem Scribenten der einen ernsthaftern Charakter besizt; und bestehet halb aus Schmähungen, und halb aus Anmerkungen. Was diesen leztern Theil betrift; so war er darinn überhaupt glüklich genung. Und das Projekt, die Leute zum Lesen seines Blats etwelcher massen zu nöthigen, war für die damalige Zeit nicht übel ausgedacht, indem verschiedene gewünschet, daß man eine Erklärung der schwersten Stellen dieses Buches haben möchte: Auch darf man es ihm nicht ganz und gar übel nehmen, daß er Invektiven gebraucht, indem man einhellig glaubt, daß der Verfasser ihn genugsam dazu gereizet
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habe. Der stärkste Einwurf aber gehet wider die Art und Weise wie er diesen Theil behandelt, als welche sich für einen Mann von seinem Berufe gar nicht schiket. Eine grosse Mehrheit der Stimmen hatte entschieden, daß dieser ''Beantworter'' auf eine Weise die man nicht ungestraft könnte hingehen lassen, seine Feder wider einen damals lebenden grossen Mann gezogen, der alle die guten Eigenschaften besässe, welche einen recht vortreflichen Charakter ausmachen, und der deswegen bey jedermann in der. grösten Hochachtung stühnde. Man hatte wahrgenommen, wie sehr es ihn vergnüget und gekizelt, daß dieser vornehme ''Scribent'' sein Gegner hieß; und würklich war dieser satirische Hieb gut genung angebracht; denn ich habe mir sagen lassen, daß Herr ''W. T.''<ref>Der Ritter William Temple.</ref> diesen Ausdruk nicht wenig empfunden habe. So gleich griefen alle wizige und polite Leute zu den Waffen; ihr Unwillen überwältigte die Verachtung, aus Furcht vor den Folgen eines solchen Exempels, und es ward des Porsenna Fall: ''Idem trecenti juravimus''. Kurz, die Sachen waren zu einem allgemeinen Aufstand reif, als ''Milord Orrery'' die Hize ein bisgen dampfte, und die Gährung niedersezte. Inzwischen weil Se. ''Herrlichkeit'' es vornemlich mit einem andern Antagonisten zuthun hatten, so hat man um die Gemüther wieder zubesänftigen für nöthig erachtet, daß dieser Gegner einen guten Filz bekommen sollte, welches zum Theil den Discurs von der Bücherschlacht veranlasset; wobey sich der Verfasser noch ferner
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die Mühe genommen, ein par Anmerkungen über denselben, in das Buch selbst einzuschalten.

Es beliebte diesem ''Beantworter'', ungefehr mit ein paar Duzend Stellen unzufrieden zu seyn,
welche zu vertheidigen, der Verfasser sich nicht weiter bemühen will, als daß er den Leser versichert, dieser Tadelkopf betrüge sich in Ansehung des mehrern Theils derselben vollkommen, und presse Erklärungen heraus, die dem Verfasser niemals zu Sinne gekommen, und welche auch jedem Leser der Geschmak und Redlichkeit besizt, eben so wenig zu Sinne kommen werden. Von zwoen oder dreyen aufs höchste gestehet er, daß sie ihm etwas unvorsichtig entwischet, welches er, wie bereits schon vorhin, mit seiner Jugend und freymüthigen Schreibart entschuldiget, und daß er seine Handschrift zu der Zeit als das Buch ans Licht getreten, nicht in seiner Gewalt hatte.

Allein der ''Beantworter'' fähret fort, und sagt, was ihm am meisten mißfalle, sey des Verfassers Absicht. Was diese gewesen, habe ich bereits angezeiget; und ich glaube, daß niemand in ganz ''England'' sey, der das Buch werde verstehen können, wenn er dabey eine andere Absicht voraus sezet, als daß der Verfasser die Mißbräuche und Verderbnisse in der ''Religion'' habe an den Pranger stellen wollen.

Hingegen möchte man wol gerne wissen, was die ''Absicht'' dieses Tadlers gewesen wäre, da er am Ende seiner Schrift den Leser warnet, ja nicht zu glauben, daß des Autors Wiz überall sein
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eigener Wiz sey. Gewiß muß sich hier eine persönliche Feindschaft, mit der ''Absicht'', der Welt eine so nüzliche Entdekung mitzutheilen, zum wenigsten vermischet haben; und in der That wird der Verfasser hier an einem empfindlichen Ort angegrieffen. Er behauptet deswegen, daß er in seinem ganzen Buche nicht einmal einen Wink von irgend einem andern Scribenten geborget habe, und nimmer hätte er gedacht, daß unter allen den Critiken die man machen würde, dieses eine mit seyn würde. Er glaubte sicher, so viel würde man ihm nicht streitig machen, daß sein Buch ein ''Original'' wäre, was für andere Fehler es sonst immer haben möchte. Indessen führet der Beantworter drey Exempel an, zubeweisen, daß des Verfassers Wiz in gar vielen Stellen nicht desselben eigener Wiz sey: Das erste ist, daß die drey Nammen, ''Peter, Martin'', und ''Jack'' aus einem Briefe des lezt verstorbenen Herzogs von ''Bukingham'' entlehnet seyn. Nun ist es der ''Autor'' zufrieden, allem Wiz der in diesen drey Nammen liegen mag, zu entsagen, und ersuchet den Leser, so viel abzuziehen, als viel er ihm in Ansehung dieses Punkts mag beygeleget haben; jedennoch zugleich mit der feyerlichen Protestation, daß er bis auf diese Stelle des Beantworters niemals etwas von diesem Briefe gehöret habe. Also daß (wie er behauptet,) diese drey Nammen nicht geborget sind, obschon, es mag eingetrofen haben, daß sie an beyden Orten dieselben sind; wiewol dieses würklich selzam genung, und etwas ist, daß er kaum glauben kann, angesehen der Namme ''Jack'' so gemein nicht ist, als ''Peter'' und
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''Martin''. Das zweite Beweisthum, daß des Verfassers Wiz nicht sein eigener Wiz sey, ist ''Peters''
tolle Schererey<ref>Engl. ''Banter''. Eine Art verächtlichen Wizes, wovon unten ein paar Beyspiele vorkommen. Das Wort selbst ist sehr niedrig.</ref> wie er es nennet, über die Brotverwandlung; welches aus einem Gespräche des gedachten Herzogs mit einem ''Irrländischen'' Priester genommen seyn soll, wo ein Stük ''Pantoffelholz'' in ein Pferd verwandelt wird: Dies Gespräch gestehet der Verfasser etwa zehen Jahre nachdem sein Buch geschrieben, und ein oder ein paar Jahre nachdem es gedrukt war, gesehen zu haben; und der Beantworter widerleget sich selbst, indem er selber zugiebt, daß das ''Mährgen von der Tonne'' im Jahre 1697. geschrieben worden, da hingegen diese Schrift erst viele Jahre hernach im Druk erschienen. Es muß aber diese Verderbnis gleich den übrigen nothwendig ihre ''Allegorie'' haben, und der Verfasser erdachte die beste so er gekönnt, ohne vorher nachzusuchen, was andere geschrieben hätten, und der gemeinste Leser wird finden, daß zwischen diesen beyden Historien nicht die geringste Aehnlichkeit ist. Das dritte Beweisthum bestehet in folgendem: Man hat mich (schreibt der Beantworter) versichert, daß die Bücherschlacht in der Bibliothek zu ''St. James'' ''mutatis mutandis'', aus einem Französischen Buche genommen sey, das den Titel führet: ''Le Combat des Livres'', wenn ich mich recht besinne. Bey welcher Stelle die zwo Clauseln, ''man hat mich versichert'', und ''wenn ich mich recht besinne'',
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zu bemerken sind: Erstlich möchte ich nämlich gerne wissen, ob in dem Fall daß diese Muthmassung grundfalsch ist, die beyden Clauseln alsdenn diesem vortreflichen Criticus zu einer genugsamen Entschuldigung dienen werde? Es betrift hier bloß eine Kleinigkeit; wurde er es aber wol wagen, auf gleichen Fuß über eine Sache von mehrerm Belange abzusprechen? Indessen weiß ich nichts verächtlichers an einem ''Scribenten'', als den Charakter eines ''Ausschreibers'', welchen er hier dem Verfasser auf gut Glük hin ankleket, und zwar nicht bloß in Ansehung einer oder der andern
Stelle, sondern einer ganzen Schrift, die aus einem fremden Buche, nur ''mutatis mutandis'', geborget seyn soll. Da der Verfasser von einem solchen Buche so wenig weiß als der Beantworter, so will er ihn nachahmen, und ebenfalls auf gut Glük hin einen Ausspruch thun. Diesen nemlich: Daß wenn von dieser ganzen Critik auch nur eine ''Sylbe'' wahr ist, so ist er ein armseliger, nachahmender Pedant, und der Beantworter hingegen ist ein geistreicher, wolgezogener, und Wahrheitliebender Mann. Diese Kühnheit gründet er darauf, daß er ein solches Buch in seinem Leben weder gesehen, noch jemals davon gehöret hat; und er ist versichert, es sey unmöglich daß zween Scribenten Von verschiedenen Zeiten und in verschiedenen Ländern, einander in ihren Gedanken so trefen, daß zween ausführliche Discurse, ein und eben derselbe seyn sollen, nur ''mutatis mutandis''. Er will sich auch nicht darüber aufhalten, ob der Beantworter sich in Ansehung des Titels dieses Buches betrogen habe, oder nicht; sondern fodert
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ihn und seine Freunde auf, ihm aus einem Buche welches es immer seyn mag, eine Stelle zu nennen, da ein verständiger Leser werde sagen müssen, daß er dem Verfasser desselben auch nur den geringsten Wink zu danken habe: Mit Vorbehalt inzwischen eines oder des andern zufälligen Gedankens, darinn sie einander möchten getrofen haben; welches, wie ihm nicht unbekannt, etwa zu begegnen pflegt, obschon er dergleichen in Ansehung seiner Schrift bisher noch nirgend gefunden, auch nicht gehört hat, daß sonst jemand diese Einwendung mache.

Wenn also jemals eine ''Unternehmung'' unglüklich ausgefallen, so ist es die Unternehmung des Beantworters, der, da er zeigen will, daß des Verfassers Wiz geborget sey, mehr nicht als drey Beyspiele anzuführen weiß, wovon zwey lautere Kleinigkeiten betrefen, alle drey aber grundfalsch sind. Ist dieses die Art, wie diese Herren mit der Welt umgehen, bey solchen Critiken, da wir nicht Zeit haben, sie zu widerlegen; so mögen ihre Leser wol Ursach haben, zuzusehen, wie weit sie sich auf ihren Credit verlassen dürfen: Und ob ein solches Betragen mit den Pflichten der Freundlichkeit und Redlichkeit bestehe, das mögen diejenigen entscheiden, welche sich gern hierüber die Mühe nehmen wollen.

Es ist unstreitig, daß dieser Beantworter viel besser gethan hätte, wenn er einzig dabey geblieben wäre, ein ''Commentator'' über das ''Mährgen von der Tonne'', zu seyn, Denn hierhin
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muß man gestehen, hat er dem ''Publico'' einige Dienste geleistet, und zur Erklärung einiger schweren Stellen ganz hübsche Vermuthungen angebracht. Allein es ist ein gemeiner Fehler solcher Leute, (die sonst wegen ihrer Arbeitsamkeit alles Lob verdienen) daß sie sich über das Gebiet ihrer Talente und ihres Amts hinaus wagen, indem sie sich anmassen, das Schone und Fehlerhafte zu beurtheilen. Etwas, das in ihre Profession nicht hineinläuft; dabey sie stets unglüklich sind, und welches die Welt niemals von ihnen weder erwartet, noch ihnen jemals den geringsten Dank weiß, daß sie sich damit abgeben; Einen ''Minellius'' oder ''Farnabius'' vorzustellen, dazu hat die Natur den Beantworter geschaffen, und so würde er manchem Leser, der sonst in die Geheimnisse dieses Buches nicht einzudringen vermag, nüzlich gewesen seyn: ''Sed optat ephippia bos piger''. Der schwere, träge, ungestalte Ochs will mit Gewalt das ''Equipage'' eines Pferdes tragen, und bedenkt nicht, daß er zum Nuzen höherer Wesen, zur Arbeit, und zum Pfluge geschaffen worden; noch, daß er weder die Gestalt, noch den Muth, noch die Hurtigkeit dieses edeln Thieres besizet, welches er gern vorstellen wollte.

Ein anderes Muster von der Redlichkeit dieses Beantworters ist dieses: daß indem er uns auf die Gedanken führet, der Verfasser sey tod, er dennoch zugleich den Verdacht von der Autorschaft dieses Buches aus jemanden, (ich weiß nicht wen,) auf der Landschaft wirft; hierauf weiß ich nur so viel zu antworten, daß er sich in allen seinen Muthmassungen
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jämmerlich betrügt; blosse Muthmassungen aber sind wirklich, auf das gelindeste zu urtheilen, ein allzuseichrer Grund, sich herauszunehmen jemanden öffentlich für diesen oder jenen anzugeben. Der Beantworter verurtheilet ein Buch, und mithin den Verfasser, welchen er ganz und gar nicht kennet; und doch ist er so dreiste, Personen die es ganz nicht verdienen, öffentlich einen Charakter beyzulegen der alles enthält, was er nachtheilig zu seyn geglaubt hat. Ein Mann der im Dunkeln eine Maulschelle empfängt, mag sich mit Grund beleidiget halten; es ist aber eine sehr selzame Rache, wenn er am hellen Tage hingeht, sich mit dem ersten der ihm begegnet, zu raufen, und den in der vergangenen Nacht empfangenen Schimpf für seine Thüre niederzulegen. So viel von diesem ''gesitteten, redlichen, frommen und scharfsinnigen'' Beantworter.

Wie der Verfasser um seine Papiere gekommen, ist etwas, das sich nicht wol sagen läßt: Es würde auch wenig Nuzen bringen, indem es eine Privatsache ist, wovon der Leser so wenig oder so viel glauben mag, als ihm beliebt. Inzwischen hatte der Verfasser noch eine Handschrift beyhanden, die an vielen Orten durchgestriechen war, und welche er ins reine zu schreiben gedachte. Dieses rochen die Herausgeber, und liessen deswegen in der Vorrede des Buchdrukers einfliessen, daß sie ''besorgten, es möchte eine unterschobene Copie die sehr stark verändert werden sollte'', ans Licht kommen. Dieses, obschon der Leser nicht grosse Achtung darauf mag gegeben

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haben, war würklich eine Wahrheit: Nur daß vielmehr die unterschobene Copie es gewesen, die von ihnen gedrukt ward, und zwar so eilfertig als sie nur immer konnten, welches in der That uunöthig gewesen, indem der Verfasser seine verbesserte Copie gar nicht in Bereitschaft hatte. Er hat aber vernommen, daß der Buchdruker sehr verlegen war, weil er eine beträchtliche Summe Geldes für die Copie bezalt hatte.

In der Originalhandschrift des Verfassers waren nicht so viele Lüken, als in dem Buche erscheinen. Warum man einige derselben gemachet, weiß er nicht. Hätte man die Ausgabe seines Buches ihm selbst anvertrauet, so würde er verschiedene Stellen verbessert haben, wider die man niemals etwas eingewendet hat; ingleichem wurde er auch mit andern die man mit einigem Grunde getadelt zu haben scheinet, Veränderungen vorgenommen haben, doch würde er die Wahrheit zu sagen, wol den grösten Theil unberühret haben stehen lassen, indem er sich nimmer vorgestellet hätte, daß es möglich wäre, sie im geringsten zu mißdeuten.

Am Ende seines Buches ist noch eine Abhandlung angehänget, unter dem Titel ''Fragment''. Dieses Stük im Druk zu sehen, verwundert sich der Verfasser noch mehr, als über alles andere. Es war ein sehr unvollkommener Grundriß mit einigen wenigen in keiner Verbindung stehenden Anleitungsgedanken, welche er einst einem Edelmann geliehen, der so etwas schreiben wollte. Nachher
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dachte er weiter nicht daran, und es mußte ihm selzam genung vorkommen, nunmehro alles in eine Schrift zusammen gehudelt zu sehen, ganz wider die Methode und den Plan den er sich vorgesezet hatte; denn es war der Grundriß zu einer viel weitläuftigern Schrift, und es that ihm wehe zu sehen, wie ungereimt die Materialien sind angewendet worden.

Es ist noch ein Einwurf, welchen so wol die Beantworter dieses Buches, als einige andere Leute
gemachet haben. Sie tadeln nämlich, daß man ''Petern'' so oft schwören und fluchen macht. Nun siehet jeder Leser, daß man nothwendig wissen mußte, daß ''Peter'' schwüre und fluchete. Die Schwüre aber werden nicht ausgeschrieben, sondern nur vorausgesezet, und der Gedanke eines Schwurs ist nicht unmoralisch, wie der Gedanke einer profanen oder üppigen Rede. Es ist erlaubt über die papistische Narrheit, die Leute in die Hölle hinunter zu fluchen, zu lachen, und man kann sich ihr Schwören vorstellen ohne Sünde. Aber leichtfertige Worte, oder gefährliche Meinungen füllen das Gemüth des Lesers mit bösen Gedanken, wenn sie auch nur halb angedeutet werden. Dergleichen kann man dem Verfasser nicht Schuld geben, denn der gescheute Leser wird finden, daß wol die schärfsten satirischen Züge in diesem Buche, gegen die heutige Mode seinen Wiz über dergleichen Sachen auszukramen, gerichtet sind; wovon an verschiedenen andern Orten dieser Schrift Exempel vorkommen; obschon der Verfasser sich dabey, ein oder zwey male vielleicht, ein bisgen zu frey mag ausgedrüket
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haben, und seine Entschuldigung darüber einzig von den bereits angeführten Gründen hernimmt. Man hat dem Buchführer durch eine dritte Hand den Vorschlag thun lassen, daß der Verfasser diejenigen Stellen, welche es nöthig haben möchten, verbessern wollte. Allein wie es scheinet, so will er nichts davon. hören, weil er besorget, das Buch möchte alsdenn nicht mehr so guten Abgang haben.

Der Verfasser kann seine Vertheidigung nicht ohne eine gewisse Anmerkung beschliessen. Sie ist diese: Daß gleichwie der Wiz die edelste und nüzlichste Gabe der menschlichen Natur ist, also sey dasjenige was wir ''Humour'' zu nennen pflegen, die angenehmste. Und wo diese beyden Eigenschaften stark in einem Werke hervorstechen, so werden sie dasselbe jederzeit der Welt beliebt machen. Inzwischen glaubt die grosse Menge derer, welche an keintwederm dieser Talente, Theil noch Geschmak haben, sondern sich durch Stolz, Pedanterey, und schlimme Sitten, der Geisel von beyden bloß geben, die Streiche seyn schwach, weil sie selbst unempfindlich sind. Und wenn der Wiz mit Spotte verbunden ist, so heißen sie es nur geschwinde zu ''Banter'', so ist die Sache gethan. Eines von ihren hohlen Wörtern, das zuerst im Gasthof zu den ''weissen Mönchen'', von den gröbsten Flegeln gebraucht worden, hernach unter die Lakeien gekommen, von dannen es sich endlich zu den Pedanten geflüchtet, die es auf Werke des Wizes ebenso schiklich anwenden, als wenn ich es von ''Newtowns'' mathematischen Wissenschaften gebrauchen
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wollte. Inzwischen wenn dies ''Bantern'', wie sie es nennen, ein so verächtliches Ding ist, wie kommt es wol, daß sie es immer so sehr darnach jüket? Es ist fürwahr, damit ich nur bey unserm Beantworter bleibe, verdrießlich zu sehen, wie er in einigen seiner Schriften bey jeder Gelegenheit ausschweifet, Possen zu reissen, und uns z. E. von ''einer Ruhe'' zu erzehlen, ''die den Schwanz ausgereket''; und in der Antwort auf dieses Buch sagt er: Es ist ein ''lauteres Gaukelspiel, und<ref>E. ''a mere farce, and a Ladle'': Der Wiz beruhet auf der Zweydeutigkeit des Worts ''farce'', daß auch klein gehaktes Fleisch bedeutet.</ref> eine Kelle''. Man dürfte von diesen ''Impedimentis literarum'' wol sagen, daß der Wiz sich ihrer schämet; und sie können keine klügere Partei ergreifen, als wenn sie alle Streite sorgfältig ausweichen, oder zum wenigsten sich nicht darein mischen, bis sie sicher wissen, daß man sie ruft.

Zum Beschlusse: Dies Buch sollte mit denen vorhin angeführten Nachsichten gelesen werden; und wenn es geschiehet, so ist der Verfasser beglaubt,  daß wenig überbleiben werde, welches an einem jungen Scribenten nicht zu entschuldigen wäre. Er schrieb nur für Leute von Wiz und Geschmak, und glaubt, er betrüge sich nicht, wenn er sagt, diese haben ihm alle ihren Beyfall ertheilet. Welches ihn wol eitel genung machen könnte, seinen Nammen anzugeben, darüber die Welt, mit Ihren klugen Vermuthungen noch. immer im Finstern tappet. Ein Umstand, der so wol ihm

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als dem Publico zu einer nicht unangenehmen Belustigung dienet.

Der Verfasser hat Nachricht, daß der Buchhändler verschiedene Scribenten beredet hat, zur Erklärung des Buches einige Anmerkungen zu schreiben; er kann für den Werth derselben nicht gut stehen, indem er sie niemals weder gesehen noch auch zu sehen verlanget, bis sie im Druke erscheinen werden; und alsdenn wird er vermuthlich wol zwanzig Deutungen finden, woran ihm niemals der Sinn gekommen.

Brachm. den 3ten 1709.

N. S. Diese Vertheidigung ward ungefehr vor einem Jahre geschrieben. Seit dem hat ein ehrloser Buchhändler eine dumme Scarteque unter dem Titel ''Anmerkungen'' zu dem ''Mährgen von der Tonne'', nebst einigen Nachrichten von dem Verfasser desselben, ans Licht gestellet, und sich mit einer Frechheit, welche meines Bedunkens in Kraft der Geseze sollte bestraft werden, heraus genommen, die Stellen auf gewisse Personen zu deuten, die er ausgedrükt mit Nammen nennet. Dem Verfasser mag genung seyn, das Publicum zu versichern, daß der Autor dieses Blats in allen seinen Muthmassungen über diese Sache ganz irre gehet; ingleichem behauptet er, daß das ganze Werk vollkommen aus einer Feder geflossen sey, wie jeder verständige Leser leicht erkennen wird. Derjenige welcher

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dem Buchdruker die Copie davon übergeben hatte, war ein Freund des Verfassers; und nahm sich keine andere Freyheit, als daß er einige Stellen auslöschte, wo izo die Lüken unter dem Nammen ''Desiderata'' vorkommen. Sollte aber jemand seyn, der sich getraute,  einen Anspruch auch nur auf drey Zeilen des Buches erweislich zu machen; so fodert man ihn auf, solches zu thun, und seinen Nammen und Titel anzugeben; mit Versicherung daß der Buchhändler gleich Befehl erhalten soll, dieselben bey der nächsten Ausgabe dem Buche vorzusezen, und daß man ihn hinfort unstreitig für den Autor desselben erkennen werde.


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{{LineCenterSize|100|20|'''Zuschrift''' <br />des Verlegers an den Lord <br />'''Sommers.'''<ref>Milord ''John Sommers'' war Kanzler in ''England'', und einer der berühmtesten Männer seiner Zeit. Hierbey war er ein grosser Patron der Gelehrten, weswegen ihm sehr viele Bücher zugeeignet worden.</ref>}}

Milord!

Der Verfasser hat seinem Buche eine weitläuftige Zueignungsschrift vorgesezet, solche aber an einen Prinzen<ref>Die folgende Zueignungsschrift an den ''Prinzen Nachwelt''.</ref> gerichtet, welchem bekannt zu werden, ich schwerlich die Ehre haben dürfte. In Betrachtung dessen, und daß die Scribenten unsrer Zeit, so viel ich bemerke, sonst so gar wenig Achtung für dessen Person hegen, daß sie nur nicht an ihn gedenken; ich auch zudem von der eigensinnigen Tiranney, womit die Verfasser ihre Verleger etwa zu belästigen pflegen, ganz frey bin; so habe ich geglaubt, eben keine unweise That zu begehen, wenn ich mich erkühne, ''Eurer Herrlichkeit'' gegenwärtige Schrift zu unterwerfen, und mir dero hohen Schuz demüthigst für sie auszubitten.
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Der Himmel, und ''Eure Herrlichkeit'', mögen die Vollkommenheiten und Fehler derselben einsehen; denn was mich betrift, so bekenne ich meine gänzliche Unwissenheit über diese Materie; und wenn auch gleich alle Welt eben so unwissend seyn sollte als ich, so besorge ich doch nicht, daß ich um dieser Ursach willen, das Buch destoweniger werde absezen können; der berühmte Namme ''Eurer Herrlichkeit'', welchen ich mit ''Capitalbuchstaben'' vordruken lassen, wird mir stets eine Ausgahe verkaufen helfen: Ja ich wünschte mir so gar, um ein vornehmer ''Rathsherr'' zu werden, weiter nichts, als ein ''Patent'' für die Freyheit, ''Eurer Herrlichkeit'' einziger ''Dedicacor'' zu seyn.

Izo sollte ich mich als ein solcher, des Rechts bedienen, ''Eurer Herrlichkeit'' ein Verzeichniß ''Dero'' eigenen hohen Tugenden, und Verdienste zu übergeben, und mich zu gleicher Zeit
unwillig bezeigen, ''Dero'' Bescheidenheit dadurch zu verlezen. Vornemlich sollte ich ''Dero'' großmüthige Freygebigkeit gegen diejenigen anpreisen, welche bey ihren vortreflichen ''Talenten'' dennoch nicht viel zum Besten haben, und unter der Hand ''Denenselben'' deutlich zu verstehen geben, daß ich ''mich selbst'' hiemit meynete. In der That war ich auch eben im Begrieffe diesen gewohnten Weg einzuschlagen, und zu dem Ende hin, etwa  ein paar hundert Zueignungs-Schriften zu durchlesen, um mir daraus eine gute Anzal von allerley Lobsprüchen ähzuschreiben, damit ich selbige ''Eurer Herrlichkeit'' beylegen könnte. Allein ein gewisser Zufall hat mich davon abgehalten: Denn als ich von ungefehr
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meine Augen auf den Umschlag gegenwärtiger Schriften richtete, sah ich, daß mit grossen Buchstaben die Worte darauf stuhnden, DETUR DIGNISSIMO; welche so viel ich merken konnte, etwas sehr wichtiges bedeuten mußten. Allein da wolte das Unglük, daß keiner von meinen ''Autoren Latein'' verstand, obschon ich ihnen für Uebersezungen aus dieser Sprache, öfters Gelts genung bezale: Hiedurch ward ich genöthigt, zum ''Pfarrer'' unsers Kirchspieles zu gehen, welcher die Worte also übersezte: ''Dem Würdigsten''; mit der Erklärung, die Meynung des Verfassers wäre, daß sein Werk dem verständigsten, gelehrtesten, scharfsinnigsten, beredtesten, und klügsten Mann« dieser Zeit sollte zugeeignet werden. Ich meldete mich bey einem ''Poeten'' der für mich arbeitet, und nicht weit davon in einem engen Gäßgen wohnet, zeigte ihm die Uebersezung und fragte ihn um seine Meinung, wen wol der Verfasser durch die angeführten Worte verstehen müsse?

Nachdem dieser sich ein wenig bedacht, sagte er; daß obschon er jederzeit ein geschworener Feind von der Eitelkeit gewesen, so könnte er doch aus der Beschreibung nichts anders sehen, als daß
''Er'' die Person wäre, auf welche der Verfasser zielete; und zugleich erbot er sich, mir umsonst eine Zueignungs-Schrift an ''Sich Selbst'' zu verfertigen. Ich ersuchte ihn, dessen ungeachtet, noch einmal zu rathen. Ey, sprach er hierauf, entweder ich bin es, oder der Lord ''Sommers''. Von dar begab ich mich zu verschiedenen andern Gelehrten, die ich kannte, wiewol nicht sonder

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grosse Gefahr und viele Beschwerlichkeiten, angesehen ich sehr viele hohe und finstere Wendeltreppen zu ihnen hinan steigen mußte. Allein es war aller Orten die gleiche Historie. Sie sagten mir alle, entweder ''Sie Selbst'' wären gemeynet, oder ''Eure Herrlichkeit''. Nun muß ich ''Eurer Herrlichkeit'' sagen, daß dieses nicht meine eigene Erfindung war, sondern daß ich so zu Werke gieng, weil ich irgendwo gehöret habe, es sey eine Grundregel, daß der, welchem jedermann die zweite Stelle einräumet, das sicherste Recht zu der ersten habe.

Dieß überzeugte mich also gänzlich, daß ''Sie'' die Person« waren, welche von dem Verfasser angedeutet wurde; weil ich aber in dem Styl und der Art, wie Zueignungsschriften müssen geschrieben werden, ganz unerfahren bin, so ersuchte ich diese vorgedachten geschikte Köpfe mir mit guten Gedanken und Materialien an die Hand zu gehen, damit ich die hohen Verdienste und Tugenden ''Eurer Herrlichkeit'' nach Würden erheben konnte.

In zween Tagen brachten sie mir derselben wol zehn Bogen voll. Sie schworen hoch und theuer, daß sie alles zusammen geraft hätten, was ein ''Socrates, Aristides, Epaminondas, Cato, Tullius'', und andere dergleichen harte Nammen auf die ich mich nicht mehr besinne, preiswürdiges an sich gehabt. Inzwischen habe ich Ursach zu glauben, daß sie sich meine Unwissenheit zu Nuze gemachet. Denn da ich ihre Sammlungen durchlas, fand ich darinn nicht eine Sylbe anders, als was ich, und alle Welt langst eben so
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gut wußten als sie. Daher ich gar sehr einen Betrug vermuthe, und daß diese meine Autores,
alles was sie von ''Eurer Herrlichkeit'' gemeldet, bloß dem gemeinen Gerüchte abgestolen, und dasselbe copiert haben; dergestalt, daß ich mich um fünfzig Schillinge armer ansehen kan, ohne von der Ausgabe den geringsten Vortheil zu ziehen.

Wenn ich mit Veränderung des ''Titels'' (wie schon viele vor mir gethan) die nämlichen Materialien zu einer andern Zueignungsschrift gebrauchen könnte, so dürfte ich endlich meines Schadens wieder einkommen. Allein ich habe verschiedene Personen in diese Papiere hier und dar hinein guken lassen; und kaum daß sie drey Zeilen gelesen, so versicherten sie mich alle einmüthig, daß diese Sachen wol auf niemand anders als ''Eure Herrlichkeit'' können angewendet werden.

Ich erwartete in der That, daß ich etwas darinne finden würde von ''Eurer Herrlichkeit Heldenmuth bey Anführung einer Armee, von dero Dapferkeit bey Bestürmung eines festen Plazes, oder Erfindung eines Walles'', oder daß ''Eurer Herrlichkeit hohe Herkunft in gerader Linie aus dem Hause Oesterreich hergeleitet würde'': oder daß diese Herren ''Dero vortrefliche Talente in Ansehung des Puzes, und der Kunst zu danzen anpriesen'': oder auch etwas ''von Dero tiefen Einsichten in der Algeber, Methaphysik, und den Orientalisischen Sprachen, etc''. Daß ich aber die Welt mit der längst abgedroschenen Historie von ''Eurer Herrlichkeit''
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hohem Verstande, Beredsamkeit, Gelehrsamkeit, Weisheit, Gerechtigkeit, Höflichkeit, Aufrichtigkeit, Beständigkeit in allen Zufällen dieses Lebens; wie nicht weniger von ''Dero'' besondern Einsicht, wahre Verdienste zu erkennen und Deroselben Fertigkeit, sie gütigst zu belohnen, samt anderm dergleichen ''Topikmäßigen'' Zeuge mehr, behelligen sollte; dazu bekenne ich, habe ich weder Muthes genung, noch läßt es mir mein Gewissen zu, indem würklich keine einzige weder ''Standes''- noch ''Privat-Tugend'' kann genennet werden, wovon ''Eure Herrlichkeit'' nicht Gelegenheit gehabt, die vortreflichsten Proben an den Tag zu legen; und diejenigen wenigen, welche sonst wegen Mangel des Anlasses sie auszuüben, verborgen, und ihren ''Freunden'' unbekannt würden geblieben seyn, haben zulezt noch ihre ''Feinde'' ans Licht gebracht.

Es würde mir in der That sehr leid seyn, wenn ein so scheinendes Exempel von ''Eurer Herrlichkeit'' hohen Tugenden nicht auf die Nachwelt kommen sollte; und dieses zwar, so wol ihrer, als ''Eurer Herrlichkeit'' wegen. Vornemlich aber weil dieselben so sehr nothwendig seyn werden, die Geschichte der lezten Regierung auszuzieren.<ref>Der Verfasser verstehet die Regierung ''Wilhelms des Dritten''.</ref> Doch eben diese Betrachtung macht, das ich lieber davon schweige; indem mich verständige Leute versichert haben, daß kein guter Geschichtschreiber seine ''Charakter'' aus den Zueignungschriften, sowie dieselben
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nun einige Jahre her beschaffen sind, entlehnen werde.

Ein Punkt ist inzwischen, darüber wir ''Zueigner'' nach meiner geringen Einsicht, wol thäten, wenn wir unsere gewohnte Maaßregeln ein wenig abänderten. Wir durften nämlich, wie mich bedunkt, anstatt die ''Freygebigkeit'' unserer ''Mäcenaten'' so gar weitläuftig anzupreisen, wol auch ein par Worte verlieren, ihre ''Gedult'' zu bewundern. Ich meines Orts kann ''Eurer Herrlichkeit'' wol kein besseres Compliment machen, als daß ich Denenselben hiemit eine so vortrefliche Gelegenheit an die Hand gebe, diese Tugend gegenwärtig auszuüben; obschon ich vermuthlich ''Eurer Herrlichkeit'' Verdienste in diesem Stüke zu vergrössern schlecht im Stande seyn werde, angesehen ''Dieselben'' schon ehmals viele verdrüßliche und öfters nicht wichtigere Reden, als diese Zueignungs-Schrift seyn mag, anzuhören<ref>In dem obern Parlamentshause.</ref> gewohnt gewesen, und daher desto bereitwilliger seyn werden, dieselbe nicht ungnädig aufzunehmen, zumal da sie von demjenigen herkömmt, welcher jederzeit mit tiefester Ehrfurcht und Hochachtung verbleibet

{{Center|Milord!<br />''Eurer Herrlichkeit'',}}

{{Right|Unterthänigster Diener{{Idt}}<br />der Verleger.{{Idt2|60}}}}



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{{LineCenterSize|100|20|'''Der Verleger an den Leser.'''}}
Es sind nun sechs Jahre, seit dem mir diese Schriften in die Hände gekommen, nachdem sie wie es scheinet, ungefehr ein Jahr zuvor waren geschrieben worden. Denn der Verfasser sagt uns in der Vorrede zu seinem Werke, daß er es auf das Jahr 1697. verfertiget habe, und aus verschiedenen andern Stellen so wol dieses als des darauf folgenden Discurses erhellet ebenfalls, daß dasselbe um diese Zeit müsse geschrieben worden seyn.

Was den Verfasser betrift, so kann ich nicht viel zuverläßiges von ihm melden Nur so viel hat man mich glaubwürdig berichtet, daß er von dieser Ausgabe seiner Schriften nichts weiß: Denn er schäzet seine Handschrift für verloren, nachdem er sie einer Person geliehen, die hernach gestorben, worauf er sie niemals wider zu Gesichte bekommen habe; also daß man wahrscheinlich niemals wird wissen können, ob er die lezte Hand an sein Werk geleget, oder ob er noch Willens gewesen, die hin und wieder darinn vorkommende Lüken auszufüllen.

Wenn ich dem Leser erzehlen sollte, durch was für einen Zufall ich zum Besiz dieses Werkes gelanget bin, so dürfte die heutige ungläubige Welt wol nicht mehr davon halten, als von dem, was die Krämer ihren Kundsleuten vorzuschwäzen pflegen.
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Daher ich dem Leser so wol, als mir selbst diese unnöthige Mühe sehr gerne ersparen will. Inzwischen bleibt immer die Frage übrig, warum ich dieses Werk nicht eher herausgegeben habe? Es ist solches um zweyer Ursachen willen geschehen. Denn erstlich glaubte ich, daß ich diese Zeit über mit andern Büchern mehr gewinnen konnte; und zweytens hofte ich stets den Verfasser in Erfahrung zu bringen, und Anleitungen von ihm zu bekommen. Man hat mich aber unlängst mit der Nachricht erschreket,<ref>Sehet die Apologie.</ref> daß eine unterschobene Abschrift auf dem Wege sey, die ein gewisser wiziger Kopf unsrer Zeit neu ausgepuzt und verbessert, oder wie unsere heutigen Scribenten sich ausdrüken, nach dem Geschmake der gegenwärtigen Zeit, eingerichtet habe, wie sie bereits mit einem Don Quichote, Boccalini, la Bruyere Und andern Verfassern, sehr glüklich auch gethan. So artig indessen solche Erfindungen sind, so habe ich dennoch geglaubt, es sey redliches gefochten, wenn ich der Welt das Buch lieber in seinen ''puris naturalibus'' übergehe. Sollte jemand belieben mir zur Erklärung der schweren Stellen desselben einen Schlüssel zu verschafen, so würde ich solche Dienstgefälligkeit mit geziemendem Dank erkennen, und denselben absonderlich druken lassen.


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{{LineCenterSize|100|20|'''Zuschrift'''<br />an Se. Königliche Hoheit den Prinzen<br />'''Nachwelt.'''<ref>''Nota.'' Die Stelle aus dem Irenäus auf dem Titelblatt, welche ganz unverständlich zu seyn scheinet, ist eine Einweihungs-Formel, deren sich ehmals die ''Marcioniten'' zu bedienen pflegten. {{Idt}}''W. Wotton''.</ref><ref>Scribenten die in einem übeln Ruffe stehen, apellieren gemeiniglich an die ''Nachwelt''; dieselbe wird hier als ein minderjähriger ''Prinz'' vorgestellet, und die ''Zeit'' als dessen ''Hofmeister''. Der Verfasser fängt hier in einem Styl an, der ihm sehr gewöhnt ist, indem er die Person solcher Scribenten annihmt, welche öfters Gründe und Entschuldigungen vorbringen, warum sie ihre Werke heraus geben, die sie besonders verschweigen, und deren sie sich schämen sollten.</ref>}}

''Eurer Königl. Hoheit'' übergebe ich hiemit die Früchte einiger weniger müssiger Stunden, welche ich meinen häufigen Verrichtungen, und einem Amte welches von dergleichen Zeitvertreib sehr weit entfernet ist, abgestolen habe. Es sind dieselben geringe Würkungen derjenigen verdrüßlichen Zeit, welche mir bey dem so langen Aufschube des Parlaments, bey den an Neuigkeiten aus fremden Ländern so sehr unfruchtbaren Zeitungen, und bey

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dem langweiligen regnerischen Wetter recht sehr beschwerlich gewesen. Um welcher und anderer Ursachen willen, denn auch nicht anders seyn kann, als daß sie den hohen Schuz ''Eurer Königl. Hoheit'' zum höchsten verdienen müssen, als ''Deren'' unzehlige Tugenden bey einem so zarten Alter der Welt die versicherte Hoffnung geben, es werden ''Eure Königl. Hoheit'' allen Prinzen zu einem vortreflichen Muster werden. Denn da ''Eure Königl. Hoheit'' izo noch kaum die Wiege verlassen, und dennoch schon die ganze gelehrte Welt mit der allertiefsten Erniedrigung an Dero künftigen Ausspruch appellieret, indem das Schiksal Sie einzig und allein zum Schiedrichter über die sinnreichen Schriften dieses gegenwärtigen politen und vollkommenen Weltalters verordnet hat; so bedünkt mich, daß die häufige Anzal der ''Apellanten'' allein im Stande wäre, jeden andern Richter von geringerer Fähigkeit, als ''Eure Königl. Hoheit'' besizen, zu schreken und stuzen zu machen. Inzwischen scheinet es als ob man ''Eure Königl. Hoheit'' an dergleichen ruhmvollen Entscheidungen hintern wolle; denn wie ich vernommen, so ist die ''Person'' welcher man ''Dero'' hohe Auferziehung anvertrauet hat, entschlossen, ''Eure Königl. Hoheit'' in einer gänzlichen Unwissenheit unserer gelehrten Werke zu unterhalten, obschon Ihnen die Untersuchung derselben ''erblich'' zugehöret.

Ich muß  aber wahrhaftig erstaunen, daß diese ''Person'' die Kühnheit besizet, ''Eure Königl. Hoheit'' vor dem Angesicht der Sonne bereden zu wollen, daß unser Zeitalter bey nahe ganz
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und gar ungelehrt sey, und über welche Materie es sey, kaum einen einzigen Scribenten aufzuwerfen habe. Ich bin zwar versichert, daß ''Eure Königl. Hoheit'' wenn ''Sie'' dereinst zu reifern Jahren gelangen, und die Gelehrsamkeit der ältesten Zeiten werden untersuchet haben, viel zu lernbegierig seyn werden, als daß ''Sie'' nicht auch von den Gelehrten des nächst vorgehenden Alters Nachricht einziehen sollten. Allein wenn ich bedenke, daß dieser ''Hochmüthige'' nach dem Verzeichniß welches er ''Eurer Königl. Hoheit'' übergeben wird, dieselben auf eine so gar geringe und verächtliche Anzal einzuschränken bemühet ist, daß  ich mich ihrer schäme, so erreget dieses meinen Eifer. Und meine Galle, für die Ehre und das Interesse unserer blühenden Gesellschaft so wol, als für mich selbst, gegen den ''Er'', wie ich aus langer Erfahrung weiß, stets einen besondern Groll geäussert und diese tükische Bosheit noch immer fort im Herzen behält.

Es ist zu vermuthen, daß ''Eure Königl. Hoheit' wenn Sie dereinst dasjenige was ich izo schreibe, lesen werden, mit ''Dero Hofmeister'' in Absicht auf meine gegenwärtige Nachrichten, wol einen Streit haben, und ihm befehlen werden, daß er ''Ihnen'' einige unserer Werke vorweise; worauf er gewiß, (denn ich kenne seine Absichten nur gar zu gut) ''Eure Königl. Hoheit'' zur Antwort fragen wird, wo diese Werke denn wären? und was daraus geworden? Ja er wird wol gar als eine ausgemachte Sache behaupten dürfen sie wären gar niemals in der Welt gewesen, weil
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sie dennzumal nigends zu finden seyn werden. Hilf Himmel! wer hat sie denn entführet? Sind sie in den Abgrund versunken? Es ist doch unstreitig, daß sie ihrer Natur nach, ''leicht'' genung waren, für ewig auf der Oberfläche zu schwimmen. Die Schuld ist also an niemand anders als demjenigen, der ihnen so schwere Gewichte an die Füsse gebunden, daß sie bis auf das Centrum herunter gezogen worden: Ist ihr Wesen zerstöret? Wer hat sie zernichtet? Sind sie durch Purganzen ersäufet, oder durch ''Tabakspfeifen'' gemärtert worden? Wer hat sie dargeboten den H.... etc.? Doch damit ''Eure Königl. Hoheit'' nicht länger zweifeln müssen, wer der Urheber dieser allgemeinen Zerstörung sey, so ersuche ich ''Dieselben'', nur die grosse und erschrekliche ''Sense'' zu betrachten, welche ''Dero Hofmeister'' stets mit sich zu führen pfleget. Belieben Sie nebst diesem, die Länge, und Stärke, und Schärfe seiner ''Nägel'' und ''Zäne'' zu beobachten, und bemerken endlich, was für ein abscheulich stinkender, Leben und Wesen vergiftender und zerstörender ''Odem'' aus seinem Munde gehet; und sagen alsdenn, ob wol irgend eine schwache sterbliche Dinte und Papier vermögend seyn sollen, einem solchen Feinde gehörigen Widerstand zu thun? O daß doch ''Eure Königl. Hoheit'' sich einmal entschliessen wollten, diesen tirannischen, und mit einer so gräßlichen Rüstung versehenen Hofmeister zu entwafnen, und ''Dero'' allerhöchste Herrschaft in völlige Freyheit zu sezen!

Ich würde nicht fertig werden, wenn ich ''Eurer Konigl. Hoheit'' alle die Streiche erzehlen
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wollte, welche ''Dero'' tirannischer und lauter Verderben athmender ''Hofmeister'' anwendet, seinen,Zwek zu erlangen. Sein alter eingesessener Groll wider die Schriften unserer Zeit, ist so groß, daß man selbst von etlich tausend Büchern die jährlich in dieser Hauptstadt heraus kommen,  nicht das geringste mehr höret, nachdem die Sonne ihren Lauf nur einmal vollendet hat. Unglükselige Kinder! Eine Menge derselben wird grausamer Weise umgebracht, noch ehe sie so viel von ihrer ''Muttersprache'' gelernet, daß sie um Erbarmung flehen könnten. Einige erstiket er in der Wiege; andere erschreket er, daß sie ''Convulsionen'' bekommen, daran sie augenbliklich sterben: einige schindet er lebendig; andern reisset er ein Glied nach dem andern ab; sehr viele opfert er dem ''Moloch'' auf, und die übrigen steket er mit seinem giftigen Odem an, daß sie sich selbst nach und nach verzehren und endlich sterben.

Was mir aber am meisten am Herzen lieget, ist der unglükselige Zustand unserer ''Poeten'': in deren Namen ich nächstens eine demüthige Bittschrift an ''Eure Königl. Hoheit'' zu schreiben gedenke, die von hundert und sechs und dreyßig der vornehmsten Dichter unterzeichnet seyn soll, deren unsterbliche Werke wol nimmer für ''Dero'' Augen kommen werden, obschon jeder derselben in gegenwärtiger Zeit sich um den poetischen Lorbeer demuthigst und mit dem grösten Eifer bemühet, und zum Behufe seines Anspruches darauf, recht hübsche und dike Bände vorweisen kann. Den Werken dieser berühmten Männer, welche alle die Unsterblichkeit

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verdienen, hat Dero ungerechter ''Hofmeister'' den gewissen Tod geschworen; und denn müssen ''Eure Königl. Hoheit'' beredet werden, als ob unser Alter niemals die Ehre erlangen mögen, einen einzigen ''Poeten'' hervorzubringen.

Wir gestehen, daß die ''Unsterblichkeit'' eine grosse und mächtige ''Göttin'' ist, allein umsonst werden wir ihr unsere Gebete und Opfer bringen, so lange ''Eurer Königl. Hoheit Hofmeister'', welcher sich selbst zum ''Priester'' aufgeworfen hat, aus einem ungemessenen Hochmuth und Geiz sie alle unterschlägt und auffrisset.

Unser Alter für überall unwissend auszugeben, und sagen, daß solches gar keine Scribenten von was Art es sey, aufweisen könne, scheinet mir ein so sehr falscher und verwegener Saz zu seyn, daß ich zuweilen auf die Gedanken gerathen bin, das Gegentheil liesse sich durch einen mathematischen Beweis unwidersprechlich darthun. Es ist zwar in der That nicht zu läugnen, daß ohschon ihre Anzal erstaunend, und die Menge ihrer Schriften nach Proportion eben so groß ist, sie dennoch von dem öffentlichen Schauplaz so sehr geschwind wieder weggestossen werden, daß sie nicht den geringsten Eindruk auf unser Gedächtniß machen, ja daß wir sie kaum einmal erbliken können. Ich hatte mir Anfangs da ich an diese Zuschrift gedachte, vorgenommen, ''Eurer Königl. Hoheit'' ein weitläuftiges Verzeichniß von neuen Büchern vorzuweisen, und dadurch die Wahrheit dessen was ich hier sage, unwidersprechlich darzuthun. Ich  
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sah die ''Titel'' derselben an den Thüren der Buchläden, und an den Eken der Gassen ganz frisch angeheftet. Allein da ich einige wenige Stunden hernach wieder zurük kam und mir solche aufzeichnen wollte, waren sie bereits alle wieder abgerissen, und an ihrer Stelle andere zu sehen. Ich fragte ihnen bey den Buchhändlern, und Bücherlesern nach, allein umsonst; ''sie waren nicht mehr, und ihr Ort ward nirgends gefunden''; ja man lachte mir noch hönisch ins Gesicht, als ob ich ein ''Landjunker'' und ''Pedant'' wäre, der weder Artigkeit noch Geschmak besässe, sehr wenig» von dem ''gegenwärtigen'' Laufe der Sachen verstühnde, und nicht wußte was in der Stadt vorgieng, also daß ich ''Eurer Königl. Hoheit'' nur so viel sagen kann, daß wir überhaupt einen Ueberfluß an Wiz und Gelehrsamkeit besizen; mich aber darüber in Particularitäten einzulassen, und diese Dinge da oder dort bestimmt zu zeigen, ist etwas das meine geringe Kräfte übersteiget. Wie, wenn ich mir die Freyheit nehmen sollte, ''Eurer Königl. Hoheit'' an einem stürmischen Tage zu sagen, daß sich nahe bey dem  ''Horizont'' eine grosse Wolke in Gestalt eines ''Bäres'', und gegen das ''Zenith'' eine andere in Gestalt eines ''Eselkopfs'', und gegen Abend noch eine andere  in Gestalt eines ''Drachen'' mit seinen Klauen darstellete, und ''Eure Königl. Hoheit'' alsdenn nach etlichen Minuten sich die Mühe gäben, solches zu untersuchen, so ist gewiß, daß alle diese Wolken ihre Gestalt und Stellung schon würden verändert haben; es würden neue entstanden seyn, und alles was sie mir eingestehen könnten, wurde dieses seyn, daß in der That Wolken vorhanden wären, daß
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ich mich aber in Ansehung der ''Zoographie'', und ''Topographie'' derselben gar sehr betrogen hatte.

Vielleicht aber wird ''Eurer Königl. Hoheit Hofmeister'' immer fortfahren und fragen, was denn aus denen unzehligen Ballen Papier geworden sey, welche man zu einer solchen Menge Bücher verbraucht habe? Ob diese ebenfalls zernichtet worden? Und zwar so sehr geschwinde als ich vorgehe? Was soll ich auf einen so verhaßten Einwurf antworten? ''Eure Königl. Hoheit'' sind allzuweit von mir entfernet, als ich ''Sie'', hievon ein Augenzeug zu werden, zu den ''Caminen, Oefen, papiernen Fenstern'' in gewissen schändlichen Häusern, und an andere heimliche Oerter hinweisen sollte. Es geht den Büchern würklich wie den Menschen, ihren Verfassern. Sie haben nur einen Weg in die Welt zu kommen, aber viele tausend hinauszugehen, um nicht wieder zurüke zu kommen.

Ich darf ''Eure Königl. Hoheit'' auf meine Ehre versichern, daß dasjenige so ich izo sagen werde, in der Minute da ich es niedergeschrieben, im eigentlichen Verstande die reine Wahrheit gewesen, denn für die Veränderungen welche es auszustehen haben möchte ehe es ''Eure Königl. Hoheit'' zu lesen bekommen, kann ich unmöglich gut sagen. Inzwischen bitte ich unterthänig solches als eine Probe unserer Gelehrsamkeit, unsers Wizes, und unsers Geschmakes anzunehmen.

''Eure Königl. Hoheit'' können sich nämlich auf mein Wort hin sicher darauf verlassen, daß
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izt ''gegenwärtig'' ein gewisser Poet, Nammens ''John Dryden'', sich würklich am Leben befindet, dessen Uebersezung eines alten<ref>Virgils.</ref> Dichters unlängst in groß Folio gedrükt, und schön eingebunden, zum Verkaufe ausgeleget worden, und welche, wenn man sich Mühe gäbe, fleißig nachzusuchen, (wie ich beglaubt bin) würklich noch dato anzutrefen seyn möchte. Ferner, ein anderer, ''Nahum Tate'' mit Nammen, der es mit einem Eid zu bekräftigen erbötig ist, daß er viele Riesen voll Verse habe druken lassen, wovon er selbst so wol als sein Verleger auf rechtsförmiges Ansuchen, noch stets gute authentische Abschriften aufzuweisen im Stand ist, und sich daher wundert, warum die Leute so böse seyn, und ein solch Geheimniß daraus machen mögen. Noch einer ist unter dem Nammen ''Thomas Dürfey'' bekannt; ein ''Poet'' von einem sehr ausgedehneten Verstande, ein ''Universalgenie'' und von einer Gelehrsamkeit die ihres gleichen nicht hat. Weiter haben wir, auch zween grosse ''Kunstrichter'', einen Herrn ''Rymer'', und den Herrn ''Dennis''. Ingleichen einen Autor der sich ''D. Bentley'' heißt, welcher ein Buch von bey nahe tausend Seiten,<ref>Bentleys Episteln Phalaris.</ref> mit einer unermeßlichen Gelehrsamkeit angefüllet hat, um uns eine ''vollständige und wahrhafte Nachricht'' von einem gewissen höchstwichtigen ''Streit'' zwischen ihm und einem Buchhändler zu geben. Dieser ''Scribent'' besizet ungemein viel Wiz und Munterkeit: und niemand

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kann wol ärtiger und sinnreicher scherzen als er. Ferner bezeuge ich ''Eurer Königl. Hoheit'' hiemit feyerlich, daß ich die Person des Herrn ''Wilhelm Wottons'' mit diesen meinen sündlichen Augen gesehen habe, welcher ein Buch<ref>Von der alten und neuern Gelehrsamkeit.</ref> von ansehnlicher, Grösse wider einen ''Freund<ref>Das Alterthum.</ref> des Hofmeisters Eurer Königl. Hoheit'' geschrieben hat; daher er sich leider! eben auch nicht viel gutes von ihm versprechen darf. Es ist dasselbe in einem recht Edelmannischen, über die Massen höflichen und sittsamen Styl abgefasset, voll neuer und nüzlicher Erfindungen, und hiernächst mit so beissenden und schiklichen ''Einfällen'' ausgezieret, daß er seinem ''Freunde'' dem vorgemeldeten Herrn ''D. Bentley'' billig zur Seite stehet.

Doch ich will nicht mehrere Exempel anführen. Die billigen und verdienten Lobsprüche welche ich den Gelehrten geben müßte, welche mit mir zu einer Zeit leben, würden ein ganzes Buch anfüllen. Dieses Recht werde ich ihnen in einem besondern weitläuftigen Werke widerfahren lassen, darinn ich von allen unsern izt lebenden geschikten Köpfen umständliche Nachricht zu ertheilen gedenke. Ihre Personen werde ich daselbst weitläuftig und in ''Lebensgrösse'', ihre Genien aber und Verstandeskräfte ''en mignature'' vorstellen.

Inzwischen erkühne ich mich, ''Eurer Königl. Hoheit'' hier einen getreuen Auszug von
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allen und jeden Künsten und Wissenschaften zu überreichen, welchen ich gänzlich zu ''Dero'' Dienste und Unterricht bestimmet habe. Ich zweifle auch keineswegs, es werden ''Eure Königl. Hoheit'' denselben eben so fleißig lesen, und eben so grossen Nuzen daraus schöpfen, als vor ihnen viele andere junge ''Prinzen'' in Ansehung einer grossen Anzal Bücher gethan, welche zur<ref>Die ''Auctores in usum Delphini etc.''</ref> Erleichterung ihrer Studien geschrieben worden sind.

Daß ''Eure Königl. Hoheit'' wie an Jahren so auch an Weisheit und Tugend immer mehr und mehr zunehmen, und dereinst den Ruhm aller ''Dero'' Königl. Vorfahren verdunkeln mögen, ist der tägliche Wunsch und das Gebett dessen, der die Ehre hat zu seyn,
{{Center|''Eurer Königl. Hoheit''}}

Decemb.<br />1697.
{{Right|Unterthänigster etc.{{Idt2|60}}}}


{{PRZU}}
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{{LineCenterSize|100|20|'''Vorrede.'''}}
Nachdem die ''wizigen'' Kopfe dieser gegenwärtigen Zeit so sehr zalreich und scharfsinnig geworden, so hat es das Ansehen, daß die Häupter der ''Kirche'' und des ''Staates'' anfangen, heftig darüber zu erschreken, und zu besorgen, es möchten diese Herren bey dem langen Frieden den wir geniessen, leicht Zeit und Weil finden, die Religion und die Regierung von ihren schwächern Seiten anzugreifen, und beyden gefährliche Hiebe anzubringen. Dieses zu verhintern, haben sie neulich viel Zeit und Nachdenkens auf gewisse Projekte gewendet, wodurch sie die starken und scharfschneidenden Waffen dieser Feinde unnüz machen, und sie von critisiren und raisonniren über so delicate Materien abhalten möchten. Nach langem sind sie über eines derselben einig geworden, dessen Ausführung aber viel Zeit und Mühe erfodert. Inzwischen da die Gefahr täglich anwächst, indem diese scharfsinnigen Köpfe stets frische und besorglich alle mit Dinte, Feder und Papier ausgerüstete Recrouten bekommen, woraus sie bey einer Stunde nach erhaltener ''Ordre'', eine Menge Schmähschriften und andere feindselige Waffen  verfertigen, und so zum würklichen Angrieffe bereit seyn könnten; so ward einmüthig geschlossen, es sey schlechterdings nothwendig, daß man sich eines geschwindern Mittels
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so lange bediene, bis das grosse Projekt wovon ich Meldung gethan, zu seiner Reife gediehen wäre?

Als deswegen vor einigen Tagen ein grosser Ausschuß von der Gesellschaft darüber zu Rathe gieng, fand sich ein gewisser curieuser, scharfsinniger Kopf, der die wichtige Entdekung machte, daß die Seeleute wenn ihnen ein ''Wallfisch'' aufstiesse, die Gewohnheit hätten, demselben zur Kurzweil eine ''leere Tonne'' vorzuwerfen, um ihn dadurch abzuhalten, das Schiff selbst anzufallen. So gleich ward dieses als ein Geheimnißvolles Gleichniß angenommen, und erkläret. Durch den ''Wallfisch'' verstand man ''Hobbeses Leviathan'', als welcher mit allen Staats- und Religions-Verfassungen, (von denen viele in der That leer, truken, eitel, schadhaft, hölzern, und zur Kurzweil recht bequem sind) spielet, und sie über den Haufen zu werfen suchet. Dieses ist der ''Leviathan'' von welchem man sagt, daß die furchtbaresten starken Geister unserer Zeit ihre Waffen entlehnen. Das in Gefahr schwebende ''Schiff'' ward leicht erkläret: Man verstand durch dasselbe wie von Alters her, den ''Staat''. Die grosse Schwierigkeit aber war, was die ''Tonne'' bedeuten sollte? Nach langem Streit ward man eins, sie in eigentlichem Verstande zu nehmen, und damit diese heutige ''Leviathans'' mit Herumwerfung des ''Staates'' (der für sich selbst nur allzusehr ''wakelt'') nicht immerfort ihre Kurzweil treiben, so ward erkennet, sie von diesem Spiel durch ein würkliches ''Mährgen von der Tonne'' abzuhalten. Man glaubte, ich wäre eben nicht ungeschikt hiezu, und dem zufolge
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ward mir die Ehre erwiesen, daß ich die Sache ins Werk richten sollte.

In dieser Absicht allein stelle ich also gegenwärtige Schrift ans Licht, und hoffe, es werde dieselbe unsern sinnreichen Köpfen wol einige Monate lang zur Kurzweil dienen mögen, indessen daß unser grosses Werk im Stande seyn wird, von welchem ich dem G. Leser billig einige Nachricht ertheilen, und ihm von dem Geheimniß etwas weniges sehen lassen soll.

Man ist nämlich Willens eine grosse Academie aufzurichten, darinn für 9743. Personen Raum seyn soll; welches nach einer bescheidenen Rechnung sehr nahe die Zal der heutigen ''klugen Köpfe'' auf unsrer Insel austragen mag. Diese wird man in verschiedene Schulen eintheilen, wo sie diejenigen Studien fortsezen sollen, dafür sie am meisten Neigung haben. Der so dieß Werk unternihmet, wird selbst so bald möglich, eine umständliche Nachricht von der ganzen Einrichtung ans Licht stellen, wohin ich den Leser verweise, und izo nur kürzlich einige der vornehmsten Schulen auf dieser ''Academie'' anführen will. Sie sind folgende. Erstlich eine grosse Schule der ''Pederasten'', welche ''Französische'' und ''Italiänische'' Lehrmeister hat. Die Schule zum ''Buchstabiren''; ein sehr weitläuftiges Gebäude''. Die ''Spiegelschule''. Eine Schule zum ''Fluchen''. Die Schule der ''Critiker''. Die ''Salivationsschule''. Eine Schule wo man auf ''Stekenpferden'' reiten lernet.
Die Schule für die ''Poesie''. Eine Schule wo man das ''Kriesel-Schlagen'' lernet. Die Schule der
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''Milzsucht''. Die ''Spiel-Schule''; samt vielen andern mehr. Man wird niemanden in  diese Schulen aufnehmen, der nicht von zwo glaubwürdigen Personen ein Zeugniß aufweisen kann, daß er ein ''wiziger Kopf'' sey.

Doch wieder auf mein Vorhaben zu kommen. Ich verstehe ohne Ruhm zu melden sehr wol, was eigentlich zu einer Vorrede gehöret wenn ich dieselbe nur eben also verfertigen könnte. Dreymal habe ich meine Einbildungskraft angestrenget, etwas das mein eigen wäre, zu erfinden, und dreymal ist sie leer wieder zurük gekommen, weil ich sie durch mein folgendes Werk gänzlich erschöpfet habe. Nicht so, meine Herren Brüder die ''neuern'' Scribenten: Diese sind glüklicher. Niemals werden sie eine Vorrede oder Zuschrift herausgeben, daß sie nicht gleich anfangs derselben, den Leser durch einen wizigen und alle Aufmerksamkeit anziehenden Einfall in Verwunderung sezen, und auf das folgende begierig machen. Von dieser Art war die Erfindung jenes vortreflichen Poeten, der, um nicht etwas gemeines zu sagen, sich selbst mit dem ''Scharfrichter'', und seinen Patron mit dem ''Missethäter'' vergliech. Das war wol ''Insigne recens, indictum ore alieno''. Da ich noch in meinem philosophischen Studio mit diesem vortreflichen und höchst nothwendigen Stük<ref>Vorreden und Zuschriften zu lesen.</ref> der Gelehrsamkeit beschäftiget war, habe ich eine Menge solch auserlesener Stellen angetroffen; allein ich werde den Urhebern derselben die Unbill nicht anthun, sie von ihrem Ort wegzunehmen, und hieher zu versezen,

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weil ich bemerket habe, daß wol keine Pflanze zärter ist, und die Versezung weniger ertragen mag, als ein nach ''neuer Mode'' sinnreicher Einfall. Es giebt nämlich Dinge die überaus artig und sinnreich sind, aber nur ''heute'', oder ''frühe nüchrern'', oder ''an einem gewissen Ort'', oder ''gerade um Glok acht'', oder ''bey einer Flasche Wein'', oder nur ''wenn ein gewisser Herr sie vorbringt'', oder ''früh Morgens im Sommer'', die hingegen wenn man sie im geringsten versezet, oder nicht recht anwendet, so gleich zu nichts werden; also daß der ''Wiz'' seinen besondern Kreis und Bann hat, welchen er nicht ein Haarbreit überschreiten darf, wenn er seinem Untergang entgehen will. Und diesen ''Mercutius'' haben unsere ''Neuern'' sehr wol zu figiren gewußt, indem sie ihn auf die Umstände der Zeit, des Orts und der Personen ordentlich einschränken. So giebt es z. Ex. Scherze, welche nicht ausser den ''Covent Garten''<ref>Ein schöner Spazierplaz in London.</ref> herauskommen dürfen, und andere die nirgend anders als unten in der Spize von ''Hide-Park''<ref>Ebenfalls ein solcher. Das Wörtlein ''unten'' befindet sich nicht in dem Grundtext; der Uebersezer mag es aus Versehen hingesezet haben: wenigstens ist ''Hidepark'' ein Spazierplaz in ''London'', und nicht anderswo.</ref> verständlich sind. Nun obgleich es mir öfters sehr nahe gehet, wenn ich bedenke, daß alle die wizigen Stellen, welche ich in meinem Werk anbringe, bey der ersten Veränderung gegenwärtiger ''Skene'' ganz aus der Mode kommen werden, so kann ich doch nicht anders als diesem Verfahren

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Beyfall geben, massen es in der Billigkeit gegründet ist; denn ich kann eben nicht sehen, warum wir unsere ''Nachkommen'' mit wizigen Einfällen versehen sollen, nachdem unsere ''Vorfahren'' uns auch keine hinterlassen haben. Und dadurch lege ich nicht allein meine eigene Meinung an den Tag, sondern auch die Meinung der allerneuesten und folglich die richtigste. Inzwischen da mir sehr angelegen ist, daß alle wolqualificirte Personen, welche sich des Geschmakes, der in diesem Monat ''August'' des iztlaufenden 1697sten Jahres regieret, bemeistert haben, bis auf den Grund alles des ''Erhabenen'', so in meinem Werke anzutrefen ist, heruntersteigcn mögen, so finde ich nöthig, nachfolgende Regel auszusezen: Jeder Leser, der die Gedanken eines Scribenten recht vollkommen einzusehen verlanget, kann wol nicht besser thun, als das er sich selbst in diejenigen Umstände und Posituren seze, worinn der Scribent sich befunden, da gerade diese oder jene wichtige Stelle aus seiner Feder geflossen; denn dieses wird eine ungemeine Gleichheit und Uebereinstimmung der Gedanken in dem Verstande des Lesers und des Scribenten befodern. Und damit ich dem fleissigen Leser in einer so delicaten Materie, als viel die Kürze erlauben mag, an die Hand gehe, so erinnere ich mich noch, daß ich die sinnreichesten Stüke meines Werkes oben auf dem ''Dachboden im Bette'' erstudiret habe. Andere mal fand ich, (aus Ursachen, die mir selbst am besten bekannt sind) für gut, meine Erfindungskraft durch ''Hunger'' zu schärfen; überhaupt aber ist, das ganze Werk unter einem
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''Gebrauch vieler Arzneyen'', und bey einem grossen ''Geldmangel'' angefangen, fortgesezet, und geendiget worden. Diesem zufolge behaupte ich, daß der Geehrte Leser mir bey einer Menge der zierlichsten Stellen, unmöglich wird folgen können, wenn er sich nicht belieben läßt, bey denen vorkommenden Schwierigkeiten sich nach der gegebenen Anweisung zu richten. Und das ist auch mein allervornehmstes ''Postulatum''. 

Nachdem ich mich erkläret habe, daß ich in allen Stüken ein demüthiger Diener des ''neuern'' Geschmakes bin, so befürchte ich, es werden mir wol einige von dieser sinnreichen Zunft zur Last legen, daß ich so weit in meiner Vorrede fortgefahren bin, ohne mich bisher nach alter Gewohnheit, über die Menge der Scribenten zu beklagen, über welche sich würklich eben diese ganze Menge derselben mit gröstem Recht beschweret. Wie ich denn so eben vom Durchlesen einiger hundert Vorreden komme, darinn die Verfasser gleich anfangs ihre Klagen über diesen ganz erschreklichen Mißbrauch dem geneigten Leser in den Schooß werfen, und wovon ich mir einige wenige bemerket habe, welche ich hier so, gut mir mein Gedächtniß zu statten kommen wird, beysezen will.

Eine dieser ''Vorreden'' fängt sich also an:

Sich selbst zu einem Scribenten aufwerfen, zu einer Zeit, da die Pressen wimmeln von etc.

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{{Center|Eine andere:}}
Die ''Accise'', welche man auf das Papier geleget hat, vermindern die Menge der Schmierer, welche die Leser täglich quälen, so gar nicht, daß etc.

{{Center|Eine andere:}} 
Nachdem die Sachen dahin gediehen, daß jeder ''Gernwiz'' die Feder ergreift, so ist es eine schlechte Ehre in den Bücherverzeichnissen zu stehen etc.

{{Center|Eine andere:}}
Mein Herr!

Es geschiehet bloß ''Dero'' Befehl nachzuleben, daß ich diese meine Schrift ans Licht stelle. Denn wer ohne eine geringere Ursach die häufige Anzal der heutigen Bücherschmierer vermehren wollte, der etc.

Nun habe ich gegen diesen Einwurf zu meiner Vertheidigung ein paar Worte zu sagen. Erstlich: Bin ich ganz und gar nicht der Meinung, daß die grosse Anzal der Scribenten, unserer Nation zum Nachtheil gereiche; wie ich denn würklich das Gegentheil bey verschiedenen Gelegenheiten in meinem Werke gründlich erwiesen habe. Hiernächst aber kann ich auch nicht sehen, wie sich ein solches Verfahren mit der Billigkeit reimen lasse, massen ich wahrgenommen, daß viele von diesen zierlichen Vorreden, nicht allein von einem und eben demselben Verfasser, sondern noch selbst von solchen herkommen, welche die gelehrte Welt mit ihren Werken am meisten überhäufen:

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Bey welchem Anlaß ich dem geneigten Leser ein kleines Histörchen erzehlen muß.

Ein Marktschreyer in Leicesterfield hatte eine grosse Menge Zuschauer, worunter sich auch ein sehr diker unbehülflicher Mann befand, der von dem Gedräng fast erdrüket ward, und alle Augenblik schrie: Verflucht, was das für ein Gedräng ist! Plaz: machet doch ein wenig Plaz ihr Leute. Wo Henker kömmt denn die Menge Volkes her? Verfluchte Schelme die so drängen. Guter Freund- stosset doch nicht so mit eurem Ellbogen. Ein Leinenweber, der nächst dabey stand, konnte sich nicht länger halten: Daß euch der Henker hole, (sprach er) seyt ihr nicht ein dikes Vieh! Wer Teufel drukt denn mehr als ihr selbst? Sehet ihr nicht daß euer diker Ranzen hier, mehr Raum einnihmet als fünf andere? Ist denn der Plaz nicht so gut für uns andere als für euch? Ziehet euern ungeheuren Wanst ein, so wird für uns alle Raum genung seyn.  

Es giebt gewisse allgemeine ''Privilegien'' für die Scribenten, welche verhoffentlich mir ebenfalls werden zugestanden werden. Vornehmlich dieses, daß wo man mich nicht verstehet, man versichert glauben soll, daß etwas nüzliches und tiefsinniges darunter verborgen steke. Ferner, daß alle die Wörter und Sentenzen, welche mit anderer Schrift gedrüket sind, als etwas ganz ausserordentliches, entweder im ''Erhabenen'', oder ''Sinnreichen'', anzusehen sind.

Was die Freyheit anlanget, deren ich mich zu bedienen für gut befunden, bey oder auch ohne
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Anlaß mich selbst ''zuloben'', so werde ich dieselbe wol nicht entschuldigen dörfen, dafern je das Ansehen vieler grosser Exempel die ich diesfalls vor mir habe, etwas gilt. Denn es ist hier zu bemerken, daß anfänglich das Lob, eine Pension war, welche die ''Welt'' auszalte. Allein die ''Neuern'' haben es unlängst als ein ''Freylehen'' an sich gekauft, weil sie gefunden, daß die Eincaßierung desselben zu mühsam und zu beschwerlich wäre. Seit dieser Zeit stehet das ''Presenations-Recht'' einzig bey uns selbst. Und daher kömmt es denn auch, daß ein Scribent der sich selbst lobet, sich eines gewissen Formulars bedienet, wodurch er sein erhaltenes Recht andeutet, und welches gemeiniglich in dem Ansdruk, ''ohne Ruhm zu melden'', oder etwas dergleichen bestehet, welches meines Erachtens klar anzeiget, daß er einen ''actum justitiae'', und wozu er ein ''Recht'' hat, ausübe. Nun will ich bey diesem Anlas ein für allemal erinnert haben, daß wo ich in meinem folgenden Werk etwas zu meinem Lob anführe, besagtes Formular allemal darunter müsse verstanden werden; ich sage es, damit ich dasselbe nicht bey jeder Gelegenheit wiederholen dürfe.

Was meinem Gewissen zu besonderer Beruhigung dienet, ist dieses, daß ich ein so nüzliches und wol ausgearbeitetes Werk zu Stande gebracht,  ohne den geringsten ''satirischen'' Zug darein zu mischen. Es ist dieses der einzige Punkt, worinn ich die Freyheit genommen, von den vornehmsten Mustern unsrer Zeit und unsers Landes abzugeben. Ich habe wahrgenommen, daß einige ''Satiriker'' mit
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der Welt nicht anders umgehen, als ein pedantischer Schulmeister mit einem bösen Knaben, dem die Hosen herunter gelassen sind, die Ruthe zu empfangen. Erst stellet er ihm sein Verbrechen vor; denn redet er ihm von der Nothwendigkeit der Strafe bey einem so grossen Muthwillen, und am Ende eines jeden Periode hauet er einmal zu. Nun wenn ich mich je etwas auf die Menschen verstehe, so dünket mich, daß diese Herren weit besser thäten, wenn sie mit ihren Vorstellungen und Züchtigungen zurukblieben. Denn in der ganzen Natur ist wol kein Glied so harthäutig und unempfindlich, wie der ''Hintere der Welt'', ihr möget ihn mit ''Füssen stossen'', oder mit ''Ruthen streichen''. Nebst diesem scheinen auch viele unserer neuesten Satiriker in dem Vorurtheil zu stehen, daß weil die ''Nesseln'' stechen, so müsse alles ''andere Unkraut'' diese Eigenschaft ebenfalls haben. Ich mache diese Vergleichung gar nicht in der Absicht, diese würdigen Scribenten zu verkleinern, denn es ist bekannt, daß die ''Phytologisten'' insgesamt dem ''Unkraut'' den Vorzug vor allen andern Kräutern geben. Daher der erste Monarch<ref>Jacob der Erste. Ein grosser Doctor aber kleiner Monarch. Man hat folgenden Vers auf ihn gemachet:
<poem>Rex erat Elisabeth, nunc est Regina Jacobus.</poem></ref> unserer Insel, welcher zu diesem feinen Geschmak und vortreflichen Urtheilskraft gelangen mögen, sehr weislich gehandelt, indem her die ''Rosen'' aus dem ''Ordensband'' wegschafte, und hingegen die ''Distel'' als die weit edlere Blume dafür hinsezte. Um welcher Ursach willen auch die besten Kenner

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des Alterthums dafür halten, daß das satirische Jüken, welches in diesem Theil unsers Vaterlandes so sehr überhand nihmet, aus der Provinz ''Tweed''<ref>Eine Provinz in Schottland.</ref> zu uns gekommen. Und hier müsse es auch immerhin blühen und zunehmen. Es müsse sich an die Verachtung der Welt eben so wenig kehren, und eben so ruhig und gleichgültig dagegen seyn, als unempfindlich die Welt gegen die Streiche desselben ist! Nimmer müssen sich diese Scribenten weder durch ihre eigene Dummheit, noch durch die Dummheit ihrer Partei abhalten lassen, stets fortzufahren! Nur belieben sie sich zu erinnern, daß es mit ''sinnreichen Köpfen'' dieselbe Beschaffenheit hat, wie mit ''Schärmessern'', welche niemals eher schneiden, als wenn sie ''ihre Schärfe verloren''. Nebst diesem sind diejenigen, welche mit ihren verdorbenen Zänen nicht mehr beissen können, am geschiktesten, diesen Mangel durch ihren Odem zu ersezen.

Ich bin nicht wie andere Leute, welche die Vollkommenheiten so sie nicht selbst erreichen mögen, beneiden. Daher ich für die grosse und vortrefliche Zunft unserer sinnreichen Scribenten eine wahre Hochachtung hege, und hiernächst der Hofnung lebe, es werden sich dieselben diese kleine Lobrede nicht mißfallen lassen, indem sie offenbar nur Sie allein zum Gegenstand hat. In der That hat die Natur selbst dafür gesorget, daß Ruhm und Ehre weit eher durch eine Satire kann erlanget werden, als durch irgend ein anders Werk unsers
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Verstandes, indem die Welt weit eher durch ''Streiche'' dahin gebracht wird, das sie lobet, als durch ''Liebe''. Ein alter Scribent wirft die Frage auf, warum die Zuschriften, und andere Arten von Schmeicheleyen, nur immer nach dem alten verschimmelten Leisten der Topischen Classen, ohne die geringste neue Erfindung zugeschnitten werden? nicht allein zum grösten Verdruß und Ekel des ''christlichen Lesers'', sondern auch wol gar noch zur Erregung der Schlafsucht in unserm lieben Vaterlande; einer so sehr gefährlichen, und recht pestilenzialischen Krankheit: Da hingegen wenig satirische Schriften wären, welche nicht etwas neues enthielten; wovon man gemeiniglich die Schuld dem Mangel der Erfindungskraft derer beymisset, welche diese Schriften verfertigen. Allem da handelt man meines Bedunkens sehr unbillig, indem die Auflösung dieser Frage sehr leicht und natürlich ist. Es  sind nämlich die Materialien zu einer Lobrede von sehr geringer Anzal, und schon längst erschöpfet. Denn gleich wie die Gesundheit nur ein Ding ist, und dasselbe stets unveränderlich bleibet, da es hingegen viele tausend Krankheiten giebt, und deren täglich noch immer mehr werden; also sind auch alle Tugenden, welche jemals bey den Menschen zu sehen waren, leicht an wenig Fingern abzuzehlen, ihre Thorheiten aber und Laster sind unzehlich, und werden noch immer durch neue Arten vermehret. Daher alles was ein armer Poet thun kann, dieses ist, daß er ein Verzeichniß der Haupttugenden auswendig lernet, und daß er dieselben seinem Helden oder Mecänaten, mit der grösten Freygebigkeit beyleget. Uebrigens mag er der Sache noch so
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viele Wendungen geben, und noch so vielerley Brühen über sein ''Schweinfleisch'' machen, so merket der Leser doch gleich, daß es weiter nichts als ''Schweinfleisch'' ist. Die Kunst sich auszudrüken, kann  sich nicht über die Gränzen unserer Gedanken hinaus erstreken, und wenn diese erschöpfet sind, so mussen es auch unsere Worte seyn.

Gesezt aber auch, daß die Materie zu den Lobreden würklich eben so fruchtbar wäre, als die ''Topik'' der Satiren, so würde es dennoch nicht schwer seyn, einen hinlänglichen Grund anzugeben, warum diese leztern stets besser aufgenommen werden, als die erstern. Denn da eine Lobrede auf einmal nur eine, oder doch nicht viele Personen zum Gegenstand hat, so muß sie bey denen, welche an diesem Segen keinen Antheil haben, nothwendig Neid, und böse Nachreden verursachen. Die Satire hingegen ist auf alle gerichtet, und wird daher von keinem übel genommen, weil sich jeder die Freyheit nimmt sie auf andere zu deuten, und den Theil der Bürde der ihm zugehöret, weislich auf die Schultern der ganzen Welt zuwelzen, welche breit genung sind, sie zu tragen. Ich habe daher öfters dem Unterscheid nachgedacht, der sich in diesem Stük zwischen ''England'' und dem alten ''Athen'' befindet. Zu ''Athen''<ref>Xenoph.</ref> hatte jeder Bürger und Poet die Freyheit, und ein angeerbtes Recht, die berühmtesten Männer, einen ''Creon'' z. Ex. einen ''Hyperbolus, Alcibiades, Demosthenes etc.'' nach Belieben zu schmähen, oder sie auch aus dem
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Schauplaz mit Benennung ihrer Personen durchzuziehen. Hingegen wer das ganze ''Volk'' überhaupt, nur mit dem geringsten Wort beleydigte, der wurde den Augenblik gefangen gesezt, und gestrafet, wenn er auch noch so vornehm war, und noch so viele Verdienste hatte. Allein bey uns in ''England'' ist es gerade umgekehret. Denn da darf man auf die Leute überhaupt, ohne Gefahr und vor den Augen der ganzen Welt loß ziehen, und aller seiner Beredsamkeit den vollen Zügel schiessen lassen. Saget immer, ''daß alle Menschen ihren Weg verkehret daß keiner auf Erde sey, der gutes thue, auch nicht einer: Daß unsere Zeiten die Häfe und Grundsuppe der Welt seyen, daß Bosheit und Atheisterey wie anstekende Seuchen, um sich fressen, daß die Ehrbarkeit mit der Astraea entflohen'', und was anders dergleichen eben so neues und zierliches Zeug das euch ''splendida bilis'' eingiebet, mehr seyn mag: Wenn die Rede zu Ende ist, so werden die Zuhorer insgesamt an statt sich beleidiget zu halten, euch vielmehr noch den verbindlichsten Dank abstatten, als einem Mann der die herrlichsten und nüzlichsten Wahrheiten geprediget habe. Noch mehr, ihr möget, wenn ihr nur die Lungen daran wenden wollet, von den Kanzeln im ''Covent-Garten'' ungescheut, wider das unnüze Geschwäz, wider die Hurerey und ''noch etwas anders'' schmälen. Zu ''Whitehall''<ref>Die Kirche welche der Hof besuchet.</ref> könnet ihr wider den Hochmuth, die Falschheit und das Bestechen eifern. Ihr möget die Räubereyen und Ungerechtigkeiten ''in den verschiedenen Gerichtshöfen'', an den
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Pranger stellen, und eben so in den Stadtkirchen wider den Geiz, die Heucheley, und die Erpressung auf das härteste reden; alles dieses ist weiter nichts als tm ''Ball'' der hin und her geschmissen wird, da Jeder Zuhörer mit einem ''Raquet'' versehen ist, womit er denselben sogleich wieder von sich weg auf andere zurükschlägt. Hingegen würde sich derjenige gewaltig betrügen, der sich einfallen liesse, öffentlich das geringste zu erwehnen, wie ''dieser'' oder ''jener'' eine halbe Flotte habe verhungern und den Rest vergiften lassen. Wie ein ''gewisser'', zufolge eines rechtschaffenen Grundsazes von ''Liebe'' und ''Ehre'' keine andere Schulden bezahlet, als die er bey ''Huren'' und dem ''Spiele'' gemacht. Wie ein ''gewisser'' eine heimliche Krankheit geerbet, und sein Vermögen darauf gehen läßt. Wie ''Paris'' von der ''Juno''<ref>Geld und Maitressen.</ref> und ''Venus'' bestochen, auf seinem Richterstul schläft, als lange der Proceß dauert, weil er keine Partey gern erzürnen will. Oder wie ''dieser oder jener Sprecher'' im Rath nach mühsamem Nachdenken, lange Reden von wenig Vernunft und keinem Nuzen hält. Ich sage, wer es wagen sollte, sich so weit herauszulassen, der möchte sich als einer der das Verbrechen begangen, welches unsere Geseze ''Scandalum Magnatum'' nennen, auf das ''Gefängniß'', oder auf ein ''Cartel'', oder auf einen ''Injurienproceß'' nur gefaßt halten.

Doch ich vergesse, daß ich in eine Materie ausschweife, die mich nichts angehet, indem ich weder Talent noch Neigung habe Satiren zu schreiben.
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Vielmehr bin ich mit dem gegenwärtigen Zustand der Sachen so überaus wol zu frieden, daß ich schon einige Jahre her Materialien zu einer ''Lobrede auf die ganze Welt'' sammle welche ich mit einem zweyten Theil, unter dem Titel: ''Bescheidene Vertheidigung des Betragens des Pöbels zu allen Zeiten'', zu vermehren gedenke. Ich war anfangs willens, beyde als einen Anhang diesem gegenwärtigen Tractat beyzufügen. Nachdem ich aber gesehen, daß meine Sammlungen viel langsamer anwachsen, als ich vermuthen konnte, so habe ich mich entschlossen, die Ausgabe derselben, auf eine andere Gelegenheit zu versparen. Zugleich hat mich auch ein gewisses ''Privatunglük'' daran verhintert, wovon ich dem ''geehrten Leser'' zwar billig, und nach der löblichen Gewohnheit unserer ''Neuern'' umständliche Nachricht ertheilen sollte; und das um so viel mehr als sich dieses vortreflich wol schiken, und mir ungemein gut zu  statten kommen würde, der Vorrede zu meinem Werke diejenige Ausdehnung zu geben, welche heut zu tage so beliebt ist, und die ordentlich um so viel ''grösser'' seyn muß, als ''kleiner'' das Buch ist. Allein ich will die Ungeduld des geehrten Lesers, beym Vorhofe nicht länger aufhalten, und nachdem sein Gemüth durch einen ''Präliminardiscurs'' gehöriger massen vorbereitet ist, so mache ich mir ein Vergnügen, ihn sogleich zu den hohen Geheimnissen selbst einzuführen, welche hier folgen.

{{PRZU}}
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{{LineCenterSize|100||Des<br />'''Mährgens von der Tonne'''<br />Erster Abschnitt.}}


{{LineCenterSize|100|20|'''Einleitung.'''}}

Wer gerne in einem grossen Gedränge gehöret seyn will, der muß drüken, drängen, stossen, und mit unabläßlicher Bemühung klettern, bis er sich selbst auf einen gewissen Grad der Höhe über dasselbe hinauf gearbeitet hat. Wir sehen nämlich, daß alle Versammlungen, so gedränge es immer zu gehen mag, unter sie hinein zu klemmen, die besondere Eigenschaft haben, daß über ihren Köpfen Raum genung ist. Allein dahin zu gelangen, das ist der Punkt; und es ist wol eben so schwer sich über den Pöbel zu erheben, als aus der Hölle zu steigen:
<poem>''- - - Evadere ad auras''
''Hoc opus, hic labor est.''</poem>
Die Weise nun, deren sich die ''Philosophen'' aller Zeiten, zur Erlangung dieses Endzwekes bedienet, war diese, daß sie gewisse ''Gebäude in die''

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''Luft'' aufgeführet haben. Allein so beliebt und gewöhnlich diese Art von Gebäuden ehemals gewesen, und noch heut zu Tage immer seyn mag , so glaube ich doch mit großgönstiger Erlaubniß, daß sie insgesamt, selbst den Korb des ''Socrates'' nicht ausgenommen, darinnen er sich,  zum Behuffe seiner tiefsinnigen Betrachtungen aushängen ließ, zweenen Hauptmängeln unterworfen sind. Denn ''erstlich'', so sind dieselben auf ein so gar hohes Fundament aufgeführet, daß man sie öfters  nicht sehen, und den Schall von daher niemals ''vernehmen'' mag. Und für das ''andere'', ist die Materie woraus sie bestehen, so gar hinfällig, daß sie durch das veränderliche Wetter vornemlich in unsern nordwestlichen Ländern stets sehr vielen Schaden erlitten haben.

Es bleiben daher, so viel ich einzusehen vermag, mehr nicht als dreyerley Methoden übrig, wodurch dieß grosse Werk gehöriger massen kann zu Stande gebracht werden. Unsere Vorfahren haben dieses nach ihrer Weisheit sehr gut eingesehen, und deswegen zur Aufmunterung aller Ruhmbegierigen Abentheurer dienstlich erachtet, drey hölzerne Maschinen aufzurichten, welche denen so gern viel und ohne Widerspruch reden wollen, zu statten kommen sollten. Es sind solche die ''Kanzel'', die ''Leiter'',<ref> Die Diebe pflegen in ''England'' noch auf der Leiter lange Reden zu halten.</ref> und die ''Schaubühne''. Denn was die ''Schranken'' vor den ''Gerichtssälen'' betrift, so kann man denselben, (ob schon sie von
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Bild
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gleicher Materie zubereitet, und zu gleichen Absichten gewidmet sind,) die Ehre diesen dreyen an die Seite gesezet zu werden, nicht zugestehen, weil sie so niedrig gestellet sind, daß einer der vor denselben redet, vor dem Widersprechen der Umstehenden niemals gesichert ist. Die ''Richterbank'' selbst, obschon sie ziemlich erhöhet ist, hat keinen bessern Anspruch darauf, was auch ihre Vertheidiger immer sagen mögen. Denn wenn sie belieben auf ihren ersten Ursprung zurük zu gehen; und dabey auf den Zwek ihrer Einsezung, und die Umstände, oder die zur Beförderung desselben angewendete Mittel, Achtung geben, so werden sie leicht erkennen, daß der Gebrauch welchen man heut zu Tage davon machet, mit der Absicht ihrer Einsezung sehr genau übereinkömmt; und daß beydes dem Sinn ihrer Benennung in der ''Phönizischen'' Sprach vollkommen entspricht. Das Wort ist nemlich daselbst von einer sehr nachdrüklichen Bedeutung und heißt nach dem buchstäblichen Verstand so viel, als ''der Ort wo man zu schlafen pfleget''. Insgemein aber wird es für ''einen wol gepolsterten und weichen Ruhsiz für alte und kranke Glieder'' genommen.

<poem>''Senes ut in otia tuta recedant.''</poem>

Welche Belohnung ihnen auch das Glük von Rechtes wegen schuldig ist, angesehen es die Billigkeit erfodert, daß diejenigen, welche vormals lange ''geplaudert'' indem andere ''geschlafen'', nun ebenfalls so lange ''schlafen'' als andere ''plaudern''.

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Inzwischen wenn ich auch keine andere Ursache angeben könnte, warum ich die ''Richterbank'' und die ''Gerichts-Schranken'' von den Redner-Maschinen ausschliesse, so wäre diese genugsam, daß sie mir eine gewisse Zal verderben würden, welche ich mir beyzubehalten vorgenommen habe, es möchte auch kosten was es wollte. Und hierinn folge ich derjenigen klugen Methode vieler andern ''Weltweisen'' und angesehener ''Geistlichen'', nach welcher sie sich haben angelegen seyn lassen, es in der Eintheilungskunst ihrer Schriften und Reden, so weit zu bringen, daß sie sich in eine gewisse lehrreiche und geheimnisvolle Zal ordentlich verliebet, und dieselbe durch ihre Einbildungskraft dergestalt geheiliget haben, daß sie der Vernunft selbst Gewalt anthun, damit dieselbe in der ganzen Natur statt finde, indem sie alle ''Geschlechter'' und ''Arten'' inner diese Gränzen einschliessen, und dazu gerecht machen; zu welchem Ende sie einige mit Gewalt zusammen binden, und andere die sich nicht ergeben wollen, eher ganz bey Seite sezen, als daß sie ihre geliebte Zal fahren liessen. Was mich anlanget, so ist die geheimnißreiche Zal '''Drey''' diejenige, über welche ich meine tiefsinnigsten Betrachtungen vornemlich angestellt, und auch allezeit ein ungemeines Vergnügen daraus geschopfet habe. Wie ich denn würklich eine Schrift unter der Preß habe, welche nächstens unter dem Titel, ''Versuch einer Lobrede auf die Zal Drey'', ans Licht treten wird, worinn ich durch die überzeugendesten Gründe nicht allein alle Sinnen und Elemente unter ihr Panner gebracht, sondern auch schon verschiedene
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Gelehrte vermöcht haben, daß sie von ihren zwo grossen Rivalen, der Zal ''Sieben'' und ''Neun'', zu ihr übergegangen sind.
 
Nun unter diesen Rednermaschinen ist die ''Kanzel'' so wol dem Range als der Würde nach, die erste. Es giebt derselben verschiedene Sorten auf dieser Insel: Allein ich gebe denjenigen den Vorzug vor allen, welche aus dem in ''Sylva Caledonia''<ref>Schottland hieß vor Zeiten Caledonia. Die Presbyterianer haben daselbst die Oberhand, welche allen Zierrath aus ihren Kirchen verbannen; daher der Verfasser hier ihre schlechten Kanzeln lobet. Sie gehören mit unter die Nonconformisten.</ref> gefällten Holz verfertiget werden. Je älter und wurmstichiger dasselbe ist, je besser ist es, so wol die Ausbreitung des Schalles zu befördern, als auch wegen andern Ursachen die ich bald anführen werde. Was ihre Gestalt und Grösse betrift, so halte ich dafür, ihre Vollkommenheit bestehe darinn, daß sie ganz eng sind, ohne einigen Zierrath, und welches das beste ist, ohne einige Deke, (denn nach einer alten Regel, soll die Kanzel das einzige unbedekte ''Gefässe'' seyn, in allen Zusammenkünften, wo dessen rechtmäßiger Gebrauch beybehalten wird,) wodurch denn erhalten wird, daß sie wegen ihrer besondern Aehnlichkeit mit dem ''Pranger'' stets einen starken Einfluß auf die ''Ohren'' haben werden.

Von der ''Leiter'' habe ich nicht nöthig etwas zu sagen. Die Ausländer selbst haben zur Ehre
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unserer Nation angemerket, daß wir in der Kenntniß und dem Gebrauche dieser Maschine alle andere Völker übertrefen. Die Redner welche sich derselben bedienen, machen sich nicht nur ihre Zuhörer durch den angenehmen Vortrag ihrer Reden verbindlich, sondern sie erweisen auch noch der ganzen Welt eine Wolthat, durch die frühe und vorläuftige Herausgebung derselben. Ich sehe diese Reden in der That als den anserlesensten Schaz unserer ''Großbrittannischen'' Beredsamkeit an, und habe mit Vergnügen vernommen, daß der wakere Bürger und Buchhändler, Herr ''John Dunton'', sie getreulich und mit vielem Fleiß in eine Sammlung gebracht, welche er nächstens in ''zwölf'' Bänden in ''Folio'' mit schönen Kupferstichen, hinauszugehen gedenket. Ein sehr curieuses und nüzliches Werk, welches eines solchen Verlegers ganz würdig ist.

Die lezte Redner-Maschine ist die Schaubühne.<ref>Verstehe der Marktschreyer.</ref> Welche sehr klüglich ''sub Jove pluvio, in triviis & quadriviis'' aufgerichtet Wird. Sie ist die grosse Pflanzschul der beyden vorgehenden, und ihre Redner werden je nach dem Masse ihrer Verdienste bald zu der ersten bald zu der andern befödert, indem alle drey eine genaue und beständige Gemeinschaft miteinander unterhalten.

Aus dieser sorgfältigen Beschreibung ist klar, daß wer öffentlich angehöret seyn will, nothwendig über das Volk ''erhoben'' seyn muß. Obschon
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aber dieses von jedermann zugestanden wird, so ist man doch wegen der Ursach darum es so seyn muß, garnicht einig, und wenn ich es sagen darf, so bedunkt mich daß wenig Philosophen auf eine richtige und natürliche Auflösung dieser ''Erscheinung'' gefallen sind; die richtigste und best überlegte Erklärung welche ich angetrofen, ist wol diese: daß da die Lust ein schwerer, und folglich (nach dem System des ''Epicurus'') ein stets niederdrükender Körper ist, so muß diese drükende Kraft derselben nothwendig desto grösser werden, wenn sie noch mit Wörtern beladen, und von denselben gedrüket wird, indem die Wörter ebenfalls Körper von grossem Gewicht und Schwere sind, wie aus dem tiefen ''Eindruk'' erhellet, welchen sie auf uns machen und zurüklassen: Daher sie Von einer gehörigen Höhe herunter geredet werden müssen, wenn man haben will, daß sie ihren Zwek erreichen, und den gehörigen Nachdruk haben sollen.

<poem>Corpoream quoque enim vocem constare fatendum est,
Et sonitum, quoniam possunt impellere sensus.
{{Idt2|100}}Lucret, lib. IV.</poem>

Und dieser Meinung trete ich auch um so viel williger bey, als eine gemeine Anmerkung sie sehr zu bekräftigen scheint: Ich habe nemlich wahrgenommen, daß bey den Verschiedenen Versammlungen da diese Redner auftreten, die Natur selbst ihre Zuhörer lehret, mit aufgessperrten, und dem ''Horizont parallel'' gelegten Mäulern zu stehen,
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so daß eine von dem ''Zenith'' gegen den ''Mittelpunkt'' der Erde gezogene ''Perpendicularlinie'' sie gerade durchschneiden würde; Auf diese Art trägt jeder Zuhörer wenn die Versammlung gedränge ist, sein Theil davon, und wenig oder nichts geht verloren.

Ich muß gestehen, daß unsere neuern ''Theater'' noch geschikter und besser angeleget sind. Denn erstlich ist das ''Parterre'', zufolge der vorhin angeführten Gründen, niedriger als der ''Schauplaz''; damit alle wichtige Materien, welche von dannen ausgeworfen werden, es sey Bley oder Gold, gerade herunter den Criticis (wie sie, deucht mich, heissen) in den Rachen falle, welche sie Angel weit aufgesperrt halten, um solche zu verschlingen. Hiernächst und die ''Logen'' rund herum und in einer gleichen Höhe mit der Schaubühne gebauet: Dem Frauenzimmer zur Ehre; weil man wahrgenommen, daß diejenige reiche Quelle von Wiz, welche das Jüken und gewisse Protuberanzen zum Grund hat, bey nahe in gerader Linie fortgeht, und stets einen Cirkel beschreibet. Das ''Weinerliche'', und kleine frostige Einfälle steigen wegen ihrer ausnehmenden Leichtigkeit von selbst auf die artigste Weise zu der mittelsten Abtheilung hinauf, woselbst sie erstarren, und wegen des kalten Verstandes der Zuschauer gänzlich erfrieren. ''Schwülstige'' und ''poßierliche'' Reden erheben sich wegen ihrer windigen leichten Natur unter allen am höchsten, und würden sich endlich unter dem Dache verlieren, wenn die kluge Vorsicht des Baumeisters es nicht vermittelt hätte, daß für sie noch ein vierter Plaz
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wäre angeleget worden, die ''Groschengallerie'' genennet, woselbst sich eine geschikte Gesellschaft findet, welche diese Reden begierig auffänget.

Dies ''Physico-Logicalische'' System nun von den Rednerbehältnissen, ist über alle massen geheimnißreich, indem es ein Vorbild, ein Zeichen, Sinnbild, Schatten und Symbolum ist, welches eine genaue Aehnlichkeit mit der grossen Zunft der Scribenten, und derjenigen Mittel enthält, wodurch sie sich über die untere Welt empor schwingen müssen. Durch die ''Kanzel'' werden die Schriften unserer ''neuern Heiligen'', in ''Großbrittannien'' vorgebildet, wie sie dieselben von der Hefe und den groben Schlaken der ''Sinnen'' und der ''Vernunft'' gereiniget und geläutert haben; die Materie derselben ist, wie schon gedacht, altes verfauletes Holz, und dieses zwar um zweyerley Ursachen willen. Erstlich weil das faule Holz die Eigenschaft besizet, daß es im ''Finstern leuchtet''; und hiernächst weil es inwendig voll ''Würmer'' ist. Ein Vorbild von<ref>Die zwo wesentlichen Eigenschaften eines fanatischen Predigers sind, sein inneres Licht, und sein Kopf voll selzamer Grillen; und das zweyfache Schiksal seiner Schriften ist, daß sie verbrannt, oder von den Würmern gefressen werden.</ref> gedoppelter Bedeutung. Denn es stellet beydes die zwo vornemsten Eigenschaften des Redners so wol, als auch das zweyfache Schiksal vor, welches seine Werke zugewarten haben.

Die ''Leiter'' ist ein sehr schikliches Sinnbild des ''Parteygeistes'' und der ''Poesie'';  welchen beyden
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so viele grosse Männer ihren Ruhm zu danken haben. Des ''Parteygeistes'', weil <nowiki>* * * * * * * * * * * * *</nowiki> ''Hiatus in Msc.'' <nowiki>* * * * * * * * * * * * *</nowiki>  Der ''Poesie'', weil diese Redner insgemein mit einem Liede ihre Reden zu beschliessen pflegen, und weil das Schiksal allemal nachdem sie ganz langsam hinauf gestiegen, sie ordentlich wieder abwirft, noch ehe sie bey vielen Stuffen den Gipfel erreichet haben; und endlich, weil man zu dieser Ehre gelanget, wenn man andern ihr Eigenthum entwendet, und das ''meum'' und ''tuum'' nicht genugsam unterscheidet.

Die ''Schaubühne'' stellet gar füglich die sinnreichen Schriften vor, welche zur Belustigung und zum Zeitvertreib in diesem trübseligen Leben, herausgegeben werden; dergleichen sind: ''Wiz für sechs Pfenninge. Westminsterische Schwänke. Lustige Historien. Kurzweilige Redner'', und dergleichen. Wodurch die Scribenten von und für ''Grubstreet'', seit einigen Jahren über ihren Feind die Zeit so herrlich triumphiret, seine Flügel verschnitten, seine Nägel verkürzt, seine Zäne abgefeilet, sein Stundenglas umgeschmissen, seine Sense stumpf gemachet, und ihm die Zweken aus den Schuhen gerissen haben. Und in diese Classe nehme ich die Freyheit, auch meine gegenwärtige Schrift zu sezen, nachdem diese berühmte Gesellschaft mir unlängst die Ehre erwiesen hat, mich zu ihrem Mitglied anzunehmen.

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Nun weiß ich zur Genüge, wie viele Vorurtheile man diese Jahre her gegen die Schriften der berühmten ''Grubstreetischen'' Brüderschaft hat merken lassen, und welch unaufhörliche Mühe sich zwo ''jüngere'' ganz neu gebakene Gesellschaften gegeben haben, sie und ihre Scribenten lächerlich, und des hohen Ranges den sie sich in der gelehrten und sinnreichen Welt erworben haben, unwürdig darzustellen. Ihr eigen Gewissen wird ihnen leicht sagen, wen  ich meyne. Und man muß auch die Welt nicht für eine so müssige Zuschauerin halten, daß sie nicht sollten bemerket haben, wie unabläßlich die ''Greshamische'' und ''Willische''<ref>Das Caffeehaus zum ''Wilhelm'' war ehdem der Ort wo die ''Poeten'' gemeiniglich zusammen kamen.</ref> Gesellschaften bemühet sind, ihre Ehre und Ansehen auf den Ruin der ''unsern'' aufzubauen. Dieses schmerzet uns um so viel desto heftiger, da wir ein solches Verfahren nicht allein als höchst unbillig, sondern auch als ein recht undankbares, liebloses und unnatürliches Stük ansehen müssen. Denn wird es die Welt, oder werden sie selbst es wol jemals vergessen können, (nichts von unserm Akten-Buche zu sagen, welches so voll und so deutlich davon ist,) daß alle beyde nur ''Pflanzschulen'' sind, welche niemand als wir selbst ''gepflanzet'', und niemand anders als wir selbst ''begossen'' haben?

Man hat mich berichtet, daß unsere zwo Rivalen sich unlängst erbotten haben, ihr Heil gegen uns mit vereinigten Kräften zu versuchen, und uns deswegen heraus fodern, die Bücher von beiden
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Theilen, so wol dem ''Gewicht'' als der Menge nach, gegen einander zu vergleichen. Worauf ich mit Genehmhaltung unsers ''Presidenten'' zweyerley antworte: Erstlich behaupten wir, daß ihr Vorschlag demjenigen gleich sey, welchen ''Archimedes'' in einer ''geringern'' Sache gethan, und der eine Unmöglichkeit in sich schloß, bewerkstelliget zu werden. Denn wo wollen sie Wagschalen finden, die ''groß genung'' wären, für das erstere? Und wo Rechenmeister für das andere? Zweytens: Wir sind es zufrieden, das ''Cartel'' anzunehmen, allein mit der ausdrüklichen Bedingung, daß uns eine dritte unpartheyische Person gezeiget werde, auf deren Entscheid es allemal ankommen soll, welcher Gesellschaft jedes Buch, Tractat, oder was es seyn mag, am eigentlichsten zugehöre. Dieses ist eine Sache, welche, der Himmel weiß wenn, wird können entschieden werden. Denn wir sind würklich im Stande, ein Verzeichniß von etlich tausend Schriften aufzuweisen, zu welchen unsere Gesellschaft das offenbareste Recht hat, die aber dennoch von einigen rebellischen und neugebakenen Scribenten auf die treuloseste Weise unsern Feinden zugeschrieben werden. Es würde demnach unserer Klugheit nicht sehr zur Ehre gereichen, wenn wir zugäben, daß die Sache von den Verfassern selbst entschieden würde, nachdem unsere Feinde durch ihre heimliche Ränke, und listige Streiche es dahin zu spielen gewußt, daß auch unsere besten Freunde anfangen von Ferne zu treten, gleichsam, als ob sie sich unser schämeten.
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Dieses ist alles was mir über eine so unangenehme Und betrübte Materie zu sagen erlaubet worden. Denn niemand hat weniger Lust, Oel in das Feuer zu schütten, bey einem Streit, dessen Fortsezung beyden Theilen so fatal seyn dürfte, als wir; vielmehr gehen unsere Wünsche dahin, daß alles in der Güte möchte beygeleget werden; ja wir erklären uns unserseits so gar, daß wir bereit sind, unsere zween ungerathene Söhne mit offenen Armen wieder aufzunehmen, so bald sie sich entschliessen können, von ihren ''Kleyen'' und ''Huren'', (womit in Betrachtung ihrer gegenwärtigen Studien eigentlich gesagt werden kann, daß sie sich abgeben) wieder umzukehren, und daß wir ihnen gleich einem gütigen Vater unsere zärtliche Zuneigung fortsezen, und unsern Segen forthin ertheilen wollen.

Den grösten Stoß aber hat die allgemeine gute Aufnahm unserer Schriften, womit wir ehedem sind beehret worden, (nebst dem, daß alle irdische Dinge der Vergänglichkeit unterworfen sind) wol von nichts anderm erlitten, als von dem seichten Wesen vieler heutigen Leser, welche auf keine Weise können beredet werden, tiefer als bis auf die blossen Schalen und Oberfläche der Dinge hinein zu schauen. Die ''Weisheit'' aber ist ein ''Fuchs'', welcher nach vielem Jagen, dennoch zulezt aus seinem Loche muß hervorgegraben werden. Sie ist ein ''Käse'', der je besser er ist, je eine härtere Rinde hat, und wovon nach dem Urtheil der besten Kenner die Maden das beste sind. Sie ist ein
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''Sack-posset''<ref>Ein diker Trank von Säkwein, Milchsahne, Muscatennuß, Zuker und Eyern.</ref>, welcher immer süsser wird, je tiefer man gegen dem Boden kömmt. Sie ist eine ''Henne'', auf deren ''Gachsen'' wir Achtung geben, und es nicht gering schäzen müssen, weil es ein Zeichen ist, daß sie ein ''Ey'' geleget hat. Endlich ist sie auch eine ''Nuß'', welche, so sie nicht mit einiger Sorgfalt ausgelesen wird, auch wol einen Zan kosten, und dann zur Belohnung eine ''Made'' anbieten mag. Nun diesen wichtigen Wahrheiten zufolge, haben sich die Weisen von ''Grubstreet'' jederzeit beflissen, ihre Lehren und Wissenschaften den Lesern unter den ''Vehicu1is'' von Fabeln und Sinnbildern beyzubringen. Weil sie aber vielleicht mehr Zeit und Mühe angewendet, dieselben mit allerley Zierrathen auszuschmüken, als nöthig war, so ist es mit diesen Fahrzeugen gegangen wie es insgemein mit schönen gemahlten und vergoldten Wagen zu gehen pfleget, deren äusserlicher Zierrath die Augen vorbeygehender Zuschauer dermassen verblendet, und ihre Einbildung so sehr einnimmt, daß sie weder die Person welche darinn sizet bemerken, noch die vortreflichen Eigenschaften des Eigenthümers betrachten. Ein Unglük, darüber wir uns jedennoch um etwas trösten, weil wir es mit einem ''Pytagoras, Aesopus, Socrates'' und andern unserer Vorgänger gemein haben.

Damit aber dennoch weder das Publicum noch wir, in Zukunft, wegen solchen Mißhelligkeiten weiter etwas leiden dürfen, so habe ich mich auf
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das ungestüme Ansuchen meiner guten Freunde endlich bewegen lassen, an einer mühsamen und Vollständigen Dissertation über die vornemsten Werke unserer Gesellschaft zu arbeiten, darinn sie nebst den angebrachten äusserlichen Schönheiten, zum Besten nicht allzutief einsehender Leser, die allervollkommensten und ausgepuztesten Abrisse aller Künste und Wissenschaften gründlich verstekt, und tiefsinnigst verborgen haben. Wie ich denn hoffe, solches durch eine geschikte Entwiklung der Sachen klar an den Tag zu legen, und diese Geheimnisse entweder durch ''Pumpen'' herauszubringen, oder durch einen ''Schnitt'' zu offenbaren.

Es sind wenige Jahre daß eines unserer vornehmsten Mitglieder diese wichtige Arbeit würklich übernommen hatte. Er machte den Anfang mit der Historie von ''Reinike'' Fuchs, konnte aber wegen frühzeitigen Absterbens, seinen Versuch weder herausgeben, noch in diesem wichtigen Unternehmen weiter gehen. Welches um so viel mehr zu bedauren, als die Entdekungen, welche besagtes Mitglied gemachet, und seinen Freunden mitgetheilet hatte, nunmehro überall angenommen sind. Wie ich denn auch versichert bin, es werde kein Gelehrter daran zweifeln, daß dieß berühmte Buch ein vollständiger Innbegrif politischer Wissenschaften, und eine Entdekung, oder besser die wahre ''Apocalypsis'' aller ''Staatsgeheimnisse'' sey. Ich aber bin nun in dieser Arbeit viel weiter gekommen, indem ich bereits meine Anmerkungen über etliche Dutzend Schriften zu Ende gebracht habe, wovon ich dem geehrten Leser einige kurze Nachrichten, so vie!
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nemlich zum Beschluß dieser Einleitung nöthig seyn mag, mittheilen will.

Das erste Stük davon ich handle, ist ''Tom Thumb''. Der Verfasser desselben war ein Anhänger der ''Pythagorischen'' Weltweisheit. Dieß dunkle Buch enthält die ganze Lehre von der ''Seelen-Wanderung'', und handelt von allen ihren Reisen, und wo sie einkehret.

Das zweyte ist ''D. Faust, Artephius'', ein Autor ''bonae notae'', und ''Adeptus'' hat es geschrieben. Er gab es in dem neunhundertund vier und achtzigsten Jahr seines Alters<ref>Er lebte tausend Jahre.</ref> heraus. Dieser Scribent gehet überall den Weg der ''Reincrudation'' oder ''in via humida''. Und die Vermählung des ''Fausts'' mit der ''Helena'' erkläret uns auf das deutlichste das ''Fermentiren'' des ''männlichen und weiblichen Drachen''.

''Whittington'' und seine Kaze, ist ein Werk von dem geheimnißreichen ''Rabbi, Jehuda Hanasi'', und enthält eine Vertheidigung der ''Gemarra'' zu der ''Hierosolymitanischen Mischna'', samt dem Beweise ihrer Vorzügen, vor der ''Babylonischen'', wider die allgemeine Meynung.

Das ''Rehe'' und der ''Panther''. Ein Meisterstük eines berühmten iztlebenden Scribenten, darinnen er uns einen vollständigen Auszug von sechszehn
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tausend alten Schullehrern, von ''Scoto'' an bis auf ''Bellarminum'' zu liefern bemühet ist.

''Thömchens zerbrochene Flasche''. Eine andere Schrift, welche von demselben Gelehrten herkommen soll, als ein Anhang zu der vorigen.

Die Weisen von ''Gotham''. ''Cum Appendice''. Dieses ist ein Werk von unermeßlicher Gelehrsamkeit, das Original und die rechte Quelle aller der Beweisgrunde, womit beydes in ''Frankreich'' und ''England'' zur Vertheidigung des Wizes und der Gelehrsamkeit der ''Neuern'', wider die Aufgeblasenheit, den Stolz, und die Unwissenheit der Alten gefochten wird. Der unbekannte Autor hat diese Materie so vollkommen erschöpfet, daß ein scharfsinniger Leser leicht wird entdeken können, wie alles was seither über diesen Streit ist geschrieben worden, nicht viel anders als eine blosse Wiederholung sey. Von diesem Werk hat ein würdiges Mitglied unserer Gesellschaft neulich einen Auszug<ref>''Wottons'' Abhandlung von der alten und neuern Gelehrsamkeit.</ref> heraus gegeben.

Dieß wenige mag genung seyn, dem gelehrten Leser einen Begrif und Vorschmak dessen zu geben, was er von dem ganzen Werk zu erwarten hat, auf welches ich izo meine Gedanken und mein Studiren einzig und allein eingeschränket habe, in Hofnung daß wenn ich solches vor meinem Ende
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noch zu Stande bringe, so werde ich den<ref>Hier scheinet der Verfasser den Styl eines ''l’Estrange, Drydens'', und einiger anderer anzunehmen, welche, nachdem sie ihr Leben in allerley Lastern, Parteyung und Falschheit zugebracht, unverschämt genung sind, von Verdienst, Unschuld und Verfolgung zu sprechen.</ref> armen Rest meines unglükseligen Lebens nicht übel angewendet haben. Es ist dieses in der That mehr als ich mit Recht noch erwarten kann, von einer Feder, welche ich sonst zum besten des Staates in Abhandlungen ''pro & contra Papistischer Zusammenschwörungen'', und ''Preßbyrerianischer Complote in Mehlfässern;<ref>Zu den Zeiten ''Karls des Zweiten'', trug man sich mit der Sage, daß man in einem Mehlfaß eine Schrift von einem Preßbyterianischen Complot gefunden hätte. Welches damals viel Aufsehens machte.</ref> in Schriften von Exclusionsbillen, von der Obedientia passiva, in Bittschriften für Leibrenten und Pensionen, in Tractaten von den Prerogativen der Krone, von den Freyheiten des Volkes, von der Gewissensfreyheit, und in Briefen an einen Freund'', bis auf das Mark abgenuzet habe: Mehr als zu erwarten stehet, von einem durch beständiges Herumschwermen abgetragenen zerfezeten Verstand und Gewissen; von einem Kopf, in welchen die widriggesinneten der gegenseitigen Parteyen wol hundert Löcher geschlagen; und endlich von einem Leib der voll übelgeheileter Geschwüre ist, weil ich mich Kuplerinnen und Wundärzten anvertrauet hatte, welche wie nachhin bekannt worden, meine und der Regierung abgesagte
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Feinde waren, und die Rache ihrer Partey an meiner Nase und Beinen ausgeübet. Ich habe unter drey verschiedenen Regierungen ein und neunzig kleine Schriften verfertiget, und sechs und dreyssig Parteyen durch solche vertheidiget. Weil ich aber sehe; daß der Staat meiner und meiner Feder nicht mehr benöthiget ist, so ziehe ich mich willig zurük, und werde sie künftig zu Betrachtungen anwenden, die einem Philosophen anständiger sind, nachdem ich den herrlichen Trost besize, daß ich mein langes Leben geführet habe, ohne jemanden zu beleidigen.

Aber wieder zur Sache zu kommen; so zweifle ich keinesweges, es werde die kurze Probe welche ich gegeben, alle übrige Schriften unserer Gesellschaft von einem Schandsteken befreyen, der ihnen offenbar bloß von dem Neid und der Unwissenheit unserer Feinde angekleket worden; indem sie vorgeben, es enthalten dieselbe wenig oder nichts, welches dem menschlichen Geschlecht einigen Nuzen oder Vergnügung bringen könne, ausser was die sinnreiche und gute Schreibart seyn möge, in welcher sie abgefasset sind. Denn diesen Ruhm, (ich bin es versichert,) haben ihnen auch die verwegensten von unsern Widersächern, noch niemals absprechen dörfen. Und in beyden diesen äusserlichen Schönheiten, so wol, als auch besonders in Ansehung des tiefsinnigen und mystischen Innhalts derselben, habe ich nur in meinem gegenwärtigen Werk die allerberühmtesten Muster auf das fleißigste vorgestellet. Wie ich denn auch, damit gar nichts fehlen möchte, sorgfaltig nachgedacht, und mir fast
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den Kopf zerbrochen, damit der Haupttitel, (ich meyne den, unter welchem mein Buch bey ''Hof'' und in der ''Stadt'' bekannt werden soll) vollkommen so eingerichtet seyn möge, wie unsere Gesellschaft sie abzufassen pfleget.

Uebrigens bin ich, was die ''Titel''<ref>Das Titelblatt in der Handschrift war so übel zugerichtet, daß man verschiedene Aufschriften oder Titel die noch weiter darauf befindlich waren, und deren der Verfasser hier gedenket, nicht mehr lesen konnte.</ref> anlanget, um etwas freygebig gewesen, weil ich bemerket habe, daß es bey gewissen Scribenten, (für welche ich die gröste Hochachtung hege) sie zu vervielfältigen grosse Mode ist. Und in der That scheinet es eben nicht unvernünftig zu seyn, daß auch die Bücher, als Kinder unsers Gehirns eben so wol als andere vornehme Kinder die Ehre haben sollen, vielerley Nammen zu tragen. Unser berühmte ''Dryden'' hat es gewaget, noch weiter zu gehen, indem er sich bemühet, auch die Gewohnheit einzuführen, viele<ref>Man sehe seinen übersezten Virgil.</ref> ''Gevattern'' zu bitten. Etwas das noch weit nüzlicher ist, und zwar umso viel desto mehr, je öfterer man Gelegenheit dazu hat. Es ist immer Schade, daß diese unvergleichliche Erfindung nicht besser und' so angebauet worden, daß gegenwärtig sich jedermann derselben bediente, nachdem man einen so berühmten Vorgänger hat. Ich meinerseits habe nicht ermangeln lassen, einem so nüzlichen Beyspiel aufzuhelfen. Es scheint aber, daß mit dem Beruf eines
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''Pathen'' insgemein eine unbeliebige Ausgabe verknüpfet sey, welches mir, wie leicht zu glauben, überall aus dem Sinn gekommen war. Doch kann ich nicht eigentlich sagen, wo der Schuh die Leute drüket; so viel weiß ich nur, daß nachdem ich eine unglaubliche Mühe gehabt, mein Buch in vierzig Abschnitte zu theilen, und vierzig ''Lords'' ersuchet hatte, mir die Ehre zu erweisen, Gevatter zu stehen, sie alle eine Gewissenssache daraus gemachet, und sich entschuldigen liessen.


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{{LineCenterSize|100|20|'''Zweyter Abschnitt.'''}}

Es war einmal ein Mann, der hatte drey Söhne<ref>Durch die drey Söhne werden die drey Kirchen verstanden, die Römische, Lutherische und Reformierte. In so fern aber der Verfasser besonders auf sein Vaterland siehet, so hat er nebst dem Papsttum die Engländische Kirche, und die Preßbyterianer im Augenmerk.</ref> von einer Frau, und alle hatte sie ihm zu gleicher Zeit geboren, dergestalt, daß auch die Wehemutter selbst nicht gewiß sagen konnte, welcher der älteste wäre. Ihr Vater starb als sie noch jung waren. Vor seinem Ende ließ er sie noch an sein Bette kommen, und sprach folgendes zu ihnen:

''Lieben Söhne!'' Ich habe niemals nach Reichthum getrachtet, und war auch nicht dazu geboren. Daher ich lange nachgedacht, wie ich euch dessen ungeachtet, etwas gutes und nüzliches hinterlassen möchte; zulezt habe ich nach vieler Mühe und nicht ohne geringe Kosten jedem von euch ein neues Kleid<ref>Die Kleider bedeuten den Glauben und die Lehre der christlichen Religion, welche von ihrem weisen und göttlichen Stifter, für alle Zeiten Personen, Oerter, und Umstände gerecht gemachet ist.</ref> verschaft. Hier sind dieselben. Wisset
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dabey, daß diese Kleider zwo ganz besondere Eigenschaften an sich haben. Die eine ist diese: Sie werden, wenn ihr sie anders gut in acht nehmet, neu und ganz verbleiben so lang ihr lebet. Die andere: Sie werden von sich selbst nach der Dike und Länge eurer Leiber wachsen, und euch also zu allen Zeiten gerecht seyn: Wolan probieret sie, damit ich vor meinem Ende noch sehe, wie sie euch stehen. Gut: sehr gut: ich bitte euch lieben Kinder, tragt sie reinlich, und kehret sie fleissig aus. In meinem Testament<ref>Die Schriften des neuen Testaments.</ref> (hier habt ihr dasselbe,) werdet ihr allen nöthigen Unterricht finden, wie ihr eure Kleider tragen und besorgen sollet. Demselben müsset ihr auf das genaueste nachleben, wenn ihr den Strafen welche ich auf die geringste Uebertretung oder Vernachläßigung meines lezten Willens gesezet habe, entgehen wollet. Merket es euch: Euer ganzes zukünftiges Glük hängt davon ab. Ich habe nicht weniger verordnet, daß ihr alle in einem Hause als Brüder und Freunde beysammen leben sollet; denn so und nicht anders dürfet ihr euch versichert halten, daß es euch wol gehen wird.

Izo starb der gute Vater, wie die Historie meldet, und die drey Sohne fiengen an gemeinschaftlich ihr Glük zu suchen.

Ich will den Leser nicht mit Erzehlung der jenigen Begebenheiten, welche sie die ersten sieben<ref>Hierdurch werden die ersten Jahrhunderte verstanden, in welchen die Religion noch unverfälscht beybehalten, und das Heidenthum ausgerottet ward.</ref>
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Jahre über gehabt, nicht aufhalten. Nur so viel kann ich nicht vorbey gehen, daß sie dem väterlichen Willen sorgfältig nachgekommen, und ihre Kleider in gutem Stand erhalten; daß sie verschiedene Länder durchreiset, mit nicht wenig Riesen gekämpfet, und einige Drachen erleget haben.

Nachdem sie nunmehro das gehörige Alter sich vor der Welt sehen zu lassen, erreichet hatten, kamen sie in die Stadt, und verliebten sich in das Frauenzimmer, vornehmlich aber in drey, welche zu derselbigen Zeit in dem grösten Ansehen standen. Das waren die Herzogin von ''Geldern'', die Frau von ''Großtitelhayn'' und die Gräfin von ''Stolzendorf''. Anfänglich wurden unsere drey Abentheurer sehr schlecht empfangen. Da sie aber bald die Ursach hievon klüglich ausgespüret hatten, fiengen sie gleich an, sich in den guten Manieren der Stadt zu üben. Sie schrieben, sie scherzten, sie reimten, sie sangen, sie schwazten viel und sagten doch nichts: Sie tranken, sie fochten, sie hurten, und schliefen, und fluchten, und nahmen Schnupftabak. Bey neuen Schauspielen waren sie die ersten, sie besuchten die ''Chocolate''-Hauser, prügelten die Wache, liefen in Huren-Winkel und trugen garstige Krankheiten davon; sie bezalten die Mietkutscher nicht, machten bey den Kaufleuten Schulden, und schliefen bey ihre Weibern. Sie schlugen die Häscher todt, schmissen die Spielleute die Treppen hinunter, speiseten beym ''Schwert'', und schlenterten ins Caffe zum ''Wilhelm''. Sie redeten vom Königlichen Vorzimmer, und waren doch niemals dahin gekommen; speiseten mit
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grossen Herren, und hatten sie ihr Tage nicht gesehen. Flüsterten einer Herzogin ins Ohr, mit welcher sie doch kein Wort gesprochen, und gaben das Gekräze ihrer Wäscherinnen für Liebesbriefgen vornehmer Damen aus. Sie kamen immer vom Hof und niemand hatte sie jemals da gesehen; sie waren zugegen, wenn der König aufstand, ''sub dio'' nemlich. In der einen Gesellschaft lerneten sie ein Verzeichniß der ''Pairs'' des Reichs auswendig, und in der andern erwehneten sie denn derselben, als ihrer besten Freunde. Vornehmlich fanden sie sich fleißig unter denen ''Rathsherren'' ein, welche in dem ''Parlamentshaus'' sehr stille, in dem ''Caffehaus'' aber desto lauter sind; wohin sie sich alle Abend bescheiden, ihre politische Wissenschaften zu widerkäuen, und von einer Menge Schülern umringet sind, die mit der grösten Begierde warten, um das so sie fallen lassen, aufzuschnappen. Noch hundert dergleichen Geschiklichkeiten hatten unsere drey Brüder mehr erlernet, und wurden deswegen unter die qualificiertesten Cavaliere der Stadt gezehlet. Dennoch wollte dieses alles nicht helfen, und die besagten Frauenzimmer blieben gegen sie noch immer unempfindlich. Daher ich diesen Knoten aufzulösen, mit Erlaubniß des geehrten Lesers, einige wichtige Punkte zu Hülf nehmen muß, welche von den Scribenten unserer Zeit nicht genugsam sind aufgekläret worden.

Es geschah nemlich um eben diese Zeit, daß eine gewisse Sekte entstand, deren Anhänger sich uberall ausbreiteten, und insonderheit bey der ''grossen Welt'' und sonst jedermann der artig heissen
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wollte grossen Beyfall fanden. Sie verehreten einen gewissen ''Abgott''<ref>Hierdurch wird ein Schneider verstanden.</ref> der wie sie lehreten, vermittelst einer mechanischen Operation täglich Menschen schuf. Diesen ''Gözen'' sezten sie in dem obersten Stokwerk des Hauses auf einen
Altar der ungefebr drey Fuß hoch war. Hier saß er wie ein ''Persianischer'' Kayser, auf einem flachen Raum, mit kreuzweise über einander geschlungenen Beinen. Zum Zeichen führete er eine Gans<ref>Das Bügeleisen.</ref> daher es denn kömmt, daß einige Gelehrte seine Abstammung von dem ''Jupiter Capitolinus'' herleiten. Zur Linken gleich unten am Altar, schiene die ''Hölle'' ihren Rachen aufzusperren, und nach den Thieren (''Animalibus'') zu schnappen, welche dieser ''Abgott'' erschuff. Dieses zu verhintern warfen einige Priester immerfort Stüke von der noch ungeformten Materie oder Substanz, zuweilen auch ganze und schon belebte Gliedmassen hinein, welche dieser gräßliche Höllenschlund ganz unersättlich verschlang, also daß man ohne Entsezen nicht zusehen konnte. Die ''Gans'' ward ebenfalls als eine untere Gottheit oder als ein ''Deus minorum gentium'' angesehen, deren man dasjenige Thier<ref>Eine Laus.</ref> opferte welches sich stets mit geronnenem Menschenblut nähret, und auch auswärts sehr berühmt ist, weil der ''Egyptische Cercopithecus'' es so ungemein liebet. Viele Millionen solcher Thiere wurden täglich geschlachtet, den Hunger dieser untern Gottheit zu stillen. Den ''Hauptabgott''
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verehrete man auch als den Erfinder der ''Elle''<ref>''E. Yard''. Das Wort bedeutet eine ''Elle'', und zugleich auch die ''Segelstange'', oder die ''Raa'', welche quer vor dem Mastbaum hänget; daher der Verfasser die Seeleute in seine Allegorie hinein zieht.</ref> und der ''Nadel'': Ob aber solches geschehen, weil man ihn für einen Gott der See-Leute gehalten, oder wegen andern mystischen Eigenschaften, ist eine Sache die bis auf diese Stunde noch nicht genugsam ins Licht gesezet worden.

Die Anbeter dieser Gottheit hatten ferner auch ihre besondern Glaubensartikel, welche auf nachfolgendem Fundament zu beruhen schienen.

Sie sagten, die ganze Welt sey nichts anders als eine grosse vollständige Kleidung, wodurch alle und jede Dinge bekleidet werden. Die Erde werde bekleidet von der Luft, die Luft von den Sternen, und die Sternen von dein ''Primum mobile''. Betrachtet ihr, sagten sie, diese Erdkugel, so werdet ihr finden, daß sie eine völlige und wolgemachte Kleidung ist. Was ist wol dasjenige welches einige ''Land'' zu nennen pflegen, anders, als ein  feines ''Oberkleid'', grün aufgeschlagen? Oder die See, was ist sie anders als eine ''Weste'' von Wassertaffet? Gehet ihr fort zur Betrachtung besonderer Werke der Schöpfung, so werdet ihr finden, was für eine geschikte ''Meisterin'' die Natur in Ausstaffierung der ''Gewächse'' gewesen. Was für eine Stuzerperüque hat nicht das Haupt einer ''Buche''? Was für ein schönes Wammes von weißem
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Atlas umkleidet nicht eine ''Birche''? Und da die Welt so ein ''Macrovestis'' oder das grosse Kleid ist, was ist wol der Mensch selbst anders als ein ''Microvestis'', oder vielmehr eine ganze Kleidung mit aller zugehörigen Ausstaffierung? Was den Leib betrift, so wird solches wol niemand in Abrede seyn können. Wenn man aber auch die Eigenschaften der Seele untersuchet, so wird man finden, daß alle und jede das ihrige beytragen, eine ordentliche Kleidung auszumachen. Zum Exempel ist die Religion nicht ein ''Mantel''? die Redlichkeit ein ''paar Schuhe'', die im Koth ausgetreten worden? die Eigenliebe ein ''Surtout''? die Eitelkeit ein ''Hemd''? und das Gewissen ein ''par Hosen''? welche zwar zur Bedekung der Ueppigkeit, und der Unfläterey gemachet sind, aber auch sehr leicht zum Dienst beyder herunter gezogen werden.<ref>Dieses ist eine Satire wider die ''Heuchler'' und ''Fanatiker'', welche  die Religion und das Gewissen stets zum Dekmantel ihre Boßheit und Laster machen.</ref>

Diese Säze zugegeben, so folget ganz natürlich, daß diejenigen Substanzen, welche die Welt uneigentlich ''Kleider'' zu nennen pfleget, eigentlich und in der That die artigsten Thiere, (''Animalia'') oder noch weiter zu gehen, ''vernünftige'' Wesen,und würkliche ''Menschen'' sind. Denn es ist offenbar, daß sie leben, sich bewegen, schwazen, und alle andere menschlichen Verrichtungen vornehmen. Sind nicht Schönheit, Wiz, Mine, und gute Manieren ihre unzertrennliche Eigenschaften? Kurz,
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wir sehen nichts als sie, und hören nichts als sie. Sind nicht sie es; welche auf den Strassen herumgehen, welche die ''Parlaments''- und ''Caffehäuser'' anfüllen, welche den ''Schauspielen'' beywohnen, und die ''Hurenhäuser'' besuchen? Inzwischen leget man freylich dieser Art Geschöpfen, die man insgemein ''Kleider'' nennet, verschiedene Nammen bey, je nachdem sie auf diese oder eine andere Art zusammengesezet sind. Eine göldene Kette, ein scharlachenes Kleid, ein weisser Stab, und ein grosses Pferd heisset zusammen ein ''Lordmaire''. Ein auf gewisse Art gemachter Pelz, ein ''Richter''; und eine gewisse Verbindung von weissem Schleyer und schwarzem Atlas, wird ein ''Bischof'' genennet.

Andere Lehrer bey dieser Sekte, obschon sie, was das Haupt-System angehet, einerley Meinung
hatten, waren über gewisse besondere Punkte desselben noch spizfündiger: Sie behaupteten, der Mensch sey ein Geschöpfe, welches aus zwo ''Kleidungen'' zusammen gesezet sey; der '#natürlichen'', und der ''himmlischen'', wodurch sie Leib und Seele verstanden. Die Seele wäre das auswendige und der Leib das innwendige Kleid: Dies leztere käme ''ex traduce'', das erstere aber würde täglich erschaffen, und jenem umgeleget. Sie bewiesen diesen Saz aus der Schrift, denn da hiesse es, in ihm leben, weben und sind wir; und auch aus der Philosophie, weil nemlich diese Kleiderseele in dem ganze Leib ganz, und auch ganz in jedem Theil wäre: Und man trenne nur, fügten sie hinzu, diese beyde Theile von einander, so wird man finden, daß der Leib weiter nichts als ein Sinn- und
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Geschmakloser Körper ist, woraus denn klar erhellet, daß das auswendige Kleid nothwendig die Seele seyn muß.

Diesem ''Haupt-System'' wurden noch einige andere Lehren untergeordnet, und mit grossem Eifer betrieben. Wie denn z. Ex. die besondern Kräfte der Seele von den Gelehrten unter ihnen auf nachfolgende Weise erkläret wurden: ''Göldenes Stikwerk'' war ''vollkommener Wiz: Göldene Franzen, angenehmer Umgang; göldene Spizen, fertige und scharfsinnige Antworten''; eine dike lange ''Perüque, muntere Einfälle''; und ein Kleid voll ''Puder'' sinnreicher ''Scherz''. Wobey aber ein besonders guter Geschmak, und grosse ''Geschiklichkeit'' erfodert ward, jedes dieser Dinge mit Vortheil anzuwenden, und sich genau nach den Zeiten und Moden zu richten.

Ich habe diesen kurzen Begrif eines ''philosophischen'' und ''theologischen'' Systems, mit unglaublicher Mühe und nach vielem Lesen, aus alten Scribenten zusammen getragen. Dasselbe scheinet von einer Denkensart herzurühren, welche ganz besonder ist, und mit den Lehrarten der ''Alten'' und ''Neuern'' nichts gemein hat. Die Absicht aber welche ich dabey hatte, war nicht so fast, die Neugierigkeit des Lesers zu unterhalten oder zu stillen, als vielmehr demselben bey verschiedenen Umständen der folgenden Historie ein Licht anzuzünden, und zu machen, daß er vermittelst eines hinlänglichen Erkenntnisses von der Beschaffenheit der Gemüthsneigungen und Meinungen in einem so entfernten
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Weltalter, diejenigen grossen Begegnisse, welche nachgehends daraus entsprungen sind, desto besser begreifen möge. Daher ich den geerhrten Leser will erinnert haben, dasjenige was ich über diese Materie geschrieben habe, mit der äussersten Aufmerksamkeit mehr als einmal zu durchlesen, hiernächst aber die Feder meiner Historie wieder zur Hand nehme, und in meiner Erzehlung fortführe.

Der Glaube demnach an diese vorgemeldete Lehrsäze und ihre Ausübung, war unter den artigen und geschmakvollen Personen bey ''Hof'' so wol als in der ''Stadt'' so sehr allgemein, daß unsere drey Brüder nach ihren damaligen Umständen nicht wußten, was sie thun sollten: Denn auf der einen Seite trieben die drey vorhin benannten Frauenzimmer, an welche sie sich gewendet hatten, die herrschende Mode immer aufs höchste, und verabscheueten alles was nur ein Haar breit davon abgieng. Auf der andern Seite war ihres Vaters Testament sehr bestimmt, und enthielt noch dazu das ausdrükliche und mit den schwersten Strafen auf die Uebertretung verwahrete Gebot; sie sollten zu ihren Kleidern nicht einen Faden hinzu, noch davon thun, ohne ausdrücklichen Befehl dieses väterlichen lezten Willens. Nun waren zwar diese Kleider die ihr Vater ihnen hinterlassen hatte, von sehr schönem Tuch, und dabey so sauber genehet, daß man hätte schwören sollen, sie wären aus einem Stük; zugleich aber waren sie ganz schlecht, und bey
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nahe, oder gar ohne allen Zierrath:<ref>Dieses ist der wesentliche Charakter der christlichen Religion. ''Ammianus Marcellinus'', ein Heid, schreibet von ihr, ''Christiana Religio absoluta & simplex''. {{Idt}}W. Wotton.</ref> Inzwischen geschah, daß ehe sie noch einen Monat in der Stadt gelebet hatten, die Mode aufkam, grosse ''Axelbänder''<ref>Der erste weder zur Erbauung noch zum Wolstand dienende Prunk und Zierrath, der in die Kirche eingeführet ward, so wie Axelbänder ebenfalls weder Nuzen oder Symmetrie haben.</ref> zu tragen. So gleich trug alle Welt ''Axelbänder''. Niemand ließ sich vor dem Frauenzimmer sehen, ohne die gehörige Anzal ''Axelbänder''. Dem Kerl dort, schrie man, ''mangelt es gewiß an der Seele''; wo hat er die ''Axelbänder''? Eine betrübte Erfahrung lehrete die drey Brüder bald, was es wäre, keine ''Axelbänder'' zu tragen. Wo sie immer hinkamen, da wurden sie auf die empfindlichste Art darüber aufgezogen und beschimpfet: Kamen: sie in die ''Komödie'', so wies sie der Thürhüter auf die ''Groschengalerie''. Ruften sie einen Kahn herbey; gut sprach der Bootsmann, ''aber ihr werdet helfen rudern'': Kamen sie in ein ''Weinhaus''; ''hier schenkt man kein Bier'', rufte ihnen der Kellermeister zu. Wollten sie einer ''Dame'' die Aufwartung machen, so hielt sie der Diener vor dem Zimmer an: ''Wie weit ihr Herren, Wer seit ihr? was verlanget ihr? ich will es melden, und die Antwort gleich wieder heraus bringen''. In diesem unglüklichen Zustand säumten sie nicht ihres Vaters Testament zu Rathe zu ziehen, und durchlasen es einmal und
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mehrmal mit der grösten Aufmerksamkeit; ''sed altum silentium!'' Nicht ein Wort von den ''Axelbändern'': Was zu thun? Wie sollten die guten Leute sich helfen? Einerseits sollten sie dem väterlichen Willen schlechterdings gehorchen, anderseits konnten sie der ''Axelbander'' auch nicht entbehren. Endlich nach vielen Ueberlegungen sagte einer dieser Brüder, welcher gelehrter war als die zween andern, er hätte ein Mittel gefunden. ''Es ist wahr'', (sprach er) ''wir finden von den Axelbändern in dem Testament nichts totidem verbis, aber inclusive oder totidem syllabis werden sie doch wol darin stehen. Ich wette darauf!'' Diese Distinction gefiel ihnen allen sehr wol, und gleich nahmen sie das Testament wieder vor sich, und sahen nach; allein zum Unglük fand sich die zweyte Sylbe nirgends in der ganzen Schrift. Diese Begegniß sezte sie in Verlegenheit; doch der Urheber dieser ersten Erfindung faßte Muth, und ''lieben Brüder'', (sprach er,) ''noch ist gute Hofnung übrig: Finden wir gleich die Axelbänder nicht totidem verbis, noch auch totidem syllabis, so werden wir sie doch unfehlbar auf die dritte Art, totidem literis, in dem Testamente finden''. Dieser neue Einfall ward ebenfalls höchlich gebilliget, und gleich die Untersuchung angestellet, ob alle die Buchstaben A, x e, l, b, ä, n, d, e, r, in dem Testament befindlich wären.<ref>Die Kunst der Papisten die H. Schrift zu erklären.</ref> Allein ihr voriger Unstern wollte, daß wiederum etwas fehlen sollte. Der hatte es feindseliger Weise so geordnet; daß der zweyte Buchstaben, das '''x'' nirgend anzutrefen

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war. Dieses war keine geringe Schwierigkeit. Allein der ''Distinktionsbruder'', dessen Name hernach wird gemeldet werden, bewies (nachdem er nun einmal angefangen hatte,) aus sehr guten Gründen, daß das ''x''' ein neuer, unrechtmäßiger Buchstabe sey, der in den alten gelehrten Zeiten ganz unbekannt gewesen, und auch in keinen alten Handschriften angetrofen werde. Das ''x'' (sagte er,) sey nichts anders als ein geschmolzenes verdorbenes '''ch'''; so wie aus den Elementen des ''Eigendünkels und einer starken und dreisten Stimme'' etwa ein Regent oder Beamter zusammen fliesset. '''Ch.''' sey die rechte Schreibart, so müsse man auch aussprechen, und nicht '''x'''. Die Sprache werde dadurch verdorben, und er wolle sich alle Mühe geben, daß dieser Bastart vertrieben, und künftig wieder '''ch''' geschrieben und gesprochen werde. Auf diese Vorstellung hin verschwand alle Schwierigkeit. Es war klar, daß die ''Achselbänder jure paterno''<ref>D. i. Jure divino.</ref> erlaubt wären, und unsere drey ''Cavaliere'' stolzirten nunmehr mit ''breiten'' und ''fliegenden Achselbändern'' so gut als die ''Vornehmsten'' in der Stadt.

Gleich wie aber die menschliche Glükseligkeit von sehr kurzer Dauer ist, eben also war es damals auch mit den Moden beschaffen; von welchen diese Glükseligkeit gänzlich abhängt. Die ''Achselbänder'' hatten ihre gewisse Zeit, und schon müssen wir sie uns in ihrem Abnehmen vorstellen. Denn so eben kam ein gewisser ''Lord'' aus ''Paris'', der
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wol fünfzig Ellen ''göldene Spizen'' auf seinem Kleide trug, genau nach der ''Hofmode'' desselbigen Monats aufgesezet. In zween Tagen trug jedermann ''göldene Spizen''. Sich ohne diese Ehrbezeugung sehen zu lassen, war eben so anstössig, als wenn einer den blossen H- - - - zeigen wollte, und von dem Frauenzimmer ward er wol eben so übel aufgenommen. Was sollten unsere drey ''Cavaliere'' bey diesem wichtigen Vorfall anfangen? Sie hatten in Ansehung der ''Achselbänder'' dem väterlichen Testament bereits ziemliche Gewalt angethan: Ueber diesen neuen Punkt fand sich wiederum kein Wort darinn. ''Die Achselbänder'' waren endlich mehr nicht als ein kleiner äusserlicher Umstand, allein die ''Goldspizen'' schienen eine allzubeträchtliche Veränderung zu verursachen: Sie hiengen ''aliquo modo'' an dem ''Wesen der Sache''; und erfoderten daher einen ausdrüklichen Befehl. Zum Glük hatte der öfters angeführte Bruder, um dieselbe Zeit so eben des ''Aristoteles Dialectic'', und insonderheit das vortrefliche Capitel ''de interpretatione''<ref group="WS">''Vorlage'' interpretatioone:</ref>  gelesen, welches den Leser die Kunst lehret, in jedem Scribenten einen Sinn zu finden, nur den wahren nicht; so wie bey den Auslegern der Weissagungen geschiehet, welche die Propheten erklären, ''ohne ein Wort von dem Text zu verstehen'': ''Brüder'' (sprach er,) ihr müßt wissen ''Testamentorum duo sunt genera. Nuncupatorium, & scriptorium''; in dem ''geschriebenen Testament'', welches wir hier vor uns haben, finden wir kein Gebot, noch Meldung von ''goldenen Spizen''; ''conceditur'', aber ''si idem affimentur de Nuncupatorio negatur'': Denn ''lieben Brüder'', ihr werdet
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euch doch noch wol erinnern, wie wir einmal in unserer Jugend einen sagen gehört, er hätte von dem Bedienten meines Vaters gehört, daß er meinen Vater sagen gehört, er, wollte seinen Söhnen anrathen, Goldspizen auf ihren Kleidern zu tragen, so bald sie nur Gelds genung bekommen könnten, solche anzuschaffen.<ref>Der Autor spottet hier der sogenannten Traditionen, oder der papistischen Aufsäze, welche die Papisten das ungeschriebene Wort GOttes nennen, und aus welchem sie ihre abergläubischen Gebräuche beweisen wollen. Dieser Beweis kömmt auf nichts anders heraus, als daß sie ihre Vorfahren hätten sagen gehört, wie diese von ihren Eltern gehöret, daß ihre Eltern auch hätten sagen gehört, wie ihre Vorfahren es hätten sagen gehört, daß die Apostel dieses sollten gesagt haben.</ref> Bey meiner Ehre, (sprach der zweyte Bruder,) das ist wahr, und der dritte, ich erinnere mich dessen ganz eigentlich. Hierauf kauften sie sich ohne weitres Bedenken die ''reichesten Goldspizen'', und prangeten damit wie ''Lords''.

Eine zeitlang darauf, ward (alles zum Behuf der Mode) eine Art ''Feuerrothen Atlas''  erfunden, die Kleider damit zu ''futtern''; wovon ein Kaufmann unsern drey ''Cavallieren'' so gleich ein Muster überbrachte: Gefällt ihnen etwas hievon ihr Herren?  Milord C- - - - und Sir J. W. haben von diesem nemlichen Stük noch gestern Abends zu ihrem Futter genommen. Es gehet reissend ab, und ich weiß gewiß, daß ich morgen früh um zehen Uhr nicht so viel übrig haben werde, als ich zu einem Nadelküssen für meine
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Frau brauche. Hierauf durchsuchten sie das Testament abermals, angesehen der gegenwärtige Fall
ebenfalls ein ausdrükliches Gebot erfoderte, indem das Futter von ''Orthodoxen'' Scribenten, für einen wesentlichen Theil des Kleides gehalten wird. Nach langem Suchen konnten sie nichts finden, das in diese Materie einschlüge, als nur eine kurze Erinnerung wegen des Feuers gute Sorge zu tragen,<ref>D. i. Sie sollten sich vor der Hölle in acht nehmen, und deswegen das Feuer ihrer Lüste dämmen; vermuthlich zielet der Verfasser hier auf eine gewisse Stelle Petri, welche die Papisten ihr Fegfeuer zu beweisen, mißbrauchen. Das Codicill welches der gelehrte Bruder dem Testament angehänget hat, sind die ''Apocryphischen'' Bücher welche die Römische Kirche für ''Canonisch'' erkläret hat, weil es in ihren Kram dienet. Um es desto verständlicher zu machen daß er diese Bücher verstehe, zielet er in der Allegorie auf eine Stelle des Buche Tobias, da von desselben Hunde Meldung geschiehet. Man muß aber deswegen die Stellen welche die Papisten auf das Fegfeuer ziehen, eben nicht nothwendig in diesem Buch suchen. Der Verfasser hat hiedurch nur die Arocryphischen Bücher überhaupt andeuten wollen. In den Büchern der Maccabäer kömmt hingegen etwas vor, woraus sie ihre Gebete für die Todten zu erweisen meynen.</ref> und ihre ''Lichter'' ehe sie zu Bette gingen, fleissig auszulöschen. Ob dieses nun gleich ihr Vorhaben merklich erleichterte, und ihre Ueberzeugung gar sehr befödern half, so schien es doch nicht die Kraft eines ausdrüklichen Gebotes zu haben; und weil der gelehrte Bruder entschlossen war, einmal alle fernere Zweifel und alle Gelegenheit



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zu einigem Anstoß aus dem Wege zu räumen, so sagte er abermals: Ich erinnere mich, Testamente gelesen zu haben, darinn stets eines angehängte Codicills gedacht wird, welches in der That ein Theil des Testaments selbst ausmachet, und was in dem Codicille stehet, hat gleiche Gültigkeit mit alle dem übrigen. Nun habe ich dies unser Testament hier betrachtet, und kann nicht finden, daß solches vollständig sey, weil ihm das nöthige Codicill fehlet. Ich will deswegen eines geschikt daran anheften. Ich habe es schon seit einiger Zeit in Bereitschaft gehalten. Ein Hundswärter von meinem sel. Grosvater hat es geschrieben, und zum Glüke handelt es weitläuftig von eben diesem feuerrothen Atlas. So gleich ward der Vorschlag von den zween andern Brüdern gutgeheissen. Man leimte ein Stük ''Pergamen'' in Form eines ''Codicills'' kunstmäßig an das Testament, und der ''Atlas'' ward eingekauft und getragen.

Den folgenden Winter spielte ein ''Komödiant'', der von den ''Franzenmachern'' hiezu war erkauft worden, in einem neuen Lustspiel seine Rolle, über und über mit Silberfranzen bedeket, und machte hierdurch nach löblicher Gewohnheit diese Tracht zur Mode.<ref>Fernere Einführung des Kleiderprachts und der Kirchen-Zierrathen.</ref> Hierüber zogen unsere drey Brüder ihres Vaters Testament abermals zu Rathe, und fanden zu ihrer grossen Bestürzung diese Worte darinn: ''Desgleichen ist mein ernstlicher Wille und Gebot, daß gedachte meine drey''
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''Söhne durchaus keine Silberfranzen weder auf noch an ihren Kleidern tragen''. Und auf die Uebertrettung dieses Gebots war eine Strafe gesezet, welche hier beyzufügen, zu weitläuftig seyn würde: Nach einer kleinen Weile besann sich der wegen seiner Gelehrsamkeit schon öfters gerühmte Bruder; und gleichwie er in der ''Critik'' gar sehr erfahren war, also sagte er, er hätte in einem gewissen Scribenten, welchen er nicht nennen wollte, gefunden, daß das Wort ''Franzen'', so in dem Testament stühnde, auch einen ''Besemstiel''<ref>Der Verfasser lachet hier den vielfältigen Unterschied aus, welchen die Papisten von dem Sinne der H. Schrift zu machen pflegen. Ingleichen verspottet er ihren Köhlerglauben und die Macht des Papsts.</ref> bedeute, und diese Bedeutung mußte es sonder Zweifel auch in der angeführten Stelle des Testaments haben: Diese Erklärung wollte einem von den zween Brüdern wegen des Beyworts ''Silber'' nicht anstehen, als welches (sagte er) nach meinem geringen Bedunken, eigentlich zu reden, von einem ''Besenstiel'' nicht wol gebraucht werden kann. Allein man antwortete ihm, das Wort ''Silber'' müsse in einem ''mythologischen'' und ''allegorischen'' Verstand genommen werden. Indessen machte jener einen neuen Einwurf, und sagte, er könnte aber doch nicht begreifen, warum der Vater ihnen sollte verboten haben, einen ''Besenstiel'' auf ihren Kleidern zu tragen, indem solches ein ganz unnöthiges und unschikliches Verbott zu seyn schiene. Worauf alle Antwort darinn bestand: daß man ihn ausschalt, als einen der nicht mit gehöriger
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Ehrerbietung von einem ''Geheimniß'' rede, welches sonder Zweifel sehr nüzlich und von grosser Bedeutung wäre, aber auch nicht vorwizig wollte durchsuchet, oder naseweise exraisonniert werden. Und kurz, nachdem die Autorität des Vaters schon tief genung herunter gekommen war, so ward die Erklärung angenommen, und die drey Bruder glaubten vermöge derselben berechtiget zu seyn, so viel ''Silberfranzen'' zu tragen als sie nur wollten.

Einige Zeit hernach, kam eine alte Mode<ref>Die Anbettung der Bilder, welche mit der ehemaligen Vielgötterey der Heiden übereinkömmt. Die Papisten wollen solche entschuldigen, wenn sie sagen, sie erzeigten ihnen gar nicht einen solchen Dienst, welcher den Juden so ernstlich von GOtt wäre verbotten worden.</ref> wieder auf, die längst abgeschaffet war. Man ''stikte'' nemlich allerley ''Indianische Figuren'', von ''Männern, Weibern'' und ''Kindern'' auf die ''Kleider''. Hier erinnerten sie sich nur gar zu wol wie sehr ihr Vater diese Mode jederzeit verabscheuet hatte, also daß er verschiedene Stellen in das Testament einfliessen lassen, worinn er den äussersten Widerwillen gegen dieselbe zeiget, und seine Söhne auf ewig verfluchet, wenn sie dieselbe jemals mitmachen würden. Dessen ungeachtet waren kaum einige Tage vergangen, da sie es den vornemsten in der Stadt zuvor thaten. Sie löseten aber den Knoten damit auf, daß sie sagten: Dieses wären nicht ''eben dieselben'' Figuren, welche ehedem getragen<ref group="WS">''Vorlage'': gegetragen</ref>  worden, und in dem Testament gemeinet wären. Und nebst diesem trügen sie dieselben auch

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nicht in dem Verstand, in welchem ihr Vater sie verboten hatte, sondern nur in so fern diese Mode eine löbliche und für das Publicum höchst nüzliche Gewohnheit wäre. Daher diese scharfe Clauseln in dem Testament mit ''Beding'' erkläret, und ''cum grano salis'' müssen verstanden werden. 

Als aber die Moden zu derselbigen Zelt sich gar zu oft abänderten, ward der gelehrte Bruder endlich müde, fernere Ausflüchte zu ersinnen, und das stete Einwenden zu widerlegen. Nachdem also beschlossen war, alle und jede Moden, es koste was es wolle, mitzumachen, verabredeten sich die drey Brüder, und wurden eins, ihres Vaters Testament in einen ''festen Kasten''<ref>Das Verbot, dem gemeinen Volk die H. Schrift in die Hände zu geben. Der Verfasser sagt, daß der feste Kasten darein die Brüder einig geworden, ihres Vaters Testament zu verschliessen, aus Griechenland oder Italien gebracht worden, weil das N. T. in der Griechischen, und die Vulgata in der Lateinischen Sprache geschrieben sind.</ref> welcher aus ''Griechenland'' oder ''Italien'', ich weiß es nicht eigentlich mehr, war gebracht worden, zu verschliessen, und sich mit vielem Nachsuchen nicht weiter abzugeben, sondern nur dennzumal darauf zu appelliren, wenn sie es nüzlich fänden.

Dem zufolge als hernach die Mode entstand, eine Menge ''Nestel''<ref>Allerley Gebräuche, welche die Römische Kirche aus eigener Macht eingeführet hat.</ref>  zu tragen, die meistens von ''Silber'' waren, that der gelehrte Bruder den Ausspruch ''ex Cathedra; Nestel'' zu tragen wäre ihnen ''jure paterno'' ausdrüklich erlaubet; die beyden
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andern Brüder würden sich dessen ja wol erinnern. Zwar wollte die Mode haben, daß sie diesfalls etwas mehr an die Sache thäten als in dem Testament ausgedrükt stühnde: Allein sie hätten, als die einzigen und völligen Erben ihres Vaters die Macht, zum allgemeinen Besten einige Clauseln beyzufügen, wenn sie gleich nicht ''totidem verbis'' in dem Testament zu finden wären; anders wurde man vielen ''ungereimten Folgerungen Plaz geben müssen''. Dieser Bescheid ward für ''Canonisch'' angenommen, und also kamen sie den folgenden Sonntag mit ''Nesteln'' ganz überdeket in die Kirche.

Nunmehro ward der öfters gemeldete Bruder für den gelehrtesten Mann in dergleichen Sachen gehalten, und der die beste Anleitung in diesem ''Studio'' zu geben wußte. Daher er als seine Sachen etwas zurük gierigen, so glüklich war, daß ein ''gewisser<ref>Die römischen Kayser, welche die Päpste in Schuz nahmen, und besonders Constantin der Grosse von welchem die Päpste vorgeben, eine Donation von St. Peters Patrimonio erhalten zu haben. Sie sezten sich in der Kayserlichen Hauptstadt vest, und richteten daselbst ihr eigenes Reich auf.</ref> Lord'' ihn in sein Haus aufnahm, seine Kinder zu unterrichten. Eine Weile darauf starb der ''Lord'', und die lange ''Praxis'' welche dieser Bruder in Ansehung des väterlichen Testaments hatte, machete ihn geschikt genung, des verstorbenen Haus durch einen unterschobenen ''Abtrettungs-Vergliech'' an sich und seine Erben zu bringen. Er nahm auch wirklich Besiz davon, jagte die jungen Herren aus, und nahm an ihrer statt seine Brüder zu sich.


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{{LineCenterSize|100|20|'''Dritter Abschnitt.'''}}
{{Center|Eine kurze Ausschweifung über die Herren Criticos.}}

Obschon ich bisher alle mögliche Vorsicht angewendet, bey jeder Gelegenheit auf das genaueste den Regeln und der Schreibart zu folgen, welche unsere berühmte ''Neuere'' in ihren Schriften zu beobachten pflegen; so hat mich doch mein kurzes Gedächtniß zu einem Fehler verleitet, wovon ich mich vor allen Dingen entledigen muß, ehe ich mit Anständigkeit in meiner Hauptmaterie fortfahren kann. Ich gestehe nemlich zu meiner Schande, es ist eine unverantwortliche Nachläßigkeit, daß ich in meinem Werke schon so weit fortgefahren bin, ohne mich zu ''Ihro Gnaden'' den Herren ''Criticis'' zu wenden, und mit den gehörigen Schmähdiscursen, Suppliquen'' und ''Abbitten'' bey ihnen einzukommen. Damit ich aber diese grobe Scharte einiger massen wieder auswezen möge, so erkühne ich mich mit aller Demuth, Ihnen hiemit eine kurze Abhandlung von ''Ihnen selbst'' und ihrer ''Kunst'' zu überreichen, worinn ich dem Ursprung und der Abstammung
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ihres Nammens, so wie das Wort unter uns insgemein genommen wird, nachspüre, und hernach den Zustand dieser Wissenschaft in den ältern und heutigen Zeiten kürzlich durchgehe.

Durch die ''Criticos'', (ein Wort, das heut zu Tage bey allen Gesprächen so sehr gemein ist) hat man, wie ich in alten Büchern und Tractätgen gelesen, vor Zeiten dreyerley gar sehr verschiedene Arten von Leuten verstanden: Denn erstlich wurden mit diesem Nammen solche Personen beleget, welche so wol für sich selbst, als auch für andere, gewisse Regeln erfanden, und in Schrift verfasseten, durch deren Beobachtung ein aufmerksamer Leser geschikt seyn möchte, von den Schriften der Gelehrten aus eigenem Geschmak und Empfindung dessen was ''sublim'' und ''vortref1ich'' ist, zu urtheilen; und die wahren Schönheiten der Sache so wol als der Schreibart, von einer blossen und elenden Nachäffung derselben zu unterscheiden. Diese Leute pflegten bey Durchlesung der Bücher, die Fehler und Mängel derselben behutsam abzusondern, und was sie verdrüßliches, gekünsteltes, dummes und abgeschmaktes enthielten, wol zu bemerken; so wie einer der zu ''Edimburg'' des Morgens durch die Strassen gehet, alle mögliche Vorsicht brauchet, und den Unflath den er auf seinem Wege antrift, ausspähet, nicht daß er die Farbe und Beschaffenheit desselben untersuchen, oder ihn ausmessen, vielweniger darein treten, oder ihn kosten wolle, sondern einzig, damit er so reinlich hindurch komme
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als möglich ist.<ref>Es hat das Ansehen, daß der Verfasser viele heutige Criticos, besonders unter den jungen Herren ''Magistris legentibus'', durch seine Satire spät bereden wird, zu diesen alten Criticis über zu gehen. Sie naschen lieber im ''Dr - -'' den sie finden, und wenn sie ihn nicht finden, so tragen sie ihn wizig anders woher herbey, damit sie die Lust nicht missen müssen, darein zu treten. Ein Buch anderst zu lesen als nur in der Absicht Fehler zu entdeken, haben sie nie gelernet; und kaum entdeken sie, daß ein Scribent da oder dort etwas lächerliches oder ungereimtes gesagt hat, so ist ihnen gleich der ''ganze Mann'' und die ''ganze Schrift'' lächerlich. Das sind verächtliche Lumpen. Chacun (sagt Bayle) scait que les Epithethes, qui denotent une bonne ou une mauvaise qualité,  n’appartiennent qu’à ceux qui par la frequente reiteracion des mémes actes ont contracté une bonne ou une mauvaise habitude. De forte qu’il n’y a rien de plus malhonnête, ni de plus illegitime, que ce que font les Ecrivains emportez, qui n’ont pas plûtot trouvé dans le livre qu’ils refutent une pro position destituée de bon sens, qu’ils traitent l’Auteur de fou, d’insensé, de ridicule, d’homme qui n’a pas le sens commun. Nouv. Lettr. Tom. I. p. 155.</ref> Diese Leute scheinen das Wort ''Criticus'', wiewol ganz irrig, in einem ''buchstäblichen'' Verstand genommen zu haben. Sie scheinen ferner geglaubet zu haben, das Amt eines solchen bestehe hauptsächlich darinn, daß er lobe was zu loben ist, und den Verdiensten der Scribenten ihr Recht wiederfahren lasse; und daß ein ''Criticus'', der nur deswegen Bücher lieset, damit er Gelegenheit finden möge, zu tadeln und zu schelten,eine eben so barbarische Creatur wäre, als ein Richter, der sich entschlösse, ohne Unterscheid alle die vor seinen Richterstul kämen, gleich hängen zu lassen.

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''Zum andern'', hat man durch die ''Criticos'' diejenigen Personen verstanden, welche die alte Gelehrsamkeit wieder aus dem Grabe hervor gezogen, von den Würmern errettet, und die alten Handschriften von dem Staub gereiniget haben.

Es sind aber diese beyde Arten von ''Criticis'' schon vor einigen Jahrhunderten ganz  ausgestorben; und es würde auch sonst nicht zu meinem Zwek dienen, wenn ich mich weitläuftiger über dieselben aufhalten wollte.

Die dritte und edelste Gattung sind die ''wahren Critici'', deren Adel auch weit der älteste ist. Jeder wahre Criticus ist nemlich ein geborner ''Heros'', und stammet in gerader Linie durch ''Momus'' und ''Hybris'' von einem himmlischen Geschlechte. ''Momus'' zeugete den ''Zoilus, Zoilus'' zeugete den ''Tigellius, Tigellius'' zeugete ''Et caetera'' den ersten dieses Namens, ''Et caetera'' zeugete ''Bentley, Rymer, Wotton, Perrault'', und ''Dennis; Dennis'' zeugete ''Et caetera'' den ''Zweyten''.

Und dieses sind diejenigen ''Critici'', von welchen die gelehrte Welt zu allen Zeiten so unermeßliche Wolthaten empfangen hat, daß die Dankbarkeit ihrer Bewunderer sie deswegen auch vom Himmel hergeleitet, und denen gleich geschäzet hat, welche ein ''Hercules, Theseus, Perseus'' und andere grosse Wolthäter des menschlichen Geschlechts, der Welt erwiesen haben. Allein es ist leider an dem, daß auch eine mehr als menschliche Tugend den Verleumdungen böser Zungen unterworfen ist.
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Denn man hat vorgegeben, daß diese Alten wegen ihrer Kriege mit den ''Riesen, Drachen'', und ''Räubern'', so sehr berühmte Helden, in Ansehung ihrer eigenen Personen, dem menschlichen Geschlechte viel schädlicher gewesen, als alle die ''Ungeheuer'' welche die erleget haben. Daher sie (sagt man,) die Verpflichtung welche man ihnen hatte, noch vollkommener würden qemachet haben, wenn sie nach vollbrachter Ausrottung alles andern Ungeziefers, es ihre Schuldigkeit zu seyn erachtet hätten, eben dieselbe Schärfe des Rechts gegen sich selbst zu gebrauchen. ''Hercules'' hat dieses auf eine großmüthige Art gethan, und sich dadurch weit mehrere Tempel und Opfer erworben, als die vornehmsten seiner Mitgesellen. Und daher mag es denn meines wenigen Erachtens auch kommen, daß einige dafür gehalten haben, es würde für die Gelehrsamkeit sehr ersprießlich seyn, wenn jeder ''wahre Criticus'' so bald er sein vorgeseztes Werk zu Ende gebracht, eine gute Portion ''Rattenpulver nähme, oder sich die Kehle zuzuschnüren, oder den Hals zu brechen belieben wollte''; und daß aller Anspruch den einer auf die Ehre dieser so ruhmvollen Benennung immer machen möchte, durchaus ungültig seyn sollte, so lang er diese ''Operation'' nicht vorgenommen hätte.

Nun aus diesem himmlischen Ursprung der ''Critic'', und aus der ganz besondern Aehnlichkeit, welche sie mit den Tugenden vorgedachter ''Halbgötter'' hat, läßt sich auch leicht bestimmen, worinn eigentlich das Amt eines ''wahren'' und ''ächten Critici'' bestehe. Er muß nemlich diese ganze grosse
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Bücherwelt durchreisen, die in den Schriften der Autoren befindliche Ungeheuer von Irrthümern jägermaßig aufsuchen und verfolgen, die verborgenen Fehler aus ihren Löchern hervorziehen, wie den ''Cacus'' aus seiner Höle. Er muß sie vervielfältitigen gleich den Köpfen der ''Hydrá'', und sie auf einen Haufen zusammen scharren, wie den Mist aus dem Stall des ''Augias'': Oder er muß eine Art ''gefährlicher Vogel'' wegscheuhen, welche die verkehrte Begierde haben, die besten Zweige von dem Baum des Erkenntnisses zu plündern, gleich den ''Stymphalischen'' Vögeln, welche die Frucht auffrassen.

Und dieses alles führet uns endlich auf die rechte und eigentliche Beschreibung eines ''wahren
Critici''. Sie ist diese: Ein wahrer ''Criticus'' ist eine Person, ''welche die Fehler der Scribenten entdeket und sammelt'': Welches noch ferner durch folgenden Beweis unwidersprechlich kan dargethan werden. Wer immer die Schriften von allen Arten, womit diese alte Sekte die Welt beehret hat, untersuchet, der wird so gleich aus der ganzen Anlage und dem Innhalt derselben finden, daß die Gedanken ihrer Verfasser gänzlich und allein mit den Fehlern, Mängeln, Nachläßigkeiten und Irrtümern anderer Scribenten beschäftiget sind. Und es sey auch die Materie so sie verhandeln, welche sie wolle, so bleibt ihre Einbildung doch immer von den Fehlern anderer Schriftsteller so sehr eingenommen und angefüllet, daß die ''Quintessenz'' des ''Elenden'' so sie anmerken, nothwendig in ihre eigene Schriften herab distillirt; dergestalt daß das
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Ganze einem nicht anders vorkömmt, als ein ''Abstractum'', oder Auszug derjenigen Fehler, welche sie selbst ''critisiert'' haben.

Nachdem wir also kürzlich den Ursprung und das Amt eines ''Critici'' nach dem gemeinsten und edelsten Sinn, darinn das Wort genommen wird, betrachtet haben; so gehe ich ist weiter, diejenigen zu widerlegen, welche das ''Stillschweigen'' der Scribenten anführen, und daraus beweisen wollen, daß die nemliche ''Critic'', wie sie izt gebrauchet wird, und von mir ist erklärt worden, etwas ganz neues sey, und daß folglich unsere ''Großbritannische'' und ''Französische'' Herren ''Critici'' bey weitem nicht von so altem und vornehmem Adel herstammen, als ich behauptet habe. Nun wenn ich im Gegentheil klar werde erweisen können, daß die alten Scribenten beydes die Person und das Amt eines ''wahren Critici'' eben so wie ich in meiner Beschreibung gethan, erkläret haben, so wird ihre grosse von dem ''Stillschweigen'' der Autoren hergenommene Einwendung zu Boden fallen.

Ich gestehe, ich habe auch selbst eine lange Zeit in diesem allgeme1nen Irrtum gesteket, und würde mich aus demselben wol nimmer heraus gewikelt haben, wenn es nicht durch den Beystand unserer berühmten ''Neuern'' geschehen wäre, deren erbauliche Schriften ich mir, und meinem Vaterlande zum Besten, Tag und Nacht mit unermüdetetem Fleiß durchblättere. Sie sind es nemlich, die mit unbeschreiblicher Mühe manche nüzliche Untersuchung
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angestellet, die schwachen Seiten der Alten auszuspüren, und uns ein weitläuftiges Register derselben gegeben haben. Sie, die nebst diesem unwidersprechlich dargethan haben, daß die sinnreichesten und artigsten Dinge, welche die ''Alten'' vorgebracht, lange seither von viel ''spätern Scribenten'' seyen erfunden, und ans Licht gebracht worden. Und daß die vortreflichsten Entdekungen welche diese ''Alten'' jemals in der ''Natur'' oder ''Kunst'' gemachet, alle insgesamt von unsern iztlebenden ''Genien'' der Welt seyen dargeleget worden. Welches denn klärlich zeiget, wie wenig Anspruch diese ''Alten'' auf Verdienste machen können, und die blinde Hochachtung gänzlich aufhebet, welche einige Schulfüchsische ''Ofenbrüter'', die unglüklich genung sind, sich zu wenig mit ''neuern'' Sachen bekannt zu machen, für sie hegen.

Nachdem ich dieses alles überleget, und anbey die Natur des menschlichen Gemüths in Erwegung gezogen, so bin ich ganz natürlich auf die Gedanken gerathen, diese ''Alten'', welche sich ihrer Unvollkommenheiten sonder Zweifel sehr wol bewußt gewesen, müssen nothwendig in ihre Schriften hin und wieder haben Stellen einfliessen lassen, wodurch sie nach dem Exempel ihrer Vorgänger der ''Neuern'', der Tadelsucht des Lesers entweder durch ''Satyren'' oder ''Lobreden'' auf die ''Criticos'', vorzubeugen, oder ihn einzunehmen, und von der Hauptsache abzuführen suchen. Und weil ich in den ''Locis communibus'' der Satyren und Lobreden auf die ''Criticos'', vermittelst langen Studierens in den ''Vorreden'' und ''Zuschriften'' genugsam
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erfahren bin, so hatte ich so gleich den Entschluß gefasset, nachzusehen, was ich durch fleißiges Lesen der ältesten Scribenten, und vornemlich derer, die von den frühesten Zeiten handeln, hievon entdeken möchte. Hier fand ich nun zu meiner grösten Verwunderung, daß obschon sie alle, bey Gelegenheit sich in ganz besondere Beschreibungen eines ''wahren Critici'' eingelassen, und dieselben je nach der Furcht und Hofnung darinn sie standen, eingerichtet hatten, doch alles was sie hievon berühret, mit der grösten Behutsamkeit geschrieben ist, dergestalt, daß sie alles bloß in ''Fabeln'' und ''Hieroglyphische Sinnbilder'' versteken. Und eben dieses ist sonder Zweifel auch der Grund, warum flüchtige Leser das Stillschweigen der Scribenten als einen Einwurf wider das Alter der ''ächten Critiker'' angeben, obschon die angebrachten Bilder so schiklich, und ihre Bedeutungen so natürlich und handgreiflich sind, daß man schwerlich begreifen kann, wie Leser von ''neuerm Geschmak und neuern Augen'', sie übersehen können. Ich will von der grossen Menge dieser Bilder nur einige wenige anführen, und hiedurch verhoffentlich die Sache ausser allen Zweifel sezen.

Es ist merkwürdig, daß diese ''alten Scribenten'', indem sie so ''Enigmatisch'' von der Sache handeln, doch alle auf einerley ''Hieroglyphe'' gefallen sind, und nur in einigen historischen Umständen von einander abgehen, je nach dem sie von ihren Neigungen und Wiz zu diesem Unterscheid sind verleitet worden. ''Pausanias'' hält dafür, daß man die Kunst wol zu schreiben, einzig
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den ''Criticis'' zu danken habe. Und daß er hiedurch niemand anders als die ''ächten Criticos'' verstehe, ist meines Erachtens klar genung, wenn man die folgende Beschreibung lieset, welche er von ihnen giebt.<ref>In dem - - - Buch.</ref> ''Dieses'', (sagt er) ''sind gewisse Menschen die Vergnügen daran finden, daß sie das überflüßige und die Excrescenzen der Bücher abbeissen. Und nachdem die Gelehrten solches endlich wahrgenommen, haben sie beschlossen künftig selbst die faulen, erstorbenen saftlosen, und auch die allzugeilen Zweige von ihren Werken abzuschneiden''. Dieß alles nun versteket er sehr künstlich in die nachfolgende Allegorie: ''Die Nauplier in Argien'' (saqt er) ''haben die Kunst ihre Weinstöke zu beschneiden von den Eseln gelernet, indem sie bemerket daß wenn ein Esel einen Reben abgefressen, solcher hernach viel schöner getrieben, und auch viel bessere Früchte getragen hat. Herodotus''<ref>In dem 4. Buch.</ref> der sich eben dieses Gleichnisses bedienet, spricht von der Sache noch deutlicher und bey nahe ganz ausdrüklich. Er ist nemlich kühn genung, die ''achten Criticos'' der Unwissenheit und Bosheit anzuklagen, indem er uns offenbar (denn meines Bedunkens konnte wol nichts klarers seyn,) erzehlet, daß es in den ''westlichen Gegenden'' Lybiens, ''Esel'' mit ''Hörnern'' gebe Welches ''Ctesias'' noch mehr erläutert, wenn er von eben dergleichen Thieren in ''Indien'' folgende Nachricht giebt: ''An statt daß alle andern Esel gar keine Galle haben, so findet sie sich hingegen bey diesen gehörnten Eseln in solchem''
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''Ueberfluß, daß man ihr Fleisch nicht geniessen kann, weil es allzu bitter ist''.

Indessen war die Ursach warum diese alten Scribenten nur figürlich und durch Bilder hievon gesprochen, wol keine andere, als daß sie sich fürchteten, eine so mächtige und schrekliche Partey wie die damaligen ''Critici'' waren, öffentlich und gerade zu anzugreifen. Angesehen auch bloß der Schall ihrer Stimme so gar fürchterlich war, daß ganze Legionen Scribenten davor würden gezittert, und ihre Federn aus den Händen haben fallen lassen. Denn so erzehlet uns ''Herodotus'' in einer andern Stelle ausdrüklich, daß ''einst eine ganze grosse Scythische Armee, durch ein panisches Schreken von dem Geschrey eines Esels in die Flucht getrieben worden sey''. Daher kömmt es denn auch, daß einige tiefsinnige ''Philologi'' vermuthen, daß die grosse Furcht und Ehrerbietung, welche unsere ''Großbrittannische'' Scribenten vor einem ''ächten Criticus'' haben, von unsern ''Scythischen'' Vorfahren bis auf uns sey fortgepflanzet worden. Kurz, diese Furcht war so allgemein, daß mit Verlauf der Zeit diejenigen, welche ihre Gedanken durch Beschreibung der ''Criticorum'' ihrer Zeiten gern freymüthiger entdeket hätten, sich genöthiget sahen, das bisher gebrauchte ''Hieroglyphe'' wegzulassen, weil es die Sache gar zu merklich vorstellete; und sich solcher ''Figuren'' zu bedienen, die behutsamer und dünkler waren. So getrauet sich ''Diodorus'' wenn er von eben dieser Materie spricht, nicht etwas mehrers zu sagen, als daß ''auf den Hügeln des Helicons, eine gewisses Unkraut wachse,''
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''dessen Blüthe so abscheulich stinke, daß es alle die daran riechen, vergifte''. Und auf gleichen Fuß schreibet auch ''Lucretius''.

<poem>Est etiam in magnis Heliconis montibus arbos,
Floris odore hominem retro consueta necare.
{{Idt2|200}}Lib. 6.</poem>

Hingegen war ''Ctesias'' den wir vorhin angezogen, schon beherzter. Die ''ächten Critici'' seiner Zeit hatten ihn sehr scharf mitgenommen, und daher konnte er sich nicht enthalten, wenigstens der Nachwelt ein starkes Denkmal seiner Rache gegen die sämtliche Zunft ''zu hinterlassen''. Seine Meinung ist so klar, daß mich wundert, wie es möglich gewesen, daß die, welche den ''ächten Criticis'' ihr Alterthum absprechen, sie nicht eingesehen haben. Denn da er das Ansehen haben will, verschiedene selzame ''indianische'' Thiere zu beschreiben, so bedienet er sich unter anderm folgender merkwürdigen Worte: ''Es giebt hier auch eine Art Schlangen, welche keine Zäne haben, und daher nicht beissen können. Ihr Gespey aber, wozu sie von Natur sehr geneiget sind, ist so beissend und fressend,  daß alles worauf es nur fället, so gleich verderben muß. Diese Schlangen werden gemeiniglich an den Bergen gefunden, auf welchen die Edelgesteine wachsen: und sie lassen öfters eine vergiftete Feuchtigkeit von sich, daß wer darab trinket, dessen Gehirn sogleich durch die Naselöcher weggehet''. 

Es gab noch eine ''Art Critiker'' bey den ''Alten'', welche zwar der Gattung nach von den vorgedachten
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nicht unterschieden waren, wol aber der Grösse und den Graden nach. Es scheinet, daß diese bloß die ''Tyrones'' oder ''Schüler'' der erstern waren; weil sie aber ihre besondere Verrichtungen hatten, so wird ihrer öfters als einer eigenen Sekte gedacht. Die Uebung dieser jungen Studenten bestand meistens darinn, daß sie die Schaupläze fleißig besuchten, und sich gewöhneten die Fehler in den Schauspielen auszuspähen, welche sie sich denn wol merken, und ihren Vormündern ordentliche Rechnung davon ablegen mußten. Durch diese kleine Kurzweil wurden sie gleich den jungen Wölfen eingehezet, und endlich wenn sie herangewachsen, so hurtig und stark, daß sie auch das gröste Wild niederreissen konnten; denn die ''Alten'' so wol als auch die ''Neuern'' haben angemerket, es habe ein ''ächter Criticus'' die Eigenschaft mit einer ''Hure'' und einem ''Rathsherrn'' gemein, daß sie ihren Character, oder ihre Natur niemals ablegen, und daß ein ''graubärtiger Critikus'' ehedem gewiß eben derselbe gewesen, da er noch ein ''Gelbschnabel'' war, so daß seine izige Vollkommenheiten anders nichts als die verbesserten Talente seiner Jugend seyen. Gleich dem ''Hanf'', von dem uns die Naturkündiger sagen, daß er die Kraft ''zu erstiken'' schon habe, wenn er auch bloß im Saamen genommen werde. Ich halte dafür, daß man die Erfindung oder wenigstens die Verbesserung der Prologorum in den Komödien, diesen jungen ''Criticis'', deren Terentius öfters unter dem Namen ''Malevoli'' ehrenhafte Meldung thut, zu danken habe.

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Inzwischen bleibet es eine Wahrheit, daß es für die gelehrte Welt schlechterdings nothwendig war, diese ''ächten Criticos'' zu haben; denn alle menschliche Verrichtungen scheinen getheilet zu seyn, so wie es bey dem ''Themistokles'' und seiner Gesellschaft war.<ref>Plut. in der Lebensbeschreibung des Themistocles.</ref> Einer kann ''geigen'', der andere kann ''aus einer kleinen Burg eine grosse Stadt machen'', und wer nichts kann, der ist werth daß man ihn von dem Erdboden vertilge: Die Furcht vor dieser Strafe hat sonder Zweifel die ''critische Nation'' zu allererst hervorgebracht, und zugleich auch ihren heimlichen Verleumdern die erste Gelegenheit gegeben, auszustreuen, daß ein ''ächter Criticus'' eine Art Handwerker sey, den Werkstatt und Werkzeuge eben so wenig kosten als einen Schneider; und daß würklich beyderley Kunst und Instrumente eine grosse Aehnlichkeit haben. Die ''Hölle'' des ''Schneiders'' stelle das Buch vor, darein sich der Criticus seine ''Locos communes'' sammelt, und das ''Bügeleisen'' wäre ein ''Typus'' von desselben Wiz und Gelehrsamkeit. Es würden eben so viel Stüke von dieser Art erfodert, einen rechten Meister in der ''Critic'' zu ziehen, als von jenen, wenn ein Schneider einen Mann ganz ausstaffieren wollte. Beyde waren gleich tapfer, und führeten bey nahe gleich starke Waffen. etc. 

Auf diese verhaßten Vergleichungen, läßt sich vieles gar gründlich antworten; und ich darf keklich sagen, daß die erste derselben grundfalsch ist. Denn im Gegentheil, es ist wol nichts gewisser,
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als daß es weit mehrere Unkosten erfodert, ein ''freyes privilegiertes'' Mitglied von der Gesellschaft der ''ächten Critiker'' zu werden, als von irgend einer andern. Denn wie es, ein ''wahrer ausgemachter Bettler'' zu werden, einen reichen ''Candidaten'' zuvor noch den ''lezten'' Pfenning kostet, also muß es einem zuvor alle guten Eigenschaften seines Gemüths gekostet haben, ehe er ein ''wahrer Criticus'' werden kann. Ein Handel, daran in der That niemanden viel gelegen seyn dürfte, wenn die Sache, welche man dabey eintauschet von weniger Wichtigkeit wäre.

Nachdem ich also das Alterthum der ''Critic'' weitläuftig erwiesen, und ihre erste Reichsverfassung beschrieben habe, so will ich nun auch die gegenwärtige Beschaffenheit dieses Reiches untersuchen, und zeigen, wie genau dieselbe mit der alten Verfassung übereinkömmt.<ref>Eine Art zu citiren deren sich grosse Männer bedienet haben. Siehe Bentleys ''Dissert.''</ref> Ein gewisser Scribent, dessen Werke schon vor vielen Jahrhunderten verloren gegangen, sagt in seinem fünften Buch im achten Capitel von den ''Criticis'', daß ''ihre Schriften Spiegel der Gelehrsamkeit seyen''. Dieses nehme ich im buchstäblichen Verstand, und glaube die Meinung unsers Verfassers müsse diese seyn, daß wer den Ruhm eines guten Scribenten davon tragen will, zuvor in die Bücher der Criticorum hineinschauen, und seine Erfindungen da als vor einem Spiegel verbessern müsse. Wenn man nun betrachtet, daß die Spiegel der Alten von Erz
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und ''sine Mercurio'' gemachet waren, so wird man gleich die zwo Haupteigenschaften eines ächten ''neuern Critici'' darauf applicieren können, und daher nothwendig schliessen müssen, daß dieselben zu allen Zeiten einander gleich gewesen, und auch künftig bis an das Ende der Welt einander gleich bleiben werden. Denn das Erz ist ein Sinnbild einer beständigen Dauer, und wenn es recht poliert ist, so wird es die Stralen, ohne Hülfe des ''Mercurii'', von seiner eigenen ''Superficies'' zurükprellen. Es ist unnöthig, daß ich die andern Eigenschaften eines ''Critici'' besonders anführe, massen sie alle in den bereits gedachten enthalten, oder auch leicht auf dieselben können gebracht werden. Ehe ich aber meine Abhandlung beschliesse, will ich noch drey Grundregeln angeben, welche nicht allein dienen können, einen ''ächten neuern Criticus'' von einem ''Betrüger'' richtig zu unterscheiden, sondern auch allen denen vortreflich zustatten kommen werden, welche sich auf eine so nüzliche und löbliche Wissenschaft legen.

Die erste ist diese: Daß die ''Critik'', zuwider allen übrigen Eigenschaften des Verstandes stets für das beste und vollkommenste in ihrer Art gehalten wird, wenn sie zum ''erstenmal'', und also ganz neu und frisch aus dem Verstand des ''Critici'' herauskömmt. Sowie Schüzen das ''erste Zielen'' für das Beste halten, und selten fehlen werden, in das ''Weisse'' zu trefen, wenn sie nicht noch den zweyten Schuß zu thun gedenken.

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Die zweyte: ''Aechte Critiker'' werden daran erkannt, daß sie um die allerbesten Scribenten herumschermen; wozu sie blos durch den Instinkt angetrieben werden, wie eine Ratte zu dem besten Käse, oder eine Wespe zu den reifesten Früchten, getrieben wird. So wird der ''König'' wenn er zu Pferde ist, am ersten ''beschmüzet'', und die welche ihm den Hof am besten machen wollen, ''besprizen'' ihn am allermeisten. 
 
Die dritte: ''Ein ächter Criticus'' gleichet einem ''Hund'' bey einem Schmause, dessen Sinnen und Magen einzig auf das gerichtet sind, was die Gäste unter ''den Tisch werfen'', und der deswegen niemals mehr ''murret'', als wo es am wenigsten ''Knochen'' giebt.

So viel mag zu meiner Empfehlung an meine vornehmen Gönner, die ''neuern ächten Criticos'' genung seyn; und ich hoffe, daß ich durch diese Abhandlung mein voriges Stillschweigen, so wol als auch dasjenige so ich vermuthlich künftig beobachten werde, vollkommen gut gemachet habe. Nachdem ich mich auch um ihre ''ganze ansehnliche Zunft'' so verdient gemachet, so zweifle ich keineswegs an deroselben großmüthigen Nachsicht, und gütiger ''Begegnung''. In welch getroster Hoffnung ich denn meine erste Materie wieder zur Hand nehme, und in Erzehlung derjenigen Begegnisse weiter fortfahre, welche ich so glüklich angefangen habe.


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{{LineCenterSize|100|20|'''Vierter Abschnitt.'''}}
{{Center|Fortsezung des Mährgens von der Tonne.}}

Ich habe den Leser mit vieler Mühe und Arbeit nunmehro auf einen Zeitpunkt gebracht, woselbst er von sehr wichtigen Veränderungen hören wird. Denn kaum hatte unser ''gelehrte Bruder'' eigen Dach und Gemach, so fieng er an eine vornehme Mine zu machen, und sehr groß zu thun; so gar daß ich befürchten muß, der geneigte Leser werde unsern ''Helden'' künftig schwerlich mehr erkennen, obschon er beliebet haben mag, sich vorhin einen ziemlich hohen Begrif von der Sache zu machen; so gar anders siehet derselbe izt in seiner Aufführung, Kleidung und Mine aus.

Er sagte zu seinen Brüdern: Er wollte ihnen hiemit zu wissen gethan haben, daß er der älteste unter ihnen, und folglich des Vaters einziger Erb wäre. Und bald darauf wollte er ihnen nicht weiter erlauben, ihn ''Bruder'' zu nennen, sondern verlangte, daß sie ''Monsieur Peter'', hernach ''Vater Peter'', und endlich gar ''Milord Peter'' an ihn kommen sollten.<ref>In diesem Abschnitt wird auf die Herrschaft gezielet welche sich der Römische Papst angemasset, ingleichem auf die Macht und Güter, die er nach und nach durch allerhand Kunstgriffe bekommen hat.</ref>

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Diese Hoheit erfoderte einen derselben gemässen Staat. Weil er aber bald einsah, daß hiezu ein qrösseres Vermögen vonnöthen wäre, als dasjenige war, so er geerbet hatte, sann er lang nach, und endlich entschloß er sich, ein ''Projektmacher'' und ''Virtuose'' zu werden. In dieser Kunst glükte es ihm auch dergestalt, daß sehr viele berühmte Entdekungen, Recepte und Maschinen, deren man sich noch heut zu Tage mit bestem Erfolg bedienet, einzig von Lord ''Peters'' Erfindung sind. Ich will die vornemsten derselben welche ich habe finden können, anführen; Jedoch ohne mich an die Ordnung der Zeit zu binden, nach welcher sie mögen erfunden worden seyn; weil ich sehe, daß die Scribenten darüber nicht einig sind.

Inzwischen lebe ich der Hofnung, daß wenn diese meine Schrift, in fremde Sprachen wird übersezet werden, (wie ich denn ohne Eitelkeit behaupten darf, daß sie es wegen der vielen mit unbeschreiblicher Mühe gesammelten Materien, wegen der getreuen und wahrhaften Erzehlung, und wegen ihrer ungemeinen Nuzbarkeit für das ''Publicum'' mehr als zu wol verdienet) die gelehrten Mitglieder der verschiedenen ''Academien'', besonders aber derer in ''Frankreich'' und ''Italien'', dieselbe gütig aufnehmen, und als ein nicht geringes Mittel die Wissenschaften empor zu bringen, ansehen werden. Wie ich denn ebenfalls den Ehrwürdigen Herren ''Patribus'' und Heidenbekehrern hier Anlas nehme zu melden, daß ich mich emzig ihnen zu gefallen, solcher Wörter und Redensarten bedienet, welche die Wendungen der ''Orientalischen''
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Sprachen, und vornemlich der ''Chinesischen'' am leichtesten annehmen können. Und izo fahre ich nicht ohne sonderbares Vergnügen über den grossen Nuzen welche der ganze bewohnete Erdboden von meiner Arbeit einernden wird, in meiner Erzehlung wieder fort.

Das erste Unternehmen Lord ''Peters'' gieng dahin, daß er sich bemühete, ein gewisses Stük
Landes,<ref>Dieses Land mag das Fegfeuer, oder den eingebildeten dritten Ort zwischen dem Himmel und der Hölle andeuten. Und der Verfasser giebt zu verstehen, daß diese Lehren von dem Heidenthum entlehnt wären.</ref> von welchem man sagte, daß es neulich in ''Terra australis incognita'' wäre entdeket worden, an sich zu bringen. Dieses kaufte er um ein sehr weniges von denen selbst, die es gefunden hatten, (wiewol einige zweifelten, ob die Verkäufer irgend einmal da gewesen wären,) theilete es in verschiedene ''Cantons'' ein, und verkaufte es also stükweise wieder an viele Kaufleute die ''Colonien'' dahin führen wollten, auf der Reise aber insgesamt Schiffbruch litten. Lord ''Peter'' verkaufte es demnach ''wiederum'' aufs neue, und hernach ''wiederum'', und hierauf wiederum, und so immerfort, weil die Käufer alle das gleiche Schiksal hatten.

Seine zweyte Erfindung, war ein gewisses unfehlbares Mittel gegen die ''Würmer'', und besonders gegen solche, die sich in der ''Milz'' gesezet hätten. Der Patient durfte drey Nächte hintereinander
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nach der Abendmahlzeit nichts mehr zu sich nehmen, und wenn er zu Bette gieng, so mußte er sich in acht nehmen sich auf die eine Seite niederzulegen, ward er müde, so konnte er sich auf die andere wenden: Ferner mußte er, wenn er etwas anschauete, seine beyden Augen zugleich auf die Sache richten, und sich sorgfältig hüten, daß er ohne die gröste Noth, nicht oben und unten auf einmal Wind von sich liesse. Durch dieses Mittel sagte er, würden die ''Würmer'' unvermerkt durch die ''Transpiration'' oben zum Gehirn heraus gehen.<ref>Der Ablaß und die Bussen welche die Pfaffen den Leuten auferlegen. Man kann sie so leidenlich  haben als man will, wenn man nach Proportion Geld giebt.</ref>

Die dritte war ein gewisser ''Stul'', welchen er zum gemeinen Besten aller derer aufrichtete, welche von der ''Hypochondrie'' und der ''Colic'' beschweret waren.<ref>Die Ohrenbeicht.</ref> Als z. Ex. für Hebammen, kleine Politicos, verstossene Freunde, ausschreibende Poeten, glükliche und auch verzweifelnde Liebhaber, Kupler, geheime Räthe, Pagen, Fuchsschwänzer, Schalksnarren, kurz, für alle die in Gefahr stühnden, vor allzu vielem ''Winde'' zu bersten. In dem Stul war ein ''Eslskopf''<ref>Ich sollte fast glauben, daß des Autor die Pfaffen darunter verstühnde.</ref> so schiklich angemachet, daß der Patient leicht seinen Mund an eines von dessen beyden Ohren bringen konnte. Wann er nun solchen bis auf eine gewisse Disstanz recht feste daran legte, so würde dem Patienten
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gleich besser, und das Böse gieng wegen der verscheuchenden Kraft, welche die Ohren dieses Thieres haben, theils durch die Eructation, theils durch die Exspiration, theils durch die Evomition fort.

Noch ein anders sehr nüzliches Projekt, welches Lord ''Peter'' ins Werk sezete, war die Aufrichtung einer<ref>Die Indulgenzen.</ref> Versicherungskammer für Tobakspfeiffen, Märtyrer des neuen Eifers, Sammlungen von Gedichten, Schatten - - - -  und Flüsse. Diese Kammer sagte für allen Feuer-Schaden, welchen diese und andere Sachen leiden könnten gut. Daher unsere ''Löbl. Gesellschaften'' welche auf gleichen Fuß eingerichtet sind, klar einsehen werden, daß sie nur ''Copien'' von Lord ''Peters'' Original sind: wiewol beyderley Kammern ihren Stiftern so wol als dem gemeinen Wesen zu gröstem Vortheile gereichen.

Imgleichen ward Lord ''Peter'' auch für den Erfinder der ''Marionetten,<ref>Die Gaukeleyen Proceßionen, etc. welche die Papisten mit ihren Bildern der Heiligen vornehmen.</ref> schönen Raritäten'', und ''schönen Spielwerke'' gehalten, wobey ich mich nicht aufhalten will, massen der grosse Nuzen derselben mehr als zu bekannt ist.

Eine andere Entdekung aber, wodurch er gar sehr berühmt worden, war seine allgemeine Einpekelung:<ref>Das Weyhwasser.</ref> Denn da er bemerket hatte, daß
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durch die gewöhnliche Art einzupekeln, deren sich unsere Hausmütter bedienen, weiter nichts als Fleisch und einige Gattungen von Gewächsen, vor der Fäulung bewahret werden; so erfand ''Peter'' hingegen mit grossem Fleiß und vielen Kosten, eine ''Pekelbrühe'' für Häuser, Gärten, Städte, Männer, Weiber, Kinder und Vieh, darinn er diese Dinge eben so frisch und gut erhalten konnte, als ''Insekten'' in dem ''Ambra''. Nun schien zwar diese ''Pekelbrühe'' in Ansehung des Geschmaks, Geruchs und Ansehens von derjenigen gar nicht unterschieden zu seyn, welche wir zu Einsalzung unsers Rindfleisches und unserer Heringe gebrauchen; (wie sie denn auch würklich gar öfters mit sehr gutem Erfolg hierzu ist angewendet worden,) allein in Ansehung ihrer ungemeinen Würkungen war sie etwas ganz anders; denn so bald ''Peter'' nur eine Messerspize voll von seinem Pulver ''Pimperlimpimp''<ref>Die Consecation des Weyhwassers, das sonst von dem gemeinen Wasser nicht unterschieden ist.</ref> hinein that, so richtete er Wunderdinge damit aus. Die Operation selbst geschah durch das ''Besprengen'', wobey man sich nach gewissen Monds-Veränderungen richten mußte. War es ein Haus das man so ''einpekelte'', so konnte man sicher seyn, daß es vor Spinnen, Ratten und Wieseln verwahret bliebe. War es ein Hund, so hinderte solches, daß er weder räudig, noch toll, noch hungrig ward. Ingleichen war es ein unfehlbares Mittel wider die Kräze und Läuse, heilte den Kindern die bösen Köpfe, und die Patienten konnten dabey ungehintert ihrem Beruf warten, es sey bey Tisch oder im Bette.

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Keines aber von allen den raren Stüken die Lord ''Peter'' besaß, schäzte er höher als eine gewisse Art ''Bullen'',<ref>Die Päpstlichen Bullen.</ref> welche durch ein besonderes Glük in gerader Linie noch von der Zucht der grossen ''Bullochsen'' abstammeten, die das ''göldene Vließ'' bewahreten, wiewol einige die sie genau wollen betrachtet haben, zweifelten, daß die ''Race'' vor aller fremden Vermischung genugsam wäre vergaumet worden; massen Lord ''Peters Bullen'' in einigen Stüken von ihren Vorfahren aus der Art geschlagen, und hingegen andere ganz ausserordentliche Eigenschaften bekommen hätten. Die Historie meldet, daß die ''Bullen zu Colchis, ehrene Füsse'' hatten. Dergleichen hatten Lord ''Peters'' seine nicht. Ob aber dieses von schlechtem Futter und einer übeln Dauung, oder von Zulassung einer andern Gattung, oder von einer angeerbten schwachen Zeugungskraft herrühre; oder ob vielleicht bey denen in diesen bösen lezten Zeiten immer mehr und mehr abnehmenden Kräften der Natur auch in diesem Stük eine Verschlimmerung erfolget sey, das läßt sich nicht wol bestimmen. So viel ist gewiß, daß Lord ''Peters Bullen'' an dem Metall ihrer Füsse, durch den Rost der Zeit viel gelitten hatten, indem dasselbe izo nur zu schlechtem ''Bley''<ref>Der Verfasser zielet auf die bleyerne Siegel an den Päpstlichen Bullen; ihr Brüllen bedeutet die Bannstralen, die in Verfolg der Zeit nicht mehr so viel Würkung thun wollten.</ref> geworden. Hingegen war ihnen das erschrekliche ''Brüllen'', und die Eigenschaft, ''Feuer'' aus der Nase zu schnauben, von ihren Vorfahren noch angeerbt;
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wiewol einige Verleumder vorgaben, daß dieß Feuerschnauben ein blosses Kunststükgen, und bey weitem nicht so gefährlich wäre, als es schiene; massen es von nichts anders herkäme, als weil diese Thiere insgemein lauter ''Raqueten'' und ''Schwermer'' frässen. Indessen hatten sie zwo besondere Eigenschaften, wodurch sie sich von ihren Vorfahren zu ''Jasons'' Zeiten gar sehr unterschieden, und welche ich sonst bey keinem andern Ungeheuer angetrofen, als nur bey dem, welches ''Horaz'' uns in diesen Worten beschreibet:
<poem>Varias inducere plumas;
{{Idt2|60}}und
Atrum desinit in piscem.</poem>

Sie hatten nemlich würkliche ''Fischschwänze''<ref>Die Päpstlichen Bullen werden ''sub annulo piscatoris'' ausgestellet, und das Siegel hänget an Riemen.</ref> und dennoch konnten sie bisweilen geschwinder fliegen als ein Vogel in der Luft. ''Peter'' brauchte diese Bullen zu verschiedenen Dingen: zuweilen ließ er sie ''brüllen'', um die<ref>Kayser, Könige, und Fürsten, so in die Päpstliche Ungnade fielen; ingleichen die Kezer und Schismaticos.</ref> bösen Kinder zu erschreken. Zuweilen schikte er sie in wichtigen Angelegenheiten aus; und es ist zu verwundern, ja unglaublich, welch einen starken ''sinnlichen Appetit'' sie bey diesen Anläsen nach ''Gold'' äusserten.
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Diesem Trieb, der dem ganzen Geschlecht noch von ihren Voreltern die das ''göldene Vließ'' bewahreten, angeerbet war, folgeten sie mit solcher Raserey, daß wenn ''Peter'' sie ausschikte hier oder dort, auch wol nur ein Compliment zu machen, sie ''zu brüllen, zu speyen, zu rülzen, von vorne und hinten alles von sich zu lassen, und Feuer zu blasen'' pflegten, bis man ihnen ein Stük ''Gold'' in den Rachen warf. Alsdenn aber ''pulveris exigui jactu'' wurden sie so zahm wie die Lämmer. Kurz, es sey daß die Nachsicht und wol gar eine heimliche Aufmunterung ihres Herrn sie in diesem Betragen gestärket, oder daß bloß die Sympathie ihrer ''bleyernen'' Füsse mit dem ''Gold'', oder beydes zugleich daran Schuld gewesen, so machten sie es nicht anders als eine Art ''unverschämter troziger Bettler'': wo man ihnen kein Allmosen geben wollte, da erschrekten sie die Weiber, daß ihnen unrichtig gieng, und machten die Kinder zu fürchten, daß sie die böse Krankheit erholeten, daher sie noch izo die Gespenster gemeiniglich ''Bettelbullen'' nennen. Endlich aber wurden Lord ''Peters Bullen'' der Nachbarschaft so gar unerträglich, daß einige Edelleute aus ''Nordwest''<ref>Heinrich der VIII. warf zuerst das päpstliche Joch vom Hals.</ref> eine gute Anzal ''Engländischer Bullenbeisser'' an sie hezeten, welche sie ihre Zäne dergestalt fühlen liessen, daß sie ihre ganze Lebenszeit daran gedenken konnten.

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Ich muß noch eines Kunststükes von Lord ''Peter'' gedenken, welches ganz ausserordentlich war, und aus dem man besonders abnehmen kann, welch grosse Fähigkeit er besaß, und wie stark seine Erfindungskraft gewesen. So oft nemlich ein Schelm zu ''Newgate'' zum Tod verurtheilet war, und gehangen werden sollte, bot ihm Lord ''Peter'' für eine gewisse Summe Geldes einen<ref>Die Absolution in articulo mortis; und die Römische Kanzeley-Taxe, nach welcher auch die gröbsten Bubenstüke um gar billigen Preis angesezet sind.</ref> Pardon an; und wenn denn der arme Teufel mit Mühe und Noth so viel Geld zusammen brachte und überschikte, so bekam er von ''Sr. Herrlichkeit'' ein Stük Papier folgenden Innhalts zurük:

Allen Befehlshabern, Landvögten, Richtern, Kerkermeistern und Scharfrichtern etc. Nachdem wir vernohmen haben, daß N. N. sich unter euern oder der eurigen Händen befindet, und von euch ''respective'' zum Tod verdammt worden, als wollen und befehlen wir euch hiemit, daß ihr Angesichts dessen, besagten Gefangenen mit Frieden wiederum heim in sein Haus kehren lasset. Er mag nun wegen Mords, Sodomiterey, Strassen- oder Kirchenraubes, Blutschand, Verrätherey, Gotteslästerung, oder anderer Uebeltthaten wegen verurtheilet seyn; wofür euch gegenwärtiges zu Vorweisung einer erforderlichen Vollmacht genung seyn mag. Und so ihr diesem unserm Befehl nicht gehorsamst nachlebet, so strafe GOtt ''euch'' und alle die eurigen in alle Ewigkeit Gehabt euch wol.
{{Right|Euer dienstwilliger{{Idt2|40}}<br />
Knecht aller Knechte.{{Idt}}<br />
'''Kayser Peter.'''{{Idt2|40}}}}

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Die armen Schurken welche hierauf traueten, verloren beydes ihr Geld und ihr Leben dazu.

Ehe ich weiter gehe, muß ich zuvor diejenigen welche die ''gelehrte'' Welt mit der Zeit in den Sold nehmen wird, über mein vortrefliches Werk Anmerkungen zu schreiben nachrichtlich erinnern, daß sie in Auslegung gewisser dunkeln Stellen behutsam gehen; angesehen alle die, welche nicht wahre ''Adepti'' sind, Gefahr laufen, sich dabey zu übereilen. Vornemlich ist solches bey einigen geheimnißreichen Stellen zu befahren, wo man aus Liebe zur Kürze gewisse ''Arcana'' zusammen gesezet hat, welche in dieser Anmerkungsoperation müssen gesöndert werden. Ich zweifle nicht, daß diese künftige Kunstrichter mir für eine so wolmeynende und nüzliche Nachricht verbindlichst danken werden.

Der geneigte Leser wird sich leicht vorstellen, daß so viele wichtige Entdekungen wie Lord ''Peters'' waren, von der Welt mit dem grösten Beyfall aufgenommen worden, obschon ich versichern kann, daß ich nur den wenigsten Theil derselben angeführet habe, weil meine Absicht nur war, solche auszuzeichnen, deren Nachahmung dem ''Publico'' den grösen Nuzen bringen würde; oder solche, woraus der Wiz und die Einsicht des Erfinders am deutlichsten erhellet. Es war daher kein Wunder, daß Lord ''Peter'' damals zu grossem Reichthum gelanget: Allein durch das viele und lange Nachsinnen, hatte er sich auch den Kopf dergestalt zerrüttet, daß es nicht mehr ganz richtig damit beschaffen war. Kurz, sein Hochmuth, seine Projekte
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seine Betrügereyen machten ihn zum ''Narren'', und er hatte die abentheuerlichsten Einfälle. Wenn der ''Paroxysmus'' am stärksten war, so nennete er sich selbst, (wie denen welche aus Hochmuth rasen, gemeiniglich zu begegnen pfleget,) einen ''Monarchen der ganzen Welt'', und bisweilen wol gar den ''allmächtigen Gott''.

Ich habe gesehen, (sagt mein Autor) daß er drey alte zugespizte Hute<ref>Die dreyfache päpstliche Krone etc.</ref> genommen, und sie alle, drey Stokwerke über einander auf den Kopf gesezet. Dabey hieng ein grosses Bund ''Schlüssel'' an seinem Gürtel, und in der Hand hatte er eine ''Fischerruthe''. Wenn ihn nun jemand in diesem Aufzug bey der Hand fassen und grüssen wollte, so reichte ihm ''Peter'', gleich einem wolabgerichteten Wachtelhund, sehr artig den ''Fuß''. Schlug einer diese Höflichkeit aus, so hub er den Fuß bis an dessen Kopf in die Höhe, und gab ihm damit einen verdammten Stoß ins Maul, welches seither immer ''grüssen'' hies; und allen vorbeygehenden, die ihm kein Compliment macheten, bließ er, (so stark war sein Odem) die Hüte vom Kopf in den Drek herunter.

Inzwischen liefen seine Sachen zu Hause sehr unordentlich, und seine beyden Brüder hatten keine gute Zeit. Der erste tolle Streich den er spielete, war, daß er einst an einem Morgen ihre beyden ''Weiber''<ref>Das Verbott der Ehe unter den Geistlichen, und die Erlaubniß des Concubinats.</ref> und sein eigenes dazu, zum
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Haus hinaus jagte, und an deren Statt drey ''Huren'' von der Gasse aufsuchen und kommen ließ. Eine Weile hernach vernagelte er die ''Kellerthüre'', und wollte seinen Brüdern zu dem Essen nicht einen Tropfen ''zu trinken'' geben.<ref>Die Versagung des Kelchs im H. Abendmal.</ref>

Als er eines Tages bey einem Rathsherrn zu Mittag speisete, hörte ihn ''Peter'' das Rindfleisch, so wie seine Brüder auch zu thun pflegten, über alle massen heraus streichen. Rindfleisch, (sagte dieser Herr) ist die Königin unter allen Speisen. Es begreift die Quintessenz von Rebhünern, Wachteln, Wildpret, Fasanen, Tarten und Eyerkuchen in sich. Peter hatte den Einfall, er müsse sich diese Lehre zu nuz machen, und da er nach Hause kam, redete er zu seinen Brüdern, weil er kein Fleisch hatte, von seinem hausbakenen Brod eben so: Lieben Brüder, sagte er, Brod ist der Stab des Lebens. Das Brod enthält inclusive die Quintessenz von Rindfleisch, Schöpsenfleisch, Kalbfleisch, Wildpret, Rebhüner, Tarten und Eyerkuchen: Und damit nichts mangle, so ist auch eine gehörige Portion Wasser<ref>Die Leyen müssen sich mit dem Brod zufrieden geben, weil die Priester ihnen sagen, das Blut Christi sey zugleich mit in dem Leib, den sie empfangen.</ref> darunter gemischet, dessen rohes Wesen durch die Hebe gemiltert wird. Durch dieses Mittel wird es zu einem gesunden Saft, mit welchem die Masse des Brodes ganz durchwürket ist.

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Diesen Lehrsäzen zufolg ward würklich des folgenden Tags bey der Mittagsmahlzeit ein Hausbrod mit so viel Ceremonien aufgetragen, als wenn ein Hochzeitschmauß wäre. Wolan meine Lieben, (sprach Lord Peter) laßt euch belieben, esset bis ihr genung habet, es ist ganz vortrefliches Schöpsenfleisch.<ref>Die Transsubstantiation.</ref> Langet selbst zu, oder ich will euch abschneiden, weil ich doch einmal im Schneiden bin. Zugleich ergrif er Messer und Gabel, und schnitt mit vielen Umständen zwey gute Stüke Brod ab, die er auf einem Teller seinen beyden Brüdern überreichte. Der ältere von ihnen konnte nicht gleich errathen, was ''Peter'' mit seiner Rede haben wollte, und fieng mit der grösten Höflichkeit an, das Geheimniß zu untersuchen. Mein Herr, sagte er, ich sollte fast meynen, daß hier einiger Mißverstand waltete. Ey, wie? antwortete Peter, ihr seyt artig. Nun lasset euere Possen immer hören, ihr habt den Kopf stets so voll davon. Nein ganz und gar nicht mein Herr, sagte jener; allein wenn ich mich nicht sehr betrogen habe, so beliebten Eure Herrlichkeit vor einer kleinen Weile etwas von Schöpsenfleisch zu gedenken, und ich wünschte wol von Herzen, dergleichen zu sehen. wie? sprach Peter bestürzet, ich weiß gar nicht, was ihr haben wollet. - - -  Hier schlug sich der jüngere Bruder ins Mittel, und wollte die Sache aus einander sezen. Mein Herr, sagte er, ich glaube mein Bruder ist hungrig und sehnet sich nach dem Schöpsenfleisch, welches Eure Herrlichkeit uns heut zur Mittagsmahlzeit zu geben versprochen haben. Ey was für Possen schwäzet ihr denn, antwortete Herr Peter; entweder ihr
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seyt beyde Narren, oder doch von einer Laune, die mir izt gar nicht anstehet. Gefällt euch dieses Stük nicht, so Will ich euch ein anders schneiden, obschon ich dieses für das beste an der ganzen Keule halte. Wie? mein Herr, fieng der erstere wieder an. Scheinet ihnen denn dieses eine Schöpskeule zu seyn? Ey, sagte Herr Peter, esset euer Fleisch, und verschonet mich mit solchen Unhöflichkeiten, wenn ihr wollet so gut seyn, denn izt kann ich dergleichen nicht wol vertragen. Hierüber war diesem die Gedult ausgegangen, und er konnte sich nicht länger halten. Bey G– sagte er, ich kann nicht anders sagen, als daß es meinen Augen, Fingern, Zänen und meiner Nase nicht anders als ein Stük Brod vorkömmt. Und der andere Bruder sezte hinzu: Niemals in meinem Leben habe ich eine Schöpsenkeule gesehen, die einem Groschenbrod ähnlicher gewesen als diese hier. Seht mir doch, schrie Peter voll Zorn. Nun ich will euch durch einen klaren Beweis überführen, was für blinde, eigensinnige, dumme Kerls ihr seyt: Höret nur:

Bey G - - - dieses ist wahrhaftes, natürliches Schöpsenfleiscb, so gut als irgend eins in der Fleischbank. Und euch soll der Teufel holen, wenn ihr es für etwas anders haltet.

Ein so verteufelter Beweis ließ keinem fernern Einwenden mehr Plaz. Unsere beyden Ungläubige fiengen an sich zu begreifen, und ihre Einwürfe so geschwinde einzupaken, als sie nur immer konnten. In der That, sagte der erste, nach reiferer UeberlegUng der Sache --- ja fiel ihm der andere in die Rede, nun habe ich der Sache besser
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nachgedacht, Eure Herrlichkeit mögen wol recht haben. Sehr gut, sagte Peter, habe ichs nicht gedacht? Höre Junge, schenk mir ein Glas voll Wein ein. Nun, auf eure Gesundheit. Die zween Brüder waren sehr froh, ihn so bald wieder zu frieden zu sehen, sie bedankten sich aus das höflichste und sagten, sie würden ''Sr. Herrlichkeit'' sehr gerne Bescheid thun. Das sollt ihr auch, sprach Peter; ich bin nicht der Mann, der euch etwas billiges abschlägt, der Wein, wenn er mäßig getrunken wird, stärket das Herz. Hier ist ein Glas für euch; es ist guter unverfälschter Wein, wie ihn GOtt und die Rebe giebt. Nicht so ein verdammtes Gesöffe, wie man in den Weinschenken bekömmt. Als er dieses gesagt hatte, überreichte er wiederum einem jeden ein grosses Stük ''troken Brod'', und hieß sie es austrinken. Sie durften sich, sagte er, kein Bedenken machen, es würde ihnen gewiß nichts thun. Die zween Brüder thaten was man bey so küzlichten Umständen insgemein zu thun pfleget. Erst sahen sie ''Lord Peter'', hernach sich selbst untereinander eine gute Weile an, und da sie sahen wie die Sache vermuthlich ein Ende nehmen dürfte, entschlossen sie sich lieber nicht wieder aufs neue einen Streit anzufangen, sondern ihn sagen und machen zu lassen, was ihm beliebte. Denn er hatte würklich seinen ''Paroxysmus'' bekommen, und es würde nur ärger geworden seyn, wenn sie weiter mit ihm hätten disputieren wollen.

Ich habe für nöthig erachtet, diese wichtige Begebenheit mit allen ihren Umständen zu erzehlen, weil sie vornemlich zu der grossen und berüchtigten
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Trennung<ref>Die Reformation.</ref> Anlaß gegeben, welche eben um diese Zeit unter diesen Brüdern erfolget ist, und seither nimmer aufgehört hat; wovon ich aber in einem folgenden Abschnitt handeln werde.

Indessen bleibet eine Wahrheit, daß Lord ''Peter'', wenn es auch würklich zur guten Stunde heissen sollte, in seinem Umgang kaum auszustehen war. Er debitierte das abgeschmateste Zeug, dabey war er äusserst eigensinnig und hartnäkig; eher würde er sich zu tode disputiert haben, als daß er jemals einen Irrtum gestühnde. Nebst diesem hatte er auch noch die Gabe, bey jeder Gelegenheit die gröbsten und handgreiflichsten ''Lügen'' vorzubringen, und dabey nicht allein ganz entsezlich zu schwören, daß dasjenige was er sagte, wahr wäre; sondern auch noch alle die in die unterste Hölle zu verfluchen, welche sich heraus nahmen im geringsten daran zu zweifeln. Einst schwur er, er hätte eine Kuh zu Hause, welche auf einmal soviel ''Milch''<ref>Die Milch der Muter Maria, welche die Papisten an so vielen Orten haben.</ref> gäbe, daß er ''dreytausend Kirchen'' damit anfüllen könnte; und was noch ausserordentlicher war, diese Milch würde niemals ''sauer''. Ein andermal erzehlete er von einer alten ''Pfosten'', die seinem Vater zugehöret, und woran Holz und Nägel<ref>Das Holz, und die Nägel vom Creuz Christi.</ref> genug wären, wol sechszehn Kriegsschiffe daraus zu bauen. Als man in einer Gesellschaft von gewissen ''Chinesischen'' Wagen redete, die so leicht und künstlich gemachet wären, daß
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man damit auch über die Berge hinsegeln könnte, sagte ''Peter'': Ey das ist kaum der Rede werth:
Bey G - - - ich habe wol was anders gesehen, ich habe ein ganzes grosses Haus von Kalk und Steinen gesehen,<ref>Die Kapelle der Mutter GOttes zu ''Loretto'', von welcher die Papisten vorgeben, sie wäre 1291. aus Nazareth bis in Dalmatien hinwegetragen, und drey oder vier Jahre darauf nach ''Loretto'' gebracht worden.</ref>  welches mehr denn zweytausend deutsche Meilen über Wasser und Land, wiewol nicht in einem Stüke, fortgereiset ist. Denn es mußte doch bisweilen auf der Reise auch ein wenig ausruhen. Und was das ärtigste war, so schwur er bey seinen Erzehlungen stets ganz entsezlich, ''daß er in seinem Leben niemals gelogen hätte. Bey G - - -'' sagte er zu jedem Wort, ''ich säge nichts als die reine Wahrheit; und den soll der Teufel holen, der mir nicht glauben will''.

Kurz, ''Peter'' machte es so ärgerlich, daß die ganze Nachbarschaft anfieng öffentlich zu sagen, er wäre ein ausgemachter ''Bösewicht'';<ref>Hierdurch werden die Mißbräuche, Unordnungen und das Verderbniß vorgestellet, welche vor der Reformation in der Römischen Kirche überhand nahmen. Die Reformatores und hiedurch bewogen worden, eine Reformation nach Anweisung der H. Schrift vorzunehmen, weiche ihnen ernstlich verboten war, die sie aber endlich so wol selbst bekommen, als auch andern in die Hände gegeben haben.</ref> und seine beyden Brüder die seiner zulezt überdrüßig wurden, entschlossen sich, ihn zu verlassen. Zuvor aber baten sie ganz höflich, daß er ihnen eine
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Abschrift von dem väterlichen ''Testament'' wollte zukommen lassen, welches nun eine sehr lange Zeit unter der Bank gelegen hatte, und ganz war vergessen worden. Allein anstatt ihnen diese Bitte zu gewähren, hieß er sie ''Hurensöhne, Spizbuben, Verräther'', und was ihm für andere Schimpfnamen noch mehr einfielen. Inzwischen ersahen sie eines Tages, da ''Peter'' ausgegangen war, den Fortgang seiner Projekte zu besorgen, ihre Gelegenheit, suchten das ''Testament'', und nahmen, nachdem sie es mit grosser Mühe gefunden hatten, eine ''genaue Abschrift'' davon: Sie sahen den Augenblik daraus, wie gröblich sie wären betrogen worden.

Ihr Vater hatte einem so viel vermacht als dem andern, und ihnen dabey auf das schärfeste befohlen, dasjenige so sie gewinnen würden, gemeinschaftlich zu besizen; dem zufolg war ihr erstes, daß sie den Keller aufbrachen, und etwas guten Wein heraus holeten,<ref>Sie gaben den Leyen den Kelch wieder.</ref> ihre Herzen wiederum zu laben und zu stärken. Bey Abschreibung des Testaments hatten sie ferner einen ausdrüklichen Artikel gefunden, der ihnen die Hurerey, die Ehescheidung, und die Concubinen verbot. Hierauf jagten sie ihre ''Concubinen'' fort, und schikten wieder nach ihren ''rechtmäßigen<ref>Die Ehe der Geistlichen ward wieder eingefuhret.</ref> Weibern''. Indem sie hiemit beschäftiget waren, kam ein ''Sachwalter'' von ''Newgate'', und wollte so eben
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''Lord Peter'' um einen Pardonbrief für einen ''Spizbuben'' ersuchen, der den andern Tag sollte
''gehangen werden''. Die beyden Bruder sagten ihm, er wäre ein rechter einfältiger Narr, daß er Pardon bey einem Kerl suchen wollte, der den Galgen wol zehnmal eher verdienet hätte als sein Client; entdekten ihm hierauf den ganzen Betrug auf eben die Art, wie ich solchen kurz vorhin beschrieben habe, und riethen ihm, seinem Freunde zu sagen, er möchte sich vielmehr um ''einen Pardon<ref>Die Leute wurden angewiesen, sich nicht weiter auf erkaufte Indulgenzen und Absolutionen zu verlassen, sondern die Verzeihung ihrer Sünden emsig bey GOtt zu suchen.</ref> von dem König bemühen''.

Mitten unter diesem Gespräch und erfolgter Revolution, kam ''Peter'' und ein Haufen ''Dragoner''<ref>Der Papst braucht die weltliche Macht wider die Reformation. etc.</ref> hinten nach; die nahmen alles was sie nur bekommen konnten, stiessen die beyden Brüder mit Gewalt und unter vielem Gespött und Fluchen zur Thüre hinaus, und liessen sie bis auf den gegenwärtigen Tag niemals wieder über die Schwelle kommen.


{{PRZU}}
== 159 ==
{{LineCenterSize|100|20|'''Fünfter Abschnitt.'''}}
{{Center|Eine Ausschweifung nach der neuern Mode.}}

''Wir'', welche die Welt mit dem Titel der ''neuern Scribenten'' zu verehren beliebet; ''Wir'', sage ich, würden wol nimmer im Stand gewesen seyn, unsere grosse Absicht, eines unsterblichen Ruhms, und immerwährenden Angedenkens, zu erreichen, wenn unsere Bemühungen das allgemeine Beste des menschlichen Geschlechts nicht ''so sehr'' beförderten. Diesen Zwek, ''o gross Rund der Welt'', habe auch ich dein ''Secretär'', dahin zielet mein kühnes Unterfangen:

<poem>- - - Quemvis perferre laborem
Suadet,& inducit noctes vigilare serenas.</poem>

Zu diesem Ende habe ich vor einiger Zeit mit unglaublicher Mühe und Arbeit den Cörper ''der menschlichen Natur'' zergliedert, und über verschiedene so wol ''innerliche'' als ''äusserliche'' Theile desselben viele nüzliche Lectionen gehalten, bis er

== 160 ==
endlich so sehr ''zu stinken'' anfieng, daß ich ihn nicht länger aufbehalten konnte. Hierauf habe ich mit grossen Kosten alle Gebeine auf das genaueste und in der natürlichsten Ordnung zusammen sezen lassen, so das ich curieusen Liebhabern, vornehmen und gemeinen, das ganze ''Skeleton'' davon zu zeigen im Stand bin. Doch damit ich nicht mitten in einer Ausschweifung aufs neue ausschweife, wie doch einige Scribenten thun, indem sie ihre Digressionen Schachtelweise eine in die andere einsteken; so melde ich nur, daß ich bey sorgfältiger Zergliederung der ''menschlichen Natur'' eine ganz wunderbare, neue und wichtige Entdekung gemachet habe. Ich habe nemlich wahrgenommen, daß das allgemeine Beste durch zweyerley Wege befödert wird. Durch die ''Unterweisung'', und durch die ''Belustigung'', und in meinen ''anatomischen Vorlesungen'', (welche vielleicht wol einmal ans Licht treten werden, wenn ich etwa einen guten Freund veranlassen kann, daß er mir eine Abschrift davon stihlet, oder daß jemand von meinen Bewunderern mir ungestüm genung wird angelegen seyn, daß ich sie selbst herausgebe) habe ich ferner bewiesen, daß es für die Menschen nach der izigen Beschaffenheit ihrer Natur weit vortheilhafter ist, wenn man sie ''belustiget'' als wenn man sie ''unterweiset'', indem ihre Hauptkrankheiten dermalen ''Ekel, Schlaflosigkeit'' und ''Trägheit'' sind; es auch nebst diesem das Ansehen hat, als ob in dem Reich des ''Wizes'' und der ''Gelehrsamkeit'' wenig mehr übrig sey, welches zur ''Unterweisung'' Materie an die Hand geben könnte. Inzwischen habe ich dennoch einer alten Und sehr berühmten
== 161 ==
Regel nachkommen wollen, und mich bemühet die Sache aufs höchste zu bringen, angesehen ich dieses vortrefliche Werk kunstreich mit dem ''Nüzlichen'' und ''Angenehmen'' durchmenget, also daß allemal auf eine Schichte ''utile'' eine Schichte ''dulce'' folget.

Wenn ich bedenke wie unsere ''Neuern'' das schwache Licht der ''Alten'' durch ihren eigenen Glanz so gar sehr verdunkelt, und dieselben so weit aus der Mode gebracht, daß unsere sinnreicheste Köpfe würklich disputieren, ob die ''Alten wol jemals existirt haben?'' (Eine Frage, deren gründliche Erörterung wir von der gelehrten Feder eines berühmten und unverdrossenen ''Neuern'', des Herrn ''D. Bentley'' zu hoffen haben.) Ich sage, wenn ich dieses bedenke, so muß ich höchlich bedauren, daß noch niemand von unsern vortreflichen ''Neuern'' auf den Einfall gerathen ist, uns in einem kleinen ''Handbüchlein'' das ''ganze System'',<ref name="fn146">''Vid. Clio.'' d. i. ''Gnostologia in bacca lauri.'' Die Allwisserey in einer Schaf Lorbeer, oder die Hochedle, veste, und hochgelahrte ''Gnostologia'', oder Allwisserey, als Oberhof-Marschallin und geheimde Räthin der neun Kunstgöttinnen,, wie auch Vorsizerin, Zunftmeisterin, und Regiments-Quartier Meisterin der hochpreißwürdigen lateinisch-gesinneten Genossenschaft, allen unlateinischen zur Verwunderung aus dem lateinischen Grundtext in unsere Hochdeutsche Helden-Frau-Muttersprache getreulich übersezet. mit einer Vorrede Rever. P. Fr. Alphonsi de lana caprina Carmeliter-Ordens, und Prof. Publ auf der Hochlöblichen Uhralten Unverstet zu Abel, Theologi</ref> alles dessen zu liefern, was man wissen, glauben, sich vorstellen

== 162 ==
und ausüben muß. Zugleich aber muß ich gestehen, daß vor einiger Zeit ein gewisser grosser Philosophus auf einer ''Brasilianischen Insel'' an so was gedacht, und ein curieuses ''Recept'' hiezu vorgeschlagen hat, Ich habe dasselbe nach seinem nur allzufrühzeitigen Absterben unter seinen <ref follow="fn146">{{Seite|147}}consummatissimi, & de tota Ecclesia jam dudum meritissimi. Ich will dem geehrten Leser einige nachdrükliche Verse daraus mittheilen, darinnen von dem kleinen Begrif der Gelehrsamkeit gehandelt wird.
<poem>Der Tag vertreibt die finstre Nacht,
Es wird alle Tage was neues erdacht:
Es ist su Mode bey unsern Leütgen;
Erst warens Fontanschen, nu sinds kleene Deütgen.
Sis hol mich der Deütscher ene brave Sache,
Wenn ich kleene sobtile Sächelgen mache;
Denn wenn ich ha drey Helmer Stroh,
So färb ich sie bunt, bald so, bald so,
Das giebt mir ein Büchsgen zum Fiken-Uehrgen,
So machens och unsere Herren Studirgen:
Sie han sich lossen ä Büchsgen drihn,
Da die kleen Künstgen alle nein gihn,
Su kleen, su kleen, daß mans nikt glaubt,
Ich has ä paarmol uffgeschraubt, 
Und has daheem meiner Frau gewiesen.
Sie sagte, sie hätte ä mal vor diesen
Gehurt, daß vor veel hundert Jahren,
Ene Gräbin 365. Kinger geboren,
Sie häts in ener ohlen Kronike qelesen,
Sie wären och nik grösser gewesen,
Sie waren aber alle gestorben;
Ich denke die Künstgen sine och verdorben,
Weil sie su kleen sinn abgeschungen,
Ins Büchsgen met Gewalt gezwungen,
Denn was su oft is abgezogen,
Wird ganz verschoren und zerbogen,</poem></ref>

== 163 ==
Papieren gefunden und aus besonders guter Neigung mittheile ich es hier unsern ''neuern Gelehrten'': Um so viel mehr, weil wir es mit Recht als das ''unsere'' ansehen können. Hiernächst hoffe ich auch, werde dasselbe über kurz oder lange wol einen Gelehrten von unserer Zunft anfrischen die vorgedachte nüzliche Arbeit zu unternehmen.

{{PRZU}}
<ref follow="fn146">{{Seite|148}}<poem>Wie meen Schermesser hat erfahren,
Das hab ich nu bey fufzehn Jahren
In der Schleifmöhle offt gezogen ab,
Biß es een Federmesser gab; 
Mich deucht wol, ist mir anders recht,
Die Gelehrten machen och silch Gemächt:
Wenn sie was kreyen in die Hänge,
Su brengen sies alles in die Enge,
Daß endlich bleibt nich mih davon,
Als ä verdorrtes Skeleton;
Das sall uff deutsch a Schelmgen heissen.
Ich kan das Lachen kaum verbeissen,
Wenn ener a Dukter su wollte abschingen,
Es würde weder prediggen nuch singen,
Wer wüllte sich denn nicht puklich lachen,
Wenn die Kinger kleene Kesergen machen,
Kleene Kurförstgen, Päpstgen und Pfäfgen,
Schustergen, Schneidergen, kleene Aefgen,
Wenn wir han des Gregorrgs-Fest,
Da machen sie sich lustig aufs allerbest,
Da kan unser ener zu gutem Glük
All Künste sehn in eenem Blik,
Als wie die Dökgen im Spiegel-Häusgen,
Da remlen die sich wie die kleenen Mäusgen;
Und wer denn alls su hat gesehn,
Kan vor ä grussen Allwisser bestehn,
Ich dächte, wenn ich drinne wär,
Ich lernte die Künste zehnmol ehr.
Wenn ich was nehm in meine Hänge, 
Als wenn ichs betuke die quer und die länge,</poem></ref>
== 164 ==
Nehmet gute ''Editiones'' von allerhand Büchern in allen neuern Künsten und Wissenschaften in allerley Sprachen. Lasset solche in Franzband wol einbinden. Hernach disitil1lirt sie in ''Balneo Maria'', giesset die Quintessenz von Mohnsaamen und drey Nössel ''Lethe'' daran  welches in der Apothek zu bekommen ist. Thut das unreine und das ''Caput'' <ref follow="fn146">{{Seite|149}}<poem>Und muß noch vor das Bisgen sehn,
Vor meine Perschon sechs Pfenge gän. 
Ich kans wul, binch ä Schelm, betheüren,
Ich könne selber och su leyren.
So wüt ich denn in aller Kunst
E Meester woren ganz umbsunst,
Und durfte nun zum Ungelük 
Mich scheren lossen beym Mesterstük.
Wenn ich nun seh das Büchsgen an,
Su is mei Siele keen Drükergen dran,
Es fehl die Unruh und Gewicht.
Bewegen sich deen Künstgen nicht,
Su schister uf die Gnostologie!
Es verluhnt sich warlich nicht die Müh,
Mit allem Bettelment: Su stih
Bis uff den lezten Nimmerstag,
Wenn keener damit was machen mag.
Duch still, ihr Leütgen von den Dingen!
Kanz ich gleich nich zurechte bringen.
Ich ha och nich darauf stultirt,
Weil unser enem mih nich gebührt
Als nur ä bisgen dran zu gleüben,
Su kan ich mih nich als alles liebes und gutes davon schreiben,
Denn wenn ich anders sullte sagen, 
Su wurden mir die Staudenten meen Horn zerschlagen.

{{Idt2|60}}Hans Onmes 
{{Idt2|40}}Nachtwächter zu Abel.</poem></ref>

== 165 ==
''mortuum'' fleißig weg, und lasset alles flüchtige wol verrauchen. Behalten nur das so zuerst heraus läuft. Distilliret solches wiederum siebenzehn mal bis nicht mehr als ungefehr zwey Drachmen übrig bleiben. Lasset es ein und zwanzig Tage in einem hermetisch sigillirten Glas stehen, alsdenn machet euch über euern grossen Tractat her, nehmet alle Morgen früh nüchtern, nachdem ihr das Glas wol geschüttelt, drey Tropfen von diesem Elixier, und schnupfet sie wol in die Nase. Dieses wird sich binnen 14. Minuten in das ganze Gehirn, (dafern je eines vorhanden ist) verbreiten, und ihr werdet sogleich eine unzehlige Menge von Auszügen, Summarien, Compendien, Sammlungen, Medullen, ''Excerptis, Florilegiis'', und dergleichen in euerm Kopf spüren; alle in der besten Ordnung, so daß ihr sie gleich werdet zu Papier bringen können.

Ich muß es gestehen, daß ich aus Vertrauen auf dieses ''Geheimniß''; (denn sonst war ich mir meines Unvermogens ganz wol bewußt,) mich erkühnet habe, ein solches Werk zu unternehmen, an welches vor mir sich niemand zu wagen, das Herz gehabt, als nur ein gewisser Scribent, ''Homerus'' mit Namen. Ich habe aber an demselben sehr viele grobe Fehler entdeket, die man auch seiner Asche, dafern sie noch übrig ist, nicht verzeihen kann; obschon er übrigens für einen ''Alten'' noch geschikt genung war. Denn es ist klar, daß er ungeachtet uns einige versichern, sein Werk habe ein vollständiger Begrif aller gottlichen, menschlichen, politischen und mechanischen Wissenschaften seyn sollen,
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<ref>''Homerus omnes res humanas Poematis complexus est Xenoph. in conviv.'' Und der Herr Jac. Friedr. Reimmann im dem Buch, welches vor einigen Jahren unter diesem Titel herausgekommen ist: Ilias post Homerum, h. e. incunabula omnium scientiarum ex Homero eruta, & systematice descripta. Lenig. 1726.</ref>viele Dinge ganz und gar übergangen, und andere nur obenhin beruhret hat. So ist z. Ex. seine Nachricht von dem ''Opere magno'' sehr mager und unvollständig, so ein grosser ''Cabbalist'' er nach dem Vorgeben seiner Schüler er auch immer gewesen seyn mag; und es scheinet daß den ''Sendivogius, Böhmen'', und die ''Anthroposophiam Theomagicam''<ref>Eine Schrift welche vor ohngefehr 50. Jahren ans Licht kam, deren Verfasser aus der Provinz Walles gebürtig, und sich zu Cambridge aufhielt. Er nennete sich Vaughan, wie aus der Wiederlegung erhellet, welche der gelehrte Henricus Moore ihr entgegengesezet hat. Sie ist von einem so gar unverständlichen Innhalt, daß vielleicht ein solches Buch noch in keiner andern Sprache jemals geschrieben worden ist.</ref>  nur schlecht muß gelesen haben. Ingleichem betriegt er sich gar sehr in der Materie von der ''Sphaera Pyroplastica''. Es ist dieses ein Fehler, den man ihm unmöglich zu gut halten kann, und ich hoffe der Leser werde es nicht übel nehmen, wenn ich so gar sage: ''Vix crediderim Autorem hunc unquam audivisse ignisvocem''. Eben so mangelhaft ist auch seine ''Mechamic''.<ref name="fn151">Der Verfasser giebt die Mechanic Homers für allzuunvollkommen aus. Herr Reimann, welcher uns die Schäze dieses göttlichen Poeten gütigst eröfnet hat, fället ein besseres Urtheil davon. Er</ref> Denn obschon ich seine Schriften mit
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dem äussersten, unsern ''Neuern'' gewohnten Fleiß gelesen, so habe ich doch nicht die geringste Anweisung entdeken können, wie man einen Lichtknecht,<ref>Eine kleine Maschine worauf man ein Stüklein Licht steket.</ref> welches doch ein so sehr nüzliches Werkzeug ist, verfertigen soll; und aus Mangel eines solchen würden wir noch izt in der ''Finsterniß'' tappen, wenn uns die ''Neuern'' diesfalls nicht hülfliche Hand geboten hatten.

Endlich hat dieser Autor einen Fehler, der noch weit mehr getadelt zu werden verdienet. Ich meiner diesen, daß er in Ansehung ''der öffentlichen Geseze dieses Reiches'', und in Ansehung der ''Lehre'' so wol als der ''Gebräuche'' der ''Engländischen Kirche'' so sehr unwissend ist.<ref>''Wotton'' zehlet in seinem Buch von der alten und neuern Gelehrsamkeit, die Gottesgelehrtheit und die Jurisprudenz unter die Stüke, worinn wir die Alten übertrefen.</ref> In der That ist dieses ein Hauptfehler; welchen mein <ref follow="fn151">{{Seite|152}}sagt in seiner Iliade post Homerum, Cap. XIII. de Mechanice, §. VIII. „Es ist eine so grosse Anzal der Maschinen, deren Homer gedenket, daß wenn man nur die blossen Namen anführen wollte, ein ganzer Bogen nicht zureichen würde. Was für Gattungen von Gewehre, was für Werkzeuge, was für Hausrath nennet er nicht? Diese Materie füllete einen grossen Folianten aus, wenn man sie ganz abhandeln wollte.“ Er gedenket nur der Müh1en, Wagen, Pflugscharen und Mäusefallen, und vielleicht ist auch der Lichtknecht dem Homer nicht unbekannt, als Herr Swift glaubt, wenn nur hilfreicher Criticus solchen eruiren wollte.</ref>

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wehrtester und geschikter Freund, ''Mr. Wotton, Baccal. Theol.'' in seinem unvergleichlichen Tractat von der ''alten und neuern Gelehrsamkeit'', diesem ''Homer'' und mit ihm auch allen übrigen Alten mit gröstem Recht vorgerüket hat. Es ist dieses eine Schrift welche nicht hoch genung kann geschäzet werden, es sey daß man die glüklichen und sinnreichen Wendungen, welche darinn herrschen, oder die grosse Nuzbarkeit der wichtigen Entdekungen über die ''Fliegen'' und den ''Speichel'', oder auch die arbeitsame fliessende Schreibart des Verfassers betrachtet. Und ich kann nicht Umgang nehmen, demselben hiemit öffentlichen Dank abzustatten, für die grosse ''Hülfe'' und ''Erleichterung'' die ich bey Verfertigung dieser gegenwärtigen Schrift aus sei-nem nnvergleichlichen Tractat gezogen habe.

Nebst dem was wir bereits angeführet haben, wird der gelehrte Leser noch viele andere Mängel in ''Homers'' Schriften entdeken, die ihm aber billig nicht so streng angerechnet werden müssen. Denn da seit seinen Zeiten, und vornemlich in diesen drey oder vier lezten Jahren alle Theile der Wissenschaften einen so wunderbaren Zuwachs bekommen-, so ist beinahe ganz unmöglich, daß er in Ansehung der neuern Entdekungen so viel gewußt habe, als seine Vertheidiger vorgeben. Wir gestehen, daß er den ''Compaß'', das ''Schießpulver'', und den ''Kreislauf des Geblüts'' erfunden: Allein ich fodere einen jeden seiner Bewunderer auf, mir in allen seinen Schriften eine vollständige Nachricht von der ''Milz'' zu zeigen. Ueberläßt er uns ferner nicht gänzlich, die Kunst der ''politischen''
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''Wetten'' ins Aufnehmen zu bringen. Was ist unvollkommener und thut weniger Genüge als seine lange ''Dissertation'' von dem ''Thee''? Und was seine bey uns so berühmte Methode, ''sine Mercurio'' zu ''saliviren'', angeht, so kann ich aus eigener Erfahrung sagen, daß man sich sehr wenig Rechnung darauf machen darf.

Diese wichtige Mängel nun zu ersezen, habe ich auf vieles und langes Anhalten mich endlich bereden lassen, die Feder zu ergreifen; und ich getraue mir, den verständigen Leser zu versichern, daß ich nichts aus der Acht gelassen, was bey allen und jeden Vorfallenheiten des gemeinen Lebens von einigem Nuzen seyn kann. Ich darf keklich sagen, daß ich alles beygebracht und erschöpfet habe, wohin nur die menschliche Einbildungskraft ''steiget'' oder ''fällt''. Vornemlich empfehle ich den Gelehrten, gewisse Entdekungen aufmerksam zu lesen, welche von andern gar nicht berührt worden sind. Ich will unter vielen andern izt weiter nichts anführen, als ''mein neues Mittel für die Halbgelehrten'', oder ''die Kunst, ein seichter Leser und tiefgelehrter Mann zu seyn. Eine curieuse Erfindung von Mäusefallen. Eine allgemeine Vernunft-Regel'', oder, ''jeder Mensch sein eigener Vorschneider''. samt einer überaus nüzlichen Maschine ''Eulen zu fangen''. Von welchen allen an verschiedenen Orten dieses Buchs ausfuhrlich gehandelt wird.

Ich halte mich verbunden, so viel immer möglich, die Schonbeiten und Vortreflichkeiten meiner Schriften selbst anzuzeigen, weil die vornemsten
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Scribenten dieses gelehrten und politen Weltalters solches zu thun belieben, so oft sie der Abneigung eines critischen, oder der Unwissenheit eines geneigten Lesers abhelfen wollen. Ueber dieses sind auch nur unlängst verschiedene berühmte Stüke in gebundener und ungebundener Schreibart herausgekommen, wobey man versichert seyn kann, daß wenn die Verfasser aus besonderer Höflichkeit und Zuneigung für das ''Publicum'' nicht selbst beliebet hätten, uns von alle dem ''Erhabenen'' und ''Vortreflichen'' ihrer Schriften, umständliche Nachricht zu geben, wir gewiß sonst nicht das geringste weder von dem ''einen'' noch von dem ''andern'' würden entdeket haben. Was mich inzwischen selbst betrift, so kann ich nicht in Abrede seyn, daß alles was ich bisher von dieser Materie beygebracht, sich besser in eine Vorrede geschiket hätte; und daß solches der Mode, welche dergleichen ordentlich dahin verweiset, gemässer gewesen wäre. Allein ich finde für gut, mich hier des grossen und angesehenen Vorrechts zu bedienen, welches allemal der ''neueste Scribent'' hat; und fodere vermöge desselben, daß man mir als dem ''allerneuesten Scribenten'' eine ganz unumschränkte Macht über alle die vor mir gewesen, zustehe. Jn kraft dieses Titels verwerfe ich denn, und erkläre es, als eine höchst schädliche Gewohnheit, daß man die Vorreden zu Küchenzetteln machet. Ich habe es nemlich jederzeit für eine sehr grosse Unbesonnenheit gehalten, wenn ich gesehen, daß diejenigen welche ''Misgeburten'' und anders dergleichen fur Geld sehen lassen, dieselben in einem grossen und nach dem Leben gemahleten Bildniß vor die Thüre hinaushängen.
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Dieses hat mir würklich manchen Dreyer erspart. Denn dadurch ward meine Neügierigkeit
völlig gestillet, und ich gieng niemals hinein, der Kerl möchte mir noch so beweglich zureden und schreyen, ''Herr, auf mein Wort, es wird gleich angehen''.

Eben dieses Schiksal, haben zu unsern Zeiten, die ''Vorrede, Briefe, Vorberichte, Einleitungen, Prolegomena, Apparatus'', und andere ''Erinnerungen an den Leser''. Im anfang war dieses alles sehr gut. Unser grosse ''Dryden'' hat sich dieses Mittels eine lange Zeit bedienet, und die Sache so weit getrieben, als es nur möglich war; und zwar mit bestem Erfolg. Er hat mir vielmals im Vertrauen gesagt, die Welt würde nimmer auf die Gedanken gerathen seyn, daß er ein so grosser Poet wäre, wenn er es nicht selbst in seinen Vorreden so öfters und dergestalt versichert hatte, daß sie es unmöglich in Zweifel ziehen, oder jemals vergessen könnte. Es mag seyn. Allein ich befürchte nur, daß er seine Unterrichte am unrechten Ort angebracht, und die Leute in gewissen Stüken klüger gemacht, als er gern gewollt hat. Denn es ist etwas betrübtes zu sehen, mit was für einer verschmähenden Faulheit unsere izigen schläfrigen Leser ''vierzig'' bis ''fünfzig'' Seiten ''Vorrede'' und ''Zuschrift'', (das gewöhnliche Maß unserer Neuern) überblättern, nicht anders als ob es lauter latein wäre. Wiewol auf der andern Seite auch nicht zu läugnen, daß sehr viele bloß dadurch zu ''Criticis'' und ''sinnreichen Köpfen'' geworden, weil sie sonst nichts anders gelesen. Und
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in diese zwo Classen kann man meines Bedünkens alle heutigen Leser mit Recht eintheilen. Ich meines Orts bekenne mich zu der erstern, und da ich den Trieb der ''Neuern'' habe, mich über die Schönheiten meiner eigenen Werke herauszulassen, und die scheinende Stellen dieser gegenwärtigen Schrift in ihrem vollen Licht zu zeigen, so hielt ich für das beste, solches in dem Werk selbst zu thun, und zwar um so viel mehr, als es, wie man siehet, würklich hierdurch einen nicht unbeträchtlichen Zuwachs bekommen hat. ''Ein Umstand den ein geschikter Scribent nicht leicht aus der Acht lassen muß''.

Nachdem ich also einer löblichen und wol eingeführten Gewohnheit unserer allerneuesten Scribenten Genüge geleistet, durch eine ''lange Ausschweifung, welche eben niemand erwartet, und durch eine allgemeine Censur wozu mich niemand gereizet hat. Wie nicht weniqer durch eine mühsame Und geschikte Entwikelung meiner eigenen Vollkommenheiten, und anderer ihrer Fehler'', wobey ich die ''schärfeste Gerechtigkeit'' gegen mich selbst, und alle ''erforderliche Redlichkeit'' gegen andere beobachtet habe, so wende ich mich nunmehro zu meinem und des Lesers gröstem Vergnügen wieder zur Hauptsache.


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{{LineCenterSize|100|20|'''Sechster Abschnitt.'''}}
{{LineCenterSize|100|20|'''Fortsezung'''<br />des Mährgens von der Tonne.}}
Wir haben Lord ''Petern'' in einem offenbaren Friedensbruch mit seinen zween Brüdern verlassen. Beyde waren für immer aus seinem Haus verstossen, und mußten nunmehr ihr Glük in der weiten Welt suchen; wobey sie wenig oder nichts hatten, darauf sie sich verlassen konnten. Umstände welche sie zu recht geschikten Gegenständen des Mitleidens  eines Scribenten machen, indem unglükliche Scenen stets die beste Gelegenheit zu grossen Begegnissen geben: und hiebey läßt sich auch der Unterscheid zwischen der Aufrichtigkeit eines großmüthigen Scribenten, und eines gemeinen Freundes deutlich abnehmen. Dieser bleibet seinem Freund zugethan so lang sein Glük währet, so bald es ihm aber den Rüken kehret, verläßt er ihn. Ein großmüthiger Scribent hingegen thut gerade das Gegentheil. Er findet seinen Helden auf dem Misthaufen, ziehet ihn aus dem Koth heraus, und  führet ihn stuffenweise auf den Thron; alsdenn verläßt er ihn plözlich, und wartet nicht einmal bis man ihm für seine Mühe danket. Diesem löblichen
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Exempel zufolg, habe ich ''Lord Petern'' in ein prächtiges Haus gebracht, ihm einen Titel, und mit demselben auch Geld gegeben. Hier will ich ihn nun eine Zeit lang lassen, und mich dahin wenden, wohin mich die allgemeine Liebe ruft; zur Hülfe nemlich und zum Beystand der zween andern Brüder in ihren elendesten Umständen. Dabey aber werde ich keineswegs vergessen, daß ich ein Geschichtschreiber bin, sondern der Wahrheit wo sie mich hinführen und was immer begegnen mag, Schritt für Schritt folgen.

Unsere beyden ins Elend verstossene Brüder welche ihr Schiksal und Interesse so genau verband, zogen zusammen in ''ein Quartier''. So bald sie ein wenig Musse hatten, fiengen sie an, das vielfältige Unglük und Elend, welches sie in ihrem vorigen Leben erfahren müssen, zu überdenken, und wußten nicht gleich, was für Fehlern in ihrer Aufführung sie solches Schuld geben sollten. Endlich besannen sie sich auf die Abschrift des väterlichen ''Testaments'', welche sie so glüklich von ihrem Bruder mit weggebracht hatten. Diese zogen sie alsobald hervor, und nahmen dabey den festen Entschluß, alles was sie unrechtes bisher angenommen, abzuschaffen, und daß sie künftig in allem dem ''väterliche Willen'' mit dem allerstrengesten Gehorsam nachkommen wollten. Der gröste Theil des ''Testaments'', wie sich der geehrte Leser noch wol erinnern wird, bestand in gewissen vortreflichen Regeln, wie sie ihre Kleider tragen sollten, Als sie nun diese Regeln miteinander durchgiengen, und bey jedem Punkt die Lehre, und
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ihre Aufführung fleißig gegen einander hielten, so befanden sie, daß beydes wie Himmel und Erde von einander unterschieden wäre. Recht erschrekliche, und solche Uebertretungen, die dem väterlichen ''Gebot'' in jedem Stük schnurgerade entgegen waren. Sie entschlossen sich demnach beyde, ohne fernern Aufschub alles genau wieder in den Stand zu sezen, wie es der ''väterliche Wille'' erfoderte.

Hier aber muß ich den neugierigen Leser, welcher gemeiniglich das Ende einer Begebenheit ungedultig zu wissen verlanget, noch ehe wir ihn gehöriger massen dazu vorbereitet haben, um etwas zurükhalten, und melden, daß die beyden Brüder sich um diese Zeit durch besondere Namen zu unterscheiden angefangen. Der eine ließ sich ''Martin'' und der andere ''Hans''<ref>Luther und Calvinus. In einer Stelle der ''Vertheidigung des Mährgens von der Tonne'' hat man lieber das Original-Wort ''jak'' beybehalten, weil man geglaubt, die dabey angebrachtete Nachricht des Verfassers werde dem deutschen Leser dadurch greiflicher.</ref> nennen. Beyde hatten unter der Tiranney ihres Bruders ''Peters'' in guter Freundschaft und Verträglichkeit beysammen gelebet; wie ordentlich zu geschehen pfleget, wenn ihrer zween einerley Noth haben. Leute die sich im Unglük befinden, gleichen denen, die im Finstern sind, und alle Farben für einerley halten. Nachdem aber die beyden Brüder weiter in die Welt kamen, und einer den andern bey Licht zu besehen anfieng, so würden sie gewahr, daß ihre Neigungen sie gar sehr unterschieden; und der gegenwärtige
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Zustand ihrer Sachen gab ihnen mit einmal Gelegenheit, diese Wahrheit sehr deutlich zu erkennen.

Hier aber wird mich der strenge Leser mit Recht als einen Scribenten tadeln können, der ein kurzes Gedächtniß habe: ist dieses in der That ein Fehler, welchem die ''ächten Neuern'' nothwendig ein bischen unterworfen seyn müssen. Denn das ''Gedächtniß'' ist eine Fähigkeit des Gemüths, welche nur mit vergangenen Dingen umgehet, womit sich aber die Gelehrten unserer Zeit nicht abgeben, indem sie sich nur allein auf neue Erfindungen legen, und daher alles aus sich selbst, oder bey erfolgender Collision, wenigstens je einer von dem, andern herausschlagen. Daher wir es auch für sehr vernünftig halten, unser ''schwaches'' Gedachtniß jederzeit als einen unstreitigen Beweis unsers ''grossen'' Verstaudes anzuführen. ''Methodice'' zu gehen, hätte ich also dem geehrten Leser schon längst melden sollen, daß Lord ''Peter'' die Grille gehabt, und sie auch seinen beyden Brüdern in den Kopf gesezet, alles was nur Mode ward auf ihre Kleider aufzusezen, ohne jemals die erstern aus der Mode gekommene Zierrathen vorher wieder abzuthun. Daraus ward nun mit der Zeit ein solcher altfränkischer Mischmasch als man sich immer vorstellen kann, dergestalt, daß da sie mit einander zerfielen, man kaum einen Faden von dem Tuch ihrer Kleider mehr erkennen konnte; sondern alles war voller Tressen, Bänder, Franzen, Stikwerk
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und Nestel,<ref>Zur Zeit der Reformation hatten die Menschen-Sazungen in der Römischen Kirche dermassen überhand genommen, daß man sehr wenig von der wahren christlichen Religion sehen konnte.</ref> (ich verstehe nemlich nur die silbernen Nestel;<ref>Die silbernen Nestel bedeuten diejenigen Lehren in dem Papstthum, welche die Macht und den Reichthum der Römischen Kirche befördern. Und überhaupt alle Pracht bey ihrer Kirchenverfassung und äusserlichen Gottesdienst.</ref> denn die andern waren nach und nach weggefallen.) Nun dieser wichtige Umstand den ich oben vergessen hatte, schiket sich zum Glüke recht vortreflich hieher, da ich eben willens bin, von der Reformation zu reden, welche die beyden Brüder mit ihren Kleidern vornahmen, um sie wieder in ihren ersten dem väterlichen ''Testament'' gemässen Stand zu sezen.

Sie nahmen also beyde dieses grosse Werk einmüthig vor die Hand; und sahen dabey bald auf ihre Kleider, bald wieder in das ''Testament''. ''Martin'' war der erste; er riß auf einmal eine ganze Hand voll Nestel weg, und als er das zweyte mal ansezete, mußten wol bey zwölf Ellen ''Franzen'' herunter. Nachdem aber dieses geschehen, hielt er eine Weile inne. Er sah ganz wol, daß noch vieles übrig war. Indessen war die erste Hiz vorbey, und er entschloß sich nun weiter bescheidener zu Werk zu gehen, nachdem es schon würklich nur wenig gefehlet, daß er beym Wegreissen der ''silbernen Nestel'', (die der Schneider klüglich mit doppelter Zwirne angenehet hatte, damit sie

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nicht herunter fallen sollten,) in das Tuch selbst gerissen hätte. Als er demnach auch eine Menge ''göldener Spize'' wegschaffen wollte, so trennete er mit gröster Behutsamkeit alle Stiche auf, und zog dabey, so weit er kam, die losgemachten Fäden auf das fleißigste aus; welches dann nicht wenig Zeit wegnahm; Hierauf kam an die gestikten ''indianischen'' Figuren von Männern, Weibern und Kindern; wider welche, wie vorhin gedacht worden, des Vaters ''Testamente'' ein ausdrükliches und scharfes Verbot enthielt. Diese brachte er binnen einiger Zeit mit vielem Fleiß und grosser Geschiklichkeit gänzlich heraus, oder machte sie ganz unkennbar. In Ansehung des übrigen, wo er sah, daß das Stikwerk so fest eingearbeitet war, daß er es ohne Schaden des Tuches selbst, nicht herausbringen konnte, oder wo es dienete, etwa ein Loch zu bedeken, oder zusammen zu halten, welches durch das beständige Herumzerren des Kleides von denen, die stets etwas neues darauf flikten, darein gekommen war, hielt er für das beste, es darauf zu lassen, weil er durchaus verhüten wollte, daß das Tuch selbst Schaden nehmen sollte; und glaubte, dieses wäre nach Beschaffenheit der Umstande die beste Methode der wahren Absicht und Meinung des ''väterlichen Willens'' zu entsprechen. Und das ist auch die genaueste Nachricht, welche ich von ''Martins'' Betragen bey dieser grossen Veränderung habe aufbringen können.

Bruder ''Hans'' aber, dessen Begegnisse so ausserordentlich sind, daß sie wol den grösten Theil
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meiner noch übrigen Abhandlung ausmachen werden, dachte ganz anders und gieng auch ganz anders zu Werk. Das Andenken von Lord ''Peters'' Unbillen, erwekte bey ihm einen Haß und Unwillen, der ihn weit mehr antrieb als das väterliche ''Testament'' selbst, so daß dieses leztere nur das zweyte in der Absicht, und jenem als dem Hauptzwek untergeordnet zu seyn schien. Indessen ersann er für dieses Gemisch seiner Gemüthsbewegungen einen hübschen Namen; und ehrete solche mit dem Titel ''Eifer'', welches vielleicht das nachdrüklichste Wort ist, so jemals in einer Sprache erfunden worden, wie ich solches in meinem vortreflichen ''analytischen'' Werk über diese Materie verhoffentlich gründlich erwiesen habe. Ich habe in demselben eine ''Histori-Theo-Physi-Logicalische'' Betrachtung über den ''Eifer'' angestellet, worinn ich zeige, wie derselbe zuerst aus einem ''Gedanken'' sich in ein ''Wort'' verwandelt, hernach aber in einem heissen Sommer, in eine ''Substanz'' ausgewachsen ist, die sich würklich ''greifen läßt''. Das Werk macht drey starke Folianten aus, und ich gedenke solches nächstens, nach der neuern Mode auf ''Subscription'' druken zu lassen, in der gewissen Hofnung, es werde so wol der hohe als niedere Adel auf dem Land dieses nüzliche Werk auf alle Weise befödern, nachdem derselbe an gegenwärtiger Schrift bereits eine Probe hat, was ich zu thun im Stand bin.

Bruder ''Hans'' denn, dachte voll von diesem Eifer der Tiranney ''Peters'' mit heftigem Unwillen nach, und da ihn auch zugleich die Zaghaftigkeit seines  Bruders ''Martins'' nicht wenig ärgerte,
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so brach er in folgende Worte aus: Was? sagte er: Ein Schelm der uns den Trunk verschließt, unsere Weiber ausjagt, uns um das unsere betrügt, uns seine - - - Brodrinden für Schöpsenfleisch vorsezt, und uns endlich gar zur Thüre hinausstößt: Dem sollten wir zu willen leben? Hol ihn der Henker. – Ein Bub ist er; und auf allen Gassen wird er für einen solchen ausgeschrien. Nach diesem Eingang, wodurch er sich selbst sehr aufgebracht, und folglich in einen Stand gesezet hatte, der eben nicht der bequemste ist, eine ''Reformation'' vorzunehmen, grif er sogleich das Werk an, und that in drey Minuten mehr als ''Martin'' in so viel Stunden verrichtet hatte. Denn der geneigte Leser muß wissen, daß man sich den ''Eifer'' wol am meisten verpflichtet, wenn man ihm etwas ''zu zerreissen'' giebt. Und ''Hans'' der in den Besiz dieses Talents vernarret war, ließ ihm bey diesen Umständen den vollen Lauf. Daher fügte es sich, daß als er eine Hand voll ''Goldspizen'' etwas zu hastig herunter gerissen, er zugleich seinen ''ganzen Rok'' von oben bis unten entzwey riß. Und weil er im ''Fliken'' und ''Stoppen'' nicht sonderlich geschikt war, so wußte er sich nicht besser zu helfen, als daß er eine ''Heftnadel'' mit ''Bindfaden'' nahm, und sein Kleid damit zusammen heftete. Allein es war noch zehnmal schlimmer, (ich kann es nicht ohne Thränen melden) als er nun weiter zum ''Stikwerk'' kam. Denn weil er von Natur plump, und viel zu ungedultig war, so viel hunderttausend Stiche aufzutrennen, als wozu eine geschicke Hand und ein sehr geseztes Wesen erfordert wird, so rieß er in der Wut ein ganzes Stük
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Tuch und alles was darauf war, weg, schmieß es in den Koth, und fuhr auf solche grimmge Art immer fort. Ach, sagte er dabey, lieber Bruder Martin, machs wie ich: Ich bitte dich um Gottes willen, reiß, zerr, und schmeiß alle weg, damit wir dem schelmischen Peter so ungleich sehen als immer möglich ist. Ich wollte nicht tausend Thaler nehmen, und das geringste Zeichen an mir leiden, woraus die Nachbarn muthmassen möchten; daß ich ein verwandter von einem solchen Bösewicht wäre. Allein Martin welcher damals ganz besänftiget und gesezt war, bat ihn um aller Liebe willen, „er möchte doch seinem Kleid nicht Schaden thun; dann er wurde kein solches wieder bekommen. Er sollte bedenken, daß sie bey Einrichtung ihrer Sachen nicht auf Petern, sondern auf die in dem väterlichen Testament vorgeschriebene Regeln sehen müßten. Er sollte überlegen, daß Peter stets ihr Bruder bliebe, was für Fehler und Unrecht er immer begangen hätte. Sie müßten sich also durchaus nicht einfallen lassen, gutes oder böses nur deswegen zu thun, damit sie ihm zuwider wären. Es wäre wahr, das Testament ihres Vaters wäre sehr scharf was das Tragen ihrer Kleider betrefe, allein es wäre ihnen auch in demselben mit gleicher Schärfe anbefohlen, daß sie verträglich und in guter Freundschaft und Liebe mit einander leben sollten. Und ist je, (fügte er hinzu,) überall noch eine Uebertrettung zu verzeihen, so wird gewiß viel eher eine solche seyn, welche unsere Freundschaft befördert, als eine andere, welche dieselbe ganz und gar zerstöret.“

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und in meine ''Locos communes'' eingetragen hatte, mehr nicht als ein geringes Duzend in die gemeinen Gesprache und Unterredungen zuziehen, zuschleppen und zu nöthigen im Stand gewesen bin. Von welchem Duzend noch die eine Helfte ohne alle Würkung war, weil sie vor den unrechten Leuten angebracht ward; und die andere hat mich ihrer loß zu werden, so viel Nachspürens, Strikelegens und Umwege gekostet, daß ich zulezt den Entschluß fassete, dieß Handwerk ganz aufzugeben: Nun eben dieser unglükliche Erfolg (wenn ich das ganze Geheimniß entdeken soll,) war es, der mir zuerst den Gedanken in den Kopf sezte, ein ''Scribent'' zu werden: Und ich habe hernach in Gesellschaft verschiedener meiner guten Freunde befunden, daß es eine allgemeine Klage ist, und daß die Sache auch eben dieselbe Würkung auf viele andere gethan hat. Denn wie oft geschieht es nicht, daß eine ''artige Rede'' im ''gemeinen Umgang'' keiner Achtung gewürdiget, so bald sie aber durch den ''Druk'' geadelt ist, für sehr schön gehalten wird? Ich habe mir also die Freyheit und Aufmunterung welche die Presse ertheilet, zu Nuze gemachet; und nachdem ich so über die Anläse und Gelegenheiten meine gesammelten Schönheiten auszulegen, vollkommen Meister war, so merke ich allbereit, daß die ''Ausgaben'' von meinen ''Merkwürdigkeiten'', die ''Einnahm'' bald zu ubersteigen anfangen möchten. Ich will also hier ein wenig inne halten, bis ich an dem Puls meiner Leser und meinem eigenen fühlen werde, daß es für uns beyde unumgänglich nothwendig ist, die Feder wiederum zu ergreifen.


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{{LineCenterSize|100|20|Vollständige<br />und<br />'''wahrhafte Erzehlung'''<br />von dem,<br />lezten Freytag<br />unter den<br />'''alten und neuen Büchern'''<br />'''gehaltenen Treffen,'''<br />in<br />der Bibliothek zu St. James.}}

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{{LineCenterSize|100|20|Des Verlegers<br />'''Bericht'''<br />an den Leser.}}

Gleichwie nachfolgende Schrift unstreitig denselben Verfasser mit der vorgehenden hat, also scheinet sie auch um die gleiche Zeit geschrieben zu seyn: Im Jahre nemlich 1697. da eben der beruhmte Streit von der Gelehrsamkeit der ''Alten'' und ''Neuern'' entstanden war. Hiezu hatte eine gewisse Schrift des Herrn ''Wilhelm Temple'' über diese Materie, Anlaß gegeben; wider welche Herr ''W. Wotton'' eine Antwort heraus gab, mit einem Anhang von ''Dr. Bentley'', worinnen er sich bemühete, das Ansehen ''Aesopi'', und ''Phalaris'', als zweener alten Autoren, welche Herr ''Wilhelm Temple'' gar sehr gerühmt hatte, gänzlich umzustossen. In diesem Anhang hatte ''Dr. Bentley'' die Ausgabe des ''Phalaris'', welche Herr ''Carl Boyle'' (anizo Graf von ''Orrery'') ans Licht gestellet, sehr hart mit angegriffen. Dieser vertheidigte sich hierauf mit grossem Verstand und vieler Gelehrsamkeit, und ''Bentley'' antwortete weitläuftig. Nun verdroß es ganz London, daß einem Herrn von so grossem Ansehen und Verdienste als Herr ''Wilhelm Temple'' war, von diesen beyden
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Schulfüchsen so grob begegnet ward, ohne daß er die geringste Ursach dazu gegeben hatte. Endlich da der Streit kein Ende nehmen wollte, kömmt unser Verfasser, und erzehlet uns, wie die Bücher in der ''St. James Bibliothek'', sich als zwo Parteyen angesehen, die hiebey vornemlich interessirt wären, den Streit aufgenommen, und es auf eine entscheidende Battaille hätten ankommen lassen. Allein da das Manuscript wegen verschiedenen Ursachen an vielen Orten sehr mangelhaft ist, so finden wir keine Nachricht, auf welche Seite der Sieg sich gelenket habe.

Inzwischen muß sich der Leser in Acht nehmen, daß er nicht auf ''Personen'' deute, was hier in ganz eigentlichem Verstand nur von ''Büchern'' gesagt wird. So wenn z. E. ''Virgils'' Meldung geschieht, so darf man nicht die Person des berühmten Poeten verstehen, der diesen Nammen führet, sondern bloß eine gewisse Anzal papierne, in Leder eingebundene Blatter, worauf die Verse dieses Poeten gedrukt sind, u. s. f.

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{{LineCenterSize|100|20|'''Vorrede des Verfassers.'''}}
Die Satyre ist eine Art Spieqel, darinn man insgemein alle andere Leute siehet, nur sich selbst nicht. Dieses ist die Hauptursach, warum sie von der Welt so wol aufgenommen wird, und daß so wenige Personen büse darüber werden. Inzwischen wenn auch das Gegentheil erfolgen sollte, so würde es nicht viel zu bedeuten haben. Eine lange Erfahrung hat mich gelehret, daß ich nie etwas ubels von solchen Köpfen befürchten darf, welche ich hab bös machen können. Denn man sieht, daß der Zorn und das Rasen den Nerven des Leibs zwar Stärke beyleget, hingegen aber die Nerven des Geistes gerade schlaff, und alle Bemühungen desselben schwach und ohnmachtig machet.

Manches Gehirn vermag nicht mehr als einmal zu schäumen, und da muß der Besizer den Schaum sorgfältig aufheben, und mit seinem kleinen Vorrath gut wirthschaftlich umgeben. Vornemlich muß er sich in Acht nehmen, denselben wol niemals der Schwingruthe geschikterer Leute Preis zu geben. Denn da würde etwas daraus werden, welches weiter zu gar nichts taugte; und wo wollte der Besizer alsdenn neuen Schaum hernehmen?

Wiz ohne Wissenschaft ist eine Art Sahne, welche sich in einer Nacht bis oben ansezet, und von einer geschikten Hand leicht in Schaum kann gequirlet werden. Hat er aber einmal ausgeschäumet, so taugt das was übrig bleibt, zu nichts, als daß man es den Schweinen gebe. 

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{{LineCenterSize|100|20|Vollständige<br />und<br />wahrhafte Erzehlung<br />von dem<br />unter den Büchern<br />gehaltenen Treffen.}}

Wer die Chroniken<ref>S. die Ephem. der Mar. Clarke. opt. Edit.</ref> alter Zeiten mit gehöriger Aufmerksamkeit durch1ieset, der wird die Anmerkung darinn finden, daß ''der Krieg ein Kind des Hochmuths, und der Hochmuth ein Kind des Reichthums'' sey. Der erste von diesen Säzen mag eingeräumet werden, allein den zweyten kann man so leicht nicht zugeben. Denn ''Hochmuth'' ist der ''Betteley'' und dem ''Mangel'' sehr nahe verwandt; entweder von Seite des Vaters, oder der Mutter, bisweilen auch wol von beyden. Und die Wahrheit zu sagen, so pflegen die Menschen einander selten anzugreifen, wenn alle genung haben. Die Ausfälle geschehen meistens von ''Norden''
== 287 ==

== 333 ==
den Styx gefahren haben. Gehab dich wol du theures Paar; ''Orestes'' und ''Pylades'' unsrer Zeit: Ihr lasset wenig euers gleichen zurük: und ist es je möglich, daß euch mein Wiz, und meine Beredsamkeit glükselig und unsterblich mache, so sollet ihr es gewißlich werden. 
Nunmehro <nowiki>* * * * * * * * * * * * * * * * *</nowiki> ''desunt caetera''.


== 334 ==
{{LineCenterSize|120|20|'''Schreiben'''}}
{{LineCenterSize|100|20|an einen Freund,<br />''von der''<br />'''Mechanischen Erzeugung'''<br />des Geistes.}}


{{Center|Ein Fragment.}}


{{PRZU}}
== 335 ==
{{LineCenterSize|100|20|'''Vorbericht des Verlegers.'''}}

Nachfolgender Discurs ist zwar ganz, und ohne daß etwas daran fehlete, in meine Hände gekommen. Weil aber verschiedene Sachen darinn standen, welche man zu diesen Zeiten nicht wol ertragen mag, so habe ich ihn einige Jahre lang bey mir aufgehoben, und war Willens, ihn gar niemals herauszugeben. Endlich habe ich mit Hülfe und Rath eines gelehrten Freundes, dasjenige ausgestrichen, was am meisten hätte Anstoß geben mögen; und wage es nun, das übrige ans Licht zu stellen. was den Verfasser anlanget, so weiß ich gar nichts von demselben: Ich kann auch nicht muthmassen, ob er eben derselbe sey, welcher die zwey vorhergehenden Stüke geschrieben hat; indem ich das Original zu verschiedenen Zeiten, und von verschiedener Handschrift bekommen habe Der gelehrte Leser mag es selbst bestimmen, dessen Beurtheilung tch es hiemit gänzlich überlasse.

{{PRZU}}
== 336 ==
{{LineCenterSize|100|20|Von der<br />'''Mechanischen Erzeugung'''<br />des<br />Geistes.}}

An Tit. Herrn. T. H Esq. abzugeben in seinem Logis, in der Academie der ''Beaux Esprits'' in Neu-Holland.

{{Center|Mein Herr!}}

Es ist nunmehro eine geraume Zeit, daß ich etwas im Kopf behalten, woran der Welt nicht allein sehr viel gelegen, sondern welches ich auch nicht länger verschweigen kann, wenn ich nicht Schaden an meiner Gesundheit leiden will. Kurz, und unter uns, mein Herr, ich kann es unmöglich langer ''zurük halten''. Indessen bin ich eine lange Zeit nicht wenig angestanden, auf was für eine Art ich es am schiklichsten von mir lassen könnte. Ich bin deswegen drey Tage lang durch ''Westminster-Hall, St. Pauls Kirchhof Fletstreet'' etc. hin und her gelaufen, alle Titel durchzulesen;
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und da habe ich keinen gefunden, welcher mehr Mode wäre, als der, ''Schreiben an einen Freund''. Nichts ist nemlich gemeiner, als daß man lange Briefe daselbst sieht, welche an Personen und Oerter gerichtet werden, von denen man anfangs gedenken sollte: es wäre eben weder so gar nothwendig, noch so gar schiklich, Briefe an sie zu stellen. Dergleichen z. Ex. sind: ''Schreiben an meinen nächsten Nachbar; Briefe an einen Todfeind, an einen Unbekannten, an eine Standesperson in den Wolken'' etc. Welche auch nebst diesem von Sachen handeln, die man einem eben nicht mit der Post zu schreiben pfleget: als da sind: ''Weitläufige philosophische Abhandlungen: Dunkle und wunderbare Staats-Geheimnisse: Mühsame critische Untersuchungen; Unmaßgebliche Vorschlage an das Parlament'', u.s.f.

Dieser Mode zufolgen, habe ich mein Herr, nicht das geringste Bedenken getragen: Und weil ich versichert bin, daß Sie diesen ''Brief'' zum Druk befödern werden, wenn ich mich gleich noch so sehr dawider sperrete, so ersuche ich sie, mir vor der ganzen Welt Zeuge zu seyn: ''Daß dieser Brief sehr eilfertig und ohne viel Nachdenken geschrieben worden sey: Daß ich ihn erst gestern zu Papier gebracht, nachdem wir beyde von ungefehr über diese Materie zu reden gekommen waren; Daß mir nicht recht wol gewesen, als wir von einander gegangen: Daß ich wegen zeitigen Abgangs der Post unmöglich Zelt gehabt, alles in gehörige Ordnung zu bringen und den Styl zu verbessern''. Und was ihnen ferner etwa für
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''neuere'' Entschuldigungen der Eilfertigkeit, und Nachläßigkeit beyfallen mögen; dieselben bitte ich innständig mit anzubringen, nebst Versicherung, daß ich es mit sonderbarem Dank erkennen werde.

Wenn sie, mein Herr, an die ''Iroquesische'' Gesellschaft schreiben, so vermelden sie derselben
meinen gehorsamen Respect, und versichern dieselbe, daß ich die Erklärung bewußter ''Phoenomenorum'' übermachen werde, so bald wir in dem ''Greshamischen'' Collegio, solche richtig werden bestimmen können.

Von den Gelehrten zu ''Tobinambou'' habe ich schon drey Posttage keine Zeile bekommen.

Dieses ist es, mein Herr, was ich ihnen bey dieser Gelegenheit melden, so wol habe sollen, als wollen: Izo erlauben sie mir, daß ich zur Verhandlung meiner Materie schreite, und nehmen nicht übel, daß ich den Brief-Styl so lang bey Seite seze, bis ich schliessen werde.

{{PRZU}}
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auch künftig jemals bekümmern. <ref>Diod. Sic. L. I. Plut. de Iside & Oriride.</ref>Diese Feste wurden dem ''Osyris'' zu Ehren gefeyert, welchen die Griechen, ''Dionysius'' nenneten, und der mit dem ''Bachus'' dieselbe Person ist: Daher sich einige flüchtige Leser gleich eingebildet haben, daß die ganze Sache in lauter tollen Händeln versoffener Leute bestanden hätte. Allein es ist dieses ein grober Irrtum, welcher der Welt von gewissen ''neuern'' Scribenten ist aufgeheftet worden, die einen allzubuchstäblichen Verstand haben; und sich einbilden, weil man dem Alterthum ''rückwärts'' nachspüren muß, so müssen sie die Bücher auch von hinten anfangen, wie die ''Juden''; gleich als ob die Gelehrsamkeit eine Art von ''Beschwörung'' wäre. Dieses sind diejenigen, welche ein Buch verstehen wollen, indem sie nur das ''Register'' durchsehen: Gleich als wenn einer der auf Reisen gewesen, uns einen ''Pallast'' beschreiben wollte, von welchem er weiter nichts, als das ''heimliche Gemach'' gesehen hätte; oder auch wie gewisse Wahrsager in dem ''nördlichen America'', welche den Leuten ihr Schiksal vorsagen, indem sie ihnen in die ''Hosen'' guken.

Damals nemlich, als diese Geheimnisse eingeführt worden,<ref>Herod. L. 2.</ref> war noch kein Weinstok in ganz ''Egypten'', sondern die Einwohner tranken lauter ''süsses Bier'': Dieser Trank ist viel älter als der Wein- und hat die Ehre seiner Erfindung
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und Ausbreitung, nicht nur dem ''Egytischen<ref>Vid. Diod. Sic. L. 1. & 3.</ref> Osiris'', sondern auch dem ''Griechischen Bachus'' zu danken; welche auf ihren berühmten Heerzügen das Recept bey sich hatten, und solches den überwundenen Völkern mittheilten. Hiernächst ist auch ''Bachus'' selten oder gar niemals trunken gewesen, dann die Geschichte meidet, daß er der Erfinder<ref>E. Of the Mitre; {{Polytonisch|Τῆς μίτρας}}: Vid. Diod. Sic. L. 4. Das Wort wird heut zu Tage gebraucht, eine Priester- oder Bischofsmüze anzudeuten: Dergleichen Kopfpuz aber trugen in den alten Zeiten, nebst dem Frauenzimmer, wollüstige Weichlinge; an Bachusfesten überhaupt Juno wirft dieses dem Jupiter, beym Lucian vor, wenn sie sagt, er sey {{Polytonisch|Μίτρᾳ αναδεδεμένος τὴν κομήν}}. Und Cicero dem Clodius, de Aruspic. Resp. 44. A mitra . a crocata, a muliebribus soleis, purpureisque fasciculis:, a strophio, a psaltrio, a flagitio, a stupro est factus repente popularis, P. Clodius.</ref> der Müze gewesen, welche er und alle seine Gefehrten beständig getragen haben, um dadurch die Dünste und das Kopfweh, nach starkem Trinken, zu vermeiden. Daher auch einige sagen, daß die ''grosse Hure'', welche die Könige der Erde mit dem Wein ihrer Hurerey trunken macht, für sich selbst stets unberauscht bleibe, obschon sie den Becher, wenn er an sie kömmt, niemals vorbey gehen läßt; indem sie sich, wie es scheint, aufrecht erhält, vermittelst ihrer ''dreyfachen Müze''.

Nun wurden diese Feste zum Andenken der berühmten Expedition des ''Osyris'' und seiner Gefehrten
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gefeyert, wovon die Ceremonien so viele Bilder und Nachahmungen waren;<ref>Diod. Sic. L. 1. & 3.</ref> und folglich ist klar, daß alle die ''fanatischen'' Gebräuche an diesen ''Bachusfesten'', gar nicht auf die Würkungen des Weins zu schieben sind, sondern nothwendig ein Fundament messen gehabt haben, welches viel tiefer liegt.

Was für eines es aber gewesen sey, das können wir aus Betrachtung verschiedener Umstände, die bey diesen Festen vorkamen, abnehmen. Denn erstlich zog bey ihren Proceßionen ''Manns''- und ''Weibsvolk'' alles ''untereinander''. Sie schwermten auf Bergen und Einöden herum. Ihre Kränze waren von ''Epheu'' und ''Weinblättern''; Sinnbilder der Vereinigung und des Zusammenhangens; oder auch von Tannen, woher der stark brennende ''Terpentin'' kömmt. Die Geschichte sagt ferner, daß sie sich den ''Satyren'' gleich gestellet, von ''Ziegenböken'' begleitet gewesen, und auf ''Eseln'' geritten wären; alles Gefehrten, die in der ''Galanterie'' sehr berühmt sind: Ihre Insignien waren gewisse curieuse Figuren, in Gestalt der ''virga genitalis'', samt dem was dazu gehört; welche sie auf langen Stangen vor sich her tragen liessen; und die so wol Schatten und Abbildungen des ganzen ''Geheimnisses'', als auch zugleich so viel Siegesmale waren, welche sich das Frauenzimmer unter ihnen aufrichtete: Endlich waren so gar in einer gewissen Stadt in ''Attica'', alle Sinnbilder<ref>Dionysia Brauroria.</ref>

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abgeschaft. Man feyerte das Fest in ''puris naturalibus'', und die dabey befindliche Personen liefen nicht in ''Haufen'' unter einander, sondern waren ordentlich in ''Paar'' und ''Paar'', eingetheilet. Und zur Bestätigung unserer Vermuthung dienet auch noch, was wir von der Todesart des ''Orpheus'' lesen, welcher diese Geheimnisse mit einführen geholfen hat: Derselbe ward nemlich von den Weibern zerrissen, weil er ihnen seine ''Orgya''<ref>Vid. Photium in Excerptis è Conone.</ref> nicht hat erlauben wollen; welches andere also erklären, daß sie sagen: Er habe sich, vor Betrübniß wegen des Verlusts seines Weibes, selbst ''entmannet''.

Wir übergehen viele andere ''Fanatiker'', die weniger berühmt waren: Die vornehmsten aber, welche wir nachher antrefen, sind die verschiedenen ''Kezerischen'' Secten, welche in den fünf ersten Jahrhunderten entstanden sind; von ''Simon Magus'' und seinen Nachfolgern an, bis auf den ''Eutyches''. Ich habe mir ihre Systeme durch unermüdetes Lesen bekannt gemachet; und aus Vergleichung derselben, mit den Lehren ihrer Nachfolger, bis auf die gegenwärtigen Zeiten, befinde ich, daß auch selbst die verschiedene Irregularität der menschlichen Gedanken ihre gesezte Gränzen hat; und zwar so, daß diese viel enger zu seyn pflegen, als man sich insgemein einbildet: Denn gleich wie sie sämtlich auch bey ihren wildesten Ausschweifungen, dennoch einander öfters in ihre besondere Gebiete einlaufen, also haben sie auch einen
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gewissen ''Hauptpunkt'', darinnen sie zusammen trefen, wie die ''Linien'' im ''Centro''; und dieser ist die ''Gemeinschaft der Weiber'': Dieses Stük haben die ''Fanatiker'' wol niemals vergessen, und man wird in Ihren Systemen stets einige Artikel antrefen, welche darauf abzielen.

Die lezten ''Fanatici'', welche sich berühmt gemachet, sind die, welche in ''Deutschland'', nicht lang nach ''Luthers Reformation'' aufstanden, und hervorwuchsen wie die ''Pilzen'' am ''Ende des Herbstes'': Solche waren ''Johann von Leyden, David George, Adam Neuster'' und viele andere, deren Gesichte und Offenbarungen alle, zulezt ordentlich dahin ausliefen, daß jeder ein ''halb duzend Schwestern mit sich herum führete'', welche Gewohnheit sie zu einem Fundamental-Punkt ihrer Lehre machten. Denn das menschliche Leben ist eine beständige Schiffahrt; und wenn wir wollen, daß unsere<ref>E. our Vessels, die Schiffe oder Gefässe unsers Leibs.</ref> Schiffe glüklich durch die Wellen und Stürme dieser Welt hindurch kommen, so müssen wir uns. wie die Seeleute, wenn sie eine lange Reise vorhaben, mit einer guten Portion ''Fleisch'' versehen. 

Aus dieser kurzen Untersuchung einiger Haupt-Sekten der ''Fanatiker'', in den alten und neuern Zeiten, (denn die ''Mahometaner'' und andere, welche ich zum Behuf der Sache noch ferner anführen könnte, übergehe ich; und eben so auch noch verschiedene solche Sekten unter uns, als da sind, die ''Familie der Liebe, die lieblichen Sänger''
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''in Israel'', und dergleichen) und aus Betrachtung des bemerkten Fundamentalartikels ihrer Systeme, worinn sie alle so einmüthig übereinstimmen, läßt sich schliessen, daß das ''Principium'' der Gesichte und Offenbarungen, bey solchen Leuten von ganz ''körperlicher Natur'' sey. Denn die großen ''Chymici'' versichern uns, daß der stärkeste ''Spiritus von menschlichem Fleisch'' könne abgezogen werden; und da ferner, das Mark in dem Rükgrad, nichts anders, als eine Fortsezung des Gehirns ist, so muß dieses nothwendig eine freye und ungehinterte Gemeinschaft der obern und untern Kräfte verursachen; also, daß der ''Stachel des Fleisches'' zum Sporn des ''Geistes'' wird. Wie denn auch alle ''Medici'' der Meynung sind, daß der Kopf durch nichts so sehr angegriefen werde, als wenn gewisse kizelnde Dünste zurüke gehen, und in die Höhe steigen; wo sie gemeiniglich Tollheit und Raserey zu verursachen pflegen. Ein vornehmes Mitglied der Medicinischen Facultät hat mich versichert, daß er zur Zeit als die ''Quäker'' in unserer Insul zuerst aufgekommen wären, stets einen Haufen Weibspersonen zu Patienten gehabt hätte, welche der ''furor'' <nowiki>* * * *</nowiki>

Ueberhaupt sind alle begeisterte Personen, so wol von dem männlichen als weiblichen Geschlecht, von einer sehr verliebten Complexion: Der ''Eifer'' fängt sich bisweilen von eben den Ursachen an, von welchen andere Feuer auch entstehen; und nachdem er die ''brüderliche Liebe'' in Flammen gesezet, so gehet er sehr gern fort, auch die ''galante Liebe''
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zu entzünden: Man sehe nur, wie es diejenigen machen, welche ein Frauenzimmer nach der neuen Mode careßiren. Ihre Methode besteht ordentlich in einer andächtigen Verdrehung der Augen, welches man ''Liebäugeln'' nennet; und in einem ''künstlichen Jargon'', und gelernten Klagen, wobey das Stillschweigen jedesmal aus Mangel anderer Materie, durch einen Seufzer, durch ein tiefes Athemholen, oder durch ein Krechzen unterbrochen wird; und endlich in Reden,wo weder Verstand noch Zusammenhang ist, und die sie nur stets widerholen. Dieses sind, wie ich glaube, die allervornemsten Regeln, einem Frauenzimmer ans Herz zu kommen: Wer weiß sich aber derselben wol mit mehrerer Geschiklichkeit zu bedienen, als unsere ''neuern Heiligen''? Ja es haben, (die Sache noch näher zu beweisen,) so gar einige vollblütige Brüder von der ersten Classe, selbst erzehlet, daß ihnen mitten in ihren Begeisterungen begegnet, daß sie <nowiki>* * * * * * * * * * * *</nowiki> da denn auf die erfolgte Schwachheit, auch sogleich der ''Geist'' abgenommen hätte, und verflogen wäre; also daß sie genöthiget gewesen wären, ihre Reden zu beschliessen. 

Endlich kann die Sache auch noch dadurch bestätiget werden, daß alle Weibspersonen, (welches zu verwundern,) die ''fanatischen'' Prediger so sehr lieben, ob sie gleich noch ein so ''übles Ansehen'' haben; welches, wie man insgemein glaubt, aus lauter geistlichen Absichten geschiehet. Allein
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ich vermuthe nicht ohne Ursach, daß die Weibspersonen gewisse Kennzeichen haben, vermittelst derer sie von dem Vermögen der Männer weit besser urtheilen, als wir Männer unter uns selbst.

Dem sey wie ihm wolle: So viel ist gewiß, daß geistliche ''Intriguen'', mit andern insgemein einerley Ausgang nehmen, obschon sie sich anders anfangen. Ihre Aeste mögen sich immer gegen den Himmel erheben, so bleibt doch die Wurzel in der Erde. Eine allzustarke Beschaulichkeit ist kein Werk für ''Fleisch'' und ''Blut'': Sie muß natürlicher Weise in kurzer Zeit nachlassen, und wieder zur ''Materie'' herunter fallen. Diejenigen, welche einander unter dem Vorwand einer himmlischen Gemeinschaft allzuvertraut lieben, sind bloß eine neue Art ''Platoniker'', welche in den Augen der Schönen, lauter ''Himmel'' und ''Sterne'' zu beschauen, vorgeben, und behaupten, daß sie auf nichts niedrigers sehen, oder denken. Aber beyden ist die gleiche ''Grube'' bereitet; und sie sind beyderseits ein wahres Gegenbild der Historie jenes ''Sternkundigers'', der Gedanken und Augen auf das ''Gestirn'' geheftet hatte, indessen daß ihn ''seine untern Theile'' in eine Pfüze verleiteten.

Ich hätte noch unterschiedenes mehr hiervon zu schreiben: Allein die Post will gleich abgehen, und ich muß eilends schliessen. Ich verharre etc.

<poem>P. S. Diesen Brief wollen
Sie gleich verbrennen,
wenn Sie ihn gelesen haben.</poem>
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{{LineCenterSize|100||'''Nachschrift'''<br />der<br />deutschen Verleger.}} 
Den ''Vorschlag zur Beföderung der Religion, und Verbesserung der Sitten'', welchen der Herr Uebersezer, der Vorrede zufolge, diesem Theil noch beyfügen wollen, bekömmt der geneigte Leser in einem folgenden: Verschiedene Umstände haben uns nicht erlaubt, denselben diesem gegenwärtigen einzuverleiben.


{{Center|Ende des dritten Bands.}}


{{references|x}}

== Anmerkungen (Wikisource) ==
{{references||WS}}

== Anmerkungen ==
* Titelblatt: [atque haurire,] ''Juvatque novos decerpere flores'' [[Lukrez]]: Über die Natur der Dinge
<poem>Draus ich schöpfe, da freut's, frischsprießende Blumen zu pflücken,
Und sie zum herrlichen Kranz um das Haupt mir zu winden, wie solchen
Keinem der Früheren je um die Schläfen gewunden die Musen.
{{Idt}}Übersetzt von [[Hermann Diels]], 1924</poem>

* Die zweite Beantwortung: [[w:en:William Wotton|William Wotton]] (1666–1727): A defense of the reflections upon ancient and modern learning, in answer to the objections of Sir W. Temple, and others. With observations upon the Tale of a tub. London 1705 [http://jonathanswiftarchive.org.uk/browse/year/text_1_4_8.html E-Text jonathanswiftarchive.org] und Scan 3. Auflage 1705 {{GBS|EeZBAAAAcAAJ|PA471}}

* Nondum tibi defuit hostis. Zitat aus: Marcus Annaeus Lucanus (39-65) Pharsalia

* ''Optat ephippia bos piger, optat arare caballus;'' [[Horaz]] Episteln I, 14, 43. In der Übersetzung von [[Johann Heinrich Voß]]: Des Quintus Horatius Flaccus Werke, 2. Band, 1806: ''Reitzeug wünscht unlustig der Stier, und zu pflügen der Klepper.''

* Insigne recens, indictum ore alieno [[Horaz]] Oden III, 25, 8

<poem>Dicam insigne, recens, adhuc
indictum ore alio. Non secus in iugis

Großes sing ich und Neues, was
Nie gesungen ein Mund! ... Übersetzt von [[Johann Heinrich Voß]]</poem>


* [[w:Jakob I. (England)|Jakob der Erste]] (1566–1625) Sohn der [[Maria Stuart (1542–1587)|Maria Stuart]], als James VI. König von Schottland, ab 1603 als James I. auch König von England und Irland. ''Rose'' und ''Distel'': National-Symbole von England (Tudor-Rose) und Schottland

<poem>....... Evadere ad auras
Hoc opus, hic labor est. ..... [[Vergil]] Aeneis VI, 128–129
..... und zu oberen Lüften hinaufgehn,
Das ist Arbeit und Müh’. .... Übersetzung von [[Johann Heinrich Voß]] (1822) {{GBS|2PsRAAAAIAAJ|PA273}}</poem>

<poem>[Sese ferre,] senes ut in otia tuta recedant,
[[Horaz]] Satiren 1, 1, 31.
Nur, wie sie sagen, um einst als Greise zu leben im sichern</poem>
Des Horatius Flaccus Erste Satire, neu übersetzt und nebst dem Originaltexte... von Joh. Heinrich Voss, Fr. A. Wolf und C. Kirchner. Andreä, Frankfurt a. M. 1830, S. 14, 15 {{GBS|NeBGAAAAIAAJ|PA14}}

* [Anmerkung 22] Provinz Tweed  im Original: from beyond the Tweed = von jenseits des Tweed = aus Schottland. Der River Tweed bildet teilweise die Grenzlinie zu Schottland.

* [Anmerkung 93] Aus Die Hoch-Edle, Veste und Hoch-Gelahrte Gnostologia...{{Halle|3-846}} Was diese lange Anmerkung im Tonnenmärchen verloren hat weiß nur der Übersetzer

* [Anmerkung 96] Hier hat der Übersetzer wohl den Faden verloren oder vergessen was er übersetzt, bzw. nimmt die Maske des ''Neuern'' für Swift.