Difference between revisions 2040853 and 2040925 on dewikisource__NOTOC__ ''Dr. Jonathan Swifts Mährgen von der Tonne''. Nebst übrigen dazu gehörigen Schriften. Von neuem aus dem Englischen übersezt. [Übersetzt von [[Johann Heinrich Waser (Übersetzer)|Johann Heinrich Waser]]] Hamburg und Leipzig 1758 {{SBB|PPN660731797}} und [[Commons:File:Swift-Maehrgen von der Tonne-1758.djvu|Commons]] Der Text und die Seiteneinteilung ist identisch mit dem 3. Band: ''Satyrische und ernsthafte Schriften, von Dr. Jonathan Swift''. (contracted; show full) Es ist wahr, man findet eine Art verdrüßlicher, verleumderischer und ungezogener Leute, welche diese polite Neuerung äusserst mißbilligen. == 188 == ⏎ Und was das Gleichniß von den Speisen angehet, so nehmen sie es zwar an, sind aber so dreiste zu behaupten, daß das Exempel selbst von einem verderbten und ausgearteten Geschmak herrühre. Sie sagen, daß die Gewohnheit, wol fünfzigerley Speisen in ein Gericht zusammen zu mischen, nur dem ''verschwelgeten Appetit'', und einer ''schwächlichen Leibesbeschaffenheit'' zu gefallen, eingeführet worden, und wenn man daher sähe, daß einer in einer Schüssel von allerley Fleisch, nach dem ''Kopf'' und ''Gehirn'' einer ''Gans'', einer ''Henne'', oder eines ''Schnepfen'' herumfischet, so sey dieses ein gewisses Zeichen, daß er keinen guten Magen habe, und stärkere Speisen nicht vertragen möge. Ferner behaupten sie, daß ''Ausschweifungen'' in einem Buch ''fremden Truppen'' in einem ''Staat'' gleich seyen, welche Anlas geben zu vermuthen, die Nation habe selbst nicht viel ''Herz und Macht'', und solche öfters entweder unter das ''Joch bringen'' oder ist die ''wildesten Gegenden'' des Landes vertreiben. Jedoch es mögen diese hochmüthigen Tadler einwenden was sie immer wollen, so ist offenbar, daß die Anzal der Scribenten bald gar zu sehr abnehmen würde, wenn sie sich die fatale Einschränkung müßten gefallen lassen, in ihren Büchern nichts anders vorzubringen, als was zum Zwek dienet. Es ist wahr, wenn die Umstande heut zu Tage noch wären, wie bey den alten ''Griechen'' und ''Römern'', da die Gelehrsamkeit noch in der ''Wiege'' lag, und durch die ''Erfindung'' mußte aufgerichtet, ernehret und gekleidet werden, so == 189 == würde es eben nicht schwer seyn, ganze grosse Bücher ohne andere Ausschweifungen zu schreiben, als solche, die zur Erklärung der Hauptsache dieneten. Allein es ist den ''Wissenschaften'' gegangen wie es einer zalreichen Armee zu gehen pfleget die in einer fruchtbaren Gegend stehet. Erst findet sie einige Tage lang ihren Unterhalt von den Früchten des Landes selbst, da sie sich befindet. Hernach aber wird sie genöthiget, viele Meilen weit nach Fourage zu schiken, und solche Freunden und Feinden, ohne Unterscheid wegzunehmen. Da indessen die benachbarten Felder niedergetreten, dürr und unfruchtbar werden, und weiter nichts hervorbringen als Wolken von Staube. Nachdem nun die Sache ganz anders worden als sie vor Alters war, und die ''Neuern'' dieses sehr wol einsahen, so haben wir in diesen unsern Zeiten einen viel kürzern und bessern Weg gefunden ''gelehrt'' und ''sinnreich'' zu werden, indem wir izo ohne mühsames ''Lesen'' und ''Nachdenken'' dazu gelangen können. Die allerbeste Art heut zu Tage mit den Büchern umzugehen, ist diese: Entweder thut man ihnen wie ''grossen Herren'' die Ehre an, ihre ''Titel'' recht auswendig zu lernen, und rühmet sich hernach, daß man sie sehr wol kenne. Oder, welches in der That noch besser, galanter und gründlicher ist; man durchlieset das ''Register'', wodurch das ganze Buch regieret wird, wie der ''Fisch'' durch den ''Schwanz''. Denn wer durch das ''grosse Thor'' in den Pallast der Gelehrsamkeit eingehen will, braucht viel Zeit und Weitläuftigkeit. Daher Leute die gern fortmachen, und das Ceremoniel == 190 == nicht lieben, ganz wol zu frieden sind, durch die ''Hinderthüre'' hineinzukommen. Denn die ganze Armee der Wissenschaften befindet sich auf der ''Flucht'', und wird daher am leichtesten bezwungen, wenn man ihr in die ''Arrieregarde'' fällt. Also entdeken die Aerzte den wahren Zustand eines Patienten, wenn sie nur das betrachten was hinten von ihnen gehet. So erwischen die Leser die Wissenschaften, wenn sie die Nase ihres Wizes an die ''Posteriora'' eines Bachs halten, wie die Jungen die Sperlinge erwischen, wenn sie ihnen ''Salz'' auf die ''Schwanze'' streuen. So versteht man die Regel jenes Weisen, ''respice finem'' am besten. So findet man die Wissenschaften wie des ''Hercules'' Ochsen wenn man ihnen ''rükwerts'' nachspüret. Und so muß man die alten ''Wissenschaften'' wie ein paar ''alte Strümpfe'' auftrennen, und bey den ''Soken'' anfangen. Hiezu kömmt noch, daß die Armee der Wissenschaften in diesen lezten Jahren vermittelst einer vielfältigen und strengen Kriegszucht so regulirt worden, daß alle Glieder derselben genau ''geschlossen'' stehen, also daß sie sehr geschwind und mit leichter Mühe kann gemustert werden. Diese Gutthat haben wir einzig den ''Auszügen'' und ''kurzen Begrifen'' zu danken, welche zu verfertigen, die ''neuern'' Väter der Gelehrsamkeit klugen Wucherern gleich, ihre Mühe und sauren Schweiß zum Besten ihrer Kinder angewendet. Denn die ''Arbeit'' ist ein Saamen der ''Faulheit'', und es ist ein besonders Glük für unsere Zeiten, daß wir izo die ''Früchte'' davon einernden können. {{PRZU}} == 191 == Da nun solchergestalt die Methode, ein ''kluger, gelehrter'' und ''sublimer'' Kopf zu werden, in ihre ordentliche Regeln und gehörige Form gebracht ist, so hat auch nothwendig die Anzal der Scribenten nach Proportion, und mithin auf einen solchen Grad steigen müssen, wobey es schlechter dings unmöglich ist, daß nicht immer einer dem andern in sein Gebiet komme. Nebst diesem hat man auch ausgerechnet, daß in der ganzen Natur wirklich nicht so viel neue Materie von einerley Art mehr übrig sey, woraus man ein einziges Buch von rechter gehöriger Grösse verfertigen könnte. Dieses lezte habe ich von einem sehr geschikten ''Rechenmeister'', der es nach ''arithmetischen'' Regeln unwidersprechlich erwiesen hat. Vielleicht aber werden diejenigen, welche die ''Unendlichkeit'' der ''Materie'' vertheidigen, dieses nicht annehmen, und ihrem Vorurtheile zufolg behaupten wollen, daß auch ''keine Art'' der Materie jemals könne erschöpfet werden. Den Ungrund dieses Einwurfs desto besser einzusehen, wollen wir das edelste Zweig des ''neuern'' Wizes welches vor allen andern aus weit die meisten und schönsten Früchte getragen, ein wenig untersuchen. Denn obschon uns die ''Alten'' auch etwas davon hinterlassen haben, so ist solches so viel ich weiß, doch niemals in ein System zusammen getragen und zum Gebrauch der ''Neuern'' übersezet worden. Daher wir zu unserm Ruhm sagen können, daß wir die Sache beydes erfunden und zur Vollkommenheit gebracht haben. Ich ziele nemlich auf den unter den Neuern sinnreichen Köpfen, so hochberühmten == 192 == Talent, allerley unversehene, angenehme und geschikte Gleichnisse, Anspielungen und Zweydeutigkeiten von den ''Schamgliedern'' beyderley Geschlechts, und ihrem eigentlichen Gebrauch zu erfinden und anzuwenden. Wie ich denn in der That nachdem ich wahrgenommen, wie schlecht sich andere Erfindungen halten mögen, wenn sie nicht in eben diese ''Canäle'' eingeleitet werden, auf die Gedanken gerathen, daß der glükliche ''Genius'' unserer Zeiten und unsers Landes, durch jene alte typische<ref>Ctesia Fragm. apud Photium.</ref> Beschreibung der ''indianischen'' Pygmäen, ''die nicht über zween Fuß hoch gewesen'', ''sed quorum pudenda crassa, & ad talos usque pertingentia'', prophetisch sey vorgebildet worden. Nun habe ich mir die Mühe genommen, die leztern neuesten Werke, worinn diese Schönheiten besonders hervorstechen, genau einzusehen: Obschon aber diese Ader im Anfang so mildiglich geflossen, auch alle mögliche Mittel sind angewendet worden, sie zu erweitern, auszudehnen, und offen zu halten; (eben wie die ''Scythen die Gewohnheit und ein Instrument hatten, ihre Stutten aufzublasen, damit sie desto mehr Milch<ref>Herodot. im IV. Buch.</ref> geben möchten''), so befürchte ich doch sehr, daß sie ihrer Vertrükung sehr nahe sey, und bald für immer aufhören werde zu fliessen. Also daß wir, wo möglich entweder neue ''Fonds'' des Wizes entdeken, oder auch hierüber, so wie bey andern Materien, mit blossen Wiederholungen werden zu frieden seyn müssen. {{PRZU}} == 193 == == 281 == und in meine ''Locos communes'' eingetragen hatte, mehr nicht als ein geringes Duzend in die gemeinen Gesprache und Unterredungen zuziehen, zuschleppen und zu nöthigen im Stand gewesen bin. Von welchem Duzend noch die eine Helfte ohne alle Würkung war, weil sie vor den unrechten Leuten angebracht ward; und die andere hat mich ihrer loß zu werden, so viel Nachspürens, Strikelegens und Umwege gekostet, daß ich zulezt den Entschluß fassete, dieß Handwerk ganz aufzugeben: Nun ebe(contracted; show full) * [Anmerkung 22] Provinz Tweed im Original: from beyond the Tweed = von jenseits des Tweed = aus Schottland. Der River Tweed bildet teilweise die Grenzlinie zu Schottland. * [Anmerkung 93] Aus Die Hoch-Edle, Veste und Hoch-Gelahrte Gnostologia...{{Halle|3-846}} Was diese lange Anmerkung im Tonnenmärchen verloren hat weiß nur der Übersetzer * [Anmerkung 96] Hier hat der Übersetzer wohl den Faden verloren oder vergessen was er übersetzt, bzw. nimmt die Maske des ''Neuern'' für Swift. All content in the above text box is licensed under the Creative Commons Attribution-ShareAlike license Version 4 and was originally sourced from https://de.wikisource.org/w/index.php?diff=prev&oldid=2040925.
![]() ![]() This site is not affiliated with or endorsed in any way by the Wikimedia Foundation or any of its affiliates. In fact, we fucking despise them.
|